Willi Dickhut

Willi Dickhut

Zum Ausschluss von Willi Dickhut aus der KPD

Aufschlussreicher Briefwechsel zwischen Willi Dickhut (MLPD) und Georg Fülberth (DKP) von 1992

Von RW-Redaktion

6. Januar 1992

Georg Fülberth

Friedrich-Naumann-Straße 20

3550 Marburg

Tel. 06421/26171

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Herrn

Willi Dickhut

Deusberger Straße 44

5650 Solingen 1



Lieber Genosse Willi Dickhut,

in Ihrem Buch „Was geschah danach?“ werfen Sie mir auf den Seiten 452-454 vor, in meinem eigenen Buch „KPD und DKP 1945-1990. Zwei kommunistische Parteien in der vierten Periode kapitalistischer Entwicklung“, S. 118/119, die Umstände Ihres Ausscheidens aus der KPD falsch dargestellt zu haben. Tatsächlich habe ich mich nur nach einer mündlichen Quelle aus der DKP informiert und die von Ihnen auf S. 454 genannten Schriften nicht benutzt. Ich habe keinerlei Anlaß, an Ihrer eigenen Darstellung zu zweifeln und werde meine Version nicht aufrechterhalten.

Sofort nach der Lektüre Ihres Angriffs auf mich habe ich Sie in der ersten Jahreshälfte 1991 angerufen und Ihnen versprochen, die Korrektur auch öffentlich und schriftlich vorzunehmen. Selbstverständlich wird dies in einer Neuauflage meines Buches geschehen, sobald eine solche erscheint. Zur Zeit ist sie allerdings noch nicht in Sicht. Ich habe deshalb vorgeschlagen, daß ich in dem Fachblatt „1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21 Jahrhunderts“ eine Rezension Ihrer Erinnerungen veröffentliche und dort meinen Irrtum eingestehe. Der Redakteur, Karl-Heinz Roth, ist einverstanden. Ich hatte Ihnen in Aussicht gestellt, daß meine Besprechung bis Ende 1991 fertig sei. Dies konnte ich wegen dringender anderer Arbeiten, u.a. als DKP-Stadtverordneter, zeitlich nicht einhalten. Hinzukommt, daß es nun eine Sammelbesprechung mehrerer Bücher – darunter das Ihre – werden wird, und das ist aufwendiger. Ich habe mir vorgenommen, sie bis Ende April zu schreiben, an die Redaktion zu senden und Ihnen dann mit gleicher Post eine Kopie zukommen zu lassen.

Doch liegt mir daran, Sie bereits jetzt und in schriftlicher Form meines Bedauerns über meinen Fehler zu versichern. Selbstverständlich können Sie auch öffentlich davon Gebrauch machen.

Mit freundlichem Gruß

Georg Fülberth

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25.2.1992

Georg Fülberth

Friedrich-Naumann-Straße 20

3550 Marburg

Tel. 06421/26171

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Herrn

Willi Dickhut

Deusberger Straße 44

5650 Solingen

Lieber Genosse Dickhut,

ich hoffe, dass mein Brief vom 6. Januar Sie erreicht hat.

Inzwischen hat mir der Verlag mitgeteilt, daß die erste Auflage meines Buches nahezu vergriffen sei, und er hat mich gebeten, ihm bis Ende März Änderungsvorschläge für die zweite zu unterbreiten. Ich habe die Sammelrezension deshalb jetzt noch aufgeschoben und sitze an der Überarbeitung. Auf der Seite 119 will ich über Sie schreiben:

Seit 1926 Mitglied der KPD, war er von 1933 bis 1935 im Konzentrationslager und leistete in den folgenden Jahren Widerstandsarbeit. Nach einer erneuten Verhaftung im August 1944 hatte er im November desselben Jahres fliehen können und blieb bis zum Einmarsch der US-Amerikaner im April 1945 in seiner Heimatstadt Solingen untergetaucht. In den fünfziger Jahren leitete er die Kaderabteilung der KPD auf Bundesebene. Als im Zusammenhang mit der behördlichen Kommunisten-Verfolgung jener Jahre Personal-Unterlagen beschlagnahmt wurden, setzte ihn die Zentrale Kontrollkommission ab und sprach ihm eine Rüge aus, weil er nicht rechtzeitig eine andere Ablage besorgt habe. Willi Dickhut war in der Folgezeit erster Kreissekretär zunächst in Solingen, dann in Hagen. Nach dem KPD-Verbot war er wieder illegal für die KPD tätig. Seinen eigenen Angaben zufolge wurde er 1966 wegen seiner positiven Haltung zur Politik der Kommunistischen Partei Chinas ausgeschlossen.“

Die Fußnote 8 auf der Seite 196 soll nunmehr so heißen:

8. Dickhut, Willi: Was geschah danach? Zweiter Tatsachenbericht eines Solinger Arbeiters ab 1949. Essen 1990, S. 82; 433. Dickhut hat auf den Seiten 452-454 seiner Erinnerungen der Darstellung, die ich in der ersten Auflage des hier vorliegenden Buches „KPD und DKP 1945-1990“ auf den Seiten 118f. veröffentlichte, widersprochen. Ich folge nunmehr seiner Version, da er durch die Drucklegung hier und in anderen Publikationen die Verantwortung für seine Tatsachen-Behauptungen öffentlich übernimmt, während die von mir bislang vertretene Auffassung sich lediglich auf mündliche Angaben stützen konnte.

Zur Biografie Dickhuts in der Weimarer Republik, im Faschismus und in der unmittelbaren Nachkriegszeit: Dickhut, Willi: So war´s damals … Tatsachenbericht eines Solinger Arbeiters 1926-1948. Stuttgart 1979.“

Bitte teilen Sie mir doch mit, ob Sie mit diesen Änderungen einverstanden sind.

Mit freundlichem Gruß

Georg Fülberth

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27.02.92

Willi Dickhut

Deusberger Str. 44

5650 Solingen 11

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Herrn

Prof. Georg Fülberth

Friedr.Naumann-Str.20

3550 Marburg

Werter Genosse Fülberth!

Zunächst bitte ich um Entschuldigung, daß ich auf Ihren Brief vom 6. Januar noch nicht geantwortet habe. Gleichzeitig bestätige ich dankend den Empfang Ihres Briefes vom 25.02.92. Zur Begründung meines Schweigens kann ich nur anführen:

1. durch Verschlechterung meines Gesundheitszustandes mußte ich öfter ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und

2. war ich noch mit der Ausarbeitung eines neuen Buches beschäftigt.

Im Januarbrief schrieben Sie, ich habe "Angriffe" auf Sie geführt. Nein! Es war eine Kritik wie sie in der Kommunistischen Bewegung - wenigstens früher - üblich war. "Angegriffen" habe ich Steigerwald, Müller und solche, die mich in der Öffentlichkeit übel verleumdet haben und das wider besseres Wissen. Ihr Fehler war, daß Sie den Verleumdern vertraut und einige ihrer Behauptungen ohne Nachprüfung übernommen haben. Umso höher bewerte ich Ihre selbstkritische Stellungnahme und Ihren Willen sich in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Ich schätze das um so höher, da Sie der Einzige in der DKP sind, der den Mut hat, öffentlich einen Fehler zuzugeben. Ihre ehrliche Haltung ehrt Sie und ich weiß sie zu schätzen.

Die überarbeitete Rezension finde ich so in Ordnung und bin damit einverstanden. Eine Kleinigkeit: die Rezension, 5. Zeile von oben: statt in "seiner Heimatstadt" in der Umgebung Solingens.

Freundlichen Gruß

Willi Dickhut

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9.5.92

Stefan Engel

Fischerstr. 52

4650 Gelsenkirchen

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Herrn

Georg Fülberth

Friedrich Naumann-Str. 20

3550 Marburg

Tel. 0641/26171

Werter Genosse Fülberth!

Ich möchte die Aufgabe übernehmen, Ihren Brief vom 4.5.1992 an Willi Dickhut zu beantworten. Willi Dickhut ist zu unser aller Bestürzung gestern morgen verstorben.

Als ich mich am Mittwoch ein letztes Mal mit Willi traf, da war Ihr Brief gerade angekommen. Ich habe Willi den Brief auf dem Sterbebett vorgelesen. Er würdigte die Rezension als »ehrliche und objektive Darstellung«. Besondere Genugtuung empfand er darüber, daß erstmals ein führendes DKP-Mitglied öffentlich zu den Verleumdungen gegen seine Person Stellung bezieht und ihn damit rehabilitiert. Er verband damit die Hoffnung, daß daraus zumindest bei einem Teil der DKP eine ehrliche an der Sache orientierte prinzipielle Auseinandersetzung um die umfangreichen Kritiken und Stellungnahmen zum modernen Revisionismus entstehen könnte.

Den Kampf gegen den modernen Revisionismus, diese kleinbürgerliche Verzerrung des Marxismus-Leninismus verstand Willi Dickhut bis zu seinem Tode als eine entscheidende Seite zur Festigung und Höherentwicklung der proletarischen Denkweise. Die Lehre von der ausschlaggebenden Bedeutung der Denkweise für den Parteiaufbau, für die Entwicklung des praktischen Klassenkampfs und sogar für den Aufbau des Sozialismus bildet ja das Kernstück der Erkenntnisse Willi Dickhuts. Ich würde mich freuen, wenn sie Ihre Stellungnahme zu dem Buch »Sozialismus am Ende ?« an mich schicken würden.

Vielleicht noch ein kleiner Hinweis zur Kennzeichnung Willi Dickhuts als »radikalen Sozialisten«. Willi legte nach dem Verrat der Sozialdemokratie im I. Weltkrieg und dem Verrat der modernen Revisionisten seit 1956 viel Wert darauf, sich als »Marxisten-Leninisten« zu bezeichnen, um sich entschieden von den Verrätern der II. Internationale wie auch den »entarteten Kommunisten« abzugrenzen.

Ich hoffe, wieder von Ihnen zu hören.

Mit revolutionären Grüßen

Stefan Engel

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18.5.1992

Georg Fülberth

Friedrich-Naumann-Str. 20

3550 Marburg

Tel. 06421/26171

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Stefan Engel

Fischerstr. 52

4650 Gelsenkirchen

Lieber Genosse Engel,

haben Sie Dank für den traurigen Brief, den Sie mir senden mußten.

Ich habe für die „Sozialistische Zeitung" und die UZ einen Nachruf geschrieben. Eine Kopie sende ich Ihnen hier.

Mit sozialistischem Gruß

Georg Fülberth

Anlage:

Willi Dickhut gestorben

Am 8. Mai 1992, kurz nach seinem achtundachtzigsten Geburtstag, ist Willi Dickhut gestorben. Sein Leben war geprägt vom politischen Kampf in der kommunistischen Bewegung: zunächst in der KPD, dann in anderen kommunistischen Gruppen und Parteien.

Er wurde 1904 in Solingen geboren, lernte Schlosser und Dreher und trat 1926 der KPD bei. 1928/29 arbeitete er in seinem Beruf acht Monate in der Sowjetunion und war in dieser Zeit Mitglied der KPdSU. Von 1933 bis 1935 war er im faschistischen Konzentrationslager. In den folgenden Jahren leistete er Widerstandsarbeit. 1938 war er neun Monate in Untersuchungshaft. Im August 1944 wurde er erneut verhaftet, konnte fliehen und blieb bis zum Einmarsch der US-Amerikaner im April 1945 in der Umgebung seiner Heimatstadt Solingen untergetaucht. Von 1949 bis 1952 war er Leiter der Kaderabteilung der Landesleitung Nordrhein-Westfalen und danach erst stellvertretender, dann amtierender Leiter der Kaderabteilung beim Parteivorstand der KPD. 1952-1954 arbeitete er als erster Kreissekretär in Solingen, danach kurze Zeit als Leiter der Landesparteischule, 1955/56 als erster Kreissekretär in Hagen. Beide Orte hatten damals innerhalb der KPD eine herausragende Stellung: Solingen war der Wahlkreis von Max Reimann, dort erhielt seine Partei noch 1953 mehr als zwölf Prozent der Stimmen. Die Hagener Metallindustrie gehörte zu den Schwerpunkten der KPD-Gewerkschaftspolitik. Nach dem KPD-Verbot war Willi Dickhut illegal für seine Partei tätig. Als er 1958 als "Unabhängiger" für den Landtag von Nordrhein-Westfalen

kandidierte, wurde er zu acht Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt. Er arbeitete jetzt wieder in seinem Beruf als Schlosser, bis 1969. Den XX. Parteitag der KPdSU hielt er für eine folgenschwere Abirrung vom Leninismus. 1966 wurde er wegen seiner positiven Haltung zur Politik der Kommunistischen Partei Chinas aus der KPD ausgeschlossen. Er wurde 1969 Mitglied der KPD/ML, war Begründer und Verantwortlicher Redakteur von deren theoretischem Organ "Revolutionärer Weg“ sowie bis März 1970 Landesvorsitzender von Nordrhein-Westfalen. Im 1972 gegründeten "Kommunistischen Arbeiterbund Deutschlands" (KABD) gehörte er der Zentralen Kontrollkommission an und war seit 1982 Mitglied der damals neuentstandenen MLPD. Seit Ende der fünfziger Jahre war er in Solingen in der IG Metall sehr aktiv.

Er hat ein umfangreiches theoretisches Werk hinterlassen, darunter eine zweibändige, 892 Seiten starke Schrift „Der staatsmonopolistische Kapitalismus" sowie das Buch "Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion". Sehr lesenswert sind die beiden Bände seiner Lebenserinnerungen: "So war's damals...Tatsachenbericht eines Solinger Arbeiters 1926-1948", Stuttgart 1979, und "Was geschah danach? Zweiter Tatsachenbericht eines Solinger Arbeiters ab 1949", Köln 1990.

Willi Dickhut war eine streitbare und kämpferische Natur. Er legte großen Wert darauf, sich selbst als "Marxisten-Leninisten" zu kennzeichnen, um sich von "Sozialisten", die durch den Verrat der zweiten Internationale stigmatisiert seien, und von "revisionistischen" Kommunisten zu unterscheiden. Doch bei aller Schärfe der von ihm selbst forcierten Abgrenzungen trennte er zwischen der harten sachlichen Auseinandersetzung, die er für unentbehrlich hielt, und persönlicher Diffamierung, welche er ablehnte. Der zweite Band seiner Erinnerungen macht Verletzungen deutlich, an denen er litt. Eine davon sei genannt:

Ab 1950 wurden KPD-Funktionäre, die während des Faschismus in Westemigration waren, abgelöst, in die DDR beordert und dort vernommen, einige auch verhaftet und zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Der Kaderleiter der KPD – Dickhut nennt ihn „Ferdi“ - war davon ebenfalls getroffen, sodaß Willi Dickhut nun faktisch dieser Abteilung vorstand. Diesem ist später vorgeworfen worden, er habe bei den Verfolgungen mitgewirkt. In seinem Buch legt er hinreichend klar, daß die Repressionsmaßnahmen ausschließlich von der SED (sie war in diesem Punkt offensichtlich der verlängerte Arm des sowjetischen und des ostdeutschen Geheimdienstes) veranlaßt wurden und daß die Kaderabteilung der KPD lediglich die technischen Bedingungen der Reisen von der BRD in die DDR gewährleistete, um die sie sich auch sonst bei dem Kaderverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten zu kümmern hatte. Während des Verfalls der DKP sind führenden Funktionären der ehemaligen KPD ähnliche Vorwürfe wegen ihres Verhaltens 1950 ff. gemacht worden. Dickhuts Buch trägt hier viel zur Klärung bei, wie es überhaupt eine wichtige Quelle für die legale und illegale Arbeit der Kommunistinnen und Kommunisten in jenen Jahren ist.

Willi Dickhuts Weg durch die kleine, aber bewegte Welt der sogenannten K-Gruppen mag von manchen als Beispiel für Isolierung genommen werden. Die Wahrheit ist, daß niemand unter den Linken der BRD frei davon ist oder auch nur frei davon sein könnte. Über alle politischen Gegensätze hinweg bleibt das Bild eines tapferen und ungebrochenen Mannes, eines herausragenden Vertreters einer vielgeprüften Generation von Kommunistinnen und Kommunisten.

Georg Fülberth

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