Willi Dickhut

Willi Dickhut

RF-Interview mit Willi Dickhut zur Geschichte der MLPD Teil I, Rote Fahne 44/1985

Interview der "Rote Fahne" mit Willi Dickhut zur Herausgabe des ersten Teils der "Geschichte der MLPD" 1985

Von RW-Redaktion

ROTE FAHNE: Bevor wir dich zum Buch »Geschichte der MLPD« fragen, zunächst kurz zum II. Parteitag der MLPD, an dem du teilgenommen hast. Wie bewertest du ihn und worin siehst du seine wichtigsten Ergebnisse?

Willi Dickhut: Ich habe bisher alle Zentralen Delegiertentage des KABD und die beiden Parteitage der MLPD erlebt. Sie waren jeweils Meilensteine am Wege des Parteiaufbaus. Jeder hatte seine besondere Bedeutung, um die ideologischen, politischen und organisatorischen Voraussetzungen des Parteiaufbaus zu schaffen. Die erste Phase des Parteiaufbaus, die vom Bund zur Partei, hatten wir vor drei Jahren beendet: Die Marxistisch-Leninistische Partei wurde gegründet! Jetzt befinden wir uns in der zweiten Phase, der Phase des eigentlichen Parteiaufbaus, um zur Partei der Massen zu werden. Es war in diesen ersten drei Jahren nach der Gründung nicht zu vermeiden, daß revolutionäre Ungeduld auftrat und Fehler gemacht wurden, die Hektik erzeugten und die junge Partei schüttelten wie der Sturm ein junges Bäumchen. Die neue Partei bewährte sich. Sie verlor im Sturm des Aufbaus einige faule Äste und Blätter, aber der Stamm erstarkte und wurde größer und härter im Sturm des Klassenkampfs.

Das zeigte der II. Parteitag mit aller Deutlichkeit. Die über dreitausend Anträge zum Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees spiegelten die ideologisch-politische Reife unserer Mitglieder wider, ebenso die Diskussionen zu den verschiedenen Tagesordnungspunkten. Hervorragend war die freiwillige Disziplin der Delegierten, die bestrebt waren, den zeitlichen Ablauf des Parteitags nicht zu gefährden. Entscheidend war die ideologisch-politische Geschlossenheit der Delegierten und damit aller Mitglieder. Liquidatorische Auffassungen, wie sie noch auf dem IV. Zentralen Delegiertentag des KABD zu Tage traten, hatten hier keinen Raum. Dialektische Kritik und Selbstkritik, sachlich und kameradschaftlich, war vorherrschend und vorwärtstreibend. So hatten wir sie in der früheren KPD nie kennengelernt. Beispielhaft war auch die innerparteiliche Demokratie, was besonders bei den Wahlen des Zentralkomitees, der Zentralen Kontrollkommission und der Zentralen Revisionskommission zum Ausdruck kam. Keiner konnte kandidieren, der nicht die Zustimmung seiner Grundeinheit hatte, auch das hat es in der alten KPD nicht gegeben. Zusammengefaßt war der Parteitag getragen von einem hohen ideologisch-politischen Niveau, einer straffen Organisationsdisziplin, einer breiten innerparteilichen Demokratie und einer hervorragenden ideologisch-politischen Geschlossenheit und Festigkeit wie nie zuvor ein ZDT des KABD.

ROTE FAHNE: Du hast auf dem Parteitag unter anderem auch einen Beitrag über die theoretische Arbeit gehalten und aufgerufen »Werdet Theoretiker der Arbeiterbewegung«.

Warum liegt dir das so am Herzen?

Willi Dickhut: Mein kurzer Redebeitrag im Rahmen der allgemeinen Diskussionszeit sollte auf ein wichtiges Problem der zukünftigen Entwicklung der Partei hinweisen: die theoretische Arbeit. Viele unserer Genossen sind mit rein praktischer Arbeit derart überlastet, daß sie kaum noch die Möglichkeit haben, ihr theoretisches Wissen zu vervollständigen, ganz zu schweigen sich auch theoretisch zu betätigen. Wir brauchen aber theoretisch geschulte Praktiker und in der Praxis erfahrene und gestählte Theoretiker der Arbeiterklasse. Diejenigen in der »marxistisch-leninistischen Bewegung«, die »Hauptseite Theorie« oder »Neue Hauptseite Theorie« predigen, was auf nur Theorie hinausläuft, sind in Wirklichkeit keine Theoretiker der Arbeiterklasse, sondern kleinbürgerliche Silbenstecher, die die Praxis scheuen wie die Pest. Proletarischer Theoretiker zu werden, heißt die Methode der dialektischen Einheit von Theorie und Praxis beherrschen zu lernen. Ohne ständige Wahrung dieser Einheit kann man weder das Wesen des Marxismus-Leninismus begreifen noch ihn auf die heutige Situation konkret anwenden und weiterentwickeln. Wir brauchen für die theoretische Arbeit Genossen, die die dialektische Methode in Theorie und Praxis beherrschen. Ich gehöre zu den Alten, die – wie Stalin über die Kader sagt – »kraft elementarer Naturgesetze aus der Arbeit ausscheiden«.

Wir brauchen jungen Nachwuchs für die theoretische Arbeit. Es gab manchen Genossen, der als Mitarbeiter in das Redaktionskollektiv einbezogen wurde, der die theoretische Arbeit zuerst unterschätzte und sich selbst überschätzte, bis er vor den Schwierigkeiten kapitulierte. Um Theoretiker der Arbeiterklasse zu werden, muß man die dialektische Methode beherrschen, die Probleme bis auf den Grund durchdenken können. Dabei sind die von Lenin ausgearbeiteten »Elemente der Dialektik« (Lenin Werke Bd. 38, S. 212-214) in der Anwendung der dialektischen Methode eine hervorragende Hilfe. Nur wer diese »Elemente der Dialektik« begreift, nur wer Theorie und Praxis als dialektische Einheit ansieht, nur wer die dialektische Methode richtig anzuwenden versteht, kann Theoretiker der Arbeiterklasse werden. Darauf sollte mein Redebeitrag hinweisen.

ROTE FAHNE: Dabei sind wir auch schon beim Thema »Geschichte der MLPD«. Wieso beschäftigt sich der I. Teil eigentlich so ausführlich mit Entstehung, Entwicklung und Ende der sogenannten »marxistisch-leninistischen Bewegung«?

Willi Dickhut: Die »Geschichte der MLPD«, konkret dargestellt, war schon deshalb notwendig, weil viele junge Genossen, die seit dem I. Parteitag Mitglied der MLPD bzw. ihrer Nebenorganisationen wurden, keine Kenntnis von der Entstehung und Entwicklung unserer vier Organisationen haben. Die Aufteilung in einen ersten und einen zweiten Teil wurde aus folgenden Gründen vorgenommen:

Der I. Teil zeigt auf, wie der Parteiaufbau nicht möglich ist, daß er scheitern mußte, weil alle diese Gruppen von einer kleinbürgerlichen Denkweise beherrscht wurden.

Der II. Teil zeigt den Parteiaufbau auf richtiger Grundlage, weil hier die proletarische Denkweise vorherrschend war.

Da im I. Teil die Entstehung, Entwicklung und das Ende der sogenannten »marxistisch-leninistischen Bewegung« ausführlich behandelt wurden, tritt die negative Seite, die kleinbürgerliche Denkweise, in den Vordergrund. Das war aber trotzdem notwendig, weil es ohne eine solche Analyse der negativen Seiten des Parteiaufbaus nicht möglich war, die richtigen Grundzüge des Parteiaufbaus zu erkennen und zu begreifen. So haben die führenden Köpfe der verschiedenen sich »marxistisch-leninistisch« nennenden Gruppen bis heute den Zerfall ihrer Gruppe nicht begriffen. Sie suchen die Ursache nicht in ihrer eigenen kleinbürgerlichen Denk- und Arbeitsweise, sondern in der Lehre des Marxismus-Leninismus und behaupten, daß diese überholt sei und den heutigen Bedingungen nicht mehr entspräche. Sie können auch nicht begreifen, warum der KABD zur Gründung der MLPD schreiten und sich weiter entwickeln konnte, wo andere Gruppen sich in Zersetzung und Auflösung befanden.

ROTE FAHNE: Am Schluß des I. Teils der »Geschichte der MLPD« werden Schlußfolgerungen und Lehren aus der Entwicklung der »marxistisch-leninistischen Bewegung« in Form von drei Thesen gezogen. Kannst du diese Thesen und ihre Bedeutung kurz erläutern?

Willi Dickhut: Wenn man die Ursache des Zerfalls der »marxistisch-leninistischen Bewegung« nicht begreift, hat man auch keine Erklärung für ihre Wirkung. Warum gab es früher in der kommunistischen Bewegung solche Erscheinungen, wie sie in den vergangenen 17 Jahren hervortraten, nicht? Schon allein die klassenmäßige Zusammensetzung der alten KPD machte das unmöglich. Die Mitgliedschaft bestand zu rund 90 Prozent aus Arbeitern, der Rest aus kleinbürgerlichen Schichten (Handwerker, Gewerbetreibende, Bauern, Kleinhändler und Intellektuelle). Die proletarische Denkweise bzw. das proletarische Klassenbewußtsein war ausschlaggebend. Nach der revisionistischen Entartung der KPD/DKP wurde der Aufbau einer revolutionären Partei der Arbeiterklasse zur zwingenden Notwendigkeit. Diese Situation fiel zusammen mit dem Zerfall der kleinbürgerlichen Studentenbewegung. Die enttäuschten Studenten und Schüler wandten sich der Arbeiterbewegung zu und stürzten sich auf das Studium des Marxismus-Leninismus und den Aufbau einer proletarischen Partei: Die »marxistisch-leninistische Bewegung« entstand.

Diese Bewegung war gekennzeichnet durch mangelhaftes theoretisches Wissen und vollständiges Fehlen praktischer Erfahrungen. Dagegen war vorherrschend eine kleinbürgerliche Denk- und Arbeitsweise, bürgerlicher Ehrgeiz, kleinbürgerlicher Führungsanspruch, Verachtung der proletarischen Massen, Überheblichkeit und Arroganz, Konkurrenzdenken gegenüber anderen Gruppen, Karrieretum usw. Mit einer kleinbürgerlichen Denk- und Arbeitsweise geriet der Parteiaufbau in immer größere Schwierigkeiten. Versuche der proletarischen Kräfte, die kleinbürgerliche Überwucherung beim Aufbau der Partei durch einen Intellektuellenstopp bei der Aufnahme zu verhindern, scheiterten, weil die kleinbürgerlichen Elemente die Oberhand hatten. Überall dort, wo die Kleinbürger die Führung in den »marxistisch-leninistischen« Gruppen innehatten, brach die Organisation auf kurz oder lang zusammen. Das wiederholte sich in allen solchen Gruppen. Daraus ergab sich die Schlußfolgerung:

Mit einer kleinbürgerlichen Denkweise kann man keine proletarische Partei aufbauen!

Mehr noch. In solchen Gruppen, wo proletarische Genossen mit theoretischen und praktischen Kenntnissen die Führung innehatten, war die Organisation diszipliniert und stabil, weil sie durch eine proletarische Denk- und Arbeitsweise geleitet wurde. Sobald aber kleinbürgerliche Elemente die Organisation überwucherten oder die Führung übernahmen, trugen sie den Geist der Zersetzung und Spaltung hinein, indem sie die proletarische Linie durch eine kleinbürgerliche Linie verdrängten. Dadurch wurde der Widerspruch zwischen der kleinbürgerlichen und proletarischen Denkweise zum antagonistischen Widerspruch, und die vorherige proletarische Organisation wurde liquidiert. Diese Erfahrung im Parteiaufbau zeigte immer wieder, daß kleinbürgerliche Denkweise und Liquidatorentum identisch sind. Daraus ergab sich die zweite Schlußfolgerung:

Mit einer kleinbürgerlichen Denkweise kann man eine proletarische Organisation zerstören!

Man muß sich die Frage vorlegen, wieso ist das möglich, da die meisten dieser kleinbürgerlichen Elemente es doch subjektiv ehrlich meinten und oft über beträchtliches theoretisches Wissen des Marxismus-Leninismus verfügten. Ich habe in der früheren KPD einen Landesfunktionär gekannt, der ganze Zitate von Marx und Lenin auswendig lernte und damit anderen Genossen imponierte. Kurz vor dem Verbot der KPD 1956 trat er aus Feigheit aus. Seine im Grunde kleinbürgerliche Denkweise trieb ihn dazu. Schon Kalinin wies in seinem Buch »Kommunistische Erziehung« darauf hin, daß man durch noch so vieles Studium das Wesen des Marxismus-Leninismus nicht begriffen hat. Und wenn man das Wesen des Marxismus-Leninismus nicht begriffen hat, kann man auch keine proletarische Partei aufbauen. Daraus ergibt sich die dritte Schlußfolgerung:

Mit einer kleinbürgerlichen Denkweise kann man das Wesen des Marxismus-Leninismus nicht begreifen!

Der I. Teil der »Geschichte der MLPD«, der die Entstehung, Entwicklung und das Ende der »marxistisch-leninistischen Bewegung« schildert, zeigt gleichzeitig die wichtigsten Lehren des Aufbaus einer proletarischen Partei auf. Gelingen oder Scheitern des Parteiaufbaus hängen von der Denkweise ab. Aus der ganzen Vorgeschichte des eigentlichen Parteiaufbaus geht eines klar hervor:

Nur mit einer proletarischen Denkweise kann man eine proletarische Partei aufbauen!

Das wird im II. Teil der »Geschichte der MLPD« deutlich – »Parteiaufbau vom Bund zur Partei«.