Briefwechsel und Dokumente von Stefan Engel zum System Revolutionärer Weg

Briefwechsel und Dokumente von Stefan Engel zum System Revolutionärer Weg

Blaue Beilage: 15 Jahre Große Proletarische Kulturrevolution

15 Jahre Große Proletarische Kulturrevolution

Die Millionenstadt Shanghai 1966: Überall diskutieren Menschen, Jugendliche belagern das Rathaus, Arbeiter streiken, diskutieren und besetzen die Büros von Zeitungen. Die Kulturrevolution in den ersten Monaten, scharfe Auseinandersetzungen – ein „Chaos“?

Nein, eine Revolution. Eine Revolution unter weitaus schwierigeren Bedingungen als der Kampf gegen die japanischen Imperialisten oder ihre chinesischen Mitläufer: Damals waren die Fronten klar gewesen, in der Kulturrevolution aber kamen die Kräfte, die zurück zu einem kapitalistischen Ausbeutersystem wollten, gerade mit revolutionären Sprüchen daher. Wieso gibt es im Sozialismus noch Klassenkämpfe, die so scharf ausgetragen werden?

Jan Myrdal, ein schwedischer Journalist, beschreibt die Entwicklung der neuen Bürokratie in seinem Buch „China – die Revolution geht weiter“:

Die Entwicklung verlief überall in China gleichartig. Die Kader fingen an, sich als Beamte zu fühlen, und redeten sich ein, daß das Volk ja doch nicht so viel verstünde. Die vor nicht langer Zeit gestürzte Grundbesitzerklasse gewann allmählich Beziehungen, heiratete in die Familien der Kader hinein, lachte freundlich und machte Verbeugungen. Ihre Kinder waren es, die höhere Schulen besuchten und bessere Zeugnisse erhielten, doch wenn die Rede auf den Klassenkampf kam, sagten die jungen Kader nur: 'Die Leute reden so viel.'(S. 45)



Gegen bürgerliche Autoritäten

Sozialismus, das bedeutet, daß die Arbeiterklasse im Bündnis mit den armen Bauern die Macht ausübt. Sie bestimmen, wo es lang gehen soll: in der Wirtschaft, in der Politik, im Bereich der Kultur und der Erziehung. Aber es reicht nicht, wenn jede Maßnahme „im Namen der Arbeiterklasse“ getroffen wird. Auf die Arbeiter und Bauern beriefen sich nun auch jene, die nur das eigene Interesse im Sinn hatten.

Besonders im Bereich der Kultur, der Wissenschaft und Erziehung führten die alten, bürgerlichen „Autoritäten“ das Wort.

Zu Beginn der sechziger Jahre wurde der Widerspruch immer deutlicher: Einerseits der Wille der Arbeiter und Bauern, trotz aller Widerstände und Schwierigkeiten den Sozialismus aufzubauen. Und auf der anderen Seite bürgerliche Experten und Bürokraten in den alten kapitalistischen Gleisen. „Ministerium für Kaiser, Könige, Generäle und Kanzler, Ministerium für junge Gelehrte und anmutige Schönheiten oder Ministerium für tote Ausländer“ nannte Mao Tsetung beispielsweise das Kulturministerium. Oder das Ministerium für Gesundheitswesen, das besser „Gesundheitsministerium für städtische Herrschaften“ heißen sollte: es kümmerte sich kaum um die medizinische Versorgung der Landbevölkerung.



Wer erzieht die Jugend?

Besonders scharf stellte sich die Frage im Erziehungswesen: Die Arbeiter und Bauern schickten Kollegen zum Studium auf die Hochschule. Viele kamen gar nicht an, denn mit Beziehungen ergatterten immer noch meistens Bürgersöhne oder Kinder gewisser Funktionäre die wenigen Studienplätze. Zurück kamen die jungen Leute nicht als ausgebildete Kämpfer für den Sozialismus – sondern als eingebildete, ehrgeizige Spezialisten. „Die Schule besuchen, um sich einen Namen zu machen“, und: „Aus der Schule hervorgehen als Spezialist, als hochgestellte Persönlichkeit, die in der gesellschaftlichen Rangordnung hervorragende Ämter bekleiden und viel Geld verdienen wird“ – das war das Motto von Jiang Nanxing, dem Rektor der Pekinger Universität bis zur Kulturrevolution.

Wie sollte unter diesen Bedingungen der Sozialismus aufgebaut werden? Es war so, wie der REVOLUTIONÄRE WEG 19 schreibt: „Die sozialistische ökonomische Basis kann sich so lange nicht konsolidieren, wie im Überbau, in Verwaltung, Regierung und Partei, in Theater, Presse und Kultur nicht die Interessen der Arbeiter und Bauern die Politik bestimmen.“

Die „Basis“, das ist das sozialistische Eigentum. Doch ohne wirkliche Kontrolle der Arbeiter über alle Bereiche der Gesellschaft wird das ein leerer Spruch: Was nützt es, wenn am Fabriktor steht „Volkseigener Betrieb“ und drinnen herrscht ein bürokratischer Betriebsdirektor und jeder Arbeiter schafft nur für sich? Da mußte es früher oder später zu einem Zusammenstoß kommen. Mao Tsetung und viele Kommunisten in China wußten: Es nutzt nichts, einzelne Vertreter dieser revisionistischen Linie abzusetzen. Es kommt auf das Bewußtsein der großen Masse an.

1964 bereits spitzten sich die Widersprüche zu. Die Peking-Oper wurde aufs Korn genommen. Statt alter Kaiser und Könige sollen die Arbeiter, ihr Leben und ihr Kampf auf die Bühne. Dabei sollten die überlieferten künstlerischen Formen bewahrt und mit neuen Inhalten verbunden werden. Die moderne, revolutionäre Peking-Oper entstand.

Aber der Widerstand der Herrschaften mit Privilegien formierte sich.

Die Diskussion entzündete sich an dem Theaterstück „Hai Jui wird entlassen“. Verpackt in die historische Sage von den Beamten Hai Jui, der den Kaiser kritisiert und zu Unrecht entlassen wird, verfolgte der stellvertretende Bürgermeister von Peking, Wu Han, politische Ziele. Wu Han, ein Vertrauter des damaligen Staatspräsidenten Liu Shaoqi, hatte das Stück auf die Absetzung von Funktionären 1959 durch das Zentralkomitee der KP Chinas gemünzt.



Diskussion um ein Theaterstück

Der Mann den er da als mutigen „Hai Jui“ verklärte, forderte die Rückkehr zu kapitalistischen Methoden in der Wirtschaft. Und der selbstgefällige „Kaiser“ sollte niemand anderer sein als Mao Tsetung.

In Shanghai gab es heiße Diskussionen um eine Kritik an dem Stück, die Jao Wenyuan, ein junges Parteimitglied, verfaßt hatte: Er nannte den politischen Inhalt beim Namen. Doch zunächst verhinderten einflußreiche Freunde von Wu Han und Liu Shaoqi die Veröffentlichung.

Ein Komitee für die Kulturrevolution wurde eingesetzt. Ausgerechnet der Pekinger Bürgermeister Peng Dschen sollte die Kritik an dem Machwerk seines Stellvertreters organisieren. Schon hier zeigte sich, daß es selbst im Zentralkomitee Leute gab, die zurück wollten zu den alten, kapitalistischen Zuständen. Nicht offen, aber insgeheim.



Kulturrevolution

An einem Theaterstück brachen also die Widersprüche offen auf. Mit dem „Rundschreiben vom 16. Mai 1966“ kritisierte das ZK der KP Chinas die „Thesen über die Kulturrevolution“, die Peng Dschen eigenmächtig herausgegeben hatte:

  • Die „Thesen“ wollten aus der Kritik an dem „Hai Jui“-Stück und der ganzen Kulturrevolution eine „akademische Diskussion“ machen. Die Kritik an dem politischen Inhalt sollte verboten werden.

  • Die „Thesen“ lenkten vom Klassencharakter der Auseinandersetzung ab: bürgerliche Meinung, sozialistische Meinung, alles sollte gleichberechtigt nebeneinander stehen. Doch es ging ja um mehr: Um die Frage, ob das alte Ausbeutersystem wieder errichtet wird.

  • Schließlich stemmten sich die „Thesen“ mit aller Kraft gegen die umfassende Kritik durch die Massen. Den Rebellen, die die Zugeständnisse an den Universitäten und Schulen bekämpften, sollten alle möglichen Verbote und Beschränkungen auferlegt werden.

In dem Rundschreiben des Zentralkomitees wird klar und deutlich die politische Absicht genannt, die die „Thesen“ verbergen wollten: „Die Repräsentanten der Bourgeoisie, die sich in die Partei, in die Regierung, in die Armee und in die verschiedenen Bereiche der Kultur eingeschlichen haben, sind ein Häuflein von konterrevolutionären Revisionisten; sie werden, sobald die Zeit dafür reif ist, die politische Macht an sich reißen und die Diktatur des Proletariats in die Diktatur der Bourgeoisie umwandeln.“

Der Startschuss für die Massenkritik an den bürgerlichen Ansichten war gefallen. Beide Dokumente, das Rundschreiben des Zentralkomitees und Peng Dschens „Thesen“, wurden in der Partei zur Diskussion gestellt. Was sich an falschen Ansichten, an Fehlern und an Kritik in den Jahren seit dem Großen Sprung angestaut hatte, das prallte nun mit aller Schärfe aufeinander.

Mit einzelnen Kritiken und Verbesserungsvorschlägen war es nicht mehr getan. Zu sehr hatten sich die „Machthaber auf dem kapitalistischen Weg“ von den Interessen des Volkes entfernt.

Nun beginnt die Massenkritik, die revolutionäre Aktion auf der Straße, mit Demonstrationen und Wandzeitungen. Die Kulturrevolution sollte den ganzen Bereich des Erziehungswesens, der Literatur, Betriebsorganisation, also des „Überbaus“ umwälzen.



Das Hauptquartier bombardieren!“

In Peking begann es am 1. Juni in der Universität mit der Erstellung von großen Wandzeitungen (Dazibaos) .

Sollen wir nur den ausländischen Größen alles nachbeten – oder auf die eigene Kraft, auf die Erfahrungen der Arbeiter vertrauen?“ und Keine unnützen Prüfungen, die Arbeiter und Bauern von den Hochschulen ausschließen!“ So griffen die Studenten die akademischen Größen an.

Auch Mao Tsetung schrieb am 1. August in Peking ein Dazibao unter der Überschrift „Das Hauptquartier bombardieren“. Gegen die einflußreichen bürgerlichen Autoritäten in der Partei sollte sich die Kritik richten.

Am 8. August 1966 veröffentlichte das ZK der KP Chinas den Beschluß über die Große Proletarische Kulturrevolution. In 16 Punkten werden die Massen der Arbeiter und armen Bauern sowie der Soldaten zur Kulturrevolution aufgerufen. In dem Rundschreiben heißt es:

Die Große Proletarische Kulturrevolution, die sich jetzt entfaltet, ist eine große Revolution, die die Seele der Menschen berührt, und stellt in der Entwicklung der sozialistischen Revolution unseres Landes ein neues Stadium dar, das noch tiefer und weiter als das vorangegangene ist. (…) Obwohl die Bourgeoisie gestürzt worden ist, versucht sie immer noch, die alten Ideen, die alte Kultur, die alten Sitten und Gebräuche der Ausbeuterklasse zu verwenden, um die Massen zu korrumpieren, ihre Herzen zu gewinnen und das Ziel der Restauration mit allen Kräften zu erreichen. (…) Da die Kulturrevolution eine Revolution ist, stößt sie unvermeidlich auf Widerstand. Dieser kommt hauptsächlich von jenen Machthabern, die sich in die Partei eingeschlichen haben und den kapitalistischen Weg gehen. (…) Der Ausgang dieser großen Kulturrevolution wird davon bestimmt sein, ob die Parteiführung es wagt oder nicht, kühn die Massen zu mobilisieren.“



Die „Roten Garden“

Überall schließen sich nun die Jugendlichen zu „Roten Garden“ zusammen. Sie ziehen aufs Land, sie diskutieren mit Arbeitern in den Fabriken und Bauern auf dem Feld – während sie selbst an der Arbeit teilnehmen. Chinas Jugend greift den Aufruf Mao Tsetungs und der KP Chinas begeistert auf. Sie wird zur treibenden Kraft gegen die überkommenen Vorurteile, gegen bürokratische Strömungen und die Wiederherstellung des Ausbeutersystems.

Im August kommen Rote Garden aus Peking nach Shanghai. Die Revisionisten versuchen alles mögliche, um sie als „wilde Gruppen“ in schlechten Ruf zu bringen und zu isolieren. Am 31. August begibt sich eine Delegation der Pekinger Roten Garden zur Shanghaier Stadtverwaltung, wird dort aber nicht empfangen. Daraufhin besetzen die Roten Garden bis zum 4. September die Umgebung des Rathauses.

Wir versuchten, mit den Leuten zu sprechen und verteilten die 16-Punkte-Erklärung vom 8. August. Die meisten Leute konnten es nicht verstehen, daß die Stadtverwaltung uns nicht empfangen hatte. Einmal kamen Anhänger von Liu und wollten uns vertreiben. Wir hielten aber zusammen und wehrten uns. Da gab es dann manche blutige Nase.“

Den Pekinger Roten Garden gelang es, Kontakt mit Jugendlichen herzustellen und Kontakte zu Arbeitern zu knüpfen. Als die Agenten Lius merkten, daß der Einfluß der Roten Garden wuchs und ihre Hetze nicht so erfolgreich war, wie sie hofften, riefen sie die Arbeiter Shanghais zum offenen Kampf gegen die Studenten und Schüler auf. Aber mit diesen Manövern hatten sie die Arbeiter unterschätzt. Die waren sehr wohl in der Lage, zwischen schwarz und weiß, richtig und falsch, zwischen ihren Interessen und denen von Chen, Liu und Deng zu unterscheiden.

Die Rebellion der Shanghaier Arbeiter nahm in der Textilindustrie ihren Anfang, genauer gesagt, ging sie von der Fabrik Nr. 17 aus: „Wieso sollen wir gegen die Schüler und Studenten vorgehen? Ich kann nichts falsches in ihren Handlungen erkennen. – Es soll sich aber um Aufrührer handeln, die der Volksrepublik viel Schaden zufügen. – Meine Schwester erzählte mir, daß sie gesehen hat, wie es vor dem Rathaus zu Schlägereien gekommen ist. Wir müssen die Stadtverwaltung auffordern uns zu sagen, was los war. Außerdem sollten wir uns selbst mit den Roten Garden unterhalten. – Ja, wir müssen prüfen, wer hier den richtigen Weg und wer den kapitalistischen Weg geht.“



Die Stadt stand Kopf …“

Im November 1966 gründeten die Shanghaier Arbeiter das „Hauptquartier der revolutionären Arbeiterrebellen Shanghais“. Lassen wir Huang, Verantwortlicher für die Revolutionskomitees der Stadt Shanghai berichten:

In den Wohnhäusern, in den Familien, in den Autobussen – überall geriet man aneinander. Der Verkehr war von Trupps, die sich auf der Straße bildeten, blockiert. Bei den Trolleybussen, die die Arbeiter auf dem Heimweg benutzten, konnte es passieren, daß der Fahrer anhielt, um sich selbst an den Diskussionen seiner Fahrgäste zu beteiligen. An den Fabriktoren stritt man sich. Bis zwei Uhr morgens war die ganze Stadt auf den Beinen; die Nacht schlug man sich mit Debatten um die Ohren, kein Mensch ging mehr schlafen. Der Kampf setzte sich in den Familien fort – zwischen Vater und Sohn, Mann und Frau. Wenn Sie mich fragen, ob man sich auch schlug, dann würde ich sagen: Nein, aber es war so, daß manchmal auch Eheleute nach vielstündigen Diskussion eine Zeit lang nicht mehr miteinander sprachen. Die Stadt stand Kopf, die Transporte waren blockiert, der Hafen lag für eine Weile still, die elektrische Versorgung war unterbrochen. Die Feinde der Revolution, die zeitweise die Kommandohebel der Stadt in der Hand hielten, sorgten dafür, daß es drunter und drüber ging.“

Die beiden Agenten Lius in Shanghai, Chen und Cao, kamen jetzt mit der „ökonomistischen Welle“, um die Arbeiterrebellen zu behindern und die Revolution aufzuhalten:

Liebe Genossen, nach gründlicher Untersuchung ist die Stadtverwaltung zu der Ansicht gekommen, daß wir euch rückwirkend für eure guten Leistungen eine Sonderprämie auszahlen werden. In Zukunft werden wir die Erfüllung des Planes und deren Überschreitung durch besondere Prämien belohnen. Auch werden besonders fleißige Arbeiter Extraprämien bekommen, damit sie weiterhin so fleißig arbeiten werden.“ Sie wiegelten sogar Arbeiter zu Streiks auf.

Dann aber begannen die Diskussionen erst: „Sollen wir unsere Gesellschaft auf Bestechung aufbauen?“ fragten die Arbeiterrebellen. „Seid ihr nicht zu stolz, daß ihr für ein paar Yuan mehr die Macht aus der Hand gebt?“ „Aber man muß auch leben!“ „Erinnert euch an das alte Ausbeutersystem – konntet ihr da leben?“

Schließlich beendeten die Streikenden ihre Aktion und vereinten sich mit den Rebellen.



Revolutionskomitees

Nun wurde immer deutlicher, daß es an der Zeit war, Chen und Cao aus ihren Machtpositionen zu entfernen. Im Januar 1967 konnten die Arbeiter die beiden Shanghaier Zeitungen erobern. Die Zeitungen enthüllten die vorgefallenen Sabotageakte. Um die Macht noch weiter auszubauen, gründeten die Arbeiterrebellen im Februar die „Revolutionskomitees von Shanghai“.

Die Revolutionskomitees stützten sich auf die Dreierverbindung von revolutionären Kadern, den Massen und der Volksbefreiungsarmee. Diese Dreierverbindungen entstanden auf allen Ebenen, in den Fabriken und Verwaltungen des Landes. Die Arbeiter setzten mit den Revolutionskomitees die alten Bürokraten und die „Machthaber, die den kapitalistischen Weg gehen wollten“ ab, sie übernahmen selbst die Führung der Fabriken und Verwaltungen.

Im Beschluß über die „Proletarische Kulturrevolution“ heißt es dazu:

Es ist notwendig, ein allgemeines Wahlsystem ähnlich dem in der Pariser Kommune einzuführen, nach dem die Mitglieder der Kulturrevolutionsgruppen und -komitees und die Delegierten zu den Kulturrevolutionskongressen gewählt werden. Die Kandidatenlisten sollen nach gründlicher Erörterung von den revolutionären Massen aufgestellt und die Wahl soll vorgenommen werden, nachdem die Listen von den Massen wieder und wieder erörtert worden sind.

Die Massen sind berechtigt, die Mitglieder der Kulturrevolutionsgruppen und -komitees und die Delegierten zu den Kulturrevolutionskongressen jederzeit zu kritisieren. Wenn sich die Mitglieder oder Delegierten als unfähig erweisen, können Sie nach Erörterung von den Massen durch Wahl ersetzt oder abberufen werden.“ (Dokumente der Großen Proletarischen Kulturrevolution, S. 165)

Nach etwas mehr als einem Jahr war Liu Shaoqi, oberster Vertreter der revisionistischen Linie in der Partei und seine Kumpane so weit bloßgestellt, daß das Zentralkomitee ihn absetzte und aus der Partei ausschloß. Doch die Diskussionen liefen weiter. Schließlich ging es nicht allein darum, Leuten wie Liu oder Deng Xiaoping das Handwerk zu legen.

Die Menschen wollten weiterkommen. Sie wollen kritisch und selbstkritisch ihr Leben gestalten. Sie wollen die gewaltige Kraft freisetzen, die in den Erfahrungen der Arbeiter und Bauern steckt. Sie wollen nicht zuletzt bei sich selbst aufräumen mit dem alten kapitalistischen Bewußtsein.



Rede Stefan Engel zum Ausscheiden von Monika Gärtner-Engel aus 20 Jahren Ratsarbeit

Stefan Engel, 12. September 2019, Gelsenkirchen

Würdigung von Monika Gärtner-Engel für 20 Jahre Tätigkeit als Stadtverordnete im Rat der Stadt Gelsenkirchen

Liebe Anwesende, liebe Freunde und Genossen

Ich wurde gebeten, heute eine Würdigung für die 20 Jahre Kommunalpolitik von Monika Gärtner-Engel zu halten, weil ich mit ihr seid nunmehr 3 Jahrzehnten aufs engste politisch zusammenarbeite, wir zeitweilig sogar eine Lebensgemeinschaft hatten und bis heute aufs engste befreundet sind.

Die Würdigung einer Person kann nicht allein ihrer persönlichen Wertschätzung dienen.Sie muss immer auch das für uns alle vorbildhafte herausschälen und allgemeine Schlussfolgerungen ziehen.

1. Die Idee von einem personenbezogenen Bündnis entstand vor 21 Jahren.

Es gab viele linke kommunalpolitische Bündnisse mit verschiedenen Organisationen, die mal an irgendeinem Punkt scheiterten oder sich auflösten.

Es waren oft Bündnisse, in denen Kompromisse gemacht wurden, die irgendwann nicht mehr hielten.

Die Idee war eine Kommunalpolitik mit Leuten, die sich aktiv für die Interessen der Menschen in der Stadt, die keiner parteipolitischen Richtung angehören und trotzdem oft hervorragende kommunalpolitische Kompetenzen aufweisen, zu machen.

Wie oft – ich habe das selbst erlebt in meiner 11,5-jährigen Tätigkeit im Wirtschaftsausschuss - werden gute Vorschläge in der Kommunalpolitik allein wegen parteipolitischer Taktik behindert oder gar verhindert.

2. Dieses personenbezogene Bündnis musste wirklich überparteilich sein, weltanschaulich offen, die breiteste Demokratie entfalten und eine finanzielle Unabhängigkeit garantieren.

3. Monika war für die Spitzenkandidatur für diese Art von Kommunalpolitik die ideale Besetzung.

Das zeigte sich schon bei der Entstehung von AUF Gelsenkirchen, indem sie die unterschiedlichsten politischen Lebensläufe zu einer Einheit zusammenfügte und stets gleichberechtigt und respektvoll mit allen zusammenarbeitete.

4. Sie hatte sich vorher bereits für die wirkliche Überparteilichkeit in den Selbstorganisationen der Massen, in der Gewerkschaftsarbeit, in der Frauenarbeit stark gemacht.

Auf dieser Basis wurde in den 1990ger Jahren der überparteiliche Frauenverband Courage gegründet, den sie damals maßgeblich als Vorstandsfrau mit aufgebaut, die bundesweiten Frauenpolitischen Ratschläge sowie die zwei Weltkonferenzen der BasisfFrauen in Venezuela und Nepal initiiert und mitorganisiert hat.

5. Manche halten es für unvereinbar, wenn sie als öffentliche und führende Repräsentanten der Marxisten-Leninisten in Deutschland zugleich auch das Wahlbündnis AUF gestalten und mit Leben füllen sollen.

Diese Widersprüchlichkeit konnte Monika überzeugend auflösen.

Ich erinnere mich noch gut, wie wir alle als kommunalpolitische Anfänger sehr viel zum Beispiel von der Sachkompetenz des ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Stadtrat Hans-Josef Kups profitierten oder auch von Künstlern, Lehrern und anderen Parteilosen.

Wir hatten ja wenig Ahnung von den ganzen Regeln, wie stellt man Anträge, bereitet sich vor, wie läuft das in dem Stadtrat ab.

Er erarbeitete für uns ein Buch, in dem er ein Anleitung gab für alle diese Fragen.

Er hat für AUF viel Arbeit geleistet.

6. Auch wenn die Mitglieder der MLPD einen wichtigen Teil dieses Wahlbündnisses ausmachten, so fühlten sich dennoch ehemalige Sozialdemokraten, CDU-Mitglieder, Mitglieder der Grünen, der Linkspartei oder auch Parteilose in dem(?) zeitweise 300 Mitglieder umfassenden AUF Gelsenkirchen gut aufgehoben und repräsentiert.

Mit ihnen allen arbeitet Monika immer auf Augenhöhe ohne Vorbehalt zusammen und versuchte nie knifflige Fragen einfach durch Mehrheitsentscheidungen herbeizuführen, sondern sachlich und überzeugend auszutragen.

Die WAZ versah AUF Gelsenkirchen jahrelang in ihren raren Artikeln mit dem Zusatz, dass AUF Gelsenkirchen quasi eine Tarnorganisation der MLPD sei.

Gut abgeschrieben vom Verfassungsschutz.

Diese unsinnige Behauptung wird auch dadurch nicht wahrer, wenn sie seit 20 Jahren gebetsmühlenartig vom Verfassungsschutz oder der WAZ wiederholt wird.

Sie haben das Prinzip der Überparteilichkeit nie wirklich begriffen, wollten das wohl auch nicht.

Diese wirkliche Überparteilichkeit war eine Schlussfolgerung aus dem Faschismus.

Vor dem Faschismus gab es z.B. verschiedene Gewerkschaften, gelbe, rote Gewerkschaft, sozialdemokratische Gewerkschaft - es wurde dann eine überparteiliche Einheitsgewerkschaft.

Warum sollen die Arbeiter sich parteipolitisch spalten, wenn sie eine Gewerkschaft gründen, wenn sie einen Frauenverband gründen oder andere Selbstorganisationen.

Das war der Grundgedanke bei der Gründung von AUF und darüber lassen die Mitglieder auch nichts kommen!

Überparteilichkeit bedeutet auch, dass es keinerlei Ausgrenzung etwa von Sozialdemokraten, Grünen, Parteilosen oder Marxisten-Leninisten gibt.

Etwas anderes ist das unsinnige, auch verfassungswidrige Verbot, dass bei Demonstrationen nicht mit Parteifahnen aufgetreten werden dürfe oder Parteien sich zurückzuhalten hätten.

Das ist verfassungswidrig, wird aber zum Teil gemacht.

Vor allem in der Jugendbewegung fridays for future ist das sehr verbreitet.

Wir haben das zurückgewiesen, weil es das vor 100 Jahren erkämpfte Koalitionsrecht ,wo jede Partei ihre Fahne tragen darf, mit Füßen tritt.

7. Monika war ihre Rolle im Rat durchaus nicht zugeflogen.

Sie hat sich während dieser Zeit ihre Standfestigkeit systematisch erkämpft.

Ich erinnere mich noch gut, wie sie nach den ersten Ratssitzungen vor 20 Jahren einen regelrechten Horror entwickelt hatte, zu diesen Sitzungen zu gehen und sich die blödsinnigen Kommentare bürgerlicher Parlamentarier gefallen zu lassen.

Ich kenne das selbst auch aus dem Wirtschaftsausschuss, da fangen sie gleich an zu schreien, wenn man beginnt zu reden, lassen einen nicht ausreden, stehen auf usw.

Monika hat sich aber durchgekämpft, sich gut vorbereitet und gelernt, diese oft unter der Gürtellinie geführten Attacken entsprechend zu parieren.

Später hat sie sogar eine erzieherisch Rolle eingenommen, sie hat die Streitkultur so entwickelt, dass so etwas nicht durchkommt, sie war ein regelrechter Mentor in der Streitkultur.

Der Höhepunkt der Diskriminierung war ein - ohne Wissen und Kenntnis von Monika und mir - verhängter Gerichtsbeschluss vor einem Hamburger Gericht, dass es Monika und mir bei 250.000 € Strafe oder entsprechender Gefängnisstrafe untersagt sei zu behaupten, dass beim Hans-Sachs-Haus Millionen am Rat der Stadt vorbei in die Taschen der Investoren fließen.

Dieses Gerichtsurteil wurde ohne unser Wissen herbeigeführt.

Wir haben das am Samstag aus der WAZ erfahren.

Die Stadtspitze hatte tatsächlich „Gefahr in Verzug“ gesehen und diesen Prozess im Geheimen veranlasst.

Erst in der Berufung konnte dieser Gerichtsentscheidung in einer vierstündigen Gerichtsverhandlung zurückgewiesen werden.

Der Richter erinnert sich heute noch an den Prozess.

Das war einzigartig.

Monika kam mit einem Koffer mit 8 Aktenordnern, wir haben alle Argumente so minituitiös widerlegt, dass der Richter nur so staunte.

Wir haben dem Staranwalt der Stadt, der 280,- € in der Stunde kostete, eine derartige Niederlage verpasst, dass er heute noch daran denkt.

Das Gericht bestätigte die Berechtigung dieser Aussage und ging sogar noch einen Schritt weiter, indem sie den Verdacht der Untreue der Verantwortlichen der Stadt in den Raum stellte.

8. Eine große Stärke von Monika war immer ihre Fähigkeit zur Recherche, zur treffenden Analyse der Dinge, die im Kommunalparlament behandelt wurden.

Sie konnte tagelang Akteneinsicht nehmen, in irgendeinem Zimmer, beobachtet von Beamten, sie durfte nichts kopieren, nichts fotografieren, sie schrieb alles detailliert ab und brachte so wichtige Details an die Oberfläche, die selbst vielen der Parlamentarier nicht bekannt waren.

Die Aufklärung über bestimmte Sachverhalte beeinflusste die Kommunalpolitik, aber auch die Beschlusslage, auch wenn niemand der bürgerlichen Parteien von SPD bis Grüne das zugeben würde.

Ich erinnere an den Beschluss, dass das Hans-Sachs-Haus abgerissen werden sollte und ein Parkplatz darauf entstehen sollte.

Wir haben dann eine Volksbefragung durchgeführt.

Wir hatten innerhalb von 4 Wochen 10.000 Unterschriften von Wahlberechtigten gesammelt.

Der Beschluss musste umgekehrt werden.

Es ist unser Erfolg, dass dieses Hans-Sachs-Haus heute noch steht.

9. Monika gab sich nie mit oberflächlichen Antworten zufrieden, sondern blieb an der Sache, bis es zu Ende geklärt und zu einer Entscheidung gekommen war.

Sie machte sich zwar nie Illusionen, dass ihre Vorschläge und Argumente aufgegriffen werden, aber ihre Analysen trugen dazu bei, das politische Bewusstsein vieler Menschen zu erhöhen und ihnen von außen zum Teil nicht nachvollziehbare Zusammenhänge in der Kommunalpolitik besser darzubringen.

Ein Hindernis war sicherlich, dass viele ihrer Argumente und Untersuchungsergebnisse in der WAZ nicht veröffentlicht wurden.

10. Monika hat sich weder von der Presse noch vom Rat vom Antikommunismus einschüchtern lassen.

Es braucht schon ein starkes Rückgrat, den seit 20 Jahren systematisch betriebenem Antikommunismus auszuhalten oder sogar zu parieren.

Natürlich darf niemand, der offiziell in SPD oder CDU oder Grüne ist, zugeben, dass sie sich aufgrund ihrer Sachkompetenz und Streitkultur einen großen Respekt erworben hat.

Dieser große Respekt bei Freunden und politischen Gegnern

ist aber eine unübersehbare Tatsache.

Der Antikommunismus ist und bleibt nach Thomas Mann nicht nur die Grundtorheit des 20. Jahrhunderts, sondern ist auch im 21. Jahrhundert eine der undemokratischsten Gepflogenheiten der heutigen bürgerlichen Demokratie.

Als Staatsräson muss man über den Kommunismus einfach nicht mehr diskutieren, obwohl sich die Tonlage der Antikommunisten stets weiter verschärft hat.

Heute behauptet man, die Kommunisten seien Antisemiten.

Das ist eine völlig unsinnige Behauptung.

Jeder, der heute außerhalb des bürgerlichen Parteienspektrums gesellschaftspolitisch aktiv wird, wird sich mit diesem Antikommunismus auseinandersetzen und mit ihm fertig werden müssen.

11. Monika hat sich von den niederträchtigen Methoden nicht davon abhalten lassen, eine ausgesprochen demokratische Streitkultur zu pflegen.

Auch wenn sie dabei gelegentlich von der wissenschaftlichen Polemik Gebrauch gemacht hat.

Sie wurde nie gegen andere Leute respektlos oder verletzte deren Würde.

Sie blieb, selbst in der schärfsten Auseinandersetzung, immer respektvoll.

Das wird ihr selbst von vielen politischen Gegnern bestätigt.

12. Monika versteht es gut, das dialektische Prinzip von Kampf und Einheit der Gegensätze anzuwenden, was sich insbesondere in ihrer ausgeprägten Menschenkenntnis ausdrückt.

Sie kann Leute einfach gut einschätzen und sich entsprechend auch auf jeden Gesprächspartner gut einstellen.

Eine schematische Einordnung von Menschen nur aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit oder ihrer gesellschaftlichen Funktion ist ihr fremd.

So zählt Monika zu ihren vielfältigen Gesprächspartnern in ihrer Kommunalpolitik auch evangelische und katholische Pfarrer, den Polizeipräsident, Dezernenten der Stadt, Schuldirektoren usw. Ihre Überzeugungskraft nährt sich zu einem guten Teil in der strikten Anwendung der dialektischen Methode.

Nicht Schwarz/ Weiß–Malerei war ihr Ding, sondern vorbehaltlose differenzierte Betrachtung.

Ich erinnere an die Auseinandersetzung um die Resolution gegen den Antisemitismus im Rat.

Sie betonte einerseits die antirassistische und antifaschistische Grundauffassung von AUF Gelsenkirchen.

Sie kritisierte aber zugleich, dass dieser Antisemitismus-Begriff heute, nach einem Bundestagsbeschluss im Sommer dermaßen überstrapaziert wird, dass selbst eine Kritik an der ultrarechten Regierung Netanjahus in die Schublade des Antisemitismus gerückt wird.

Das ist natürlich ein Unding und zugleich eine Ohrfeige gegen die demokratische Opposition im eigenen Land Israel, aber auch gegen die berechtigten Proteste der Palästinenser,gegen ihre systematische Unterdrückung.

13. Der Vorwurf gegen AUF Gelsenkirchen und Monika, sie würden nur Fundamentalopposition verbreiten, wurde von Monika in den 20 Jahren hinreichend widerlegt.

Sie verbindet ihre unmissverständliche Kritik immer mit konkreten Vorschlägen für eine Lösung.

Sie stellte immer Anträge zum Haushaltsentwurf, reichte Resolutionsvorschläge zu den verschiedensten Themen ein.

Diese positive Grundauffassung hat etwas damit zu tun, dass man sich, auch wenn man seine weltanschaulichen und politischen Ziele von einer anderen, einer sozialistischen Gesellschaft heute noch nicht verwirklichen kann, trotzdem immer auf die Seite der arbeitenden Menschen stellen und für jede konkrete Verbesserung ihrer Lebenslage eintreten muss.

14. Ihr ist es gelungen, immer wieder gemeinsame Schnittmengen mit Ratsmitgliedern anderer Parteien zu suchen, um bestimmte wichtige Forderungen und Stellungnahmen durchzusetzen.

Das fußte nicht auf einem opportunistischen Anbiedern, sondern in ihrer Fähigkeit, die fortschrittlichen Positionen und Anliegen auch anderer Organisationen anzuerkennen und daraus eine gemeinsame Sache zu machen.

Insbesondere wenn es um die Fragen zum Kampf gegen Faschismus, für den Schutz der natürlichen Umwelt, Frauenrechte oder Rechte der Arbeiter im Kampf um ihre Arbeitsplätze usw. ging.

15. Monika hat sich im Laufe der 20 Jahre eine hohe Sachkompetenz in allen wesentlichen Feldern der Kommunalpolitik erworben.

Da niemand mit einer solchen Sachkompetenz auf die Welt kommt, hat sie immer bescheiden den Rat anderer gesucht, die Zusammenarbeit mit jedem, von dem sie der Meinung war, etwas im Sinne der Sache lernen zu können.

Monika war und ist ein Teamworker, weil die kollektive Weisheit der Mensch(heit)en (?) immer höher steht als die einzelner Aktivisten.

Dazu gehört ein disziplinierter Arbeitsstil und ein hohes Organisationstalent, um die ganze Arbeitsfülle überhaupt bewältigen zu können.

Man muss wissen, dass ihre kommunalpolitische Tätigkeit eine ihrer Nebenaufgaben ist.

Sie ist gleichzeitig Hauptkoordiniatorin der internationalen Organisation ICOR, ist Internationalismus-Verantwortliche in der MLPD.

Es ist schon sehr viel, was Monika leistet.

16. Monika entwickelte sich in den letzten 20 Jahren zu einer kommunalen Parlamentarierin im besten Sinne des Wortes.

Trotzdem blieb ihr die Beziehung zu den Menschen, die Teilnahme an den Aktivitäten, Demonstrationen, Protesten oder auch Versammlungen der Leute immer wichtig.

Ihre Kommunalpolitik fußte immer auf der festen Beziehung zu den Aktivitäten von Arbeitern, Jugendlichen, Umweltschützern usw., an denen sie sich persönlich beteiligte.

Die Abgehobenheit vieler bürgerlicher Parlamentarier ist dagegen eine der wesentlichen Kritiken der Bevölkerung, die zu einer regelrechten Vertrauenskrise auswuchs.

17. Eine solche Arbeit von Monika konnte nur gelingen auf der Grundlage ihrer ausgeprägten Selbstlosigkeit.

Nie wollte sie für ihre Aktivitäten eine materielle Gegenleistung.

Für sie war es eine Genugtuung, wenn man in der Sache weiterkam und weitere Menschen in die politische Aktivität einbezogen werden konnten.

Sie führte 20 Jahre lang sämtliche Zuwendungen für ihre Ratsarbeit für AUF Gelsenkirchen ab.

Dabei sind immerhin vom 01.01.2005 – 31.07.2019 85.000 Euro zusammengekommen.

18. Sie verabscheute zugleich jede Art von Bestechung und wenn es nur die kleinsten Sachen sind.

Die Korruption fängt beim ersten Glas Wein an, das man für seine Arbeit entgegennimmt.

Ich hatte selbst einmal das Vergnügen, an solch einer Sitzung teilzunehmen.

Zu einer Ausschreibung zu einer Verpachtung eines Gebäudes an einen Pächter, der die Vorgaben der Stadt unterschritten hatte, fand eine Sitzung statt.

Wo war diese Sitzung?

Sie fand in dem Gebäude von dem Pächter statt.

Und was war aufgebaut?

Ein Riesenbufett mit Essen, Getränken, Torten usw.

Ich wollte ein Glas Wasser bestellen, und man sagte mir, das kann man nicht bestellen, es ist bereits alles bezahlt.

Ich sagte: Ich bezahle mein Wasser.

Das Geld wurde zunächst nicht angenommen. Ich habe dann die 2,50 € auf den Tisch gelegt.

Auch Monika hat ihren Orangensaft usw. immer selbst mitgebracht, um in diese Situation der Bestechung, der Korruption nicht hineinzukommen.

Denn sofort bildet sich ein Gefühl der Verpflichtung gegenüber dem Spender heraus, was auf die politische Meinungsfindung Einfluss nehmen kann.

So etwas Monika war immer fremd.

Sie führt ein bescheidenes, kulturvolles Leben und ist auch stolz darauf.

19. Monika musste in ihrer Ratsarbeit immer aus einer Minderheitsposition im Rat agieren.

Sei es als Einzelmandatsträger von AUF oder in der Gruppe von zwei Ratsmitgliedern oder auch mit dem zeitweiligen Bündnis mit der Linkspartei in einer gemeinsamen Faktion.

Trotz ihrer Minderheitsposition konnte sie, aufgrund ihrer Überzeugungskraft, ihrer Konsequenz, relativ viel bewegen und -

selbst nach Aussagen des Oberbürgermeister Baranowski -

die Ratsarbeit „bunter machen“ und bereichern.

Monika wurde im letzten Jahr wiederholt von Morddrohungen aus der faschistischen Ecke bedroht.

Diese sind Ausdruck eines aggressiven Antikommunismus.

Die Solidarität der demokratischen Öffentlichkeit mit Monika war groß und drückte den großen Rückhalt aus, den Monika in verschiedensten Teilen der Bevölkerung heute genießt.

Wenn Monika nun ausscheidet, so tut sie das nicht, weil sie nicht noch ein paar Jahre auf diesem hohen Niveau weiterarbeiten könnte.

Sie ist noch im jugendlichen Alter von 67 Jahren und kann noch sehr viel leisten.

Sie tut das insbesondere aus der Überzeugung, den nachrückenden Politikern die Möglichkeit zu geben, sich vor der nächsten Kommunalwahl einzuarbeiten und zu qualifizieren.

Auch das bringt zum Ausdruck, dass sie die Sache immer höher bewertet als die Reputation ihrer eigenen Person.

Wir werden sehen, dass Monika sich in ihrem weiteren Leben

nicht aufs Altenteil zurückzieht, sondern weiter politisch aktiv sein wird.

Sie muss bei ihren vielfältigen Aktivitäten allerdings künftig mehr auf ihre Gesundheit achten und,dass der Zahn der Zeit auch an ihr nicht spurlos vorüber gehen wird.

Wir wünschen ihr bei ihrer künftigen Arbeit viel Erfolg, Gesundheit und freuen uns auf eine weitere fruchtbare Zusammenarbeit.

Sie ist und bleibt für uns alle ein Vorbild, die Kommunalpolitik in ihrem Sinne weiterzuführen.

In diesem Sinne

Glück Auf

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente zum System des RW

Stefan Engel, Leiter der Redaktion Revolutionärer Weg

6. August 2019

Lieber Genosse,

vielen Dank für deinen Brief vom 2. Februar 2019. Durch eine langwierige Krankheit und eine schwere Operation am Herzen konnte ich meine Arbeit erst im Juli wieder aufnehmen. Ich habe mir dein Dossier angeschaut und finde es sehr interessant, auch mit vielen Fakten belegt. Du stützt dich auf den RW 35 und untersuchst auch die verschiedensten Methoden, Aussagen des kleinbürgerlichen bzw. imperialistischen Ökologismus usw. Das ist uns sicherlich eine Hilfe für den RW 36, insbesondere für die Kritik an der bürgerlichen Naturwissenschaft.

In einer Frage bin ich allerdings nicht einig. Du sprichst immer wieder von einer »Klimawissenschaft«. Gleichzeitig sagst du aber, dass dieser »Klimawissenschaft« eine »positivistische Weltanschauung und kleinbürgerlich-ökologistische Denkweise« zugrunde liegt. Das passt nicht richtig zusammen. Das widerspricht dem Konspekt zum »Materialismus und Empiriokritizismus.«

Unser RW-Seminar im April hat sich mit einer ähnlichen Frage auseinandergesetzt, nämlich ob man die Medizin gemeinhin als Wissenschaft bezeichnen kann. Wir haben uns dazu mit dem Wissenschaftsbegriff des Marxismus-Leninismus befasst. In unserem Einleitungsreferat heißt es:

»Der Marxismus-Leninismus machte aus der Utopie des Sozialismus eine Wissenschaft. Dafür war es erstens notwendig, dass eine in sich geschlossene marxistisch-leninistische Theorie entwickelt wurde, als Basis für die Wissenschaftlichkeit der sozialistischen Arbeiterbewegung. Zweitens ging es darum, mithilfe der dialektisch-materialistischen Methode eine wissenschaftliche Analyse zu schaffen, die ausgehend von der wissenschaftlichen Theorie die Veränderung der Wirklichkeit fortlaufend analysiert und dabei die theoretische Grundlage immer wieder weiterentwickelt. Drittens teilt sich die wissenschaftliche Betrachtung in eine logische und eine historische Analyse. Die logische Betrachtung erfasst vor allem die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich die revolutionäre Bewegung entwickelt, in Wechselwirkung mit der gesellschaftlichen Entwicklung, während die historische Analyse sich mit der jeweiligen konkreten Situation befasst, in der diese Gesetzmäßigkeiten wirken und in Erscheinung treten.«

An einer späteren Stelle befassten wir uns in dem Referat mit der Frage der Medizin. Einem Genossen wird geantwortet:

»Er verwechselt, dass es natürlich in der Medizin wie in jedem anderen Bereich eine ganze Reihe wissenschaftlicher Experimente und Erkenntnisse gibt, die auch die Grundlage der heutigen Medizin bilden. Dennoch kann man bei der Medizin im marxistisch-leninistischen Sinn nicht von einer Wissenschaft sprechen, da es ihr bis zum heutigen Tag an einer einheitlichen, in sich geschlossenen wissenschaftlichen Theorie und Methode fehlt! Im Grunde reduziert sich die Wissenschaft der Medizin meist auf die einfache Kausalität, reißt die inneren Zusammenhänge der menschlichen Physis und Psyche auseinander und ist kaum in der Lage, die Dinge in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Bei dieser Auseinandersetzung geht es jedoch nicht um die Einordnung der Medizin. Es geht um einen marxistisch-leninistischen Begriff von Wissenschaft. Friedrich Engels unterscheidet explizit zwischen Wissen und Wissenschaft, oder anders gesagt zwischen empirisch begründeten Einzelerkenntnissen und Wissenschaft und stellt klare Kriterien für den qualitativen Sprung vom Wissen zur Wissenschaft auf:

'Die zahllosen, durcheinander gewürfelten Data der Erkenntnis wurden geordnet, gesondert und in Kausalverbindung gebracht; das Wissen wurde Wissenschaft, die Wissenschaften näherten sich ihrer Vollendung, d.h. knüpften sich auf der einen Seite an die Philosophie, auf der andern an die Praxis an.' (»Die Lage Englands«, Marx/Engels, Werke, Bd. 1, S. 550).

Die dialektische Behandlung der Einzelerkenntnisse als Wissenschaft besteht also nach unseren Klassikern sowohl in ihrer systemischen dialektischen Darstellung wie auch in ihrem Bezug zur Praxis. Wissenschaft auf Wissen oder auf die Praxis zu reduzieren offenbart ein rein positivistisches Verständnis und landet im nackten Pragmatismus. Die positivistische Pseudowissenschaft beruht gerade darauf, mit Verweis auf lediglich empirisch belegbare Einzelerkenntnisse die Forderung nach einer umfassenden Theoriebildung bewusst als unmöglich zurückzuweisen.

Die Behauptung der Medizin als Wissenschaft überhöht nicht nur die Medizin, sondern stellt prinzipiell den Marxismus-Leninismus als Wissenschaft und seinen Wissenschaftsbegriff infrage.«

Ich sehe das in Bezug auf die Klimaforschung ähnlich. Warum verwendest du nicht einfach den Begriff »Klimaforschung«?

An einer Stelle unterstellst du einem gewissen James Hansen, dass er eine dialektisch-materialistische Kritik an dem Klimaziel der 2° Erderwärmung übt. Was du aber darstellst, sind höchstens einzelne Versatzstücke einen dialektischen Kritik. Man muss immer bedenken, dass die einzelnen Elemente der Dialektik für sich genommen zugleich auch metaphysisch sind. Nehmen wir das dialektische Element der Kausalität. Diese Kausalität ist in ihrer Vereinzelung und Absolutheit noch Metaphysik. Im Rahmen einer dialektischen Betrachtungsweise wird sie zum Element der Dialektik. Ich kenne natürlich die gesamte Kritik von Hansen nicht im Wortlaut, aber ich vermute, dass diese Kennzeichnung eine Überhöhung darstellt.

Ich lege dir auch einige Klassiker-Zitate bei, die Wesensmerkmale des marxistisch-leninistischen Wissenschaftsbegriffs in der Kritik an seiner Vulgarisierung verdeutlichen: Wissenschaft ist die Theorie und Methode des menschlichen Erkenntnisfortschritts, die von der objektiven Realität ausgeht und sich dieser mit der dialektisch-materialistischen Methode systematisch annähert.

Herzliche Grüße

Stefan

Anlage: Merkmale des marxistisch-leninistischen Wissenschaftsbegriffs

Merkmale des marxistisch-leninistischen Wissenschaftsbegriffs

1. Der wissenschaftliche Sozialismus knüpft an ökonomischen Tatsachen und bisherigen Erkenntnissen der Menschheit an

Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunächst das Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der heutigen Gesellschaft herrschenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten und Lohnarbeitern, andrerseits der in der Produktion herrschenden Anarchie.

Aber seiner theoretischen Form nach erscheint er anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich konsequentere Fortführung der von den großen französischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze. Wie jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial, so sehr auch seine Wurzel in den materiellen ökonomischen Tatsachen lag.“ (Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW, Bd. 19, S. 189)

2. Der Sozialismus als Wissenschaft steht auf dem Boden der objektiven Wirklichkeit

Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte er erst auf einen realen

Boden gestellt werden.“ (ebda, S. 201)

3. Die Analyse der einzelnen Vorgänge und Dinge in der Natur war eine Grundbedingung für gewaltige Erkenntnisfortschritte, hinterließ aber die bornierte metaphysischen Denkweise, indem sie diese zergliedernde Anschauungsweise auf die Weltanschauung übertrug

Die Zerlegung der Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen Naturvorgänge und Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die Untersuchung des Innern der organischen Körper nach ihren mannigfachen anatomischen Gestaltungen war die Grundbedingung der Riesenfortschritte, die die letzten vierhundert Jahre uns in der Erkenntnis der Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand; nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste Bestände; nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem T o d . Und indem, wie dies durch Bacon und Locke geschah, diese Anschauungsweise aus der Naturwissenschaft sich in die Philosophie übertrug, schuf sie die spezifische Borniertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise.“ (ebda., S. 203)

4. Die moderne Naturwissenschaft liefert täglich Beweise, dass es in der Natur dialektisch und nicht metaphysisch zugeht.

Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Pro­be ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material ge­liefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter In­stanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises be­wegt, sondern eine wirkliche Ge­schichte durchmacht. (…) Da aber die Naturforscher bis jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt ha­ben, so erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten Re­sultate mit der hergebrachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in der theoreti­schen Naturwis­senschaft herrscht.“ (ebda., S. 205)

5. Die wissenschaftliche Darstellung der Welt und der Menschheit ist nur auf dialektischem Weg möglich

Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen.“ (ebda., S. 205

6. Wissenschaft ist systematische Erkenntnis der Welt

Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenfortschritte machen kann.“ (ebda., S. 206/207)

7. Die einzelne Wissenschaft wird mit der Bewusstheit über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge überflüssig, geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte

Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung her­antritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klarzuwerden, ist jede besondre Wissenschaft vom Gesamtzusammen­hang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen Philoso­phie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Geset­zen - die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissen­schaft von Natur und Geschichte.“ (ebda., S. 207)

8. Die Wissenschaft des Sozialismus ist keine Entdeckung eines genialen Kopfs, sondern das notwendige Erzeugnis des Kampfs zweier geschichtlich entstandener gesellschaftlichen Klassen, Proletariat und Bourgeoisie

jetzt war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.

Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandnen Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie.“ (ebda., S. 208)

9. Mit der Entdeckung der materialistischen Geschichtsauffassung und des Mehrwerts als Wesen der kapitalistischen Produktionsweise wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die von nun an weiterentwickelt werden musste

Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische Geschichtsauffassung und die Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts verdanken wir Marx. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die es sich nun zunächst darum handelt, in allen ihren Einzelnheiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.“ (ebda., S. 209)

10. Sozialistische Wissenschaft ist der theoretische Ausdruck der proletarischen Bewegung

Diese weltbefreiende Tat [die proletarische Revolution] durchzuführen, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen, und damit ihre Natur selbst, zu ergründen und so der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.“ (ebda., S. 228)

11. Die Entwicklung der Wissenschaft treibt sie zum Nachweis des systematischen Zusammenhangs der Naturvorgänge

Die Einsicht, daß die Gesamtheit der Naturvorgänge in einem systematischen Zusammenhang steht, treibt die Wissenschaft dahin, diesen systematischen Zusammenhang überall im einzelnen wie im ganzen nachzuweisen.“ (Engels, Anti-Dührung, MEW, Bd. 20, S. 34)

12. Jede Wissenschaft geht aus den Bedürfnissen der Menschen hervor

Wie alle andern Wissenschaften ist die Mathematik aus den Bedürfnissen der Menschen hervorgegangen: aus der Messung von Land und Gefäßinhalt, aus Zeitrechnung und Mechanik.“ (ebda., S. 36)

13. Der marxistisch-leninistische Wissenschaftsbegriff umfasst drei große Bereiche: die unbelebte Natur, die organische Natur, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen

Wir können das ganze Gebiet des Erkennens nach altbekannter Art in drei große Abschnitte teilen. Der erste umfaßt alle Wissenschaften, die sich mit der unbelebten Natur beschäftigen und mehr oder minder einer mathematischen Behandlung fähig sind: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik, Chemie. (…)

Die zweite Klasse von Wissenschaften ist die, welche die Erforschung der lebenden Organismen in sich begreift. Auf diesem Gebiet entwickelt sich eine solche Mannigfaltigkeit der Wechselbeziehungen und Ursächlichkeiten, daß nicht nur jede gelöste Frage eine Unzahl neuer Fragen aufwirft, sondern auch jede einzelne Frage meist nur stückweise, durch eine Reihe on oft Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Forschungen gelöst werden kann; wobei dann das Bedürfnis systematischer Auffassung der Zusammenhange stets von neuem dazu nötigt, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz mit einer überwuchernden Anpflanzung von Hypothesen zu umgeben. (…)

Noch schlimmer aber steht es mit den ewigen Wahrheiten in der dritten Gruppe von Wissenschaften, der historischen, die die Lebensbedingungen der Menschen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rechts- und Staatsformen mit ihrem idealen Überbau von Philosophie, Religion, Kunst usw. in ihrer geschichtlichen Folge und ihrem gegenwärtigen Ergebnis untersucht.“ (ebda., S. 81/82)

14. Eine wissenschaftliche Analyse setzt das Begreifen des Wesens einer Sache voraus

daß also eine wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz nur möglich, sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist, ganz wie die scheinbare Bewegung der Himmelskörper nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare Bewegung kennt;“ (ebda., S. 198)

15. Jede Wissenschaft geht von den gegebenen Tatsachen aus und entdeckt in den Tatsachen die Zusammenhänge

Darüber sind wir alle einig, daß auf jedem wissenschaftlichen Gebiet in Natur wie Geschichte von den gegebenen Tatsachen auszugehn ist, in der Naturwissenschaft also von den verschiednen sachlichen und Bewegungsformen der Materie; daß also auch in der theoretischen Naturwissenschaft die Zusammenhänge nicht in die Tatsachen hineinzukonstruieren, sondern aus ihnen zu entdecken und, wenn entdeckt, erfahrungsmäßig soweit dies möglich nachzuweisen sind.“ (ebda., S. 334)

16. Die marxistisch-leninistische Wissenschaft stößt wegen ihrer Parteilichkeit für die Befreiung der Arbeiterklasse von der Lohnsklaverei auf erbitterte Feindschaft der gesamten bürgerlichen Wissenschaft

Die Lehre von Marx stößt in der ganzen zivilisierten Welt auf die erbittertste Feindschaft und den größten Haß der gesamten bürgerlichen Wissenschaft (der offiziellen wie der liberalen), die im Marxismus eine Art „schädlicher Sekte" erblickt. Ein anderes Verhalten kann man auch nicht erwarten, denn eine „unparteiische" Sozialwissenschaft kann es in einer auf Klassenkampf aufgebauten Gesellschaft nicht geben. Jedenfalls ist es Tatsache, daß die gesamte offizielle und liberale Wissenschaft die Lohnsklaverei verteidigt, während der Marxismus dieser Sklaverei schonungslosen Kampf angesagt hat.“ (Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke, Bd. 19, S. 3)

17. Der Marxismus-Leninismus ist in sich geschlossen, gab auf die Fragen Antwort, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte

Die ganze Genialität Marx' besteht gerade darin, daß er auf die Fragen Antwort gegeben hat, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte. Seine Lehre entstand als direkte und unmittelbare Fortsetzung der Lehren der größten Vertreter der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus.

Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinelei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt.“ (ebda., S. 3/4)

Die RW-Redaktion freut sich, im Folgenden eine Zuschrift aus Lateinamerika zum System REVOLUTIONÄRER WEG veröffentlichen zu können. Die ICOR-Mitgliedsorganisation PCP(independiente), die Kommunistische Partei Paraguays(unabhängig), schrieb diesen Brief an Stefan Engel, Leiter des theoretischen Organs der MLPD, der Redaktion REVOLUTIONÄRER WEG.

„An den sehr geschätzten Genossen Stefan Engel,

Wir schreiben dir aus dem Bedürfnis heraus, dich zu dem Interview in der Rote Fahne zu beglückwünschen, das du anlässlich des 50. Jahrestags des theoretischen Organs "Revolutionärer Weg" gegeben hast.

Wir denken, dass es ein sehr wertvolles Interview ist, das verbreitet werden muss, um die Bedeutung des absolut notwendigen ideologischen Kampfs für den Parteiaufbau aufzuzeigen, und um die Zeitung als eine Form zu nutzen, das Wesen der marxistisch-leninistischen Lehre zu verbreiten, das heißt die Hauptgedanken, die auf dem dialektischen Materialismus begründet sind und in direktem Bezug zur Arbeit unter den Massen stehen.

Die Beschreibung der Voraussetzungen für den Parteiaufbau die bereits zur Zeit Willi Dickhuts entwickelt wurden, sind Seiten, die oft nicht beachtet werden.

Noch weniger wird die Rolle der Kontinuität, unter der Führung Stalins, in der Bildung der Partei verstanden oder sogar oft vertuscht, was du richtigerweise kritisch und selbstkritisch aufwirfst.

Schließlich ist die Entschlossenheit in der Ausbildung neuer junger Menschen, Männer und Frauen von vitaler Bedeutung für den Parteiaufbau. Dass ihr das mit all euren Kräften vorantreibt, ist ein Beispiel, dem wir alle folgen sollten.

Nimm also unsere vollständige Zustimmung zu deinen Worten entgegen.

Wir sind daran interessiert in Adelante („Vorwärts“ – die Zeitung der PCP (independiente); Anmerkung der RW-Redaktion) eine Rezension des theoretischen Organs zu seinen 50 Jahren zu veröffentlichen (…).

Brüderliche Grüße!“





Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente zum System des RW

Stefan Engel, Leiter der RW Redaktion

30.10.2018

Aufgabenstellung zum Studium des Buches „Materialismus und Empiriokritizismus“ von W.I. Lenin, Werke, Bd. 14

(geschrieben von Februar bis Oktober 1908, erschienen im Mai 1909)

Das Studium des Buches dient der grundsätzlichen Vorbereitung auf die Arbeit am RW 36/37. Die vorbereitende theoretische Arbeit von Lenin für die Oktoberrevolution wird in der internationalen marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung oftmals unzulässig auf „Staat und Revolution“ und „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ eingeschränkt. Darin drückt sich die nach wie vor nicht über­wundene Unterschätzung der weltanschaulichen Grundlage des revolutionären Klassenkampfs im imperialistischen Stadium des Kapita­lismus aus. Ohne die notwendige Grundlage kann weder der Marxismus-Leninismus schöpferisch weiterentwickelt, noch die lähmende Zersplitterung der internationalen revolutionären und Arbeiterbewegung überwunden werden.

Das Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“ muss neben seinen Schriften „Karl Marx“ und „Philosophische Hefte“ aus den Jahren 1914/15 zur Dialektik als ein wesentliches weltanschauliches Vorgefecht für den Sieg der Oktoberrevolution angesehen werden und ge­hört zu den Hauptwerken Lenins theoretischer Arbeit.

Das Aufblühen des Idealismus, vor allem durch die „Machisten“, war eine weltanschauliche Grundlage der wütenden Reaktion, aber auch für die Niedergeschlagenheit unter den Massen sowie das Liquidatorentum in der SDAPR in den Jahren nach der verlorenen Revolution von 1905 in Russland.

Es mag verblüffen, dass Lenin diese politische Entwicklung in den Zusammenhang mit der Krise der modernen Physik bringt. Scheinbar war es eine Zeit großer Fortschritte in den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, vor allem in der Physik und der Chemie. Diese bedeu­teten zum Teil eine Infragestellung bisheriger physikalischer Lehrsätze, insbesondere aus der Mechanik. Mit der Entdeckung der Elektro­energie entstand spontan die idealistische Vorstellung einer »Bewegung ohne Materie«. Das war der Ausgangspunkt für die Infragestel­lung des Materialismus überhaupt und die Renaissance und Entwicklung des Neopositivismus und Empiriokritizismus. Waren die großen wissenschaftlichen Fortschritte im 19. Jahrhundert noch auf die Anwendung der dialektischen Methode zurückzuführen, die Friedrich En­gels als moderne Naturwissenschaften zusammenfasste, so war der neuerliche Erkenntnisfortschritt mit einer Verdrängung der dialekti­schen Methode in den bürgerlichen Naturwissenschaften verbunden. Aufgrund dieses erkenntnistheoretischen Rückschritts in den bür­gerlichen Naturwissenschaften konstatierte Lenin eine regelrechte Krise in der Physik. Die neu beobachteten und erforschten Phänome­ne (wie der Aufbau des Atoms) konnten nur mit dem dialektischen Materialismus erklärt und theoretisch verallgemeinert werden.

Das Aufblühen neuer idealistischer Theorien und metaphysischer Methoden führte zur Unfähigkeit, die neuen Erkenntnisse zum tieferen Begreifen der Gesetzmäßigkeiten der objektiven Realität zu verarbeiten. Eine Minderheit naturwissenschaftlicher Philosophen, die sich subjektiv sogar noch mit dem Marxismus verbunden fühlten, entwickelten neue »neue« philosophische Theorien mit dem vermeintlichen Anspruch, Materialismus und Idealismus „schöpferisch“ zu versöhnen. Tatsächlich widersprachen sie dem Marxismus fundamental und glitten zum reaktionären Idealismus ab. Der Versuch der Versöhnung von Materialismus und Idealismus wurde zu einem Haupt­merkmal der bürgerlichen Ideologie im Zeitalter des Imperialismus. Seinen Höhepunkt fand das im System der kleinbürgerlichen Denkweise als vorherrschende Form der bürgerlichen Ideologie seit Ende der 1980 er Jahre.

Die MLPD hat mit ihrer Analyse der Neuorganisation der internationalen Produktion in dem Buch „Götterdämmerung über der 'neuen Weltordnung'“ und der daraus zu schlussfolgernden proletarischen Strategie und Taktik der Vorbereitung und Durchführung der internatio­nalen sozialistischen Revolution in dem Buch „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution“ die wesentlichen Veränderun­gen des imperialistischen Weltsystems und der daraus zu schlussfolgernden Aufgaben im proletarischen Klassenkampf theoretisch verar­beitet. Nunmehr ist es darauf aufbauend an der Zeit, die Vorbereitung der internationalen Revolution auch auf weltanschaulichem Gebiet weiterzuentwickeln.

In der ganzen Welt hat sich eine reaktionäre Tendenz der allgemeinen Kriegsvorbereitung in Verbindung mit einer grassierenden Rechts­entwicklung der Regierungen und der bürgerlichen Parteien herausgebildet. Zugleich sind die Massen in einen bedeutenden fortschrittli­chen Stimmungsumschwung eingetreten, in dem sich die MLPD bereits in einem Übergang zur nachhaltigen Durchbrechung der relativen Isolierung, zur Partei der Massen befindet. Sie hat sich die Einheit von sozialem und ökologischem Kampf auf ihre Fahnen geschrieben und arbeitet entschlossen an der Vereinigung von nationalem und internationalem Klassenkampf. In dieser Situation muss der RW 36/37 zum Rüstzeug für eine Offensive der proletarischen Weltanschauung unter den Massen im Streit gegen die bürgerliche Ideologie und alle Schattierungen der kleinbürgerlichen Denkweise werden.

Die heute zu beobachtende weltweite Rechtsentwicklung der imperialistischen Regierungen mit dem vorläufigen Höhepunkt des Amtsan­tritts von Donald Trump hat seine Wurzel auch in der umfassenden Krise der bürgerlichen Ideologie. Sie kann die Massen immer weniger an das kapitalistische Gesellschaftssystem binden. An die Stelle lange Zeit für die Herrschenden bewährter kleinbürgerlicher Lebenslü­gen tritt nun die Renaissance längst überwunden geglaubter offen reaktionärer Ideen und ihre zunehmende Umsetzung in die gesell­schaftliche Wirklichkeit. Diese reaktionäre Entwicklung erzeugt auf der Grundlage der kleinbürgerlichen Denkweise Resignation, Negati­vismus und Desorganisation bis hin zu rechten Tendenzen unter den Massen. Zugleich erscheint im Denken, Fühlen und Handeln eine bahnbrechende Suche nach einer gesellschaftlichen Alternative. Diese beginnt jedoch erst, sich von den Eingebungen und weltanschauli­chen Fesseln des modernen Antikommunismus zu befreien.

Der RW 36/37 darf deshalb nicht nur die Krise der bürgerlichen Ideologie und ihre materielle Grundlage in der allgemeinen Krisenhaf­tigkeit des imperialistischen Weltsystems aufdecken. Er muss überzeugend Antwort der proletarischen Ideologie durch ihre Weiterent­wicklung vor allem durch die Lehre von der Denkweise geben.

Die schier unendliche Menge an neuen Einzelerkenntnissen in den Naturwissenschaften, die Flut politischer Informationen, das Aufblü­hen pseudowissenschaftlicher Theorien und die weltanschauliche Verwirrung durch die modernen Medien vernebeln den Blick für das Wesentliche. Der Gesamtzusammenhang der Entwicklung wird aus den Augen verloren. Nur mithilfe der dialektisch-materialistischen Me­thode ist es möglich, der objektiven Wirklichkeit die grundlegenden Tendenzen ihrer Entwicklung, ihrer neuen Erscheinungen und wesent­lichen Veränderungen abzuringen und sie im Denken, Fühlen und Handeln tiefgehend zu verstehen, um darauf Einfluss zu nehmen.

Die kritische und selbstkritische Aneignung von Lenins Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“ ist eine notwendige weltanschauli­che Vorbedingung, um die globale Ausgangslage allseitig zu begreifen und in der theoretischen Arbeit und revolutionären Praxis eine entsprechende Antwort zu geben.

Materialismus und Empiriokritizismus, Lenin, Werke, Bd. 14

Vorwort des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 1, Lenin, zitiert nach Vorwort, S. VIII

Bürgerliche Ideologie; Hülle konterrevolu­tionärer Stimmungen

Niedergang, Demoralisation, Spaltungen, Zerfahrenheit, Renegatentum, Pornographie an Stelle der Politik. Verstärkter Hang zum philosophischen Idealismus; Mystizismus als Hülle konterrevolutionärer Stimmungen.

Die Verdrängung der „Politik“, die Verteu­felung jeglicher Ideologie, die Re­naissance reaktionärer, dekadenter Philoso­phien sowie das Aufblühen demoralisierter Stimmungen gehen seit jeher einher mit politischen und weltanschaulichen Krisen der herrschenden Klassen bzw. der Diktatur der Monopole.

Sie sind heute Methoden der bürgerlichen Ideologie, reaktionäre Entwicklungen in der Gesellschaft oder auch reaktionäre Kriege vorzubereiten, zu rechtfertigen bzw. zu vertu­schen.

Nr. 2, Lenin, zitiert nach Vorwort, S. IX

Politische Reaktion und philosophischer Klärungsprozess

Die Zeit der gesellschaftlichen und politi­schen Reaktion, die Zeit des „Verdauens“ der reichen Lehren der Revolution ist nicht zufäl­lig eine Zeit, wo die grundlegenden theoreti­schen, darunter auch die philosophischen Fragen für jede lebendige Richtung an eine der ersten Stellen rücken.

Jede revolutionäre Bewegung muss gerade in Zeiten bedeutender Niederlagen oder reaktionärer Entwicklungen den weltan­schaulichen Fragen eine hohe Priorität beimessen. Ihre Klärung entscheidet dar­über, ob aus der Niederlage mithilfe der dia­lektischen Negation ein neuer Aufschwung der revolutionären Bewegung entsteht.

Nr. 3, Lenin, zitiert nach Vorwort, S. X

Opportunismus; Ignoranz der weltan­schaulichen Auseinandersetzung

Der Materialismus als Philosophie wird bei ihnen (den Opportunisten, Mg) überall recht stiefmütterlich behandelt. „Die Neue Zeit“, das konsequenteste und bestfundierte Or­gan, verhält sich gleichgültig zur Philosophie, war niemals ein leidenschaftlicher Parteigän­ger des philosophischen Materialismus und hat in letzter Zeit ohne den geringsten Vorbe­halt die Empiriokritiker veröffentlicht… Alle kleinbürgerlichen Strömungen in der Sozial­demokratie kämpfen vor allem gegen den philosophischen Materialismus, sie tendieren zu Kant, zum Neukantianismus, zur kriti­schen Philosophie.

Die Geringschätzung oder Ignoranz

des philosophischen

Materialismus

gehört zu den

wesentlichen Merkmalen

des Opportunismus.

Unter den heutigen Bedingungen wird das identisch mit dem Vordringen vulgärmate­rialistischer, skeptizistischer oder idealis­tischer Theorien und Methoden.

Die Verdrängung der Lehre von der Denk­weise in der Partei ist die am häufigsten auf­gedeckte Ursache bei Fehlern oder der Ent­stehung von opportunistischen oder sektiere­rischen Konzepten der Strategie und Taktik, der Agitation und Propaganda oder allge­mein für das Vordringen der kleinbürgerli­chen Denkweise.

Nr. 4, Verfasser des Vorworts vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU, zitiert nach Vorwort, S. XII

Bürgerliche Philosophie; weltanschauli­cher Idealismus; Behauptung von der Un­möglichkeit der Erkenntnis der objektiven Realität

Die bürgerlichen Philosophen waren be­strebt, theoretisch die Unmöglichkeit der Er­kenntnis der objektiven Realität zu beweisen, und behaupteten, der Begriff Materie sei „veraltet“, sie sahen die Aufgabe der Wissen­schaft nur in der „Analyse der Empfindungen“ usw.

Der Agnostizismus

geht von der

Unmöglichkeit der Erkenntnis der objektiven Realität

aus.

Er dient objektiv dazu, den Massen ihre Un­fähigkeit zur Selbstbefreiung zu beweisen.

Das ist auch der Grund für die Verteufe­lung des Materialismus und seine Erset­zung durch vielerlei pseudowissenschaftliche Theorien und Methoden.

Nr. 5, Lenin, zitiert nach Vorwort, S. XII-XIII

Materialismus; Existenz der Materie als objektive Realität

Die Materie ist eine philosophische Kategorie zur Bezeichnung der objektiven Realität, die dem Menschen in seinen Empfindungen ge­geben ist, die von unseren Empfindungen ko­piert, fotografiert, abgebildet wird und unab­hängig von ihnen existiert.

Materie“ ist der

philosophische Begriff

für die objektive Realität.

Die Wahrnehmung der objektiven Wirk­lichkeit findet über die menschlichen Empfindungen statt. Die bloße Wahrneh­mung der objektiven Wirklichkeit ist jedoch noch kein konsequent materialistisches Bewusstsein, sondern wird noch mehr oder weniger von der idealistischen Deutung beeinflusst!

Erst über den bewussten,

dialektisch-materialistischen Verarbeitungsprozess

der Empfindungen

entsteht

wissenschaftlich begründetes

Bewusstsein über die

objektive Wirklichkeit.

Nr. 6, Lenin, S. 142/143, in Halbsätzen zi­tiert im Vorwort, S. XIII

Materie und Bewusstsein; Einheit und Kampf der Gegensätze

Freilich ist auch der Gegensatz zwischen Materie und Bewußtsein nur innerhalb sehr beschränkter Grenzen von absoluter Bedeu­tung: im gegebenen Fall ausschließlich in den Grenzen der erkenntnistheoretischen Grundfrage, was als primär und was als se­kundär anzuerkennen ist. Außerhalb dieser Grenzen ist die Relativität dieser Entgegen­setzung unbestreitbar.

Im Vorwort steht das anders drin, as Zitat ist im Original erst auf Seite 142.

Die Gegenüberstellung von Materie und Bewusstsein ist nur bedeutsam in der phi­losophischen Betrachtung, wonach die Materie primär und das Bewusstsein sekun­där ist.

Eine absolute

Gegenüberstellung von

Materie und Bewusstsein

ist dagegen

in der objektiven Wirklichkeit idealistisch,

weil damit

Denken und Bewusstsein als nicht materiell gedeutet

würden.

Die idealistische Gegenüberstellung von Ma­terie und Bewusstsein ist beispielsweise theoretische Grundlage der Theologie, die „Fleisch“ und „Seele“ trennt und einander gegenüberstellt. Ebenso verhält es sich in der bürgerlichen Psychologie, die der Psyche als „subjektive Realität“ ein Eigenle­ben, losgelöst von der biologischen Ge­samtwirkung der Physis und der gesell­schaftlichen Realität, zuspricht.

In der Wirklichkeit ist die Unterscheidung von Materie und Bewusstsein relativ:

Erstens, weil auch das Bewusstsein objek­tiv existiert und deshalb materiell ist.

Zweitens, weil materialistisch entstandene Ideen zur materiellen Gewalt werden, also auf die Veränderung der objektiven Reali­tät zurückwirken können.

Drittens, weil sich die objektive Wirklichkeit entwickelt und das Bewusstsein immer nur annähernd diese objektive Entwicklung widerspiegelt.

Nr. 7, Vorwort des Instituts für Marxis­mus-Leninismus beim ZK der KPdSU, S. XIII

Psyche und Bewusstsein; materielle Wirk­lichkeit

Lenin verteidigte die materialistische Auffas­sung vom Psychischen, vom Bewußtsein als dem höchsten Produkt der Materie, als Funk­tion des menschlichen Gehirns; er unter­strich, daß das Denken, das Bewußtsein die Widerspiegelung der Außenwelt ist. Er gab die ausgezeichnete Definition von den Emp­findungen als dem subjektiven Abbild der ob­jektiven Welt, er kritisierte die agnostische Theorie der Symbole oder Hieroglyphen, der zufolge die Empfindungen nur konventionelle Zeichen, nicht aber Abbilder der realen Dinge sind.

Das Bewusstsein

als höchstes Produkt

der Materie zu begreifen

ist der

Kern der

materialistischen Deutung

des Verhältnisses

von Sein und Bewusstsein.

Nr. 8, Vorwort des Instituts für Marxis­mus-Leninismus beim ZK der KPdSU, S. XIII - XIV

Materialistische Dialektik; Erkenntnis­theorie des Marxismus

Lenin (…) zeigte, daß die Dialektik eben die Erkenntnistheorie des Marxismus ist. Zu die­ser äußerst wichtigen These, die Lenin spä­ter, in den Jahren 1914/1915, in seiner Arbeit „Karl Marx“ und in den „Philosophischen Hef­ten“ endgültig formulierte, führen alle in dem Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“ entwickelten Betrachtungen Lenins über das Wesen der marxistischen Erkenntnistheorie.

Selbst die absurdesten Ideen, Symbole oder Hieroglyphen haben ihre Wurzel in der mate­riellen Wirklichkeit, haben deshalb ihr Fünk­chen Wahrheit, das aber nur zur Verzerrung der realen Wirklichkeit dient. Aber gerade darauf beruht die Wirksamkeit einer Reihe bürgerlicher und kleinbürgerlicher Pseudo­wissenschaften, dass sie sowohl Absurditä­ten wie auch reale Deutungen enthalten.

Erst mit der Dialektik und ihrer Bildung tref­fender, immer feinerer Begriffe kommt das Bewusstsein zur richtigen Deutung der rea­len Wirklichkeit:

Die Dialektik

ist das Wesen

der Erkenntnistheorie

des Marxismus-Leninismus.

Nr. 9, Lenin, zitiert nach Vorwort, S. XIV

Materialistische Erkenntnistheorie; allge­meine Fähigkeit zur Erkenntnis der abso­luten Wahrheit

Das menschliche Denken ist… seiner Natur nach fähig, uns die absolute Wahrheit, die sich aus der Summe der relativen Wahrhei­ten zusammensetzt, zu vermitteln, und es tut dies auch. Jede Stufe in der Entwicklung der Wissenschaft fügt dieser Summe der absolu­ten Wahrheit neue Körnchen hinzu; aber die Grenzen der Wahrheit jedes wissenschaftli­chen Satzes sind relativ und können durch die weitere Entwicklung des Wissens entwe­der weiter oder enger gezogen werden.

Menschliches Denken ist grundsätzlich in der Lage, die absolute Wahrheit zu erken­nen, die sich aus vielen Teilerkenntnissen, Erfahrungen bzw. relativen Wahrheiten zu­sammensetzt. Daraus folgt:

Menschlicher

Erkenntnisfortschritt

als Prozess des

Näherkommens

an die absolute Wahrheit

durch fortschreitende

dialektische Verarbeitung

relativer Wahrheiten.

Nr. 10, Lenin, zitiert nach Vorwort, S. XV

Dialektisch-materialistische Erkenntnis­theorie; Wahrheitsfindung als unendlicher Prozess

Die einzige Schlußfolgerung aus der von den Marxisten vertretenen Auffassung, daß die Theorie von Marx eine objektive Wahrheit ist, besteht im folgenden: Auf dem Wege der Marxschen Theorie fortschreitend, werden wir uns der objektiven Wahrheit mehr und mehr nähern (ohne sie jemals zu erschöp­fen); auf jedem anderen Wege aber können wir zu nichts anderem gelangen als zu Kon­fusion und Unwahrheit.

Die Annäherung an die

absolute Wahrheit

ist nur mit dem

dialektischen Materialismus erreichbar;

Metaphysik und Idealismus dagegen

führen notwendigerweise in Konfusion und Unwahrheit.

Nr. 11, Lenin, zitiert nach Vorwort, S. XVI

physikalischer Materialismus; spontaner und schwankender Charakter

Die moderne Physik … steuert auf diese ein­zig richtige Methode und einzig richtige Phi­losophie der Naturwissenschaft nicht direkt hin, sondern im Zickzack, nicht bewußt, son­dern spontan, wobei sie ihr „Endziel“ nicht klar sieht, sondern sich ihm tastend, schwan­kend nähert, manchmal sogar mit dem Rücken voran.

Der physikalische Materialismus der mo­dernen Physik ist spontan, sieht sein »End­ziel« nicht klar, nähert sich ihm tastend und schwankend und zuweilen mit dem Rücken voran.

Nr. 12, Lenin, zitiert nach Vorwort, S. XVII

Krise der modernen Physik; Krise der Er­kenntnistheorie

Das Wesen der Krise der modernen Physik besteht in der Zerstörung der alten Gesetze und Grundprinzipien, in der Preisgabe der außerhalb des Bewußtseins existierenden objektiven Realität, d.h. in der Ersetzung des Materialismus durch Idealismus und Agnosti­zismus.

Die Krise der modernen Physik entstand nicht aufgrund von Erkenntnisarmut, sondern durch einen qualitativen Sprung im Erkennt­nisfortschritt einzelner Naturprozesse, die die für unerschütterlich gehaltenen mechani­schen Theorien und Lehrsätze infrage stell­ten, ohne neue dialektisch-materialistisch er­worbene Leitsätze zu entwickeln.

Die zeitweilige Unerklärlichkeit neuer Er­scheinungen und Einzelerkenntnisse in der Natur wurde durch Idealismus und Agnos­tizismus verallgemeinert und dabei der Ma­terialismus preisgegeben:

Das Wesen der Krise

der modernen Physik

ist eine

Krise

der Erkenntnistheorie.

Nr. 13, Lenin, zitiert nach Vorwort, S. XVII

Materie; unendliche Existenz

Das Elektron ist ebenso unerschöpflich wie das Atom, die Natur ist unendlich, aber sie existiert unendlich, und eben diese einzig ka­tegorische, einzig bedingungslose Anerken­nung ihrer Existenz außerhalb des Bewußt­seins und außerhalb der Empfindung des Menschen unterscheidet den dialektischen Materialismus vom relativistischen Agnosti­zismus und vom Idealismus.

Scheidelinie zwischen

Materialismus und Idealismus

ist die bedingungslose,

kategorische

Anerkennung der Existenz

der materiellen Realität

unabhängig vom

Bewusstsein des Menschen.

Nr. 14, Lenin, zitiert nach Vorwort, S. XX

Marxismus; universelle, einheitliche Theorie

Man kann aus dieser aus einem Guß ge­formten Philosophie des Marxismus nicht eine einzige grundlegende These, nicht einen einzigen wesentlichen Teil wegneh­men, ohne sich von der objektiven Wahrheit zu entfernen, ohne der bürgerlich-reaktio­nären Lüge in die Fänge zu geraten.

Der Marxismus

ist eine geschlossene

Weltanschauung.

Beim Versuch seiner bruchstückhaften An­wendung entfernt man sich sofort von der objektiven Wirklichkeit, gerät direkt in die Sphäre der bürgerlichen Ideologie und reak­tionären Praxis.

Genau diese Methode verfolgt das System der kleinbürgerlichen Denkweise mit seiner Mischung aus Lügen, Wahrheiten und Halb­wahrheiten.

Nr. 15, Lenin, zitiert nach Vorwort, S. XXI

Moderner Revisionismus; besonders raffi­nierte Verfälschung des Marxismus

Eine immer raffiniertere Verfälschung des Marxismus, immer raffiniertere Versuche, an­timaterialistische Lehren als Marxismus aus­zugeben – das kennzeichnet den modernen Revisionismus sowohl in der politischen Öko­nomie als auch in den Fragen der Taktik und in der Philosophie überhaupt, in der Erkennt­nistheorie ebenso wie in der Soziologie.

Moderner Revisionismus

als besondere Raffinesse

in der Verfälschung

des Marxismus

durch Erklärung

antimaterialistischer Lehren bzw. der Deklarierung antimar­xistischer Theorien

als marxistisch.

Konspekt zu W.I. Lenin, Materialismus und Epiriokritizismus, Werke, Bd. 14

Vorwort Lenins zur ersten Auflage

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 16, S. 10

Philosophischer Revisionismus

Das ist der typische philosophische Revisio­nismus, denn nur die Revisionisten haben eine traurige Berühmtheit dadurch erlangt, daß sie den Grundanschauungen des Mar­xismus abtrünnig geworden sind und Angst haben oder unfähig sind, offen, direkt, ent­schieden und klar mit aufgegebenen An­schauungen „Abrechnung zu halten“.

Für die Revisionisten ist es charakteristisch, „daß sie den Grundanschauungen des Mar­xismus abtrünnig geworden sind und Angst haben oder unfähig sind, offen, direkt, ent­schieden und klar mit aufgegebenen An­schauungen „Abrechnung zu halten“.“

Es ist viel komplizierter,

sich mit den revisionistischen Antimarxisten

auseinanderzusetzen

als mit den offenen,

weil sie

den Antimarxismus

mit marxistischen

Versatzstücken bemänteln.

Vorwort Lenins zur zweiten Auflage

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 17, S 11

Präzisierung der Ziele des Buches

Ich hoffe, daß sie, (die 2. Aufl., Se) unabhän­gig von der Polemik gegen die russischen „Machisten“, nicht ohne Nutzen sein wird als Hilfsmittel, um die Philosophie des Marxis­mus, den dialektischen Materialismus, sowie die philosophischen Folgerungen aus den neuesten Entdeckungen der Naturwissen­schaft kennenzulernen.

Lenin sieht unabhängig vom zeitlichen und konkreten Bezug seiner Erarbeitung in seiner Schrift ein allgemeingültiges „Hilfsmittel, um die Philosophie des Marxismus, den dia­lektischen Materialismus, sowie die philoso­phischen Folgerungen aus den neuesten Entdeckungen der Naturwissenschaft ken­nenzulernen.“

Der weltanschauliche Kampf attackiert den Gegner letztlich, um die marxistisch-leninisti­sche Weltanschauung höher zu entwickeln und den Erkenntnisfortschritt der Menschheit voranzutreiben.

Statt einer Einleitung

Wie manche „Marxisten“ im Jahre 1908 und manche Idealisten im Jahre 1710 den Materialismus widerlegten

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 18, S. 12

Dialektischer Materialismus; Herausforde­rung für die bürgerliche Philosophie

Wer einigermaßen mit der philosophischen Literatur vertraut ist, muß wissen, daß es heutzutage kaum einen Professor der Philo­sophie (wie auch der Theologie) geben dürf­te, der sich nicht direkt oder indirekt mit der Widerlegung des Materialismus befaßt.

Totgesagte leben länger!

Auch heute positioniert sich fast jeder Wis­senschaftler direkt oder indirekt im Verhältnis zum Marxismus bzw. materialistischen Grund­annahmen: bekundet (teilweise) Überein­stimmung, grenzt sich ab, attackiert, hetzt, polemisiert.

In der gesamten weltanschaulichen und politischen Auseinandersetzung der Neu­zeit sitzt der Marxismus-Leninismus mit am Tisch!

Nr. 19 , S. 13

Idealistischer Vorwurf gegen den Materia­lismus: Materialismus gleich Mystik

Die Materialisten, so sagt man uns, erkennen etwas Undenkbares und Unerkennbares an - „Dinge an sich", eine Materie „außerhalb der Erfahrung", außerhalb unserer Erkenntnis. Sie verfallen in wahren Mystizismus, indem sie etwas Jenseitiges, außerhalb der Gren­zen der „Erfahrung" und der Erkenntnis Lie­gendes annehmen. Indem die Materialisten erklären, daß die Materie durch ihre Einwir­kung auf unsere Sinnesorgane die Empfin­dungen hervorbringe, nehmen sie ein „Unbe­kanntes", ein Nichts zur Grundlage, denn sie selbst erklären ja unsere Sinne für die einzi­ge Quelle der Erkenntnis.

Die Machisten unterstellen dem Materialis­mus »Mystik«, weil man nichts außerhalb der Empfindungen wahrnehmen könne. Auf die­se Weise wähnen sie sich der Wirklichkeit näher. In Wirklichkeit verfallen sie damit dem Mystizismus und stellen die gesamte materi­elle Grundlage der modernen Naturwissen­schaft in Frage!

Nr. 20, S. 16

Zwei Grundlinien in der Philosophie

Hier sind die zwei Grundlinien der philosophi­schen Anschauungen mit der Geradheit, Klarheit und Deutlichkeit gekennzeichnet, die die Klassiker der Philosophie von den Erfin­dern der „neuen“ Systeme unserer Zeit un­terscheiden. Materialismus ist die Anerken­nung der „Objekte an sich“ oder außerhalb des Geistes; die Ideen und Empfindungen sind Kopien oder Abbilder dieser Objekte. Die entgegengesetzte Lehre (Idealismus) sagt: die Objekte existieren nicht „außerhalb des Geistes“; sie sind „Verbindungen von Empfindungen“.

Es gibt zwei Grundlinien in der Philoso­phie:

Der Materialismus anerkennt die objektive Wirklichkeit außerhalb seines Geistes, seiner Empfindungen, seines bisherigen Erkennt­nisstandes.

Der Idealismus bestreitet eine objektive Wirklichkeit außerhalb von Empfindungen“.

Nr. 21, S. 23-24

Bürgerliche Philosophie; Friedrich Engels kritisiert mannigfaltige Spielarten

Engels, der viel entwickeltere, mannigfaltige­re und inhaltsreichere Theorien beider Rich­tungen in Betracht zieht als Fraser, sieht den Hauptunterschied zwischen ihnen darin, daß für die Materialisten die Natur das Ursprüng­liche ist und der Geist das Sekundäre, für die Idealisten aber umgekehrt. Zwischen diese und jene stellt Engels die Anhänger von Hume und Kant, als solche, die die Möglich­keit einer Erkenntnis der Welt oder doch ihrer erschöpfenden Erkenntnis bestreiten, und er bezeichnet sie als Agnostiker.

Lenins Ausgangssynthese in der weltan­schaulichen Auseinandersetzung mit dem physikalischen Idealismus sind die reichhalti­gen theoretischen Grundlagen, die Friedrich Engels in der marxistischen Philosophie be­reits geschaffen hat. Dieser siedelte die Agnostiker bereits zwischen den beiden Hauptgruppen der Philosophie – Idealismus und Materialismus an.

Nr. 22, S. 30

Empiriokritizismus; Identität mit alten idealistischen Spielarten

Vorläufig beschränken wir uns auf die eine Schlußfolgerung: Die „neuesten“ Machisten haben gegen die Materialisten kein einziges, buchstäblich kein einziges Argument vorge­bracht, dessen sich nicht auch schon Bischof Berkeley bedient hätte.

Lenin weist nach, dass die „neuen“ Ideen der Machisten in Wahrheit auf Bischof Berkeley 1710 zurückgehen. Deshalb beginnt Lenin seine Polemik gegen die idealistische Wur­zel, dem mit Berkeley identischen Wesen der „modernen“ pseudomarxistischen Wissenschaft.

Nr. 23, S. 30

Materialismus und Idealismus; Unver­söhnlichkeit der philosophischen Grund­richtungen

Die beiden unversöhnlichen Grundrichtungen in der Philosophie durcheinanderwerfen – warum sollte das ein „Verbrechen“ sein? Dar­auf reduziert sich die ganze Weisheit von Mach und Avenarius. Zur Analyse dieser Weisheit gehen wir nun über.

Die Machisten behaupten irreführend, dass sie Idealismus und Materialismus in einer neuen, endlich „ganzheitlichen“ Philosophie zusammenfassen könnten.

Kapitel I

Die Erkenntnistheorie des Empiriokritizismus und des dialektischen Materialismus

I.1. Empfindungen und Empfindungskomplexe

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 24, S. 31-32

Idealismus; Mach’sche Grundposition

Im Jahre 1883 wiederholt Mach in seiner „Mechanik“ den gleichen Gedanken: „Die Empfindungen sind auch keine ‚Symbole der Dinge‘. Vielmehr ist das ‚Ding‘ ein Gedan­kensymbol für einen Empfindungskomplex von relativer Stabilität. Nicht die Dinge (Kör­per), sondern Farben, Töne, Drucke, Räume, Zeiten (was wir gewöhnlich Empfindungen nennen) sind die eigentlichen Elemente der Welt.“

Nur leicht verklausuliert betont Mach die idealistische These, dass die eigentlichen Elemente der Welt die Empfindungen sind. Die einzige „Weiterentwicklung“ gegen­über den offenen Idealisten ist die Ersetzung des Begriffs der „Ideenkomplexe“ durch „Empfindungskomplexe“.

Nr. 25, Engels, in: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, zitiert nach S. 32-33

Materialismus; Friedrich Engels weltan­schauliche Auseinandersetzung gegen den Idealismus

„Die Formen des Seins… kann das Denken niemals aus sich selbst, sondern eben nur aus der Außenwelt schöpfen und ableiten (…) die Prinzipien sind nicht der Ausgangs­punkt der Untersuchung (…), sondern ihr Endergebnis; sie werden nicht auf Natur und Menschengeschichte angewandt, sondern aus ihnen abstrahiert; nicht die Natur und das Reich des Menschen richten sich nach den Prinzipien, sondern die Prinzipien sind nur insoweit richtig, als sie mit Natur und Ge­schichte stimmen. Das ist die einzige mate­rialistische Auffassung der Sache, und die entgegenstehende des Herrn Dühring ist idealistisch, stellt die Sache vollständig auf den Kopf und konstruiert die wirkliche Welt aus dem Gedanken…“

Friedrich Engels:

Nicht die Natur und

das Reich des Menschen

richten sich nach

erdachten Prinzipien,

sondern die Prinzipien

sind nur insoweit richtig,

als sie mit Natur und

Ge­schichte übereinstimmen.

Das ist die einzige

materialisti­sche Auffassung der Sache.

Nr. 26, S. 33

Solipsismus; Ernst Mach

Keine Ausflüchte, keine Sophismen (und wir werden noch einer Unmenge solcher begeg­nen) können die klare und unbestreitbare Tatsache aus der Welt schaffen, daß die Lehre Ernst Machs von den Dingen als Emp­findungskomplexen subjektiver Idealismus, einfaches Wiederkäuen des Berkeleyanis­mus ist. Wenn die Körper „Empfindungskom­plexe" sind, wie Mach sich ausdrückt, oder „Verbindungen von Empfindungen", wie Ber­keley sich ausgedrückt hat, so folgt hieraus mit Notwendigkeit, daß die ganze Welt nur meine Vorstellung ist. Von dieser Annahme ausgehend, ist es unmöglich, zu der Existenz anderer Menschen außer sich selbst zu ge­langen: das ist reinster Solipsismus.

Machs Solipsismus, also die philosophische These, dass nur das eigene Ich existiert, wird von Lenin als Grundelement von Machs Philosophie gegeißelt. Diese führt dazu, dass keine Welt außerhalb seines Vorstel­lungsvermögens akzeptiert wird.

Das ist Idealismus zu Ende gedacht bis zu der Quintessenz, „dass die ganze Welt nur meine Vorstellung ist“.

Nr. 27, S. 36

Empiriokritizismus; Ernst Mach; Rechtfer­tigung durch wissenschaftliche Versatz­stücke

Mach stellt sich keine so unbequemen Fra­gen. Er verbindet mechanisch Bruchstücke des Berkeleyanismus mit den Auffassungen der Naturwissenschaft, die spontan auf dem Standpunkt der materialistischen Erkenntnis­theorie steht …

Um nicht völlig in der Absurdität zu landen, holt sich Mach Anleihen aus der Naturwis­senschaft, die nach Lenin zumindest „spontan auf dem Standpunkt der mate­rialistischen Erkenntnistheorie“ steht.

Nr. 28, S. 37

Materialismus und Naturwissenschaft

Der Materialismus betrachtet in vollem Ein­klang mit der Naturwissenschaft als das ur­sprünglich Gegebene die Materie, als das Sekundäre – Bewußtsein, Denken, Empfin­dung; denn die Empfindung ist in klar ausge­prägter Form nur mit den höchsten Formen der Materie (der organischen Materie) ver­bunden, und in den „Grundsteinen des Ge­bäudes der Materie“ kann man nur die Exis­tenz einer Fähigkeit, die der Empfindung ähnlich ist, annehmen. Dies ist zum Beispiel die Hypothese des bekannten deutschen Na­turforschers Ernst Haeckel…

Der Materialismus steht im Einklang mit der Naturwissenschaft, dass Denken, Emp­finden und Bewusstsein der höchsten organi­sierten Form der Materie – dem Gehirn - ent­springen.

Nr. 29, S. 39

Materialismus; Empfindungen als Eigen­schaft der sich bewegenden Materie

die wirklichen Auffassungen der Materialisten (…) bestehen nicht darin, daß man die Emp­findung aus der Bewegung der Materie ablei­tet oder auf die Bewegung der Materie redu­ziert, sondern vielmehr darin, daß man die Empfindung als eine der Eigenschaften der sich bewegenden Materie betrachtet.

Der Materialismus betont die innere Bezie­hung zwischen Materie und Empfindung.

Empfindungen

sind Eigenschaften

der sich bewegenden Materie.

Nr. 30, S. 40

Idealismus; Avenarius

in den „Prolegomena“ (...) sagt er direkt, daß „nur die Empfindung als das Seiende ge­dacht werden darf“ (...) es bleibt die Empfin­dung: das Seiende wird demnach als Emp­findung zu denken sein, welcher [nichts Empfindungsloses] mehr zugrunde liegt.“

Also existiert die Empfindung ohne „Sub­stanz“, d.h., der Gedanke existiert ohne Ge­hirn! Gibt es nun wahrhaftig Philosophen, die imstande sind, diese hirnlose Philosophie zu verteidigen? Es gibt sie. Zu ihnen gehört auch Professor Richard Avenarius.

„Existent ist nur die Empfindung“ - das war der offen idealistische Ausgangspunkt in der Philosophie von Avenarius. Er modifi­ziert das später aufgrund der unabweisbaren Argumente sowohl der Naturwissenschaften, als auch der materialistischen Kritiker.

Nr. 31, S. 42-43

Idealismus; Avenarius; scheinbare Anpas­sung an den Materialismus

Für jeden Naturforscher, der durch die Pro­fessorenphilosophie nicht verwirrt worden ist, sowie für jeden Materialisten ist die Empfin­dung tatsächlich die unmittelbare Verbindung des Bewußtseins mit der Außenwelt, die Ver­wandlung der Energie des äußeren Reizes in eine Bewußtseinstatsache. Diese Verwand­lung hat jeder Mensch millionenmal beob­achtet und beobachtet sie tatsächlich auf Schritt und Tritt. Der Sophismus der idealisti­schen Philosophie besteht darin, daß die Empfindung nicht für die Verbindung des Be­wußtseins mit der Außenwelt, sondern für eine Scheidewand gehalten wird, für eine Mauer, die das Bewußtsein von der Außen­welt trennt – nicht für das Abbild einer der Empfindung entsprechenden äußeren Er­scheinung, sondern für das „einzig Seiende“.

Auch die idealistisch geprägten Naturfor­scher kommen nicht darum herum, die Tat­sache der „Außenwelt“ zu akzeptieren.

Der Sophismus der idealistischen Philo­sophie besteht darin, Empfindung und Au­ßenwelt unabhängig voneinander zu betrach­ten, die Empfindung/die Gedanken aus sich heraus bzw. von Gott gegeben zu behaup­ten.

Das Ergebnis ist ein „höher entwickelter“ Idealismus, der sich an eine gesellschaftli­che Phase vielfältigster materialistisch gewonnener naturwissenschaftlicher Er­kenntnisse anpasst.

Nr. 32, S. 43

Metaphysik; Umdeutung des Meta­physik-Begriffs durch die Empiriokritizis­ten

Jede Annahme von Dingen außerhalb der Sinneseindrücke erklärt Pearson für Meta­physik.

Nachdem Mach & Co. die Empfindungen zum einzig Wahrnehmbaren erklärt haben, diffamieren sie jeden, der die darüber hin­ausgehende oder dem zu Grunde liegende objektive Wirklichkeit betrachtet, als Meta­physiker. Es liegt in der typischen Logik der kleinbürgerlichen Philosophen, die Dinge auf den Kopf zu stellen.

Nr. 33, S. 43

Empiriokritizismus; Lenin zu Pearson

Seine Philosophie ist, wie wir noch mehrmals sehen werden, viel geschlossener und bes­ser durchdacht als die Philosophie Machs.

Lenin schert nicht alle Idealisten über einen Kamm. Pearson bescheinigt er, dass er sei­ne idealistische Philosophie im Unterschied zur Großspurigkeit von Mach wenigstens gut durchdacht und sauber strukturiert hat. Im Unterschied zu Mach bezeichnet er sich selbst freimütig als Idealist im Gefolge von Berkeley und Hume.

2. „Die Entdeckung der Weltelemente“

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 34, S. 47

Materie und Bewusstsein; dialektische Betrachtung

Die Naturwissenschaft erklärt die verschie­denen Empfindungen dieser oder jener Far­be durch die verschiedene Länge der Licht­wellen, die außerhalb der menschlichen Netzhaut, außerhalb des Menschen und un­abhängig von ihm existieren. Eben das ist Materialismus: Die Materie wirkt auf unsere Sinnesorgane ein und erzeugt die Empfin­dung. Die Empfindung ist abhängig vom Ge­hirn, von den Nerven, der Netzhaut usw., d.h. von der in bestimmter Weise organisier­ten Materie. Die Existenz der Materie ist von der Empfindung unabhängig. Die Materie ist das Primäre. Die Empfindung, der Gedanke, das Bewußtsein ist das höchste Produkt der in besonderer Weise organisierten Materie. Dies ist die Auffassung des Materialismus überhaupt und die Auffassung von Marx und Engels im besonderen.

Sowohl die

unabhängig vom Willen und

Be­wusstsein

existierende Außenwelt

ist Materie

wie auch

der materielle Prozess

ihrer Widerspiegelung im

Be­wusstsein.

Die allgemeine Gegenüberstellung von Mate­rie und Bewusstsein ist dagegen idealistisch, weil sie dazu dient, das Bewusstsein als imma­teriellen Prozess zu deuten und den Idealismus zu rechtfertigen.

Nr. 35, S. 47

Empiriokritizismus; Terminologie

Es wäre doch wirklich kindisch, zu denken, daß man durch die Erfindung eines neuen Schlagworts um die philosophischen Grund­richtungen herumkommen kann. Entweder ist das „Element“ eine Empfindung, wie es alle Empiriokritiker behaupten, sowohl Mach als auch Avenarius, Petzoldt usw. - dann aber, meine Herren, ist eure Philosophie Idealismus, der die Blöße seines Solipsis­mus vergeblich durch eine mehr „objektive“ Terminologie zu verdecken sucht. Oder aber das „Element“ ist keine Empfindung - dann ist mit euerm „neuen“ Wort überhaupt kein Sinn verbunden, dann ist es einfach Wichtig­tuerei mit einer Bagatelle.

Mach und Avenarius ersetzen den Begriff der „Empfindung“ durch „Element“, um „angeblich ihre Theorie von der ’Einseitigkeit‘ des subjekti­ven Idealismus (zu befreien, Se)“

Diese „objektive“ Terminologie soll nur den Idealismus tarnen und dient der Wichtigtue­rei dieser Philosophen.

Nr. 36, S. 48

Empiriokritizismus; Idealismus und Sub­jektivismus; Petzoldt

(Der Philosoph Petzoldt sagt – Se:)

„Man muß sich hüten, (…) das Wort 'Empfin­dungen' als Bezeichnung für etwas bloß Subjektives (…) zu nehmen.“

(Darauf antwortet Lenin - Se:)

Wenn ihr euch nicht mit Ausflüchten heraus­reden wollt, wenn ihr euch ernstlich vor Sub­jektivismus und Solipsismus „hüten“ wollt, so müßt ihr euch vor allem vor den idealisti­schen Grundthesen eurer Philosophie hüten; ihr müßt die idealistische Linie eurer Philoso­phie (von den Empfindungen zur Außenwelt) durch die materialistische (von der Außen­welt zu den Empfindungen) ersetzen; ihr müßt die nichtssagende und wirre Ver­schnörkelung durch das Wort „Element“ bei­seite werfen und einfach sagen: Die Farbe ist das Resultat der Einwirkung eines physikalischen Objekts auf die Netzhaut = die Empfindung ist das Resultat der Einwir­kung der Materie auf unsere Sinnesorgane.

Der Vertreter des Empirokritizismus Petzoldt warnt vor Subjektivismus, indem er dem Begriff der „Empfindungen“ einen doppelten Sinn ein­haucht.

Lenin fordert stattdessen im Kampf gegen den Subjektivismus, die idealistische Linie der Phi­losophie zu verlassen und sie durch die materia­listische zu ersetzen.

Die Kritik der Krise

der bürgerlichen Ideologie

erfor­dert ein

immer tieferes Eindringen in die dialektisch-materialistische Welt­anschauung und

die immer bessere

Beherr­schung der

dialektisch-materia­listischen Methode auf dem Ni­veau der

Lehre von der Denkweise.

Nr. 37, S. 50

Empiriokritizismus; Idealismus und Kon­fusion

Wichtig ist nicht, wie Bogdanow den Machis­mus weiterentwickelte oder wie er ihn ver­besserte oder verschlechterte. Wichtig ist, daß er den materialistischen Standpunkt ver­lassen hat und dadurch unausweichlich in Konfusion und auf idealistische Irrwege gera­ten mußte.

Das Verlassen

des materialistischen

Standpunkts

führt unausweichlich

in Konfusion und

idealistische Irrwege.

Nr. 38, S. 50-51

Idealismus; irrige These der Identität von Materie und Empfindungen

Jawohl, man kann und muß von Idealismus sprechen, wenn die „Elemente der physi­schen Erfahrung“ (d.h. das Physische, die Außenwelt, die Materie) für identisch mit den Empfindungen erklärt werden, denn das ist nichts anderes als Berkeleyanismus. (…)

Und wenn man Bogdanow fragen wollte, wie er diese „unbestreitbare Tatsache“, daß das Physische mit den Empfindungen identisch sei, beweisen könne, so würde man kein ein­ziges Argument hören außer dem ewigen Refrain der Idealisten: ich empfinde nur mei­ne Empfindungen; (…) „wir erfahren uns selbst als empfindende Substanzen, in wel­cher Erfahrung die Empfindung allerdings si­cherer gegeben ist als die Substanzialität.“ (…) denn in Wirklichkeit wurde keine einzige Tatsache angeführt und kann keine Tatsache angeführt werden, die die Ansicht, daß die Empfindung ein Abbild der Außenwelt ist, wi­derlegen könnte

Die „weiter entwickelte“ These der Identität von Außenwelt und Empfindungen ist ein Tribut an den Materialismus, ohne dem Idealismus abzuschwören.

Hier tritt ein Wesensmerkmal kleinbürgerli­cher Philosophen in Erscheinung: Entspre­chend ihrer eigenen schwankenden Klassenlage zollen sie hin und wieder den unwiderlegbaren Tatsachen Rechnung und nehmen Fragmente der materialistischen bzw. marxistischen Weltan­schauung in sich auf, ohne mit dem bürgerlichen Idealismus zu brechen.

Die marxistische Theorie

besteht dagegen unerbittlich

auf dem Primat

der objektiven Außenwelt,

ihrer Existenz

unabhängig von Empfindungen und Bewusstsein.

Nr. 39, S. 52

Materialismus; Realismus oder Materialis­mus

Es sei bemerkt, daß hier der Ausdruck Rea­lismus im Gegensatz zu Idealismus ge­braucht wird. Was mich betrifft, so gebrauche ich wie Engels in diesem Sinne nur das Wort Materialismus und halte diese Terminologie für die einzig richtige, besonders da das Wort „Realismus" von den Positivisten und ande­ren Wirrköpfen, die zwischen Materialismus und Idealismus schwanken, abgegriffen wor­den ist.

Lenin hält den Begriff „Realismus“ als Gegen­überstellung zum Idealismus nicht für zweckmä­ßig und hält an dem Begriff „Materialismus“ fest, weil der Begriff „Realismus“ durch die Posi­tivisten „verbrannt“ ist.

Nr. 40, S. 52

Empiriokritizismus; Avenarius Idealis­mus; Rückgriff auf den „Naiven Realis­mus“

daß Avenarius, der 1876 „ganz“ Idealist war, später einen „[Ausgleich]“ zwischen dieser Lehre und dem „naiven Realismus“ herge­stellt hat (…) – d.h. jenem spontan, unbe­wußt materialistischen Standpunkt, auf dem die ganze Menschheit steht, indem sie an­nimmt, daß die Außenwelt unabhängig von unserem Bewußtsein existiert.

Um dem gesunden Menschenverstand Rech­nung zu tragen, ergänzte Avenarius seinen ur­sprünglichen Idealismus mit einem Schuss „nai­vem Realismus“.

Je mehr der Idealismus

in die Krise abrutschte,

desto mehr musste er

Anleihen beim Materialismus nehmen,

um seine Glaubwürdigkeit

unter den Massen zu erhalten.

Darum geht es letztlich beim gesellschaftlichen System der kleinbürgerlichen Denkweise: durch Aufnahme fortschrittlicher Gedanken und Kritiken am kapitalistischen System soll die bürgerliche Ideologie am Leben erhalten werden.

Lenin bezeichnet den

gesunden Menschenverstand als unbewusst materialistischen Standpunkt.

Nr. 41, S. 55

Agnostizismus; Vorwurf der „Metaphysik“ an den Materialismus

Es sei bemerkt, daß viele Idealisten und sämtliche Agnostiker (darunter auch die Kan­tianer und Humeisten) die Materialisten als Metaphysiker bezeichnen, weil es ihnen scheint, die Anerkennung der Existenz einer vom menschlichen Bewußtsein unabhängi­gen Außenwelt sei Hinausgehen über die Grenzen der Erfahrung.

Agnostiker anerkennen nicht nur die Empfin­dung, sondern auch die objektive Realität. Sie behaupten jedoch die Unmöglichkeit, Zusam­menhänge und Gesetzmäßigkeiten in der objek­tiven Wirklichkeit zu erkennen.

Deshalb ist ihnen mit den Idealisten die Theo­rie gemeinsam, dass nur die Empfindung und Erfahrung beweisbar ist. Den Materialismus bezeichnen sie diffamierend als »Metaphysik«.

Nr. 42, S. 55

Empiriokritizismus; eklektizistische Me­thode

Mach und Avenarius aber vereinigen in ihrer Philosophie die idealistischen Grundthesen und einzelne materialistische Schlußfolge­rungen gerade weil ihre Theorie ein Muster­beispiel jener „eklektischen Bettelsuppe“ ist, von der Engels mit gebührender Verachtung sprach.

Mach und Avenarius vereinigen ihre idealisti­schen Grundthesen mit einzelnen materialis­tischen, was Engels polemisch als »eklekti­sche Bettelsuppe« bezeichnet.

Nr. 43, S. 57

Subjektiver Idealismus; E. Mach; bruch­stückhafte Anleihen bei der materialisti­schen Erkenntnistheorie

Machs eigene Theorie ist subjektiver Idealis­mus; braucht er aber ein Moment der Objek­tivität, so schiebt er ohne Bedenken Annah­men der entgegengesetzten, d.h. der mate­rialistischen Erkenntnistheorie in seine Be­trachtungen ein. (…) Die Lehre, daß die Kör­per Empfindungskomplexe seien usf., ist ab­soluter Illusionismus, d.h. Solipsismus, denn von diesem Standpunkt aus gesehen ist die ganze Welt nichts anderes als meine Illusion. Die von uns angeführte Betrachtung Machs hingegen ist ebenso wie eine ganze Reihe anderer vereinzelter Betrachtungen von ihm so genannter „naiver Realismus“, d.h. die un­bewußt, spontan von den Naturforschern übernommene materialistische Erkenntnis­theorie.

Die Qualifizierung einer

philoso­phischen Strömung

kann nicht danach erfolgen,

ob einzelne materialistische

Begrif­fe, Gedankengänge,

Elemente

der Objektivität der Betrachtung verwendet sind,

sondern ob ihre

Gesamtrichtung materialistisch ist oder nicht.

Nr. 44, S. 59

Agnostizismus als Schwanken zwischen Materialismus und Idealismus

An Stelle von Berkeleys konsequentem Standpunkt: Die Außenwelt ist meine Emp­findung, kommt zuweilen der Standpunkt Hu­mes heraus: Ich schalte die Frage aus, ob hinter meinen Empfindungen etwas ist. Die­ser Standpunkt des Agnostizismus hat aber unvermeidlich ein Schwanken zwischen Ma­terialismus und Idealismus zur Folge.

Der Agnostizismus will eine klare Positionie­rung zwischen Materialismus und Idealismus umgehen. Das führt unweigerlich in eine schwankende Haltung.

Der Agnostizismus ist aber keine dritte Ideolo­gie, sondern eine Variation des Idealismus.

3. Prinzipialkoordination und „naiver Realismus“

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 45, S. 59

Avenarius‘ Lehre von der Prinzipialkoordi­nation

Den Kern dieser Lehre bildet der Satz über die „[unauflösliche] Koordination“ (d.h. Wech­selbeziehung) „des ‚Ich‘-Bezeichneten und der ‚Umgebung‘“…

Avenarius' Lehre von der „Prinzipialko­ordination“,

der „unauflöslichen Koordination“ zwi­schen der Empfindung und der Umgebung geht davon aus, dass es die Umgebung ohne entsprechende Empfindung und Bewusstsein nicht gibt.

Das ist aber idealistisch!

Nr. 46, S. 61

Subjektiver Idealismus; Identität verschie­dener idealistischer Schulen

Die verschiedenen Ausdrucksweisen von Berkeley 1710, Fichte 1801 und Avenarius 1891-1894 ändern das Wesen der Sache, d.h. die philosophische Grundlinie des sub­jektiven Idealismus, nicht im mindesten. Die Welt ist meine Empfindung; das Nicht-Ich wird durch unser Ich „gesetzt“ (geschaffen, hervorgebracht); das Ding ist unauflöslich mit dem Bewußtsein verbunden; die unauflösli­che Koordination unseres Ich und der Umge­bung ist die empiriokritische Prinzipialkoordi­nation – es ist immer ein und dieselbe The­se, derselbe alte Kram mit etwas aufgefärb­tem oder übermaltem Aushängeschild.

Die Grundlinie des subjektiven Idealismus geht schon auf Berkeley 1710, Fichte 1801 und Avenarius 1891-1894 zurück.

Ihre gemeinsamen Grundthesen sind:

  • die Welt ist meine Empfindung

  • die Außenwelt (das Nicht - Ich) wird durch die Empfindungen des Ich geschaffen

  • Bewusstsein und Außenwelt sind unauflöslich miteinander verbunden bzw. absolut identisch

Die Unterschiede beziehen sich lediglich auf die Terminologie und den Grad der eklekti­zistischen Verwendung materialistischer Versatzstücke.

Nr. 47, S. 61-62

Naiver Realismus“

Die Berufung auf den „naiven Realismus“, den eine solche Philosophie angeblich vertei­digt, ist ein Sophismus billigster Sorte. Der „naive Realismus“ eines jeden gesunden Menschen, der nicht im Irrenhaus oder bei den idealistischen Philosophen in der Lehre war, besteht in der Annahme, daß die Dinge, die Umgebung, die Welt unabhängig von un­serer Empfindung, von unserem Bewußtsein, von unserem Ich und dem Menschen über­haupt existieren.

Dieselbe Erfahrung (nicht im machistischen, sondern im menschlichen Sinne des Wor­tes), die in uns die feste Überzeugung be­wirkt hat, daß unabhängig von uns andere Menschen und nicht bloße Komplexe meiner Empfindungen des Hohen, Niedrigen, Gel­ben, Harten usw. existieren, dieselbe Erfah­rung bewirkt bei uns die Überzeugung, daß Dinge, Welt und Umgebung unabhängig von uns existieren. Unsere Empfindungen, unser Bewußtsein sind nur das Abbild der Außen­welt, und es ist selbstverständlich, daß ein Abbild nicht ohne das Abgebildete existieren kann, das Abgebildete aber unabhängig von dem Abbildenden existiert. Die „naive“ Über­zeugung der Menschheit wird vom Materia­lismus bewußt zur Grundlage seiner Erkennt­nistheorie gemacht.

Die Berufung von Mach und Avenarius auf den naiven Realismus der Massen ist ein Sophismus billigster Sorte.

Der Materialismus

ist die

wissenschaftliche

Verallge­meinerung der

spontan-mate­rialistischen

Erfahrung der Massen.

Nr. 48, S. 66

Unmöglichkeit der Versöhnung von Mate­rialismus und Idealismus

Eine Erkenntnistheorie aufbauen, die sich auf die Annahme der unauflöslichen Zusam­mengehörigkeit des Objekts mit der mensch­lichen Empfindung gründet (…), heißt unver­meidlich in Idealismus verfallen. Dies ist die einfache und unabwendbare Wahrheit, die bei einiger Aufmerksamkeit leicht in dem Wust der äußerst geschraubten, die Sache absichtlich verdunkelnden und das breite Pu­blikum von der Philosophie abschreckenden, quasigelehrten Terminologie der Avenarius, Schuppe, Ewald und anderen zu entdecken ist.

Der zweifelhafte Versuch, Materialismus und Idealismus zu versöhnen, geht einher mit einer kleinbürgerlichen Wichtigtuerei:

  • einem Wust pseudowissenschaftlicher Theorien und Argumente

  • einer geschraubten Sprache

  • einer verwirrenden Terminologie

  • einer massenfeindlichen Abschre­ckung von der Theorie in der weltan­schaulichen Auseinandersetzung

Diese Erscheinungen der philosophischen Wichtigtuerei sind bis heute als Merkmale einer kleinbürgerlichen Denk- und Ar­beitsweise erhalten geblieben.

4. Hat die Natur vor dem Menschen existiert?

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 49, S. 67

Naturwissenschaft; auf dem Boden ma­terialistischer Erkenntnistheorie

Die Naturwissenschaft behauptet entschie­den, daß die Erde einmal in einem Zustand existierte, wo es weder den Menschen noch überhaupt irgendein Lebewesen auf ihr gab und auch nicht geben konnte. Die organische Materie ist eine spätere Er­scheinung, das Resultat einer langwierigen Entwicklung. Also hat es keine empfinden­de Materie gegeben, keine „Empfindungs­komplexe“, kein Ich, das nach der Lehre von Avenarius angeblich mit der Umge­bung „unauflöslich“ verbunden ist. Die Ma­terie ist das Primäre; Denken, Bewußtsein, Empfindung sind das Produkt einer sehr hohen Entwicklung. Dies besagt die mate­rialistische Erkenntnistheorie, auf deren Boden die Naturwissenschaft spontan steht.

Die Naturwissenschaft

geht allgemein davon aus,

dass die Erde einmal in einem Zu­stand existierte,

in dem es weder den

Men­schen, noch überhaupt

irgend­ein Lebewesen,

geschweige denn ein

Bewusstsein

darüber gab und

auch nicht geben konnte.

Diese spontan-

materialisti­sche Erkenntnis schließt aus, dass die Welt nur über Empfin­dungskomplexe existiert.

Nr. 50, S. 70

Subjektiver Idealismus; Obskurantismus*

Kein halbwegs gebildeter Mensch mit eini­germaßen gesunden Sinnen zweifelt daran, daß die Erde bereits zu einem Zeitpunkt existierte, als auf ihr kein Leben, keine Emp­findung, kein „Zentralglied“ sein konnte, und folglich ist die ganze Theorie von Mach und Avenarius, nach der die Erde ein Empfin­dungskomplex ist („die Körper sind Empfin­dungskomplexe“) oder ein „Komplex von Ele­menten, in denen das Psychische mit dem Physischen identisch ist“, oder ein „Gegen­glied, dessen Zentralglied nie gleich Null sein kann“, philosophischer Obskurantismus, ein Ad-absurdum-Führen des subjektiven Idea­lismus.

obskur = dunkel, von zweifelhafter Herkunft

Die Existenz der

anorgani­schen Materie

der Erde

hängt nicht von

mit Empfindungs- oder

Denkfä­higkeit ausgestatteter

organischer Materie ab.

Diese einfache physikalische Tatsache führt den subjektiven Idealismus ad absurdum.

Nr. 51, S. 71

Aufgabe der Erkenntnistheorie

Was wahr ist, ist wahr. Denken und „hinzu­denken“ kann man sich jede Hölle und alle möglichen Teufel (…). Die Aufgabe der Er­kenntnistheorie besteht aber gerade darin, die Irrealität, das Phantastische, das Reak­tionäre eines solchen Hinzudenkens aufzu­decken.

Die Aufgabe der

materialisti­schen

Erkenntnistheorie

besteht wesentlich auch

in der Kritik an der

subjektivistischen,

idealisti­schen Verzerrung

der Wirklichkeit.

Die

dialektisch-materialisti­sche Wissenschaft

entsteht

aus der Kritik an der bürgerli­chen Wissenschaft.

Nr. 52, S.72

Bewusstsein und Außenwelt

(Für den Widerspruch bei Avenarius, dass die Erde existiert hat, bevor Menschen exis­tierten, - Se), kann (es) nur eine Lösung ge­ben: „die Anerkennung, daß die von unserem Bewußtsein abgebildete Außenwelt unab­hängig von unserem Bewußtsein existiert. Nur diese materialistische Lösung ist mit der Naturwissenschaft wirklich vereinbar, und nur sie beseitigt die idealistische Lösung des Problems der Kausalität durch Petzoldt und Mach (...)

Nur die materialistische

An­nahme,

dass die von unserem

Bewusst­sein abgebildete

Außenwelt

unabhängig von unserem

Be­wusstsein existiert,

ist mit der Naturwissenschaft vereinbar.

Nr. 53, S. 76

Subjektiver Idealismus; Konfusion durch Entstellung des Materialismus

Es steht natürlich jedem frei, sich auf die Sei­te Berkeleys oder sonst jemandes gegen die Materialisten zu stellen, das ist unbestreitbar, aber ebenso unbestreitbar heißt es eine un­verzeihliche Konfusion in die Frage hineintra­gen, wenn man von den Materialisten spricht und dabei die Grundthese des ganzen Mate­rialismus entstellt oder ignoriert.

Lenin geißelt die pseudowissenschaftli­chen Verzerrungen der Wirklichkeit als »unverzeihliche Konfusion«. Damit be­schreibt er das Grundmotiv seiner Schrift:

die Konfusion stiftende Beeinflussung der revolutionären und Arbeiterbewegung schonungslos zu entlarven und zurückzu­weisen!

5. Denkt der Mensch mit dem Gehirn?

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 54, S. 79

Subjektiver Idealismus; Ernst Mach; feige und prinzipienlose Methodik

Und wenn Plechanows Formulierung des Materialismus Basarow mißfiel, warum setz­te er sich dann mit Plechanow auseinander und nicht mit Engels, nicht mit Feuerbach?

Weil die Machisten die Wahrheit einzugeste­hen fürchten. Sie bekämpfen den Materialis­mus, tun aber so, als ob sie Plechanow be­kämpfen: eine feige und prinzipienlose Me­thode.

Da die Machisten sich gerne als Marxisten geben, kritisieren sie nicht den Materialismus von Friedrich Engels oder Karl Marx, son­dern die fehlerhaften bzw. unexakten Formu­lierungen Plechanows.

Diese Methode ist feige, hinterhältig und prinzipienlos, kennzeichnet jedoch auch die Schwäche der kleinbürgerlichen Kritiker und Verfälscher des Marxismus.

Nr. 55, S. 80

Materialismus; Denken und Bewusstsein als materielle Prozesse

„Denken und Bewußtsein“, sagt Engels im „Anti-Dühring“, sind „Produkte des menschli­chen Hirns“ (…) Im „Ludwig Feuerbach“ le­sen wir, (...) daß „unser Bewußtsein und Denken, so übersinnlich es scheint, das Er­zeugnis eines stofflichen, körperlichen Or­gans, des Gehirns ist. Die Materie ist nicht ein Erzeugnis des Geistes, sondern der Geist ist selbst nur das höchste Produkt der Materie. Dies ist natürlich reiner Materialis­mus.“

Die Idealisten machen aus dem Denken und dem Bewusstsein immaterielle, übersinnli­che Erscheinungen. In Wahrheit sind sie nur das Produkt eines stofflichen körperli­chen Organs, des Gehirns.

Die Materie ist nicht

Erzeugnis des Geistes,

sondern der Geist ist selbst nur das höchste Produkt der

Ma­terie.

Nr. 56, S. 83

Materialismus und Idealismus; Auflösung des Dualismus von Geist und Körper

Die materialistische Beseitigung des „Dualis­mus von Geist und Körper“ (d.h. der mate­rialistische Monismus) besteht darin, daß der Geist nicht unabhängig vom Körper exis­tiert, daß der Geist das Sekundäre, eine Funktion des Gehirns, die Widerspiegelung der Außenwelt ist. Die idealistische Beseiti­gung des „Dualismus von Geist und Körper“ (d.h. der idealistische Monismus) besteht darin, daß der Geist keine Funktion des Kör­pers ist, daß der Geist folglich das Primäre ist, daß die „Umgebung“ und das „Ich“ nur in der unauflöslichen Verbindung ein und der­selben „Elementenkomplexe“ existieren. Au­ßer diesen beiden einander direkt entgegen­gesetzten Arten der Beseitigung des „Dualis­mus von Geist und Körper“ kann es keine dritte Art geben, wenn man von dem Eklekti­zismus, d.h. der widersinnigen Vermengung von Materialismus und Idealismus, absieht.

Die Einheit von Materialismus und Idealis­mus besteht in der Aberkennung des Dua­lismus von Geist und Körper. Die weltan­schauliche Begründung dafür ist aber kon­trär:

Der Materialismus besagt, dass das Den­ken nicht unabhängig vom Körper, von der Außenwelt existiert, der Körper aber un­abhängig von seiner Wahrnehmung.

Die idealistische Theorie der Introjektion spricht nicht mehr von der allein existieren­den Idee, sondern von der unauflöslichen Einheit von der Umgebung und des Ich. Das negiert aber ebenfalls die Existenz der objektiven Wirklichkeit – unabhängig vom Willen und Bewusstsein des Menschen.

6. Über den Solipsismus von Mach und Avenarius

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 57, S. 86-87

Subjektiver Idealismus; Grundlage des Empiriokritizismus; Solipsismus als Quintessenz

Wir sahen, daß Ausgangspunkt und Grundt­hese der Philosophie des Empiriokritizismus der subjektive Idealismus ist. (…) Die Absur­dität dieser Philosophie liegt darin, daß sie zum Solipsismus führt, dazu, daß allein das philosophierende Individuum als existierend anerkannt wird. Unsere russischen Machis­ten aber versichern dem Leser, daß es „äu­ßerster Subjektivismus“ sei, Mach „des Idea­lismus oder gar des Solipsismus“ zu „be­schuldigen“.

Grundlage der Philosophie

des Empiriokritizismus

ist der

subjektive Idealismus.

Er endet notwendig im Solipsismus als »al­leinige Anerkennung des philosophierenden Individuums«. Dieser bringt den Subjektivis­mus, die Egozentrik und den kleinbürgerli­chen Führungsanspruch der pseudomarxis­tischen Philosophen konzentriert zum Aus­druck.

Kapitel II:

Die Erkenntnistheorie des Empiriokritizismus und des dialektischen Materialismus

1. Das „Ding an sich“, oder W. Tschernow widerlegt Friedrich Engels

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 58, S. 93

Grundfrage der Philosophie; zwei Seiten

Engels, der die Philosophen entsprechend dieser Grundfrage in „zwei große Lager“ ein­teilt, weist darauf hin, daß diese philosophi­sche Grundfrage „noch eine andre Seite“ habe, und zwar: „Wie verhalten sich unsre Gedanken über die uns umgebende Welt zu dieser Welt selbst? Ist unser Denken imstan­de, die wirkliche Welt zu erkennen, vermö­gen wir in unsern Vorstellungen und Begrif­fen von der wirklichen Welt ein richtiges Spiegelbild der Wirklichkeit zu erzeugen?“

Während die Grundfrage der Philosophie das Verhältnis von Sein und Bewusstsein ist, gibt es noch eine zweite Seite, und zwar die richtige Widerspiegelung der objektiven Realität und ihrer Gesetzmäßigkeiten im Denken, Fühlen und Handeln.

Die erste Seite entscheidet über die Einord­nung in Idealismus oder Materialismus, die zweite über die Einordnung der Methode Me­taphysik oder Dialektik.

Nr. 59, S. 94

Praxis als Kriterium der Wahrheit

(Dazu Friedrich Engels – Se:)

„Die schlagendste Widerlegung dieser wie al­ler andern philosophischen Schrullen ist die Praxis, nämlich das Experiment und die In­dustrie. Wenn wir die Richtigkeit unsrer Auf­fassung eines Naturvorgangs beweisen kön­nen, indem wir ihn selbst machen, ihn aus seinen Bedingungen erzeugen, ihn oben­drein unsern Zwecken dienstbar werden las­sen, so ist es mit dem Kantschen unfaßbaren (…) ‚Ding an sich‘ zu Ende. Die im pflanzli­chen und tierischen Körper erzeugten chemi­schen Stoffe blieben solche ‚Dinge an sich‘, bis die organische Chemie sie einen nach dem andern darzustellen anfing; damit wurde das ‚Ding an sich‘ ein ‚Ding für uns‘

Die Überprüfung von

theoreti­schen Thesen

verläuft

über die Praxis

das Experiment,

die industrielle Produktion

in Einheit von Mensch und

Na­tur

und den Klassenkampf.

Die Probe aufs Exempel ist die Fähigkeit, einen erforschten Naturvorgang selbst zu beeinflussen und zu verändern, um ihn zielgerichtet für die Menschheit in Einheit mit der Natur nutzbar zu machen.

Nr. 60, S. 96-97

Dialektischer Materialismus; erkenntnis­theoretische Quintessenz

Wenn dem aber so ist, so lassen sich daraus drei wichtige erkenntnistheoretische Schluß­folgerungen ableiten:

1. Die Dinge existieren unabhängig von un­serem Bewußtsein, unabhängig von unserer Empfindung, außer uns;(…)

2. Zwischen der Erscheinung und dem Ding an sich gibt es absolut keinen prinzipiellen Unterschied, und es kann einen solchen nicht geben. Einen Unterschied gibt es nur zwischen Erkanntem und noch nicht Erkann­tem. (…)

3. In der Erkenntnistheorie muß man, ebenso wie auf allen anderen Gebieten der Wissen­schaft, dialektisch denken, d.h. unsere Er­kenntnis nicht für etwas Fertiges und Unver­änderliches halten, sondern untersuchen, auf welche Weise das Wissen aus Nichtwissen entsteht, wie unvollkommenes, nicht exaktes Wissen vollkommener und exakter wird.

Hat man sich einmal auf den Standpunkt ge­stellt, daß sich die menschliche Erkenntnis aus dem Nichtwissen entwickelt, so wird man merken, daß Millionen Beispiele, (…) dem Menschen die Verwandlung der „Dinge an sich“ in „Dinge für uns“ zeigen

Die Erkenntnistheorie

erfor­dert,

dialektisch zu denken!

Das bezieht sich sowohl

auf die Umwandlung von Nichtwissen in Wissen,

wie auf den Prozess

vom unvollkommenen Wissen zum immer vollkommeneren Wissen

oder der Umwandlung

von „Dingen an sich“ in

Dinge für uns“.

Nr. 61, Marx, zitiert auf S. 97

Praxis als Kriterium der Wahrheit; Marx zur Bedeutung

„Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist kei­ne Frage der Theorie, sondern eine prakti­sche Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, d.h. die Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nicht­wirklichkeit eines Denkens, das sich von der Praxis isoliert, ist eine rein scholastische Fra­ge.“

Marx kritisiert abgehobene philosophische Dispute über Wirklichkeit oder Nichtwirklich­keit einer Auseinandersetzung als Scholas­tik und fordert den Beweis erkannter Wahr­heit in der Praxis.

Nr. 62, S. 98

Materialistische Grundthese von der Er­kennbarkeit der Dinge

Es zeugt von Ignoranz, Herr Wiktor Tscher­now, wenn Ihnen nicht bekannt ist, daß alle Materialisten auf dem Standpunkt der Er­kennbarkeit der Dinge an sich stehen.

Die Materialisten

stehen

auf dem Standpunkt der

Erkennbarkeit der Dinge.

Nr. 63, S. 100

Menschliche Praxis als Kriterium der Wahrheit

Die menschliche Erkenntnis spiegelt die ab­solute Wahrheit wider (…), durch die menschliche Praxis wird die Richtigkeit unse­rer Vorstellungen überprüft und das in ihnen bestätigt, was der absoluten Wahrheit ent­spricht.

Die Einheit von Theorie und Praxis ist das wesentliche Moment der Fähigkeit zur prole­tarischen Kontrolle und Selbstkontrolle, mit dem Ziel des systematischen Erkenntnis­fortschritts.

2. Über den „Transzensus“, oder W. Basarow „bearbeitet“ Engels

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 64, S. 101

Materialismus und Agnostizismus

Also behauptet der Materialist in der Streit­frage, über die Engels spricht, die Existenz und die Erkennbarkeit der Dinge an sich. Der Agnostiker läßt nicht einmal den Gedanken an die Dinge an sich zu und erklärt, daß wir über sie nichts Gewisses wissen können.

Während der Materialismus

von Existenz und Erkennbarkeit

der objektiven Wirklichkeit

aus­geht,

leugnet der Agnostizismus

die Erkennbarkeit

der Dinge an sich.

Nr. 65, S. 103

Praxis als Kriterium der Wahrheit; Unter­scheidung von richtig und falsch

Die materialistische Theorie, die Theorie der Widerspiegelung der Gegenstände im Den­ken, ist hier also mit größter Klarheit darge­stellt: die Dinge existieren außer uns. Unsere Wahrnehmungen und Vorstellungen sind ihre Abbilder. Durch die Praxis werden diese Ab­bilder einer Probe unterzogen, werden die richtigen von den unrichtigen geschieden.

Unsere Wahrnehmungen und Vorstellungen sind Abbilder der objektiven Wirklichkeit. Durch die Praxis werden diese Abbilder ei­ner Probe unterzogen, werden die richti­gen von den unrichtigen unterschieden.

Nr. 66, S. 104-1055

Subjektiver Idealismus; Kantianismus und Humeismus

denn der Idealismus fängt erst dort an, wo ein Philosoph behauptet, die Dinge seien un­sere Empfindungen; der Kantianismus fängt dort an, wo ein Philosoph sagt: das Ding an sich existiert, aber es ist unerkennbar. Basa­row verwechselte den Kantianismus mit dem Humeismus, und zwar deshalb, weil er, (…) den Unterschied zwischen der humeistischen und der materialistischen Opposition gegen den Kantianismus (…) nicht versteht.

Der Kantianismus sagt, das Ding an sich existiert, aber es ist unerkennbar.

Der Humeismus ist Agnostizismus, der nicht über die Empfindungen hinausgeht und zudem erklärt, dass man die Gesetze der Wirklichkeit nicht erkennen kann.

Nr. 67, S.105

Materialismus; Unterschied zu Idealismus und Agnostizismus

Dem Materialisten ist die Außenwelt, deren Abbild unsere Empfindungen sind, „faktisch gegeben“. Dem Idealisten ist die Empfindung „faktisch gegeben“, wobei die Außenwelt als „Empfindungskomplex“ hingestellt wird. Für den Agnostiker ist ebenfalls die Empfindung „unmittelbar gegeben“, er geht aber nicht darüber hinaus, weder zur materialistischen Anerkennung der Realität der Außenwelt noch zu der idealistischen Behauptung, daß die Welt unsere Empfindung sei. Daher ist ihr Anspruch, daß „man das reale Sein“ (nach Plechanow) „nur jenseits der Grenzen alles unmittelbar Gegebenen finden könne“, ein Unsinn, der sich unvermeidlich aus Ihrer ma­chistischen Position ergibt. Aber wenn Sie auch das Recht haben, jede beliebige Stel­lung, auch eine machistische, zu beziehen, so haben Sie doch kein Recht, Engels zu fäl­schen, wenn Sie von ihm sprechen.

Der Agnostiker bekennt sich weder zum Materialismus noch zum Idealismus, sondern gibt vor, etwas Drittes zu vertreten.

Auch die

Vermischung von Idealismus und Materialismus ist

idealis­tisch.

Nr. 68, S. 106

Praxis als Kriterium der Wahrheit; Richtig­keit von Sinneswahrnehmungen

„… Was nennt ihr aber ‚richtig‘?“, erwidert Engels. „Richtig ist das, was durch unsere Praxis bestätigt wird; folglich sind unsere Sinneswahrnehmungen, sofern sie durch die Erfahrung bestätigt werden, nicht ‚subjektiv‘, d.h. nicht willkürlich oder illusorisch, sondern als solche richtig, real…“

Richtig ist,

was durch unsere Praxis

be­stätigt wird

und nicht,

was willkürlich in unsere

Sinnes­wahrnehmungen,

in die Wirk­lichkeit

hineininterpretiert wird.

Nr. 69, S.110

Agnostizismus; Idee des Transzensus

Die Sache verhält sich doch aber so, daß die Idee des „Transzensus“ selbst, d.h. die Idee einer prinzipiellen Grenze zwischen Erschei­nung und Ding an sich eine absurde Idee der Agnostiker (Humeisten und Kantianer mit eingerechnet) und der Idealisten ist.

Unter dem Begriff Transzensus verstehen die Machisten eine prinzipielle Grenze zwi­schen Erscheinung und Ding an sich. Le­nin geißelt das als „eine idealistische, typisch Kant‘sche und Hume‘sche »Schrulle«“.

3. L. Feuerbach und J. Dietzgen über das Ding an sich

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 70, S. 113

Materialismus; notwendige Unterschei­dung von Ding an sich und Ding für uns

Die Gegenstände unserer Vorstellungen un­terscheiden sich von unseren Vorstellungen, das Ding an sich unterscheidet sich von dem Ding für uns, denn letzteres ist nur ein Teil oder eine Seite des ersteren, so wie der Mensch selbst nur ein Teil der in seinen Vor­stellungen abgebildeten Natur ist.

Für den dialektischen Materialismus gibt es immer einen Widerspruch zwischen der objektiven Wirklichkeit und der subjekti­ven Widerspiegelung dieser Wirklichkeit in den Vorstellungen, Gefühlen und Empfin­dungen der Menschen. Das Bewusstsein über die Wirklichkeit nähert sich der Wirklich­keit immer allseitiger an, ohne jemals absolut vollständig mit ihr übereinzustimmen.

Deshalb ist der

Erkenntnisfort­schritt

ein unaufhörlicher Prozess

im menschlichen Bewusstsein.

Nr. 71, S. 114

Materialistische Erkenntnistheorie; Ver­wandlung des »Dings an sich« in ein »Ding für uns«

In Wirklichkeit hat jeder Mensch millionenmal die einfache und augenfällige Verwandlung des „Dinges an sich“ in eine Erscheinung, in ein „Ding für uns“ beobachtet. Diese Ver­wandlung ist eben die Erkenntnis.

Erkenntnisfortschritt

bedeutet die Umwandlung

des »Dings an sich«

in ein »Ding für uns«.

Das ist zunächst ein spontaner Lernpro­zess im menschlichen Bewusstsein, der durch die bewusste Anwendung der dialekti­schen Methode ein wissenschaftliches Ni­veau erhält. Von der Erscheinung zum We­sen, zum immer tieferen Wesen.

4. Gibt es eine objektive Wahrheit?

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 72, S. 117

Agnostizismus; Verhältnis zum Subjekti­vismus

Bogdanows Verneinung der objektiven Wahr­heit ist Agnostizismus und Subjektivismus. (…) Die Naturwissenschaft läßt keinen Zwei­fel darüber zu, daß ihre Feststellung, die Erde habe vor der Menschheit existiert, eine Wahrheit ist. Mit der materialistischen Er­kenntnistheorie verträgt sich das durchaus: die Existenz eines von den Widerspiegeln­den unabhängigen Widergespiegelten (die Unabhängigkeit der Außenwelt vom Bewußt­sein) ist die Grundthese des Materialismus. Die Feststellung der Naturwissenschaft, daß die Erde vor der Menschheit existiert hat, ist eine objektive Wahrheit.

Agnostizismus und Subjektivismus sind darin identisch, dass sie die objektive Wahrheit negieren. Sie lassen nur die sub­jektive Wahrheit gelten, zu der man durch Gefühle, Empfindungen oder Erkenntnisse kommt.

Aber die Fähigkeit,

die objektive Wahrheit

zu erfassen,

entwickelt sich mit Hilfe der

dia­lektischen Methode

immer weiter, sodass sich der Prozess der Annäherung der subjektiven Wahrheit

an die objektive Wahrheit ständig weiter entwickelt.

Nr. 73, S. 120-121

Idealismus; Seelenverwandtschaft zu Em­pirismus, Sensualismus, Subjektivismus

Die Quelle unserer Kenntnisse sind nach Mach und Avenarius die Empfindungen. Sie stellen sich folglich auf den Standpunkt des Empirismus (alles Wissen stammt aus der Erfahrung) oder des Sensualismus (alles Wissen stammt aus den Empfindungen). Aber dieser Standpunkt führt zu dem Unter­schied der philosophischen Grundrichtungen, Idealismus und Materialismus, beseitigt die­sen Unterschied jedoch nicht,(…)

Die erste Annahme der Erkenntnistheorie be­steht ohne Zweifel darin, daß die Empfindun­gen die einzige Quelle unserer Kenntnisse sind. Nachdem Mach diese erste These an­erkannt hat, verwirrt er die zweite wichtige These, nämlich die der objektiven Realität, die dem Menschen in seinen Empfindungen gegeben oder die Quelle der menschlichen Empfindungen ist.

Die Empfindungen sind der Ausgangs­punkt jeglicher Erkenntnis. Darin sind Idealismus und Materialismus noch iden­tisch.

Mach und Avenarius stellen sich auf den Standpunkt des Empirismus (alles Wissen stammt aus der Erfahrung) oder des Sen­sualismus (alles Wissen stammt aus den Empfindungen) und leugnen dabei die theo­retischen Grundlagen für dieses Wissen. Durch ihre Leugnung der objektiven Realität verwischen sie zusätzlich, worin die Quelle der menschlichen Empfindungen liegt.

Nr. 74, S. 121

Materialismus; Objektivismus und Agnos­tizismus

Von den Empfindungen ausgehend, kann man die Linie des Subjektivismus ein­schlagen (…), man kann aber auch die Linie des Objektivismus einschlagen, die zum Ma­terialismus führt (die Empfindungen sind Ab­bilder der Körper, der Außenwelt). Für den ersten Standpunkt – für den Agnostizismus oder, wenn man etwas weiter geht, für den subjektiven Idealismus – kann es keine ob­jektive Wahrheit geben. Für den zweiten Standpunkt, d.h. für den Materialismus, ist die Anerkennung der objektiven Wahrheit wesentlich.

Es gibt zwei Wege der Verarbeitung von Empfindungen – den materialistischen und den idealistischen Weg. Der Materialismus geht von den Empfindungen als Widerspie­gelung der objektiven Wirklichkeit aus, der Idealismus sieht in den Empfindungen die Quelle der objektiven Wirklichkeit.

Der Agnostizismus

setzt die Empfindungen mit der objektiven Wirklichkeit gleich und verwischt so den

Unter­schied von

Materialismus und

Idealismus.

Nr. 75, S. 122

Materialismus Anerkennung der objekti­ven Wahrheit als Wurzel der Erkenntnis

Alle Kenntnisse stammen aus der Erfahrung, aus Empfindungen, aus Wahrnehmungen. Das stimmt. Es fragt sich aber, ob die objek­tive Realität „der Wahrnehmung angehört“, d.h., ob sie die Quelle der Wahrnehmung ist. Wenn ja, so sind Sie Materialist. Wenn nein, so sind Sie inkonsequent und müssen unver­meidlich zum Subjektivismus, zum Agnosti­zismus gelangen, gleichviel, ob Sie die Er­kennbarkeit des Dinges an sich, die Objekti­vität von Zeit, Raum und Kausalität vernei­nen (nach Kant) oder ob Sie (nach Hume) nicht einmal den Gedanken an das Ding an sich zulassen. Die Inkonsequenz Ihres Empi­rismus, Ihrer Philosophie der Erfahrung wird in diesem Fall darin bestehen, daß Sie den objektiven Inhalt in der Erfahrung, die objekti­ve Wahrheit in der Erfahrungserkenntnis leugnen.

Lenin stellt die Empfindungen, Beobachtun­gen als solche nicht infrage, sondern betont als Scheidelinie zwischen Materialismus und Idealismus die Anerkennung der objekti­ven Realität als Quelle der Empfindungen und Beobachtungen.

Nr. 76, S. 122

Agnostizismus; reaktionärer Idealismus

Der Agnostiker sagt: Ich weiß nicht, ob es eine objektive Realität gibt, die durch unsere Empfindungen widergespiegelt, abgebildet wird, ich erkläre, daß es unmöglich ist, dies zu wissen (…). Hieraus folgt die Verneinung der objektiven Wahrheit durch den Agnosti­ker und die Toleranz, die spießerhafte, phi­liströse, feige Toleranz gegenüber der Lehre von Waldteufeln, Hausgeistern, katholischen Heiligen und ähnlichen Dingen.

Die agnostizistische Behauptung, die Wirklichkeit nicht erkennen zu können, ist re­aktionär, weil sie jeder reaktionären Weltan­schauung Tür und Tor öffnet, jede Spekulati­on und Fantasterei gleichwertig neben der fundierten Wahrheit steht.

Die kleinbürgerlich-agnostizistische Denkweiseich kann das nicht«, »ich weiß nicht wie das geht«, »ich kann es nicht an­ders«) ist Kapitulation vor der Erkenntnis der objektiven Wirklichkeit und der Möglich­keit, auf die objektive Wirklichkeit einzuwir­ken und sich dabei selbst zu verändern.

Nr. 77, S. 123

Materialistische Weltanschauung; unend­liche Reichhaltigkeit

Für die Materialisten hingegen, sagen sie (die Machisten - Se), sei die Welt tot, ohne Töne und Farben, für sie sei die Welt an sich von der Welt, wie sie erscheint, verschieden (…) Für den Materialisten ist die Welt im Ge­genteil reicher, lebendiger, mannigfaltiger, als sie scheint, denn jeder Schritt der wissen­schaftlichen Entwicklung entdeckt in ihr neue Seiten. Für den Materialisten sind unsere Empfindungen Abbilder der einzigen und letzten objektiven Realität – der letzten nicht in dem Sinne, daß sie schon restlos erkannt ist, sondern im dem Sinne, daß es eine an­dere außer ihr nicht gibt und nicht geben kann.

Die Vielfalt, Reichhaltigkeit

und Farbenprächtigkeit

der materialistischen

Weltan­schauung

resultiert aus ihrem

unendlichen

Erkenntnisfort­schritt,

durch das Auffinden

immer neuer Seiten

und Zusammenhänge

in der

objektiven Wirklichkeit.

Sie ist damit der egozentrischen, subjekti­vistischen Reduzierung auf individuelle „Empfindungen“ und „Erfahrungen“ haus­hoch überlegen.

Nr. 78, S.124

Erkenntnistheorie; notwendige Unter­scheidung von Kategorien der Physik

Es ist aber völlig unzulässig, die Lehre von dieser oder jener Struktur der Materie mit ei­ner erkenntnistheoretischen Kategorie zu verwechseln, die Frage nach den neuen Ei­genschaften der neuen Arten der Materie (zum Beispiel der Elektronen) mit der alten Frage der Erkenntnistheorie, der Frage nach den Quellen unseres Wissens, nach der Existenz der objektiven Wahrheit u.dgl.m. zu verwechseln, wie die Machisten dies tun.

Die Machisten stellen die erkenntnistheoreti­schen Grundlagen des Materialismus infra­ge, weil es in der Physik neue Erkenntnisse über konkrete Formen der Materie gibt.

Eine Vermischung

unter­schiedlicher Kategorien

wie etwa Erkenntnistheorie und physikalische Strukturen der Materie

ist vom Standpunkt der

Wis­senschaftlichkeit völlig unzu­lässig!

Nr. 79, S. 124

Materie; als philosophische Kategorie

Die Materie ist eine philosophische Kategorie zur Bezeichnung der objektiven Realität, die dem Menschen in seinen Empfindungen ge­geben ist, die von unseren Empfindungen kopiert, fotografiert, abgebildet wird und un­abhängig von ihnen existiert. (…)

Die Frage, ob der Begriff Materie anzuerken­nen oder abzulehnen sei, ist die Frage, ob der Mensch dem Zeugnis seiner Sinnesorga­ne vertrauen soll, ist die Frage nach der Quelle unserer Erkenntnis, eine Frage die seit Urbeginn der Philosophie gestellt und er­örtert wurde

Für den dialektischen

Materialis­mus

ist die Materie

eine philosophische

Katego­rie.

Sie bezeichnet die

objektive Realität,

die unabhängig vom

Denken, Fühlen und Handeln des Menschen

existiert.

5. Absolute und relative Wahrheit, oder über den von A. Bogdanow bei Engels entdeckten Eklektizismus

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 80, S. 127

Absolute und relative Wahrheit

Materialist sein heißt die objektive Wahrheit, die uns durch die Sinnesorgane erschlossen wird, anerkennen. Die objektive, d.h. vom Menschen und von der Menschheit unabhän­gige Wahrheit anerkennen heißt auf die­se oder jene Weise die absolute Wahrheit anerkennen. (…) Um den Materialismus fort­zuentwickeln, muß man das abgeschmackte Spiel mit dem Wort: ewige Wahrheit aufge­ben, muß man es verstehen, die Frage nach dem Verhältnis zwischen absoluter und rela­tiver Wahrheit dialektisch zu stellen und zu lösen.

Jeder Materialist anerkennt, dass die ob­jektive Wahrheit durch die Sinnesorga­ne erschlossen wird. Die objektive Wahr­heit anerkennen heißt, sie auf diese oder jene Weise anerkennen und sich ihr in ei­nem unendlichen Prozess immer mehr an­zunähern.

Der dialektische Materialist stellt die Frage nach dem

Ver­hältnis zwischen

absoluter und relativer Wahrheit

und beantwortet sie

mit der

dialektischen Metho­de.

Nr. 81, S. 128

Idealismus; Beschränktheit des individu­ellen Denkens

(Engels schreibt darüber - Se,) „“ob und wel­che Produkte des menschlichen Erkennens überhaupt souveräne Geltung und unbeding­ten Anspruch auf Wahrheit haben können.“ (...)

Wir haben hier wieder denselben Wider­spruch, wie schon oben, zwischen dem not­wendig als absolut vorgestellten Charakter des menschlichen Denkens und seiner Reali­tät in lauter beschränkt denkenden Einzel­menschen, ein Widerspruch, der sich nur im unendlichen Progreß, in der für uns wenigs­tens praktisch endlosen Aufeinanderfolge der Menschengeschlechter lösen kann. In die­sem Sinn ist das menschliche Denken eben­sosehr souverän wie nicht souverän und sei­ne Erkenntnisfähigkeit ebensosehr unbe­schränkt wie beschränkt.

Für Friedrich Engels hat nur das kollekti­ve Denken der Menschheit souveräne Geltung und unbestimmten Anspruch auf Wahrheit, während das Denken des Ein­zelmenschen beschränkt ist. Daraus folgt:

Die Notwendigkeit

der Organisierung

eines kollektiven

Erkennt­nisfortschritts

in der

theoretischen Arbeit!

Zu diesem prinzipiellen Aspekt der theo­retischen Arbeit auf der Grundlage der proletarischen Denkweise kommt noch die konkrete Notwendigkeit der Kollek­tivität aufgrund der explodierenden Fortschritte auf allen Gebieten der Wis­senschaft, der materiellen Produktion und des Klassenkampfs.

Nr. 82, S. 129

Dialektisch-materialistische Erkenntnis­theorie; Dialektik von relativer und abso­luter Wahrheit

Für Bogdanow (wie für alle Machisten) schließt die Anerkennung der Relativität un­seres Wissens die leiseste Anerkennung der absoluten Wahrheit aus. Für Engels setzt sich die absolute Wahrheit aus relativen Wahrheiten zusammen. Bogdanow ist Relati­vist, Engels Dialektiker.

Den Dialektiker zeichnet der Umgang mit dem beweglichen Zusammenhang zwi­schen relativer und absoluter Wahrheit aus.

Er legt besonders Wert auf den Prozess auf der Grundlage der Einheit von Theorie und Praxis, wodurch er sich durch die Erkenntnis von relativen Wahr­heiten der absoluten Wahrheit annähert.

Für den Metaphysiker ist die Verabsolu­tierung der Relativität der Erkenntnis und ihre starre Gegenüberstellung zur absoluten Wahrheit charakteristisch.

Nr. 83, S. 129

Marxistisch-leninistische Erkenntnistheor­ie; absolute Wahrheit und relative Wahrheit

Das menschliche Denken ist also seiner Na­tur nach fähig, uns die absolute Wahrheit, die sich aus der Summe der relativen Wahrhei­ten zusammensetzt, zu vermitteln, und es tut dies auch. Jede Stufe in der Entwicklung der Wissenschaft fügt dieser Summe der absolu­ten Wahrheit neue Körnchen hinzu; aber die Grenzen der Wahrheit jedes wissenschaftli­chen Satzes sind relativ und können durch die weitere Entwicklung des Wissens entwe­der weiter oder enger gezogen werden.

Die besondere Fähigkeit des menschlichen Denkens

be­steht darin,

aus fortlaufender

Erkennt­nis relativer

Wahr­heiten

Zu­sammenhänge

herstellen zu können,

ein immer vollständigeres Bild der absoluten Wahrheit zu erlangen.

Der Erkenntnisfortschritt bedeutet auch, dass gegebenenfalls eine bisher sicher geglaubte relative Wahrheit infrage ge­stellt werden muss – entweder, weil sie falsch war oder weil sich die Wirklichkeit verändert hat.

Nr. 84, S. 130-131

Erkenntnisfortschritt; relative Grenzen

Vom Standpunkt des modernen Materialis­mus, d.h. des Marxismus, sind die Grenzen der Annäherung unserer Kenntnisse an die objektive, absolute Wahrheit geschichtlich bedingt, unbedingt aber ist die Existenz die­ser Wahrheit selbst, unbedingt ist, daß wir uns ihr nähern. (…) unbedingt aber ist, daß jede solche Entdeckung ein Schritt vor­wärts auf dem Wege der „unbedingt objekti­ven Er­kenntnis“ ist. Kurzum, geschichtlich bedingt ist jede Ideologie, unbedingt aber ist, daß je­der wissenschaftlichen Ideologie (zum Unter­schied beispielsweise von der religi­ösen) die objektive Wahrheit, die absolute Natur ent­spricht.

Die Grenzen der

menschli­chen Erkenntnis sind ge­schichtlich bedingt.

Unbedingt

ist aber die Existenz

der objektiven, absoluten Wahrheit.

Nr. 85, S. 131

Erkenntnistheorie; Trennungslinie zwi­schen dialektischem Materialismus und Relativismus

Ihr werdet sagen: Diese Unterscheidung zwi­schen relativer und absoluter Wahrheit ist unbestimmt. Ich antworte darauf: Sie ist ge­rade „unbestimmt“ genug, um die Verwand­lung der Wissenschaft in ein Dogma im schlechten Sinne dieses Wortes, d.h. in et­was Totes, Erstarrtes, Verknöchertes zu ver­hindern, sie ist aber zugleich „bestimmt“ ge­nug, um sich auf das entschiedenste und un­widerruflichste vom Fideismus und vom Agnostizismus, vom philosophischen Idealis­mus und von der Sophistik der Anhän­ger Hu­mes und Kants abzugrenzen. Hier ist eine Trennungslinie, die ihr nicht bemerkt habt, und weil ihr sie nicht bemerkt habt, seid ihr in den Sumpf der reaktionären Philoso­phie hin­abgeglitten. Dies ist die Trennungsli­nie zwi­schen dialektischem Materialismus und Re­lativismus.

Die dialektisch-

materialisti­sche

theoretische Arbeit

muss sowohl flexibel,

als auch prinzipienfest sein:

Flexibel in Bezug auf neue Erscheinun­gen und wesentliche Veränderungen als Teil der sich verändernden objektiven Realität und Relativität der (seitherigen) Wahrheit.

Prinzipienfest, weil dieses Herangehen an die Erforschung der Wahrheit von den wissenschaftlichen Grundlagen des dia­lektischen und historischen Materialismus (des Marxismus-Leninismus und der Linie der MLPD) als grundsätzlicher Seite aus­gehen muss.

Die Leugnung dieses dialektisch-materia­listischen Herangehens führt direkt zum Relativismus bzw. Revisionismus oder zum Dogmatismus.

Nr. 86, S. 131

Relativismus; Leugnung des dialekti­schen Materialismus

Der Relativismus als Grundlage der Erkennt­nistheorie ist nicht nur die Anerkennung der Relativität unserer Kenntnisse, sondern auch die Leugnung irgendeines objektiven, unab­hängig von der Menschheit existierenden Maßes oder Modells, dem sich unsere relati­ve Erkenntnis nähert. Vom Standpunkt des nackten Relativismus kann man jede Sophis­tik rechtfertigen

Der Relativismus als Grundlage der Er­kenntnistheorie anerkennt die Relativität unserer Erkenntnisse, aber leugnet den objektiven Maßstab, dem sich unsere rela­tive Erkenntnis nähert.

In der theoretischen Arbeit heißt das,

immer von der

grundsätzli­chen Seite,

d.h. von unserer ideologisch- politischen Linie und dem Marxismus-Leninismus

an die konkrete Analyse

der konkreten Situation

her­anzugehen.

Nr. 87, S. 131-132

Dialektik; Moment des Relativismus

Die Dialektik schließt in sich, wie schon He­gel erläuterte, ein Moment des Relativismus, der Negation, des Skeptizismus ein, aber sie reduziert sich nicht auf den Relativismus. Die materialistische Dialektik von Marx und En­gels schließt unbedingt den Relativismus in sich ein, reduziert sich aber nicht auf ihn, d.h., sie erkennt die Relativität aller unserer Kenntnisse an nicht im Sinne der Verneinung der objektiven Wahrheit, sondern in dem Sin­ne, daß die Grenzen der Annäherung unse­rer Kenntnisse an diese Wahrheit geschicht­lich bedingt sind.

Die Dialektik schließt in sich ein Moment des

Relativis­mus, der Negation, der Skepsis ein,

sie reduziert sich aber nicht darauf.

Sie anerkennt die Relativität aller unserer Kenntnisse in dem Sinne,

dass die Grenzen

der Annäherung

unserer Kenntnisse

an die absolute Wahrheit

ge­schichtlich

bedingt

und damit überwindbar

sind.

Nr. 88, S. 132

Subjektive Dialektik; Vorwurf der Dogma­tik an den Materialismus

Es handelt sich hier überhaupt nicht um das unveränderliche Wesen der Dinge und nicht um das unveränderliche Bewußtsein, son­dern um die Übereinstimmung zwischen dem die Natur widerspiegelnden Bewußtsein und der vom Bewußtsein widergespiegelten Na­tur. In bezug auf diese – und nur auf diese – Frage hat der Terminus „Dogmatik“ einen be­sonderen charakteristischen philosophischen Beigeschmack: es ist dies das Lieblingswort der Idealisten und Agnostiker gegen die Ma­terialisten (...) Uralter Plunder – nichts ande­res sind alle Einwände gegen den Materialis­mus, die vom Standpunkt des viel gerühmten „neuesten Positivismus“ gemacht werden.

Weder die objektive Realität noch das Bewusstsein bzw. die Erkenntnis sind starr, unveränderlich und jemals abge­schlossen.

Entscheidend ist,

dass der Erkenntnisprozess und die

Bewusstseinsbil­dung

in Übereinstimmung

mit der Entwicklung

der objektiven Realität

vor sich gehen.

Es geht um die bewusste Herstellung der Übereinstimmung der subjektiven mit der objektiven Dialektik bzw. abso­luten Wahrheit. Das ist ein ständiger und nie abgeschlossener Vorgang der bewuss­ten Anwendung der dialektischen Metho­de.

Der positivistische Vorwurf des „Dog­matismus“ an den dialektischen Materia­listen richtet sich im Kern gegen die Exis­tenz und Erkenntnis der absoluten Wahr­heit, der sich der Marxismus-Leninismus und die ideologisch-politische Linie fortlau­fend annähern.

6. Das Kriterium der Praxis in der Erkenntnistheorie

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 89, S. 132-133

Erkenntnistheorie; Praxis als Kriterium der Wahrheit

Wir haben gesehen, daß Marx 1845, Engels 1888 und 1892 das Kriterium der Praxis in die Grundlage der materialistischen Erkennt­nistheorie einführen. Von der Praxis isoliert die Frage stellen, „ob dem menschlichen Denken gegenständliche“ (d.h. objektive) „Wahrheit zukomme“, ist Scholastik, sagt Marx in der zweiten These über Feuerbach. (…) „Die Erfolge unsrer Handlungen liefern den Beweis für die Übereinstimmung unsrer Wahrnehmungen mit der gegenständlichen“ (objektiven) „Natur der wahrgenommenen Dinge“, erwidert Engels den Agnostikern.

Die Praxis als Kriterium

der Wahrheit ist

materialisti­sche Grundlage des Marxis­mus-Leninismus und zugleich die

fundamentals­te Kritik

am Agnostizismus.

Nicht philosophische Debatten beweisen die Richtigkeit einer Theorie, sondern die Überprüfung der Übereinstimmung der Weltanschauung mit der objektiven Wirk­lichkeit, der gesellschaftlichen Praxis.

Nr. 90, S. 134

Erkenntnistheorie; Praxis als Kriterium der Wahrheit; Materialismus oder Pragmat­ismus

Für den Materialisten beweist der „Erfolg“ der menschlichen Praxis die Übereinstim­mung unserer Vorstellungen mit der objekti­ven Na­tur der von uns wahrgenommenen Dinge. Für den Solipsisten ist „Erfolg“ all das, was ich in der Praxis, die man getrennt von der Erkenntnistheorie betrachten kann, brau­che.

Die Rolle der Praxis in der Philosophie des Materialismus und im Pragmatismus klingt scheinbar gleich, ist aber in ihrem We­sen grundsätzlich verschieden:

Der Materialismus beruht auf der Einheit von Theorie und Praxis, d.h. eine Erkennt­nistheorie der Übereinstimmung von Be­wusstsein und objektiver Realität

Der Pragmatismus leugnet oder verdrängt die ideologisch-politische, theoretische Seite und interessiert sich nur für die prakti­sche, unmittelbare Nützlichkeit mit der Methode von Versuch und Irrtum.

Nr. 91, S. 137

Erkenntnistheorie; Universalität des mate­rialistischen Praxisbegriffs

Feuerbach legt die Ergebnisse der gesamten menschlichen Praxis der Erkenntnistheorie zugrunde. (…) Und Feuerbach ruft aus, die subjektive Empfindung der objektiven Welt gleichsetzen „heißt die Pollution mit der Zeu­gung identifizieren“.

Diese Bemerkung ist nicht besonders höflich, sie trifft aber auf jene Philosophen, die leh­ren, daß die Sinnesvorstellung eben die au­ßer uns existierende Wirklichkeit sei, haarge­nau zu.

Praxis als Kriterium der Wahrheit ist nicht in­dividuell, subjektiv oder als unmittelbare Nützlichkeit zu verstehen. Der materialisti­sche Praxisbegriff fußt auf den „Ergebnis­sen der gesamten menschli­chen Praxis“.

Zur Grundlage der dialektisch- materialis­tischen Erkenntnistheorie gehören die Ge­samtheit der theoretisch verallgemeiner­ten Erfahrungen in der menschlichen Pra­xis. Dazu gehören die ausgewerteten Erfah­rungen der Naturwissenschaft ebenso wie des Klassenkampfes, des Parteiaufbaus, die im Marxismus-Leninismus zusammengefasst sind wie auch des persönlichen Lebens.

Nr. 92, S. 137

Erkenntnistheorie; Praxis als grundlegen­der Gesichtspunkt

Der Gesichtspunkt des Lebens, der Praxis muß der erste und grundlegende Gesichts­punkt der Erkenntnistheorie sein. Und er führt unvermeidlich zum Materialismus, da er von vornherein die zahllosen Schrullen der Professorenscholastik beiseite wirft. Freilich darf dabei nicht vergessen werden, daß das Kriterium der Praxis schon dem Wesen der Sache nach niemals irgendeine menschliche Vorstellung vollständig bestätigen oder wi­derlegen kann.

Grundsätzlich ist „das Leben und die Praxis“ der materialistische Bezugspunkt der Er­kenntnistheorie, ebenso wie der weltan­schaulichen Auseinandersetzung.

Es gibt jedoch keinen unmittelbaren Zu­sammenhang zwischen einer theoretischen Erkenntnis und einer dazu gehörenden voll­ständig bestätigenden oder ablehnenden Praxis. Denn:

Theorie und Praxis

bilden eine

dialektische Einheit

und stehen in einem

universellen Zusammenhang.

Nr. 93, S. 138

Erkenntnistheorie; grundlegende Einheit von Theorie und Praxis

Da aber das Kriterium der Praxis – d.h. der Verlauf der Entwicklung aller kapitalistischen Länder in den letzten Jahrzehnten – nur die objektive Wahrheit der ganzen sozialökono­mischen Theorie von Marx überhaupt, und nicht die irgendeines Teils, einer Formulie­rung u.dgl. beweist, so ist klar, daß es ein un­verzeihliches Zugeständnis an die bürgerlic­he Ökonomie ist, wenn hier von „Dogmatism­us“ der Marxisten gesprochen wird. Die einzi­ge Schlußfolgerung aus der von den Marxis­ten vertretenen Auffassung, daß die Theorie von Marx eine objektive Wahrheit ist, besteht im folgenden: Auf dem Wege der Marxschen Theorie fortschreitend, werden wir uns der objektiven Wahrheit mehr und mehr nähern (ohne sie jemals zu erschöp­fen); auf jedem anderen Wege aber können wir zu nichts an­derem gelangen als zu Kon­fusion und Un­wahrheit.

Auf dem Wege der Marxschen Theorie fort­schreitend, werden wir uns der objektiven Wahrheit mehr und mehr nähern (ohne sie jemals zu erschöpfen); auf jedem anderen Wege aber können wir zu nichts anderem gelangen als zu Konfusion und Unwahrheit.“

Da die Marx‘sche Theorie mit dem Verlauf der Entwicklung aller kapitalistischen und so­zialistischen Ländern übereinstimmt, ent­spricht sie auch der objektiven Wirklich­keit.

Aus diesem Grunde kann es keine andere Herangehensweise an die Beurteilung des Kapitalismus und des Sozialismus geben als die Theorie und Methode der politischen Ökonomie, der Lehre vom Klassenkampf und der Philosophie des Marxismus- Le­ninismus.

Kapitel III

Die Erkenntnistheorie des dialektischen Materialismus und des Empiriokritizismus

1. Was ist Materie? Was ist Erfahrung?

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 94, S. 140-141

Erkenntnistheorie; Agnostizismus und Idealismus; Materie und Empfindungen

Ihre Leugnung der Materie ist die längst be­kannte Lösung der erkenntnistheoretischen Fragen im Sinne der Leugnung einer äuße­ren, objektiven Quelle unserer Empfindun­gen, der unseren Empfindungen entspre­chenden objektiven Realität. Und umgekehrt drückt sich die Anerkennung jener philoso­phischen Linie, die von den Idealisten und Agnostikern abgelehnt wird, durch folgende Definitionen aus: Die Materie ist das, was durch seine Wirkung auf unsere Sinnesorga­ne die Empfindung erzeugt; die Materie ist die uns in der Empfindung gegebene objekti­ve Realität u. dgl. m.

Lenin definiert den Begriff Materie in Wech­selwirkung zu den Empfindungen so:

Die Materie ist die

äußere, objektive Quelle

der Empfindungen

und der Erkenntnis,

sie ist die uns

in der Empfindung

gegebene Realität.

Nr. 95, S.141

Erkenntnistheorie; Begriffsbildung

Was heißt etwas „definieren“? Es heißt vor allem, einen gegebenen Begriff auf einen an­deren, umfassenderen zurückführen. Wenn ich zum Beispiel definiere: Der Esel ist ein Tier, so führe ich den Begriff „Esel“ auf einen umfassenderen Begriff zurück. Es fragt sich nun, gibt es umfassendere Begriffe, mit de­nen die Erkenntnistheorie operieren könnte, als die Begriffe Sein und Denken, Materie und Empfindung, Physisches und Psychi­sches? Nein. Das sind die weitestgehenden, die umfassendsten Begriffe, über die die Er­kenntnistheorie dem Wesen der Sache nach (…) bis jetzt nicht hinausgegangen ist.

Definieren

heißt einen gegebenen Begriff auf einen anderen,

umfassen­deren

zurückführen.

Nr. 96, S. 142

Materialismus und Idealismus; Genialität von Marx und Engels in der philosophi­schen Zuordnung

Die Genialität von Marx und Engels äußerte sich denn auch unter anderem darin, daß sie das gelahrte Spiel mit neuen Worten, mit ausgetüftelten Termini und schlauen „Ismen“ verachteten und einfach und unumwunden erklärten: es gibt eine materialistische und eine idealistische Linie in der Philosophie und dazwischen verschiedene Schattierun­gen des Agnostizismus. Die krampfhaften Bemühungen, einen „neuen“ Standpunkt in der Philosophie zu finden, kennzeichnen eine ebenso große geistige Armut wie die Bemühungen, eine „neue“ Werttheorie, eine „neue“ Rententheorie u. dgl. m. zu schaffen.

Lenin spricht von Marx und Engels als Theo­retikern, deren Genialität darin besteht, von der Erscheinung der zahllosen vermeintlich unterschiedlichen theoretischen Schulen zum Wesen vorzudringen: der grundsätzli­chen Gegensätzlichkeit von Idealismus und Materialismus.

Nr. 97, S. 142-143

Erkenntnistheorie; Einheit und Kampf des Gegensatzes von Materie und Bewusst­sein

Freilich ist auch der Gegensatz zwischen Materie und Bewußtsein nur innerhalb sehr beschränkter Grenzen von absoluter Bedeu­tung: im gegebenen Fall ausschließlich in den Grenzen der erkenntnistheoretischen Grundfrage, was als primär und was als se­kundär anzuerkennen ist. Außerhalb dieser Grenzen ist die Relativität dieser Entgegen­setzung unbestreitbar.

Materie und Bewusstsein sind erkenntnis­theoretisch gegensätzliche, unterschie­dene Kategorien.

In der Realität ist ihr Gegensatz relativ, weil auch das Bewusstsein ein materieller Prozess ist, der auf die Wirklichkeit zurück­wirkt.

Erkenntnistheoretisch unterscheiden wir zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise als theoretische Kategorien.

In der Realität existiert nur eine Daseins­weise - Kampf und Einheit von kleinbürgerli­cher und proletarischer Denkweise. Dieses Beispiel zeigt:

Theorie und Praxis

sind nicht absolut identisch,

sondern bilden eine

dialektische Einheit.

2. Plechanows Irrtum bezüglich des Begriffs „Erfahrung“

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 98, S.148

Erkenntnistheorie; Idealismus oder Mate­rialismus; unterschiedlicher Gehalt des Begriffs „Erfahrung“

Hinter dem Wort „Erfahrung“ kann sich also ohne Zweifel sowohl die materialistische als auch die idealistische Linie in der Philoso­phie und gleichermaßen sowohl die Hume­sche als auch die Kantsche verbergen

Sowohl die Idealisten wie auch die Positivis­ten oder die Materialisten gebrauchen den Begriff der Erfahrung, die selbstredend un­terschiedlich definiert wird. Deshalb kann auch die Verwendung des Begriffs der Er­fahrung noch keinen Aufschluss darüber ge­ben, ob wir es mit einer idealistischen oder mate­rialistischen Weltanschauung zu tun haben.

3. Über Kausalität und Notwendigkeit in der Natur

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 99, S. 150

Konsequenter Materialismus; Ludwig Feuerbach

Feuerbach erkennt also die objektive Ge­setzmäßigkeit in der Natur, die objektive Kausalität an, die durch die menschlichen Vorstellungen von Ordnung, Gesetz usw. nur annähernd richtig widergespiegelt wird. Die Anerkennung der objektiven Gesetzmäßig­keit der Natur ist bei Feuerbach mit der Aner­kennung der objektiven Realität der Außen­welt, der Gegenstände, Körper, Dinge, die von unserem Bewußtsein widergespiegelt werden, unauflöslich verbunden. Die Auffas­sungen Feuerbachs sind konsequent mate­rialistisch.

Lenin würdigt den konsequenten Materia­lismus des Ludwig Feuerbach, um ihn dem Idealismus und dem Positivismus entgegen zu stellen, auch wenn der Feuerbach’sche Materialismus nicht dialektisch ist.

Nr. 100, S. 151

Kausalität; dialektisches und metaphysi­sches Verständnis

Engels betont besonders die dialektische Auffassung von Ursache und Wirkung: „… daß Ursache und Wirkung Vorstellungen sind, die nur in der Anwendung auf den ein­zelnen Fall als solche Gültigkeit haben, daß sie aber, sowie wir den einzelnen Fall in sei­nem allgemeinen Zusammenhang mit dem Weltganzen betrachten, zusammengehn, sich auflösen in der Anschauung der univer­sellen Wechselwirkung, wo Ursachen und Wirkungen fortwährend ihre Stelle wechseln, das was jetzt oder hier Wirkung, dort oder dann Ursache wird und umgekehrt.“ Also, der menschliche Begriff von Ursache und Wirkung vereinfacht immer etwas den objek­tiven Zusammenhang der Naturerscheinun­gen, er spiegelt ihn nur annähernd wider, in­dem er diese oder jene Seiten des einen ein­heitlichen Weltprozesses künstlich isoliert.

Die Bestimmung der Kausalität, von Ursa­che und Wirkung, behandelt jeweils nur einen Ausschnitt aus den universellen Zu­sammenhängen in der objektiven Realität und ist des­halb immer nur relativ treffend. In der Ge­samtschau der universellen Wirk­lichkeit ist die Kausalität nur ein Element der Dialek­tik unter vielen, gehen Ursache und Wirkung ineinander über bzw. verwan­deln sich in ihr Gegenteil.

Die Selbstkontrolle

in der theoretischen Arbeit

muss stets darauf

ausgerichtet sein,

immer besser den

allseitigen Zusammenhang,

die universellen Beziehungen und

die unterschiedlichen

Ent­wicklungsmöglichkeiten

zu erfassen,

sich nicht mit einfachen

Erklä­rungen zufrieden zu

ge­ben und

keine einseitigen und

voreili­gen Prognosen und Entschei­dungen

zu treffen.

Starre, feststehende

Definitio­nen

von Ursache und Wirkung oder die Behauptung

unver­rückbarer

kausaler Zusam­menhänge

sind losgelöst von den

komple­xen Zusammenhängen immer

Ausdruck einer

metaphysi­schen

Herange­hensweise.

Nr. 101, S. 152

Materialismus; Gesetze der objektiven Welt und des Denkens

Auch im „Ludwig Feuerbach“ lesen wir von „… den allgemeinen Gesetzen der Bewe­gung, sowohl der äußern Welt wie des menschlichen Denkens – zwei Reihen von Gesetzen, die der Sache nach identisch, dem Ausdruck nach aber insofern verschie­den sind, als der menschliche Kopf sie mit Bewußtsein anwenden kann, während sie in der Natur und bis jetzt auch großenteils in der Menschengeschichte sich in unbewußter Weise, in der Form der äußern Notwendig­keit, inmitten einer endlosen Reihe scheinba­rer Zufälligkeiten durchsetzen.“

Die Kenntnis von den Gesetzmäßigkeiten der objektiven Wirklichkeit und des menschlichen Denkens hilft uns bei der Herstellung der Übereinstimmung des Be­wusstseins mit dem universellen Sein.

Mit der Entwicklung der internationalisierten Produktionsweise und des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise als Regierungs­methode ist der Zusammenhang von ge­sellschaftlichem Bewusstsein und objekti­ver Wirklichkeit viel komplizierter gewor­den. Deshalb war es notwendig, die neuen Gesetzmäßigkeiten in der Herausbildung des Klassenbewusstseins unter den Bedingun­gen der internationalisierten Produktionswei­se zu analysieren und in der Lehre von der Denkweise zu verallgemeinern.

Nr. 102, S. 153

Immanente kausale Abhängigkeit

Nach der von J. Dietzgen dargelegten Welt­anschauung des Materialismus ist die „kau­sale Abhängigkeit“ „in den Dingen selbst“ enthalten.

Die Kausalität kann uns Auskünfte über eine relative Wahrheit, einen Teilprozess in der universellen Wirklichkeit geben. Dennoch ist sie ein wichtiges Naturgesetz, das von den Machisten negiert wird.

Nr. 103, S.155

Erkenntnistheorie; Mathematik

Die wirklich wichtige erkenntnistheoretische Frage, die die philosophischen Richtungen scheidet, besteht nicht darin, welchen Grad von Genauigkeit unsere Beschreibungen der kausalen Zusammenhänge erreicht haben und ob diese Angaben in einer exakten ma­thematischen Formel ausgedrückt werden können, sondern darin, ob die objektive Ge­setzmäßigkeit der Natur oder aber die Be­schaffenheit unseres Geistes (…) die Quelle unserer Erkenntnis dieser Zusammenhänge ist.

Erkenntnistheoretisch ist es nicht ent­scheidend, welchen Grad von Genauigkeit unsere Beschreibungen der kausalen Zu­sammenhänge erreicht haben und ob diese in einer exakten mathematischen Formel ausgedrückt werden können. Dagegen macht der Positivismus die Mathematik zu seinem wichtigsten Instrument bei der Be­trachtung der Wirklichkeit.

Nr. 104, S. 162

Spontaner Materialismus; Inkonsequenz der übergroßen Mehrheit der Naturfor­scher

P. Volkmann ist ein Physiker, der (…) wie die übergroße Mehrheit der Naturforscher dem Materialismus zuneigt, wenn auch einem in­konsequenten, schüchternen, unentschiede­nen.

Lenin geht davon aus, dass die übergroße Mehrheit der Naturforscher spontan dem Materialismus zuneigt. Das ist auch heute noch so, wenngleich der Einfluss der bürger­lichen Weltanschauung des Positivismus und des Pragmatismus mit ihrer Vermischung von Materialismus und Idealismus und die Ver­drängung der dialektischen Methode durch den modernen Antikommunismus diese spontane Neigung deutlich ausgehöhlt haben.

Erst die bewusste

dialektisch-materialistische Kritik am Idealismus

der bürgerlichen

Naturwissen­schaften

kann bewirken,

dass die Naturwissenschaftler bewusst

in das Lager der dialektischen und historischen Materialisten übergehen.

Nr. 105, S.162

Materialismus; Notwendigkeit der Natur und des Denkens

Die Notwendigkeit der Natur anerkennen und aus ihr die Notwendigkeit des Denkens ablei­ten ist Materialismus. Die Ableitung der Not­wendigkeit, Kausalität, Gesetzmäßigkeit usw. aus dem Denken ist Idealismus.

Kleinbürgerliche Kritiker werfen der Lehre von der Denkweise Idealismus vor. Was ist aber daran verwerflich, Gesetzmäßigkei­ten des Denkens aufzufinden und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen? Entschei­dend ist doch, ob diese Gesetzmäßigkeiten des Denkens materialistisch aus den Gesetz­mäßigkeiten der Natur und der Gesellschaft abgeleitet werden.

Nr. 106, S. 164

Positivismus; Agnostizismus

Daß dieser moderne Positivismus Agnosti­zismus ist, der die vor und außerhalb jeder „Erkenntnis“ und jedes Menschen existieren­de objektive Naturnotwendigkeit leugnet, da­von wußte Bogdanow entweder nichts, oder er verschwieg es.

Die Leugnung

der „Naturnotwendigkeiten“,

also der Gesetzmäßigkeiten

in der Natur,

in der Gesellschaft und

im menschlichen Denken,

ist Wesensmerkmal des

Posi­tivismus bis heute.

Diesbezüglich ist der moderne Positivismus mit dem

Agnosti­zismus identisch.

Nr. 107, S. 165

Materie; die Welt als gesetzmäßige Bewe­gung

Die Idee, daß die Erkenntnis allgemeine For­men „schaffen“, das ursprüngliche Chaos durch Ordnung ersetzen könne u.ä.m., ist eine Idee der idealistischen Philosophie. Die Welt ist die gesetzmäßige Bewegung der Materie, und unsere Erkenntnis als höchstes Produkt der Natur ist nur imstande, diese Gesetzmäßigkeit widerzuspiegeln.

Während die Machisten vorgeben, Ord­nung in das Chaos der Welt zu bringen durch ihre genialen Ideen und Erkenntnisse, ist die Welt in Wirklichkeit nur die gesetzmäßige Bewegung der Materie, und unsere Er­kenntnis das höchste Produkt der Natur, das imstande ist, die Gesetzmäßigkeiten der Natur immer besser widerzuspiegeln.

Die Lehre von der Denkweise erzeugt nicht unsere Außenwelt, die Natur, die Gesellschaft und unser Denken,

sondern ist die

wissenschaftli­che Methode

der Arbeiterklasse,

diese richtig zu begreifen und Einfluss auf sie zu nehmen.

Nur mit der proletarischen, dialektischen Denkweise

ist es möglich,

die Natur, die Gesellschaft und das menschliche Denken immer besser zu begreifen, das

Klas­senbewusstsein

auf dem heute notwendigem Niveau herauszubilden!

4. Das „Prinzip der Denkökonomie“ und die Frage der „Einheit der Welt“

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 108, S. 166

Idealismus; reiner Subjektivismus

Auch in dieser Arbeit wird, wie wir gesehen haben, der Standpunkt des reinen Subjekti­vismus vertreten und die Welt auf Empfin­dungen reduziert.

Der reine Subjektivismus reduziert die Welt auf Empfindungen und schränkt das Be­wusstsein über die objektive Wirklichkeit massiv ein. Die Schwarzweißmalerei, die einfachen Lösungen, Politik aus dem »Bauchgefühl« heraus sind der ideelle Nährboden für die Wirkung reaktionärer Einflüsse auf die breiten Massen.

Nr. 109, S.168

Empiriokritizismus; »Prinzip der Denk­ökonomie«

Die Empfindungen enthalten natürlich keiner­lei „Ökonomie“. Also liefert das Denken et­was, was in den Empfindungen gar nicht vor­handen ist! Also wird das „Prinzip der Ökono­mie“ nicht aus der Erfahrung (=Empfindun­gen) genommen, sondern es geht jeder Er­fahrung voraus, ist deren logische Bedin­gung, wie es die Kategorien Kants sind.

Mach‘s »Prinzip der Denkökonomie« be­hauptet, dass es eine Logik gibt, bevor es Empfindungen gibt, die dem Weltgesche­hen ihren Stempel aufdrücken. Das ist Idealism­us reinsten Wassers!

5. Raum und Zeit

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 110, S. 171

Materialismus; objektive Realität von Zeit und Raum

Da der Materialismus die von unserem Be­wußtsein unabhängige Existenz der objekti­ven Realität, d.h. der sich bewegenden Ma­terie, anerkennt, so muß er unvermeidlich auch die objektive Realität von Zeit und Raum anerkennen, zum Unterschied vor al­lem vom Kantianismus, der in dieser Frage auf der Seite des Idealismus steht und Zeit und Raum nicht für eine objektive Realität, sondern für Formen der menschlichen An­schauung hält.

Der Materialismus anerkennt die objektive Realität von Zeit und Raum, während der Idealismus Zeit und Raum als Formen der menschlichen Anschauungen betrachtet.

Die Ignoranz der objektiven Realität von Zeit und Raum führt zu Fehleinschätzun­gen, Illusionen, unrealistischen Arbeitsplä­nen, Überbeanspruchung der Partei, Über- oder Unterforderung der Kader oder auch Igno­ranz der gesellschaftlichen Maßstäbe an die Arbeitsproduktivität. Alle diese Erscheinung­en halten Raum und Zeit für beliebige For­men der menschlichen Anschauung und sind Ausdruck einer kleinbürgerlich-idealistis­chen Denkweise.

Nr. 111, S. 171

Materialismus; Bewegungsform der Mate­rie in Raum und Zeit

In der Welt existiert nichts als die sich bewe­gende Materie, und die sich bewegende Ma­terie kann sich nicht anders bewegen als im Raum und in der Zeit.

Die materialistische Feststellung, dass sich

die Materie nicht anders bewegen kann als im Raum und in der Zeit, ist die materi­elle Grundlage des Gesetzes der Ökono­mie der Zeit.

Das Gesetz der Ökonomie der Zeit

ist fundamental

für die Entwicklung der
Pro­duktionsweise

wie der Produktivkräfte.

Es ist darum auch das fundamentale Ge­setz jeder Kaderentwicklung in der revo­lutionären Arbeiterpartei.

Die Ignoranz von Raum und Zeit ist ein grundlegendes Merkmal des Idealismus und der Geringschätzung der Kaderarbeit als das innere Wesen des systematischen Par­teiaufbaus.

Nr. 112, S. 171-172

Erkenntnistheorie; flexible Begriffe und objektive Realität

Die Veränderlichkeit der menschlichen Vor­stellungen von Raum und Zeit widerlegt die objektive Realität beider ebensowenig, wie die Veränderlichkeit der wissenschaftlichen Kenntnisse über Struktur und Bewegungsfor­men der Materie die objektive Realität der Außenwelt widerlegt.

Die Veränderlichkeit der Begriffe von Raum und Zeit bringt einen subjektiven Lernprozess der Menschheit zum Ausdruck, ändert jedoch nichts an der fundamentalen Tatsache in der objektiven Realität, dass sich Materie nur in Raum und Zeit bewegt.

Nr. 113, S. 173

Materialismus und Idealismus; Zeit- und Raumbegriffe

Es ist unmöglich, einen philosophischen Standpunkt, der jeglichem Fideismus und Idealismus feindlich gegenübersteht, konse­quent beizubehalten, wenn man nicht ent­schieden und bestimmt anerkennt, daß unser­e sich entwickelnden Zeit- und Raum­begriffe die objektiv-reale Zeit und den objek­tiv-realen Raum widerspiegeln, daß sie sich hier, wie überhaupt, der objektiven Wahrheit nähern.

Materialistische Raum- und Zeitbegriffe können nur die objektiv-reale Zeit und den objektiv-realen Raum widerspiegeln!

Idealistische Raum- und Zeitbegriffe be­handeln dagegen Raum und Zeit willkür­lich.

Nr. 114, S. 175

Materialismus; Objektivität des Raum- und Zeitbegriffs

Wenn die Zeit- und Raumempfindungen dem Menschen eine biologisch zweckmäßige Ori­entierung geben können, so ausschließlich unter der Bedingung, daß diese Empfindun­gen die objektive Realität außerhalb des Menschen widerspiegeln: der Mensch würde sich nicht biologisch einer Umgebung anpas­sen können, wenn seine Empfindungen ihm nicht eine objektiv richtige Vorstellung von dieser Umgebung gäben. Die Lehre von Raum und Zeit ist untrennbar verbunden mit der Lösung der Grundfrage der Erkenntnis­theorie: Sind unsere Empfindungen Abbilder der Körper und Dinge, oder sind die Körper Komplexe unserer Empfindungen?

Die Anerkennung

und treffende Erforschung der Tatsachen von Raum und Zeit entscheiden

über die Fähigkeit

des Menschen,

sich biologisch

seiner Umgebung anzupassen

und unter den konkreten

Gege­benheiten seiner

Umge­bung

optimal

mit Raum und Zeit

umzuge­hen.

Idealistische Willkür im Raum- und Zeit­begriff bringt den Menschen in Widerspruch zur objektiven Realität und verhindert seine biologische Anpassung und damit seine Entwicklungsfähigkeit.

Nr. 115, S. 183-184

Idealismus; subjektive Deutung von Raum und Zeit

Die Zeit sei ebenso wie der Raum „eine Form der sozialen Übereinstimmung der Er­fahrungen verschiedener Menschen“ (…) Das ist durch und durch falsch. Allgemeingül­tig ist auch die Religion, die ein Ausdruck der sozialen Übereinstimmung der Erfahrungen des größeren Teils der Menschheit ist. Doch entspricht der Lehre der Religion zum Bei­spiel über die Vergangenheit der Erde und über die Erschaffung der Welt keine objekti­ve Realität. Die Lehre der Wissenschaft aber, daß die Erde vor jeder Sozialität, vor der Menschheit, vor der organischen Materie existierte, daß sie im Laufe einer bestimmten Zeit, in einem in Bezug auf andere Planeten bestimmten Raume existierte, dieser Lehre (…) entspricht eine objektive Realität. Nach Bogdanow passen sich die verschiedenen Formen von Raum und Zeit der Erfahrung der Menschen und ihrem Erkenntnisvermö­gen an. In Wirklichkeit verhält es sich gerade umge­kehrt: unsere „Erfahrung“ und unsere Er­kenntnis passen sich immer mehr dem ob­jektiven Raum und der objektiven Zeit an, in­dem sie diese immer richtiger und tiefer wi­derspiegeln.

Die Behauptung, dass Raum und Zeit ledig­lich eine allgemeine gesellschaftliche Übereinkunft seien, ist eine idealistische Rechtfertigung für die Leugnung von ob­jektiv existierendem Raum und Zeit.

Das zu durchschauen ist nicht einfach, da es ja tatsächlich gesellschaftliche Übereinkünfte über Zeit oder Raum gibt. So treffen sich die Menschen in der gesellschaftlichen Produkti­on zu einer bestimmten Uhrzeit und an ei­nem bestimmten Ort. Das ist ebenso eine Tatsache wie die Existenz von Raum und Zeit ohne eine solche gesellschaftliche Über­einkunft, ohne die Existenz von Menschen.

Die subjektive Bestimmung und Anwendung

der Begriffe Raum und Zeit sind nichts anderes als eine

An­näherung

an den objektiven Raum

und die objektive Zeit.

6. Freiheit und Notwendigkeit

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 116, S. 184-185

Materialismus; Freiheit als Einsicht in Notwendigkeit

Engels schreibt: „ (…) Nicht in der geträum­ten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Mög­lichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. Es gilt dies mit Beziehung sowohl auf die Gesetze der äu­ßern Natur, wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein des Men­schen selbst regeln – zwei Klassen von Ge­setzen, die wir höchstens in der Vorstellung, nicht aber in der Wirklichkeit voneinander trennen können. Freiheit des Willens heißt daher nichts andres als die Fähigkeit, mit Sachkenntnis entscheiden zu können. (…) Freiheit besteht also in der, auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herr­schaft über uns selbst und über die äußere Natur.“

Nicht in der geträumten

Un­abhängigkeit

von den Naturgesetzen

liegt die Freiheit,

sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze

und in der damit gegebenen Möglichkeit,

sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen.

Diese materialistische, marxistische Defini­tion von Freiheit und Notwendigkeit wider­spricht der kleinbürgerlichen Denkweise, Freiheit sei, zu tun und zu lassen, was man will. Nicht selten erweist sich bei ge­nauerer Betrachtung, wie wenig frei diese Entscheidungen sind, weil sie z.B durch Manipulation der Wirklichkeit in Form von Modeerscheinungen erzeugt wurden. Wenn sich Jugendliche plötzlich ein Tattoo stechen, mit einem Nasenring durch die Gegend laufen, oder sich mit Kopfhörern unaufhörlich von Musik berieseln lassen, so ist das weniger auf Einsicht in eine ob­jektive Notwendigkeit zurückzuführen, son­dern diese Jugendlichen sind Opfer einer gesellschaftlichen Manipulation.

Auch die allgemeine Rechtfertigung des Drogenkonsums, nach der man erst durch Genuss von Drogen zur Freiheit ge­lange, stellt die Dinge auf den Kopf: Je weiter man von der objektiven Wirklich­keit entfernt ist, desto unfreier ist man gegenüber der Natur und der Gesell­schaft!

Freiheit des Willens

heißt nach Friedrich Engels nichts anderes

als die Fähigkeit,

mit Sachkenntnis

entschei­den zu können.

Nr. 117, S. 186

Materialismus; „Notwendigkeit an sich“ und „Notwendigkeit für sich“

Die Entwicklung des Bewußtseins bei jedem einzelnen menschlichen Individuum und die Entwicklung des kollektiven Wissens der ge­samten Menschheit zeigen uns auf Schritt und Tritt die Verwandlung des nicht erkann­ten „Dinges an sich“ in ein erkanntes „Ding für uns“, die Verwandlung der blinden, nicht er­kannten Notwendigkeit, der „Notwendigkeit an sich“, in eine erkannte „Notwendigkeit für uns“.

Die Entwicklung des

Bewusst­seins der Menschen verläuft vom „Ding an sich“

zum „Ding für uns“

bzw. über die Verwandlung der blinden Notwendigkeit

in die Freiheit

zum bewussten Handeln

auf­grund der Erkenntnis

der Gesetze

in Mensch und Natur.

Nr. 118, S. 187

Erkenntnistheorie; Einheit von lebendiger Praxis und materialistischer Erkenntnis­theorie

Bei Engels bricht die ganze lebendige menschliche Praxis in die Erkenntnistheorie selbst ein, wobei sie das objektive Kriterium der Wahrheit gibt: solange wir das Naturge­setz nicht kennen, das neben unserem Be­wußtsein, außerhalb unseres Bewußtseins existiert und wirkt, macht es uns zu Sklaven der „blinden Notwendigkeit“. Sobald wir aber dieses Gesetz, das (wie Marx tausendmal Mal wiederholte“) unabhängig von unserem Willen und unserem Bewußtsein wirkt, er­kannt haben, sind wir die Herren der Natur. Die Herrschaft über die Natur, die sich in der Praxis der Menschheit äußert, ist das Resul­tat der objektiv richtigen Widerspiegelung der Erscheinungen und Vorgänge der Natur im Kopfe des Menschen, ist der Beweis dafür, daß diese Widerspiegelung (in den Grenzen dessen, was uns die Praxis zeigt) objektive, absolute, ewige Wahrheit ist.

Sobald wir das Naturgesetz

er­kannt haben,

das unabhängig von unserem Willen und

unserem Bewusstsein wirkt, werden wir

unter den entsprechenden

ge­sellschaftlichen Verhältnissen

von Sklaven

zu Herren der Natur.

Die Herrschaft über die Natur äußert sich

in der Praxis der Menschheit

als das Resultat

der objektiv richtigen

Widerspie­gelung der

Erschei­nungen und Vorgänge der Natur

im Denken, Fühlen und Handeln des Menschen.

Wer die Gesetzmäßigkeiten der objekti­ven Wirklichkeit nicht versteht, ist im­mer Opfer der Verhältnisse und dazu ver­dammt, auf Erscheinungen und Entwick­lungen zu reagieren, er ist damit Sklave der Verhältnisse. Die Theorie zur Rechtfer­tigung dieser weltanschaulichenSklave­rei“ ist die Anbetung der Spon­taneität. Es ist doch erstaunlich, wie viele Genossen aus reiner Bequemlichkeit oder Begriffs­stutzigkeit es vorziehen, sich dieser weltan­schaulichen Sklaverei auszusetzen, als sich mithilfe des Studiums unserer ideolo­gisch-politischen Linie und der Lehre von der Denkweise in jeder Situation zum Her­ren des Geschehens zu machen.

Die Auffassung der Positivisten, dass der Erkenntnisprozess der Menschheit ledig­lich über Versuch und Irrtum, sprich über die bloße praktische Erfahrung oder das prakti­sche Experiment verläuft, versklavt die Menschheit systematisch unter die gegebenen gesellschaftlichen Verhält­nisse.

Nr. 119, S. 188

Obskurantismus

Ist das nicht Obskurantismus, wenn die reine Theorie sorgfältig von der Praxis getrennt wird? Wenn der Determinismus auf das Ge­biet der „Forschung“ beschränkt wird, wäh­rend auf dem Gebiet der Moral, des gesell­schaftlichen Handelns und auf allen sonsti­gen Gebieten, außer dem der „Forschung“, die Frage der „subjektiven“ Wertung überlas­sen wird?

Der Obskurantismus ist eine wesentliche Erscheinungsform der Trennung von Theorie und Praxis im Zeitalter der modernen Naturw­issenschaft. Er tritt auf, wenn der Ma­terialismus („Determinismus“) für Wissen­schaft und Forschung geeignet gehalten, die­se Wissenschaftlichkeit aber für alle anderen Bereiche gesellschaftlicher Tätigkeit und Er­kenntnis geleugnet wird. Stattdessen werden andere, subjektivistische Kriterien für ange­messen oder legitim gehalten.

Für den Idealisten

deckt jede neue Erkenntnis nur Mängel unserer Einsicht auf.

Für den Materialisten

führt die neue Entdeckung zu

ei­ner immer umfassenderen Übereinstimmung

unseres Bewusstseins mit der objektiven Wirklichkeit,

ist sie eine

schöpferische Anregung,

auf diese objektive Wirklichkeit einzuwirken und

sich dabei selbst zu verändern.

Das zeigt die Absurdität des Positivis­mus (hier = Negativismus), der sich mehr damit beschäftigt, was nicht ist, als mit der objektiven Wirklichkeit, von der er sich folg­lich immer mehr entfernt.

Der Idealismus in der Kritik und Selbstkritik ist in seinem Wesen Positivismus oder Ne­gativismus. Er führt dazu, das Problem nicht wirklich bis auf den Grund der Denk­weise zu analysieren und kann deshalb auch keine wirkliche Änderung oder keinen wirklichen Erkenntnisfortschritt bewirken.

Kapitel IV

Die philosophischen Idealisten als Mitstreiter und Nachfolger des Empiriokritizismus

1. Die Kritik des Kantianismus von links und von rechts

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 120, S. 195

Materialismus; Kritik an Kant

Der Grundzug der Kantschen Philosophie ist die Aussöhnung des Materialismus mit dem Idealismus, ein Kompromiß zwischen bei­den, eine Verknüpfung verschiedenartiger, einan­der widersprechender philosophischer Rich­tungen zu einem System. Wenn Kant zugibt, daß unseren Vorstellungen etwas au­ßer uns, irgendein Ding an sich, entspreche, so ist er hierin Materialist. Wenn er dieses Ding an sich für unerkennbar, transzendent, jenseitig erklärt, tritt er als Idealist auf. (…) Die Mate­rialisten machten Kant seinen Idea­lismus zum Vorwurf, sie widerlegten die idealistis­chen Züge seines Systems, sie wiesen nach, daß das Ding an sich erkennbar, dies­seitig ist, daß kein prinzipieller Unterschied zwi­schen ihm und der Erscheinung besteht und daß die Kausalität usw. nicht aus apriori­schen Denkgesetzen, sondern aus der ob­jektiven Wirklichkeit abzuleiten ist.

Der Fortschritt der Kantschen Philosophie bestand darin, dass er das Ding an sich an­erkannte. Er leugnete jedoch die Erkennbar­keit der objektiven, außerhalb der subjekti­ven Empfindungen liegenden Realität. Eben­so leugnete er den Zusammenhang zwi­schen objektiver Realität und Bewusstsein als deren Widerspiegelung.

Das Wesen

der Kant‘schen Philosophie war der Versuch,

Materialismus und Idealismus zu versöhnen.

Bei jedem Sieg des Materialismus entstand reflexartig der Versuch, eine dritte Weltan­schauung zu konstruieren, die Materialis­mus und Idealismus zu versöhnen suchte.

Das zog sich in der ganzen neueren Ge­schichte der Philosophie durch bis zum ge­sellschaftlichen System der kleinbürgerl­ichen Denkweise.

Nr. 121, S. 196

Materialismus und Idealismus; Kritik an Kant von rechts und von links

Die Machisten üben Kritik an Kant, weil er ih­nen zu sehr Materialist ist, wir aber kritisieren ihn, weil er nicht genügend Materialist ist. Die Machisten kritisieren Kant von rechts, wir von links.

Kritik an Kant bedeutet noch nicht die Über­einstimmung der weltanschaulichen Grund­lage dieser Kritik. Wir müssen unterscheiden zwischen der idealistischen Kritik an Kant, die ihm zu viel Materialismus vorwirft und der materialistischen Kritik, die ihm zu wenig Materialismus zuschreibt.

Gegenwärtig kritisieren sowohl die ultrarech­ten und faschistoiden Kräfte die Mer­kel-Regierung wie auch die Marxisten-Leni­nisten und andere fortschrittliche Kräfte dies tun. Diese Kritik hat aber einen weltanschau­lich und politisch diametral gegensätzlichen Charakter. Das nicht zu beachten, führt zu prinzipiellen Fehlern in der Strategie und Taktik bzw. Strategie und Taktik im Kampf um die Denkweise und macht es unseren Geg­nern leicht, uns gegenüber den Massen mit ultrarechten und faschistischen Kräften gleichzusetzen.

Nr. 122, S. 200

Kantsche Philosophie als reaktionäre Waffe

Ende des 19. Jahrhunderts, des Jahrhun­derts der Bourgeoisie, wie es die Geschichte nennen wird, versuchen die Intellektuellen, mit Hilfe der Kantschen Philosophie den Ma­terialismus von Marx und Engels in Grund und Boden zu schlagen. Diese reaktionäre Bewegung begann in Deutschland

Die verschiedenen philosophischen Schu­len am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben alle gemeinsam eine Versöhnung von Materialismus und Idea­lismus. Sie sind von ihrem Wesen her idea­listisch und reaktionär. Sie waren vor allem Kampftheorien gegen den dialektischen und historischen Materialismus.

Nr. 123, S. 202

Pseudomarxisten; Peinlichkeit in ihren Ansprüchen

Jedem Bürger und zumal jedem Intellektuel­len steht natürlich das heilige Recht zu, nach Belieben jedem ideologischen Reaktionär zu folgen. Wenn aber Leute, die mit den ele­mentarsten Grundlagen des Marxismus in der Philosophie radikal gebrochen haben, dann anfangen, sich zu winden, konfus zu reden, Ausflüchte zu machen, zu versichern, daß sie „auch“ Marxisten in der Philosophie seien, daß sie „fast“ mit Marx übereinstim­men und ihn nur ein ganz klein wenig „er­gänzt“ hätten – so ist das schon ein recht peinliches Schauspiel.

Die besondere Polemik Lenins richtet sich gegen die Pseudomarxisten, die ihre reak­tionären Auffassungen und Charakter mit marxistischen Phrasen bemänteln und da­mit Verwirrung in der Arbeiterklasse anrich­ten.

Diese Methode kennzeichnet heute ein gan­zes System der kleinbürgerlichen Denk- und Arbeitsweise.

Statt opportunistische Anpassung oder Libe­ralismus in der weltanschaulichen Auseinan­dersetzung hilft den Arbeitern und den brei­ten Massen für ihre Orientierung nur die prin­zipielle Kritik.

Marxistisch-leninistische Bündnisarbeit kann und darf nicht mit Verwischung der grund­sätzlichen Differenzen oder gar Verdrängung des wissenschaftlichen Sozialismus einher­gehen. Die unangebrachte Überbetonung des „Fingerspitzengefühls“ ist nicht selten mit einer opportunistischen Anpassung und kritikloser Duldung gegenüber prinzipiell falschen Ansichten verbunden.

2. Wie sich der „Empiriosymbolist“ Juschkewitsch über den „Empiriokritiker“ Tschernow lustig machte

3. Die Immanenzphilosophen als Mitstreiter von Mach und Avenarius

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 124, S. 214

Materialismus; als Gegenpol zum Idealis­mus; Identität von historischem Materia­lismus, naturwissenschaftlichem Materia­lismus und philosophischem Materialis­mus

Daß der historische Materialismus von Marx mit dem naturwissenschaftlichen Materialis­mus und dem philosophischen Materialismus überhaupt im Zusammenhang steht, das zu bezweifeln fällt diesem Mitkämpfer Machs gar nicht ein.

Lenin betont die Identität bzw. Wesens­gleichheit des historischen Materialismus von Marx mit dem naturwissenschaftli­chen Materialismus und dem philosophi­schen Materialismus und den prinzipiellen Gegensatz zum Positivismus, zu den erz­reaktionären Immanenzphilosophen, zu den Neokantianern oder den Empiriokriti­zisten.

4. Wohin entwickelt sich der Empiriokritizismus?

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 125, S. 215

Philosophie; Grundfrage nach dem We­sen einer philosophischen Richtung

Doch ist der Empiriokritizismus, wie jede geistige Strömung, etwas Lebendiges, Wach­sendes, sich Entwickelndes, und die Tatsa­che seines Wachstums in der einen oder an­deren Richtung wird besser als langatmige Betrachtungen dazu beitragen, die Grundfra­ge nach dem wirklichen Wesen dieser Philo­sophie zu lösen.

Die Grundfrage in der

Beurtei­lung einer philosophischen Richtung

ist ihr Wesen,

nicht einzelne Gedanken, Er­scheinungen, Auffassungen

los­gelöst vom Gesamtzusammen­hang.

Das bedeutet, nur im Gesamtzusammen­hang, in ihrer Entstehung, ihrer Wechselwir­kungen mit anderen, ihrer ideologisch-politi­schen Zielsetzung, ihrer Träger etc. kann man das Wesen einer Philosophie erkennen.

Nr. 126, S. 215

Objektivität der Betrachtung; Qualifizie­rung der Philosophie

Man beurteilt einen Menschen nicht danach, was er über sich spricht und denkt, sondern nach seinen Taten. Man darf auch über die Philosophen nicht nach den Aushängeschil­dern urteilen, die sie sich selber umhängen („Positivismus“, Philosophie der „reinen Er­fahrung“, „Monismus“ oder „Empiriomonis­mus“, „Philosophie der Naturwissenschaft“ u.ä.m.), sondern danach, wie sie die theoreti­schen Grundfragen tatsächlich lösen, mit wem sie zusammengehen, was sie lehren und was sie ihren Schülern und Anhängern beigebracht haben.

Die Kernfrage an jede

philo­sophische Richtung ist, wie sie die

theoretischen Grundfragen tatsächlich löst.

Diese theoretische Grundfrage ist vor allem das Verhältnis von Sein und Bewusstsein, von objektiver Realität und Widerspiegelung in den Gedanken, zwischen Idealismus und Materialismus.

Subjektivismus ist es

demge­genüber, die Philosophen nach ihrer Selbstdefinition und Selbstdarstellung zu

be­urteilen; dem zu folgen, was sie sich dünken.

Nr. 127, S. 216

Empiriokritizismus; „konsequenter Empi­rismus“, Hans Cornelius, Max Horkheimer

(Hans Cornelius gilt als anerkannter Schüler von Mach und Avenarius. Dazu Lenin - Se:)

Dieser Schüler beginnt gleichfalls mit Emp­findungen – Elementen (...), erklärt katego­risch, daß er in den Grenzen der Erfahrung bleiben wolle (...), nennt seine Anschauun­gen „konsequenten oder erkenntnistheoreti­schen Empirismus« (...), verurteilt auf das entschiedenste sowohl die »Einseitigkeit« des Idealismus als auch den »Dogmatis­mus« der Idealisten wie der Materialisten (...), weist sehr energisch das mögliche »Mißverständnis« (...) zurück, als folge aus seiner Philosophie die Annahme, daß die Welt im Kopfe des Menschen existiere, lieb­äugelt mit dem naiven Realismus nicht weni­ger geschickt als Avenarius, Schuppe oder Basarow (...)

Hans Cornelius gilt als anerkannter Schüler der Positivisten Mach und Avenarius. Er selbst nennt seine Anschauungen »konse­quenten oder erkenntnistheoretischen Empi­rismus«.

Typisch ist seine positivistische Kritik am vermeintlichen Dogmatismus der Idealis­ten wie der Materialisten. Wobei er unter Dogmatismus der Materialisten vor allem den Marxismus-Leninismus mit seinen »mystischen« Lehren vom Mehrwert, vom Klassenkampf und vom historischen und dia­lektischen Materialismus meint.

Die empiriokritizistische Dogmatismuskritik unterscheidet sich prinzipiell von der Kritik am Dogmatismus durch den Marxis­mus-Leninismus:

Für die Marxisten-Leninisten ist der Dog­matismus Ausdruck des Einflusses des Idealismus, weil er die Entwicklung in der objektiven Wirklichkeit ignoriert und die grundlegende Veränderlichkeit der Materie negiert. Er setzt dagegen die konkrete Ana­lyse der konkreten Situation und die Vereini­gung von Analyse und Synthese.

Die Positivisten dagegen reduzieren ihre Betrachtung der objektiven Wirklichkeit auf ihre unmittelbare empirische Wahrneh­mung und leugnen jede theoretische Grundlage zur Beurteilung.

Anmerkung:

Cornelius wiederum war der Doktorvater von Max Horkheimer, einem der Begründer der „Frankfurter Schule“. Von Horkheimer stammt eine der „Besprechungen“ von Len­ins „Materialismus und Empiriokritizismus“. Darin zerreißt er das Buch, trieft nur so vor Überheblichkeit und schreibt:

„Es ist die Gelegenheitsarbeit des Führers, der energisch an das materialistische Wort erinnert und die Abweichung verfemt. Immer wieder hält Lenin die immer gleichen Sätze gegen immer neue Autoren, ohne dass eine neue sachliche Begründung gegeben wird: in der Welt existiert nichts als sie sich bewe­gende Materie, die Materie bewegt sich in Raum und Zeit.“

Horkheimer betont die „fachphilosophischen Mängel und Beanstandungen“ von Lenins Schrift. Gnädig gesteht er ihm eine gewisse Bedeutung zu, um „die allgemeine Funktion der Ideologie in der Klassengesellschaft überhaupt. Soweit das Buch diese Funktion in ihrer Allgemeinheit betrifft, ist es trotz aller fachlichen Unkundigkeit und trotz des in Stil und Anlage zutage tretenden Gelegenheits­charakters keineswegs veraltet.“ (zitiert bei Michael Jekel: Max Horkheimers Reaktion von 1928/29 auf Lenins erkenntnistheoreti­sche Streitschrift „Materialismus und Empi­riokritizismus“

veröffentlicht in: Die Platypus Review, Aus­gabe 3/ Oktober 2016)

5. A. Bogdanows „Empiriomonismus“

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 128, S. 226

Idealismus; Einheit und Kampf der Ge­gensätze verschiedener idealistischer Schulen

Das eben ist Idealismus, denn das Psychi­sche, d. h. Bewußstsein, Vorstellung, Empfin­dung usw., wird als das Unmittelbare genommen und das Physische daraus abge­leitet, dafür substituiert. Die Welt ist das Nicht-Ich, das von unserem Ich geschaffen wurde, sagte Fichte. Die Welt ist die absolute Idee, sagte Hegel. Die Welt ist Wille, sagte Schopenhauer. Die Welt ist Begriff und Vor­stellung, sagt der Immanenzphilosoph Rehmke. Sein ist Bewusstsein, sagt der Im­manenzler Schuppe. Das Physische ist eine Substitution des Psychischen, sagt Bogda­now. Man müßte blind sein, um in den ver­schiedenen sprachlichen Verkleidungen nicht den gleichen idealistischen Kern zu sehen.

Der philosophische Idealismus tritt in ver­schiedenen Formen und Strömungen in Erscheinung. In der Auseinandersetzung mit dem Materialismus wenden diese ver­schiedenen Formen und Strömungen nur unterschiedliche Rechtfertigungen und Ter­minologien an.

Es kommt darauf an, den Idealismus in sei­nem Wesen zu entlarven: die Unterord­nung des Seins unter das Bewusstsein, unter die Empfindungen, unter die Psy­che …

Nr. 129, S. 230

Positivismus; Bogdanows »universale Substitution«

(Lenin zeigt auf, wie Bogdanow sich in vier Stufen zu seiner »Theorie der allgemeinen Substitution« entwickelte. Er wirft die Frage auf - Se:)

ist nun dieses Stadium der Bogdanowschen Philosophie vom dialektischen Materialismus weiter entfernt oder ist es ihm näher als die vorangegangenen Stadien? Wenn er an ei­ner Stelle stehenbleibt, dann ist die Entfer­nung selbstverständlich größer. Wenn er sich aber in der gleichen Kurve weiterbewegt wie in den neun Jahren, dann ist es näher: er braucht jetzt nur einen ernsthaften Schritt zu tun, um wieder zum Materialismus einzubie­gen, nämlich – seine universale Substitution universal über Bord zu werfen. Denn diese universale Substitution faßt alle Sünden des halbschlächtigen Idealismus, alle Schwächen des konsequenten subjektiven Idealismus ebenso in einem chinesischen Zopf zusam­men, wie (…) die „absolute Idee“ Hegels alle Widersprüche des Kantschen Idealismus und alle Schwächen des Fichteanismus zusam­mengefaßt hatte. Feuerbach brauchte nur einen ernsthaften Schritt zu tun, um sich wie­der dem Materialismus zuzuwenden: nämlich die absolute Idee, diese Hegelsche „Substi­tution des Psychischen“ für die physische Natur, universal über Bord zu werfen, absolut zu entfernen.

Die Philosophie Bogdanows machte ver­schiedene Entwicklungsstadien durch und entfernte sich dabei mehr und mehr vom Materialismus.

Zugleich fasste seine Philosophie alle Schwächen des konsequenten subjekti­ven Idealismus und fast alle Sünden des halbschlächtigen Idealismus so zusam­men, sodass es ein leichtes wäre, diesen chinesischen Zopf abzuschneiden und wie­der zum Materialismus zurückzukehren.

Ist die Schallmauer zum philosophischen Idealismus erst einmal durchbrochen, strö­men immer mehr idealistische Vorstellungen und Theorien auf die jeweilige Ansicht oder Strömung eines Philosophen ein. Warum? Weil durch die Aufhebung der materialisti­schen Grundauffassung es kein wirkliches Hemmnis mehr gibt, den idealistischen Ein­fluss aufzuhalten.

6. Die „Theorie der Symbole“ (oder Hieroglyphen) und die Kritik von Helmholtz

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 130, S. 231

Spontaner Materialismus; Widersprüch­lichkeit bürgerlicher Naturwissenschaftler; Helmholtz

Helmholtz, eine der größten Kapazitäten in der Naturwissenschaft, war in der Philoso­phie, wie die große Mehrzahl der Naturfor­scher, inkonsequent.

Wikipedia schreibt:

Helmholtz (1821-1894) war ein deutscher Physiologe und Physiker. Im Sinne moder­ner Wissenschaft schuf er wichtige Beiträge auf den Gebieten der Optik, Akustik, Elek­tro-, Thermo- und Hydrodynamik. Als Uni­versalgelehrter war er einer der vielseitigs­ten Naturwissenschaftler seiner Zeit.“

Zur Objektivität der Betrachtung Lenins gehört die klare Differenzierung zwischen herausragenden wissenschaftlichen Leistun­gen und der nüchternen Charakterisierung der (in der Regel schwankenden, inkonse­quenten, halbherzigen) weltanschaulichen Positionierung des jeweiligen Wissenschaft­lers. Nur in einer materialistischen wissen­schaftlichen Forschung konnte Helmholtz seine herausragenden Ergebnisse erreichen – seine weltanschauliche Inkonsequenz führte jedoch dazu, dass er zum Beispiel die revolutionären Ereignisse von 1848 völlig ignorierte und stattdessen sein wohldotiertes Wissenschaftlerleben genoss.

Nr. 131, S. 232

Spontaner Materialismus; Einfluss des Subjektivismus

Helmholtz gleitet hier zum Subjektivismus ab, zur Verneinung der objektiven Realität und der objektiven Wahrheit. Und er gelangt zu ei­ner himmelschreienden Unwahrheit, wenn er den Absatz mit den Worten schließt: „Vorstel­lung und Vorgestelltes sind offenbar zwei ganz verschiedenen Welten angehörig…“ So reißen nur die Kantianer Vorstellung und Wirklichkeit, Bewußtsein und Natur auseinan­der (...)

(Später) geht Helmholtz wieder auf den mate­rialistischen Standpunkt über.

An der Person Helmholtz wird deutlich, dass die Gleichung naturmaterialistischer Wissenschaftler = dialektischer Materia­list eine metaphysische Annahme ist. Um zu einem konsequent materialistischen Standpunkt zu gelangen, ist es auch für einen naturmaterialistischen Wissenschaftler notwendig, sich bewusst und prinzipiell von jeder Spielart des Idealismus zu lö­sen. Dazu war Helmholtz nicht in der Lage. Dazu muss man nämlich bewusst einen pro­letarischen Klassenstandpunkt einneh­men.

7. Über zweierlei Kritik an Dühring

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 132, S. 241

Marxismus-Leninismus; Höherentwick­lung

Sowohl Marx und Engels als auch J. Dietz­gen betraten die philosophische Arena zu ei­ner Zeit, als bei den fortschrittlichen Intellek­tuellen im allgemeinen und in den Arbeiter­kreisen im besonderen der Materialismus vorherrschte. Es ist daher ganz natürlich, daß Marx und Engels ihr ganzes Augenmerk nicht auf eine Wiederholung des Alten richte­ten, sondern auf eine ernsthafte theoretische Weiterentwicklung des Materialismus, auf seine Anwendung auf die Geschichte, d.h. auf die Vollendung des Gebäudes der mate­rialistischen Philosophie bis oben hinauf. Es ist ganz natürlich, dass sie sich auf dem Ge­biet der Erkenntnistheorie darauf beschränk­ten, die Fehler Feuerbachs zu korrigieren, die Plattheiten des Materialisten Dühring zu verlachen, die Fehler Büchners zu kritisieren (siehe bei J. Dietzgen) und das zu unterstrei­chen, was diesen in Arbeiterkreisen am meisten verbreiteten und populärsten Schrift­stellern besonders fehlte, nämlich die Dialek­tik (...)

(Sie) richteten ihre ganze Aufmerksamkeit darauf, daß diese Binsenwahrheiten nicht vulgarisiert, nicht zu sehr versimpelt würden, nicht zu einer Gedankenstagnation führten („Materialismus unten, Idealismus oben“), nicht dazu, daß die wertvolle Frucht der idea­listischen Systeme, die Hegelsche Dialektik, in Vergessenheit geriete – diese echte Perle, die die Hähne Büchner, Dühring und Co. (…) aus dem Misthaufen des absoluten Idealis­mus nicht auszusondern verstanden.

Die theoretische Arbeit von Marx und En­gels konzentrierte sich auf die neuen Fra­gen, die für die Höherentwicklung der revo­lutionären und Arbeiterbewegung notwendig war und nicht auf die Bestätigung des be­reits erkämpften Bewusstseinsstands bzw. des Mainstreams.

Die Aufgabe der dialektischen Negation der relativ fortgeschrittensten, aber noch mit Mängeln behafteten Theorien wie des Materialismus von Feuerbach standen deshalb im Zentrum der theoretischen Arbeit von Marx und Engels.

Was all den am meisten verbrei­teten und populärsten Schriftstellern beson­ders fehlte, war die Dialektik. Diese wieder­um war bis dahin in ihrer höchsten Vollen­dung bei dem Idealisten Hegel ausgereift. Um die metaphysischen Züge des Materia­lismus von Feuerbach zu überwinden, war es notwendig, der Hegel‘schen Dialektik ihren Idealismus zu entziehen und mit dem mit fortschrittlichen Kern des Mate­rialismus Feuerbachs zu durchdringen.

Das Ergebnis war der

dialekti­sche und historische Materia­lismus als weltanschauliche Grundlage des Marxismus.

8. Wie konnten die reaktionären Philosophen an J. Dietzgen Gefallen finden?

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 133, S. 242

Idealismus; Kritik der mechanischen Gleichsetzung von Materie und Denken

„Denken ist ein Produkt des Gehirns… Mein Schreibtisch als Inhalt meines Gedankens ist eins mit diesem Gedanken, unterscheidet sich nicht von demselben. Jedoch der Schreibtisch außerhalb des Kopfes ist sein durchaus von ihm verschiedener Gegen­stand.“ (...) Diese völlig klaren materialisti­schen Sätze ergänzt Dietzgen jedoch durch einen Satz wie diesen: „Gleichwohl ist doch auch die unsinnliche Vorstellung sinnlich, materiell, das heißt wirklich… Der Geist ist nicht weiter vom Tisch, vom Licht, vom Ton verschieden, wie diese Dinge untereinander verschieden sind.“ (…) Das ist offenkundig falsch. Richtig ist, daß sowohl das Denken als auch die Materie „wirklich“ sind, d.h. exis­tieren. Das Denken aber als materiell be­zeichnen heißt einen falschen Schritt tun zur Vermengung von Materialismus und Idealismus.

Die »Gleichsetzung von Materie und Den­ken« ist nach Lenin ein »Schritt zur Ver­mengung von Materialismus und Idealis­mus«.

Richtig sei dagegen, dass »sowohl das Denken als auch die Materie wirklich und existent sind«.

Lenin geht davon aus, dass das Denken ein materieller Prozess der Verarbeitung der objektiven Wirklichkeit durch das menschliche Gehirn ist. Die pauschale Gleichsetzung von Materie und Denken würde aber bedeuten, den Unterschied zwi­schen objektiver Wirklichkeit und Bewusst­sein zu verwischen. Die Auflösung dieses Problems geht nur über die dialektische Anwendung von Kampf und Einheit der Gegensätze:

Erstens sind Materie und Denken Be­standteile der objektiven Wirklichkeit.

Zweitens ist aber nicht jede Form der Ma­terie in der Lage, Bewusstsein zu entwi­ckeln.

Drittens ist die Gleichsetzung von Materie und Denken idealistisch, weil das Denken die materielle Wirklichkeit niemals voll­ständig widerspiegeln kann, sondern sich ihr immer nur annähern kann.

Um das Problem der Verwischung von Idea­lismus und Materialismus bei Dietzgen rich­tig einzuordnen, weist Lenin darauf hin: »Im Grunde ist es eher eine Ungenauigkeit des Ausdrucks«. Daran wird deutlich, wie diffe­renziert Lenin die bewussten Anhänger der Verwischung von Idealismus und Materialis­mus wie Mach und Avenarius auf der einen und die Fehler beim Materiallisten Dietzgen auseinanderhalten kann.

Nr. 134, S. 244

Materialismus und Idealismus; Notwen­digkeit und Relativität der Trennung von Materie und Gedanken

Daß man in den Begriff der Materie auch die Gedanken einzubeziehen habe, wie es Dietzgen in den „Streifzügen“ (…) wiederholt, ist eine Konfusion, denn dadurch verliert die erkenntnistheoretische Gegenüberstellung von Materie und Geist, von Materialismus und Idealismus ihren Sinn (…) Daß diese Gegenüberstellung nicht „überschwenglich“, übertrieben, metaphysisch sein darf, ist un­bestreitbar (und das große Verdienst des dialektischen Materialisten Dietzgen besteht darin, daß er dies betont). Die Grenzen der absoluten Notwendigkeit und absoluten Wahrhaftigkeit dieser relativen Gegenüber­stellung sind eben jene Grenzen, die die Richtung der erkenntnistheoretischen For­schungen bestimmen. Außerhalb dieser Grenzen mit der Gegensätzlichkeit von Mate­rie und Geist, von Physischem und Psychi­schem als mit einer absoluten Gegensätz­lichkeit zu operieren, wäre ein gewaltiger Fehler.

Erkenntnistheoretisch ist die Gegenüber­stellung von Materie und Gedanken unab­dingbar zur Klärung der theoretischen Grundfrage im Verhältnis von Sein und Bewusstsein. Sie ist notwendig, um die prinzipielle Unterscheidung der Grund­richtungen von Materialismus und Idea­lismus herauszuarbeiten und auszufechten.

„Die Grenzen der absoluten Notwendig­keit und absoluten Wahrhaftigkeit dieser re­lativen Gegenüberstellung sind eben jene Grenzen, die die Richtung der erkenntnis­theoretischen Forschungen bestimmen. Außerhalb dieser Grenzen mit der Gegen­sätzlichkeit von Materie und Geist, von Physischem und Psychischem als mit ei­ner absoluten Gegensätzlichkeit zu ope­rieren, wäre ein gewaltiger Fehler.“(Lenin)

Immer wieder stoßen wir

auf Hinweise von Lenin,

die Theorie

nicht mit der Praxis

gleichzu­setzen!

Das wäre Idealismus bzw. Dogmatismus.

Nr. 135, S. 245

Anforderung der absoluten Präzision in der theoretischen Arbeit

Zum Unterschied von Engels drückt Dietzgen seine Gedanken verschwommen, unklar, breiig aus. (…) Die reaktionären Philosophen konnten darum an J. Dietzgen Gefallen fin­den, weil er hie und da konfus ist. Wo Konfu­sion ist, da sind auch die Machisten, das ist selbstverständlich.

In der theoretischen Arbeit

müssen

höchste Anforderungen

an Präzision und Exaktheit

der Gedanken und Begriffe

gestellt werden!

Jede Ungenauigkeit

ist ein Einfallstor für

Metaphysik und Idealismus.

Nr. 136, S. 245

Dialektik; Beurteilung von J. Dietzgen

Marx schrieb am 5. Dezember 1868 an Ku­gelmann: „Vor ziemlich langer Zeit schickte er“ (Dietzgen) „mir das Bruchstück eines Ma­nuskripts über das ‚Denkvermögen‘, was, trotz einer gewissen Konfusion und zu häufi­ger Wiederholungen, viel Vorzügliches und – als selbständiges Produkt eines Arbeiters – selbst Bewundernswertes enthält.“

Dialektische Beurteilung des Materiallisten J. Dietzgen: selbstständiges Produkt eines Ar­beiters, das viel Bewundernswertes enthält. Dieses Urteil trifft Lenin, obwohl er eine ge­wisse Konfusion, zu häufige Wiederholun­gen und gewisse oberflächliche Formulierun­gen kritisiert.

Diese kaderpolitische

Beurtei­lung

ist gekennzeichnet von einer gesamtpersönlichen

Würdi­gung Dietzgens

und zugleich

unbestechlicher

Objektivität der

Betrachtung

gegenüber seinen

Fehlern und Mängeln.

Kapitel V

Die neueste Revolution in der Naturwissenschaft und der philosophische Idealismus

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 137, S. 249

Marxistisch-leninistische und Arbeiterbe­wegung in Deutschland; Geringschätzung der Dialektik

Vor einem Jahr erschien in der Zeitschrift „Die Neue Zeit“ ein Aufsatz von Josef Di­ner-Dénes: „Der Marxismus und die neueste Revolution in den Naturwissenschaften“ (…) Der Mangel dieses Aufsatzes besteht darin, dass die erkenntnistheoretischen Schlußfol­gerungen, die aus der „modernen“ Physik gezogen werden und die uns jetzt speziell in­teressieren, ignoriert werden.

Die Geringschätzung der erkenntnistheo­retischen Seite in einem Grundsatzartikel über Marxismus und Revolution in den Na­turwissenschaften widerspiegelt die Gering­schätzung der weltanschaulichen Aus­einandersetzung und der Dialektik in der sozialdemokratischen/sozialistischen und später der kommunistischen Bewegung. Die Naturwissenschaften „an sich“ zu behandeln ist ein Einfluss des Positivismus aus der bür­gerlichen Wissenschaft.

Anhang:

„Die Neue Zeit“ war von 1883-1923 das wichtigste theoretische Organ der Sozialde­mokratie.

Nr. 138, S. 250

Materialismus; notwendige Höherentwick­lung

Engels sagt ausdrücklich: „Mit jeder epoche­machenden Entdeckung schon auf naturwis­senschaftlichem Gebiet“ (geschweige denn auf dem der Geschichte der Menschheit) „muß er“ (der Materialismus) „seine Form än­dern.“ (…) Eine Revision der „Form“ des En­gelsschen Materialismus, eine Revision sei­ner naturphilosophischen Sätze enthält folg­lich nicht nur nichts „Revisionistisches“ im landläufigen Sinne des Wortes, sondern ist im Gegenteil eine unumgängliche Forderung des Marxismus.“

Die Höherentwicklung der marxistisch-leninistischen, materialistischen Theorie

ist eine

fundamentale Anforderung bei neuen Erscheinungen und wesentlichen Veränderungen

je­der Art.

Dabei verändert die marxistisch-leninisti­sche Theorie selbstredend auch ihre Form.

Es entstehen

neue Begriffe und

Definitio­nen,

die den neuen Erkenntnissen oder Entwicklungen in Natur und Gesellschaft

gerecht werden.

Viele dogmatische Kritiken in der internatio­nalen marxistisch-leninistischen und Arbei­terbewegung an der Linie der MLPD werfen uns vor, neue Begriffe gebildet zu haben, die es bei Lenin noch nicht gibt. So zum Beispiel D. Möller, der der »Götterdämmerung« vor­wirft, den Begriff internationale Übermono­pole geprägt zu haben. M./Wien wirft uns vor, das Grundgesetz des Sozialismus im RW 35 modifiziert zu haben. Diesen Kritikern ist gemein, dass sie Inhalt und Form von­einander trennen und die Veränderungen in der objektiven Wirklichkeit nicht zum eigentli­chen Maßstab nehmen.

1. Die Krise der modernen Physik

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 139, S. 251

Krise der Physik; vermeintlicher Zusam­menbruch der alten Grundlagen der Physik durch neue Erkenntnisse

Diese Krise erschöpfe sich nicht darin, daß „der große Revolutionär Radium“ das Prinzip der Erhaltung der Energie in Frage stelle. „Auch alle anderen Prinzipien sind in Ge­fahr.“

.

Nur mit einer dialektischen Methode können die rasanten und bahnbrechenden neuen Er­kenntnisse der Physik um die Jahrhundert­wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die das Weltbild der „klassischen Physik“ er­schütterten, materialistisch verarbeitet wer­den.

Die Verallgemeinerung der vor dieser Krise herausgearbeiteten Theorien und Gesetze als unumstößlich und universell gültig erwies sich in dieser Absolutheit als falsch. Was war geschehen:

Objektiv war die bisherige,

spontan-materialistische oder auch

idealistisch-dialektische

Me­thode

an ihre Grenzen gestoßen,

um die neuen Erkenntnisse und Theorien

philosophisch

richtig einzuordnen.

Nr. 140, S. 257

Krise der Physik; Wesen der Krise

Das Wesen der Krise der modernen Physik besteht in der Zerstörung der alten Gesetze und Grundprinzipien, in der Preisgabe der außerhalb des Bewußtseins existierenden objektiven Realität, d.h. in der Ersetzung des Materialismus durch Idealismus und Agnosti­zismus. „Die Materie ist verschwunden“ – so kann man die grundlegende und in bezug auf viele Einzelfragen typische Schwierig­keit, die diese Krise geschaffen hat aus­drücken.

Das Wesen der Krise

der modernen Physik

ist

erkenntnistheoretischer Art.

Durch die Entdeckung bis dahin unerklärli­cher Phänomene in der modernen Physik entstanden Neigungen, die bis dahin vor­herrschende materialistische Grundeinstel­lung aufzugeben, die Dialektik über Bord zu werfen und durch verschiedene Spielar­ten des Idealismus und Agnostizismus zu ersetzen.

2. „Die Materie ist verschwunden“

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 141, S. 260

Materialismus; Unvergänglichkeit der Ma­terie bzw. der objektiven Realität

„Die Materie verschwindet“ heißt: Es ver­schwindet jene Grenze, bis zu welcher wir die Materie bisher kannten, unser Wissen dringt tiefer; es verschwinden solche Eigen­schaften der Materie, die früher als absolut, unveränderlich, ursprünglich gegolten haben (Undurchdringlichkeit, Trägheit, Masse usw.) und die sich nunmehr als relativ, nur einigen Zuständen der Materie eigen erweisen. Denn die einzige „Eigenschaft“ der Materie, an de­ren Anerkennung der philosophische Mate­rialismus gebunden ist, ist die Eigenschaft, objektive Realität zu sein, außerhalb unseres Bewußtseins zu existieren.

Vergänglich

sind die Erkenntnisse

der Naturwissenschaft,

unver­gänglich

ist die Tatsache

der objektiv existierenden Realität und ihrer Gesetze, unabhängig davon,

ob diese erforscht und

erkannt sind oder nicht.

Die einzige „Eigenschaft“ der Materie, an deren Anerkennung der philosophische Materialismus gebunden ist, ist die Eigen­schaft, objektive Realität zu sein, außer­halb unseres Bewusstseins zu existieren.

Nr. 142, S. 260

Dialektischer und metaphysischer Mate­rialismus; Fehler des Machismus

Der Fehler des Machismus überhaupt und der machistischen neuen Physik besteht dar­in, daß diese Grundlage des philosophischen Materialismus und der Unterschied zwischen metaphysischem Materialismus und dialekti­schem Materialismus ignoriert werden. Die Anerkennung irgendwelcher unveränderli­chen Elemente, eines „unveränderlichen We­sens der Dinge“ usw. ist nicht Materialismus, sondern ist metaphysischer, d.h. antidialekti­scher Materialismus.

Mit den neuen physikalischen Erkenntnissen stieß nicht nur die klassische Physik, son­dern auch der metaphysische Materialismus an seine Grenzen. Das haben die Philoso­phen des Empiriokritizismus und Positivis­mus nicht begriffen!

Nur die dialektisch-materialistische Me­thode war in der Lage, die neuen Erkennt­nisse in den Erkenntnisfortschritt der Physik aufzunehmen und den dialektischen und his­torischen Materialismus weiter zu entwi­ckeln.

Die Krise der klassischen Physik war ver­bunden mit einer Krise des metaphysi­schen Materialismus.

Nr. 143, S. 261

Materie; objektive Realität

der Begriff Materie bedeutet, wie wir bereits sagten, erkenntnistheoretisch nichts anderes als: die unabhängig vom menschlichen Be­wußtsein existierende und von ihm abgebil­dete objektive Realität.

Erkenntnistheoretisch

bedeutet

der Begriff Materie

nichts anderes als

die unabhängig vom

mensch­lichen Bewusstsein existie­rende

und von ihm abgebildete

ob­jektive Realität.

Nr. 144, S. 261

Materie; Verwandelbarkeit

Doch der dialektische Materialismus betont nachdrücklich, daß jede wissenschaftliche These über die Struktur und die Eigenschaf­ten der Materie nur annähernde, relative Gel­tung hat, daß es in der Natur keine absoluten Schranken gibt, daß die sich bewegende Ma­terie Verwandlungen durchmacht aus einem Zustand in einen anderen, der von unserem Standpunkt aus scheinbar mit dem vorange­gangenen unvereinbar ist usw.

Die Grundannahme des

dia­lektischen Materialismus von der unverrückbaren Tatsache und Existenz

der Materie

beinhaltet gleichzeitig

die grundlegende

Verwandel­barkeit der Materie, ihrer Da­seinsweise, des Übergangs von einer Qualität

in eine andere oder

in ihr Gegenteil usw.

Damit kann auch die marxistisch-leninisti­sche Theorie nichts Feststehendes, Abso­lutes sein. Sie muss sich ebenso wie die materielle Wirklichkeit in einem Prozess von Analyse und Synthese fortlaufend er­neuern und höher entwickeln.

Nr. 145, S. 261-262

Neue Physik, Fehlen von Dialektik

Die neue Physik ist hauptsächlich gerade deshalb zum Idealismus abgeglitten, weil die Physiker die Dialektik nicht kannten. Sie kämpften gegen den metaphysischen (…) Materialismus, gegen seinen einseitigen „mechanischen Charakter« und schütteten dabei das Kind mit dem Bade aus. Indem sie die Unveränderlichkeit der bis dahin bekann­ten Elemente und Eigenschaften der Materie verneinten, gelangten sie zur Verneinung der Materie, das heißt der objektiven Realität der physischen Welt. Indem sie den absoluten Charakter der wichtigsten und fundamenta­len Gesetze verneinten, gerieten sie dahin, jede objektive Gesetzmäßigkeit in der Natur zu verneinen, die Naturgesetze für bloße Konvention, „Einschränkung der Erwartung“, „logische Notwendigkeit“ usw. auszugeben. Indem sie auf dem annähernden, relativen Charakter unseres Wissens bestanden, ge­langten sie zur Verneinung des von der Er­kenntnis unabhängigen Objekts, das von dieser Erkenntnis annähernd getreu, relativ richtig widergespiegelt wird.

Die neue Physik ist deshalb zum Idealis­mus abgeglitten, weil sie die neuen Er­kenntnisse in der Forschung nicht mithilfe der dialektischen Methode verarbeitete. Die einfache Negation des mechanischen Charakters der bisherigen Physik führte deshalb dazu, die Materie überhaupt zu ver­neinen, d.h. die objektive Realität zu bestrei­ten.

Damit ging einher, den absoluten Charak­ter der wichtigsten und fundamentalen Gesetzmäßigkeiten in der Natur und Ge­sellschaft zu verneinen. Die Negation der theoretischen Grundlagen der Physik aber nahm ihr ihren wissenschaftlichen Charakter.

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 146, S. 262

Dialektischer Materialismus; Forscher­drang

Das „Wesen“ der Dinge oder die „Substanz“ sind ebenfalls relativ; sie bringen nur die Ver­tiefung der menschlichen Erkenntnis der Ob­jekte zum Ausdruck, und wenn gestern diese Vertiefung nicht weiter als bis zum Atom reichte, heute nicht weiter als bis zum Elek­tron und Äther reicht, so beharrt der dialekti­sche Materialismus auf dem zeitweiligen, re­lativen, annähernden Charakter aller dieser Marksteine in der Erkenntnis der Natur durch die fortschreitende Wissenschaft des Men­schen.

Der dialektische Materialismus anerkennt die Relativität von Erkenntnissen, bejaht die Erforschung neuer Phänomene in Natur und Gesellschaft als unendlichen Pro­zess, der Vertiefung der menschlichen Er­kenntnisse über Komplexität und Zusam­menhänge, über neue Qualitäten in der ob­jektiven Realität.

Die bürgerliche Ideologie

sieht den Kapitalismus

als ewig und unveränderlich an.

Die proletarische Ideologie hat einen

revolutionären Charakter

und strebt nach

Fortschreiten der Erkenntnis

der Welt und ihrer

Verände­rung.

Nr. 147, S. 262

Unendliche Existenz der Natur

Das Elektron ist ebenso unerschöpflich wie das Atom, die Natur ist unendlich, aber sie existiert unendlich, und eben diese einzig ka­tegorische, einzig bedingungslose Anerken­nung ihrer Existenz außerhalb des Bewußt­seins und außerhalb der Empfindung des Menschen unterscheidet den dialektischen Materialismus vom relativistischen Agnosti­zismus und vom Idealismus.

Die Erkenntnis über die Relativität des seit­herigen, für unumstößlich gehaltenen Wissens der klassischen Physik führt auf der Basis der metaphysischen Methode zur Verabsolutierung des Nichtwissens: in Rela­tivismus und Agnostizismus.

Der dialektische Materialismus geht von der Unumstößlichkeit der objektiven Realität und ihrer immer besseren, wenn auch stets relativ bleibenden Erforschung aus.

Während also die

metaphysi­sche Methode

die objektive Wirklichkeit

rela­tiviert,

existiert diese für die

dialek­tisch-materialistische Metho­de

als unumstößliche Tatsache.

Dagegen hält die

metaphysi­sche Methode

ihre Erkenntnisse

für unumstößlich,

während die dialektische

Me­thode von einem

wissen­schaftlichen Fortschreiten der Erkenntnis der sich verän­dernden objektiven Wirklich­keit ausgeht.

Nr. 148, S. 263

Bürgerliche Existenz und bürgerliche Wissenschaft

Aber das ganze Milieu, in dem diese Leute leben, stößt sie von Marx und Engels ab und treibt sie der faden offiziellen Philosophie in die Arme.

Die bürgerliche Lebensweise und Interes­senslage ist konträr zur revolutionären Denk-, Arbeits- und Lebensweise von Marx und Engels. Deshalb haben bürgerliche Wis­senschaftler eine hohe Hürde zu überwin­den, wenn sie eine dialektisch-materialisti­sche Wissenschaft erreichen oder sich gar den wissenschaftlichen Sozialismus aneig­nen wollen. Das ist die Aufgabe und Dimen­sion der Umerziehung kleinbürgerlicher Intellektueller. Sobald auch unsere besten Wissenschaftler dies vernachlässigen, gera­ten sie umgehend in den Sog der „faden offi­ziellen Philosophie“.

3. Ist Bewegung ohne Materie denkbar?

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 149, S. 267

Idealismus; Trennung der Bewegung von der Materie; Trennung des Denkens von der objektiven Realität

Die Welt ist die Bewegung dieser von unse­rem Bewußtsein widergespiegelten objekti­ven Realität. Der Bewegung der Vorstellun­gen, Wahrnehmungen usw. entspricht die Bewegung der Materie außer mir. Der Begriff Materie drückt nichts anderes aus als die uns in der Empfindung gegebene objektive Realität. Daher ist die Trennung der Bewe­gung von der Materie gleichbedeutend mit der Trennung des Denkens von der objekti­ven Realität, mit der Trennung meiner Emp­findungen von der Außenwelt, d.h. gleichbedeutend mit dem Übergang auf die Seite des Idealismus.

Die Welt ist

sich bewegende Materie.

Die Veränderung der Vorstellungen, Wahr­nehmungen oder Empfindungen kann ei­nerseits auf die Veränderung der Denkweise zurückgehen, auf die sich entwickelnde Fä­higkeit, die objektive Wirklichkeit immer bes­ser (oder auch schlechter) zu deuten. Sie sind aber letztlich eine Widerspiegelung der Bewegung der Materie. Sie sind in ihrer Hö­herentwicklung geeignet, mehr und mehr die Trennung der Empfindungen von der Außen­welt aufzuheben.

Die metaphysische Denkweise geht im Ge­gensatz dazu davon aus, dass Gefühle nicht veränderbar bzw. beeinflussbar sind. Dabei baut das gesellschaftliche System der klein­bürgerlichen Denkweise gerade auf der Mani­pulation der Gefühle der Massen auf.

Metaphysische Ratschläge diesbezüglich sind für die bürgerliche Ideologie, gerade in der Psychologie, Literatur und Kunst, typisch: „Vertraue deinen Gefühlen!“, ohne zu über­prüfen, ob diese mit der objektiven Wirklich­keit übereinstimmen oder nicht.

Nr. 150, S. 270

Bewegung und Materie

Ob wir nun sagen: die Welt ist die sich bewe­gende Materie, oder: die Welt ist die materi­elle Bewegung – das ändert nichts an der Sache.

Identität zwischen den

Begriff­lichkeiten von

sich bewegender Materie und materieller Bewegung.

Nr. 151, S. 274

Idealismus und Unwissenheit

Die energetische Physik ist eine Quelle neu­er idealistischer Versuche, die Bewegung ohne Materie zu denken – veranlasst durch die Zerlegung von bis dahin für unzerlegbar gehaltenen Partikeln der Materie und durch die Entdeckung von bis dahin unbekannten Formen der materiellen Bewegung.

Die energetische Physik ist eine materielle Quelle neuer idealistischer Versuche, Bewe­gung ohne Materie zu denken.

Nur mithilfe der

dialektisch-materialistischen Methode

sind neue wissenschaftliche

Er­kenntnisse

richtig zu deuten und

können zur beständigen Annäherung unseres Bewusstseins an die objektive Wirklichkeit führen.

Dagegen steht die positivistische Annah­me, dass jedes praktische Ergebnis eines wissenschaftlichen Experiments automa­tisch zu einem allgemeinen wissen­schaftlichen Erkenntnisfortschritt führt. Die Erfahrung mit dem Aufkommen der energetischen Physik beweist das Gegen­teil: ohne eine der objektiven Wirklichkeit entsprechenden Erkenntnistheorie, ohne dialektisch-materialistische Verarbeitung der neuen physikalischen Erkenntnisse, musste die energetische Physik geradezu neue idealistische Theorien und Formen in der Philosophie gebären.

4. Die zwei Richtungen in der modernen Physik und der englische Spiritualismus

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 152, S. 277/278

Spontaner Materialismus

Der Leser sieht, daß der Redner sich nicht mit Erkenntnistheorie befaßte, aber dem We­sen der Sache nach, zweifellos im Namen der großen Masse der Naturforscher, einen spontan-materialistischen Standpunkt ver­trat. Die Quintessenz seiner Position: Die Theorie der Physik ist ein (immer genauer werdendes) Abbild der objektiven Realität. Die Welt ist sich bewegende Materie, die wir immer tiefer erkennen. Die Ungenauigkeiten der Philosophie Rückers entspringen der vermeidbaren Verteidigung der „mechani­schen“ (warum nicht elektromagnetischen?) Theorie der Bewegungen des Äthers und dem Nichtverstehen des Verhältnisses zwi­schen relativer und absoluter Wahrheit. Was diesem Physiker fehlt, ist lediglich das Wis­sen um den dialektischen Materialismus…

Wissenschaft

ohne bewusste

Erkenntnis­theorie

bleibt im

spontanen Materialismus

ver­haftet.

Dieser spontane Materialismus untersucht zweifellos die konkrete Wirklichkeit und sieht auch die Wirklichkeit als sich bewegende Materie. Die Schwäche liegt jedoch oft im Verharren im mechanischen Materialis­mus, in Unkenntnis oder Ignoranz des dia­lektischen Materialismus, insbesondere der Dialektik von relativer und absoluter Wahrheit.

Nr. 153, S. 278

Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und Philosophie

Die Naturwissenschaft nimmt unbewußt an, daß ihre Lehre die objektive Realität wider­spiegelt, und nur eine solche Philosophie ist mit der Naturwissenschaft vereinbar.

Nur der Materialismus ist

mit der Naturwissenschaft vereinbar!

Nr. 154, S. 280

Unwissenheit als materialistische Grund­lage des Aufschwungs idealistischer Theorien

Der Unterschied der beiden Schulen in der modernen Physik ist tatsächlich nur ein phi­losophischer, nur ein erkenntnistheoreti­scher. Der grundlegende Unterschied be­steht tatsächlich nur darin, daß die eine die „letzte“ (es müßte heißen: objektive) Realität anerkennt, die durch unsere Theorie wider­gespiegelt wird, während die andere dies verneint und die Theorie nur als eine Syste­matisierung der Erfahrung, als System von Empiriosymbolen usw. usf. betrachtet. Die neue Physik, die neue Arten von Materie und neue Formen ihrer Bewegung aufgedeckt hat, hat anläßlich der Zerstörung der alten physikalischen Begriffe die alten philosophi­schen Fragen aufgerollt.

Die Zerstörung der alten physikalischen Be­griffe, Theorien und Erkenntnisse durch neue Entdeckungen hat die Frage nach der Erkenntnistheorie neu in den Mittelpunkt ge­rückt.

Die Trennung von Erkenntnisfortschritt und Erkenntnistheorie ist selbst Ausdruck einer idealistischen Vorstellung. Sie ver­birgt sich in der Behauptung, dass es Er­kenntnisfortschritt, wissenschaftliche Er­kenntnisse, Fortschrittlichkeit naturwissen­schaftlicher Forschung »an sich« geben kön­ne.

Tatsächlich verhindert der Idealismus gera­de den systematischen Erkenntnisfortschritt weil er durch die Leugnung der Theorie als immer wahrheitsgetreuere Widerspiegelung der objektiven Realität zugleich deren mate­rialistischen und beweglichen Bezugs­punkt leugnet.

Nr. 155, S. 282-283

Mechanik und Elektromagnetik als unter­schiedliche Bewegungsformen der Mate­rie

Die Welt ist sich bewegende Materie, antwor­ten wir, und die Bewegungsgesetze dieser Materie finden ihre Widerspiegelung für die langsamen Bewegungen in der Me­chanik, für die schnellen Bewegungen in der elektromagnetischen Theorie… (…)

Die Zerstörbarkeit des Atoms, seine Uner­schöpflichkeit, die Veränderlichkeit aller For­men der Materie und ihrer Bewegung bilde­ten immer die Stütze des dialektischen Materialismus. Alle Grenzen in der Natur sind bedingt, relativ, beweglich, drücken das Näherkommen unseres Verstandes an die Erkenntnis der Materie aus, was aber nicht im mindesten beweist, daß die Natur, die Materie selbst nur ein Symbol, ein konventio­nelles Zeichen, d.h. ein Produkt unseres Ver­standes sei.

Der Fortschritt der Forschung bekräftigt die dialektisch-materialistische Erkenntnistheo­rie.

Die vom Willen oder vom Niveau bisheriger Erkenntnisse unabhängige Gesetzmäßig

keit tritt unerbittlich in Erscheinung, stellt die bisherigen Erklärungsmuster auf den Prüfstand und verhilft zu neuen Deutungen, die die neuen qualitativen Veränderungen wissenschaftlich erklären und neue Zusam­menhänge herstellen.

Die Erkenntnisse der klassischen Physik waren nicht absolut falsch, sondern rela­tiv anwendbar für die langsamen, und damit leichter erkennbaren Bewegungen der Mate­rie.

Dass die

physikalischen Erkenntnisse bedingt, relativ und beweglich sind, ist nichts anderes als die Widerspiegelung der

objekti­ven Beweglichkeit, Veränder­lichkeit der Materie in Natur, Gesellschaft

und menschlichem Denken.

Nr. 156, S. 283

Relative Macht über die Natur

Der menschliche Geist hat viel Wundersa­mes in der Natur entdeckt, er wird noch mehr entdecken und dadurch seine Macht über die Natur erweitern, aber das bedeutet nicht, daß die Natur eine Schöpfung unseres Geis­tes oder eines abstrakten Geistes, d.h. des Wardschen Gottes, der Bogdanowschen „Substitution“ usw. ist.

Jede wundersame Entdeckung in der Na­tur erweitert die Macht des Menschen über die Natur. Aber diese Macht entsteht ausschließlich auf der Grundlage der richti­gen Widerspiegelung ihrer objektiven Geset­ze im Bewusstsein und geht nicht so weit, dass die Natur jemals eine Schöpfung unse­res Geistes sein könnte.

5. Die zwei Richtungen in der modernen Physik und der deutsche Idealismus

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 157, S. 284/285

Idealismus als Betrug an den Massen

Die Elektrizität wird zum Gehilfen des Idea­lismus proklamiert, denn sie hat die alte Theorie von der Struktur der Materie zerstört, das Atom zerlegt, neue Formen der materiel­len Bewegung entdeckt, die den alten so un­ähnlich, noch so wenig untersucht, so uner­forscht, ungewöhnlich und „wundersam“ sind, daß sich eine Interpretation der Natur als einer immateriellen (also geistigen, ge­danklichen, psychischen) Bewegung ein­schmuggeln läßt. (…)

Jeder Physiker und jeder Ingenieur weiß, daß die Elektrizität eine (materielle) Bewe­gung ist, aber niemand weiß recht, was sich hier bewegt; folglich, schließt der idealisti­sche Philosoph, kann man die philosophisch nicht gebildeten Leute mit dem verführerisch „ökonomischen“ Vorschlag irreleiten: laßt uns die Bewegung ohne Materie denken

Die Elektrizität wird von den modernen Idealisten zu Unrecht zu ihrem Gehilfen er­klärt, weil sie die Vorstellungen der klassi­schen Physik gesprengt hat und so der ab­surden Idee von der Natur als einer immate­riellen Bewegung den Weg bereitet habe.

Die Idealisten nutzten die noch immer beste­hende Unkenntnis über bestimmte natürliche Prozesse, um ihnen Ihre abstruse Theorie von der Bewegung ohne Materie unterzu­schieben.

Idealistische Theorien sind ein Betrug an den Massen,

um wider besseren Wissens die eigene Unwissenheit zu

ver­schleiern.

Nr. 158, S. 285

Einschüchterung von Heinrich Hertz durch reaktionäres Professorengeheul

In Wirklichkeit zeigt die philosophische Ein­leitung von H. Hertz zu seiner „Mechanik“ den üblichen Standpunkt des Naturforschers, der durch das Professorengeheul gegen die „Metaphysik“ des Materialismus einge­schüchtert ist, aber dennoch die spontane Überzeugung von der Realität der Außenwelt nicht überwinden kann.

Der berühmte Physiker Heinrich Hertz ist ein typisches Beispiel dafür, wie Naturfor­scher durch das Professorengeheul gegen die angebliche „Metaphysik“ des Materialis­mus eingeschüchtert werden, aber dennoch die spontane Überzeugung von der Realität der Außenwelt nicht überwinden wollen.

Der moderne Antikommunismus als Kern des Systems der kleinbürgerlichen Denkwei­se in der heutigen Gesellschaft übt einen noch allseitigeren Druck auf die Wissen­schaft aus. Umso wichtiger ist es, den Wis­senschaftlern selbstbewusst den Marxis­mus-Leninismus und den dialektischen Mate­rialismus nahe zu bringen, statt verschämt die dialektisch- materialistische Terminologie zu vermeiden, um niemanden zu verschre­cken.

Es hat vier Jahre gedauert, bis eine von der UNO eingesetzte Forschergruppe 2018 die wichtigsten Thesen des RW 35 über die Tendenz zur globalen Klimakatastrophe bestätigte. Es ist kein Zufall, dass sie das ge­tan haben, ohne sich auf die marxistisch-leni­nistischen Thesen zu beziehen.

Nr. 159, S. 287

Positivistische „Ideologiefreiheit“ und politische Neutralität

die Unparteiischen sind in der Philosophie ebensolche hoffnungslosen Stümper wie in der Politik

Die Behauptung bzw. das Streben nach weltanschaulicher oder politischer Unab­hängigkeit ist eine Fiktion.

Diese Behauptung tritt heute vor allem als Forderung des Positivismus nach „Ideo­logiefreiheit“ und „wissenschaftlicher Neutralität“ in Erscheinung. Lenin kommen­tiert bissig:

Die Unparteilichkeit

in der Philosophie

wie in der Politik

produziert nichts als Stümper!

6. Die zwei Richtungen in der modernen Physik und der französische Fideismus

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 160, S. 293

Objektive und subjektive Deutung der Praxis als Kriterium der Wahrheit

H. Poincaré beruft sich auf das Kriterium der Praxis. Doch damit verschiebt er nur die Fra­ge, löst sie aber nicht, denn man kann die­ses Kriterium ebensogut im subjektiven wie im objektiven Sinn interpretieren. Le Roy er­kennt dieses Kriterium für die Wissenschaft und die Industrie ebenfalls an; er verneint nur, daß dieses Kriterium die objektive Wahr­heit beweist, denn ihm genügt diese Vernei­nung, um die subjektive Wahrheit der Religi­on neben der subjektiven (außerhalb der Menschheit nicht existierenden) Wahrheit der Wissenschaft anzuerkennen.

Der Pragmatismus erhebt die Praxis eben­so wie der dialektische Materialismus zum Kriterium der Wahrheit. Hier gibt es eine scheinbare Identität.

Der Pragmatismus verbindet dies aber mit der Leugnung der Erkennbarkeit und theoretischen Verarbeitung der objektiven Realität in Form von theoretischen Verall­gemeinerungen und Lehrsätzen. Er lehnt infolgedessen auch theoretische Grund­lagen ab.

Auf politischem Gebiet schlägt sich das in dem Vorwurf der Abstraktheit und Borniert­heit jedes »Ismus« nieder. Das rich­tet sich insbesondere gegen die marxis­tisch-leninistische Weltanschauung. Heute versteigen sich die Positivisten zu der anti­kommunistischen These, der Marxismus-Le­ninismus sei eine Ideologie für eine »auto­kratische Gesellschaft« bzw. für den »Terro­rismus«. In dem vom Pragmatismus verwen­deten Begriff der „Nützlichkeit“ als oberstem Kriterium der Wahrheit treten die subjektive Deutung, die metaphysische Methode und der Idealismus konzentriert in Erscheinung.

7. Ein russischer, „idealistischer Physiker“

8. Wesen und Bedeutung des „physikalischen“ Idealismus

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 161, S.305-306

Empiriokritizismus als internationale Er­scheinung

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß wir es hier mit einer gewissen internationalen geistigen Strömung zu tun haben, die nicht allein von irgendeinem einzelnen philosophi­schen System abhängt, sondern gewissen allgemeinen, außerhalb der Philosophie lie­genden Ursachen entspringt (…) Man neh­me die Physiker dieser Schule: den Deut­schen Mach, den Franzosen Henri Poincaré, den Belgier P. Duhem, den Engländer K. Pearson. Sie haben vieles miteinander ge­mein, sie haben die gleiche Grundlage, die gleiche Richtung, wie dies jeder von ihnen ganz mit Recht zugibt, aber zu diesem Ge­meinsamen gehört weder die Lehre des Empiriokritizismus im allgemeinen noch auch nur die Lehre Machs von den »Weltele­menten« im besonderen. Weder die eine noch die andere Lehre ist den drei letztge­nannten Physikern auch nur bekannt. Sie haben „nur“ eines miteinander gemein: den philosophischen Idealismus, zu dem sie alle ohne Ausnahme mehr oder weniger bewußt, mehr oder weniger entschieden neigen.

Die moderne Physik brachte eine internatio­nale geistige Strömung über die Erkennt­nistheorie unter den Physikern hervor: den philosophischen Idealismus, der die objektive Realität leugnet.

Dieser neue, wiederbelebte philosophi­sche Idealismus war damit zu einer allge­meinen Strömung in der Philosophie gewor­den, die fortan unsere ganze Aufmerksam­keit erforderlich macht.

Nr. 162, S. 307

Vergänglichkeit der reaktionären Philoso­phie

Die Abweichung nach der Seite der reaktio­nären Philosophie, die sich in dem einen wie dem andren Fall bei einer Schule von Natur­forschern in einem Zweig der Naturwissen­schaft zeigte, ist ein zeitweiliger Zickzack, eine vorübergehende krankhafte Periode in der Geschichte der Wissenschaft, eine Wachstumskrankheit, hervorgerufen vor al­lem durch den jähen Zusammenbruch der alten eingebürgerten Begriffe.

Das Abweichen vieler Physiker und Philoso­phen nach der reaktionären Seite der Philo­sophie war durch die spontan materialisti­sche Grundlage in der Naturwissenschaft bedingt. Der Zusammenbruch alter Theorien und Thesen machte den Platz frei für Verwir­rung, Konservatismus und reaktionäre Erklä­rungsmuster.

Lenin ist sich aber sicher, dass dies »ein zeitweiliger Zickzack, eine vorübergehende krankhafte Periode in der Geschichte der Wissenschaft, eine Wachstumskrankheit« ist. Er setzt dabei auf die Durchsetzungskraft der unweigerlich in Erscheinung treten­den, letztendlich unwiderstehlichen Reali­tät!

Der beste Verbündete für die Richtigkeit der ideologisch-politischen Linie bleibt letztlich die Durchsetzungskraft der objek­tiven Realität, wenngleich diese durch das ausgefeilte System der Manipulation der öf­fentlichen Meinung vor allem im Rahmen des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise als hauptsächliche Regierungsmethode zu­weilen viel Zeit und Geduld in Anspruch nimmt.

Nr. 163, S. 308

Dialektischer Materialismus als Methode des Erkenntnisfortschritts

Der materialistische Grundcharakter der Physik wie aller modernen Naturwissen­schaft wird alle nur möglichen Krisen über­winden, jedoch muss der metaphysische Materialismus unbedingt durch den dialekti­schen ersetzt werden.

Die moderne Naturwissen­schaft

wird alle möglichen Krisen

über­winden!

Dazu muss jedoch der

meta­physische Materialismus

durch den dialektischen

ersetzt werden.

Diese grundlegende Lehre außer Acht zu lassen, macht eine marxistisch-leninistische Bündnisarbeit unter kleinbürgerlichen Natur­wissenschaftlern zu einer Farce. Die Ten­denz, sich dem spontanen Materialismus an­zupassen, geht gesetzmäßig mit einer Ver­drängung der Dialektik in der Kritik an der bürgerlichen Naturwissenschaft einher oder enthält sich gar dieser unabdingbar notwen­digen Kritik. Die bürgerliche Naturwissen­schaft per se als materialistisch und fort­schrittlich zu erklären, kommt einer Kapitula­tion des dialektischen Materialismus gleich.

Nr. 164, S. 309

»Physikalischer« Idealismus; Schwan­kender Charakter

„Schwanken des Denkens“ in der Frage der Objektivität der Physik – das ist das Wesen des in Mode gekommenen „physikalischen“ Idealismus.

Das Wesen des

physikali­schen Idealismus“

ist sein

schwankender Charakter

in der Frage

der Objektivität der Physik!

Für A. Rey ist der »Einbruch (…) des Geis­tes der Mathematik in die Methoden des physikalischen Urteils und Denkens« der Ausgangspunkt für die »häufige Unsicher­heit, das Schwanken des Denkens betreffs der Objektivität der Physik«. Dieser Hin­weis ist gerade im Zeitalter der Digitalisie­rung besonders wichtig.

Nr. 165, S. 310

»Physikalischer« Idealismus; Ursache; Eindringen der Mathematik in die Physik

Das ist die erste Ursache des »physikali­schen« Idealismus. Die reaktionären Nei­gungen werden durch den Fortschritt der Wissenschaft selbst erzeugt. Der große Er­folg der Naturwissenschaft, die Annäherung an so gleichartige und einfache Elemente der Materie, deren Bewegungsgesetze sich mathematisch bearbeiten lassen, läßt die Mathematiker die Materie vergessen. „Die Materie verschwindet“, es bleiben einzig und allein Gleichungen. Auf einer neuen Entwick­lungsstufe und gleichsam auf neue Art kommt die alte Kantsche Idee wieder: die Vernunft schreibt der Natur die Gesetze vor.

Die theoretische Physik ist eine erste Ursa­che für den „physikalischen“ Idealismus.

Theoretische Physik ist mathematische, formelle Physik, ihre (scheinbare) Loslö­sung von der objektiven Realität und viel­fach verbunden mit einer Denkweise, mit im­materiellen Vorgängen zu tun zu haben. Sie ist verbunden mit den Forschungsmethoden des Neopositivismus. So wird bei statisti­schen Prognosen oft eine reine Zahlenspie­lerei betrieben, ohne jeden Bezug zur realen gesellschaftlichen Entwicklung und dem Klassenkampf.

Lenin lehnt die theoretische Physik nicht pauschal ab, aber weist auf die Gefahren der formellen Abstraktion von der objektiven Realität und damit auch vom Klassenkampf hin.

Nr. 166, S. 311/312

Materialistischer und idealistischer Rela­tivismus

Die andere Ursache, die den „physikali­schen“ Idealismus erzeugt hat, ist das Prin­zip des Relativismus, der Relativität unseres Wissens, ein Prinzip, das sich den Physikern in der Periode des jähen Zusammenbruchs der alten Theorien mit besonderer Kraft auf­drängt und das – bei Unkenntnis der Dialek­tik – unvermeidlich zum Idealismus führt. (…)

In Wirklichkeit wird die einzige theoretisch richtige Fragestellung hinsichtlich des Relati­vismus durch die materialistische Dialektik von Marx und Engels gegeben, und deren Unkenntnis muß unvermeidlich vom Relati­vismus zum philosophischen Idealismus füh­ren (…)

Alle alten Wahrheiten der Physik, einschließ­lich solcher, die als unbestreitbar und uner­schütterlich gegolten haben, erweisen sich als relative Wahrheiten – also könne es kei­ne objektive, von der Menschheit unabhän­gige Wahrheit geben. So argumentiert (…) der gesamte „physikalische“ Idealismus überhaupt. Daß sich die absolute Wahrheit aus der Summe der relativen Wahrheiten in deren Entwicklung zusammensetzt, daß die relativen Wahrheiten relativ richtige Wider­spiegelungen des von der Menschheit unab­hängigen Objekts sind, daß diese Wider­spiegelungen immer richtiger werden, daß in jeder wissenschaftlichen Wahrheit trotz ihrer Relativität ein Element der absoluten Wahr­heit enthalten ist – alle diese Sätze, die sich für jeden, der über Engels' „Anti-Dühring“ nachgedacht hat, von selbst verstehen, sind für die „moderne“ Erkenntnistheorie ein Buch mit sieben Siegeln.

Die zweite Ursache für den »physikali­schen« Idealismus ist das Prinzip des Relati­vismus.

Der Dialektiker stellt die Einheit von relativer Wahrheit und absoluter Wahrheit im Erkennt­nisfortschritt her:

Dieser Relativismus

auf der Basis der

materialisti­schen Dialektik

ist materialistisch.

Die Verallgemeinerung des Relativismus, losgelöst von der Dialektik, leugnet jedoch die absolute Existenz der objektiven Realität.

Relativismus

auf der Basis der

metaphysischen

Verabsolutie­rung

der relativen Erkenntnis ist idealistisch.

Die Loslösung von der Dialektik führt zu der Aussage, dass alles relativ ist. Das be­zieht sich auch auf längst bewiesene theo­retische Prinzipien und Grundlagen! In der Konsequenz bedeutet das, nur noch das praktische Experiment oder praktische Er­fahrungen als Quelle wissenschaftlicher Erkenntnisse und Verallgemeinerungen an­zuerkennen. Das ist die Grundidee des Positivismus.

Dem »physikalischen«

Idealis­mus

ist nur mit der

dialektisch materialistischen Methode

beizukommen.

Der Dialektiker stellt immer die Einheit von relativer Wahrheit im Erkenntnisfortschritt mit dem Streben nach Erkenntnis der abso­luten Wahrheit her. Das bedeutet Einheit von Theorie und Praxis in der wissenschaftli­chen Arbeit bzw. Arbeit auf der Grundlage der proletarischen Denkweise.

Die gelegentlich aufkommende moralische Erschütterung von Kadern bei Fehlern entsteht, weil der objektiv notwendige (ggf. jahrelange) Erkenntnisprozess bzw. Erkennt­nisfortschritt geleugnet und eine Möglichkeit der willkürlichen Beschleunigung Kraft Willens und Ideen angenommen wird. Das ist aber Einfluss einer kleinbürger­lich-idealistischen Denkweise.

Die Gefahr idealistischer Verfälschung im Erkenntnisfortschritt hat zwei Seiten: Entwe­der die Gefahr, den notwendigen Prozess der Erringung relativer Erkenntnisse auf dem Weg zur „absoluten Wahrheit“ zu verkennen; oder aber die Absenkung des Maßstabs durch mangelnden proletarischen Ehrgeiz, sich zielstrebig auf den Weg zur „absoluten Wahrheit“ zu begeben und sich stattdessen langanhaltend mit kleinen relativen Fort­schritten zufrieden zu geben.

Nr. 167, S. 313

Dialektisch-materialistische Relativität

Und dieser Mangel des alten Materialismus steht außer Zweifel; Nichtverstehen der Re­lativität aller wissenschaftlichen Theorien, Unkenntnis der Dialektik, Überschätzung des mechanischen Gesichtspunktes – das warf Engels den frühen Materialisten vor. Nur verstand es Engels (…), den Hegel­schen Idealismus über Bord zu werfen und den genial-wahren Kern der Hegelschen Dialektik zu begreifen. Engels sagte sich von dem alten, metaphysischen Materialismus zugunsten des dialektischen Materialismus los, nicht aber zu Gunsten des Relativismus, der in den Subjektivismus abgleitet.

Friedrich Engels hat den alten Materialis­mus dialektisch negiert und den dialekti­schen Materialismus mit entwickelt.

Die Positivisten verschiedenster Richtungen kritisieren den alten Materialismus jedoch einseitig. Diese einfache Negation des alten Materialismus bringt Relativismus und Sub­jektivismus hervor und bestärkt den Idealis­mus.

Jede einseitige Kritik,

die nicht auf der Grundlage

der materialistischen Dialektik stattfindet,

stärkt den Idealismus und die Metaphysik.

Nr. 168, S. 316, Fußnote

Dialektischer Erkenntnisfortschritt; er­kenntnistheoretische Hilflosigkeit des Po­sitivismus

Wenn unsere Machisten, die Bücher und Aufsätze über philosophische Themen schreiben, denken könnten, dann hätten sie begriffen, dass Ausdrücke wie „die Materie verschwindet“, „die Materie reduziert sich auf Elektrizität“ usw. nur der erkenntnistheo­retisch-hilflose Ausdruck jener Wahrheit sind, dass es gelingt, neue Formen der Ma­terie, neue Formen der materiellen Bewe­gung zu entdecken, die alten Formen auf diese neuen zurückzuführen usw.

Idealistische Qualifizierungen wie »Ver­schwinden der Materie« oder »die Materie reduziert sich auf Elektrizität« bringen nur die Unfähigkeit zum Ausdruck, neue Formen der Materie, neue Formen der materiellen Bewe­gung zu entdecken, die alten Formen auf diese neuen zurückzuführen.

Ohne die dialektische Methode ist es unmög­lich, alte Erkenntnisse durch neue zu erset­zen bzw. mit den neuen Erkenntnissen anzu­reichern. Der Erkenntnisfortschritt ist ein fortlaufender Prozess von Analyse und Synthese, der immer von den bisherigen Er­kenntnissen, Theorien ausgeht und diese an­hand der neuen Erfahrungen und For­schungsergebnisse dialektisch negiert.

Einen solchen dialektisch-materialistischen Erkenntnisfortschritt kennt der Positivismus nicht, weil er Theorien als »metaphysisch« (manche sagen auch als »abstrakt« oder „dogmatisch“) ablehnt.

Für die marxistisch-leninistische theoretische Arbeit heißt das, immer von der grundsätz­lichen Seite, d.h. von der vorhandenen ideologisch-politischen Linie der MLPD auszugehen und diese durch die konkrete Analyse neuer Erscheinungen und wesentli­cher Veränderungen dialektisch infrage zu stellen und weiterzuentwickeln. Analyse ohne Synthese ist Positivismus!

Nr. 169, S. 315/316

Geburtswehen der modernen Physik

Die moderne Physik liegt in Geburtswehen. Sie ist dabei, den dialektischen Materialis­mus zu gebären. Die Entbindung verläuft schmerzhaft. Außer dem lebendigen und le­bensfähigen Wesen kommen unvermeidlich gewisse tote Produkte, einige Abfälle zum Vorschein, die in die Kehrichtgrube gehören. Zu diesen Abfällen gehört der ganze physikalische Idealismus…

Lenin bezeichnet die Irrungen in der Erkennt­nistheorie der modernen Physik, wie der ganze physikalische Idealismus, als Ge­burtswehen, die das Neue, aber unvermeid­lich auch »gewisse tote Produkte« hervor­bringen, die man allerdings konsequent mit­hilfe der dialektischen Methode überwinden muss.

Die Erkenntnis

neuer Erscheinungen und

we­sentliche Veränderungen geht immer schwanger mit Proble­men und Fehlern,

vor allem aber mit einem

quali­tativen Erkenntnisfortschritt mit dem größten Nutzen für die Menschheit.

Die ganze Quintessenz

aus der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen des Positivismus,

Empiriokritizis­mus, Empiriosymbolismus,

Em­piriomonismus usw.

ist die ausschlaggebende

Be­deutung

der Beherrschung der

dialek­tisch-materialistischen Metho­de

für den Erkenntnisfortschritt im Allgemeinen

und den Naturwissenschaften im Besonderen.

Darin liegt die ganze Bedeutung der Lehre von der Denkweise bzw. der Parteiarbeit auf der Grundlage der proletarischen Denkwei­se!

Kapitel VI

Empiriokritizismus und historischer Materialismus

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 170, S. 317

Pseudomarxisten; Machisten

Die (…) Machisten, die Marxisten sein möchten, befleißig(en) sich auf jede Art und Weise, den Lesern zu versichern, der Ma­chismus sei mit dem historischen Materialis­mus von Marx und Engels vereinbar. Diese Versicherungen bleiben allerdings größten­teils auch bloß Versicherungen: kein einzi­ger Machist, der Marxist sein möchte, hat auch nur den geringsten Versuch unternom­men, die wirklichen Tendenzen der Begrün­der des Empiriokritizismus auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften einigerma­ßen systematisch darzustellen.

Die Machisten geben vor, Marxisten zu sein, haben sich jedoch mit keinem Wort zum Empiriokritizismus in den Gesell­schaftswissenschaften geäußert, sondern sich nur mit den Naturwissenschaften be­schäftigt. Das macht es ihnen leicht, den Marxismus in ihren Ansichten zu behaupten, ohne sich direkt mit den Lehren des Marxis­mus auseinandersetzen zu müssen.

.

1. Streifzüge der deutschen Empiriokritiker in das Gebiet der Gesellschaftswissenschaften

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 171, S. 320

Feindesland kennen

Der Leser ist wahrscheinlich sehr ungehalten über uns, weil wir diesen unglaublich abge­schmackten Galimathias*, diese quasigelehr­te Hanswurstiade (…) so ausführlich zitieren. Doch – wer den Feind will verstehen, muss in Feindes Lande gehen.

Galimathias = Kauderwelsch, verworrenes Zeug

Die sorgfältige Befassung mit gegneri­schen Texten ist notwendig, um sich mit ih­nen prinzipiell und konkret auseinanderset­zen zu können.

Prinzipiell heißt,

den Dingen bis auf den

welt­anschaulichen Grund

zu gehen.

Diese prinzipielle Seite muss aber dem konkreten Text

mit­hilfe der dialektischen

Po­lemik

abgerungen werden.

Wissenschaftliche Polemik muss sich im­mer auf einen konkreten Text beziehen, sonst wird daraus eine inhaltsleere Behaup­tung oder ein abstrakter Kommentar, aus dem keine wirklichen Schlüsse gezogen wer­den können.

Nr. 172, S. 321

Unparteilichkeit des Empiriokritizismus

Der ganze Empiriokritizismus (…) erhebt den Anspruch auf Unparteilichkeit sowohl in der Philosophie als auch in der Gesellschaftswis­senschaft. Weder Sozialismus noch Libera­lismus. Keine Abgrenzung zwischen den un­versöhnlichen Grundrichtungen in der Philo­sophie, zwischen Idealismus und Materialis­mus, sondern das Bestreben, sich über sie zu erheben.

Der empiriokritizistische Anspruch auf Unparteilichkeit, also weder Sozialismus noch Liberalismus, weder Idealismus noch Materialismus, ist eine reine Täuschung. Der Empiriokritizismus ist in Wahrheit gegen den Sozialismus und gegen den Materia­lismus gerichtet.

Nr. 173, S. 322

Kritik des Empiriokritizismus an der Leh­re von Marx

Blei hat die Tendenzen der Doktrin von Mach und Avenarius richtig ausgedrückt, als er den Marxismus gerade wegen der Idee der ob­jektiven Wahrheit „von der Schwelle aus“, wie man so sagt, zurückwies; als er von vornherein erklärte, daß in Wirklichkeit hinter der Lehre des Marxismus weiter nichts ste­cke als die »subjektiven« Ansichten von Marx.

Der Empiriokritizismus kritisiert am Mar­xismus und am historischen Materialismus im Wesentlichen seine Anerkennung der objektiven Wahrheit.

Nr. 174, S. 325

Empiriokritizismus; idealistische Sozial­lehre; Polemik Lenins

Grenzenloser Stumpfsinn des Spießers, der unter dem Deckmantel einer „neuen“, „empi­riokritischen“ Systematisierung und Termino­logie selbstzufrieden den abgegriffensten Plunder auftischt – darauf also laufen die so­ziologischen Streifzüge Bleis, Petzoldts und Machs hinaus. Ein prätentiöses Gewand aus Wortungetümen, ausgetüftelte Kniffe der Syl­logistik, raffinierte Scholastik – mit einem Wort, es ist dasselbe in der Soziologie wie in der Erkenntnistheorie, der gleiche reaktio­näre Inhalt hinter dem gleichen markt­schreierischen Aushängeschild.

Die Polemik Lenins gegen die empirio­kritizistische Soziologie ist unversöhnlich, was dem Antagonismus im Klassenwider­spruch entspricht.

2. Wie Bogdanow Marx korrigiert und „weiterentwickelt“

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 175, S. 326

Idealismus; These der Identität von Sein und Bewusstsein

Das gesellschaftliche Sein und das gesell­schaftliche Bewußtsein sind im genauen Sinn dieser Worte identisch.“ (… Bogdanow) Das gesellschaftliche Sein und das gesell­schaftliche Bewußtsein sind nicht identisch, ebensowenig, wie Sein überhaupt und Be­wußtsein überhaupt identisch sind. Daraus, daß die Menschen als bewußte Wesen in ge­sellschaftlichen Verkehr treten, folgt kei­neswegs, daß das gesellschaftliche Bewußt­sein mit dem gesellschaftlichen Sein identisch ist.

Die Behauptung der genauen, toten Identi­tät von Denken und Sein ist idealistisch:

Erstens stellen Sein und Bewusstsein unter­schiedliche Qualitäten dar. Die höchst ent­wickelte Materie des Seins bezieht sich auf die objektive Wirklichkeit; das Bewusst­sein auf das subjektive Produkt der höchst entwickelten Materie, des menschli­chen Gehirns.

Zweitens: Nur in der idealistischen Vor­stellung stellt das Sein das Produkt des Bewusstseins dar. Nur dann könnte es eine solche Identität geben.

Drittens ist das Denken eine Widerspiege­lung der objektiven Realität. Diese Wider­spiegelung kann immer nur relativ sein, also eine Annäherung an die objektive Reali­tät. Schon aus diesem Grunde können Den­ken und Sein nicht absolut übereinstimmen.

Viertens legt die Behauptung von der Identi­tät von Denken und Sein eine reflexartige, spontane und mechanische Übereinstim­mung des Denkens mit dem Sein nahe. Damit ist diese These auch Ausdruck der Anbetung der Spontaneität.

Nr. 176, S. 326

Dialektischer Materialismus; Kritik der Anbetung der Spontaneität in der Be­wusstseinsbildung

Wenn die Menschen miteinander in Verkehr treten, sind sie sich in allen einigermaßen komplizierten Gesellschaftsformationen – und insbesondere in der kapitalistischen Ge­sellschaftsform – nicht bewußt, was für ge­sellschaftliche Verhältnisse sich daraus bil­den, nach welchen Gesetzen sie sich entwi­ckeln usw.

Die Masse der Menschen kann sich in komplizierten gesellschaftlichen Verhältnis­sen nicht spontan über den Charakter der Gesellschaft bewusst sein. Das gilt umso mehr für die heute komplizierten Zusammen­hänge im imperialistischen Weltsystem und seinen enormen Anstrengungen, das gesell­schaftliche Bewusstsein der Arbeiterklasse und der breiten Massen zu manipulieren.

Diese nüchterne Einschätzung ist eine Kampfansage an die Anbetung der Spon­taneität, als ob sich durch einige unmittelba­re Erfahrungen der Charakter des Gesell­schaftssystems erschließen würde.

Nr. 177, S. 326/328

Idealismus; reaktionärer Charakter der These von der Identität von Sein und Be­wusstsein

Das gesellschaftliche Bewußtsein widerspie­gelt das gesellschaftliche Sein – darin be­steht die Lehre von Marx. Die Widerspiege­lung kann eine annähernd richtige Kopie des Widergespiegelten sein, aber es ist unsinnig, hier von Identität zu sprechen. Das Bewußt­sein widerspiegelt überhaupt das Sein – das ist eine allgemeine These des gesamten Ma­terialismus. Ihren direkten und untrennbaren Zusammenhang mit der These des histori­schen Materialismus, daß das gesellschaftli­che Bewußtsein das gesellschaftliche Sein widerspiegelt, nicht zu sehen, ist unmöglich. (…) Denn diese Theorie der Identität von ge­sellschaftlichem Sein und gesellschaftlichem Bewußtsein ist totaler Unsinn, ist eine aus­gesprochen reaktionäre Theorie.

Die Theorie von der Deckungsgleichheit von Sein und Bewusstsein stellt die ganze Notwendigkeit des wissenschaftlichen Sozia­lismus und der bewussten Herstellung der Übereinstimmung des Bewusstseins mit der objektiven Realität infrage und ist deshalb re­aktionär.

Die marxistisch-leninistische Forderung nach systematischer Hebung des Be­wusstseins über die objektive Wirklichkeit ist eine zentrale Aufgabe der Strategie und Taktik im Klassenkampf, des marxis­tisch-leninistischen Parteiaufbaus, der Vorbe­reitung der internationalen Revolution eben­so wie der Strategie und Taktik im Kampf um die Denkweise der Arbeiterklasse und der breiten Massen.

Nr. 178, S. 328

Dialektischer Materialismus; logische Analyse und Synthese

Die Summe aller dieser Veränderungen in al­len ihren Verästelungen hätten innerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft auch 70 Mar­xe nicht bewältigen können. Das Höchste, was geleistet werden konnte, war, daß die Gesetze dieser Veränderungen entdeckt wurden, daß die objektive Logik dieser Ver­änderungen und ihrer geschichtlichen Ent­wicklung in den Haupt- und Grundzügen aufgezeigt wurde – objektiv nicht in dem Sin­ne, daß eine Gesellschaft von bewußten We­sen, von Menschen, existieren und sich ent­wickeln könnte unabhängig von der Existenz bewußter Wesen (…) sondern in dem Sinne, daß das gesellschaftliche Sein unabhängig ist von dem gesellschaftlichen Bewußtsein der Menschen.

Es ist nicht möglich, die Summe aller konkre­ten Veränderungen mit allen ihren Veräste­lungen innerhalb der kapitalistischen Welt­wirtschaft zu bewältigen.

Die marxistische Analyse und Synthese konzentriert sich deshalb auf die Aufde­ckung

  • der gesetzmäßigen Entwicklung der Gesellschaft,

  • der objektiven Logik dieser Verän­derungen und

  • ihrer geschichtlichen Entwicklung in den Haupt- und Grundzügen.

Es liegt auf der Hand, dass eine solche theo­retische Arbeit nicht ohne Abstraktionen und Verallgemeinerungen auskommt, die aber von den Positivisten entschieden als »Mystik« abgelehnt werden. Der Positivis­mus konzentriert sich auf die Beschreibung einer willkürlichen Auswahl von Details, von Erscheinungsformen, von „Verästelungen“, ohne jeden Zusammenhang und mit syste­m­erhaltender Zielsetzung.

Nr. 179, S. 328/329

Dialektischer Materialismus; Objektive Logik – subjektive Logik

Aus der Tatsache, daß ihr lebt und wirtschaf­tet, Kinder gebärt und Produkte erzeugt, sie austauscht, entsteht eine objektiv notwendi­ge Kette von Ereignissen, eine Entwicklungs­kette, die von eurem gesellschaftlichen Be­wußtsein unabhängig ist, die von diesem nie­mals restlos erfaßt wird. Die höchste Aufga­be der Menschheit ist es, diese objektive Lo­gik der wirtschaftlichen Evolution (der Evolu­tion des gesellschaftlichen Seins) in den all­gemeinen Grundzügen zu erfassen, um der­selben ihr gesellschaftliches Bewußtsein und das der fortgeschrittenen Klassen aller kapi­talistischen Länder so deutlich, so klar, so kritisch als möglich anzupassen.

Die Produktion und Reproduktion der im­perialistischen Gesellschaft auf der Stufe der internationalisierten Produktion ver­läuft unabhängig davon, wie das Bewusst­sein darüber entwickelt ist.

Die höchste Aufgabe

der Menschheit

ist es,

die objektive Logik der

Evolu­tion des gesellschaftlichen Seins

in den allgemeinen

Grundzü­gen zu erfassen,

um derselben

»ihr gesellschaftliches

Be­wußtsein und das der fortge­schrittenen Klassen aller ka­pitalistischen Länder so deut­lich, so klar, so kritisch als möglich anzupassen

Diese Entwicklung dieses gesellschaftlichen Bewusstseins zielt darauf ab, die Welt von der Ausbeutung und Unterdrückung von Mensch und Natur zu befreien und zu einer kommunistischen Gesellschaftsordnung fort zu schreiten.

Nr. 180, S. 329

Marxismus; geschlossene Weltanschau­ung

Man kann aus dieser aus einem Guß ge­formten Philosophie des Marxismus nicht eine einzige grundlegende These, nicht einen einzigen wesentlichen Teil wegneh­men, ohne sich von der objektiven Wahrheit zu entfernen, ohne der bürgerlich-reaktio­nären Lüge in die Fänge zu geraten.

Der Marxismus-Leninismus ist ein ge­schlossenes Weltbild der Einheit von politi­scher Ökonomie, Lehre vom Klassenkampf und dialektischem und historischem Materia­lismus. Jeder Versuch, diese Einheit aus­einander zu reißen oder nur einzelne Teile des Marxismus- Leninismus anzuerkennen, führt zu einer Revision des Marxis­mus-Leninismus und infolgedessen zu ei­ner Entfernung von der objektiven Wirk­lichkeit und zu bürgerlich-reaktionären An­sichten.

Nr. 181, S. 331

Dialektischer Materialismus; (Klein-) bür­gerliche und marxistische Methode

Keine Spur einer konkreten ökonomischen Untersuchung, nicht der leiseste Hinweis auf die Methode von Marx, die Methode der Dia­lektik und die Weltanschauung des Materia­lismus, sondern ein bloßes Austüfteln von Definitionen, Versuche, dieselben den ferti­gen Schlußfolgerungen des Marxismus an­zupassen.

Die marxistische Methode

be­steht

in der konkreten Analyse

der konkreten Situation

auf der Basis der Vereinigung von Analyse und Synthese.

Die (klein-) bürgerliche

Metho­de ist

in ihrem Idealismus willkürlich, konstruiert beliebige Begriffe und Definitionen,

anstatt solche zu bilden,

die die Gesetzmäßigkeiten

der universellen Wirklichkeit verallgemeinern,

ihr Wesen bloßlegen,

um das Bewusstsein in

Über­einstimmung mit der

ob­jektiven Wirklichkeit

zu bringen.

Nr. 182, S.333

Ideologischer Kampf; veränderte Schwer­punkte seit Marx

Marx und Engels, aus Feuerbach emporge­wachsen und im Kampfe mit den Pfuschern gereift, richteten naturgemäß die größte Auf­merksamkeit auf den Ausbau der Philoso­phie des Materialismus nach oben, d.h. nicht auf die materialistische Erkenntnistheorie, sondern auf die materialistische Geschichts­auffassung. Deshalb unterstrichen Marx und Engels in ihren Werken mehr den dialekti­schen Materialismus als den dialektischen Materialismus, legten sie mehr Nachdruck auf den historischen Materialismus als auf den historischen Materialismus.

Die Geschichte der weltanschaulichen Auseinandersetzung hat in jeder Zeit ihre besonderen Schwerpunkte. Marx und En­gels mussten ihre Aufmerksamkeit mehr der Dialektik und der materialistischen Ge­schichtsauffassung widmen als dem Mate­rialismus und der materialistischen Erkennt­nistheorie.

Auf der Basis des modernen Antikommunis­mus kommt es heute besonders darauf an, um die gesellschaftliche Anerkennung des wissenschaftlichen Sozialismus als Wis­senschaft im Allgemeinen und des dialekti­schen und historischen Materialismus im Besonderen zu kämpfen.

Dabei liegt wiederum der Schwerpunkt auf der Propagierung und Erlernung der be­wussten Anwendung der dialektischen Methode als Kern der proletarischen Denk- und Arbeitsweise!

Nr. 183, S. 334

Moderner Revisionismus; Begrifflichkeit von Lenin

Eine immer raffiniertere Verfälschung des Marxismus, immer raffiniertere Versuche, an­timaterialistische Lehren als Marxismus aus­zugeben – das kennzeichnet den moder­nen Revisionismus sowohl in der politischen Ökonomie als auch in den Fragen der Taktik und in der Philosophie überhaupt, in der Er­kenntnistheorie ebenso wie in der Soziolo­gie.

Lenin prägt den Begriff des modernen Re­visionismus! Als solchen definiert er eine umfassende bürgerliche Ideologie, die sich scheinbar auf den Marxismus beruft, aber alle Bestandteile des Marxismus mit im­mer neuen raffinierten Methoden verfälscht bzw. über Bord wirft.

Während der Reformismus

of­fen den Marxismus

für überholt erklärt,

ist insbesondere für den

moder­nen Revisionismus charakte­ristisch, antimaterialistische Lehren als Marxismus auszu­geben.

Von „immer raffinierteren Versuchen“ muss man allgemein auch bei der Entstehung, dem Ausbau und ständigen Modifikation des gesellschaftlichen Systems der klein­bürgerlichen Denkweise in den letzten Jahrzehnten sprechen.

Durch die Übernahme des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise als Regierungs­methode wurde der Kampf um die Denk­weise unmittelbarer Bestandteil des Klas­senkampfes auf ideologischem Gebiet.

Insbesondere der moderne Antikommunis­mus als Kern des gesellschaftlichen Sys­tems der kleinbürgerlichen Denkweise hat einen revisionistischen Grundzug:

Die modernen Antikommunisten anerken­nen scheinbar einzelne Elemente des Werks von Marx und Engels, während sie die zugespitzteste Aggression gegen den »Maoismus« und »Stalinismus« entfachen. Diese raffinierte Methode macht es so schwer, zum modernen Antikommunismus einen klaren Trennungsstrich zu vollziehen.

3. Von den Suworowschen „Grundlagen der sozialen Philosophie“

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 184, S. 334-335

Machismus; Umschlag von Quantität in die Qualität einer idealistisch- positivisti­schen Strömung

Wenn an uns in trauter Gemeinschaft Leute vorüberziehen wie Basarow, der sagt, daß nach Engels „die Sinnesvorstellung eben die außer uns existierende Wirklichkeit ist“; Ber­man, der die Dialektik von Marx und Engels für Mystik erklärt; Lunatscharski, der sich bis zur Religion versteigt; Jukewitsch, der den „Logos in den irrationellen Fluß des Gegebe­nen“ hineinträgt; Bogdanow, der den Idealis­mus als Philosophie des Marxismus bezeich­net (…) – dann spürt man sofort den „Geist“ der neuen Linie. Quantität ist in Qualität um­geschlagen. (…) Ihre Meinungsverschieden­heiten in Einzelfragen werden allein durch die Tatsache ihres kollektiven Auftretens ge­gen die (und nicht „zur“) Philosophie des Marxismus verwischt, und die reaktionären Züge des Machismus als Strömung treten of­fen zutage.

Es ist ein Umschlag von Quantität in eine neue Qualität, wenn die unterschiedlichsten positivistischen und empiriokritizistischen Philosophien und Einzelmeinungen zu einer Strömung gegen den Materialismus im Allge­meinen und gegen den dialektischen Mate­rialismus im Besonderen zusammenfinden.

Ein solcher Umschlag von Quantität in Qualität hat ebenfalls mit der Herausbildung des modernen Antikommunismus stattge­funden: die verschiedensten bürgerlichen und kleinbürgerlichen Strömungen, Theorien und Auffassungen sowohl auf dem Gebiet der Philosophie, der Politik und der Naturwis­senschaft haben sich gegen den dialekti­schen und historischen Materialismus verbündet:

der moderne Revisionismus, der Neopositivismus, der Trotzkismus, der Refor­mismus, der aggressive Antikommunismus, der bürgerliche und kleinbürgerliche Huma­nismus, der bürgerliche und kleinbürgerliche Ökonomismus und der bürgerliche und klein­bürgerliche Ökologismus, der bürgerliche und kleinbürgerliche Feminismus, der moder­ne Antiautoritarismus, das moderne Li­quidatorentum und nicht zuletzt der bürgerli­che Antifaschismus.

Das erhöht einerseits enorm den Druck auf die Marxisten-Leninisten mit dem Ziel, sie zu isolieren. Es macht gleichzeitig die Fronten klarer und vereinfacht, den modernen Anti­kommunismus zu bekämpfen und diesen niederzuringen.

Nr. 185, S. 336, Fußnote

Materialismus; Energie und Energetik

Das ist eben das Malheur, daß derartige „Realisten“ vor der Mode kapitulieren, wäh­rend Engels zum Beispiel den für ihn neuen Terminus Energie sich zu eigen machte und ihn 1885 (…) und 1888 (…) zu verwenden begann, aber er verwendete ihn gleichbe­deutend mit den Begriffen „Kraft“ und „Bewe­gung“, abwechselnd mit diesen. Engels ver­stand es, durch Aneignung einer neuen Ter­minologie seinen Materialismus zu berei­chern. Die „Realisten“ und sonstige Wirrköp­fe haben den neuen Ausdruck aufgegriffen, ohne den Unterschied zwischen Materialis­mus und Energetik zu bemerken!

Die wissenschaftliche Methode von En­gels versteht es, sich neue Entdeckungen und Begriffe („Energie“) anzueignen und die dialektisch-materialistische Weltan­schauung damit zu bereichern. Das ent­spricht der dialektischen Methode von der Vereinigung von Analyse und Synthese im Unterschied zur metaphysischen Methode der Ersetzung der bisherigen Theorie durch eine andere, neu in Mode gekommene.

4. Parteien in der Philosophie und philosophische Wirrköpfe

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 186, S. 339-340

Materialismus und Idealismus zwei Grundrichtungen der Philosophie

Im Verlauf der ganzen vorangegangenen Darstellung, bei jeder von uns berührten er­kenntnistheoretischen Frage, bei jeder philo­sophischen Frage, die durch die moderne Physik aufgerollt wurde, konnten wir den Kampf zwischen Materialismus und Idealis­mus verfolgen. Hinter einem Haufen neuer terminologischer Spitzfindigkeiten, hinter dem Schutt gelahrter Scholastik fanden wir immer, ausnahmslos, die zwei Grundlinien, die zwei Grundrichtungen bei der Lösung der philosophischen Fragen. Ob man als das Pri­märe die Natur, die Materie, das Physische, die Außenwelt ansieht und Bewußtsein, Geist, Empfindung (nach der heutzutage verbreiteten Terminologie: Erfahrung), Psy­chisches u. dgl. als das Sekundäre betrach­tet – das ist die Grundfrage, die in der Tat nach wie vor die Philosophen in zwei große Lager trennt.

In dem ganzen Wust

neuer terminologischer

Spitzfin­digkeiten und philosophischer Wichtigtuerei ist es entschei­dend,

den Kampf zwischen den zwei Grundrichtungen

Materialis­mus und Idealismus als das Wesen der philosophischen Auseinandersetzung

zu begreifen.

Eine dritte Kategorie

der Weltanschauung,

die vorgeblich

Materialismus und Idealismus vereint,

ist in Wahrheit reine Fiktion!

Nr. 187, S. 340

Marx und Engels; Genialität

Die Genialität von Marx und Engels liegt ge­rade darin, daß sie im Laufe einer sehr lan­gen Periode, fast eines halben Jahrhunderts, den Materialismus weiterentwickelt, die eine philosophische Grundrichtung vorwärtsge­trieben, sich nicht bei der Wiederholung be­reits gelöster erkenntnistheoretischer Proble­me aufgehalten, sondern den Materialismus konsequent durchgesetzt haben – daß sie gezeigt haben, wie man denselben Materia­lismus auf dem Gebiet der Gesellschaftswis­senschaften durchsetzen muß, und den Un­sinn, den gespreizten, prätentiösen Galima­thias, die zahllosen Versuche, eine „neue“ Li­nie in der Philosophie zu „entdecken“, eine „neue“ Richtung zu erfinden usw., wie Keh­richt schonungslos hinwegfegten.

Die Genialität

von Marx und Engels

liegt gerade darin,

den Materialismus

konse­quent durchgesetzt und zum dialektischen und

histori­schen Materialismus höher entwickelt

zu haben.

Nr. 188, S. 341

Marx kritisiert die Geringschätzung von Hegels Dialektik

In seinem Brief an Kugelmann vom 27. Juni 1870 behandelt Marx „Büchner, Lange, Dühring, Fechner“ nicht minder verächtlich, weil sie Hegels Dialektik nicht zu begreifen vermochten und Hegel gering schätzten.

Es ist erstaunlich, dass in der alten kommu­nistischen Bewegung genau diese von Lenin kritisierte Geringschätzung von Hegels Dialektik weiter wirken konnte. Das gehört zu der von der MLPD kritisierten Unter­schätzung des ideologischen Kampfs im Aufbau des Sozialismus in der Sowjetuni­on unter Stalin.

Nr. 189, S. 345

Empiriokritizismus; Mach und Avenarius; vorgeblich »dritte« Ideologie zwischen Materialismus und Idealismus

Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Schriften sämtlicher Machisten die stumpf­sinnige Anmaßung, über Materialismus und Idealismus „erhaben zu sein“, diese „veralte­te“ Gegenüberstellung zu überwinden, wäh­rend in Wirklichkeit diese ganze Kumpanei alle Augenblicke in den Idealismus hineinge­rät und einen unaufhörlichen und unentweg­ten Kampf gegen den Materialismus führt.

Die angebliche Erhabenheit und Unpartei­lichkeit von Mach und Avenarius über Mate­rialismus und Idealismus

• ist im Kern nichts als selbst eine Strö­mung des Idealismus

• betreibt dessen reaktionäre Verteidi­gung

greift den dialektischen Materialis­mus an

• und gibt sich selbst einen fort­schrittlichen Nimbus.

Der Mythos von der vermeintlichen Verei­nigung von Materialismus und Idealismus lebt im modernen Positivismus bis heute in den verschiedensten Variationen und Schu­len fort. Seine umfassendste Ausprägung be­sitzt er jedoch im gesellschaftlichen Sys­tem der kleinbürgerlichen Denkweise. Dessen weltanschauliche Entlarvung und Überwindung muss ein Hauptziel des RW 36/37 sein!

Nr. 190, S. 346, Fußnote

Philosophischer Idealismus; Pragmatis­mus

Wohl die „letzte Mode“ der allerneuesten amerikanischen Philosophie ist der „Pragma­tismus“ (vom griechischen Wort pragma = Tat, Handlung; also Philosophie der Tat). Über den Pragmatismus wird in den philoso­phischen Zeitschriften wohl am meisten ge­sprochen. Der Pragmatismus verspottet die Metaphysik sowohl des Materialismus als auch des Idealismus, preist die Erfahrung und nur die Erfahrung, erkennt als einziges Kriterium die Praxis an, beruft sich überhaupt auf die positivistische Strömung und stützt sich speziell auf Ostwald, Mach, Pearson, Poincaré, Duhem, stützt sich auf die Be­hauptung, daß die Wissenschaft keine „ab­solute Kopie der Realität“ ist, und … leitet glücklich aus alledem einen Gott ab für prak­tische Zwecke, nur für die Praxis, ohne jede Metaphysik, ohne irgendwie die Grenzen der Erfahrung zu überschreiten (…) Die Unter­schiede zwischen Machismus und Pragma­tismus sind vom Standpunkt des Materialis­mus aus ebenso nichtig und zehntrangig wie die Unterschiede zwischen Empiriokritizis­mus und Empiriomonismus.

Der Pragmatismus ist die

welt­anschauliche Leitlinie des auf­strebenden Kapitalismus in Amerika.

Sein einziges Kriterium

ist auf weltanschaulichem

Ge­biet die Erfahrung

(= extremer Empirismus) und für die Praxis

die Nützlichkeit,

die sich selbstredend

auf die Optimierung

der Pro­fitmacherei

bezieht und nicht

auf die realen Interessen der

Ar­beiterklasse und der breiten Masse der Menschheit.

In der Arbeiter- und Volksbewegung richtet der Pragmatismus großen Schaden an, weil er sich gegen den Marxismus-Leninismus wendet, Opportunismus und Prinzipienlo­sigkeit verbreitet, sowie die ganze Bewe­gung über die Anbetung der Spontaneität zum Anhängsel des bürgerlichen Parla­mentarismus und der bürgerlichen Partei­en macht.

Nr. 191, S. 347

Erkenntnistheorie; wissenschaftliche Er­kenntnis und Verarbeitung

Keinem einzigen dieser Professoren, die auf Spezialgebieten der Chemie, der Geschich­te, der Physik die wertvollsten Arbeiten lie­fern können, darf man auch nur ein einziges Wort glauben, sobald er auf Philosophie zu sprechen kommt. Warum? Aus dem nämli­chen Grunde, aus welchem man keinem ein­zigen Professor der politischen Ökonomie, der imstande ist, auf dem Gebiet spezieller Tatsachenforschung die wertvollsten Arbei­ten zu liefern, auch nur ein einziges Wort glauben darf, sobald er auf die allgemeine Theorie der politischen Ökonomie zu spre­chen kommt. Denn diese letztere ist eine ebenso parteiliche Wissenschaft in der mo­dernen Gesellschaft wie die Erkenntnistheo­rie. Im großen und ganzen sind die Professo­ren der politischen Ökonomie nichts anderes als die gelehrten Kommis der Kapitalisten­klasse und die Philosophieprofessoren die gelehrten Kommis der Theologen.

Lenin verordnet im Umgang mit den bür­gerlichen Professoren, die auf ihren Spezi­algebieten der Chemie, der Physik oder der Geschichte die wertvollsten Arbeiten leisten können grundlegende Skepsis, sobald sie sich auf das Gebiet der Philosophie bege­ben.

Denn die Wissenschaft ist parteilich, und die Aufgabe der bürgerlichen Professoren ist es, ihre Aufgaben im Dienste der herr­schenden Bourgeoisie zu verwirklichen. Auch ihre Klassenlage orientiert sie auf den Erhalt und Aufstieg im kapitalistischen Sys­tem. Solange sie sich nicht weltanschaulich von dieser gesellschaftlichen Rolle lösen, werden sie nicht in der Lage sein, sich für die marxistisch-leninistische Theorie und den dialektischen und historischen Materialismus zu öffnen.

Nr. 192, S. 347

Materialistische Dialektik; dialektische Negation; Kritik der bürgerlichen Wissen­schaft

Die Aufgabe der Marxisten ist nun hier wie dort, zu verstehen, sich die von diesen „Kommis“ gemachten Errungenschaften an­zueignen und sie zu verarbeiten (…), und zu verstehen, die reaktionäre Tendenz dersel­ben zu verwerfen, der eigenen Linie zu fol­gen und die ganze Linie der uns feindlichen Kräfte und Klassen zu bekämpfen.

Die Marxisten-Leninisten müssen sich die fortschrittlichen Errungenschaften der bürgerlichen Wissenschaft zu eigen ma­chen in Verbindung mit der Kritik an ihrer re­aktionären Verarbeitung und Nutzung.

Dies insbesondere deshalb, weil sie im Rah­men der kapitalistischen Gesellschaft nur eingeschränkte Möglichkeiten haben, selbst zu den notwendigen Erfahrungen und Errun­genschaften zu kommen.

Ohne diese Kritik an der

bür­gerlichen Wissenschaft kann sich auch

der Erkenntnisfortschritt der Menschheit sowie

der Marxismus-Leninismus

nicht weiter entwickeln.

Nr. 193, S. 349

Erkenntnistheorie; Notwendigkeit des fortwährenden Studiums der objektiven Wirklichkeit

Ist die Welt sich bewegende Materie, so kann und muß man sie fortwährend studie­ren in den unendlich komplizierten und de­taillierten Erscheinungen und Verästelungen dieser Bewegung, der Bewegung dieser Ma­terie, doch außerhalb dieser, außerhalb der „physischen“, allen bekannten Außenwelt kann nichts sein. Feindseligkeit gegen den Materialismus, Lawinen von Verleumdungen gegen die Materialisten – das alles ist im zi­vilisierten und demokratischen Europa an der Tagesordnung.

Lenins Plädoyer für ein fortwährendes Stu­dium der sich stets verändernden Welt, der sich bewegenden Materie entspricht der dialektisch materialistischen Weltanschau­ung, nach der die objektive Wirklichkeit sich in einem fortwährenden Veränderungspro­zess befindet und der An­spruch besteht, sich der objektiven Wirklich­keit immer mehr anzunähern!

Das funktioniert heute nur im Kampf ge­gen die Lawine von Feindseligkeiten und Verleumdungen des modernen Antikom­munismus. Aber auch nur über die Selbst­kontrolle gegenüber allerlei positivisti­schen, metaphysischen und idealisti­schen Einflüssen auf die Deutung der rea­len Wirklichkeit.

Die Stärkung dieser proletarischen Kontrolle und Selbstkontrolle ist eine wesentliche Auf­gabe der Ausarbeitung, Aneignung und Ver­wirklichung der Lehre von der Denkweise.

Nr. 194, S. 350

Proletarische Streitkultur; Beachtung der subjektiven Seite im weltanschaulichen Streit

wir kämpfen, solange noch eine Grundlage für kameradschaftlichen Kampf vorhanden ist.

Auch antagonistische

Meinun­gen

können so lange

nichtantago­nistisch (kameradschaftlich) diskutiert werden,

wie der subjektive Wille nach Einvernehmlichkeit besteht.

Der subjektive Wille allein hebt den objek­tiv antagonistischen Gehalt des Wider­spruchs zwischen den unterschiedlichen weltanschaulichen Grundlagen allerdings nicht auf.

5. Ernst Haeckel und Ernst Mach

Nr. 195, S. 355

Naturwissenschaftlicher Materialismus; Eckpfeiler gegen den Positivismus und Empiriokritizismus

(E. Haeckel hat einen durchschlagenden Er­folg mit seiner Schrift, weil er aufzeigt – Se), »daß es einen Eckpfeiler gibt, der sich im­mer mehr verbreitert und festigt und an dem alle Bemühungen und krampfhaften An­strengungen der tausendundein Schülchen des philosophischen Idealismus, Positivis­mus, Realismus, Empiriokritizismus und sonstigen Konfusionismus zerschellen. Die­ser Eckpfeiler ist der naturwissenschaftliche Materialismus. Die Überzeugung der »nai­ven Realisten« (d.h. der ganzen Mensch­heit), daß unsere Empfindungen Abbilder der objektiv realen Außenwelt sind, ist die stets wachsende und stärker werdende Überzeugung der großen Masse der Natur­forscher.

Die spontane

weltanschauli­che

Grundlinie

der übergroßen Masse der Naturforscher

ist der

naturwissenschaftli­che Materialismus.

Das ist eine maßgebliche Ausgangslage für Kritik an der bürgerlichen Naturwis­senschaft, den Kampf um die Vorberei­tung und Schaffung eines revolutionären Kampfbündnisses mit den Naturwissen­schaftlern, die in ihrer großen Mehrheit der kleinbürgerlichen Intelligenz angehören.

Nr. 196, S. 356

Naturwissenschaftlicher Materialismus, spontane Durchsetzungskraft

die Entwicklung der Naturwissenschaft schiebt trotz ihres Wankens und Schwan­kens, trotz aller Unbewußtheit des Materia­lismus der Naturforscher, trotz der gestrigen Begeisterung für den in Mode gekommenen „physiologischen Idealismus“ oder der heuti­gen Begeisterung für den modischen „physikalischen Idealismus“ alle System­chen und alle Spitzfindigkeiten bei­seite, indem sie immer und immer wieder die „Metaphysik“ des naturwissenschaftli­chen Materialismus in den Vordergrund rückt.

Die Entwicklung der

Natur­wissenschaft

ist eine materielle Grundlage dafür,

dass sich der

naturwissen­schaftliche

Mate­rialismus

bei der Mehrheit

der Naturforscher,

bei allen Schwankungen,

im­mer wieder durchsetzt.

Diese materialistische Grundannahme ist eine entscheidende Voraussetzung für die Bündnisvorbereitung unter der klein­bürgerlichen wissenschaftlichen Intelligenz.

Nr. 197, S. 357

Naturwissenschaftlicher Materialismus, spontaner Verbündeter des dialektischen Materialismus

(E. Haeckel – Se) verspottet alle idealisti­schen oder vielmehr alle speziell philosophi­schen Spitzfindigkeiten vom Standpunkt der Naturwissenschaft und läßt nicht einmal den Gedanken zu, daß eine andere Er­kenntnistheorie als der naturwissenschaftli­che Materialismus möglich sei. Er verspottet die Philosophen vom Standpunkt des Mate­rialisten, ohne zu merken, daß er auf dem Standpunkt des Materialisten steht!

Ernst Haeckel hat mit seinem spontan na­turwissenschaftlichen Materialismus in seinem Buch »Welträtsel« tatsächlich der ganzen Gesellschaft der Positivisten, Empi­riokritizisten und physikalischen Idealisten einen deftigen Schlag versetzt. Er wurde so in dem damals heftig ausgetragenen welt­anschaulichen Streit unfreiwilliger Verbün­deter des dialektischen Materialismus und des Marxismus-Leninismus. Diese Tatsache überwiegt die Unzulänglichkeiten Haeckels, auch wenn er sich auf politischem Gebiet zu einer Reihe haarsträubender Absurditäten hinreißen ließ.

Schluss

Originalzitat

Kommentar Se

Nr. 198, S. 362

Empiriokritizismus; erkenntnistheoreti­sche Methode; Vergleich

Von vier Gesichtspunkten aus muß ein Mar­xist an die Beurteilung des Empiriokritizis­mus herantreten.

Erstens und vor allem muß man die theoreti­schen Grundlagen dieser Philosophie mit de­nen des dialektischen Materialismus verglei­chen. Dieser Vergleich (…) zeigt auf der ganzen Linie der erkenntnistheoretischen Fragen den total reaktionären Charakter des Empiriokritizismus, der die alten Fehler des Idealismus und des Agnostizismus mit neuen Schrullen, Schlagworten und Spitzfindigkei­ten verschleiert.

Im Schlussabschnitt des Buches fasst Lenin vier Gesichtspunkte seiner Methode zu­sammen und fasst dabei jeweils die Ergeb­nisse zusammen:

Die erste und zentrale Methode ist der Ver­gleich der theoretischen Grundlagen des Empiriokritizismus mit denen des dialekti­schen Materialismus. Der Empiriokritizismus ist demnach auf der ganzen Linie der er­kenntnistheoretischen Fragen vollständig re­aktionär.

Nr. 199, S. 362

Empiriokritizismus; Platz in der Philoso­phie

Die ganze Schule von Mach und Avenarius marschiert immer entschiedener zum Idealis­mus, in trauter Eintracht mit einer der reak­tionärsten idealistischen Schulen, mit den sogenannten Immanenzphilosophen.

Die Schule von Mach und Avenarius tendiert zu trauter Eintracht mit einer der reaktio­närsten Schulen des Idealismus, den Im­manenzphilosophen.

Nr. S. 200, S. 362-363

Empiriokritizismus; Einfluss unter Natur­forschern aufgrund der Unkenntnis der Dialektik

Auf der Seite des Materialismus steht unver­änderlich die überwiegende Mehrheit der Na­turforscher sowie im allgemeinen als auch auf dem betreffenden Spezialgebiet, nämlich in der Physik. Eine Minderheit der modernen Physiker ist unter dem Eindruck des durch die großen Entdeckungen der letzten Jahre hervorgerufenen Zusammenbruchs der alten Theorien, unter dem Eindruck der Krise der modernen Physik, die besonders anschau­lich die Relativität unseres Wissens gezeigt hat, und infolge der Unkenntnis der Dialektik über den Relativismus zum Idealismus hin­abgeglitten.

Während die überwiegende Mehrheit der Na­turforscher auf der Seite des Materialismus stehen, ist eine Minderheit der modernen Physiker unter dem Eindruck der Krise der modernen Physik und in Unkenntnis der Dialektik über den Relativismus zum Idealis­mus hinabgeglitten.

Die Unkenntnis der Dialektik führt also

unter

bestimmten objektiven

Bedin­gungen

direkt ins reaktionäre Lager

des Idealismus.

Nr. 201, S. 363

Klassenkampf; auf ideologischen Gebiet; weltanschaulicher Streit als Widerspiege­lung des Klassenkampfs

Viertens kann man nicht umhin, hinter der er­kenntnistheoretischen Scholastik des Empi­riokritizismus den Parteienkampf in der Phi­losophie zu sehen, einen Kampf, der in letz­ter Instanz die Tendenzen und die Ideologie der feindlichen Klassen der modernen Ge­sellschaft zum Ausdruck bringt. Die neueste Philosophie ist genauso parteilich wie die vor 2000 Jahren. Die kämpfenden Parteien sind dem Wesen der Sache nach, das man durch gelahrt-quacksalberische neue Namen oder durch geistesarme Unparteilichkeit zu verhül­len versucht, der Materialismus und der Idealismus. (…) Objektiv, klassenmäßig besteht die Rolle des Empiriokritizismus aus­schließlich in Handlangerdiensten für die Fi­deisten in deren Kampf gegen den Materia­lismus überhaupt gegen den historischen Materialismus insbesondere.

Die weltanschaulichen

Aus­einandersetzungen widerspie­geln

die Tendenzen und Ideologie der feindlichen Klassen in der modernen Gesellschaft bzw.

den Klassenkampf auf

ideologi­schem Gebiet.

Bei aller Beanspruchung von Unparteilich­keit steht der Empiriokritizismus auf der Seite der bürgerlichen Ideologie im Kampf gegen den Materialismus überhaupt und gegen den historischen und dialekti­schen Materialismus insbesondere.

Quellen & Links

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Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente zum System des RW

1. Der wissenschaftliche Sozialismus knüpft an ökonomischen Tatsachen und bisherigen Erkenntnissen der Menschheit an

Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunächst das Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der heutigen Gesellschaft herrschenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten und Lohnarbeitern, andrerseits der in der Produktion herrschenden Anarchie.Aber seiner theoretischen Form nach erscheint er anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich konsequentere Fortführung der von den großen französischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze. Wie jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial, so sehr auch seine Wurzel in den materiellen ökonomischen Tatsachen lag.“ (Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW, Bd. 19, S. 189)

2. Der Sozialismus als Wissenschaft steht auf dem Boden der objektiven Wirklichkeit

Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte er erst auf einen realen Boden gestellt werden.“ (ebenda, S. 201)

3. Die Analyse der einzelnen Vorgänge und Dinge in der Natur war eine Grundbedingung für gewaltige Erkenntnisfortschritte, hinterließ aber die bornierte metaphysischen Denkweise, indem sie diese zergliedernde Anschauungsweise auf die Weltanschauung übertrug

Die Zerlegung der Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen Naturvorgänge und Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die Untersuchung des Innern der organischen Körper nach ihren mannigfachen anatomischen Gestaltungen war die Grundbedingung der Riesenfortschritte, die die letzten vierhundert Jahre uns in der Erkenntnis der Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand; nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste Bestände; nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem Tod. Und indem, wie dies durch Bacon und Locke geschah, diese Anschauungsweise aus der Naturwissenschaft sich in die Philosophie übertrug, schuf sie die spezifische Borniertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise.“ (ebenda., S. 203)

4. Die moderne Naturwissenschaft liefert täglich Beweise, dass es in der Natur dialektisch und nicht metaphysisch zugeht.

Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises bewegt, sondern eine wirkliche Geschichte durchmacht. (…) Da aber die Naturforscher bis jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt haben, so erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten Resultate mit der hergebrachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in der theoretischen Naturwissenschaft herrscht. ...“ (ebenda., S. 205)

5. Die wissenschaftliche Darstellung der Welt und der Menschheit ist nur auf dialektischem Weg möglich

Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen.“ (ebenda., S. 205)

6. Wissenschaft ist systematische Erkenntnis der Welt

Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenfortschritte machen kann.“ (ebenda., S. 206/207)

7. Die einzelne Wissenschaft wird mit der Bewusstheit über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge überflüssig, geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte

Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klarzuwerden, ist jede besondre Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen - die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.“ (ebenda., S. 207)

8. Die Wissenschaft des Sozialismus ist keine Entdeckung eines genialen Kopfs, sondern das notwendige Erzeugnis des Kampfs zweier geschichtlich entstandener gesellschaftlichen Klassen, Proletariat und Bourgeoisie

Jetzt war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.

Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandnen Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie.“ (ebenda., S. 208)

9. Mit der Entdeckung der materialistischen Geschichtsauffassung und des Mehrwerts als Wesen der kapitalistischen Produktionsweise wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die von nun an weiterentwickelt werden musste

Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische Geschichtsauffassung und die Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts verdanken wir Marx. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die es sich nun zunächst darum handelt, in allen ihren Einzelnheiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.“ (ebenda., S. 209)

10. Sozialistische Wissenschaft ist der theoretische Ausdruck der proletarischen Bewegung

Diese weltbefreiende Tat [die proletarische Revolution] durchzuführen, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen, und damit ihre Natur selbst, zu ergründen und so der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.“ (ebenda., S. 228)

11. Die Entwicklung der Wissenschaft treibt sie zum Nachweis des systematischen Zusammenhangs der Naturvorgänge

Die Einsicht, daß die Gesamtheit der Naturvorgänge in einem systematischen Zusammenhang steht, treibt die Wissenschaft dahin, diesen systematischen Zusammenhang überall im einzelnen wie im ganzen nachzuweisen.“ (Engels, Anti-Dührung, MEW, Bd. 20, S. 34)

12. Jede Wissenschaft geht aus den Bedürfnissen der Menschen hervor

Wie alle andern Wissenschaften ist die Mathematik aus den Bedürfnissen der Menschen hervorgegangen: aus der Messung von Land und Gefäßinhalt, aus Zeitrechnung und Mechanik.“ (ebenda., S. 36)

13. Der marxistisch-leninistische Wissenschaftsbegriff umfasst drei große Bereiche: die unbelebte Natur, die organische Natur, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen

Wir können das ganze Gebiet des Erkennens nach altbekannter Art in drei große Abschnitte teilen. Der erste umfaßt alle Wissenschaften, die sich mit der unbelebten Natur beschäftigen und mehr oder minder einer mathematischen Behandlung fähig sind: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik, Chemie. (…)

Die zweite Klasse von Wissenschaften ist die, welche die Erforschung der lebenden Organismen in sich begreift. Auf diesem Gebiet entwickelt sich eine solche Mannigfaltigkeit der Wechselbeziehungen und Ursächlichkeiten, daß nicht nur jede gelöste Frage eine Unzahl neuer Fragen aufwirft, sondern auch jede einzelne Frage meist nur stückweise, durch eine Reihe von oft Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Forschungen gelöst werden kann; wobei dann das Bedürfnis systematischer Auffassung der Zusammenhänge stets von neuem dazu nötigt, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz mit einer überwuchernden Anpflanzung von Hypothesen zu umgeben. (…)

Noch schlimmer aber steht es mit den ewigen Wahrheiten in der dritten Gruppe von Wissenschaften, der historischen, die die Lebensbedingungen der Menschen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rechts- und Staatsformen mit ihrem idealen Überbau von Philosophie, Religion, Kunst usw. in ihrer geschichtlichen Folge und ihrem gegenwärtigen Ergebnis untersucht.“ (ebenda., S. 81/82)

14. Eine wissenschaftliche Analyse setzt das Begreifen des Wesens einer Sache voraus

daß also eine wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz nur möglich, sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist, ganz wie die scheinbare Bewegung der Himmelskörper nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare Bewegung kennt; ...“ (ebenda., S. 198)

15. Jede Wissenschaft geht von den gegebenen Tatsachen aus und entdeckt in den Tatsachen die Zusammenhänge

Darüber sind wir alle einig, daß auf jedem wissenschaftlichen Gebiet in Natur wie Geschichte von den gegebenen Tatsachen auszugehn ist, in der Naturwissenschaft also von den verschiednen sachlichen und Bewegungsformen der Materie; daß also auch in der theoretischen Naturwissenschaft die Zusammenhänge nicht in die Tatsachen hineinzukonstruieren, sondern aus ihnen zu entdecken und, wenn entdeckt, erfahrungsmäßig soweit dies möglich nachzuweisen sind.“ (Engels, Dialektik der Natur, MEW, Bd. 20, S. 334)

16. Die marxistisch-leninistische Wissenschaft stößt wegen ihrer Parteilichkeit für die Befreiung der Arbeiterklasse von der Lohnsklaverei auf erbitterte Feindschaft der gesamten bürgerlichen Wissenschaft

Die Lehre von Marx stößt in der ganzen zivilisierten Welt auf die erbittertste Feindschaft und den größten Haß der gesamten bürgerlichen Wissenschaft (der offiziellen wie der liberalen), die im Marxismus eine Art „schädlicher Sekte" erblickt. Ein anderes Verhalten kann man auch nicht erwarten, denn eine „unparteiische" Sozialwissenschaft kann es in einer auf Klassenkampf aufgebauten Gesellschaft nicht geben. Jedenfalls ist es Tatsache, daß die gesamte offizielle und liberale Wissenschaft die Lohnsklaverei verteidigt, während der Marxismus dieser Sklaverei schonungslosen Kampf angesagt hat.“ (Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, LW, Bd. 19, S. 3)

17. Der Marxismus-Leninismus ist in sich geschlossen, gab auf die Fragen Antwort, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte

Die ganze Genialität Marx' besteht gerade darin, daß er auf die Fragen Antwort gegeben hat, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte. Seine Lehre entstand als direkte und unmittelbare Fortsetzung der Lehren der größten Vertreter der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus.

Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt.“ (ebenda., S. 3/4)

Im November 2016 verfasste Diethard Möller eine »Kritik an Stefan Engels ‚Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution‘ und den Positionen der MLPD«. Dieses Pamphlet mit dem Titel »Was ist mit der internationalen Revolution?« ist so hanebüchen, dilettantisch und unwissenschaftlich, dass man es eigentlich ignorieren könnte. Da das Dokument, unterzeichnet von Niels Clasen, aber inzwischen von der 1994 in Quito/Ecuador gegründeten Konferenz marxistisch-leninistischer Parteien und Organisationen (CIPOML) 2018 in die internationale Öffentlichkeit getragen wurde, ist eine öffentliche Antwort notwendig.

Auf 30 Seiten hat Diethard Möller versucht, sozusagen en passant den Revolutionären Weg 32-34, der in der Öffentlichkeit unter dem Titel „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution“ erschienen ist, zu „erledigen“. Seiner Meinung nach wird in diesem Buch nur „mit Begriffen jongliert und Verwirrung gestiftet.“ (S. 4) Er wirft dem Buch »idealistische Jubelphrasen von der ‚internationalen Revolution‘« vor, »schwammige Phrasen« (S. 29), »Flucht in schöne Geisteswelten«. Überdies hält er es für völlig ausreichend, das vor mehr als 170 Jahren erschienene Manifest der Kommunistischen Partei von Marx und Engels sowie die Analyse von Lenin über den Imperialismus zu studieren, um die Fragen zu beantworten, die der Klassenkampf zum Sturz des Imperialismus heute aufwirft. Nicht zuletzt wirft er der Schrift die Theorie des Ultraimperialismus von Karl Kautsky und den reaktionären Trotzkismus vor.

Kann Diethard Möller in seinen Ausführungen diesem vernichtenden Urteil gerecht werden?

1.) beginnt er mit der Behauptung: »Fakten für die doch recht merkwürdige Vorstellung von einem ‚Kartell des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals‘ werden nicht geliefert.« (S. 3f.) Das ist eine eklektizistische Gaunerei, da er geflissentlich den Verweis in der Einleitung auf die Schrift »Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘« übergeht.

Es reicht nicht, dass Möller dieses Buch völlig ignoriert. Er behauptet sogar, dass diese Analyse gar nicht existiert. Das ist nicht nur dreister Eklektizismus, sondern setzt darauf, dass seine Leser nach seiner Behauptung die »Götterdämmerung …« überhaupt nicht in die Hand nehmen. Tatsächlich sind die beiden Bücher »Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘« und »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« zwei aufeinanderfolgende Bände, wobei der erste Band die ökonomische Grundlage der in der »Morgenröte …« entwickelten proletarischen Strategie und Taktik darstellt. In fast 600 Seiten mit 68 Tabellen und 31 Grafiken wurden für die These der Neuorganisation der internationalen Produktion nicht nur genügend »Fakten geliefert«, sondern eine unwiderlegbare Beweisführung für die allseitige Diktatur des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals ausgearbeitet.

2.) kritisiert Diethard Möller: »Offensichtlich werden Marx, Engels, Lenin, Stalin in seinem Buch nur als Schmuckstücke angeführt, die den Glanz des Meisters erhöhen sollen, statt sich mit ihren wirklichen, realen und dialektisch-materialistischen Analysen ernsthaft auseinanderzusetzen. Wir könnten hier noch zahlreiche zusammen gestutzte Zitate anführen. Und wenn Marx, Engels, Lenin und Stalin bereits alles gesagt haben, die angeblich alle Stefan Engels Thesen, ohne diese zu kennen, bestätigt haben, dann stellt sich die Frage, was wirklich neu ist. An dieser Stelle wird es immer schwammig, wie z.B. bei der Frage, ob der Staat nun noch reale Macht hat oder nicht.« (S. 18)

Diese Darstellung verkennt vollständig die Notwendigkeit in der theoretischen Arbeit, entsprechend dem dialektischen Prinzip der Vereinigung von Analyse und Synthese immer von der grundsätzlichen Seite, das heißt von den Klassikern des Marxismus-Leninismus und den Mao Zedong-Ideen auszugehen, wenn man eine konkrete Analyse macht. Deshalb sind die vielen Zitate von Marx und Engels keine »Schmuckstücke« (S. 18), sondern eine wissenschaftliche Ausgangssynthese, von der jede konkrete Analyse ausgehen muss. Das Zerreißen des Prinzips von Analyse und Synthese muss entweder zum Dogmatismus oder zum Revisionismus führen.

Für Möller sind Klassikerzitate nur »Schmuckstücke«. Er begreift nicht, dass sie dazu dienen, das Wesen ihrer Schriften zu verstehen und ihre allgemeingültigen Aussagen von dem konkreten, zeitbedingten Text zu trennen. Diese Unterscheidung zwischen grundsätzlichen Aussagen der Klassiker und zeitbedingten Aussagen ist Diethard Möller fremd, wenn er behauptet, dass viele Thesen in der Analyse der »Götterdämmerung …« und der »Morgenröte …« bereits bei den Klassikern zu lesen seien.

3.) Offensichtlich kann Diethard Möller mit den Zitaten der Klassiker nicht viel anfangen, wenn er sie als »Schmuckstücke« abtut, mit denen sich der Autor hervorheben will. So kritisiert er in seinem Pamphlet: »So spricht Engel von ‚Übermonopolen‘… Die Wortschöpfung von Engel soll aber wohl aussagen, dass es etwas ganz Neues gibt, das Lenin nicht kannte und über dem Monopol steht.« (S. 4) »Soll eine solche Wortschöpfung einschüchtern und die ‚Größe‘ ihres Schöpfers beweisen?« (S. 4), fragt Möller ironisch. Diese Kritik zeigt nur, dass Diethard Möller vom Marxismus-Leninismus keine Ahnung hat. Der Begriff Übermonopol ist nicht etwa eine Wortschöpfung in meiner Schrift, sondern wird bereits von Lenin in seinem weltberühmten und für alle Marxisten-Leninisten grundlegenden Buch »Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« verwendet. Lenin bezeichnet dort „eine neue Stufe der Weltkonzentration des Kapitals und der Produktion, eine unvergleichlich höhere Stufe als die vorangegangenen. Wir wollen sehen, wie dieses Übermonopol heranwächst“. (Lenin, Werke, Band 22, Seite 250 – Hervorhebung Verf.). Damals war diese Aussage Lenins noch eine These, eine Prognose für die Zukunft, weil solche Übermonopole sich erst herauszubilden begannen. Wir haben uns 100 Jahre später damit befasst, was aus dieser These geworden ist. Die Übermonopole sind nicht mehr nur eine Besonderheit des imperialistischen Weltsystems, sondern zur Allgemeinheit geworden. Sie haben sich gemeinsam zu einem allein herrschenden internationalen Finanzkapital zusammengefunden, das der ganzen Weltwirtschaft ihr Diktat verordnet.

Als unsere Genossen in einer mündlichen Kritik Diethard Möller auf diesen Lapsus aufmerksam machten, hat er diese Stelle aus seinem Pamphlet stillschweigend gestrichen, ohne irgend ein selbstkritisches Wort zu verlieren oder seine damit verbundene Herabsetzung des Leiters des theoretischen Organs der MLPD „Revolutionärer Weg“ auch nur im geringsten zurückzunehmen.

Was allerdings soll die Kritik an »Wortschöpfungen« bringen? Jede theoretische Arbeit muss auch neue Begriffe für neue Erscheinungen und wesentliche Veränderungen hervorbringen, um sie richtig zu qualifizieren und auf den Punkt zu bringen. Die Aufgabe der konkreten Analyse der konkreten Situation ist es gerade, sich mit diesen neuen Fragen auseinanderzusetzen und damit die marxistisch-leninistische Theorie zu erweitern, zu konkretisieren und auch weiterzuentwickeln. Das entspricht auch dem dialektischen Prinzip, immer feinere Begriffe zu bilden, um den Prozess vom Wesen zum immer tieferen Wesen richtig zu qualifizieren. Aber ein solches Verständnis kann man von Diethard Möller nicht erwarten. Er meint, dass 100 Jahre Entwicklung des Imperialismus bereits im Kommunistischen Manifest vor 170 Jahren nachzulesen sei. Damals gab es den kapitalistischen Imperialismus noch gar nicht. Lenin sah die Herausbildung des Imperialismus etwa um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert.

4.) fragt Diethard Möller: »Was soll am ‚internationalen Charakter der Produktion‘ neu sein? Schon im Kommunistischen Manifest beschreiben Marx und Engels, wie das Kapital den Weltmarkt schafft und sich die gesamte Welt unterordnet …«. (S. 5)

Kann es wirklich sein, dass Diethard Möller der fundamentale Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Vorhersage und ihrem Eintreten in der Wirklichkeit entgangen ist? Natürlich hat bereits der Kapitalismus eine Tendenz der Ausweitung der politischen Ökonomie auf den Weltmarkt geschaffen. Aber Marx konnte nur von einer Handvoll kapitalistischer Länder ausgehen, in denen sich überhaupt der Kapitalismus durchgesetzt hatte. Der Weltmarkt hatte erst begonnen, sich zu entwickeln und entwickelte sich auf der Basis dieser Tendenz. Das hatte allerdings mit dem internationalen Charakter der kapitalistischen Produktion noch nichts zu tun. Denn die Organisationsform der kapitalistischen Produktion hatte im Zeitalter der freien Konkurrenz, ja selbst im imperialistischen Zeitalter bis zu Beginn der 1990er Jahre nationalstaatlichen Charakter. Der Nationalstaat wurde zur Notwendigkeit, damit sich der Kapitalismus überhaupt entwickeln konnte. Deshalb hatten auch der Kampf um die Schaffung von Nationalstaaten gegenüber der vorherrschenden feudalen Kleinstaaterei und der antiimperialistische Kampf der Kolonien zur Bildung eigener Nationalstaaten einen fortschrittlichen Charakter. Nationalstaat und Herausbildung des Kapitalismus bilden also eine grundlegende internationale Einheit.

Heute haben wir es allerdings damit zu tun, dass eben diese nationalstaatliche Produktion nicht mehr die hauptsächliche Organisationsform des Kapitals ist, sondern dass heute die länderübergreifende Produktion, Handel und Verteilung typisch sind und damit die immer noch notwendige politische Organisationsform des Nationalstaats mehr und mehr sprengen. Von dieser Möglichkeit noch im Kapitalismus sind weder Marx noch Lenin ausgegangen. Diesen kleinen Unterschied schiebt Diethard Möller in seinem Dogmatismus geflissentlich beiseite, obwohl er für die Daseinsweise der internationalen Monopole und ihrer Nationalstaaten fundamental ist.

5.) meint Möller: »Lenin hat sehr treffend die besonderen Merkmale des Imperialismus analysiert und dazu Fakten geliefert. Was soll nun neu sein?«. (S. 6) Dass Lenin damals die besonderen Merkmale des Imperialismus treffend analysiert und die Fakten geliefert hat, will niemand bestreiten. Aber diese Merkmale waren zeitweilig auf die damalige Situation bezogen. Inzwischen haben sich eine ganze Reihe neuer Merkmale des Imperialismus herausgebildet, einige alte sind verschwunden.

Solche waren der Übergang vom monopolistischen Kapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus, die Ersetzung des alten Kolonialsystems durch ein neokoloniales System des Imperialismus, die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion mit der Herausbildung eines bürokratischen staatsmonopolistischen Kapitalismus neuen Typs, die Neuorganisation der internationalen Produktion seit den 1990er Jahren, aber auch die Herausbildung einer Reihe neuimperialistischer Länder auf dieser Basis und nicht zuletzt die gesetzmäßige Zerstörung der Umwelt als unabdingbares Gesetz des Imperialismus in seiner fortgeschrittenen Phase heute. Diese neuen Erscheinungen und wesentlichen Veränderungen kamen bei Lenin selbstredend nicht vor.

Solche Merkmale kann man allerdings nur erforschen, wenn man eine umfassende und allseitige Analyse der neuen Erscheinungen und wesentlichen Veränderungen der Wirklichkeit durchführt, wie es die MLPD in ihrem System „Revolutionärer Weg“ seit 1969 macht. Jede einzelne der bisher 35 Nummern untersuchte ein Problem, das im Brennpunkt stand, alle Nummern zusammen bilden ein System zur praktischen Lösung der Aufgaben des Parteiaufbaus und Klassenkampfs.

6.) Diethard Möller behauptet, die Qualifizierung einer Internationalisierung des Klassenkampfes sei »sehr dürr und vor allem im ökonomischen Teil nicht belegt«. (S. 3) Das Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« zeigt auf, dass auf der Grundlage der Neuorganisation der internationalen Produktion »länderübergreifende Streiks in den Betrieben internationaler Übermonopole zu einer neuen Erscheinung geworden (sind). Sie erschüttern die kapitalistische Produktion am tiefsten und haben die Tendenz, schnell auf andere Länder überzugreifen, sich über Ländergrenzen hinweg zu einer Streikwelle auszudehnen.« (S. 385)

Auch Erscheinungsformen wie eine länderübergreifende revolutionäre Gärung in Lateinamerika nach der Jahrtausendwende oder der „Arabische Frühling“ 2011 sind nur auf der Grundlage des internationalisierten Charakters der Produktion überhaupt zu verstehen.

Diese neuen Erscheinungen der Internationalisierung der Klassenkämpfe interessieren den Zirkeltheoretiker Diethard Möller nur wenig. Hätte er sie hinterfragt, so wäre er vielleicht auf die Fragestellung gekommen, aus welchem Grund sich neben dem nationalen Klassenkampf auch ein internationaler, länderübergreifender Klassenkampf herausbildete. Das muss eine ökonomische Grundlage haben, die wir in der Analyse der »Götterdämmerung …« entwickelt haben.

Die große Bedeutung dieser Analyse besteht darin, dass die These von Lenin von der Kettenreaktion sozialistischer Revolutionen in den bedeutendsten imperialistischen Ländern nach der Oktoberrevolution nicht eingetreten ist. Die Kette zerriss zwar in der Oktoberrevolution, der Siegeszug der proletarischen Revolution wurde aber in Deutschland und in Europa nicht fortgesetzt, sondern von der Reaktion im Blut erstickt. Lenin wertete diese Tatsache 1923 selbstkritisch aus und führte das darauf zurück, dass die Internationalisierung des Imperialismus noch nicht so weit fortgeschritten war, dass sich daraus ein internationaler Klassenkampf entwickelt hat:



»Wir stehen somit gegenwärtig vor der Frage: Wird es uns gelingen, angesichts unserer klein- und zwergbänerlichen Produktion, angesichts der Zerrüttung unserer Wirtschaft so lange durchzuhalten, bis die westeuropäischen kapitalistischen Länder ihre Entwicklung zum Sozialismus vollenden werden? Aber sie vollenden diese Entwicklung nicht so, wie wir es früher erwartet haben. Sie vollenden sie nicht dadurch, daß der Sozialismus in diesen Ländern gleichmäßig 'ausreift'', sondern auf dem Wege der Ausbeutung der einen Staaten durch die anderen, auf dem Wege der Ausbeutung des ersten während des imperialistischen Krieges besiegten Staates, verbunden mit der Ausbeutung des gesamten Ostens. Der Osten anderseits wurde eben infolge dieses ersten imperialistischen Krieges endgültig von der revolutionären Bewegung erfaßt und endgültig in den allgemeinen Strudel der revolutionären Weltbewegung hineingerissen.« („Lieber weniger, aber besser“, Lenin, Werke, Bd. 33, S. 487 – Hervorhebung Verf)

Solche Aussagen Lenins sind Möller offensichtlich völlig unbekannt. Das wäre allerdings ein Anlass, etwas bescheidener aufzutreten und sich erst einmal sachkundig zu machen, bevor er seine unsinnigen Attacken in die Welt hinausplustert.

7.) Völlig absurd ist der Vorwurf von Möller an die MLPD, sie würde der opportunistischen Theorie Kautskys vom „Ultraimperialismus“ folgen und sich auf »die Analyse Kautskys, eines Opportunisten und Verräters, (…) stützen.« Zu diesem Zweck hätten »Stefan Engel und sein Autorenkollektiv (…) Lenin `passend‘ zurecht gestutzt.« ( S. 9) Stein des Anstoßes ist eine Aussage von Lenin, indem dieser Kautskys revisionistische Theorie einer dialektischen Kritik unterzieht: »Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Entwicklung in der Richtung auf einen einzigen, ausnahmslos alle Unternehmungen und ausnahmslos alle Staaten verschlingenden Welttrust verläuft. Doch diese Entwicklung erfolgt unter solchen Umständen, in einem solchen Tempo, unter solchen Widersprüchen, Konflikten und Erschütterungen - keineswegs nur ökonomischen, sondern auch politischen, nationalen usw. usf. -, daß notwendigerweise, bevor es zu einem einzigen Welttrust, zu einer 'ultraimperialistischen' Weltvereinigung der nationalen Finanzkapitale kommt, der Imperialismus unweigerlich bersten muß, daß der Kapitalismus in sein Gegenteil umschlagen wird. « (Lenin, Werke, Bd. 22, S. 106)

Aus diesem Zitat Lenins geht hervor, dass er durchaus die von Kautsky angenommene Tendenz zu einem »alle Staaten verschlingenden Welttrust« sah. Der Widerspruch Lenins zu Kautsky bestand allerdings darin, dass diese Entwicklung im Kapitalismus nicht zu Ende gehen konnte, weil der Imperialismus vorher bersten und an seinen Widersprüchen zugrunde gehen muss. Diese differenzierte Sichtweise ist Diethard Möller völlig fremd. Er streitet die Tendenz zu einem »alle Staaten verschlingenden Welttrust« einfach ab, ohne Lenins Einwand zu verstehen.

Im Unterschied zu Möllers unzutreffender Effekthascherei wird in dem Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« Lenins Polemik gegen Kautsky auf die heutige Entwicklung der Neuorganisation der internationalen Produktion konkretisiert: »Während Kautsky von einem friedlichen Hineinwachsen des Imperialismus in den Sozialismus träumte, um sich mit ihm auszusöhnen und dem Klassenkampf und der proletarischen Revolution abzuschwören, unterschied Lenin zwischen dem objektiven Prozess der Internationalisierung der Produktion im imperialistischen Weltsystem und der subjektiven Notwendigkeit, den Imperialismus durch die proletarische Revolution zu stürzen.« (S. 144) Das lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig.

Dieses Zitat hat Möller in seinem Übereifer natürlich überlesen, um der MLPD den »Ultraimperialismus« Kautskys zu unterstellen. Dabei zeigt dieser Vorwurf nur, dass er die prinzipielle Kritik Lenins an Kautsky nicht im geringsten begriffen hat.

8.) Am absurdesten ist der Vorwurf des Trotzkismus an die MLPD. Wie viele Dogmatiker vermutet, gleich der Reaktion eines Pawlowschen Hundes, auch Diethard Möller hinter dem Begriff der internationalen Revolution sofort den Trotzkismus. Die Strategie der internationalen Revolution oder auch der Weltrevolution ist grundlegender Bestandteil des Marxismus von seinen Anfängen an. Die »Morgenröte …« weist nach, dass sich der konkrete Gehalt dieser internationalen Revolution allerdings mit der gesellschaftlichen Vorwärtsentwicklung jeweils geändert hat und auch die unterschiedlichen Klassiker jeweils eine andere konkrete Strategie und Taktik zur Verwirklichung der internationalen Revolution durchführten.

Marx und Engels gingen von einer gleichzeitigen, einheitlichen Revolution zumindest in den entwickelten kapitalistischen Ländern in Europa und Nordamerika aus. Lenin ging aufgrund der Analyse des Imperialismus und dessen unterschiedlicher Entwicklung von einer Kettenreaktion von Revolutionen aus, die im schwächsten Kettenglied des imperialistischen Weltsystems beginnen und nach und nach alle kapitalistischen Länder erfassen würde.

Stalin sah im Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion das Bollwerk des internationalen Klassenkampfs, das als revolutionäres Zentrum die internationale Revolution vorantreiben würde. Mao Zedong konkretisierte die Strategie der internationalen sozialistischen Revolution durch die Strategie der neudemokratischen Revolution und die Strategie und Taktik des langanhaltenden Volkskriegs in kolonial abhängigen Ländern.

Mit der Neuorganisation der internationalen Produktion als einer neue Phase des Imperialismus seit Anfang der 1990er Jahre verändert sich der konkrete Gehalt der Strategie der internationalen Revolution erneut. Sie muss sich auf der Basis der Neuorganisation der internationalen Produktion und des internationalen Klassenkampf allseitig auf das imperialistische Weltsystem beziehen. Sie umfasst den proletarischen Klassenkampf und den antiimperialistischen Befreiungskampf in mehr oder weniger allen Ländern der Welt. Die internationale Revolution wird sich als wechselseitiger Prozess zeitlich versetzter und in ihrem Charakter unterschiedlicher Revolutionen in den einzelnen Ländern entfalten, die sich gegenseitig revolutionieren, miteinander kooperieren bzw. miteinander koordiniert werden müssen.

Daraus ergibt sich für die Marxisten-Leninisten auf der ganzen Welt die neue Anforderung, dass sie für die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution eine gemeinsame Verantwortung haben. Die Dialektik der Strategie und Taktik der internationalen sozialistischen Revolution verlangt die Einheit von nationaler Form und internationalistischem Inhalt, von nationalen und internationalen Organisationsformen, von nationaler Eigenständigkeit und internationaler Koordinierung und Revolutionierung der Klassenkämpfe usw.

Diese in der »Morgenröte …« ausführlich dargestellte grundsätzliche und konkrete Entwicklung des internationalen Charakters der sozialistischen Revolution begreift Diethard Möller nicht oder will es nicht begreifen. Er macht für seine Begriffsstutzigkeit unsere konkrete Analyse verantwortlich, indem er sie als Traum von »abstrakten Wünschen und Hoffnungen« abtut.

Die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution wurde in internationalen Organisationsformen wie der ICOR oder dem ILPS längst in Angriff genommen. Dort arbeiten unterschiedliche revolutionäre Organisationen und Parteien in einer gemeinsamen antiimperialistischen Praxis zusammen und treiben auf dieser Grundlage die ideologisch-politische Vereinheitlichung voran, die notwendig ist, um in einer internationalen sozialistischen Revolution den Klassenkampf aller Länder zu einer Weltrevolution zu vereinen.

Allerdings war für den Demagogen und kleinbürgerlichen Karrieristen Trotzki die internationale sozialistische Revolution keineswegs nur eine »abstrakte Phrase«, wie Möller schreibt. Möller verschont in seinem Eifer, die MLPD mit Trotzki gleichzusetzen, den arbeiterfeindlichen Klassencharakter des Trotzkismus. Trotzki und seine Anhänger bekämpften nicht nur den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion, sondern sie wurden auch erbitterte Feinde der internationalen sozialistischen Revolution und der Kommunistischen Internationale. In der »Morgenröte …« werden diese trotzkistischen Attacken nachgewiesen und die Merkmale des Trotzkismus als antikommunistische Speerspitze zur Zersetzung der internationalen revolutionären und Arbeiterbewegung damals und heute herausgearbeitet. (S. 74-77)

Es ist eine schräge Scharlatanerei, dass Möller unsere umfassende Polemik gegen die Trotzkisten ignoriert, um uns mit einem begrifflichen Trick mit den Trotzkisten gleichzusetzen. Diese feindselige Methode ist nicht geeignet, eine sachliche Auseinandersetzung über die heutigen Fragen der Zeit zu führen, sondern eine liquidatorische Attacke auf den marxistisch-leninistischen Charakter der MLPD. Damit disqualifiziert sich Möller als potenzieller Verbündeter der internationalen marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung.

Dabei hat die revolutionäre Praxis in Deutschland längst bewiesen, dass der lokale Zirkel der Möller-Gruppe in den letzten 40 Jahren nicht in der Lage war, einen tatsächlichen Beitrag für den Parteiaufbau oder für die Einheit der internationalen marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung zu leisten. Um seine Bedeutungslosigkeit in Deutschland zu kaschieren, tritt er auf internationalen Konferenzen wie in Quito als großer Theoretiker auf, obwohl ihm in Deutschland jede Basis im Klassenkampf abhanden geht. Vielleicht ist ihm nicht entgangen, dass die MLPD dagegen seit 50 Jahren den Parteiaufbau erfolgreich vorangetrieben hat, seit ihrer Gründung ihre revolutionäre Kleinarbeit auf immer mehr Bereiche ausgeweitet hat und heute zu einer international anerkannten Kraft in der internationalen marxistisch-leninistischen Bewegung geworden ist. Aber vielleicht ist es das, was Diethard Möller so anspornt, die MLPD mit Dreck zu bewerfen

9.) »Das ist kein Marxismus, sondern eine extreme Verflachung und ein Zeichen für geistigen Bankrott«, (S. 30) empört sich Diethard Möller am Schluss seines Pamphlets. Er merkt gar nicht, dass sein vernichtendes Urteil auf ihn selbst zurückfällt.

Warum hat Möller sich nicht einmal ansatzweise und ein wenig bescheidener mit den neuen Fragen der sozialistischen Revolution unter den Bedingungen der Internationalisierung der kapitalistischen Produktionsweise befasst? Wäre er doch einmal selbstständig der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen die globale Ausreifung der materiellen Grundlagen des Sozialismus, das ungeheure Wachstum des internationalen Industrieproletariats und die Entwicklung grenzüberschreitender Kämpfe auf den proletarischen Klassenkampf haben. Stattdessen trägt Diethard Möller aus der marxistisch-leninistischen Literatur alte, historisch bedingte Antworten für die Lösung neuer Probleme und veränderter Aufgaben vor.

Hätte er wenigstens begonnen, sich mit den differenzierten Schlussfolgerungen der MLPD aus den nachweislichen Veränderungen des nationalen und internationalen Klassenkampf konkret und sachlich auseinanderzusetzen, anstatt seinen ganzen Ehrgeiz in konstruierte Beweise für einen vermeintlichen MLPD-Trotzkismus und diffamierende Angriffe auf meine Person zu legen. Dann wäre ihm ein so peinlicher Auftritt vielleicht erspart geblieben, und er hätte unter Umständen einen nützlichen Beitrag für die internationale marxistisch-leninistische, revolutionäre und Arbeiterbewegung leisten können.

Mögen alle diejenigen, insbesondere die Teilnehmer der Quito-Konferenz (CIPOML), die von dem Pamphlet von Diethard Möller Kenntnis bekommen haben, sich ein eigenes Urteil bilden. Dazu ist es unumgänglich, sich mit den Analysen und Schlussfolgerungen selbst zu befassen, welche die MLPD in den beiden Büchern »Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘« und »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« ausgearbeitet und der internationalen marxistisch-leninistischen, revolutionären und Arbeiterbewegung zur theoretischen Diskussion und praktischen Zusammenarbeit vorgelegt hat.

Stefan Engel, Juli 2019

Stefan Engel und Achim Czylwick

An einen Genossen zur Entwicklung der ZKK

Lieber Genosse,

ich bin nun dazu gekommen, mich mit deinem umfangreichen Material zur Entwicklung der Kontrollkommissionen in der UdSSR vor und nach Lenins Tod zu befassen. Das ist wirklich eine sehr wichtige und auch interessante Zusammenstellung von Dokumenten, die einen tieferen Einblick in den Kampf um die Linie bzw. den Kampf zweier Linien um die Entwicklung und den Aufbau der unabhängigen Kontrolle geben.

Die vielen englischen Textstellen machten mir besondere Mühen, mehr als sie rudimentär zu vergegenwärtigen, ist mir auf Grund meiner geringen Sprachkenntnisse nicht gelungen. Ich muss noch schauen, wie sie übersetzt werden, weil es für deren abschließende Bewertung auf eine exakte Übersetzung ankommt.

Dass Du aus dem Material u.a. den Schluss ziehst, der Abbau und das Abrücken von den von Lenin entwickelten Prinzipien wäre schon durch Lenin selbst eingeleitet worden, ist für mich nicht ansatzweise zu erkennen. Hier gilt weiter, was ich Dir dazu schon geschrieben habe.

Was das Material sehr gut zeigt, ist zum einen den Kampf um die Linie des Aufbaus der ZKK durch Lenin und den Übergang zum latenten Linienkampf um die Stellung zur unabhängigen Kontrolle des ZK nach seinem Tod. Ob es um die Stellung zur ZKK auch einen offen geführten Kampf im ZK und zwischen ZKK und ZK gab, ist aus dem Material nicht zu erkennen.

Nach wie vor ist es ein Problem für die Untersuchung der Rolle der ZKK, dass das Material, was wir zur Verfügung haben, über die Arbeit der ZKK spricht, uns aber kein Dokument der Arbeit der ZKK selbst aus dieser Zeit vorliegt.

Für Lenin war der Sozialismus eine Übergangsgesellschaft, in der der Klassenkampf weiterzuführen ist, dass zum Aufbau des Sozialismus die historischen Gesetze zur Lösung der politischen und ökonomischen Fragen zu entdecken und anzuwenden sind.1

Zu den Gedanken, die sich Lenin dazu machte, u.a. in „Staat und Revolution“, gehörten die Gedanken zum Aufbau eines Systems der Kontrolle in Partei und Staat. In der Schrift „Staat und Revolution“ entwickelt er die grundlegende dialektische Methode der Einbeziehung der Massen in die Rechnungsführung und Kontrolle, um über diese Verantwortung ein sozialistisches Bewusstsein zu fördern und zu erreichen. Das war für ihn ein Prozess über Generationen und konnte nur mittels der führenden Rolle der Partei verwirklicht werden. Dies wiederum steht und fällt damit, mit dem kleinbürgerlichen Bürokratismus in den eignen Reihen fertigzuwerden. Dieses Geschwür der alten Gesellschaft, das sich im Sozialismus neu formierte und neue Träger fand, stand für Lenin im antagonistischen Widerspruch zum sozialistischen Aufbau und der Verwirklichung der führenden Rolle der Partei.

Das Prinzip der unabhängigen Kontrolle, das Lenin in dem Zusammenhang entwickelte, dass diese nur durch ein Organ gewährleistet werden kann, das von jeder Form der Leitungs- oder Verwaltungsarbeit entbunden ist, das mit der Autorität des Parteitages agiert und eine Arbeits- und Organisationsform entwickelt, um „Kritiken zu fördern und Fehler zu korrigieren“,2 war ein genialer Gedanke. Es war für Lenin ein Kernstück des zu entwickelnden Systems der Kontrolle mit „sozialistischem Charakter“. Dass diese Erziehungsarbeit der Herausbildung des sozialistischen Bewusstseins dienen muss, hatte er in seiner Schrift zur „Großen Initiative“ herausgearbeitet.

Die Ausrichtung auf die Entwicklung der unabhängigen Kontrolle war die in dem Zusammenhang angewandte dialektische Methode zur Objektivität der Betrachtung in der Behandlung der Widersprüche in der Partei. Die ZKK sollte weder schlichten noch sich auf eine Seite schlagen, sondern unabhängig und „ohne Ansehen der Person“, bei „strengster Korrektheit in allen Angelegenheiten“ agieren, was natürlich die Anwendung und Handhabung der revolutionären Linie einschloss. Dazu muss jede Verstrickung mit Leitungs- und Verwaltungsaufgaben ausgeschlossen werden, was angesichts des Mangels an geeigneten Kadern sehr schwer war und zu bestimmten Kompromissen führte. Darauf komme ich noch zu sprechen.

Ausgehend von diesen prinzipiellen Überlegungen von Lenin geht aus dem von Dir zusammengestellten Material ein Kampf um den Aufbau eines entsprechenden Systems der Kontrolle mit sozialistischem Charakter hervor, der sich in drei Phasen gliedern lässt:

Die Phase des Kampfs um die Entwicklung und um die Arbeitsweise der unabhängigen Kontrolle durch Lenin, bis zum Vorschlag der Zusammenlegung von ZKK und Arbeiter- und Bauerninspektion (ABI). Die Schrift von Lenin „Lieber weniger, aber besser“ stellt hier eine Art Vermächtnis und Ausrichtung für diesen Kampf dar.

Dann die Phase des latenten Linienkampfs um die Aufgabenstellung der ZKK und der ABI, in der sich eine schleichende Auflösung grundlegender Prinzipien Lenins zur unabhängigen Kontrolle durchsetzte.

Schließlich die Auflösung der unabhängigen ZKK und der ABI und der Übergang zu einer einseitigen Kontrolle von oben.

Zur ersten Phase des Kampfes um die Entwicklung des Systems der Kontrolle durch Lenin:

In dieser ging es um den Aufbau und die Entwicklung einer Kontrolle mit „sozialistischem Charakter“ darum, welche Aufgaben, Mittel und Methoden dafür zu bestimmen sind. Wie Lenin sich das vorstellte, geht u.a. aus der Resolution des X. Parteitags der KPR(B) vom März 1921 „Über die Kontrollkommissionen“ hervor, die Du ja auch zitierst. Aus dem Material geht hervor, dass sich die hier bestimmte Kontrolle auf die richtige Behandlung der Widersprüche bezieht, dass in der Bearbeitung von Beschwerden eine wesentliche Erkenntnisgrundlage für den sozialistischen Aufbau liegt und vor allem deshalb diese von einem unabhängigen Organ untersucht werden müssen, dass die Arbeit der Leitungen zu kontrollieren ist, um sicher zu stellen, dass sie am sozialistischen Ziel arbeiten.

Es sind noch viele andere Elemente zu erkennen, die zur Bestimmung einer Kontrolle mit „sozialistischem Charakter der Kontrolle“ dienen. Dabei steht die Unabhängigkeit dieser Kontrolle von den Parteileitungen und staatlichen Institution im Mittelpunkt. So durften ZK-Mitglieder, die in die Bearbeitung von Beschwerden von der ZKK einbezogen oder zeitweilig kooptiert wurden, nicht mitstimmen, wenn es um ihre unmittelbaren Angelegenheiten oder ehemaligen Verantwortungsbereiche ging.

Dass im Aufbau der Kontrolle mit sozialistischem Charakter und der richtigen Arbeitsweise der ZKK auch experimentiert wurde, hat nichts mit „Versuch und Irrtum“ zu tun oder gar einer Abkehr von den Prinzipien Lenins, wie Du das interpretierst. Dieses Experimentieren bei Festhalten an den Grundlinien zeigt sich in der modifizierten Ausrichtung auf die ABI. Sie sollte zunächst nur eine vorübergehende Einrichtung sein, weil die Kontrolle zu einer Massenbewegung werden sollte. Das konnte angesichts der Umstände nicht verwirklicht werden, so der Vorschlag, die Autorität und Effektivität der ABI mit der Zusammenlegung von ZKK und ABI zu erhöhen. Wir müssen diese Dinge immer im Kontext der grundlegenden Überlegungen Lenins bewerten und nicht aus sich heraus.

Die damalige Herausforderung, eine solche sozialistische Kontrolle nach der Oktoberrevolution zu entwickeln, war enorm. Zum Einen war es überhaupt eine neue Aufgabenstellung in der Geschichte der Menschheit, die bisher noch nicht zur Lösung stand. Zum Zweiten musste das in einer sehr komplizierten historischen Situation angepackt und gemeistert werden. Nach der Oktoberrevolution ging es um komplizierte Übergänge, so von einer vornehmlich militärischen Organisationsform der Partei zu einer demokratischen, oder dass die Übergänge zum sozialpolitischen Aufbau nur mit Hilfe der neuen ökonomischen Politik zu meistern waren und in weiten Teilen des Landes immer noch der Bürgerkrieg tobte, einschließlich der Sanktionen der imperialistischen Länder.

In einer solchen Situation an den Aufbau eines Systems der sozialistischen Kontrolle zu denken, in dessen Mittelpunkt die unabhängige Kontrolle der verantwortlichen Leitungen rückte, offenbart nicht nur den strategischen Weitblick von Lenin, sondern dass in diesem System eines sozialistischen Charakters der Kontrolle, die unabhängige Kontrolle der verantwortlichen Leitungen eine Schlüsselfrage ist und werden wird. Es ging in dieser komplizierte Lage darum, richtige Wege zu finden, um „Kritik zu entfalten und Fehler zu korrigieren“.

So wenig man ein Gebäude ohne die Gesetze der Statik errichten kann, wenn es tragfähig sein soll, so wenig kann es eine Entwicklung eines Systems der Kontrolle geben, ohne Beachtung dessen prinzipieller Seiten. Wie sollten denn z.B. die „ständige Kontrolle über die Arbeit der leitenden Organe der Partei seitens der öffentlichen Meinung der Partei“ vonstatten gehen, ohne dass dies durch die unabhängige Kontrolle gefördert und geschützt wird? Du hast auch in der Geschichte der MLPD dafür ein schlagendes Beispiel, als die ZKK mit ihren Aufrufen zur revolutionären Wachsamkeit gegen das Liquidatorentum 1976 in der Zentralen Leitung des KABD die ganze Partei, ihre „öffentliche Meinung“ als Hauptkraft mobilisiert wurde.

Dass die von Dir zitierten bürgerlichen Historiker das Wesen des Kampfes um den sozialistischen Charakter der Kontrolle und die Bedeutung der Unabhängigkeit der ZKK nicht begreifen oder erkennen, liegt doch auf der Hand. Darum können sie auch nicht ernsthaft zur Beurteilung von Lenins Strategie der unabhängigen Kontrolle ins Feld geführt werden. Sie können von ihrem bürgerlichen Herangehen nur sehen, dass die ZKK sich bei Streitigkeiten für eine Seite entscheiden musste und damit in die Auseinandersetzungen hineingezogen wurde. Die ZKK hat sich überhaupt nicht „für eine Seite“ zu entscheiden. Sie überprüft die Standpunkte von den Grundsätzen der Linie der Partei und nimmt eine eigenständige Bewertung vor. Daher die Aufforderung von Lenin, ohne „Ansehen der Person“ zu agieren. Dieses prinzipielle Herangehen ist in zugespitzten Auseinandersetzungen die einzige Möglichkeit, die Unabhängigkeit zu wahren und durchzusetzen.

Alle von Dir angeführten Zitate von sogenannten Historikern sind darin identisch, dass sie das Wesen der Sache, die Entwicklung und Herausbildung eines Systems der Kontrolle mit sozialistischem Charakter nicht nur nicht begreifen, sondern nicht mal annähernd das Wesen oder die damit zu leistende historische Anforderung erkennen.

In dem Zusammenhang verstehe ich nicht, was dich dazu bewog, völlig unkommentiert und ohne jeden Zweifel die Darstellung von Isaak Deutscher über die ZKK aus seiner Stalin-Biografie wiederzugeben. Diese Darstellung diskreditiert die Gedanken und Prinzipien von Lenin. Er reißt einzelne Aufgaben der ZKK aus dem Zusammenhang, um zu folgern, dass es Lenin darum ging, „Abweichen vom puritanischen Lebensstil“ zu bestrafen und die „Säuberungsaktionen“ erfunden habe, um „Zauderer, Zweifler und Dissidenten“ loszuwerden. So denkt ein Kleinbürger und Antikommunist, in dessen Weltbild die Kontrolle der Konkurrenz dient, der Unterdrückung und Machtausübung.

In der bürgerlichen Ideologie ist die Kontrolle Teil des Systems der Unterdrückung und Überwachung, was der Autor mutwillig nun dem Sozialismus und Lenin unterschieben will, um ihn als Terrorherrschaft zu diskreditieren. Es wäre eine lohnenswerte Aufgabe gewesen das aufzudecken. Stattdessen schreibst Du:

„Die Dokumente, die ich einsehen konnte, lassen keine schon vor 1920/21 existierenden ,Prinzipien Lenins‘ erkennen, bestätigen eher, dass er während der letzten Jahre seines Lebens aufgrund veränderter Bedingungen mehrfach neue Lösungen vorschlug. Das entspricht durchaus Forderungen, die Marx und Engels im ,Kommunistischen Manifest‘ herausstellten: ,Die Kommunisten … stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen.‘ (MEW 4, S. 474)“

Das ist eine völlig willkürliche Interpretation. Der Satz, den Du hier von Marx und Engels zitierst, richtet sich gegen die utopischen Sozialisten mit ihren erdachten Gesellschaftsentwürfen, ist aber keinesfalls ein Appell, ohne prinzipielle Klarheit an neue Aufgaben zu gehen. Ich habe schon oben mit einem Hinweis auf Marx darauf hingewiesen, dass es bei Prinzipien für den sozialistischen Aufbau um das Definieren von historischen Gesetzen geht, die für diese Übergangsgesellschaft gelten. In diesem Fall um die Entwicklung eines Systems der Kontrolle und Selbstkontrolle zur Sicherung der Arbeit auf der proletarischen Grundlage.

Jedenfalls endet diese erste Phase der Herausbildung der unabhängigen Kontrolle mit sozialistischem Charakter, der dazu passenden Entwicklung und Erprobung ihrer Arbeitsweisen und Methoden nach dem Tod von Lenin.

Der Vorschlag der Zusammenlegung von ZKK und ABI und wie er ihn begründet, ist zugleich auch eine Zusammenfassung – oder wenn man so will Vermächtnis, in dem die wesentlichen Prinzipien zur Organisierung der unabhängigen Kontrolle dargelegt sind. Das Material, das Du dazu zusammengestellt hast, zeigt deutlich auf, dass es Lenin um die Stärkung der unabhängigen Kontrolle ging, indem er beide Organe vereinte. Dazu habe ich Dir aber schon geschrieben.

Du schreibst dann über diese Phase:

„Eine regelmäßige Kontrolle der Art, wie Lenin sie sich zeitweise vorgestellt hatte, kam wohl nicht zustande. Was Lenin entwarf (und was im RW 24, 168–171, geschildert ist, als handelte es sich um tatsächliche Verhältnisse in der Sowjetunion), konnte so nicht verwirklicht werden (vgl. RW 3, 178/179). Es ist schwer zu verstehen, weshalb sich die MLPD so stark auf Lenins Notizen und Vorschläge stützte und über Beschlüsse der Parteitage hinwegsah, an die sich auch der Vorsitzende von Partei und Regierung der Sowjetrepublik zu halten hatte.“

Dass wir uns auch „auf Lenins Notizen und Vorschläge“ stützen, ist eigentlich überhaupt nicht schwer zu verstehen. Die bürokratische Entartung und der Verrat am Sozialismus, der Verzicht auf die ideologisch-politische Arbeit und die Mobilisierung der Massen, die ganze revisionistische Entartung, mit der die KPdSU letztlich nicht fertig wurde, verlangte auf die von Lenin entwickelten Prinzipien der unabhängigen Kontrolle zurückzugehen, diese gründlich zu studieren, um das Wesen der unabhängigen Kontrolle und ihrer Funktion herauszuarbeiten und zu erkennen, was dessen Aufhebung für verheerende Folgen haben kann. Wir haben seither an dieser Frage ständig geforscht und mit der Aufarbeitung der Krise der ZKK 2005 einen weiteren qualitativen Sprung zum System der Selbstkontrolle der Partei gemacht. Das alles hat seinen Ausgangspunkt bei den Gedanken von Lenin.

Zur Phase des schleichenden Abbaus der unabhängigen Kontrolle gegenüber den führenden Gremien und Leitungen, besonders dem ZK:

Das zusammengestellte Material zeigt deutlich auf, wie das organisiert wurde, bzw. erreicht werden konnte.

Vorweg möchte ich sagen, dass ich an einer Intrige gegen die Veröffentlichung des Artikels von Lenin „Lieber weniger, aber besser“ aus dem ZK und der ZKK heraus meine Zweifel habe. Es klingt doch sehr abenteuerlich, nur für Lenin eine Zeitung mit dem Artikel zu drucken, um ihn zu täuschen, in der regulären Ausgabe diesen aber nicht zu veröffentlichen. Ich bin nicht dafür, dass wir so was übernehmen oder gar verbreiten, zumal der Artikel tatsächlich erschienen ist.

Eine berechtigte Frage ist, warum Stalin in seinem hervorragenden Artikel „Über die Grundlagen des Leninismus“, der ja nach dem Tod von Lenin erschien, mit keinem einzigen Wort auf die ZKK, auf die Ausrichtung und Gedanken zur Entwicklung eines Systems der Kontrolle mit sozialistischem Charakter einging. Dass er die Gedanken von Lenin zur Entwicklung eines Systems der sozialistischen Kontrolle, als Einheit von unabhängiger Kontrolle von oben mit der Kontrolle von unten durch die Einbeziehung der Massen, nicht als Teil des Leninismus betrachtete, war ein prinzipieller Fehler. Die Ausrichtung zum Kampf gegen die Bürokratie und gegen die Gefahr der Restauration des Kapitalismus gehört zum Leninismus. Das hat die Tragik des XX. Parteitags der KPdSU 1956 auf grausame Weise bestätigt. Das vom Leninismus zu lösen, hatte nicht nur für die UdSSR Auswirkungen, sondern sicher auch für die revolutionäre Weltbewegung.

Auch in der 1938 herausgegebenen „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) – Kurzer Lehrgang“ wird mit keinem Wort auf die von Lenin angestrebte Bedeutung der ZKK eingegangen und damit die Verdrängung dieser Seite seines Vermächtnisses fortgesetzt.

In den von Dir dokumentierten Beschlüssen über die Aufgaben der ZKK und die ABI durch die Parteitage zwischen 1923 und 1934 zeigt sich, wie das Vermächtnis Lenins zur Aufgabenstellung und dem Charakter des Systems der unabhängigen Kontrolle verdrängt wurde. Es gibt offenbar auch keinen theoretischen Artikel, der sich mit der Weiterentwicklung dessen befasst, was Lenin hier ausgerichtet hat.

Die statutengemäße Bestimmung der unabhängigen Kontrolle blieb erhalten, wie die Wahl der ZKK durch den Parteitag und ihr Rechenschaftsbericht ihm gegenüber. Allerdings wurden die Aufgaben der ZKK durch die Resolutionen der Parteitage auf die Kontrolle der Aneignung und Umsetzung der Beschlüsse fokussiert, ohne die Kontrolle der Anleitung und Befähigung durch die Leitungen für die Aneignung und Umsetzung der Beschlüsse einzubeziehen. Das trennte eine dialektische Einheit und blendete somit die Kontrolle über die Arbeit der Leitungen und ihrer Mitglieder aus.

Für diese Tendenz, die Kontrolle der Leitungen auszublenden und die ZKK über diese Beschlüsse mit anderen Aufgaben zu belasten, ist die 1923 beschlossene Aufgabenstellung der ZKK und der ABI charakteristisch: Die ZKK und die ABI sollten die „Reorganisierung des Staatsapparates auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Arbeits- und Verwaltungsorganisation“ vorantreiben.

Diese Reorganisation war eine wesentliche Aufgabe im sozialistischen Aufbau und natürlich mussten die ZKK und die ABI sich damit befassen. Das aber nur in Bezug auf die dazu von den Leitungen geleistete Arbeit, oder eben nicht geleistete Arbeit. Für die Kontrollorgane ging es im Sinne der Ausrichtung von Lenin, „Kritik zu entfalten und Fehler zu korrigieren“ darum, wie dieser Prozess der Umgestaltung von den Leitungen, besonders dem ZK geführt wurde. Es ging sicher auch darum, Beurteilungen über das Verhalten einzelner führender Kader zu erstellen, ob und wie diese Reorganisation als Kampf zur Überwindung der Bürokratie geführt wurde, und darauf entsprechend einzuwirken, bzw. die Kritiken der Massen an den Zuständen zu schützen.

Die Intention des Beschlusses war aber eine ganz andere, wenn es ebenfalls 1923 heißt, dass die hier zu leistende Arbeit der Kontrollorgane auf Säuberungsaktionen auszurichten ist und dazu mit den Massen zusammenzuarbeiten ist. So heißt es in der Resolution „Über den Parteiaufbau“, woraus du zitierst, u.a.: „Grundlegende Vorbedingung für den Erfolg der Kontrollkommissionen und der Arbeiter- und Bauerninspektion bei der Verbesserung und Säuberung des Staatsapparates ist ihre Unterstützung durch die ganze Partei und ihre Organisationen, die Einbeziehung der werktätigen Massen selbst in diese Arbeit.“

Natürlich war die Überprüfung der Aufnahmepolitik durch die Leitungen eine wichtige Seite im Kampf um die Einheit und Festigkeit der Partei. Die Kontrolle darüber musste sich darauf beziehen, von was die Aufnahmepolitik der Leitungen bestimmt war, daran dann eine Erziehung zur revolutionären Wachsamkeit durchzuführen. Die Ausrichtung auf Säuberung war tatsächlich notwendig, weil viele kleinbürgerliche, nichtsozialistische Elemente in die Partei eingedrungen waren und nun mit dem Parteibuch in der Tasche bürgerliche Inhalte und Methoden verbreiten konnten. Die Veröffentlichungen der Namen von Ausgeschlossen in den Parteizeitungen diente der Publizität gegenüber den Massen, aber auch zur Abschreckung gegenüber kleinbürgerlichen Elementen. Die durchaus notwendige Publizität über ausgeschlossene Funktionäre musste ideologisch-politisch begründet werden. So waren die Ausschlüsse der ZKK des KABD gegen die Liquidatoren in den Leitungen immer begründet und diente diese Publizität der revolutionären Wachsamkeit der ganzen Partei. Wie die Dokumente zeigen, gehörte es zur Ausgabenstellung der ZKK, mit dem Geheimdienst GPU bei den Säuberungen zusammenzuarbeiten. Der Beschluss des XII. Parteitags sagt, dass die ZKK und die ABI bei der Säuberung der Partei „ihrer Arbeit auf diesem Gebiet mit der entsprechenden Tätigkeit [der] GPU und des NKJ [Volkskommissariat für Justiz] (koordinieren soll), durch Einberufung periodischer Beratungen und durch andere Mittel, Durchführung von Maßnahmen, durch welche diejenigen Leiter von Staatsorganen und Betrieben zur Verantwortung gezogen und auch abgesetzt werden, die nicht für die Verbesserung und Säuberung ihrer Apparate Sorge tragen.“

Geheimdienste sind auch im Sozialismus eine Notwendigkeit und Teil der Diktatur des Proletariats. Sie sind Instrumente in einem von der Bourgeoisie verdeckt geführten Krieg gegen den Sozialismus und haben die Aufgabe, diesen Krieg aufzudecken, so dass er offen vor den Augen der Massen und zu ihrer Erziehung und Wachsamkeit geführt werden kann. Diese Instrumente einer besonderen Kriegsführung haben nur diesen Zweck, sie müssen dabei dem System der Kontrolle untergeordnet werden, denn ihr verdeckt arbeitender bürokratischer Apparat braucht selbst eine besondere Kontrolle. Deshalb muss gerade die ZKK vollen Zugriff für eine unabhängige Kontrolle auf diese Dienste haben. Die Ausrichtung auf die Zusammenarbeit der ZKK mit dem Geheimdienst behandelt dagegen die GPU als gleichwertiges Organ, das durch die ZKK nicht kontrolliert werden müsse, sondern im Gegenteil die ZKK letztlich zu einem Anhängsel des GPU machte. Das musste über kurz oder lang den ganzen Charakter der sozialistischen Kontrolle verändern.

Die Ausrichtung auf die Kooperation mit den Geheimdiensten macht den Kampf gegen die Bürokratie und bürokratische Methoden zu einer Art Polizeiaufgabe. Der größte Schutz für den sozialistischen Aufbau ist aber die Initiative der Massen unter Führung der Partei, ist die Entwicklung und Förderung des sozialistischen Bewusstseins. Das ist dann auch die Atmosphäre, in der Feinde des Sozialismus aufgedeckt und zur Rechenschaft gezogen werden. Keine Arbeit von Geheimdiensten kann das ersetzen, auch wenn sie dem dienlich sein können. Hier aber wurden die Prioritäten verändert, wurde die Mobilisierung der Massen, die Entfaltung ihrer Initiative im Kampf gegen Bürokraten zum Anhängsel der GPU, die selbst stark vom kleinbürgerlichen Bürokratismus erfasst war.

Die von Dir dokumentierten Resolutionen über die Aufgabe der ZKK haben die Höherentwicklung und Festigung der unabhängigen Kontrolle der Leitungen und des ZK unterlaufen. Der Fehler war nicht, dass der Parteitag der ZKK Aufgaben stellte, sondern dass er der ZKK solche Aufgaben stellte, die von der Kontrolle der verantwortlichen Leitungen in Zusammenarbeit mit den Massen wegführten.

Die Qualifizierung vom schleichenden Abbau der Unabhängigkeit der ZKK hatte Willi Dickhut entwickelt und damit begründet, dass der ZKK allmählich ihre Unabhängigkeit genommen wurde. Das von Dir zusammengestellte Material zeigt nur auf, über welchen Weg und mit welchen Methoden das erfolgte. Die schleichende Aufhebung der unabhängigen Kontrolle der Leitungen und besonders des ZK, die zunächst als Form erhalten blieb, wurde über die Veränderung im Inhalt der Aufträge erreicht. Es war ein Prozess der Umgestaltung der Form über den Inhalt der Aufgabenstellung.

Dass es in der Kontrollkommission gegen diese schleichende Auflösung eine Auseinandersetzung, einen Linienkampf gegeben haben muss, ergibt sich indirekt aus dem, was Du von Fjodor Gladkov über sein Verständnis von ZKK-Arbeit zitierst:

„Die Kontrollkommission und die Arbeiter- und Bauerninspektion sind ja dem Wesen nach gar keine Straforgane, sie sind keine Guillotinen: sie sind vor allem Erziehungsorgane. Bei uns hat man sich daran gewöhnt, mit Zittern und Zagen an sie zu denken, und gewöhnlich droht einer dem andern: ,Wart mal, die Kontrollkommission wird dich schon in die Zange nehmen.‘ Das ist nicht richtig. Man muß das ganze System der Kontrolle so organisieren, daß jeder Parteiarbeiter, jeder Funktionär in schweren Augenblicken ohne Hemmung, mit Freude, an die Kontrollkommission wie an seinen besten Freund denkt, dem man alles anvertrauen kann. Bei uns aber macht man oft Winkelzüge, verwischt die Spuren, versteckt sich und begeht Gemeinheiten wie ein Verbrecher! Die kommunistischen Gefühle sind wenig entwickelt, das ist eben das Schlimme. Die Kontrollkommission ist aber gerade dazu berufen, diese Gefühle zu kräftigen und großzuziehen.“

Die dritte Phase, die Aufhebung der unabhängigen Kontrolle und die Aufhebung von Prinzipien zur Sicherung des sozialistischen Charakters der Kontrolle:

Die Auflösung der ZKK 1934 bedeutete den eigentlichen Wendepunkt weg von der unabhängigen Kontrolle. Du stellst richtig fest, dass es schon 1932 auf der 18. Konferenz der KPdSU eine ideologisch-politische Begründung für die Aufhebung der unabhängigen Kontrolle gegeben hat. Hier wurde die Einschätzung getroffen, dass auf dem Land der Kapitalismus endgültig beseitigt sei, weil alle kapitalistischen Elemente liquidiert worden wären und die Situation entstanden sei, in der „die Umwandlung der ganzen werktätigen Bevölkerung des Landes in bewußte und aktive Erbauer der klassenlosen sozialistischen Gesellschaft“ endgültig eingeleitet worden wäre.

Damit kamen alle Feinde von außen, bzw. wurde angenommen, dass die Partei nur von außen infiltriert wird. Du zitierst dann viel englisches Material zum Thema Säuberungen. Ohne doppelte und dreifache Überprüfung können wir sowas nicht übernehmen. Wir müssen uns an die offiziellen Dokumente halten und können nicht mit kleinbürgerlich-trotzkistischen oder bürgerlichen Deutungen und Interpretationen arbeiten.

Der 17. Parteitag 1934 schaffte die ZKK und die ABI ab. Das wurde mit der Einschätzung begründet, dass die weitere Entwicklung der Volkswirtschaft mit dem neuen Fünfjahresplan diese Kontrollorgane überflüssig machen würde. Wörtlich heißt es: „Die Lösung dieser Aufgaben, die die Verdrängung der letzten Überreste kapitalistischer Elemente aus all ihren alten Positionen mit sich bringt und ihren endgültigen Untergang herbeiführt, führt notwendigerweise zu einer Verschärfung des Klassenkampfes“ (KPdSU-Resolutionen 9, 98). Es ginge angesichts der Lage jetzt nur noch darum, die Durchführung der Beschlüsse zu garantieren: „Um die Kontrolle der Durchführung der Beschlüsse der Partei und der Regierung zu verbessern, schuf der XVII. Parteitag an Stelle der Zentralen Kontrollkommission − Arbeiter- und Bauerninspektion, die in der Zeit seit dem XII. Parteitag ihre Aufgaben bereits erfüllt hatte, die Kommission für Parteikontrolle beim Zentralkomitee der KPdSU(B) und die Kommission für Sowjetkontrolle beim Rat der Volkskommissare der Sowjetunion.“

Ziel dieser Änderung war es ausdrücklich, eine „systematische Kontrolle über die Tätigkeit der örtlichen Organisationen” zu erreichen. Und für diese Aufgabe “fällt die Notwendigkeit weg, die Kommission für Parteikontrolle unmittelbar auf dem Parteitag zu wählen. Die Kommission für Parteikontrolle muß vom Plenum des Zentralkomitees der KPdSU(B) gewählt werden und unter der Leitung und nach den Direktiven des ZK der KPdSU(B) arbeiten.“

Das vom XVII. Parteitag der KPdSU(B) beschlossene neue Statut legte dazu fest, nach welchen Kriterien die weitere „Reinigung“ im Sinne der „Verdrängung der letzten Überreste kapitalistischer Elemente“ in der Partei vollzogen werden sollte. Das war eine durch Formel und Vorgaben ausgerichtete bürokratische Kontrolle. Dass Nikolai Jeschow als Volkskommissar des Innern, und damit der Verantwortliche für den Staatssicherheitsdienst, zugleich Vorsitzender der KPK blieb, passt in dieses Bild. Die ZKK wurde zum Anhängsel der Staatssicherheit.

1937 musste das ZK der KPdSU feststellen, dass es „keine individuelle Behandlung der Parteimitglieder und -funktionäre“ gab und sie „zu Tausenden und Zehntausenden“ aus der Partei ausgeschlossen wurden. 1938 muss weiter festgestellt werden, dass das ZK nicht in der Lage war, eine einheitliche Führung der Partei durchzusetzen: „Die Gebietskomitees, Regionskomitees, die Zentralkomitees der nationalen Kommunistischen Parteien und ihre Leiter versäumen es nicht nur, die parteifeindliche und dem Bolschewismus fremde Praxis beim Ausschluß von Kommunisten aus der Partei zu korrigieren, sondern tragen häufig selbst durch ihre falsche Leitung zu diesem formalen und herzlos bürokratischen Verhältnis zu den Parteimitgliedern bei und schaffen damit einen günstigen Nährboden für Karrieristen und getarnte Parteifeinde.“

Das führte aber bei weitem nicht zu einer Überprüfung der Beschlüsse gegen das System einer unabhängigen Kontrolle.

Lieber Genosse,

um die Ausrichtung Lenins zur Entwicklung eines Systems der unabhängigen Kontrolle mit sozialistischem Charakter durch „Entfaltung der Kritik und die Korrektur von Fehlern“ als sozialistische Entwicklung und Erziehung zu fördern und die kleinbürgerliche Bürokratie zu bekämpfen, gab es einen Linienkampf.

Ausgangspunkt war, diese Gedanken von Lenin nicht als Teil des Leninismus zu definieren, was Ausdruck des Eklektizismus gegenüber seinem Gesamtwerk war. Denn Lenin begründete nicht nur in "Staat und Revolution" oder der "Großen Initiative" den weltanschaulichen Kampf um das sozialistische Bewusstsein, die objektive Wahrheit gegen jeden Subjektivimus zu erforschen und deren objektive Dialektik aufzufinden.

Diesen Eklektizismus übernimmst Du, wenn Du argumentierst, dass das Vorgehen von Lenin in der Entwicklung der Kontrolle mehr als Ausdruck von „Versuch und Irrtum“ angesehen werden muss denn als vom historischen Materialismus abgeleitete Prinzipien. Das unterstellt ihm Pragmatismus als Grundlage seiner Anschauungen. Die Kritik fördern und Fehler zu korrigieren und das mit Hilfe einer unabhängigen Kontrolle, war aber eine Methode, die Objektivität der Betrachtung gegen jeden Subjektivismus in der Behandlung der Probleme und Widersprüche durchzusetzen. Es ist überhaupt nicht möglich, diese Gedanken von Lenin außerhalb seines Gesamtwerkes zu verstehen.

Deine Deutung, den Abbau der Unabhängigkeit der ZKK schon bei Lenin anzusiedeln, nimmt ihn für etwas in die Verantwortung, was er entschieden bekämpft hat, und nimmt zugleich diejenigen aus der Verantwortung, die sich gegen eine unabhängige Kontrolle ihrer Arbeit wehrten.

Der Klassenkampf im Sozialismus ist kompliziert, die Klassen existieren weiter, der Klassenkampf wird strategisch mit dem Ziel zur Aufhebung der Klassen geführt, aber die bürgerliche Ideologie wirkt über tausend Gewohnheiten nicht nur spontan noch eine sehr lange Zeit, sie wird in der Situation des Aufbaus des Sozialismus vom kapitalistischen Umfeld gefördert. Dieser Klassenkampf ist die materielle Grundlage für die Entwicklung der innerparteilichen Widersprüche, wie er Grundlage für die Widersprüche in der sozialistischen Gesellschaft ist. Ohne diese objektive Wahrheit zu akzeptieren, können Ursachen und Wirkungen der Widersprüche und die Art ihrer Behandlung nicht verstanden werden. Der dialektische und historische Materialismus verlangt auf dieser Grundlage zu erforschen, wie er auf immer mehr Gebieten – im Kampf mit dem Idealismus – zur Anwendung kommt.

In der MLPD und seiner Vorläuferorganisation KABD waren die Gedanken Lenins zur Entwicklung der Kontrolle immer Teil des Leninismus. Die MLPD konnte deswegen und in der Verarbeitung aller Erfahrungen über die Entwicklung der innerparteilichen Widersprüche zur Entwicklung des Systems der Selbstkontrolle der Partei auf der Grundlage der Lehre von der Denkweise kommen und damit die dialektische Methode bestimmen, die im Kampf mit der bürgerlichen Ideologie eine überlegene Kraft wird. Alles hängt in der Partei davon ab, ob auf Grundlage der proletarischen Denkweise gearbeitet wird. Das gilt auch für die führende Rolle der Partei im Aufbau des Sozialismus.

So weit von mir zu deinen Materialien.

Mit herzlichem Gruß

Stefan Engel und Achim Czylwick

Quellen & Links

Siehe Karl Marx, Das Elend der Philosophie Bd. 4 MEW wo er aufzeigt, dass jede Gesellschaft ihre historischen Gesetze hat, es keine ewigen Gesetze gibt, die die Verhältnisse der Menschen bestimmen. Siehe u.a. Seite 130

2 Alle Zitate soweit nicht anders gekennzeichnet sind aus deiner Materialsammlung

Lieber Kollege,

vielen Dank für die Zusendung deines Manuskripts »Aufbau und Entwicklung der Materie im Mikrokosmos«.

Was ich bisher in den ersten vier Kapiteln gelesen habe, ist sehr faktenreich und interessant. Ich möchte vorweg sagen, dass ich mich natürlich nicht berufen fühle, detaillierter zu den Einzelaussagen Stellung zu nehmen, da mir vieles unbekannt ist und ich manches auch nicht vollständig verstehe. Verstehe deshalb meinen Brief als einen Hinweis für die Verbesserung der Schlussbearbeitung.

Du schreibst als Untertitel »Eine Streitschrift gegen das Dogma des leeren Raums«. Über diesen Streit habe ich in deinem Manuskript allerdings wenig wahrgenommen, da der Text durchgehend bemüht ist, die verschiedenen gegensätzlichen Standpunkte objektiv darzustellen und jede Art von Polemik und kritische Auseinandersetzung zu vermeiden.

Eine Frage dabei ist, inwieweit es überhaupt richtig ist, Weltanschauung und Naturwissenschaften so stark gegenüberzustellen, wie es im Manuskript der Fall ist. Zumindest in der theoretischen Deutung gibt es doch eine große Identität zwischen beiden.

Im Vorwort ist mir aufgefallen, dass der gesellschaftliche Bezug in der historischen und philosophischen Diskussion der Naturwissenschaft tendenziell gering geschätzt wird und auch die ausschlaggebende Rolle des Klassenkampfs als eine wesentliche Quelle für historische Entwicklungen in der Weltanschauung. Dieses Problem spiegelt sich auch im Text wieder, indem eine Tendenz existiert, die Entwicklung der Naturwissenschaften nur aus sich heraus darzustellen, statt sie als Widerspiegelung der gesellschaftlichen Entwicklung zu betrachten.

Am deutlichsten wurde das bei der Stelle, als im 19. Jahrhundert die modernen Naturwissenschaften entstanden, die ein universelles und ganzheitliches dialektisches Weltbild zeichneten. Diese nicht zufällig im 19. Jahrhundert entstandenen Auffassungen, die auch einen qualitativen Sprung in der Entwicklung der Naturwissenschaften brachten, sind aber weit gehend auf den Einfluss der neuen deutschen Philosophie und seines wichtigsten Repräsentanten Hegel zurückzuführen. Es war zu Beginn des 19. Jahrhunderts regelrecht Mode geworden, Hegelianer zu sein und erfasste die gesamte Wissenschaftswelt. Deshalb ist die Dialektik in die Kultur, Wissenschaft, Literatur, Kunst, Sprache allseitig eingedrungen und hat auch die Naturwissenschaften wesentlich zu modernen Naturwissenschaften gemacht, wie es Engels ausdrückte. Der eigentliche qualitative Sprung zu den modernen Naturwissenschaften, schreibt Friedrich Engels, ist, dass die Dialektik bei ihnen Eingang gefunden hat. Dieser qualitative Sprung geht in deinem Text bezogen auf alle anderen Feinheiten und Einzelpersonen, die du behandelst, völlig unter, obwohl die modernen Naturwissenschaften in Wechselwirkung mit der industriellen Produktion die höchste Form der Einheit von Mensch und Natur hervorbrachten. Das kann man nicht einfach umgehen.

Es erscheint mir zu pauschal, den Idealismus einseitig der Bourgeoisie und den Materialismus den unterdrückten Massen zuzuordnen. Auch die idealistische Dialektik »alles ist im Fluss« bis zu Hegels »universeller Dialektik« war Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts.

Ich habe auch den Eindruck, dass Du dich insgesamt zu wenig mit der Dialektik befasst und möchte dir einen Artikel von Willi Dickhut über Hegel beilegen, indem er nach dem II. Weltkrieg seine KPD-Führung kritisierte, die Hegel einseitig als Idealisten abtat und seine große Rolle in der Herausbildung der modernen Dialektik geringschätzte. Mir scheint, dass das auch in deinem Text der Fall ist.

Bei der Auseinandersetzung mit den Positivisten, vor allem den Existenzialisten, habe ich den Eindruck, dass du den Standpunkt der Kausalität mit der Dialektik gleichsetzt. Die Kausalität selbst ist aber noch nicht Dialektik, sondern berührt einzelne Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung. In der metaphysischen Epoche des Feudalismus wurden eine Vielzahl Einzelgesetze ermittelt, was einen ungeheuren Fortschritt darstellte. Genau da liegt das große Verdienst von Hegel, dass er aus der Kausalität zur universellen dialektischen Wechselwirkung weitergegangen ist und damit erst möglich machte, die Entwicklung in ihrem allseitigen Zusammenhang und in Wechselwirkung mit inneren und äußeren Widersprüchen zu behandeln. Ich habe den Eindruck, dass Du etwas der Auffassung von Forman aufgesessen bist.

Der Abschnitt 4, der sich scheinbar mit Hegel befasst, wird der Bedeutung Hegels überhaupt nicht gerecht. Schon am Anfang stellst du Kant mit Hegel gleich, ordnest beide aber unter »hoch entwickelten philosophischen Idealismus« ein und reduzierst sie als Kritiker des »naiven Materialismus«. Was dann kommt, ist eine völlige Unterschätzung Hegels und seiner großen Bedeutung für die neue deutsche Philosophie und die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften.

Ich habe insgesamt den Eindruck, dass Du dich noch etwas mehr mit der Dialektik befassen solltest, bevor du das Buch schlussbearbeitest. Hast du schon einmal die »Wissenschaft der Logik« von Hegel durchgearbeitet? Auch in unseren Dialektik-Kursen haben wir die Geschichte des Materialismus und der Dialektik behandelt – siehe den beiliegenden Lehrbogen aus dem 1. Semester, 3. Lektion. Die dort behandelte Ordnung in den Entwicklungssprüngen macht den Prozess der Negation der Negation des Materialismus und der Dialektik meines Erachtens deutlicher, als die von dir verwendete Methode des geschichtlichen Nachvollziehens der vielen Einzelerkenntnisse. Dabei habe ich auch die Frage, ob die Naturwissenschaftler tendenziell zu hoch bewertet werden, gegenüber den inhaltlichen Erkenntnissen, die sie entwickelt, vielleicht auch nur aufgeschrieben haben?

Insgesamt erscheint es mir aber eine sehr interessante Arbeit, die durchaus die dialektisch-materialistische Weltanschauung und Methode in Zusammenhang mit der Darlegung der Entwicklung des Mikrokosmos weiter bringen kann.

Herzlichen Gruß

Stefan

Anlagen:

  1. Brief Willi Dickhut zu Hegel
  2. Lehrbogen Dialektik-Kurs 1, 3. Lektion

Anlage 1:

Willi Dickhut: Hegels "Logik" als Höhepunkt und Ende der klassischen Philosophie

Auf der Funktionärskonferenz [der KPD] am 31.3.[19]46 in Solingen-Wald sprach der Genosse U. Wohlbold in der Diskussion über Kultur und erklärte die Entwicklung von Schopenhauer über Hegel zu Nietzsche als eine einzige Linie reaktionärer Philosophie. Das ist eine vollständig falsche Beurteilung Hegels.

Die klassische Philosophie war eine revolutionäre Philosophie. Es war die Philosophie des aufstrebenden Bürgertums. Hegel brachte die klassische Philosophie auf den Höhepunkt und zum Abschluss. H. Heine sagt darum durchaus richtig: „Unsere philosophische Revolution ist beendet. Hegel hat ihren großen Kreis geschlossen.“ Hegel ist sehr oft missverstanden worden, sowohl von den fortschrittlichen wie reaktionären- ­Kräften der Gesellschaft. Hegels Satz: "Alles, was wirklich ist, ist vernünftig, und alles was vernünftig ist, ist wirklich.", wurde von den beschränkten Regierungen und Reaktionären als Ausdruck der Erhaltung des Bestehenden aufgefasst und begrüßt und deshalb von den ebenso beschränkten Liberalen verurteilt, obwohl Hegel sagte: "Die Wirklichkeit erweist sich in ihrer Entfaltung als die Notwendigkeit". Daraus ist zu schließen: Alles was besteht, ist wert, dass es zu Grunde geht! Darin liegt eben der revolutionäre Kern der Hegelschen Philosophie, dass nichts Endgültiges, Feststehendes im menschlichen Denken und Han­deln geben kann, sondern alles in Bewegung, in Fluss, in Entwicklung sich befindet.

Das wird von Fr. Engels unterstrichen:

"Marx war und ist der einzige, der sich der Arbeit unterziehen konnte, aus der Hegelschen Logik den Kern herauszuschälen, der Hegels wirkliche Entdeckung auf diesem Gebiet umfasst , und die dialektische Methode, entkleidet von ihren identischen (idealistischen) Umhüllungen, in der einfachen Gestalt herzustellen, in der sie die allein richtige Form der Gedankenentwicklung wird."

Bedeutet das, dass Marx damit den Idealismus Hegels anerkennt? Im Gegenteil! Obwohl der philosophische Idealismus eine notwendige Voraussetzung des modernen Materialismus ist (darin liegt seine Bedeutung) - der Idealismus negierte den ursprünglichen, naive Materialismus, die Negation des Idealismus brachte als Synthese den dialektischen Materialismus - kritisierte Marx den Idealismus Hegels, schätzte aber seine Dialektik sehr hoch. So schreibt Marx im „Kapital“:

"Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, dass er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewusster Weise dargestellt hat."

Diese Dialektik, die, große theoretische Leistung Hegels, vor dem Idealismus zu retten, loszulösen und materialistischen anzuwenden, war das Verdienst Marx und Engels, was Engels im Vorwort zum "Anti-Dühring“ selbst zum Ausdruck bringt:

"Marx und ich waren wohl ziemlich die einzigen, die aus der deutschen idealistischen Philosophie die bewusste Dialektik in die ma­terialistische Auffassung der Natur und Geschichte hinübergerettet haben."

Lenin teilte die Auffassung Marx und Engels über Hegel. Trotz aller Hochschätzung Hegels betonte Lenin zugleich, dass die Logik Hegels, "nicht in ihrer gegebenen Gestalt angewandt, nicht als gegeben betrachtet werden kann; die logischen (erkenntnistheoretisch) Nuancen müssen herausgesucht, die Ideenmystik ausgemerzt werden; diese große Aufgabe steht noch bevor." Daraus geht hervor, dass man aus der mystischen Gedankenfülle der idealistischen Philosophie Hegels das Richtige, die wahren Gedanken, d.h. die das Sein, die Wirklichkeit objektiv widerspiegeln, heraussuchen und verwerten muss.

Und darin liegt der Fehler des Genossen U. Wohlbold, der die idealistischen Schrullen und Mystifikationen, d.h. die reaktionäre Hülle, aber nicht den revolutionären, den dialektischen Kern der Hegelschen Philosophie sieht. Lenin verweist darauf, dass er sich bemühe "Hegel materialistisch zu lesen: Hegel ist der auf den Kopf gestellte Materialismus (Engels), d.h. ich werfe meist den lieben Gott, das Absolute, die reine Idee usw. hinaus." Der Genosse Wohlbold aber schüttet das Kind mit dem Bade aus; er verwirft mit der reaktionären faulen idealistischen Hülle gleichzeitig den revolutionären dialektischen Kern. Lenin sagt darum über einzelne Gedankengänge Hegels: „... man muss daraus zuerst die materialistische Dialektik herausschälen, neun Zehntel aber sind Schale, Abfall", das ist die einzig richtige Stellungnahme ­zu Hegels Philosophie. Der Kern ist wichtiger als die Hülle, denn er ­birgt in sich die Entwicklung. Der materialistische Dialektiker muss es ­verstehen, den genialen Gedanken zu finden und herauszuschälen, während er den reaktionären Idealismus und Mystizismus hinauswirft. Das hat Lenin mit Hegels Philosophie gemacht. Der Genosse Wohlbold macht es umgekehrt, er hebt den reaktionären Idealismus und die mystische Hülle der Regelsehen Philosophie hervor und verwirft mit ihnen gleichzeitig den wahren Kern, den genialen Gedanken der Philosophie des großen Denkers. Das ist sein Fehler.

Bevor wir Hegels Werke studieren, sollen wir uns Lenins Stellungnahme zu eigen machen, der einzelne Abschnitte und auch ganze Abschnitte zitiert und daraus das Hervorragende, mit dem er einverstanden ist, unterstreicht, die Fehler kritisiert und berichtigt, die mystischen Formulierung in gemeinverständlicher Sprache übersetzt., sie materiali­stisch verarbeitet und entsprechend deutet und die Ergebnisse zusammenfasst. Durch dialektisch-materialistische Analyse der Hegelschen Philosophie und Zusammenfassen des Konkreten bekommen wir erst das richtige Bild (Analyse und Synthese).

Hegels Dialektik enthielt einen entscheidenden Fehler, von dem Lenin schreibt: "Nicht nur der Übergang von der Materie zum Bewusstsein, von der Sinneswahrnehmung zum Gedanken usw. ist dialektisch: Hegel, dieser Anhänger der Dialektik, konnte den dialektischen Übergang von der. Materie zur Bewegung, von der Materie zum Bewusstsein nicht begreifen. Marx berichtigte den Fehler (oder die Schwäche?) des Mystikers. Wodurch entscheidet sich der dialektische Übergang vom undialektischen? Durch den Sprung, durch den Gegensatz, durch die Unterbrechung der Allmählichkeit, durch die Einheit von Sein und Nichtsein.“

Bei Hegel ist die Dialektik des Gedankens keine Widerspiegelung der Dialektik des Seins, sondern bei ihm, ist die Dialektik die Selbstentwicklung des Begriffe. Die Natur stellt im „Hegelschen System nur die Entäußerung der absoluten Idee vor". Abgesehen von dem idealistischen Inhalt bedeutet die Hegelsche Dialektik eine wahrhaft revolutionäre Form, was Lenin veranlasst, zu erklären:

"In der Hegelschen Dialektik als der umfassendsten, inhaltsreichsten und tiefsten Entwicklungslehre sahen Marx und Engels die größte Errungenschaft in der klassischen deutschen Philosophie. Jede andere Formulierung des Prinzips, Entwicklung, der Evolution, hielten die für einseitig und inhaltsarm, für' eine Entstellung und Verzerrung des wirklichen Verlaufs der (nicht selten in Sprüngen, Katastrophen, Revolutionen sich vollziehenden) Entwicklung in Natur und Gesellschaft.“ (Lenin: Karl Marx)

Das Wertvolle der Hegelschen Philosophie ist hauptsächlich das, was sich auf die Dialektik bezieht. Das ist der Kern. Darum betont Lenin:

"Man kann das Kapital von Marx und besonders dessen erstes Kapitel nicht ganz verstehen, wenn man nicht die ganze Logik Hegels durchstudiert und begriffen hat."

Ein wesentliches Moment der Dialektik ist die Negation als Moment des Zusammenhangs, als Moment der Entwicklung mit der Erhaltung des Positiven.

Dieser Gedanke kommt bei Hegel klar zum Ausdruck, wenn er sagt:

"Das Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen – und um dessen ganz einfache Einsicht sich wesentlich zu bemühen ist - ist die Erkenntnis des logischen- Satzes, dass das Negative ebenso sehr positiv ist, oder dass sich das Widersprechende nicht in Null, in das abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation seines besonderen Inhalts, oder dass eine solche Negation nicht alle Ne­gation, sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somit bestimmte Negation ist, dass also im Resultat wesentlich das enthalten ist, woraus es resultiert.“

Diese Auffassung steht in voller Übereinstimmung mit der materialistischen. Noch viel klarer kommt das in der Anerkennung der Widersprüche als ­Triebfeder der Entwicklung zum Ausdruck. Im Gegensatz zum gemeinen Verstand, der die Identität (Übereinstimmung) für wesentlicher als den Widerspruch hält, erklärt Hegel den Widerspruch als das Primäre, denn

„die Identität ihm gegenüber ist nur die Bestimmung des einfachen Unmittelbaren, des toten Seins; er aber ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit."

Hegel meint damit die geistige Selbstbewegung, die in Wirklichkeit nur die Widerspiegelung der Selbstbewegung der materiellen Welt ist. Lenin bezeichnet diese Selbstentwicklung, hervorgerufen durch die inneren Widersprüche, als "Salz der Dialektik“.

Lenins Stellungnahme, d. h. die dialektisch-materialistische Beurteilung der "Logik" Hegels, äußert sich zu folgenden Gedanken Hegels:

„… das Gesetz ist daher nicht jenseits der Erscheinung, sondern in ihr unmittelbar gegenwärtig; das Reich der Gesetze ist das ruhige Abbild der existierenden oder erscheinenden Welt."

Lenins Beurteilung lautet:

„Es ist dies eine bemerkenswerte materialistische und bemerkenswert präzise (mit einem Wort ruhige) Definition. Das Gesetz nimmt das ­Ruhige, und darum ist das Gesetz, jedes Gesetz eng, unvollständig, annähend."

Ähnlich äußert sich auch die Beurteilung Lenins, Hegel gegenüber, in der Frage der Kausalität, des objektiven Zusammenhangs der Welt. Die Kausalität kennzeichnet nur die allgemein wechselseitige Abhängigkeit eines universellen Zusammenhangs, die wechselseitige Verkettung der Ereignisse, nur Kettenglieder des allumfassenden Weltzusammenhangs, der bruchstückweise, einseitig, unvollständig zum Ausdruck kommt. In Verbindung mit Hegels Logik erklärt Lenin hierzu:

"Bildung und Gebrauch abstrakter Begriffe schließt schon die Vorstellung, die Überzeugung, das Bewusstsein von der Gesetzmäßigkeit des objektiven Zusammenhangs der Welt in sich. Es wäre absurd, die Kausalität von diesem Zusammenhang loszulösen. Es ist unmöglich, die Objekti­vität der Begriffe, die Objektivität des Allgemeinen im Besonderen und Einzelnen zu negieren. Folglich hat Hegel viel tiefer als Kant und andere in der Bewegung der Begriffe die Spiegelung der Bewegung der objektiven Welt verfolgte... Die einfachste Verallgemeinerung, die erste und einfachste Bildung von Begriffen (Reflexionen, Schlüsse usw.) bedeutet die Erkenntnis des immer tieferen objektiven Zusammenhangs der Welt durch den Menschen. Hier ist der wahre Sinn, die wahre Bedeutung und die wahre Rolle der Hegelschen Logik zu suchen.“

Die Lehre von der Konkretheit der Wahrheit, die Untersuchung der spezifischen Besonderheiten der Erscheinungen, der Analysierung, der Zergliederung, ohne den Zusammenhang außer Acht zu lassen, ist vom Marxismus vollständig aufgenommen. Der dialektische Materialismus lehnt das Dogma, den starren Schematismus ab, er verlangt die Untersuchung und Konkretisierung der gegebenen Situation, der gegeben Erscheinung, des gegebenen Dings.

Lenin entwickelt uns in seiner lebendigen Sprache ein anschauliches Bild der Hegelschen Dialektik:

„Ein Fluss und die Wassertropfen in diesem Fluss. Die Lage eines Tropfens, sein Verhältnis zu den anderen; seine Verbindung mit den anderen; die Richtung seiner Bewegung; Geschwindigkeit; Linie der Bewegung - gerade„ krumme, kreisförmige usw. - nach oben, nach unten. Summe der Bewegungen. Die Begriffe als Berücksichtigung der einzelnen Seiten der Bewegung, einzelner Tropfen (Dinge), einzelner ‚Strahlen’ usw. Ungefähr so wäre das Weltbild nach Hegels Logik, freilich minus den lieben Gott und das Absolute.“

Hiermit hebt Lenin in ein paar Sätzen das Revolutionäre der Hegelschen Philosophie hervor, um mit einem halben Satz das Reaktionäre darin abzutun. Das steht doch im wesentlichen Gegensatz zu der Auffassung des Genossen Wohlbold, für den die gesamte Philosophie Hegels reaktionär ist.

Marx entnahm der Hegelschen Philosophie alles Wertvolle und entwickelte das Entnommene in der Theorie des dialektischen Materialismus weiter. Das geschah vor allem durch die dialektische Untersuchung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. ihrer Entstehung, ihrer Entwicklungstendenzen, ihrer, Widersprüche, und der Unvermeidlichkeit ihres Übergangs in eine höhere, die sozialistische Gesellschaftsordnung. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn der Hegelschen Philosophie das revolutionäre Element fehlte.

Es würde zu weit führen, noch näher darauf, einzugehen. Den großen Denker der klassischen Philosophie, der durch sein System, die philosophische Revolution der bürgerlichen Gesellschaft zum Höhepunkt und Abschluss gebracht hat, auf eine Stufe, zu stellen mit dem wirklichen Reaktionär Nietzsche, ist gleichdeutend mit der Auffassung Lassalles, `der alle Klassen außerhalb der Arbeiterklasse als „reaktionäre Masse" ansah, Reaktionär sind alle bürgerlichen Philosophen nach Abschluss der Periode der klassischen Philosophie. Seitdem ist nur die marxistisch-leninistische Philosophie, der dialektische Materialismus, revolutionär. Die Beurteilung des Genossen Wohlbold ist keine dialektisch-materalistische, sondern eine mechanisch-materialistische. Die bürgerlichen Philosophen darf man nicht als eine einzige „reaktionäre philosophische Masse“ abtun, sondern nur vom Gesichtspunkt der historischen Entwick­lung beurteilen.

W.D.

Anlage 2:

Lehrbogen zum Kurs Nr. PB 006 des Arbeiterbildungszentrums im Wintersemester 1999 / 2000

Thema:

Die dialektische Methode allseitig erlernen

1. Semester:

Die objektive Dialektik in Natur und Gesellschaft

Lektion 3:

Verschiedene Entwicklungsstufen der materialistischen Welt­anschauung

Leiter:

Wolf-Dieter Rochlitz

Dieter Ilius

Datum:

24. -28. Januar 2000

Ort:

Alt Schwerin



Stichwort

Anmerkung

1. Was ist eine Weltanschauung?

Eine Weltanschauung ist ein vom jeweiligen Klasseninteresse bestimmtes System von theoretischen Ansichten, Urteilen und Verhaltensweisen gegenüber der Natur und der Gesellschaft.

2. Die Grundauffassung des Materialismus?

Der Materialismus geht davon aus, daß die Welt objektiv existiert, unabhängig vom Denken, Fühlen und Handeln der Menschen.

3. Die Entwicklungsstufen der materialistischen Weltanschauung





a) Der urwüchsige Materialismus



















Konkrete Bedeutung heute:







Ausgangspunkt jeder materialistischen Weltanschauung und Grundlage des Materialismus in allen Stufen seiner Entwicklung ist die unmittelbare praktische Erfahrung. Solche unmittelbaren Erfahrungen haben die Menschen schon seit jeher gemacht. Aber erst ab einer gewissen Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft waren sie in der Lage, diese praktischen Erfahrungen auch zu deuten und in ein Denksystem zu fassen. (Anlage 1)

  1. Die ersten Weltanschauungen entstanden unabhängig voneinander in der Sklavenhaltergesellschaft in China, Indien und im Mittelmeerraum.
  2. Es entwickelten sich zwei Denkrichtungen heraus: der urwüchsige Materialismus und die urwüchsige Dialektik. (Anlage 2)
  3. Der urwüchsige Materialismus erkannte, daß die Welt unabhängig vom Menschen existiert. Er konnte aber nicht erklären, wie die Welt existiert und wie sie sich entwickelt. Er hielt die Welt im wesentlichen für unveränderlich.
  4. Die urwüchsige Dialektik erkannte dagegen, daß nichts bleibt wie es ist (Der griechische Philosoph Heraklit: »Alles fließt«), betrachtete aber die Bewegung der Welt idealistisch, vom »Geist« geschaffen. Des­halb konn­te sie auch einen wirklichen Bezug zur Wirklichkeit nicht herstellen.
  5. Jede der beiden Richtungen in den Weltanschauungen war extrem einseitig.

Wir finden den urwüchsigen Materialismus heute im Ausgehen von den unmittelbaren praktischen Erfahrungen, ohne die Veränderlichkeit der Wirklichkeit zu sehen (z.B. »es gibt Arme und Reiche, aber was willst Du daran ändern«). Auf dieser Stufe ist das Klassenbe­wußtsein noch sehr gering entwickelt und wesentlich durch einen Klas­seninstinkt gekennzeichnet.

b) Der mechanische Materialismus

























Konkrete Bedeutung heute

Die zweite Entwicklungsstufe des Materialismus war der mechanische Materialismus.

  1. Er anerkannte nicht nur, daß die Welt existiert, sondern beantwortete die Frage, welchen Bewegungsgesetzen die einzelnen Naturprozesse folgen.
  2. Das lebendige Detail wurde interessant und erforscht.
  3. Das war die Geburtsstunde der modernen Naturwissenschaft. Newton erkannte z.B. das Gesetz der Schwerkraft, überhaupt wurde das Gesetz der Kausalität entdeckt.
  4. Der mechanische Materialismus sah die Welt aber als ewig währender Kreislauf, ohne Veränderung und Höherentwicklung an. Das sollte zugleich den gesellschaftlich vorherrschenden Absolutismus verewigen.
  5. Die Zergliederung der Erscheinungen geschah auf Kosten des Zusammenhangs, die Analyse ohne Synthese. Er war nur in der Lage, einfache Zusammenhänge und langsame Bewegungen in Natur und Gesellschaft annähernd richtig zu erklären, konnte aber die objektive Wirklichkeit nicht vollständig widerspiegeln.
  6. Auch er konnte keinen Bestand haben und wurde schließlich vom bürgerlichem Idealismus überwunden, der die innere Selbstbewegung und Entwicklung der Dinge erforschte.

Wir finden den mechanischen Materialismus heute im Erklären von einfachen Zusammenhängen. Das spontane Klassenbewußtsein erkennt einzelne Seiten des Kapitalismus. Vor allem im Rah­men von Kämpfen kann es höherentwickelt werden und die Arbeiter von der einfachen Kausalität zur Erkenntnis des allseitigen Zusammenhangs gelangen.

c) Der dialektische Materialismus als höchste Stufe des Materialismus























Konkrete Bedeutung heute

Marx und Engels schufen im 19. Jahrhundert den dialektischen Materialismus.

  1. Er schließt die Entwicklung der materialistischen Weltanschauung ab und bildet zugleich den Abschluß der Geschichte der Weltanschauung.
  2. Ihn interessiert vor allem die Frage, wie die Welt existiert, und er erkannte, daß allen Entwicklungen Gesetzmäßigkeiten zu Grunde liegen.
  3. Er nahm beide Stufen des früheren Materialismus in sich auf.
  4. Durch die Vereinigung von Materialismus und Dialektik ist er in der Lage, auch komplizierte und schnelle Veränderungen und allseitige Zusammenhänge zu erklären.
  5. Mit seiner Hilfe kommt der Mensch in die Lage, sich seiner Stellung gegenüber und in der Natur bewußt zu werden und zu lernen, sich im Einklang mit der Natur bewußt zu entwickeln.
  6. Der Mensch kann sich der Quelle und der Gesetze seines Denkens bewußt werden und er beginnt, bewußt zu denken.
  7. Seine Grundauffassung ist, daß die Wirklichkeit nach dialektischen, universellen Bewegungsgesetzen existiert.

In der Entwicklung des Klassenbewußtseins durchläuft jeder notwendigerweise die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der materialistischen Weltanschauung:

  1. Unmittelbare praktische Erfahrungen werden verarbeitet
  2. Erklären von einfachen Zu­sammenhängen
  3. Bewußte Anwendung der dialektisch-materialistischen Methode der Erkenntnis. Nur mit ihrer Hilfe ist die Arbeiterklasse in der Lage, das Klassenbewußtseins zu entwickeln, das für die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution heute notwendig ist.

Anlage 1

»Die Natur hat Millionen Jahre gebraucht, um bewußte Lebewesen hervorzubringen, und nun brauchen diese bewußten Lebewesen Tausende von Jahren, um bewußt zusammen zu handeln; bewußt nicht nur ihrer Handlungen als Individuen, sondern auch ihrer Handlungen als Masse; zusammen handelnd und gemeinsam ein im voraus gewolltes gemeinsames Ziel verfolgend. Jetzt haben wir das beinahe erreicht.«

(Marx/Engels, Werke, Bd. 39, S. 63; zitiert nach »Der Kampf um die Denkweise in der Arbeiterbewegung, S. 12)


Anlage 2

»Tatsächlich entstanden die ersten in sich geschlossenen Weltanschauungen und Religionen mit dem Aufkommen der Klassengesellschaft der Sklavenhalter vor etwa 5 000 Jahren. Die herrschende Ideologie mußte die Herrschaft der Sklavenhalter begründen. In der antiken griechischen Gesellschaft (vor rund 2 700 bis 2 200 Jahren) entwickelten sich materialistische und idealistische, dialektische und metaphysische Anschauungen. Sie standen von Beginn an im Kampf gegeneinander oder gingen auseinander hervor. In der Regel war es in der Geschichte so, daß die Philosophen der aufsteigenden Klassen gegenüber dem Idealismus und der Metaphysik der Herrschenden den Materialismus und die Dialektik betonten.

So brachte die Spaltung der menschlichen Gesellschaft in Klassen den Konflikt zwischen der idealistischen und der materialistischen, zwischen der metaphysischen und der dialektischen Weltanschauung hervor. Dieser Konflikt dauert nicht nur bis zum heutigen Tag an, sondern wird bestehen bleiben, solange es Klassen und Klassenwidersprüche gibt.«

(»Der Kampf um die Denkweise in der Arbeiterbewegung«, S. 14)