Willi Dickhut

Willi Dickhut

Kritik an der Forderung »Für eine gründliche Berufsausbildung für alle«

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1975

Von RW-Redaktion
Kritik an der Forderung »Für eine gründliche Berufsausbildung  für alle«

Genossen!

10. 6. 75

Euer Aufruf zur Kritik-Selbstkritik-Bewegung hat mich ermutigt, Euch folgende Kritik zu schreiben.

Vor etwa einem halben Jahr habe ich mich mit der Forderung

»Für eine gründliche Berufsausbildung für alle« beschäftigt, zunächst weil ich nicht wußte, was darunter zu verstehen ist. Nach Briefen an unsere Verbandsleitung und den Rebell erschien eine Stellungnahme in der Roten Fahne 5/75. Diese Antwort auf meine Kritik ist meiner Meinung nach ausweichend, weil sie nicht Stellung dazu nimmt, ob die Forderung Illusionen über die Verbesserung der Berufsausbildung im Kapitalismus durch Reformen weckt und zu dessen Gunsten von der Propagierung des Sozialismus abgelenkt wird. Dies gilt auch für die gerade erschienene Broschüre zu diesem Thema, die eine Darstellung der Berufsausbildung in vielen Bereichen gibt, aber zur eigentlichen Forderung nichts Genaues sagt. Mir geht es jetzt nicht mehr um die Forderung alleine, sondern um mehr, wie es im Revolutionären Weg 12 zu unseren Aufgaben im Tageskampf heißt:

»Dieser Tageskampf muß untergeordnet werden unter die allgemeinen Aufgaben der Arbeiterbewegung, die Beseitigung des kapitalistischen Lohn- und Ausbeutungssystems, die Eroberung der Macht, die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Die Verbindung der Teilkämpfe mit dem Endziel muß ständig propagiert werden. Ökonomische Kämpfe stehen in Wechselbeziehungen mit politischen Kämpfen … sie (die Kampfmethoden) können hier offensiv, dort defensiv sein, aber alle zusammen müssen sie die Bewegung verbreitern und vertiefen. Darin besteht die Aufgabe der Kommunisten. Hier unterscheiden sie sich von den Opportunisten.« (Revolutionärer Weg 12, S. 106/107)

Ich habe die Rebell der letzten Zeit studiert und erneut an die Redaktion geschrieben (siehe Anlage). Die Genossen von der Redaktion schrieben zurück, meine Kritik »erscheint berechtigt«, sie seien dabei, ihre Arbeit zu untersuchen, könnten also noch nicht antworten. Nun bin ich sehr froh, Euch dieses Problem vortragen zu können, und hoffe, daß ich mich verständlich machen kann,

l. Wie wurde die Forderung aufgestellt und in den Verband getragen? Im Programm und den Dokumenten des Verbandsdelegiertentags ist davon nirgends die Rede. Natürlich kämpfen wir um die Verbesserung unserer Lohn- und Arbeitsbedingungen, sagen aber, daß sich durch noch so viele Reformen unsere Lage nicht ändert, sondern betrachten Reformen als Schule des Klassenkampfs (Revolutionärer Weg 12). Die Forderung nach gründlicher Berufsausbildung für alle wurde quasi durch die Hintertür von der Verbandsleitung in den Verband getragen: unauffällig und ohne Begründung. Sie taucht zum erstenmal direkt nach dem 1. Mai 1974 ganz klein in einem Artikel des Rebell auf, steht sogar noch in Anführungszeichen (Rebell 5/75). Man kann dann im Rebell genau verfolgen, wie die Forderung immer mehr an den Anfang rutscht und schließlich zur wichtigsten Forderung des RJVD gemacht wird. Ich finde dieses Vorgehen der Verbandsleitung nicht richtig, es ist subjektivistisch und verstößt gegen den demokratischen Zentralismus. Sicher kann eine gewählte Leitung eine Forderung aufstellen, ohne daß diese monatelang vorher im Verband diskutiert wird, aber nicht auf diese Art, ohne irgendeine politische Begründung dafür zu geben.

Der KABD hat die Forderung, zum Beispiel der 35-Stunden- Woche, nicht nur von Anfang an begründet, ihre Notwendigkeit aufgezeigt, dazu sind ständig Artikel im Zentralorgan und Flugblättern, die Forderung steckt mitten in der ganzen Arbeit der Organisation. Dazu heißt es im Revolutionären Weg 10:

»Die Entfaltung der Demokratie, der aktive ideologische Kampf als Mittel zur ständigen Festigung der Einheit der Partei und zur Verhinderung von Spaltungen erfordert vollständige Publizität in ideologischen und politischen Fragen, das heißt, man muß den Parteimitgliedern die unterschiedlichen Auffassungen offen und vollständig darlegen, damit sie selbst entscheiden können, was richtig und was falsch ist.« (S. 28) »Die Praxis ist das Kriterium der Wahrheit. Deshalb muß der Beschluß den Mitgliedern begründet und erläutert werden, damit sie sein Wesen verstehen und in die Tat umsetzen können.« (S. 33)

2. Warum wurde diese Forderung aufgestellt? Begründet wird die Forderung inzwischen in der Broschüre: »weil alle jungen Menschen dahinterstehen können und so geeint kämpfen, ob sie nun arbeitslos dastehen, als Jungarbeiter beschäftigt sind oder in einem Lehrverhältnis« (»Für eine gründliche Berufsausbildung für alle«, S. 49/50).

Unsere Taktik – und das Aufstellen von Forderungen ist ein Teil der Taktik richtet sich doch nicht danach, ob sich möglichst alle dahinterstellen können. Unsere Taktik richtet sich doch in erster Linie nach unseren Hauptaufgaben, nach dem Marxismus-Leninismus. Ich möchte dazu Stalin zitieren:

»Die taktische Führung ist ein Teil der strategischen Führung und deren Aufgaben und Forderungen untergeordnet … In den Vordergrund zu stellen sind diejenigen Kampf- und Organisationsfragen, die den Bedingungen der gegebenen Ebbe oder Flut der Bewegung am besten entsprechen und geeignet sind, das Heranführen der Massen an die revolutionären Positionen, das Heranführen der Millionenmassen an die Front der Revolution und ihre Verteilung an der Front der Revolution zu erleichtern und sicherzustellen.« (»Über die Grundfragen des Leninismus«)

3. Welchen Charakter hat die Forderung? Eine gründliche Berufsausbildung kann es im Kapitalismus nicht geben. Unsere Ausbildung ist dem Profitstreben und dem Verwertungsprozeß des Kapitals untergeordnet, was einer gründlichen Ausbildung direkt widerspricht. Dies äußert sich in Stufenplan, Beurteilungsbogen, Nichtübernahme und vielem mehr. Diese Forderung durchzusetzen setzt also die Umwälzung der Machtverhältnisse, die proletarische Revolution und die Diktatur des Proletariats voraus. Daher ist eine solche Forderung gewissermaßen eine Übergangsforderung, weil ihre Durchsetzung eine unmittelbare revolutionäre Situation voraussetzt (siehe Revolutionärer Weg 12 zur Mitbestimmung). Was meint die Verbandsleitung zum Charakter der Forderung? Offensichtlich hat die Verbandsleitung keine klare Einschätzung, ob diese Forderung eine des Tageskampfs ist oder mehr beinhaltet. Sie gibt auf der einen Seite mir recht, »daß eine gründliche Berufsausbildung erst im Sozialismus gesichert ist« (Rote Fahne 5/75), doch andererseits gibt es viele Beispiele, wo es scheint, die Forderung sei im Kapitalismus durchzusetzen, auf dem Weg von Reformen also. Beispiele: »Sie (gründliche Berufsausbildung) ist aber natürlich keine Forderung, die sich pauschal durchsetzen läßt, sondern sie muß in den einzelnen Fällen konkretisiert werden.« (Rote Fahne 5/75) »Wie ist der Kampf um eine bessere Berufsausbildung richtig zu führen? ... Unter der Parole ›Gründliche Berufsausbildung für alle‹ lauten unsere Kampfforderungen

  1. ›Weg mit dem Stufenplan‹,

  2. ›Weg mit Beurteilungsbogen‹,

  3. ›Übernahme aller Lehrlinge entsprechend der Ausbildung‹.« (Rote Fahne 2/75)

Noch ein Beispiel aus der Broschüre: »Übernahme aller Lehrlinge in ein der Ausbildung entsprechendes Arbeitsverhältnis! Diese Forderung ist sehr wichtig, damit die Lehrzeit und der Kampf für eine gründliche Berufsausbildung nicht umsonst war.« (S. 53) Hier wird so getan, als ob bei der Durchsetzung aller dieser ökonomischen Forderungen unsere Lage sich grundsätzlich verbessern, der Kampf um die gründliche Berufsausbildung also erfolgreich wäre. Hier wird das getan, wovor der Jugendbeauftragte des KABD auf dem l. Verbandsdelegiertentag des RJVD gewarnt hat:

»Jugendgemäße Formen und größte Flexibilität zur Erreichung der Arbeiterjugend sind die eine Seite einer Jugendmassenorganisation, die andere ist, daß sie dabei niemals ihren Charakter als politische, als kommunistische Organisation verlieren darf.« (Dokumente des l. Verbandsdelegiertentags, S. 21)

4. Die Durchsetzung der Forderung ist erst im Sozialismus zu verwirklichen. Heute leben wir in einer Etappe ohne akut revolutionäre Situation. »Wenn kein revolutionärer Aufschwung vorhanden ist, müssen die kommunistischen Parteien, ausgehend von den Tagesnöten der Werktätigen, Teillosungen und Teilforderungen aufstellen und sie mit den Hauptzielen der Kommunistischen Internationalen (z. B. Aufbau der Partei, Durchführen der Revolution, Errichtung der Diktatur des Proletariats) verknüpfen. Hierbei dürfen aber die Parteien nicht solche Übergangslosungen aufstellen, die das Vorhandensein einer revolutionären Situation zur Voraussetzung haben und in einer anderen Situation zur Losung des Verwachsens mit dem System kapitalistischer Organisationen werden (z. B. die Losung der Produktionskontrolle und ähnliche). Teilforderungen und Teillosungen sind absolute Bedingung einer richtigen Taktik, während eine Reihe von Übergangslosungen untrennbar an das Vorhandensein einer revolutionären Situation gebunden sind.« (Programm der Kommunistischen Internationale, in: »Protokolle des VI. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale«, S. 97)

Ich meine, wenn die Forderung nach der gründlichen Berufsausbildung heute propagiert wird, eine Forderung, die erst im Sozialismus zu verwirklichen ist, und dann eine Reihe von Tagesfragen aufgezeigt wird, die es nur zu lösen gilt (Stufenplan usw.), muß das zum Opportunismus führen. So wichtig es ist, daß wir als junge Kommunisten uns an die Spitze jedes Kampfs um die Verbesserung unserer Ausbildung setzen, so wichtig ist es, daß wir dem Kampf Weg und Ziel geben. Dies müssen wir offen und klar zum Ausdruck bringen, sagen, daß wir nur durch die Revolution und die Diktatur des Proletariats eine gesicherte Zukunft gewinnen. »Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Ziele nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung«, sagt Karl Marx im »Kommunistischen Manifest«.

5. Der Kern meiner Kritik ist, daß die Verbandsleitung meint, sie könnte mit der Forderung nach gründlicher Berufsausbildung beides, Tageskampf und Alternative, gleichermaßen verbinden. Das muß zu Unklarheit führen, das Ziel unseres Kampfs geht verloren. Ich möchte dazu aus unserer Organisation (Frankfurt) berichten.

Vor kurzer Zeit haben wir auf einer Zellenleitersitzung fest- gestellt, daß unsere gesamte Arbeit durch Ökonomismus gekennzeichnet ist. Dies zeigt sich zum Beispiel deutlich in den Betriebszeitungen. In den letzten Monaten findet man keine Betriebszeitung mit einem Artikel zur Propaganda des Sozialismus, über das Ziel, das wir uns doch im RJVD gesteckt haben

Was will der RJVD? Was ist der KABD? ist nichts zu finden. In der Betriebszeitung meiner Zelle, dem »Roten Widerstand« waren vor mehr als einem Jahr noch oft Artikel zum Internationalismus zu finden. Doch auch das ist gänzlich verschwunden. Beschränkung auf kleine Tagesfragen ist alles der letzten Nummern. Diese Kritik trifft mich und jeden von uns. Doch dieser Ökonomismus, Beschränkung auf den Tageskampf, Vernachlässigung der Schulung, ist gleichzeitig Ausdruck der falschen Linie im Verband.Genossen, ich halte aus diesen Gründen die Forderung für schädlich für unsere Entwicklung und bitte Euch, zu untersuchen, ob die Forderung nicht zurückgezogen werden muß, damit gewährleistet wird, daß wir konkrete Teilforderungen zum Kampf der Arbeiterjugend gegen Ausbeutung und Unterdrückung stellen und strategisch die Kämpfe mit klaren Parolen für die Errichtung der Macht der Arbeiterklasse, den Sozialismus, verbinden.

»In den Ländern, wo der Kapitalismus vorübergehend stabilisiert ist, ist die größte Gefahr, die revolutionären Perspektiven im Kampf für die Teilforderungen hintenanzusetzen und darauf zu verzichten, den Massen die Notwendigkeit und Unausweichlichkeit des vollen Endsieges der Revolution klarzumachen. Der Kampf für Teilforderungen muß immer und überall mit den allgemeinen Aufgaben der Revolution verknüpft sein. Besonders notwendig ist es, den Massen klarzumachen, daß ohne den Endsieg der Arbeiterklasse keine ernstliche Verbesserung ihrer Lage errichtet werden kann.« (»Zur Bolschewisierung der kommunistischen Jugendverbände«, Thesen der Kommunistischen Jugendinternationale 1925)

6. Die Forderung war der Anlaß meiner Kritik, diese Forderung ist die Auswirkung einer falschen Linie der Verbandsleitung. Nach meiner Ansicht ist diese Linie durch konsequentesten Ökonomismus gekennzeichnet, die Hauptaufgabe der Erziehung zum Kommunismus ist zur Nebensache geworden. Was uns vor allen Ökonomisten und Opportunisten auszeichnet, die auch für eine bessere Berufsausbildung eintreten, was uns als Verband zusammenhalten kann und muß, wird vernachlässigt und verwaschen: das Bekenntnis zum und der Kampf um den Sozialismus-Kommunismus, die proletarische Revolution und die Diktatur des Proletariats. Die Ausrichtung am KABD und Eure Unterstützung läßt uns mit Sicherheit zu den Aufgaben eines kommunistischen Jugendverbands zurückkehren!

Ergänzung:

Der RJVD als Jugendverband umfaßt nicht nur Lehrlinge, sondern die gesamte arbeitende Jugend, also auch Hilfsarbeiter und Jungarbeiter. Die Forderung nach gründlicher Berufsausbildung trifft für diesen Teil der Arbeiterjugend überhaupt nicht zu, sondern es erfolgt eine Beschränkung auf die Arbeiterjugend, die eine Ausbildung bekommt. Durch die Forderung wird also neben der Beschränkung auf Ökonomismus (nämlich nur Verbesserung der Ausbildung, keine politische Stoßrichtung) sogar ein Teil der Arbeiterjugend »vergessen«, Jungarbeiter werden abqualifiziert als nicht so wichtig für den RJVD.

R.

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Lieber Genosse R.!

2.9.75

Dein Brief vom 10. 6. »Kritik an der ideologisch-politischen Linie der Verbandsleitung des RJVD« enthält Richtiges und Falsches. Wir müssen das Falsche kritisieren und das Richtige herausstellen, das bedeutet, daß wir den Gegenstand unserer Kritik untersuchen, analysieren und überdenken, was richtig und falsch ist. Genauso muß man auch an die Kritik herangehen, wir müssen weder Kritik in Bausch und Bogen ablehnen noch zustimmen, sondem überprüfen, was daran richtig oder falsch ist. Ich will im folgenden versuchen, sowohl Deine Kritik wie auch den Gegenstand Deiner Kritik zu analysieren.

Fangen wir mit den ersten zwei Seiten Deiner Kritik an. Es gibt keine ideologisch-politische Linie der Verbandsleitung des RJVD, sondern nur eine ideologisch-politische Linie des KABD, die auf dem Zentralen Delegiertentag beschlossen und zwischen zwei Zentralen Delegiertentagen von der Zentralen Leitung des KABD weiterentwickelt und eventuell korrigiert wird, wenn sich Fehler herausstellen sollten. So kann die Zentrale Leitung des KABD zwischen dem 1. und 2. Verbandsdelegiertentag des RJVD bestimmte Losungen und Forderungen für den Kampf der Arbeiterjugend aufstellen und durch den Jugendverband in die Arbeiterjugend hineintragen lassen. Für die Umsetzung der Linie ist die Verbandsleitung verantwortlich, aber nicht für die Linie selbst.

Deine Kritik ist insofern nicht berechtigt:

1. weil Du die Zuständigkeit für die Erstellung der ideologisch- politischen Linie verwechselst. Ist Dir der Rundbrief der Zentralen Kontrollkommission vom 25. 1. 75 nicht bekannt, der in allen Ortsgruppen und Zellen vorgelesen und diskutiert werden sollte? Hier heißt es unter anderem:

»Beide Jugendorganisationen haben die organisatorische Selbständigkeit auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus, aber nicht die ideologisch-politische Selbständigkeit. Die ideologisch-politische Linie wird vom KABD bestimmt und ist für alle drei Organisationen bindend … Über diese ideologisch-politische Linie und ihre taktische Anwendung entscheidet der Zentrale Delegiertentag und in der Zwischenzeit die Zentrale Leitung des KABD. Sie ist auch die Grundlage der politischen Tätigkeit des RJVD und der KSG, deren Leitungen für die Durchführung verantwortlich sind.«

2. Dafür, daß die Zentrale Leitung des KABD eine Forderung, die bisher nicht aufgestellt war, propagierte, kann man die Verbandsleitung nicht verantwortlich machen.

Deine Kritik ist berechtigt in dem Punkt, wie die Forderung in den Jugendverband hineingetragen wurde, denn es handelte sich ja um eine neue Forderung, um eine Konkretisierung der ideologisch-politischen Linie. Ich zitiere einen wichtigen Absatz des Rundbriefes der Zentralen Kontrollkommission:

»Wenn auch die Mitglieder des RJVD und der KSG nicht über die ideologisch-politische Linie entscheiden können, so heißt das nicht, daß sie nicht daran mitwirken dürfen. Jedes Mitglied hat die Möglichkeit, Vorschläge einzureichen und auf Fehler aufmerksam zu machen. Der KABD wird es begrüßen, wenn die Eigeninitiative sich in allen drei Organisationen entwickelt, aber sie muß immer das Gesamtinteresse unserer Organisationen und vor allem die Einheit wahren. Dabei soll man sich vor Subjektivismus und Schematismus hüten.«

Warum hat die Zentrale Leitung des KABD den Mitgliedern des RJVD nicht den Text der Broschüre vorher zur Mitarbeit vorgelegt und Vorschläge entgegengenommen? Ich bin sicher, dann wären einige Fehler vermieden worden. Man hätte sich die Erfahrungen der RJVD-Mitglieder zunutze machen müssen. Das ist leider nicht geschehen.

Nun zur Forderung selbst: »Für eine gründliche Berufsausbildung für alle!« Sie ist teils richtig, teils falsch. »Für eine gründliche Berufsausbildung« ist richtig, »für alle« ist falsch; denn es ist keineswegs »für alle Lehrlinge«, sondern allgemein die Jugend gemeint. Von der einfachsten Handarbeit bis zur Bedienung und Wartung automatischer Anlagen liegt ein bunter Fächer von Arbeiten, die verschiedene Fähigkeiten bei der Durchführung verlangen. Die Fähigkeiten und Neigungen der Menschen sind unterschiedlich, zum Beispiel haben nicht alle die Neigung und Fähigkeit, Ingenieur zu werden.

In jeder Produktion gibt es einfache und komplizierte Arbeiten, es ist nur eine Verschiebung des Umfanges der einen oder anderen Arbeit eingetreten. Vor der kapitalistischen Epoche gab es in der Produktion fast ausschließlich Handarbeit, aber auch schon differenziert; zum Beispiel zwischen Hufschmied und Goldschmied besteht ein gewaltiger Unterschied. Der Kapitalismus verwandelte immer mehr Handarbeit in Maschinenarbeit und als Folge im zunehmenden Maße umfassende Arbeit in Teilung und Spezialisierung der Arbeit. Das war ein gewaltiger Fortschritt in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft.

Inzwischen hat die Arbeitsteilung und Spezialisierung Formen angenommen, die mit den Produktionsverhältnissen nicht mehr im Einklang stehen: in den zwanziger Jahren die Mechanisierung mit dem Fließband als Höhepunkt und in den fünfziger Jahren die Hochmechanisierung und Automation mit der vollautomatischen Fabrik als Höhepunkt. Aber nach wie vor gibt es neben hochqualifizierter Spezialarbeit auch einfache Arbeit. Es kann auch nicht jedes Produkt mittels Automation hergestellt werden.

Eine Berufsausbildung für alle kann es nicht nur im Kapitalismus, sondern auch im Sozialismus nicht geben. Auch hier gibt es neben komplizierter Arbeit auch einfache Arbeit, die keinerlei Berufsausbildung erfordert. Da die Fähigkeiten der Menschen verschieden sind, richtet sich auch im Sozialismus die Verteilung der einfachen und komplizierten Arbeiten nach den Fähigkeiten der einzelnen Menschen.

Im Sozialismus, der ersten Phase des Kommunismus, gilt das Leistungsprinzip: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung!« Die Ausübung der verschiedensten Arbeiten, von einfachen bis zu komplizierten, richtet sich nach den Fähigkeiten und die Verteilung der Arbeitsergebnisse nach der Leistung, wobei einfache und komplizierte Arbeit und die Menge der geleisteten Arbeit stufenweise gewertet werden. Die Berufsausbildung geschieht entsprechend den Fähigkeiten des einzelnen, wobei seine Neigungen voll berücksichtigt werden können.

Das ist im Kapitalismus nicht möglich. Wie viele Talente schlummern in den werktätigen Massen, die ungenutzt verkümmern! Die Berufsausbildung erfolgt meistens nicht nach Neigung und Fähigkeiten, das heißt nicht durch freie Berufswahl, sondern richtet sich nach den Bedürfnissen der kapitalistischen Produktion. Das wird in der Broschüre richtig dargestellt.

Die freie Berufswahl, entsprechend Neigung und Fähigkeit, ist nur im Sozialismus/Kommunismus möglich. Das sozialistische Leistungsprinzip »Jedem nach seiner Leistung« ist solange notwendig, bis das sozialistische Bewußtsein der Massen ausgereift ist, das heißt eine bewußt sozialistische Einstellung zur Arbeit besteht. Im Revolutionären Weg 7, Seite 72/73 heißt es: »Die geistige Veränderung der Menschen in der sozialistischen Gesellschaft geht Hand in Hand mit der Veränderung der ökonomischen Basis durch allseitige Mechanisierung und bessere Organisation der Arbeit und der Automatisierung der Produktion. Das ist die materielle Voraussetzung beim Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus Sind die geistigen und materiellen Voraussetzungen des Übergangs zur kommunistischen Phase ausgereift, dann geht die Gesellschaft zum kommunistischen Verteilungsprinzip über: ›Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!‹«

Also auch in der kommunistischen Phase richtet sich die Berufsausbildung und -ausübung nach den Fähigkeiten des einzelnen. Die Fähigkeiten und Neigungen der Menschen sind eben nicht gleich und darum auch nicht die Berufsausbildung für alle. Es ist darum nicht richtig, wenn Du schreibst: »Die Durchsetzung der Forderung (gründliche Berufsausbildung für alle) ist erst im Sozialismus zu verwirklichen«, soweit es sich dabei auf das »für alle« bezieht. Das ist auch nicht die entscheidende Seite. Ausschlaggebend ist im Sozialismus/Kommunismus die gesellschaftliche Gleichstellung aller Werktätigen, ob sie nun einfache oder komplizierte, körperliche oder geistige Arbeit ausüben.

In der ersten Phase, im Sozialismus, ist der Unterschied noch vorhanden, darum »Jedem nach seiner Leistung«. In der zweiten Phase ist dagegen der Gegensatz zwischen geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden; die Arbeit ist nicht mehr nur Mittel zum Leben, sondern zum höchsten Lebensbedürfnis geworden.

Kann man daraus schließen, wie Du in Deiner kritischen Stellungnahme darlegst: »Eine gründliche Berufsausbildung kann es im Kapitalismus nicht geben«? Wie kannst Du nur annehmen, die Kapitalisten wären nicht an guten Facharbeitern interessiert? Ich bin selbst Facharbeiter gewesen und kann aus meiner 50jährigen Arbeit aus eigener Erfahrung sagen, daß die Kapitalisten gute Facharbeiter als Ausbeutungsobjekte schätzen. Mancher Betrieb steht und fällt mit seinen Facharbeitern, die oft eine entscheidende Schlüsselstellung im Betrieb innehaben. Legen sie die Arbeit nieder, steht oft der gesamte Betrieb. Die Lehrlingsausbildung in den Betrieben ist aber verschieden. Nicht wenige Unternehmer sehen im Lehrling ein unmittelbares Ausbeutungsobjekt, indem sie ihn mit ausbildungsfremden Arbeiten beschäftigen. Dagegen müssen sich die Lehrlinge zur Wehr setzen und eine gründliche Berufsausbildung verlangen. Ein guter Facharbeiter kann nicht nur höheren Lohn beanspruchen, er kann auch viel für die Kollegen tun, die in der Produktion auf die qualifizierte Vorbereitungsarbeit der Facharbeiter angewiesen sind (zum Beispiel Werkzeug- und Vorrichtungsbau). Darum schätzen auch die Produktionsarbeiter den guten Facharbeiter. Ein guter Facharbeiter kann dem Unternehmer und seinen Lakaien gegenüber selbstbewußter auftreten. Wenn er ein klassenbewußter Arbeiter ist, hat er größere Möglichkeiten, auf seine Kollegen im Betrieb politisch einzuwirken, weil er mehr Bewegungsfreiheit hat. Es ist doch kein Zufall, daß die meisten Funktionäre der früheren KPD Facharbeiter waren. Auch von diesen Gesichtspunkten aus ist eine gründliche Berufsausbildung wichtig und kann auch durchgeführt werden.

Auch die Monopolkapitalisten, die für die Bedienung und Wartung der komplizierten automatischen Anlagen Spezialfacharbeiter benötigen, können doch kein Interesse daran haben, diese Millionenobjekte Pfuschern anzuvertrauen. Sie sind für eine gründliche Ausbildung dieser Spezialfacharbeiter, und darum übernehmen die Konzernbetriebe die Ausbildung auch selbst.

Diese Ausbildung ist gründlich, aber nicht umfassend, sondern einseitig und auf Spezialwissen beschränkt. Darin liegt der Nachteil für die Kollegen, weil sie dieses Spezialwissen in Großbetrieben anderer Produktionsbranchen oder in Klein- und Mittelbetrieben nicht verwenden können. Anderseits haben diese Spezialfacharbeiter eine gewisse Schlüsselstellung im Betrieb, die bei Streiks eine große Bedeutung haben kann. Darum sind die Monopolkapitalisten bestrebt, sie von der Masse der Kollegen zu isolieren und durch bessere Bezahlung zu korrumpieren (siehe Revolutionärer Weg 12, S. 79/80).

Diesen Bestrebungen der Monopolkapitalisten müssen wir dadurch begegnen, daß wir diese Spezialfacharbeiter für den Klassenkampf gewinnen. Kann man das aber dadurch, daß sie als »Fachidioten« beschimpft werden, wie es in der Broschüre Seite 50 geschieht? Der Ausdruck »Fachidiot« stammt von der Universität und wird auf solche Professoren bezogen, die sich auf ein bestimmtes Fachwissen spezialisiert haben und, wie mit Scheuklappen versehen, nichts anderes gelten lassen und darum vielfach als die zuverlässigsten bürgerlichen Ideologen gelten. Kann das auf einen Facharbeiter übertragen werden? Das wäre doch der reinste Hohn.

Die Entwicklung der Facharbeiter mit vielseitigen Kenntnissen zu Facharbeitern mit spezialisierten Kenntnissen ist doch durch die Entwicklung der Produktionstechnik bestimmt. Können wir das Rad der Geschichte der industriellen Produktion zurückschrauben, die doch die Geschichte der Teilung und Spezialisierung der Arbeit ist? Die Maschinenarbeit teilte die Handarbeit in viele Arbeitsgänge auf, die Maschinenstürmer konnten das nicht verhindern, weil die Zerstörung der Maschinen gegen den Fortschritt war. Das Fließband verbreitete die Arbeitsteilung noch mehr. Es ist unsinnig, gegen das Fließband als solches anzukämpfen, sondern gegen die Arbeitsbedingungen am Fließband, die immer unerträglicher wurden (Bandbeschleunigung, Fortfall von Springern, Verringerung der Bandbesetzung und anderes), müssen wir den Kampf führen. Programmgesteuerte Maschinen ersetzten manuelle Arbeit, und Automation schaltete Produktionsarbeiter aus. Die Spezialisierung der Technik geht unaufhaltsam weiter und damit auch die Spezialausbildung, nicht nur im Kapitalismus, sondern auch im Sozialismus.

Teilforderungen wie »für eine gründliche Berufsausbildung« und weitere, wie sie in der Broschüre auf Seite 53/54 aufgestellt sind, können natürlich nur Forderungen für den Tageskampf sein ebenso wie Lohnforderungen, Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung, Verbesserung der Arbeitsbedingungen usw. Das ist ein Kampf um Reformen, der allerdings nicht als Selbstzweck geführt werden darf, denn das wäre reformistisch, sondern als Mittel, den Kampf zur Beseitigung des kapitalistischen Systems vorzubereiten, als Schule des Klassenkampfs.

Du hast recht, das ist nicht klar genug zum Ausdruck gekommen, dazu genügt der vorletzte Absatz auf der letzten Seite der Broschüre nicht. Es müßte bereits im Text unbedingt näher auf den Unterschied der Berufsausbildung im Kapitalismus und Sozialismus eingegangen werden, um aufzuzeigen, daß der gegenwärtige Kampf für eine gründliche Berufsausbildung, ebenso wie auch für andere Teilforderungen, keine grundsätzliche Lösung bringen kann, sondern nur in Verbindung mit dem revolutionären Klassenkampf.

Zum Schluß sprichst Du wieder von einer »falschen Linie der Verbandsleitung«. Wie ich eingangs erklärt habe, wird die ideologisch-politische Linie des RJVD, einschließlich der Verbandsleitung, vom KABD bestimmt. Kann man sagen, die ideologisch-politische Linie des KABD ist ökonomistisch? Ist die Grundsatzerklärung, das Arbeiterkampfprogramm, die Behandlung der theoretischen Probleme im Revolutionären Weg ökonomistisch beziehungsweise revisionistisch? Das behaupten nicht einmal unsere Gegner. Richtig ist, und das müssen wir beachten, kritisieren und bekämpfen:

Bei der Umsetzung der ideologisch-politischen Linie des KABD in die Praxis tauchen ökonomistische und opportunistische Tendenzen auf, nicht nur im RJVD, sondern auch im KABD! Du erwähnst die ökonomistischen Tendenzen in den Betriebszeitungen: das habe auch ich vor einiger Zeit auf einer Konferenz in Nordrhein-Westfalen kritisiert. Natürlich soll man die Propagierung des Kampfs für den Sozialismus nicht abstrakt durchführen. So hätte man zum Beispiel diese Propaganda geschickt verbinden können mit der Forderung »Für eine gründliche Berufsausbildung«. Daß es nicht geschah, ist ein Fehler, und das muß man kritisieren. Ich halte es aber für falsch und gefährlich, wenn wie eine schleichende Krankheit im RJVD verbreitet wird, die ideologisch-politische Linie des RJVD und damit des KABD sei ökonomistisch, statt zu untersuchen, wo und in welcher Weise Ökonomismus bei der Umsetzung der Linie aufgetreten ist beziehungsweise auftritt.

Man soll in der Organisation auch untersuchen, inwieweit von organisationsfeindlichen Elementen bewußt zersetzende Argumente hineingetragen werden. Die Kritik-Selbstkritik-Bewegung steht unter dem Schutz der Zentralen Kontrollkommission, aber nicht für Parteifeinde. Wer in feindlicher Absicht diese großzügig gehandhabte innerorganisatorische Demokratie zum Schaden unserer Organisationen ausnutzt, muß bekämpft und aus der Organisation entfernt werden.

Die Kritik-Selbstkritik-Kampagne hat den Zweck, alles offen auf den Tisch zu legen, was unserer ideologischen, politischen und organisatorischen Arbeit bisher geschadet hat. Sie soll alle Fehler und Mängel unserer bisherigen Arbeit aufdecken, um sie zu beseitigen. Sie soll die Organisation stärken und nicht schwächen. Dabei müssen wir auch unser kritisches Herangehen untersuchen, das heißt prüfen, ob die Kritik positiv oder negativ ist, ob sie immer von der Einheit der Organisation ausgeht, ob sie nicht in dem Sinne geführt wird, von den eigenen Fehlern und Schwächen abzulenken. Die Kampagne besteht aus zwei Teilen: Kritik und Selbstkritik. Beides richtig angewandt, stärkt und festigt den RJVD.

Rot Front! Willi