Willi Dickhut

Willi Dickhut

Über die Fehler Stalins

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1979

Von RW-Redaktion
Über die Fehler Stalins

Lieber Genosse W. D.! 20. 4. 79

Wie Du sicher aus dem der Redaktion Revolutionärer Weg bereits zugeschickten Beitrag »Kritik zu Stalins Position zum innerparteilichen Kampf« und aus den Mitteilungen von Zentraler Leitung und Zentraler Kontrollkommission ersehen konntest, gibt es in meiner Ortsgruppe erhebliche Widersprüche zu der Einschätzung Stalins als Klassiker durch unsere Organisation. In dem oben erwähnten Beitrag haben wir geschrieben, daß wir uns auch weiterhin mit diesem Problem befassen wollen und dabei auch die Mithilfe der Organisation brauchen; mit anderen Worten, wir forderten die Genossen auf, eine vertiefte Diskussion über die Bedeutung Stalins zu führen.

Zur Zeit setzen wir uns vor allem mit Deinem Buch »Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion« (Revolutionärer Weg 7–9) auseinander und hier vor allem mit dem ersten Teil (Revolutionärer Weg 7). Dabei bin ich auf eine Stelle gestoßen, die mir erhebliches Kopfzerbrechen bereitet und mir sehr bedenklich erscheint. Es dreht sich um die für die Beurteilung Stalins überaus wichtige Phase der Klassenauseinandersetzungen in den Jahren 1937/38. Über den Umfang der damaligen Säuberungen schreibst Du unter anderem (S. 40):

»Gewiß waren auch Unschuldige durch die Handlungen der Staatsmacht betroffen, nicht zuletzt auch durch die Erbärmlichkeit der kleinbürgerlichen Intelligenzler bedingt, die sich selbst durch gegenseitige Denunziationen, Verleumdungen und falsche ›Geständnisse‹ schadeten und oft ehrliche, dem Sozialismus treu ergebene Menschen der Teilnahme an konterrevolutionären Umtrieben beschuldigten. General Gorbatow, der damals auch verhaftet und dann von Stalin rehabilitiert wurde, schildert in seinem Buch ›Die geköpfte Armee‹ (das in der Sowjetunion verfilmt wurde), wie seine Mitgefangenen ihn überreden wollten, irgend etwas zu ›gestehen‹, was er mit Verachtung zurückgewiesen hatte. Aber diese elenden Kreaturen waren nach Chruschtschow ›unschuldige Opfer‹ Stalins.«

Ich habe vor kurzem das von Dir erwähnte Buch Gorbatows in die Hand bekommen, und es ist mir ehrlich gestanden völlig unverständlich, wie Du Gorbatow als Zeugen für Deine Auffassung heranziehen kannst, ein großer Teil der unschuldigen Opfer sei nicht zuletzt dem unverantwortlichen Handeln kleinbürgerlicher Intelligenzler zuzuschreiben.

Schildert Gorbatow in seinem Buch nicht geradezu ein erschrek-kendes Bild von fast vollkommener Gesetzlosigkeit, Willkür und brutaler Foltermentalität? Ist Gorbatow nicht vielmehr ein Zeuge der Auffassung, daß die in Deinem Buch beschriebenen Maßnahmen durch nichts zu rechtfertigen waren …?

Mußte man unter diesen Umständen kleinbürgerlicher Intelligenzler sein, um den furchtbaren Foltern, die Gorbatow beschreibt, zu erliegen? Unter solchen Umständen kein Geständnis abzulegen bedeutet doch, Heldenhaftes zu leisten. Darf man denn von der Folter gepeinigte Menschen als »elende Kreaturen« bezeichnen, wie Du es tust? Müssen wir Kommunisten nicht vielmehr diese dem Sozialismus hohnsprechenden Gesetzlosigkeiten verurteilen und uns auf die Seite der Gefolterten stellen und rücksichtslos danach forschen, wie es in einem sozialistischen Staat dazu kommen konnte?

Diese Fragen stellen sich mir, weil ich annehme, daß Du Gorbatow für einen glaubwürdigen Zeugen hältst, da Du ihn im Revolutionären Weg 7 positiv hervorhebst. (Auch ich halte seine Darstellung für glaubwürdig.)

Es kann allerdings sein, daß Du Gorbatows Darstellung in wesentlichen Punkten für falsch hältst. Dann stellt sich aber die Frage, warum Du einen unglaubwürdigen Zeugen zur Bestätigung Deiner These von der Denunziantenmentalität der kleinbürgerlichen Intelligenzler heranziehst und auf welches Material Du Dich stützt, das Gorbatows Aussagen glaubhaft widerlegen würde.

Ich schreibe diesen Brief, weil ich glaube, daß es besser ist, bevor man eine »hochoffizielle« Kritik vom Stapel läßt, sich um eine mögliche Klärung von aufgetauchten Fragen zu bemühen, auch um Voreiligkeiten in der Kritik zu vermeiden.

In diesem Sinne hoffe ich, sobald es Dir möglich ist, auf eine Beantwortung der obigen Fragen. Für Deine Bemühungen im voraus vielen Dank.

Mit kommunistischem Gruß
Sch.



Lieber Genosse Sch.! 15. 5. 79

Deinen Brief vom 20. 4. 79 habe ich am 15. 5. erhalten. Ich habe den Eindruck, daß Ihr Euch in Theoretisieren verstrickt und am Ende vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr seht. Geht nur nicht abstrakt an die Probleme heran!

Ist Stalin ein Klassiker des Marxismus-Leninismus? Bis zum XX. Parteitag der KPdSU hat kein Kommunist daran gezweifelt. Chruschtschows üble Geheimrede, die uns Kommunisten damals von der KPdSU vorenthalten wurde, war das Startsignal zur Verurteilung Stalins, ideologisch und persönlich. Ulbricht und Reimann, die vorher mit Stalin einen übertriebenen Kult getrieben hatten, erklärten nach ihrer Rückkehr vom XX. Parteitag: »Stalin ist kein Klassiker!« Es besteht doch wohl in Eurer Ortsgruppe kein Zweifel darüber, daß Ulbricht und Reimann zu den modernen Revisionisten gerechnet werden müssen. Ihr Urteil ist also nicht vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus geprägt, sondern vom Revisionismus. Ob ihr Urteil auf eigenem revisionistischen Mist gewachsen ist oder ob sie es von den Oberrevisionisten aus Moskau bedenkenlos übernommen haben, ist dabei nebensächlich. Die Ursache der Verurteilung Stalins ist die revisionistische Entartung der Bürokratie.

Man muß die gesamten Werke Stalins heranziehen, um festzustellen, ob Stalin ein Klassiker des Marxismus-Leninismus ist. Leider wurden die letzten vier Bände nicht mehr ins Deutsche übersetzt (auf russisch gibt es 20 Bände), trotzdem lassen die bisher ins Deutsche übersetzten Werke vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus den Schluß zu, daß Stalin ein Klassiker ist. Heißt das nun, daß Stalin keine Fehler gemacht hat? Keineswegs!

Stalin hat Fehler gemacht, und wir haben in verschiedenen Nummern des Revolutionären Wegs bestimmte Fehler kritisiert und das auch nachgewiesen. Aber deshalb bleibt Stalin doch ein Klassiker des Marxismus-Leninismus. In der dialektischen Einheit von Weiterentwicklung des Marxismus und einzelnen ideologischen Fehlern ist bei Stalin die Weiterentwicklung des Marxismus die Hauptseite, und nur Revisionisten werden das nicht akzeptieren.

Dasselbe gilt für die Beurteilung Mao Tsetungs als Klassiker des Marxismus-Leninismus. Hier liegt der entscheidende Fehler der Führung der Partei der Arbeit Albaniens; sie gerät dabei in das Fahrwasser der modernen Revisionisten, sowohl der sowjetischen wie auch der chinesischen revisionistischen Führung. Die chinesische Führung hält sich aus taktischen Gründen bei der Verurteilung Mao Tsetungs noch zurück, obwohl sie in ihren Handlungen bereits Revisionisten sind. Die spanischen Revisionisten gehen schon so weit, auch Lenin aus den Reihen der Klassiker zu streichen, und das ist nur folgerichtig von ihrem revisionistischen Standpunkt aus. Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tsetung müssen konsequenterweise von allen Revisionisten als Klassiker abgelehnt werden, auch wenn sie den einen oder anderen aus Opportunitätsgründen oder aus Tarnung noch als Firmenschild benutzen. Das ist die Kernfrage: Wer sich ideologisch auf den revisionistischen Weg begibt, muß auf kurz oder lang in Widerspruch zu der Anerkennung der Klassiker des Marxismus-Leninismus geraten, zuerst mit dem einen, dann mit dem anderen, zuletzt mit allen.

Obwohl Stalin ein Klassiker des Marxismus-Leninismus ist, hat er einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hat entgegen der Auffassung Lenins und auch im Gegensatz zu dem, was er selber zum Ausdruck gebracht hatte, nämlich die Massen zum Kampf gegen die Bürokratie zu mobilisieren, darauf verzichtet und statt dessen den Staatssicherheitsdienst gegen die Bürokratie eingesetzt (was zum Teil notwendig war). Dieser Apparat war selber verbürokratisiert. Hier liegt der Punkt, den Du in dem Buch »Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion« nicht verstanden hast. Auf Seite 40 habe ich auf Gorbatow hingewiesen, der durch die Mühle des Staatssicherheitsdienstes gedreht worden war. Ich halte die Schilderung Gorbatows im großen ganzen für wahrheitsgetreu, und ich habe deshalb darauf hingewiesen, weil er den Bürokratismus des Staatssicherheitsdienstes, ohne die Bedeutung zu verstehen, klar aufgezeigt hat:

– Administrative Maßnahmen und schematische Anwendung — statt ideologisch-politische Erziehungsarbeit,

– Gleichmacherei, alle über einen Kamm scheren – statt Differenzierung zwischen aufrichtigen Menschen und Heuchlern, zwischen ehrlichen Revolutionären und verbrecherischen Konterrevolutionären,

– keine Unterscheidung zwischen Widersprüchen im Volk und Widersprüchen zwischen uns und dem Feind,

– Geständnisse durch Einschüchterung am laufenden Band – statt offene, ehrliche Selbstkritik durch Überzeugung.

Das alles kommt in Gorbatows Schilderung zum Ausdruck; das ist das Wesentliche, hier kommt der Bürokratismus des Staatssicherheitsdienstes zum Ausdruck, der nicht weniger gefährlich ist als der Bürokratismus in Partei, Staat und Wirtschaft. Damit ist keine Beurteilung Gorbatows gegeben, denn sein Buch und Film konnten nur mit Zustimmung der führenden Revisionisten veröffentlicht werden. Diese wollten damit Stalin treffen.

Damit ist auch noch nichts über die Anwendung der Mittel gesagt, wozu ich nur sagen will, daß gegenüber unbelehrbaren Konterrevolutionären jedes Mittel angebracht ist. Die Konterrevolutionäre sind gegen Revolutionäre nie zimperlich vorgegangen, vielfach sind die grausamsten Mittel noch mit persönlichem Sadismus verbunden gewesen, was ich im Konzentrationslager selber erlebt habe. Und ich kann Dir sagen, daß ich bei Vernehmungen durch die Gestapo nicht nur mißhandelt worden bin, sondern vor der Frage gestanden habe: entweder Aussagen zu machen oder totgeschlagen zu werden, und ich habe trotzdem über Personen die Aussage verweigert. Stellt Euch auch mal die Frage, was Ihr tun würdet. Sollen Revolutionäre, wenn sie die Macht haben, die Konterrevolutionäre mit Samthandschuhen anfassen?

Wenn aber dieselben Mittel, die gegen Konterrevolutionäre angebracht und notwendig sind, auch auf werktätige Menschen angewandt werden, die gewisse Widersprüche haben, die aber Widersprüche im Volk sind, dann ist das ein Verbrechen, dann müssen die zur Verantwortung gezogen werden, die solche Mittel gegen die werktätigen Menschen anwenden. Wurde das etwa nach dem XX. Parteitag getan? Die neue Bürokratie in Partei, Staat und Wirtschaft verwendet denselben Staatssicherheitsdienst für ihre eigenen Zwecke, so wie sie die verbürokratisierte Armeeführung für die Verteidigung des Kapitalismus neuen Typs verwendet.

Stalins Kampf gegen die Bürokratie durch eine andere Bürokratie war sein größter Fehler. Diese Art wurde noch gefördert durch das Verhalten der beschuldigten Bürokraten, besonders der kleinbürgerlichen bürokratischen Intelligenzler, die sich oft drehen und wenden, kriechen und radfahren, um Karriere zu machen, die nach außen den Biedermann spielen, innerlich aber Konterrevolutionäre sind. Es sind verachtungswürdige Burschen, die, um ihre Haut zu retten und ihre Position zu halten, durch sogenannte Geständnisse andere beschuldigen und Unschuldige schädigen. Sie haben durch ihr Verhalten mit dazu beigetragen, daß der Staatssicherheitsdienst nicht ideologisch-politisch, sondern bürokratisch an die Untersuchungen heranging und dabei selber mehr und mehr schematisch-bürokratisch handelte. Das Ergebnis ist, daß trotz Bekämpfung der Bürokratie durch den Staatssicherheitsdienst die Bürokratie den Sozialismus aufgeben und die Restauration des Kapitalismus vornehmen konnte. Auch die Armeeführung hat das nicht verhindert.

Es gibt nur ein Mittel zur Lösung des Problems der Bürokratie: daß die Massen zum Kampf gegen die Bürokratie mobilisiert werden. Das hat Lenin immer wieder gefordert, Stalin wiederholt, aber nicht verwirklicht und Mao Tsetung durch die Große Proletarische Kulturrevolution praktiziert, wobei mehrere Kulturrevolutionen notwendig werden, um endgültig durch proletarische Erziehung über die Bürokratie zu siegen. Es bleibt die Alternative:

Sieg der Bürokratie bedeutet Sieg der Konterrevolution!

Sieg der Kulturrevolution bedeutet Sieg des Sozialismus!

Ich hoffe, Dir und den Genossen mit diesem Beitrag gedient zu haben.

Rot Front!
Willi