Willi Dickhut

Willi Dickhut

Die Stalinfrage

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1975

Von RW-Redaktion
Die Stalinfrage

Liebe Genossen! 14. 5. 75

Vor kurzer Zeit diskutierten wir – zwei Mitglieder und eine Sympathisantin der KSG – gemeinsam über die »Stalin-Frage«. Dabei stützten wir uns auf den »Zweiten Kommentar zum Offenen Brief des ZK der KPdSU« der KP Chinas und auf den Revolutionären Weg 7.

Folgende Erkenntnisse schienen uns besonders wichtig:

– Die KP Chinas betont: »Vermutlich wird in diesem Jahrhundert eine endgültige Bestimmung dieser Frage unmöglich sein …« (Kommentar S. l, Ausgabe des KAB(ML), Tübingen 1970). Deshalb konnte es uns nicht darum gehen, alle möglichen Einzelfragen und Vorwürfe gegen Stalin zu diskutieren, bei denen wir zwischen Lüge und Wahrheit sowieso nicht unterscheiden können. Es ging uns darum, die grundsätzliche Herangehensweise an das Problem zu klären. Die chinesischen Genossen und der Revolutionäre Weg behandeln den Widerspruch zu Stalin als einen Widerspruch im Volk – das ist ein grundlegender Unterschied zu den Revisionisten, der deren wahre Absichten deutlich macht.

– Eine materialistische Herangehensweise – wie Ihr sie auch aus dem »Kommentar« (S. 48f.) zitiert und im Revolutionären Weg praktiziert – erfordert eine genaue Betrachtung der historischen Situation in der UdSSR. Dabei ist es notwendig, den besonderen Problemen und Bedingungen Rechnung zu tragen. Der Revolutionäre Weg 7, 8, 9 hat dazu einen großen Beitrag geleistet: Er zeigt die materialistischen Ursachen für Bürokratisierung und schließlich Abschaffung des Sozialismus in der UdSSR auf.

– Nur auf dieser Grundlage ist es möglich, die für die Person Stalins wichtigen Fragen prinzipiell zu erkennen.

Allerdings haben wir bei dieser grundsätzlichen Übereinstimmung mit dem Revolutionären Weg 7 dennoch einen wichtigen Widerspruch: Wir meinen, daß zur Person Stalins nicht immer hart und konsequent argumentiert wird. Auf Seite 30/31 wird ausgeführt, daß die neue Bürokratie im Partei-, Wirtschafts- und Staatsapparat sowie in den Gewerkschaften und Jugendorganisationen zum Haupthindernis eines einheitlichen Handelns wurde.

Ihr führt aus, daß Stalin auf dem VIII. Kongreß des KJV zur Bekämpfung der Bürokratie den prinzipiell einzig richtigen Weg angibt: die Mobilisierung und Organisierung der Massen. Gleichzeitig schreibt Ihr aber: »Stalin führte wohl schonungslos den Kampf gegen die Bürokratie von oben, aber mit Hilfe desselben Apparats, gegen dessen Auswüchse er zu Felde zog.« (Hervorhebung von uns)

Bedeutet das nicht in der Konsequenz,

– daß durch den Kampf gegen die Bürokratie »von oben« die Bürokratie noch verstärkt wurde, daß stellvertretend für die Massen gehandelt wurde und damit auch eine wirkliche Mobilisierung nicht stattfand?

– daß bei Stalin ein starkes Mißverhältnis zwischen Theorie und Praxis vorhanden war, also auch eine gewisse Abgelöstheit von der Realität?

Auch wenn die Entwicklung in der Sowjetunion historisch bedingt war, weil die wichtige Erfahrung der Kulturrevolution erst auf Grundlage der Entwicklung in der Sowjetunion gemacht werden konnte, so meinen wir doch, daß die Fehler Stalins nicht mit dem Hinweis »war darum historisch bedingt« (S. 31) abgeschwächt werden dürfen. In ihrem Kommentar heben die chinesischen Genossen diese Fehler sehr deutlich hervor (S. 6) – aber sie schwächen sie nicht ab, sondern sie ordnen sie ein und kommen zu dem Ergebnis, daß es sich um Widersprüche im Volk handelt – deshalb sind die Fehler Stalins sekundär. »Sekundär« heißt nach unserem Verständnis nicht, daß sie unwichtig sind, sondern gibt Aufschluß darüber, wie sie behandelt werden müssen. Gerade wir Kommunisten müssen Fehler schonungslos aufdecken und kritisieren, um daraus zu lernen, auch und gerade wenn es sich um Widersprüche im Volk handelt.

Auf Seite 34/35 führt Ihr aus, daß Malenkow die Gefahr des Bürokratismus grundsätzlich zwar erkannte, aber einer vollkommenen Unterschätzung der tatsächlichen Situation aufsaß. Ihr führt dazu aus: »Anstatt Alarm zu schlagen ..., trat eine verhängnisvolle Vernachlässigung dieses notwendigen Kampfes ein« (S. 34). »Es ist nicht zu verstehen, daß neben einer durchaus richtigen Einschätzung der Gefahr … immer wieder eine gefährliche Unterschätzung der wahren Situation zu Tage tritt. Das ist um so erstaunlicher …« (S. 35, Hervorhebungen von uns)

Wir sind der Meinung, daß die Ursachen dafür in besagtem Mißverhältnis von Theorie und Praxis sowie gewissen Tendenzen zum stellvertretenden Handeln zu suchen sind. Deshalb halten wir die unwissenschaftlichen Termini »nicht zu verstehen« und »erstaunlich« hier nicht für angebracht: Sie sind geeignet, eine konsequente Weiterführung der Argumentation zu verhindern.

Im Revolutionären Weg 7 wird der Ausdruck »titanenhafte Persönlichkeit Stalins« gebraucht. Wenn damit das Ansehen Stalins unter dem russischen Volk, seine Rolle als Führer der sozialistischen Sowjetunion gegenüber der jetzigen revisionistischen Clique hervorgehoben werden soll, so halten wir diesen Ausdruck für ungeeignet. Der gemeinte Sachverhalt wird durch das Wort »titanenhaft« nicht aufgehellt, im Gegenteil: Er wird mißverstanden als psychologische Abgrenzung gegenüber der »Jämmerlichkeit« Chruschtschows und in diesem Zusammenhang als Ergebnis des Personenkults gewertet. Wir meinen, daß solche Formulierungen durch entsprechend sachliche Beschreibung der gemeinten Sachverhalte ersetzt werden müßten.

Wir hoffen sehr, daß sich unsere Widersprüche klären lassen.

Mit solidarischen Grüßen! Sigrid, Wolfgang, Wolfgang



An die Genossen

Sigrid, Wolfgang und Wolfgang
über die Ortsleitung der KSG 19. 6. 75

Liebe Genossen!

Eure Diskussion über die Stalinfrage mit dem Ziel, eine grundsätzliche Klärung herbeizuführen, kann zu keinem Ergebnis führen, weil einfach das dazu notwendige Material fehlt; selbst die Kommunistische Partei Chinas ist nicht in der Lage, gegenwärtig die Stalinfrage restlos zu klären. Erst wenn die Archive der Sowjetunion geöffnet würden, könnte das aufklärende Material verarbeitet werden. Auch der programmatische Aufruf der revolutionären Kommunisten der Sowjetunion, der die Stalinfrage ziemlich ausführlich behandelt, ist nur auf die Verteidigung Stalins gegen die modernen Revisionisten ausgerichtet – und das war notwendig.

Ihr schreibt: »Wir meinen, daß zur Person Stalins nicht immer hart und konsequent argumentiert wird.« Dazu sind wir weder in der Lage (denn eine solche Kritik muß fundiert sein), noch als kleine Gruppe autorisiert. Das kann nur von einer internationalen Kommission gemacht werden, die über alles notwendige Material verfügt. Wir können nur von dem ausgehen, was uns zur Verfügung steht, und das ist geschehen. Wenn wir sagen, die Fehler Stalins waren »historisch bedingt«, so bedeutet das keine Abschwächung der Kritik an Stalin, sondern eine Erklärung, soweit sie uns möglich erscheint.

Die Rückständigkeit des Landes, das Übergewicht kleinbürgerlicher Schichten, der verschärfte Klassenkampf gegen die innere und äußere Bourgeoisie mußten notwendigerweise durch die stärkste Zentralisierung der Staatsmacht als Hauptseite der proletarischen Demokratie ausgedrückt werden. So entwickelte sich »historisch bedingt« ein mächtiger Staatssicherheitsdienst. Stalins Fehler war, daß er sich immer mehr auf den Staatssicherheitsdienst verließ. Auch das kam nicht von ungefähr, denn Stalin verfolgte die Hauptträger der kleinbürgerlichen Ideologie im Land, die sich maskierten, ihr Gesicht veränderten, sich der Situation anpaßten, sie bildeten eine Art »fünfte Kolonne«. Durch den Staatssicherheitsdienst wurden sie verfolgt, entlarvt und durch die »Moskauer Prozesse« verurteilt. So notwendig das war, damit trat der Staatssicherheitsdienst immer mehr in den Vordergrund, auch im Kampf gegen eine neue Bürokratie, eine mit dem Parteibuch in der Tasche, die durch eine kleinbürgerliche Lebensweise verbunden mit Privilegien entartete. Diese Entwicklung wurde durch die zentralistische Planwirtschaft, durch die eine breite Mitwirkung der Massen verhindert wurde, und durch den Rückgang der Verbreitung der sozialistischen Ideologie in den Massen beschleunigt und vertieft.

Soweit läßt sich die Entwicklung in der Sowjetunion unter Stalin von unserer Warte aus erklären – alles weitere ist Spekulation. Manche Vorgänge können wir als Außenstehende nicht verstehen, ohne daß dadurch eine »konsequente Weiterführung der Argumentation« verhindert wird. Manche Ursachen werden nie aus den Akten ergründet werden.

Ich will versuchen, das an einem Beispiel aus der jetzigen Situation in den KSG verständlich zu machen. Bei der Untersuchung hat die Zentrale Kontrollkommission zu ergründen versucht, wieso eine derartige Verletzung der Prinzipien des Marxismus-Leninismus durch Mitglieder der Zentralen Leitung möglich sei. Noch zwei Tage vor dem 2. Zentralen Delegiertentag habe ich Th. eingehend befragt, er solle doch ganz offen darlegen, wie das geschehen konnte, er habe doch den Revolutionären Weg 10 gründlich studiert, die Prinzipien »Demokratischer Zentralismus« und »Kritik und Selbstkritik« anerkannt und selber propagiert, warum dann die Verstöße, die doch nicht aus voller Absicht wie bei einem Parteifeind erfolgt seien? Er faßt sich an den Kopf und erklärt verzweifelt: »Ich habe darüber nachgegrübelt, ich kann es nicht erklären!« Kein einziges Mitglied der Zentralen Leitung kann sich die Vorgänge erklären, und wenn einer meint, das sei auf eine kleinbürgerliche Einstellung und Denkweise zurückzuführen, dann ist das nur teilweise richtig. Die Zentrale Kontrollkommission erklärt sich das im wesentlichen so: Die betreffenden Genossen haben die Prinzipien des Marxismus-Leninismus studiert und verstandesmäßig als richtig anerkannt, so wie viele sich ein Buchwissen über die marxistisch-leninistische Theorie aneignen, aber das Wesen des Marxismus-Leninismus nicht begreifen. Die Begriffe der Prinzipien werden verstandesmäßig erfaßt, doch dringt man nicht bis in das Wesen der Prinzipien ein. Das ist ein Widerspruch, dem viele unterliegen; dafür kann ich viele Beispiele anführen.

Ich versuche immer wieder zu ergründen, wieso ganze kommunistische Parteien (bei Einzelpersonen ist das klar) wie zum Beispiel die KPD, der ich vor 50 Jahren beitrat, revisionistisch entarten konnten. Als ich in der Kaderabteilung tätig war, habe ich Tausende Genossen für die verschiedenen Lehrgänge der Parteischulen geprüft, ihre ideologische Entwicklung verfolgt und ihren Einsatz entsprechend ihrem ideologischen Niveau vorgeschlagen. Sie haben doch alle eine bestimmte, wenn auch unterschiedliche Grundlage des Marxismus-Leninismus erhalten und Erfahrungen im Kampf gesammelt. Warum machen sie den revisionistischen Kurs mit? Sie können doch unmöglich in das Wesen des Marxismus-Leninismus eingedrungen sein, sonst müßten sie diese revisionistische Linie verurteilen. Mit der subjektiven Erklärung: »Es sind alles Verräter!« ist das Problem nicht gelöst. Wir bemühen uns heute, aus der negativen Entwicklung der KPD/DKP zu lernen und in grundsätzlicher Hinsicht eine Reihe Dämme gegen eine revisionistische Entartung zu errichten.

Was die Stalinfrage anbelangt, kann sie heute nicht restlos geklärt werden. Wir haben im Revolutionären Weg 7–9 als einzige Organisation den Versuch einer Analyse der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion gemacht und, soweit wie es uns möglich war, die Rolle Stalins zu erklären versucht. Euer Verlangen, Stalins Fehler stärker herauszuarbeiten, »hart und konsequent zu argumentieren«, ist für uns unmöglich, ohne in Spekulationen zu verfallen. Das ist auch gegenwärtig falsch, weil uns das im Kampf gegen den Revisionismus, die gegenwärtige Hauptgefahr innerhalb der Arbeiterbewegung, nur ablenken würde.

Stellen wir die Verdienste und Fehler Stalins nebeneinander, dann sind die Verdienste primär, seine Fehler sekundär. Wir haben keine Ursache, das umzudrehen, denn das würde Wasser auf die Mühlen der Revisionisten leiten. Es ist sinnlos, sich an der Stalinfrage festzubeißen, statt den offensiven Kampf gegen die Revisionisten zu führen. Das bitte ich Euch zu überlegen.

Mit kommunistischem Gruß
Redaktion des Revolutionären Wegs
i. A. Willi