Revolutionärer Weg

Revolutionärer Weg

Rezension des Buches “Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion.”

Rezension des Buches “Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion" von einem Leser aus Süddeutschland

Von Leser aus Süddeutschland

“Es ist leichter, den Feind im offenen, bewaffneten Kampf, im Bürgerkrieg zu erkennen und zu besiegen als im ideologischen Kampf.”

Unabhängig von den politischen Ansichten und der Intensität des Interesses an der Politik allgemein, haben die Fragen der Entstehung, der Entwicklung und des Falls der Sowjetunion für jeden Bewohner der postsowjetischen Staaten eine zentrale Bedeutung. Jeden dort gehen diese Fragen was an, jeder hat was dazu zu sagen und jeder hat sich darüber Gedanken gemacht. Der beste Beweis hierfür sind unzählige Debatten, die im Fernsehen, an den Unis und in den Küchen geführt werden. Ich, meinerseits, würde die These sogar erweitern und darauf deuten, dass das Scheitern des sowjetischen Projekts bis heute ein nicht triviales Thema weltweit ist. (Unter anderem von der Anzahl der antikommunistischen Mythen hergeleitet). Kein Wunder, dass diese Problematik auch mich, der in der Sowjetunion 1990 geboren istund bis zum 15. Lebensjahr dort gewohnt hat, nicht umgangen hat. Seit meiner frühesten Kindheit verspürte ich waches Interesse an der Geschichte. Somit traf ich auf diese drei Fragen ziemlich früh. Denn all diese drei beeinflussten das Leben meiner Familie direkt, und somit auch mein Leben. Viele meiner Vorfahren sind während der Kollektivierung und Deportation und wegen der Willkür in der Ausführung ums Leben gekommen. Durch den Fall von UDSSR wurde die junge Ehe meiner Eltern der kompletten materiellen Lebensgrundlage beraubt und in den wirtschaftlichen Abgrund der nachfolgenden Jahre gestoßen. Was zum Schluss dazu führte, dass Wir uns auf der Suche nach einem besseren Schicksal in die kapitalistische Metropole begeben haben. Doch neben diesen persönlichen Katastrophen waren auch merkwürdige ( wie ich früher dachte) positive Aspekte, die man in Verbindung mit der Sowjetunion bringen konnte. Ich fand es außergewöhnlich, dass Häuser aller meiner Bekannten mit Büchern vollgestopft waren. Ich fand es außergewöhnlich, dass viele Menschen das Zusammenleben der sowjetischen Gesellschaft vermissten. Ich fand es außergewöhnlich, dass das Land auf dessen Trümmern ich aufwuchs im Stande war die entscheidende Rolle im Sieg über den Faschismus zu spielen. Ich fand es außergewöhnlich, dass es der überwiegenden Anzahl der Menschen um mich herum schwer fiel, sich im neuen kapitalistischen Leben einzufinden, etwas in ihnen drin war grundlegend unpassend...

Im Laufe meines Werdens habe ich unter dem Einfluss der Außenwelt unterschiedlichste Antworten und Ansichten bezüglich der drei oben genannten Fragen gehört, gelesen und zur Grundlage meiner Ansichten gemacht. Die hatten alle was gemeinsam - sie wurden von jemand anderem geäußert, durchgekaut und mir serviert. Sei es von meinen Eltern, dem Fernsehen oder den liberalen Antikommunisten. Jahrzehnte lang dauerte es, bis ich genug von fremden Irrtümern und Überzeugungen hatte und mich entschied, mich eigenständig mit den Fragen auseinander zu setzen. Ich durchquerte einen nahezu kompletten dialektischen Zyklus: Von der Euphorie über die Erfolge der UDSSR über die Negation dieser Euphorie aufgrund der Mängel in der sowjetischen Geschichte bis zur der Negation der Negation und dem nüchternen Verständnis der Entwicklung und des Falls des Sozialismus in meiner Heimat.

Den Punkt in meiner persönlichen Untersuchung setzte die brillante Analyse von Willi Dickhut und dem “Revolutionärem Weg” - “Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion”. Das Buch, das zufällig oder auch nicht, auf der Kundgebung am 1. Mai 2019 in meine Hände fiel und meine Bekanntschaft mit MLPD besiegelte. In diesem Werk untersuchen der Autor und die Beteiligten die Ursachen für die Niederlage der Revolution auf dem Territorium des alten russischen Imperiums. Es wird im Buch eine weitreichende Aufzählung der Gründe durchgeführt: Angefangen mit der Herkunft der Nomenklatura, die zu der neuen Bourgeoisie wurde, über die Reformen in der Basis (sprich Wirtschaft), die die Diktatur des Proletariats abschafften, bis hin zu der vollendeten Verwandlung in eine sozialimperialistische Supermacht. In dem Buch wird die Bedeutung des XX. Parteitages der KPDSU, die Einzelheiten der Beziehungen der Sowjetunion mit den kapitalistischen Staaten und den Mitgliedern des Warschauer Pakts, und auch die Antwort auf die Frage “Was geschieht mit der sozialistischen Produktion , wenn man sie profitorientiert organisiert?” und vieles mehr dargelegt. Das ist erstaunlich und verdient den höchsten Respekt, wie genau und detailliert Genosse Dickhut den Sachverhalt seziert und erforscht. Während des Studierens des Buchs wunderte mich die Genauigkeit in der Behandlung. Denn es hat sich so angefühlt, als ob die Autoren persönlich die Möglichkeit hatten die Vorgänge beobachten zu können. Jede Behauptung wird im Werk mit Quellen belegt und zu einer einheitlichen Schlußfolgerung hinzugefügt. Das Buch ist ohne übertrieben pathosvoll zu werden eine Prophezeiung und leistet sehr gute Arbeit die Zukunft der UDSSR vorherzusagen. Und das im Jahr 1971 - 20 Jahre bevor der Tod des vermeintlichen Sozialismus dort von der ganzen Welt konstatiert werden konnte.

Ich konnte sehr viel aus dem Buch schöpfen. Doch eines wurde zu einer meinen Lebensmaximen: Angesichts der Geschichte der Proletarierbewegung im 20. Jahrhundert, ist das ganz wichtig seinen “Ideologie-Kompass” so oft wie nur möglich zu überprüfen oder gar neu zu kalibrieren. Das Buch hat mich wachgerüttelt, machte mir wirklich unschätzbar klar: Ohne mich im Marxismus-Leninismus so gut wie möglich auszukennen, ohne die Dialektik als ein Werkzeug mir anzueignen, werde ich mich nicht frei in den Fragen der Wirtschaft, Ideologie, Politik, Philosophie und Sozialkunde orientieren können. Mao Tse-tung und die deutschen Theoretiker der Arbeiterbewegung hatten offensichtlich die reiche Erfahrung und ausreichendes Instrumentarium um durch den Nebel der Tarnung des Revisionismus durchblicken zu können. Solange ich mich nicht um diese Bildungslücke gekümmert habe, werde ich nicht mein volles Potenzial für die Arbeiterbewegung und die Sache des Kommunismus einsetzen können.

Denn das sind die zahlreichen Tode der erfahrenen Revolutionäre und Marxisten in den ersten Reihen der Kämpfe im 2. Weltkrieg, die Degradierung der Parteikader und die theoretische Schwäche der Proletarier, die die Massen daran gehindert haben zu begreifen, dass die Sache des Kommunismus im ersten sozialistischen Staat schrittweise verraten wurde. Das ist das Heranwachsen der kleinbürgerlichen Ideologie, dass das Wehren gegen den Sozialimperialismus unmöglich machte. Das ist “die Waffe der Theorie”, die den Menschen aus der Hand fiel und sie ungeschützt vor dem Kapitalismus da stehen ließ. Das Werk von Willi Dickhut unterstreicht diese Tatsache präzise, ehrlich und gnadenlos. Wollt ihr wissen, welche Gefahren euch im Klassenkampf nach dem Erfolg der sozialistischen Revolution erwarten? - Schlagt das Buch auf bzw. öffnet es erneut, um die Kenntnisse zu erfrischen und die Theoriebasis zu stärken.

Trotz der Tatsache, dass Wir zu Zeiten der großen Reaktion leben, als kein sozialistischer Staat mehr da ist, und Wir keine Hilfe von Niemandem außer uns selbst erwarten dürfen, sollten Wir nicht die Hoffnung verlieren oder pessimistisch werden! Sondern uns an die Arbeit machen! Also ran an die Bücher! Teilt alles neue und wichtige euren Genossen mit, diskutiert alles miteinander, schließt euch in marxistische Lesezirkel, unterstützt und klärt euch gegenseitig auf, agitiert unter Andersdenkenden! Wir leben zu schwierigen aber auch zu spannenden Zeiten, in denen es an uns liegt, die Voraussetzungen für die Entstehung der proletarischen Denkweise zu kreieren und den Weg den nächsten Generationen zu ebnen. Proletarier aller Länder vereinigt euch! Denn es ist an der Zeit für den vereinigten Proletariat beim Klassenkampf mal bewusst teilzunehmen, und zwar vorbereitet! Für diese Vorbereitung untersuchen Wir den heutigen Tag und die Analyse der Vergangenheit durch die Klassiker! Vergesst nicht: Es ist die Balance der Theorie und der Praxis, die uns zum Aufbauen der kommunistischen, glücklichen Zukunft bringen wird!

PS: Mit der merkwürdigen Schreibweise des Wortes „Wir“ unterstreicht der Autor die Gemeinschaft der Arbeiterklasse im Gegensatz zu der überall propagierten individualistischen Lebensphilosophie der kapitalistischen Gesellschaft.