Willi Dickhut

Willi Dickhut

Weltwirtschaftskrise 1929–1932

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1975

Von RW-Redaktion
Weltwirtschaftskrise 1929–1932

Redaktion des Revolutionären 12. 2. 75

Im Revolutionären Weg 14 steht auf Seite 46 Mitte: »Wenn auch nicht mit einer Weltwirtschaftskrise im Ausmaß von 1929–32 gerechnet werden kann – dafür sind die Bedingungen heute anders –, so greift die zukünftige Krise doch tief in die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und der kleinbürgerlichen Mittelschichten ein und beeinflußt ihr Bewußtsein.«

Es ist mir dabei folgendes nicht klar: warum eine künftige Weltwirtschaftskrise nicht das gleiche Ausmaß wie 1929–32 erreichen soll und warum damals andere Bedingungen als heute zur Krise geführt haben sollen?

Ich gehe davon aus, daß die Krise damals durch die Rationalisierung, Kapitalkonzentration und Eroberung und Sicherung von ausländischen Märkten entstanden ist. Diese gleichen Maßnahmen werden doch heute genauso von den Monopolen zum Einsatz gebracht.

Außerdem finde ich, daß dieser Abschnitt hätte genauer geschrieben werden müssen. Da wir in unserer Arbeit den Kollegen versuchen aufzuzeigen, daß die ganze Monopoloffensive wieder in einer Krise enden wird. Da ich schon Bücher von damals, zum Beispiel »Unsere Straße«, gelesen habe, nehme ich in Diskussionen manchmal Beispiele von damals, um die heutige Situation noch klarer zu machen. Auch von daher ist die Frage für mich wichtig.

Hans





Lieber Genosse Hans! 2. 4. 75

Entschuldige bitte, daß ich wegen Überlastung erst jetzt dazu komme, Deinen Brief vom 12.2. zu beantworten. Ich will ihn kurz beantworten, weil ich einen ganzen Stapel Post erledigen muß.

Die unmittelbare Ursache des Ausbruchs einer Weltwirtschaftskrise ist nicht immer die gleiche, ebenso was Umfang und Dauer anbelangt. Wir können darum nicht einfach schematisch die Situation, die zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise führt, auf eine andere Zeit und Situation übertragen.

Die Weltwirtschaftskrise 1929–32 entstand, weil durch den I. Weltkrieg fast alle Länder finanziell von den USA abhängig waren: die sogenannten Siegermächte durch eine gewaltige Verschuldung aus Lieferungen von Kriegsmaterial und die Länder, die den Krieg verloren hatten, durch Reparationen, besonders Deutschland. Als an dem sogenannten »Schwarzen Freitag« im Oktober 1929 die New Yorker Börse finanziell durch riesige Kursstürze zusammenbrach, lief das wie ein Steppenbrand über alle kapitalistischen Länder, weil die finanzielle Abhängigkeit sich überall unmittelbar auswirkte und auf die Wirtschaften aller kapitalistischen Länder verheerende Folgen hatte. Die einmal in Gang gesetzte Wirtschaftskrise riß die Produktion, Handel, Banken und auch die Agrarwirtschaft in den Strudel und zog alles nach unten. Die Produktion in Deutschland sank auf den Stand von 1890 zurück, Massenarbeitslosigkeit war die Folge.

Aus diesen Vorgängen haben die Kapitalisten ihre Lehren gezogen und geeignete Maßnahmen (internationale Bank- und Währungsinstitute unter anderem) ergriffen, daß sich der Vorgang von damals nicht wiederholt. Die kommende Weltwirtschaftskrise wird andere Ursachen haben, die wir im Revolutionären Weg 14 aufgezeigt haben.

Sicher kann man manche Stelle im Revolutionären Weg breiter behandeln, aber erstens wollen wir den Umfang nicht zu einem Buch ausdehnen und zweitens werden bestimmte Probleme, die in einer Nummer des Revolutionären Wegs nur kurz behandelt werden, in einer anderen Nummer, wo der Zusammenhang besser dargestellt werden kann, beziehungsweise näher erläutert werden soll, ausführlicher behandelt. Beispiel: Kritik und Selbstkritik im Revolutionären Weg 6 und im Revolutionären Weg 10. Ich hoffe, daß ich Deine Fragen damit beantwortet habe.

Mit freundlichen Grüßen
i. A. Willi





Lieber Genosse Willi 24. 4. 75

Über Deinen Brief vom 2. 4. 75 war ich ein bißchen enttäuscht. Ich habe natürlich nicht erwartet, daß ich zehn Seiten Antwort bekomme, aber Deine Antwort war ziemlich unzureichend. Mir ist nur eines ungefähr klargeworden: daß durch die Verschuldung der verschiedenen Länder bei den USA der Grundstock für die Krise gelegt wurde. Aber bezogen auf meinen ersten Brief, wo ich schrieb, daß eine kommende Krise durch »Monopolisierung usw.« entstehen würde, frage ich mich, ob die USA damals kein »Monopol« waren? Es würden also Ähnlichkeiten zur heutigen Situation bestehen.

Unklar ist mir, warum die Kurse an der Börse so plötzlich zusammenbrachen und warum sich das sofort zur Krise weiterentwickelte. Weiterhin verstehe ich nicht richtig, was Du mit »die Kapitalisten haben ihre Lehren gezogen und geeignete Maßnahmen ergriffen« meinst. Außerdem steht dazu im Revolutionären Weg 14, Seite 46, daß gerade durch die Verbundenheit der Länder eine Krise die gesamte Weltwirtschaft erfassen würde.

Zum Schluß möchte ich noch sagen, daß ich es nicht richtig finde, eine Frage aufgrund von Zeitmangel so kurz zu beantworten. Ich weiß zwar nicht, wie sehr Du zeitlich beansprucht bist, aber als Redaktionsmitglied müßtest Du die Zeit dafür haben.

Mit freundlichen Grüßen
Hans





Lieber Hans 11.6.75

Dein Brief vom 24.4. wundert mich eigentlich, denn meine Antwort auf Deine Anfrage über die Ursache der Weltwirtschaftskrise 1929–32 müßte doch für die gegenwärtige Agitation ausreichen, denn es kommt doch im wesentlichen auf die Erklärung der heutigen Situation an. Wir greifen dabei wohl auf wichtige Ereignisse der Vergangenheit zurück, um das Verständnis für die jetzige Entwicklung klarer aufzuzeigen, nicht aber, um eine ausführliche Analyse der damaligen Zeit zu erstellen. Trotzdem will ich Dir einige Ergänzungen bekanntgeben:

Die USA waren durch den I. Weltkrieg zur führenden Industrie- und Gläubigermacht geworden. Zum Beispiel war vorgesehen, daß Deutschland durch den Youngplan, der den Dawesplan ablöste, Reparationszahlungen von jährlich zwei Milliarden RM bis 1988 zu zahlen habe. Die Wirtschaftskrise machte die Durchführung unmöglich. Zur Abdeckung der 1931 aufgenommenen Younganleihe (Young war ein führender amerikanischer Politiker und Finanzmann) hat noch die BRD den Rest bezahlen müssen.

Ganz anders ist die Finanzlage beider Länder (USA und BRD) heute. Durch die seit 1950 von den USA geführten Kriege (Korea, Vietnam, Laos, Kambodscha) wurde die amerikanische Währung erschüttert. Um die Dollar-Währung zu stützen, kaufte die BRD für Milliarden DM Dollars mit Verlust ein, das heißt auf Kosten der westdeutschen Steuerzahler, wodurch eine Aufwertung der DM hervorgerufen wurde. Dadurch wurde im wesentlichen der Zusammenbruch der Dollarwährung verhindert. Das verstehe ich zum Beispiel als eine unter den »geeigneten Maßnahmen« der Monopolkapitalisten.

Der amerikanische Monopolkapitalismus geriet 1907 in seine erste schwere Krise, 1921 in eine leichtere, um 1929–32 eine Krise von nie dagewesenem Ausmaß zu erreichen. Die Industrieproduktion sank in den USA um mehr als die Hälfte, 85 000 Betriebe mit Verpflichtungen über zwei Milliarden Dollar machten Bankrott. Die Eisenbahngesellschaften (sie sind dort privat) machten praktisch Pleite. Die Monopole verschärften die Krise durch Hochhalten der Monopolpreise, sie sanken nur um 0 bis höchstens 9 Prozent, während die nichtmonopolistische Bourgeoisie Preissenkungen von 36 bis 42 Prozent für Industriewaren und 50 bis 66 Prozent für Agrarprodukte hinnehmen mußte.

Die Bedeutung der USA als Weltindustriemacht kommt in dem Anteil an der Weltproduktion zum Ausdruck. Er betrug 1926–29 in den USA 42,2 Prozent, in Deutschland 11,6 Prozent, in England 9,4 Prozent, in der Sowjetunion 4,3 Prozent. Heute ist der Anteil der USA und damit die Bedeutung als Weltindustriemacht ganz beträchtlich gesunken. Auch dadurch unterscheidet sich die heutige Zeit von der damaligen. Es ist deshalb falsch, schematisch die damalige Situation auf heute zu übertragen, besonders in wirtschaftlichen Fragen und Fakten.

Deinen Hinweis am Schluß des Briefes nehme ich Dir nicht übel, weil Du wirklich nicht wissen kannst, wie umfangreich meine gegenwärtige Arbeit ist. Ich hatte Dir die wichtigste Ursache der Weltwirtschaftskrise mitgeteilt, soweit sie für unsere Agitation wichtig ist. Ob Du mit den oben erläuterten Zahlen mehr anfangen kannst, mußt Du versuchen. Mehr kann ich Dir auch nicht liefern.

Also viel Erfolg und die besten Grüße
Willi