Willi Dickhut

Willi Dickhut

RF-Interview mit Willi Dickhut zur Geschichte der MLPD Teil II, Rote Fahne 45/1986

Interview der "Rote Fahne" mit Willi Dickhut zur Herausgabe des zweiten Teils der "Geschichte der MLPD" 1986

Von RW-Redaktion

ROTE FAHNE: Du warst seit 1926 Mitglied der KPD. Weshalb mußte eine neue Partei aufgebaut werden?

Willi Dickhut: Der eigentliche Grund liegt 30 Jahre zurück im XX. Parteitag der KPdSU (1956 – Anmerkung RF-Redaktion). Mit der Machtübernahme Chruschtschows wurde die Diktatur des Proletariats zerstört und der Marxismus-Leninismus revidiert. Das hatte auch Auswirkungen auf uns. Die Führung der KPD übernahm alles, was aus Moskau kam, und folgte dem revisionistischen Kurs. Das war anfangs sehr schwer zu durchschauen. Vor allem wurde die Auseinandersetzung dadurch behindert, daß die KPD noch im gleichen Jahr verboten wurde, wir uns also nur in kleinen Gruppen treffen konnten. Und die Führung tat natürlich alles, die Auseinandersetzung über den Marxismus-Leninismus und den Revisionismus aus der Partei fernzuhalten. Als wir dann 1969 wissenschaftlich nachgewiesen haben, daß sich die KPD vollständig auf die Positionen des modernen Revisionismus begeben hatte und schon vorher die Genossen, die am Marxismus-Leninismus festhielten, ausgeschlossen worden waren, stand fest: Die Partei mußte neu aufgebaut werden.

ROTE FAHNE: Wie ging die Auseinandersetzung dann weiter?

Willi Dickhut: Im Gegensatz zu den Träumereien und Illusionen der verschiedenen Gruppen der »marxistisch-leninistischen Bewegung« von einem »schnellen Aufschwung der Revolution« ging der KABD von Anfang an davon aus, daß wir uns in einer nichtrevolutionären Situation befinden, wo der Klassenkampf noch wenig entwickelt ist. Wir bemühten uns, den Parteiaufbau mit den Kämpfen der Arbeiter zu verbinden und die Kämpfe höherzuentwickeln. Das ist nur im harten ideologisch-politischen Kampf gegen Reformismus und Revisionismus möglich. Dieser Kampf ist sozusagen der »rote Faden«, der die Geschichte des Parteiaufbaus durchzieht und entsprechend unser theoretisches Organ REVOLUTIONÄRER WEG, unsere ideologisch-politische Linie und die Strategie und Taktik in unserer Praxis. Dabei konnten wir die marxistisch-leninistische Theorie konkretisieren und entsprechend den veränderten Bedingungen im Klassenkampf weiterentwickeln; ganz im Gegensatz zu einigen Vertretern der Vorstellung: »Die Hauptseite ist die Theorie«, die damit nur ihren eigenen Rückzug kaschieren wollen. So hat die Analyse »Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion« von 1972 auch heute internationale Bedeutung und wurde in Finnland und in der Türkei übersetzt und verbreitet. Auf dieser Grundlage konnte auch die revisionistische Entwicklung in China nach dem Tod Mao Tsetungs 1976 recht schnell erkannt werden, während sie bei anderen Gruppen der »marxistisch-leninistischen Bewegung« deren Zerfall beschleunigte. Die DKP-Führung war bis heute nicht in der Lage, darauf zu antworten, sondern hat statt dessen üble Verleumdungen – vor allem auch gegen meine Person – verbreitet. Oder nehmen wir die Untersuchungen der Wirtschaftsentwicklung und des staatsmonopolistischen Kapitalismus in der BRD: Bei der Untersuchung der Veränderungen in der Wirtschaft Anfang der 70er Jahre konnten wir erkennen, daß das Monopolkapital mit geballter Macht Rationalisierung, Konzentration und Kapitalexport einsetzte, und daraus auf die künftige Massenarbeitslosigkeit als Dauererscheinung schließen, als noch niemand von den bürgerlichen »Experten« daran dachte. Daraus ergab sich dann die Forderung nach der »35-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich«, die der KABD 1974 als erste und damals einzige Organisation aufstellte. Später wurde dann die Phase der Schwankenden Stagnation als neue Erscheinung im Krisenzyklus des staatsmonopolistischen Kapitalismus herausgearbeitet. Diese Weiterentwicklung unserer Linie war auch deshalb wichtig, weil sie falschen Vorstellungen von einer schnellen und spontanen Höherentwicklung des Klassenkampfs und der revolutionären Ungeduld vieler Genossen genau entgegenwirkte.

ROTE FAHNE: Aus deinen Ausführungen geht schon hervor, daß der Parteiaufbau keine leichte Angelegenheit war.

Willi Dickhut: Als wir 1972 den KABD gründeten, war es kaum vorhersehbar, daß es zehn Jahre dauern sollte, bis die wesentlichen ideologischen, politischen und organisatorischen Voraussetzungen für die Gründung der Partei vorhanden waren. Alles mußte erst erlernt werden. Der ganze Parteiaufbau wurde beeinflußt durch das Ringen der kleinbürgerlichen mit der proletarischen Denkweise. Durch das Hinwenden vieler kleinbürgerlicher Intellektueller zum Marxismus-Leninismus nach dem Scheitern der Studentenbewegung trat dieses Problem – in diesem Ausmaß – erstmals in der Geschichte der Arbeiterbewegung auf. In der früheren KPD hatte die überwiegende Mehrheit der Mitglieder aus Arbeitern bestanden. Mit der Durchführung des »Intellektuellenstopps« wurde zwar das Problem erkannt und organisatorisch angepackt, aber es war ein jahrelanger Kampf nötig, bis die proletarische Denkweise die Oberhand gewann. Denn auch die Arbeiter wurden durch Presse, Funk und Fernsehen ständig mit dem kleinbürgerlichen Denken konfrontiert. Wie wir in einem Faltblatt am Ende des Buches deutlich machen, verlief dieser Kampf in einem Zick-Zack-Kurs. So ist der Kampf der Zentralen Kontrollkommission gegen die Jacob-Liquidatoren 1975/76 wohl das dramatischste Kapitel in der bisherigen Parteigeschichte. Damals standen der KABD und seine Jugendorganisationen unmittelbar vor der Explosion. Unter dem Einfluß Jacobs war die kleinbürgerliche Denkweise durchgebrochen und hatte die gesamte Zentrale Leitung des KABD erfaßt. Die ideologisch-politische Linie wurde torpediert, eine ungeheure Verwirrung entstand in der Organisation, jahrelange Aufbauarbeit stand vor der Zerstörung. Aber die Zentrale Kontrollkommission konnte das Liquidatorentum ideologisch-politisch entlarven und organisatorisch zerschlagen. Das unterstreicht die überaus große Bedeutung der Kontrollkommissionen damals und heute. Gleichzeitig gelang es durch die Einbeziehung der Mitglieder unter voller Publizität, mit der Durchführung der Kritik-Selbstkritik-Bewegung das ideologisch-politische Niveau der ganzen Organisation zu erhöhen, die Wachsamkeit zu stärken und das Liquidatorentum – auch nach späteren Angriffen – zu besiegen. Das war ein entscheidender Schritt, damit sich schließlich die proletarische Denkweise durchsetzte und die Partei gegründet werden konnte. Dabei muß ich aber betonen, daß dieser Kampf um die Denkweise ständig weitergeführt werden muß, daß es immer darum geht, wer wen beeinflußt, und daß dieser Kampf auch im Sozialismus nicht aufhört.

ROTE FAHNE: Welche Lehren können wir aus der »Geschichte der MLPD« ziehen?

Willi Dickhut: Diese Frage kann man pauschal so nicht beantworten. Ein Sympathisant oder ein neues Mitglied unserer Partei, das diese Entwicklung selbst nicht miterlebt hat, wird sich einen Überblick über den Inhalt und die Entwicklung unserer Linie verschaffen. Ein erfahrener Funktionär wird sich Gedanken über seine eigene Entwicklung machen und überlegen, daß bestimmte Erscheinungen oder Fehler unter veränderten Bedingungen neu auftreten können. Die »Geschichte der MLPD« hat auch internationale Bedeutung, weil verschiedene marxistisch-leninistische Organisationen – vor allem in den Entwicklungsländern – gar nicht die Möglichkeit haben, an das notwendige Material zur Weiterentwicklung der Theorie zu kommen. Gleichzeitig haben wir im Parteiaufbau verschiedene grundlegende Fragen – wie die Frage der Denkweise – herausgeschält, die keineswegs auf die besondere Situation in der BRD beschränkt sind. Wir müssen die Erfahrungen aus der »Geschichte ...« nutzen, um die heutigen und künftigen Aufgaben zu lösen. Dazu muß sich vor allem das Denken in die Tiefe und in die Perspektive entwickeln. Das bedeutet, mit Hilfe der theoretischen Kenntnisse und praktischen Erfahrungen die dialektische Methode entsprechend den Bestimmungen der Dialektik durch Lenin auf kommende Probleme anzuwenden. Nur auf diesem Weg war es zum Beispiel möglich festzustellen, daß wir uns in der vierten Phase der Allgemeinen Krise des Kapitalismus befinden. Es gilt also, aufkommende Probleme zu ergründen, zu analysieren, den Kern herauszuschälen, sein Wesen zu bestimmen und die richtige Lösung zu finden.