Briefwechsel und Dokumente der laufenden theoretischen Arbeit

Briefwechsel und Dokumente der laufenden theoretischen Arbeit

Briefwechsel zur Frage des marxistisch-leninistischen Kulturbegriffs

Brief eines Genossen der RW Redaktion an Stefan Engel, 23.1.18

Einige Anmerkungen zur Gliederung des RW 36

a) Zum Punkt 6.3. Zunehmende Dekadenz in der bürgerlichen Massenkultur

(...)

„Die zunehmend reaktionäre Tendenz der bürgerlichen Ideologie“ (2.2) hat ja eine allgemeine Grundlage in der Überholtheit des kapitalistischen Systems, bzw. darin, dass die Produktivkräfte über dieses System hinausgewachsen sind.

Auf der Stufe der Neuorganisation der internationalen Produktion hat die Dekadenz und Fäulnis der bürgerlichen Kultur eine neue Dimensionen angenommen. Sexismus, Pornografie, Drogenhandel, Mobbing, Unterwerfung bis hin zur Versklavung und Sadismus, Frauenhandel, organisierte Wilderei im internationalen Maßstab, Umgang mit der Natur und Naturprodukten usw.

Es gibt aber gleichzeitig eine Kultur der Massen, des Widerstandes, der Rebellion und Revolution.

Bei der Beschäftigung mit der Kunst und Kultur bin ich besonders im Zusammenhang mit der Geschichte der Musik und der konkreten Untersuchung ihrer Internationalisierung (siehe die Artikelserie dazu in der Roten Fahne 2006/2007) auf eine wesentliche Erscheinung gestoßen, wie die Herrschenden ihr Dilemma zu lösen suchen, dass sie selbst keine ideologische Grundlage für die Entwicklung einer inhaltlich frischen, perpektivisch-optimistischen Kunst haben, ohne Masseneinfluss aber nicht auskommen können bzw. wollen.

Die Sache ist so, dass die bürgerliche Massenkultur auch Elemente aus der Kultur des „Unterholzes“ als Nektar für sich aufgreift, verwertet, vermarktet und zur Stabilisierung seines gesellschaftlichen Systems der kleinbürgerlichen Denkweise nutzt; konkret nachgewiesen an verschiedenen Beispielen. Konkreter zum Beispiel des RAP/Hiphop: er entstand Ende der 60er Jahre als Teil der Gegenkultur zum Rassismus, des Zusammenhalts, des Kampfs um demokratische Rechte usw. Mit seiner Vermarktung verschärfte sich in den folgenden Jahren in Form und Inhalt das aggressive Herausstellen des Individuums, wurde damit Egoismus, Sexismus und das Konkurrenzdenken unter den Jugendlichen verbreitet.

Die Hauptmethode der Herrschenden ist heute nicht die offene Unterdrückung fortschrittlicher Elemente in der Kultur. Die Geschichte des Jazz, des Rock und Pop zeigt, dass jeder neue Ansatz von Protest und Rebellion immer schneller und raffinierter von den herrschenden Medien und Märkten für ihre Zwecke geschluckt und als Teil der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Massenkultur etabliert wurde. Das heißt, dass mit Musik - auch der dazu entwickelten Mode usw. - ein gewisses Gefühl der Unzufriedenheit, des Protestes usw. unter den Massen aufgegriffen und so gesteuert wird, dass dieses Gefühl sich nicht massenhaft als bewusster Widerspruch zum bestehenden Profitsystem entwickelt bzw. entwickeln soll.

Umgekehrt greifen die Massen auch Formen und Technik der bürgerlichen Massenkultur auf, um sie mit ihren Inhalten und in mehr oder weniger verwandelter Form ihrem Lebens- und Kampfwillen unterzuordnen, keineswegs nur auf dem Gebiet der Musik und Kunst, sondern auch der Technik, besonders der modernen Kommunikationstechnik. Das ist ein gesetzmäßiger und bereits spontaner Prozess, denn die materiellen Grundlagen für Sozialismus bzw. die Elemente der Auflösung der alten Gesellschaft reifen weiter.

Natürlich gab es schon sehr lange und auch schon vor dem Einsetzen der Neuorganisation der internationalen Produktion einen Austausch und eine Durchdringung der Musik und Kultur verschiedener Länder, eine gegenseitige Befruchtung und Weiterentwicklung. Schon mit dem Aufkommen von Radio, Fernsehen, Musikkassetten usw. nahm dieser kulturelle Austausch international bedeutend zu.

(...)

Man kann sagen: Die neue Qualität der kulturellen Entwicklung im Zusammenhang mit der Neuorganisation der internationalen Produktion zeigt sich allgemein in der zunehmenden weltweiten Vernetzung, gegenseitigen Beeinflussung und in neuen Entwicklungen auf Grundlage der neuen elektronischen, digitalen und Kommunikationstechnik und der sprunghaft gewachsenen Offenheit für internationale Entwicklungen, sowohl bei den Kulturschaffenden als auch den Verwertern.

  • Es gibt also zwei Grundrichtungen die sich hier gegenüberstehen, die in der Wirklichkeit oft vermengt sind:Kulturentwicklungen und ihre Vermarktung auf der Grundlage der Neuorganisation der internationalen Produktion, unter Nutzung modernster Mittel zum Zweck der Festigung eines staatstragenden Systems der kleinbürgerlichen Denkweise. Die Internationalisierung von Kunst und Kultur als Instrument der heute Mächtigen, über die Massenmedien Verfügenden zur Aufrechterhaltung ihrer Profite und ihrer Systeme. Dies widerspricht weltweit den Zukunftsinteressen der Völker. Sie hat geschichtlich betrachtet keine Zukunft.
  • Die Entwicklung von Kultur und Kunst als Bestandteil des respektvollen internationalen kulturellen Austausches zwischen den Völkern, auch als Teil der bewussten Entwicklung einer internationalen Arbeiter- und Volksbewegung, der Integration von Migranten in den gemeinsamen antifaschistischen, antiimperialistischen und revolutionären Kampf (siehe das kurdisch-deutsche Liederheft bzw. das 2. Rebellische Musikfestival) usw.. Diese entspricht den Zukunftsinteressen der Massen und der Vorbereitung einer internationalen sozialistischen Revolution und sie gilt es bewusst zu entwickeln.

b) Zu 7. Über die Behandlung der Denkweise in der sozialistischen Gesellschaft

a) Die Probleme des Klassenkampfs in der Sowjetunion in den 1930er Jahren

Hier habe ich überlegt, dass man die Auseinandersetzungen um die Bildende Kunst (siehe z.B. den Artikel im RF-Magazin zur „Ausstellung revolutionärer Kunst in Chemnitz“), oder die verzweifelten Erklärungsversuche der bürgerlichen Geschichtsschreiber zu Schostakovitsch und anderen Künstlern, die sich am Aufbau des Sozialismus beteiligten, aufnehmen sollte. In dieser Auseinandersetzung bin ich selbst leider nicht sehr bewandert.

(...)

Gruß

(Unterstreichung im Text durch RW-Redaktion)



Antwort von Stefan Engel an den Genossen

15.11.2018

Lieber Genosse,

vielen Dank für deine Vorschläge zur Behandlung von Fragen der Kunst und Kultur im RW 36/37 vom 21. August 2018. Ich bin leider erst jetzt dazu gekommen, im Rahmen der Veränderung der Gliederung, mich mit deinem Brief zu befassen.

Insgesamt halte ich deine schöpferischen Gedanken für sehr wertvoll und sie müssen unbedingt auch in unserem RW eingebracht werden.

Allerdings möchte ich auf einige Ungereimtheiten und auf Fehler aufmerksam machen:

  1. Du behauptest, dass die Herrschenden ein Dilemma hätten, „dass sie selbst keine ideologische Grundlage für die Entwicklung einer inhaltlich frischen, perspektivisch optimistischen Kunst haben, ohne Masseneinfluss aber nicht auskommen bzw. wollen.“
    Die These, dass die Herrschenden keine ideologische Grundlage haben, ist nicht richtig. Selbstverständlich ist die herrschende Kunst und Kultur Ausdruck der bürgerlichen Ideologie in seinen verschiedenste Facetten. Du beschreibst in deinem Brief daher selbst, dass sie natürlich im System der kleinbürgerlichen Denkweise eine wichtige Rolle spielen und dort auch eine entsprechende Modifikation erfahren haben. Aber die These, dass es keine ideologische Grundlage für ihre Dinge gibt, ist grundsätzlich falsch. Man muss genau untersuchen, wie ihr Problem, dass ihre bürgerliche Ideologie in der Krise ist und sie aber einen Masseneinfluss ergattern wollen, gelöst wird. Da wird zum Beispiel sehr viel mehr auf Form als auf Inhalt Wert gelegt, da wird mit der modernen Technik verschiedene Defizite in Inhalt und Form wiederum auszugleichen versucht, um die Leute zu beeindrucken. Das alles muss untersucht werden, kann aber nicht zu der These führen, dass sie keine ideologische Grundlage für ihre bürgerliche Kunst und Kultur haben.
  2. Du schreibst, dass heute nicht die offene Unterdrückung fortschrittlicher Elemente der Kultur die Hauptmethode sei. Das ist einerseits richtig, führt aber in deinen Ausführungen dazu, dass du dich mit der offenen Unterdrückung dazu in der Kultur gar nicht befasst. Es häufen sich doch Fälle, wo man Embleme und Fahnen nicht tragen, Lieder nicht mehr singen darf oder Parolen nicht mehr sprechen darf, weil sie politisch nicht genehm sind. Wir haben das selbst im Laufe dieses Jahres mehrmals bei Demonstrationen und Aktivitäten erlebt. Auch die Verfolgung von „Grup Yorum“ zielt ja letztlich überhaupt auf die Unterdrückung und Diskriminierung revolutionären Kulturguts. In verschiedenen Ländern der Welt, ist der Kommunismus direkt verboten einschließlich seiner Symbole, Losungen und seiner Kultur. Diese Tendenz hat auch mit der Renaissance offen reaktionärer Ideologien, hat auch etwas mit der internationalen Rechtsentwicklung zu tun, die bei deiner These eigentlich viel zu kurz kommt. Diese Rechtsentwicklung kann sehr schnell auch zur Hauptseite werden und muss auch in unserem RW entsprechend behandelt werden.
  3. Unverständlich ist deine These „Umgekehrt greifen die Massen auch Formen und Technik der bürgerlichen Massenkultur auf, um sie mit ihren Inhalten und in mehr oder weniger verwandelter Form ihrem Lebens- und Kampfwillen unterzuordnen, keineswegs nur auf dem Gebiet der Musik und Kunst, sondern auch der Technik, besonders der modernen Kommunikationstechnik. Das ist ein gesetzmäßiger und bereits spontaner Prozess, denn die materiellen Grundlagen für Sozialismus bzw. die Element der Auflösung der alten Gesellschaft reifen weiter.“
    Ich muss dir ehrlich sagen, ich habe diesen Absatz mehrmals gelesen und verstehe kein Wort. Was willst du denn damit eigentlich sagen? Dass jede Kunst und Kultur seine materielle Grundlage in der politisch-ökonomischen Basis der Gesellschaft hat? Dass das natürlich eine reaktionäre Widerspiegelung ist, die direkt zum reaktionären Überbau in der imperialistischen Gesellschaft gehört, aber auch zu fortschrittlichen Erscheinungen des Kampfs gegen diese Gesellschaft? Ich bitte dich, dich in der RW-Arbeit so auszudrücken, dass man damit auch etwas anfangen kann. Du musst deine Gedanken zu Ende führen und dann aufs Papier bringen und mir nicht ein solches Kauderwelsch vorlegen.
    Deine Vorschläge sind gut, aber man muss genau unterscheiden, was vorne behandelt wird bei der Dekadenz der bürgerlichen Kunst und Kultur und dann auch beim System der kleinbürgerlichen Denkweise, wozu wir eine extra Nummer des RW herausgeben. Es ist sehr wichtig, dass man hier genauer unterscheidet. Beide Teile haben eine bestimmte Berechtigung, sowohl im ersten wie im zweiten Teil unseres RW. Bitte bemühe dich doch, deine Vorschläge so exakt zu machen, dass sie auch entsprechend dem erwähnten RW 36 bzw. RW 37 zugeordnet werden können. Den neuen Gliederungsvorschlag lege ich dir bei.


Herzliche Grüße!

Stefan

Antwort des Genossen an Stefan Engel:

Lieber Stefan,

zunächst muss ich mich für die späte Antwort entschuldigen. Ich hatte mich mit deinem Brief – der am 28. Dezember 18 bei mir einging - erst nach der Revue-Aufführung im Januar 2019 befasst und den Brief auch nicht so verstanden, dass er unmittelbar beantwortet werden soll, sondern ich deinen Hinweisen entsprechend mich unter Schriftleitung, an der konkreten Erarbeitung des Abschnitts „6.3. Zunehmende Dekadenz in der bürgerlichen Massenkultur“ beteiligen soll.

(...)

Es gilt jetzt auf dem Niveau der Ergebnisse des Seminars weiter zu arbeiten, deshalb gehe ich in diesem Sinne nur kurz auf deine Hinweise zu meinem „alten“ Brief ein:

  1. Deine Kritik an meiner grundsätzlich falschen Behauptung, dass die Herrschenden ein Dilemma hätten, nämlich „dass sie selbst keine ideologische Grundlage für die Entwicklung einer inhaltlich frischen, perspektivisch optimistischen Kunst haben“ ist berechtigt. Das Seminar hat ja gerade deutlich gemacht, über welche Kanäle die bürgerliche Weltanschauung Einfluss auf das Denken nimmt. Genau deshalb muss ja das weltanschauliches Vorgefecht für die internationale sozialistische Revolution geführt werden. Wichtig finde ich deinen Hinweis, dass man genau untersuchen muss, „wie ihr Problem, dass ihre bürgerliche Ideologie in der Krise ist und sie aber einen Masseneinfluss ergattern wollen, gelöst wird. Da wird zum Beispiel sehr viel mehr auf Form als auf Inhalt Wert gelegt, da wird mit der modernen Technik verschiedene Defizite in Inhalt und Form wiederum auszugleichen versucht, um die Leute zu beeindrucken.“ Da gibt es meiner Meinung nach noch Defizite im Abschnitt 6.3.
  2. Dein nächster Hinweis an mich: „Du schreibst, dass heute nicht die offene Unterdrückung fortschrittlicher Elemente der Kultur die Hauptmethode sei. Das ist einerseits richtig, führt aber in deinen Ausführungen dazu, dass du dich mit der offenen Unterdrückung dazu in der Kultur gar nicht befasst.“ Das ist richtig. Neben dem Vorgang mit Grup Yorum gibt es das zunehmend auch gegenüber uns in Deutschland und gegenüber revolutionären Gruppen und Organisationen international. Die Tendenz der internationalen Rechtsentwicklung hatte ich bei der Erstellung der Reihe zur Internationalisierung der Musik natürlich noch nicht im Blick, in dem Punkt ist sie überholt. Dein Hinweis muss aber aufgenommen und entsprechend in diesem RW-Abschnitt berücksichtigt werden.
  3. Aus dem von dir als „unverständlich“ und als „Kauderwelsch“ bewertete Abschnitt will ich hier gar nicht mehr lang zitieren – er ist intellektuell-abstrakt formuliert. Es ging mir konkret darum: Der Prozess der ideologischen Einflussnahme der internationalen Übermonopole und ihrer nationalen Regierungen mit kulturellen Mitteln verläuft keineswegs widerspruchsfrei. Allgemein wird z. B. durch die internationale Vernetzung – auch der Nutzung digitaler Medien - und die wachsenden Möglichkeiten sich weltweit Informationen und auch kulturelle Produkte zu beschaffen, der lokal begrenzte Horizont erweitert – eine materielle Grundlage für den internationalen Zusammenschluss im eigenen Interesse bzw. der internationalen sozialistischen Revolution.

Soweit. Herzliche Grüße!

Brief des Genossen an Stefan Engel, 13.9.19

Zur Qualifizierung des Kulturbegriffs

In der Formulierung des Abschnitts „I. 6. 3. Zunehmende Dekadenz in der bürgerlichen

Massenkultur“ wird von einem anderen Genossen folgende Kennzeichnung des „Kulturbegriffs“ vorgenommen:

„In der Kultur fasst sich auf der Grundlage der materiellen Produktion der gesamte gesellschaftliche Fortschritt der Menschheit in ihrer Lebensweise, ihren Umgangsformen, ihren Sitten und Gebräuchen zusammen. Die Sprache, Bildung, Musik, Kunst, Literatur, Film oder Wissenschaft sind nur besondere Ausdrucksformen der Kultur. Jede Gesellschaftsform bestimmt ihr Kulturniveau. Dieses prägt zugleich die Gesellschaft und jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft. Der bürgerliche Kulturbegriff reduziert das Kulturverständnis auf Disziplinen des Kulturschaffens (Literatur, Musik, Theater usw.), der Wissenschaft, Religion und Philosophie. Mit der Entwicklung der Klassengesellschaften entstanden höhere Kulturformen und die Kultur nahm Klassencharakter an. “

In dieser Qualifizierung des Kulturbegriffs fehlt meines Erachtens die Seite der Natur als eine wesentliche Seite in der dialektischen Einheit von Kultur und Natur und ihrer Entwicklung. Die Natur ist für die Kultur des Menschen, seine materiellen Produktion, seine gesellschaftlichen Fortschritte keine gleich bleibende oder passive Konstante, sondern beweglich, aktiv und passiv.

Die weltbekannten Geoglyphen in Peru, die „Nasca-Linien“ beispielsweise, waren eine kulturelle Reaktion auf die objektive Veränderung des Klimas für das Volk der Nascas. Der Mensch hat auch mit der aktiven Veränderung der Natur - zum Beispiel durch Abholzung - das Klima verändert und damit selbst veränderte Bedingungen für die Produktion, die menschliche Lebensweise und ihre Umgangsformen, Sitten und Gebräuche – also auch seiner Kultur geschaffen. Solche Wirkungen, Wechselwirkungen und Durchdringungen finden ständig statt. Und heute - mitten im fortschreitenden Übergang zu einer globalen Umweltkatastrophe – kann der Kulturbegriff erst recht nicht unabhängig von der Rolle der Natur in der Einheit von Kultur und Natur qualifiziert werden.

Der „gesamte gesellschaftliche Fortschritt der Menschheit“ ist gerade Fortschritt wenn und weil er die Einheit von Mensch und Natur höher entwickelt. Er ist Auseinandersetzung mit der Natur, die sich im Lebenskampf der Menschen, geschichtlich in den Veränderungen der Produktion und in der Entwicklung des Denkens und der Kultur der Menschen widerspiegeln. Diese Veränderungen werden in kulturellen Formen zunächst für ihre Gemeinschaft, später für ihre Klasseninteressen zum Ausdruck gebracht, mit denen die Menschen die Probleme ihrer Stellung zur Natur und ihrer Stellung zu einander lösen wollen.

Deshalb schlage ich vor nach dem Satz „Jede Gesellschaftsform bestimmt ihr Kulturniveau.“ folgendes einzufügen:

„Dieses drückt sich in der Auseinandersetzung mit der Natur, den Veränderungen der Produktion, in der Entwicklung des Denkens und den Kulturformen der Menschen aus mit denen sie die Probleme ihrer Stellung zur Natur und ihrer Stellung zu einander und im Klassenkampf lösen wollen. Und dieses prägt...“

Dazu schreibt der andere Genosse am 23.9.19:

Das ist natürlich nicht falsch. Aber ich halte es nicht für notwendig, weil die materielle Produktion und die Lebensweise wesentlich die Wechselwirkung mit der Natur einschließt. Hier extra noch die Einheit von Mensch und Natur einfügen, würde die Frage aus etwas zusätzliches und außerhalb ergänzendes behandeln. Genauso gut, könnte man weitere Elemente hinzufügen, wie die Einheit von Frau und Mann, die Kinderaufzucht usw. Im RW 23 wurde diese Einheit von Mensch und Natur der Definition der Produktion zu grunde gelegt:

Jede Produktion ist Verbindung von Arbeit und Naturstoff. Der Mensch produziert, indem er durch seine Arbeit der Natur den stofflichen Reichtum abringt; er verändert die Formen der Naturstoffe und schafft die verschiedenen Gebrauchswerte, die für die menschliche Gesellschaft nützlich sind... Dieser Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur ist eine Bedingung jedes menschlichen Lebens und für alle Gesellschaftsformationen grundlegend.“ (Seite 9)

Antwort von Stefan Engel an die beiden Genossen, 10. Oktober 2019:

Liebe Genossen,

ich habe eure Diskussion zur Qualifizierung des Kulturbegriffs vom 13. September 2019 gelesen. Ich halte den Einwand für berechtigt. Es geht hier nicht darum, lange Ausführungen zu machen, aber der Kulturbegriff muss schon richtig qualifiziert werden. Dabei fällt mir auf, dass von euch unter Kultur nur geisteswissenschaftliche Sachen gefasst werden. Aber der Entwicklungsstand der Produktivkräfte, die Ernährung, die Körperkultur, die Bildung der Menschen etc. fehlt völlig. Hier folgt ihr offenbar tendenziell einem idealistischen Kulturbegriff. Es ist wichtig, dass wir von einem idealistischen Kulturbegriff wegkommen, der sich weder mit den materiellen Grundlagen in der Gesellschaft und in der Natur, noch mit der Lebensweise der Massen richtig befasst.

Herzliche Grüße

Stefan

Quellen & Links

Briefwechsel zur Frage des marxistisch-leninistischen KulturbegriffsBriefwechsel zur Frage des marxistisch-leninistischen Kulturbegriffs

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente zum System des RW

Stefan Engel, Leiter der Redaktion Revolutionärer Weg

6. August 2019

Lieber Genosse,

vielen Dank für deinen Brief vom 2. Februar 2019. Durch eine langwierige Krankheit und eine schwere Operation am Herzen konnte ich meine Arbeit erst im Juli wieder aufnehmen. Ich habe mir dein Dossier angeschaut und finde es sehr interessant, auch mit vielen Fakten belegt. Du stützt dich auf den RW 35 und untersuchst auch die verschiedensten Methoden, Aussagen des kleinbürgerlichen bzw. imperialistischen Ökologismus usw. Das ist uns sicherlich eine Hilfe für den RW 36, insbesondere für die Kritik an der bürgerlichen Naturwissenschaft.

In einer Frage bin ich allerdings nicht einig. Du sprichst immer wieder von einer »Klimawissenschaft«. Gleichzeitig sagst du aber, dass dieser »Klimawissenschaft« eine »positivistische Weltanschauung und kleinbürgerlich-ökologistische Denkweise« zugrunde liegt. Das passt nicht richtig zusammen. Das widerspricht dem Konspekt zum »Materialismus und Empiriokritizismus.«

Unser RW-Seminar im April hat sich mit einer ähnlichen Frage auseinandergesetzt, nämlich ob man die Medizin gemeinhin als Wissenschaft bezeichnen kann. Wir haben uns dazu mit dem Wissenschaftsbegriff des Marxismus-Leninismus befasst. In unserem Einleitungsreferat heißt es:

»Der Marxismus-Leninismus machte aus der Utopie des Sozialismus eine Wissenschaft. Dafür war es erstens notwendig, dass eine in sich geschlossene marxistisch-leninistische Theorie entwickelt wurde, als Basis für die Wissenschaftlichkeit der sozialistischen Arbeiterbewegung. Zweitens ging es darum, mithilfe der dialektisch-materialistischen Methode eine wissenschaftliche Analyse zu schaffen, die ausgehend von der wissenschaftlichen Theorie die Veränderung der Wirklichkeit fortlaufend analysiert und dabei die theoretische Grundlage immer wieder weiterentwickelt. Drittens teilt sich die wissenschaftliche Betrachtung in eine logische und eine historische Analyse. Die logische Betrachtung erfasst vor allem die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich die revolutionäre Bewegung entwickelt, in Wechselwirkung mit der gesellschaftlichen Entwicklung, während die historische Analyse sich mit der jeweiligen konkreten Situation befasst, in der diese Gesetzmäßigkeiten wirken und in Erscheinung treten.«

An einer späteren Stelle befassten wir uns in dem Referat mit der Frage der Medizin. Einem Genossen wird geantwortet:

»Er verwechselt, dass es natürlich in der Medizin wie in jedem anderen Bereich eine ganze Reihe wissenschaftlicher Experimente und Erkenntnisse gibt, die auch die Grundlage der heutigen Medizin bilden. Dennoch kann man bei der Medizin im marxistisch-leninistischen Sinn nicht von einer Wissenschaft sprechen, da es ihr bis zum heutigen Tag an einer einheitlichen, in sich geschlossenen wissenschaftlichen Theorie und Methode fehlt! Im Grunde reduziert sich die Wissenschaft der Medizin meist auf die einfache Kausalität, reißt die inneren Zusammenhänge der menschlichen Physis und Psyche auseinander und ist kaum in der Lage, die Dinge in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Bei dieser Auseinandersetzung geht es jedoch nicht um die Einordnung der Medizin. Es geht um einen marxistisch-leninistischen Begriff von Wissenschaft. Friedrich Engels unterscheidet explizit zwischen Wissen und Wissenschaft, oder anders gesagt zwischen empirisch begründeten Einzelerkenntnissen und Wissenschaft und stellt klare Kriterien für den qualitativen Sprung vom Wissen zur Wissenschaft auf:

'Die zahllosen, durcheinander gewürfelten Data der Erkenntnis wurden geordnet, gesondert und in Kausalverbindung gebracht; das Wissen wurde Wissenschaft, die Wissenschaften näherten sich ihrer Vollendung, d.h. knüpften sich auf der einen Seite an die Philosophie, auf der andern an die Praxis an.' (»Die Lage Englands«, Marx/Engels, Werke, Bd. 1, S. 550).

Die dialektische Behandlung der Einzelerkenntnisse als Wissenschaft besteht also nach unseren Klassikern sowohl in ihrer systemischen dialektischen Darstellung wie auch in ihrem Bezug zur Praxis. Wissenschaft auf Wissen oder auf die Praxis zu reduzieren offenbart ein rein positivistisches Verständnis und landet im nackten Pragmatismus. Die positivistische Pseudowissenschaft beruht gerade darauf, mit Verweis auf lediglich empirisch belegbare Einzelerkenntnisse die Forderung nach einer umfassenden Theoriebildung bewusst als unmöglich zurückzuweisen.

Die Behauptung der Medizin als Wissenschaft überhöht nicht nur die Medizin, sondern stellt prinzipiell den Marxismus-Leninismus als Wissenschaft und seinen Wissenschaftsbegriff infrage.«

Ich sehe das in Bezug auf die Klimaforschung ähnlich. Warum verwendest du nicht einfach den Begriff »Klimaforschung«?

An einer Stelle unterstellst du einem gewissen James Hansen, dass er eine dialektisch-materialistische Kritik an dem Klimaziel der 2° Erderwärmung übt. Was du aber darstellst, sind höchstens einzelne Versatzstücke einen dialektischen Kritik. Man muss immer bedenken, dass die einzelnen Elemente der Dialektik für sich genommen zugleich auch metaphysisch sind. Nehmen wir das dialektische Element der Kausalität. Diese Kausalität ist in ihrer Vereinzelung und Absolutheit noch Metaphysik. Im Rahmen einer dialektischen Betrachtungsweise wird sie zum Element der Dialektik. Ich kenne natürlich die gesamte Kritik von Hansen nicht im Wortlaut, aber ich vermute, dass diese Kennzeichnung eine Überhöhung darstellt.

Ich lege dir auch einige Klassiker-Zitate bei, die Wesensmerkmale des marxistisch-leninistischen Wissenschaftsbegriffs in der Kritik an seiner Vulgarisierung verdeutlichen: Wissenschaft ist die Theorie und Methode des menschlichen Erkenntnisfortschritts, die von der objektiven Realität ausgeht und sich dieser mit der dialektisch-materialistischen Methode systematisch annähert.

Herzliche Grüße

Stefan

Anlage: Merkmale des marxistisch-leninistischen Wissenschaftsbegriffs

Merkmale des marxistisch-leninistischen Wissenschaftsbegriffs

1. Der wissenschaftliche Sozialismus knüpft an ökonomischen Tatsachen und bisherigen Erkenntnissen der Menschheit an

Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunächst das Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der heutigen Gesellschaft herrschenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten und Lohnarbeitern, andrerseits der in der Produktion herrschenden Anarchie.

Aber seiner theoretischen Form nach erscheint er anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich konsequentere Fortführung der von den großen französischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze. Wie jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial, so sehr auch seine Wurzel in den materiellen ökonomischen Tatsachen lag.“ (Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW, Bd. 19, S. 189)

2. Der Sozialismus als Wissenschaft steht auf dem Boden der objektiven Wirklichkeit

Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte er erst auf einen realen

Boden gestellt werden.“ (ebda, S. 201)

3. Die Analyse der einzelnen Vorgänge und Dinge in der Natur war eine Grundbedingung für gewaltige Erkenntnisfortschritte, hinterließ aber die bornierte metaphysischen Denkweise, indem sie diese zergliedernde Anschauungsweise auf die Weltanschauung übertrug

Die Zerlegung der Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen Naturvorgänge und Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die Untersuchung des Innern der organischen Körper nach ihren mannigfachen anatomischen Gestaltungen war die Grundbedingung der Riesenfortschritte, die die letzten vierhundert Jahre uns in der Erkenntnis der Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand; nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste Bestände; nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem T o d . Und indem, wie dies durch Bacon und Locke geschah, diese Anschauungsweise aus der Naturwissenschaft sich in die Philosophie übertrug, schuf sie die spezifische Borniertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise.“ (ebda., S. 203)

4. Die moderne Naturwissenschaft liefert täglich Beweise, dass es in der Natur dialektisch und nicht metaphysisch zugeht.

Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Pro­be ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material ge­liefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter In­stanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises be­wegt, sondern eine wirkliche Ge­schichte durchmacht. (…) Da aber die Naturforscher bis jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt ha­ben, so erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten Re­sultate mit der hergebrachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in der theoreti­schen Naturwis­senschaft herrscht.“ (ebda., S. 205)

5. Die wissenschaftliche Darstellung der Welt und der Menschheit ist nur auf dialektischem Weg möglich

Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen.“ (ebda., S. 205

6. Wissenschaft ist systematische Erkenntnis der Welt

Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenfortschritte machen kann.“ (ebda., S. 206/207)

7. Die einzelne Wissenschaft wird mit der Bewusstheit über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge überflüssig, geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte

Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung her­antritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klarzuwerden, ist jede besondre Wissenschaft vom Gesamtzusammen­hang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen Philoso­phie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Geset­zen - die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissen­schaft von Natur und Geschichte.“ (ebda., S. 207)

8. Die Wissenschaft des Sozialismus ist keine Entdeckung eines genialen Kopfs, sondern das notwendige Erzeugnis des Kampfs zweier geschichtlich entstandener gesellschaftlichen Klassen, Proletariat und Bourgeoisie

jetzt war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.

Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandnen Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie.“ (ebda., S. 208)

9. Mit der Entdeckung der materialistischen Geschichtsauffassung und des Mehrwerts als Wesen der kapitalistischen Produktionsweise wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die von nun an weiterentwickelt werden musste

Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische Geschichtsauffassung und die Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts verdanken wir Marx. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die es sich nun zunächst darum handelt, in allen ihren Einzelnheiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.“ (ebda., S. 209)

10. Sozialistische Wissenschaft ist der theoretische Ausdruck der proletarischen Bewegung

Diese weltbefreiende Tat [die proletarische Revolution] durchzuführen, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen, und damit ihre Natur selbst, zu ergründen und so der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.“ (ebda., S. 228)

11. Die Entwicklung der Wissenschaft treibt sie zum Nachweis des systematischen Zusammenhangs der Naturvorgänge

Die Einsicht, daß die Gesamtheit der Naturvorgänge in einem systematischen Zusammenhang steht, treibt die Wissenschaft dahin, diesen systematischen Zusammenhang überall im einzelnen wie im ganzen nachzuweisen.“ (Engels, Anti-Dührung, MEW, Bd. 20, S. 34)

12. Jede Wissenschaft geht aus den Bedürfnissen der Menschen hervor

Wie alle andern Wissenschaften ist die Mathematik aus den Bedürfnissen der Menschen hervorgegangen: aus der Messung von Land und Gefäßinhalt, aus Zeitrechnung und Mechanik.“ (ebda., S. 36)

13. Der marxistisch-leninistische Wissenschaftsbegriff umfasst drei große Bereiche: die unbelebte Natur, die organische Natur, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen

Wir können das ganze Gebiet des Erkennens nach altbekannter Art in drei große Abschnitte teilen. Der erste umfaßt alle Wissenschaften, die sich mit der unbelebten Natur beschäftigen und mehr oder minder einer mathematischen Behandlung fähig sind: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik, Chemie. (…)

Die zweite Klasse von Wissenschaften ist die, welche die Erforschung der lebenden Organismen in sich begreift. Auf diesem Gebiet entwickelt sich eine solche Mannigfaltigkeit der Wechselbeziehungen und Ursächlichkeiten, daß nicht nur jede gelöste Frage eine Unzahl neuer Fragen aufwirft, sondern auch jede einzelne Frage meist nur stückweise, durch eine Reihe on oft Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Forschungen gelöst werden kann; wobei dann das Bedürfnis systematischer Auffassung der Zusammenhange stets von neuem dazu nötigt, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz mit einer überwuchernden Anpflanzung von Hypothesen zu umgeben. (…)

Noch schlimmer aber steht es mit den ewigen Wahrheiten in der dritten Gruppe von Wissenschaften, der historischen, die die Lebensbedingungen der Menschen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rechts- und Staatsformen mit ihrem idealen Überbau von Philosophie, Religion, Kunst usw. in ihrer geschichtlichen Folge und ihrem gegenwärtigen Ergebnis untersucht.“ (ebda., S. 81/82)

14. Eine wissenschaftliche Analyse setzt das Begreifen des Wesens einer Sache voraus

daß also eine wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz nur möglich, sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist, ganz wie die scheinbare Bewegung der Himmelskörper nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare Bewegung kennt;“ (ebda., S. 198)

15. Jede Wissenschaft geht von den gegebenen Tatsachen aus und entdeckt in den Tatsachen die Zusammenhänge

Darüber sind wir alle einig, daß auf jedem wissenschaftlichen Gebiet in Natur wie Geschichte von den gegebenen Tatsachen auszugehn ist, in der Naturwissenschaft also von den verschiednen sachlichen und Bewegungsformen der Materie; daß also auch in der theoretischen Naturwissenschaft die Zusammenhänge nicht in die Tatsachen hineinzukonstruieren, sondern aus ihnen zu entdecken und, wenn entdeckt, erfahrungsmäßig soweit dies möglich nachzuweisen sind.“ (ebda., S. 334)

16. Die marxistisch-leninistische Wissenschaft stößt wegen ihrer Parteilichkeit für die Befreiung der Arbeiterklasse von der Lohnsklaverei auf erbitterte Feindschaft der gesamten bürgerlichen Wissenschaft

Die Lehre von Marx stößt in der ganzen zivilisierten Welt auf die erbittertste Feindschaft und den größten Haß der gesamten bürgerlichen Wissenschaft (der offiziellen wie der liberalen), die im Marxismus eine Art „schädlicher Sekte" erblickt. Ein anderes Verhalten kann man auch nicht erwarten, denn eine „unparteiische" Sozialwissenschaft kann es in einer auf Klassenkampf aufgebauten Gesellschaft nicht geben. Jedenfalls ist es Tatsache, daß die gesamte offizielle und liberale Wissenschaft die Lohnsklaverei verteidigt, während der Marxismus dieser Sklaverei schonungslosen Kampf angesagt hat.“ (Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke, Bd. 19, S. 3)

17. Der Marxismus-Leninismus ist in sich geschlossen, gab auf die Fragen Antwort, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte

Die ganze Genialität Marx' besteht gerade darin, daß er auf die Fragen Antwort gegeben hat, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte. Seine Lehre entstand als direkte und unmittelbare Fortsetzung der Lehren der größten Vertreter der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus.

Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinelei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt.“ (ebda., S. 3/4)

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente zum System des RW

1. Der wissenschaftliche Sozialismus knüpft an ökonomischen Tatsachen und bisherigen Erkenntnissen der Menschheit an

Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunächst das Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der heutigen Gesellschaft herrschenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten und Lohnarbeitern, andrerseits der in der Produktion herrschenden Anarchie.Aber seiner theoretischen Form nach erscheint er anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich konsequentere Fortführung der von den großen französischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze. Wie jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial, so sehr auch seine Wurzel in den materiellen ökonomischen Tatsachen lag.“ (Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW, Bd. 19, S. 189)

2. Der Sozialismus als Wissenschaft steht auf dem Boden der objektiven Wirklichkeit

Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte er erst auf einen realen Boden gestellt werden.“ (ebenda, S. 201)

3. Die Analyse der einzelnen Vorgänge und Dinge in der Natur war eine Grundbedingung für gewaltige Erkenntnisfortschritte, hinterließ aber die bornierte metaphysischen Denkweise, indem sie diese zergliedernde Anschauungsweise auf die Weltanschauung übertrug

Die Zerlegung der Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen Naturvorgänge und Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die Untersuchung des Innern der organischen Körper nach ihren mannigfachen anatomischen Gestaltungen war die Grundbedingung der Riesenfortschritte, die die letzten vierhundert Jahre uns in der Erkenntnis der Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand; nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste Bestände; nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem Tod. Und indem, wie dies durch Bacon und Locke geschah, diese Anschauungsweise aus der Naturwissenschaft sich in die Philosophie übertrug, schuf sie die spezifische Borniertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise.“ (ebenda., S. 203)

4. Die moderne Naturwissenschaft liefert täglich Beweise, dass es in der Natur dialektisch und nicht metaphysisch zugeht.

Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises bewegt, sondern eine wirkliche Geschichte durchmacht. (…) Da aber die Naturforscher bis jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt haben, so erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten Resultate mit der hergebrachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in der theoretischen Naturwissenschaft herrscht. ...“ (ebenda., S. 205)

5. Die wissenschaftliche Darstellung der Welt und der Menschheit ist nur auf dialektischem Weg möglich

Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen.“ (ebenda., S. 205)

6. Wissenschaft ist systematische Erkenntnis der Welt

Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenfortschritte machen kann.“ (ebenda., S. 206/207)

7. Die einzelne Wissenschaft wird mit der Bewusstheit über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge überflüssig, geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte

Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klarzuwerden, ist jede besondre Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen - die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.“ (ebenda., S. 207)

8. Die Wissenschaft des Sozialismus ist keine Entdeckung eines genialen Kopfs, sondern das notwendige Erzeugnis des Kampfs zweier geschichtlich entstandener gesellschaftlichen Klassen, Proletariat und Bourgeoisie

Jetzt war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.

Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandnen Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie.“ (ebenda., S. 208)

9. Mit der Entdeckung der materialistischen Geschichtsauffassung und des Mehrwerts als Wesen der kapitalistischen Produktionsweise wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die von nun an weiterentwickelt werden musste

Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische Geschichtsauffassung und die Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts verdanken wir Marx. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die es sich nun zunächst darum handelt, in allen ihren Einzelnheiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.“ (ebenda., S. 209)

10. Sozialistische Wissenschaft ist der theoretische Ausdruck der proletarischen Bewegung

Diese weltbefreiende Tat [die proletarische Revolution] durchzuführen, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen, und damit ihre Natur selbst, zu ergründen und so der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.“ (ebenda., S. 228)

11. Die Entwicklung der Wissenschaft treibt sie zum Nachweis des systematischen Zusammenhangs der Naturvorgänge

Die Einsicht, daß die Gesamtheit der Naturvorgänge in einem systematischen Zusammenhang steht, treibt die Wissenschaft dahin, diesen systematischen Zusammenhang überall im einzelnen wie im ganzen nachzuweisen.“ (Engels, Anti-Dührung, MEW, Bd. 20, S. 34)

12. Jede Wissenschaft geht aus den Bedürfnissen der Menschen hervor

Wie alle andern Wissenschaften ist die Mathematik aus den Bedürfnissen der Menschen hervorgegangen: aus der Messung von Land und Gefäßinhalt, aus Zeitrechnung und Mechanik.“ (ebenda., S. 36)

13. Der marxistisch-leninistische Wissenschaftsbegriff umfasst drei große Bereiche: die unbelebte Natur, die organische Natur, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen

Wir können das ganze Gebiet des Erkennens nach altbekannter Art in drei große Abschnitte teilen. Der erste umfaßt alle Wissenschaften, die sich mit der unbelebten Natur beschäftigen und mehr oder minder einer mathematischen Behandlung fähig sind: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik, Chemie. (…)

Die zweite Klasse von Wissenschaften ist die, welche die Erforschung der lebenden Organismen in sich begreift. Auf diesem Gebiet entwickelt sich eine solche Mannigfaltigkeit der Wechselbeziehungen und Ursächlichkeiten, daß nicht nur jede gelöste Frage eine Unzahl neuer Fragen aufwirft, sondern auch jede einzelne Frage meist nur stückweise, durch eine Reihe von oft Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Forschungen gelöst werden kann; wobei dann das Bedürfnis systematischer Auffassung der Zusammenhänge stets von neuem dazu nötigt, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz mit einer überwuchernden Anpflanzung von Hypothesen zu umgeben. (…)

Noch schlimmer aber steht es mit den ewigen Wahrheiten in der dritten Gruppe von Wissenschaften, der historischen, die die Lebensbedingungen der Menschen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rechts- und Staatsformen mit ihrem idealen Überbau von Philosophie, Religion, Kunst usw. in ihrer geschichtlichen Folge und ihrem gegenwärtigen Ergebnis untersucht.“ (ebenda., S. 81/82)

14. Eine wissenschaftliche Analyse setzt das Begreifen des Wesens einer Sache voraus

daß also eine wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz nur möglich, sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist, ganz wie die scheinbare Bewegung der Himmelskörper nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare Bewegung kennt; ...“ (ebenda., S. 198)

15. Jede Wissenschaft geht von den gegebenen Tatsachen aus und entdeckt in den Tatsachen die Zusammenhänge

Darüber sind wir alle einig, daß auf jedem wissenschaftlichen Gebiet in Natur wie Geschichte von den gegebenen Tatsachen auszugehn ist, in der Naturwissenschaft also von den verschiednen sachlichen und Bewegungsformen der Materie; daß also auch in der theoretischen Naturwissenschaft die Zusammenhänge nicht in die Tatsachen hineinzukonstruieren, sondern aus ihnen zu entdecken und, wenn entdeckt, erfahrungsmäßig soweit dies möglich nachzuweisen sind.“ (Engels, Dialektik der Natur, MEW, Bd. 20, S. 334)

16. Die marxistisch-leninistische Wissenschaft stößt wegen ihrer Parteilichkeit für die Befreiung der Arbeiterklasse von der Lohnsklaverei auf erbitterte Feindschaft der gesamten bürgerlichen Wissenschaft

Die Lehre von Marx stößt in der ganzen zivilisierten Welt auf die erbittertste Feindschaft und den größten Haß der gesamten bürgerlichen Wissenschaft (der offiziellen wie der liberalen), die im Marxismus eine Art „schädlicher Sekte" erblickt. Ein anderes Verhalten kann man auch nicht erwarten, denn eine „unparteiische" Sozialwissenschaft kann es in einer auf Klassenkampf aufgebauten Gesellschaft nicht geben. Jedenfalls ist es Tatsache, daß die gesamte offizielle und liberale Wissenschaft die Lohnsklaverei verteidigt, während der Marxismus dieser Sklaverei schonungslosen Kampf angesagt hat.“ (Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, LW, Bd. 19, S. 3)

17. Der Marxismus-Leninismus ist in sich geschlossen, gab auf die Fragen Antwort, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte

Die ganze Genialität Marx' besteht gerade darin, daß er auf die Fragen Antwort gegeben hat, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte. Seine Lehre entstand als direkte und unmittelbare Fortsetzung der Lehren der größten Vertreter der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus.

Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt.“ (ebenda., S. 3/4)

Im November 2016 verfasste Diethard Möller eine »Kritik an Stefan Engels ‚Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution‘ und den Positionen der MLPD«. Dieses Pamphlet mit dem Titel »Was ist mit der internationalen Revolution?« ist so hanebüchen, dilettantisch und unwissenschaftlich, dass man es eigentlich ignorieren könnte. Da das Dokument, unterzeichnet von Niels Clasen, aber inzwischen von der 1994 in Quito/Ecuador gegründeten Konferenz marxistisch-leninistischer Parteien und Organisationen (CIPOML) 2018 in die internationale Öffentlichkeit getragen wurde, ist eine öffentliche Antwort notwendig.

Auf 30 Seiten hat Diethard Möller versucht, sozusagen en passant den Revolutionären Weg 32-34, der in der Öffentlichkeit unter dem Titel „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution“ erschienen ist, zu „erledigen“. Seiner Meinung nach wird in diesem Buch nur „mit Begriffen jongliert und Verwirrung gestiftet.“ (S. 4) Er wirft dem Buch »idealistische Jubelphrasen von der ‚internationalen Revolution‘« vor, »schwammige Phrasen« (S. 29), »Flucht in schöne Geisteswelten«. Überdies hält er es für völlig ausreichend, das vor mehr als 170 Jahren erschienene Manifest der Kommunistischen Partei von Marx und Engels sowie die Analyse von Lenin über den Imperialismus zu studieren, um die Fragen zu beantworten, die der Klassenkampf zum Sturz des Imperialismus heute aufwirft. Nicht zuletzt wirft er der Schrift die Theorie des Ultraimperialismus von Karl Kautsky und den reaktionären Trotzkismus vor.

Kann Diethard Möller in seinen Ausführungen diesem vernichtenden Urteil gerecht werden?

1.) beginnt er mit der Behauptung: »Fakten für die doch recht merkwürdige Vorstellung von einem ‚Kartell des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals‘ werden nicht geliefert.« (S. 3f.) Das ist eine eklektizistische Gaunerei, da er geflissentlich den Verweis in der Einleitung auf die Schrift »Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘« übergeht.

Es reicht nicht, dass Möller dieses Buch völlig ignoriert. Er behauptet sogar, dass diese Analyse gar nicht existiert. Das ist nicht nur dreister Eklektizismus, sondern setzt darauf, dass seine Leser nach seiner Behauptung die »Götterdämmerung …« überhaupt nicht in die Hand nehmen. Tatsächlich sind die beiden Bücher »Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘« und »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« zwei aufeinanderfolgende Bände, wobei der erste Band die ökonomische Grundlage der in der »Morgenröte …« entwickelten proletarischen Strategie und Taktik darstellt. In fast 600 Seiten mit 68 Tabellen und 31 Grafiken wurden für die These der Neuorganisation der internationalen Produktion nicht nur genügend »Fakten geliefert«, sondern eine unwiderlegbare Beweisführung für die allseitige Diktatur des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals ausgearbeitet.

2.) kritisiert Diethard Möller: »Offensichtlich werden Marx, Engels, Lenin, Stalin in seinem Buch nur als Schmuckstücke angeführt, die den Glanz des Meisters erhöhen sollen, statt sich mit ihren wirklichen, realen und dialektisch-materialistischen Analysen ernsthaft auseinanderzusetzen. Wir könnten hier noch zahlreiche zusammen gestutzte Zitate anführen. Und wenn Marx, Engels, Lenin und Stalin bereits alles gesagt haben, die angeblich alle Stefan Engels Thesen, ohne diese zu kennen, bestätigt haben, dann stellt sich die Frage, was wirklich neu ist. An dieser Stelle wird es immer schwammig, wie z.B. bei der Frage, ob der Staat nun noch reale Macht hat oder nicht.« (S. 18)

Diese Darstellung verkennt vollständig die Notwendigkeit in der theoretischen Arbeit, entsprechend dem dialektischen Prinzip der Vereinigung von Analyse und Synthese immer von der grundsätzlichen Seite, das heißt von den Klassikern des Marxismus-Leninismus und den Mao Zedong-Ideen auszugehen, wenn man eine konkrete Analyse macht. Deshalb sind die vielen Zitate von Marx und Engels keine »Schmuckstücke« (S. 18), sondern eine wissenschaftliche Ausgangssynthese, von der jede konkrete Analyse ausgehen muss. Das Zerreißen des Prinzips von Analyse und Synthese muss entweder zum Dogmatismus oder zum Revisionismus führen.

Für Möller sind Klassikerzitate nur »Schmuckstücke«. Er begreift nicht, dass sie dazu dienen, das Wesen ihrer Schriften zu verstehen und ihre allgemeingültigen Aussagen von dem konkreten, zeitbedingten Text zu trennen. Diese Unterscheidung zwischen grundsätzlichen Aussagen der Klassiker und zeitbedingten Aussagen ist Diethard Möller fremd, wenn er behauptet, dass viele Thesen in der Analyse der »Götterdämmerung …« und der »Morgenröte …« bereits bei den Klassikern zu lesen seien.

3.) Offensichtlich kann Diethard Möller mit den Zitaten der Klassiker nicht viel anfangen, wenn er sie als »Schmuckstücke« abtut, mit denen sich der Autor hervorheben will. So kritisiert er in seinem Pamphlet: »So spricht Engel von ‚Übermonopolen‘… Die Wortschöpfung von Engel soll aber wohl aussagen, dass es etwas ganz Neues gibt, das Lenin nicht kannte und über dem Monopol steht.« (S. 4) »Soll eine solche Wortschöpfung einschüchtern und die ‚Größe‘ ihres Schöpfers beweisen?« (S. 4), fragt Möller ironisch. Diese Kritik zeigt nur, dass Diethard Möller vom Marxismus-Leninismus keine Ahnung hat. Der Begriff Übermonopol ist nicht etwa eine Wortschöpfung in meiner Schrift, sondern wird bereits von Lenin in seinem weltberühmten und für alle Marxisten-Leninisten grundlegenden Buch »Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« verwendet. Lenin bezeichnet dort „eine neue Stufe der Weltkonzentration des Kapitals und der Produktion, eine unvergleichlich höhere Stufe als die vorangegangenen. Wir wollen sehen, wie dieses Übermonopol heranwächst“. (Lenin, Werke, Band 22, Seite 250 – Hervorhebung Verf.). Damals war diese Aussage Lenins noch eine These, eine Prognose für die Zukunft, weil solche Übermonopole sich erst herauszubilden begannen. Wir haben uns 100 Jahre später damit befasst, was aus dieser These geworden ist. Die Übermonopole sind nicht mehr nur eine Besonderheit des imperialistischen Weltsystems, sondern zur Allgemeinheit geworden. Sie haben sich gemeinsam zu einem allein herrschenden internationalen Finanzkapital zusammengefunden, das der ganzen Weltwirtschaft ihr Diktat verordnet.

Als unsere Genossen in einer mündlichen Kritik Diethard Möller auf diesen Lapsus aufmerksam machten, hat er diese Stelle aus seinem Pamphlet stillschweigend gestrichen, ohne irgend ein selbstkritisches Wort zu verlieren oder seine damit verbundene Herabsetzung des Leiters des theoretischen Organs der MLPD „Revolutionärer Weg“ auch nur im geringsten zurückzunehmen.

Was allerdings soll die Kritik an »Wortschöpfungen« bringen? Jede theoretische Arbeit muss auch neue Begriffe für neue Erscheinungen und wesentliche Veränderungen hervorbringen, um sie richtig zu qualifizieren und auf den Punkt zu bringen. Die Aufgabe der konkreten Analyse der konkreten Situation ist es gerade, sich mit diesen neuen Fragen auseinanderzusetzen und damit die marxistisch-leninistische Theorie zu erweitern, zu konkretisieren und auch weiterzuentwickeln. Das entspricht auch dem dialektischen Prinzip, immer feinere Begriffe zu bilden, um den Prozess vom Wesen zum immer tieferen Wesen richtig zu qualifizieren. Aber ein solches Verständnis kann man von Diethard Möller nicht erwarten. Er meint, dass 100 Jahre Entwicklung des Imperialismus bereits im Kommunistischen Manifest vor 170 Jahren nachzulesen sei. Damals gab es den kapitalistischen Imperialismus noch gar nicht. Lenin sah die Herausbildung des Imperialismus etwa um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert.

4.) fragt Diethard Möller: »Was soll am ‚internationalen Charakter der Produktion‘ neu sein? Schon im Kommunistischen Manifest beschreiben Marx und Engels, wie das Kapital den Weltmarkt schafft und sich die gesamte Welt unterordnet …«. (S. 5)

Kann es wirklich sein, dass Diethard Möller der fundamentale Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Vorhersage und ihrem Eintreten in der Wirklichkeit entgangen ist? Natürlich hat bereits der Kapitalismus eine Tendenz der Ausweitung der politischen Ökonomie auf den Weltmarkt geschaffen. Aber Marx konnte nur von einer Handvoll kapitalistischer Länder ausgehen, in denen sich überhaupt der Kapitalismus durchgesetzt hatte. Der Weltmarkt hatte erst begonnen, sich zu entwickeln und entwickelte sich auf der Basis dieser Tendenz. Das hatte allerdings mit dem internationalen Charakter der kapitalistischen Produktion noch nichts zu tun. Denn die Organisationsform der kapitalistischen Produktion hatte im Zeitalter der freien Konkurrenz, ja selbst im imperialistischen Zeitalter bis zu Beginn der 1990er Jahre nationalstaatlichen Charakter. Der Nationalstaat wurde zur Notwendigkeit, damit sich der Kapitalismus überhaupt entwickeln konnte. Deshalb hatten auch der Kampf um die Schaffung von Nationalstaaten gegenüber der vorherrschenden feudalen Kleinstaaterei und der antiimperialistische Kampf der Kolonien zur Bildung eigener Nationalstaaten einen fortschrittlichen Charakter. Nationalstaat und Herausbildung des Kapitalismus bilden also eine grundlegende internationale Einheit.

Heute haben wir es allerdings damit zu tun, dass eben diese nationalstaatliche Produktion nicht mehr die hauptsächliche Organisationsform des Kapitals ist, sondern dass heute die länderübergreifende Produktion, Handel und Verteilung typisch sind und damit die immer noch notwendige politische Organisationsform des Nationalstaats mehr und mehr sprengen. Von dieser Möglichkeit noch im Kapitalismus sind weder Marx noch Lenin ausgegangen. Diesen kleinen Unterschied schiebt Diethard Möller in seinem Dogmatismus geflissentlich beiseite, obwohl er für die Daseinsweise der internationalen Monopole und ihrer Nationalstaaten fundamental ist.

5.) meint Möller: »Lenin hat sehr treffend die besonderen Merkmale des Imperialismus analysiert und dazu Fakten geliefert. Was soll nun neu sein?«. (S. 6) Dass Lenin damals die besonderen Merkmale des Imperialismus treffend analysiert und die Fakten geliefert hat, will niemand bestreiten. Aber diese Merkmale waren zeitweilig auf die damalige Situation bezogen. Inzwischen haben sich eine ganze Reihe neuer Merkmale des Imperialismus herausgebildet, einige alte sind verschwunden.

Solche waren der Übergang vom monopolistischen Kapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus, die Ersetzung des alten Kolonialsystems durch ein neokoloniales System des Imperialismus, die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion mit der Herausbildung eines bürokratischen staatsmonopolistischen Kapitalismus neuen Typs, die Neuorganisation der internationalen Produktion seit den 1990er Jahren, aber auch die Herausbildung einer Reihe neuimperialistischer Länder auf dieser Basis und nicht zuletzt die gesetzmäßige Zerstörung der Umwelt als unabdingbares Gesetz des Imperialismus in seiner fortgeschrittenen Phase heute. Diese neuen Erscheinungen und wesentlichen Veränderungen kamen bei Lenin selbstredend nicht vor.

Solche Merkmale kann man allerdings nur erforschen, wenn man eine umfassende und allseitige Analyse der neuen Erscheinungen und wesentlichen Veränderungen der Wirklichkeit durchführt, wie es die MLPD in ihrem System „Revolutionärer Weg“ seit 1969 macht. Jede einzelne der bisher 35 Nummern untersuchte ein Problem, das im Brennpunkt stand, alle Nummern zusammen bilden ein System zur praktischen Lösung der Aufgaben des Parteiaufbaus und Klassenkampfs.

6.) Diethard Möller behauptet, die Qualifizierung einer Internationalisierung des Klassenkampfes sei »sehr dürr und vor allem im ökonomischen Teil nicht belegt«. (S. 3) Das Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« zeigt auf, dass auf der Grundlage der Neuorganisation der internationalen Produktion »länderübergreifende Streiks in den Betrieben internationaler Übermonopole zu einer neuen Erscheinung geworden (sind). Sie erschüttern die kapitalistische Produktion am tiefsten und haben die Tendenz, schnell auf andere Länder überzugreifen, sich über Ländergrenzen hinweg zu einer Streikwelle auszudehnen.« (S. 385)

Auch Erscheinungsformen wie eine länderübergreifende revolutionäre Gärung in Lateinamerika nach der Jahrtausendwende oder der „Arabische Frühling“ 2011 sind nur auf der Grundlage des internationalisierten Charakters der Produktion überhaupt zu verstehen.

Diese neuen Erscheinungen der Internationalisierung der Klassenkämpfe interessieren den Zirkeltheoretiker Diethard Möller nur wenig. Hätte er sie hinterfragt, so wäre er vielleicht auf die Fragestellung gekommen, aus welchem Grund sich neben dem nationalen Klassenkampf auch ein internationaler, länderübergreifender Klassenkampf herausbildete. Das muss eine ökonomische Grundlage haben, die wir in der Analyse der »Götterdämmerung …« entwickelt haben.

Die große Bedeutung dieser Analyse besteht darin, dass die These von Lenin von der Kettenreaktion sozialistischer Revolutionen in den bedeutendsten imperialistischen Ländern nach der Oktoberrevolution nicht eingetreten ist. Die Kette zerriss zwar in der Oktoberrevolution, der Siegeszug der proletarischen Revolution wurde aber in Deutschland und in Europa nicht fortgesetzt, sondern von der Reaktion im Blut erstickt. Lenin wertete diese Tatsache 1923 selbstkritisch aus und führte das darauf zurück, dass die Internationalisierung des Imperialismus noch nicht so weit fortgeschritten war, dass sich daraus ein internationaler Klassenkampf entwickelt hat:



»Wir stehen somit gegenwärtig vor der Frage: Wird es uns gelingen, angesichts unserer klein- und zwergbänerlichen Produktion, angesichts der Zerrüttung unserer Wirtschaft so lange durchzuhalten, bis die westeuropäischen kapitalistischen Länder ihre Entwicklung zum Sozialismus vollenden werden? Aber sie vollenden diese Entwicklung nicht so, wie wir es früher erwartet haben. Sie vollenden sie nicht dadurch, daß der Sozialismus in diesen Ländern gleichmäßig 'ausreift'', sondern auf dem Wege der Ausbeutung der einen Staaten durch die anderen, auf dem Wege der Ausbeutung des ersten während des imperialistischen Krieges besiegten Staates, verbunden mit der Ausbeutung des gesamten Ostens. Der Osten anderseits wurde eben infolge dieses ersten imperialistischen Krieges endgültig von der revolutionären Bewegung erfaßt und endgültig in den allgemeinen Strudel der revolutionären Weltbewegung hineingerissen.« („Lieber weniger, aber besser“, Lenin, Werke, Bd. 33, S. 487 – Hervorhebung Verf)

Solche Aussagen Lenins sind Möller offensichtlich völlig unbekannt. Das wäre allerdings ein Anlass, etwas bescheidener aufzutreten und sich erst einmal sachkundig zu machen, bevor er seine unsinnigen Attacken in die Welt hinausplustert.

7.) Völlig absurd ist der Vorwurf von Möller an die MLPD, sie würde der opportunistischen Theorie Kautskys vom „Ultraimperialismus“ folgen und sich auf »die Analyse Kautskys, eines Opportunisten und Verräters, (…) stützen.« Zu diesem Zweck hätten »Stefan Engel und sein Autorenkollektiv (…) Lenin `passend‘ zurecht gestutzt.« ( S. 9) Stein des Anstoßes ist eine Aussage von Lenin, indem dieser Kautskys revisionistische Theorie einer dialektischen Kritik unterzieht: »Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Entwicklung in der Richtung auf einen einzigen, ausnahmslos alle Unternehmungen und ausnahmslos alle Staaten verschlingenden Welttrust verläuft. Doch diese Entwicklung erfolgt unter solchen Umständen, in einem solchen Tempo, unter solchen Widersprüchen, Konflikten und Erschütterungen - keineswegs nur ökonomischen, sondern auch politischen, nationalen usw. usf. -, daß notwendigerweise, bevor es zu einem einzigen Welttrust, zu einer 'ultraimperialistischen' Weltvereinigung der nationalen Finanzkapitale kommt, der Imperialismus unweigerlich bersten muß, daß der Kapitalismus in sein Gegenteil umschlagen wird. « (Lenin, Werke, Bd. 22, S. 106)

Aus diesem Zitat Lenins geht hervor, dass er durchaus die von Kautsky angenommene Tendenz zu einem »alle Staaten verschlingenden Welttrust« sah. Der Widerspruch Lenins zu Kautsky bestand allerdings darin, dass diese Entwicklung im Kapitalismus nicht zu Ende gehen konnte, weil der Imperialismus vorher bersten und an seinen Widersprüchen zugrunde gehen muss. Diese differenzierte Sichtweise ist Diethard Möller völlig fremd. Er streitet die Tendenz zu einem »alle Staaten verschlingenden Welttrust« einfach ab, ohne Lenins Einwand zu verstehen.

Im Unterschied zu Möllers unzutreffender Effekthascherei wird in dem Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« Lenins Polemik gegen Kautsky auf die heutige Entwicklung der Neuorganisation der internationalen Produktion konkretisiert: »Während Kautsky von einem friedlichen Hineinwachsen des Imperialismus in den Sozialismus träumte, um sich mit ihm auszusöhnen und dem Klassenkampf und der proletarischen Revolution abzuschwören, unterschied Lenin zwischen dem objektiven Prozess der Internationalisierung der Produktion im imperialistischen Weltsystem und der subjektiven Notwendigkeit, den Imperialismus durch die proletarische Revolution zu stürzen.« (S. 144) Das lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig.

Dieses Zitat hat Möller in seinem Übereifer natürlich überlesen, um der MLPD den »Ultraimperialismus« Kautskys zu unterstellen. Dabei zeigt dieser Vorwurf nur, dass er die prinzipielle Kritik Lenins an Kautsky nicht im geringsten begriffen hat.

8.) Am absurdesten ist der Vorwurf des Trotzkismus an die MLPD. Wie viele Dogmatiker vermutet, gleich der Reaktion eines Pawlowschen Hundes, auch Diethard Möller hinter dem Begriff der internationalen Revolution sofort den Trotzkismus. Die Strategie der internationalen Revolution oder auch der Weltrevolution ist grundlegender Bestandteil des Marxismus von seinen Anfängen an. Die »Morgenröte …« weist nach, dass sich der konkrete Gehalt dieser internationalen Revolution allerdings mit der gesellschaftlichen Vorwärtsentwicklung jeweils geändert hat und auch die unterschiedlichen Klassiker jeweils eine andere konkrete Strategie und Taktik zur Verwirklichung der internationalen Revolution durchführten.

Marx und Engels gingen von einer gleichzeitigen, einheitlichen Revolution zumindest in den entwickelten kapitalistischen Ländern in Europa und Nordamerika aus. Lenin ging aufgrund der Analyse des Imperialismus und dessen unterschiedlicher Entwicklung von einer Kettenreaktion von Revolutionen aus, die im schwächsten Kettenglied des imperialistischen Weltsystems beginnen und nach und nach alle kapitalistischen Länder erfassen würde.

Stalin sah im Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion das Bollwerk des internationalen Klassenkampfs, das als revolutionäres Zentrum die internationale Revolution vorantreiben würde. Mao Zedong konkretisierte die Strategie der internationalen sozialistischen Revolution durch die Strategie der neudemokratischen Revolution und die Strategie und Taktik des langanhaltenden Volkskriegs in kolonial abhängigen Ländern.

Mit der Neuorganisation der internationalen Produktion als einer neue Phase des Imperialismus seit Anfang der 1990er Jahre verändert sich der konkrete Gehalt der Strategie der internationalen Revolution erneut. Sie muss sich auf der Basis der Neuorganisation der internationalen Produktion und des internationalen Klassenkampf allseitig auf das imperialistische Weltsystem beziehen. Sie umfasst den proletarischen Klassenkampf und den antiimperialistischen Befreiungskampf in mehr oder weniger allen Ländern der Welt. Die internationale Revolution wird sich als wechselseitiger Prozess zeitlich versetzter und in ihrem Charakter unterschiedlicher Revolutionen in den einzelnen Ländern entfalten, die sich gegenseitig revolutionieren, miteinander kooperieren bzw. miteinander koordiniert werden müssen.

Daraus ergibt sich für die Marxisten-Leninisten auf der ganzen Welt die neue Anforderung, dass sie für die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution eine gemeinsame Verantwortung haben. Die Dialektik der Strategie und Taktik der internationalen sozialistischen Revolution verlangt die Einheit von nationaler Form und internationalistischem Inhalt, von nationalen und internationalen Organisationsformen, von nationaler Eigenständigkeit und internationaler Koordinierung und Revolutionierung der Klassenkämpfe usw.

Diese in der »Morgenröte …« ausführlich dargestellte grundsätzliche und konkrete Entwicklung des internationalen Charakters der sozialistischen Revolution begreift Diethard Möller nicht oder will es nicht begreifen. Er macht für seine Begriffsstutzigkeit unsere konkrete Analyse verantwortlich, indem er sie als Traum von »abstrakten Wünschen und Hoffnungen« abtut.

Die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution wurde in internationalen Organisationsformen wie der ICOR oder dem ILPS längst in Angriff genommen. Dort arbeiten unterschiedliche revolutionäre Organisationen und Parteien in einer gemeinsamen antiimperialistischen Praxis zusammen und treiben auf dieser Grundlage die ideologisch-politische Vereinheitlichung voran, die notwendig ist, um in einer internationalen sozialistischen Revolution den Klassenkampf aller Länder zu einer Weltrevolution zu vereinen.

Allerdings war für den Demagogen und kleinbürgerlichen Karrieristen Trotzki die internationale sozialistische Revolution keineswegs nur eine »abstrakte Phrase«, wie Möller schreibt. Möller verschont in seinem Eifer, die MLPD mit Trotzki gleichzusetzen, den arbeiterfeindlichen Klassencharakter des Trotzkismus. Trotzki und seine Anhänger bekämpften nicht nur den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion, sondern sie wurden auch erbitterte Feinde der internationalen sozialistischen Revolution und der Kommunistischen Internationale. In der »Morgenröte …« werden diese trotzkistischen Attacken nachgewiesen und die Merkmale des Trotzkismus als antikommunistische Speerspitze zur Zersetzung der internationalen revolutionären und Arbeiterbewegung damals und heute herausgearbeitet. (S. 74-77)

Es ist eine schräge Scharlatanerei, dass Möller unsere umfassende Polemik gegen die Trotzkisten ignoriert, um uns mit einem begrifflichen Trick mit den Trotzkisten gleichzusetzen. Diese feindselige Methode ist nicht geeignet, eine sachliche Auseinandersetzung über die heutigen Fragen der Zeit zu führen, sondern eine liquidatorische Attacke auf den marxistisch-leninistischen Charakter der MLPD. Damit disqualifiziert sich Möller als potenzieller Verbündeter der internationalen marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung.

Dabei hat die revolutionäre Praxis in Deutschland längst bewiesen, dass der lokale Zirkel der Möller-Gruppe in den letzten 40 Jahren nicht in der Lage war, einen tatsächlichen Beitrag für den Parteiaufbau oder für die Einheit der internationalen marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung zu leisten. Um seine Bedeutungslosigkeit in Deutschland zu kaschieren, tritt er auf internationalen Konferenzen wie in Quito als großer Theoretiker auf, obwohl ihm in Deutschland jede Basis im Klassenkampf abhanden geht. Vielleicht ist ihm nicht entgangen, dass die MLPD dagegen seit 50 Jahren den Parteiaufbau erfolgreich vorangetrieben hat, seit ihrer Gründung ihre revolutionäre Kleinarbeit auf immer mehr Bereiche ausgeweitet hat und heute zu einer international anerkannten Kraft in der internationalen marxistisch-leninistischen Bewegung geworden ist. Aber vielleicht ist es das, was Diethard Möller so anspornt, die MLPD mit Dreck zu bewerfen

9.) »Das ist kein Marxismus, sondern eine extreme Verflachung und ein Zeichen für geistigen Bankrott«, (S. 30) empört sich Diethard Möller am Schluss seines Pamphlets. Er merkt gar nicht, dass sein vernichtendes Urteil auf ihn selbst zurückfällt.

Warum hat Möller sich nicht einmal ansatzweise und ein wenig bescheidener mit den neuen Fragen der sozialistischen Revolution unter den Bedingungen der Internationalisierung der kapitalistischen Produktionsweise befasst? Wäre er doch einmal selbstständig der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen die globale Ausreifung der materiellen Grundlagen des Sozialismus, das ungeheure Wachstum des internationalen Industrieproletariats und die Entwicklung grenzüberschreitender Kämpfe auf den proletarischen Klassenkampf haben. Stattdessen trägt Diethard Möller aus der marxistisch-leninistischen Literatur alte, historisch bedingte Antworten für die Lösung neuer Probleme und veränderter Aufgaben vor.

Hätte er wenigstens begonnen, sich mit den differenzierten Schlussfolgerungen der MLPD aus den nachweislichen Veränderungen des nationalen und internationalen Klassenkampf konkret und sachlich auseinanderzusetzen, anstatt seinen ganzen Ehrgeiz in konstruierte Beweise für einen vermeintlichen MLPD-Trotzkismus und diffamierende Angriffe auf meine Person zu legen. Dann wäre ihm ein so peinlicher Auftritt vielleicht erspart geblieben, und er hätte unter Umständen einen nützlichen Beitrag für die internationale marxistisch-leninistische, revolutionäre und Arbeiterbewegung leisten können.

Mögen alle diejenigen, insbesondere die Teilnehmer der Quito-Konferenz (CIPOML), die von dem Pamphlet von Diethard Möller Kenntnis bekommen haben, sich ein eigenes Urteil bilden. Dazu ist es unumgänglich, sich mit den Analysen und Schlussfolgerungen selbst zu befassen, welche die MLPD in den beiden Büchern »Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘« und »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« ausgearbeitet und der internationalen marxistisch-leninistischen, revolutionären und Arbeiterbewegung zur theoretischen Diskussion und praktischen Zusammenarbeit vorgelegt hat.

Stefan Engel, Juli 2019

Stefan Engel und Achim Czylwick

An einen Genossen zur Entwicklung der ZKK

Lieber Genosse,

ich bin nun dazu gekommen, mich mit deinem umfangreichen Material zur Entwicklung der Kontrollkommissionen in der UdSSR vor und nach Lenins Tod zu befassen. Das ist wirklich eine sehr wichtige und auch interessante Zusammenstellung von Dokumenten, die einen tieferen Einblick in den Kampf um die Linie bzw. den Kampf zweier Linien um die Entwicklung und den Aufbau der unabhängigen Kontrolle geben.

Die vielen englischen Textstellen machten mir besondere Mühen, mehr als sie rudimentär zu vergegenwärtigen, ist mir auf Grund meiner geringen Sprachkenntnisse nicht gelungen. Ich muss noch schauen, wie sie übersetzt werden, weil es für deren abschließende Bewertung auf eine exakte Übersetzung ankommt.

Dass Du aus dem Material u.a. den Schluss ziehst, der Abbau und das Abrücken von den von Lenin entwickelten Prinzipien wäre schon durch Lenin selbst eingeleitet worden, ist für mich nicht ansatzweise zu erkennen. Hier gilt weiter, was ich Dir dazu schon geschrieben habe.

Was das Material sehr gut zeigt, ist zum einen den Kampf um die Linie des Aufbaus der ZKK durch Lenin und den Übergang zum latenten Linienkampf um die Stellung zur unabhängigen Kontrolle des ZK nach seinem Tod. Ob es um die Stellung zur ZKK auch einen offen geführten Kampf im ZK und zwischen ZKK und ZK gab, ist aus dem Material nicht zu erkennen.

Nach wie vor ist es ein Problem für die Untersuchung der Rolle der ZKK, dass das Material, was wir zur Verfügung haben, über die Arbeit der ZKK spricht, uns aber kein Dokument der Arbeit der ZKK selbst aus dieser Zeit vorliegt.

Für Lenin war der Sozialismus eine Übergangsgesellschaft, in der der Klassenkampf weiterzuführen ist, dass zum Aufbau des Sozialismus die historischen Gesetze zur Lösung der politischen und ökonomischen Fragen zu entdecken und anzuwenden sind.1

Zu den Gedanken, die sich Lenin dazu machte, u.a. in „Staat und Revolution“, gehörten die Gedanken zum Aufbau eines Systems der Kontrolle in Partei und Staat. In der Schrift „Staat und Revolution“ entwickelt er die grundlegende dialektische Methode der Einbeziehung der Massen in die Rechnungsführung und Kontrolle, um über diese Verantwortung ein sozialistisches Bewusstsein zu fördern und zu erreichen. Das war für ihn ein Prozess über Generationen und konnte nur mittels der führenden Rolle der Partei verwirklicht werden. Dies wiederum steht und fällt damit, mit dem kleinbürgerlichen Bürokratismus in den eignen Reihen fertigzuwerden. Dieses Geschwür der alten Gesellschaft, das sich im Sozialismus neu formierte und neue Träger fand, stand für Lenin im antagonistischen Widerspruch zum sozialistischen Aufbau und der Verwirklichung der führenden Rolle der Partei.

Das Prinzip der unabhängigen Kontrolle, das Lenin in dem Zusammenhang entwickelte, dass diese nur durch ein Organ gewährleistet werden kann, das von jeder Form der Leitungs- oder Verwaltungsarbeit entbunden ist, das mit der Autorität des Parteitages agiert und eine Arbeits- und Organisationsform entwickelt, um „Kritiken zu fördern und Fehler zu korrigieren“,2 war ein genialer Gedanke. Es war für Lenin ein Kernstück des zu entwickelnden Systems der Kontrolle mit „sozialistischem Charakter“. Dass diese Erziehungsarbeit der Herausbildung des sozialistischen Bewusstseins dienen muss, hatte er in seiner Schrift zur „Großen Initiative“ herausgearbeitet.

Die Ausrichtung auf die Entwicklung der unabhängigen Kontrolle war die in dem Zusammenhang angewandte dialektische Methode zur Objektivität der Betrachtung in der Behandlung der Widersprüche in der Partei. Die ZKK sollte weder schlichten noch sich auf eine Seite schlagen, sondern unabhängig und „ohne Ansehen der Person“, bei „strengster Korrektheit in allen Angelegenheiten“ agieren, was natürlich die Anwendung und Handhabung der revolutionären Linie einschloss. Dazu muss jede Verstrickung mit Leitungs- und Verwaltungsaufgaben ausgeschlossen werden, was angesichts des Mangels an geeigneten Kadern sehr schwer war und zu bestimmten Kompromissen führte. Darauf komme ich noch zu sprechen.

Ausgehend von diesen prinzipiellen Überlegungen von Lenin geht aus dem von Dir zusammengestellten Material ein Kampf um den Aufbau eines entsprechenden Systems der Kontrolle mit sozialistischem Charakter hervor, der sich in drei Phasen gliedern lässt:

Die Phase des Kampfs um die Entwicklung und um die Arbeitsweise der unabhängigen Kontrolle durch Lenin, bis zum Vorschlag der Zusammenlegung von ZKK und Arbeiter- und Bauerninspektion (ABI). Die Schrift von Lenin „Lieber weniger, aber besser“ stellt hier eine Art Vermächtnis und Ausrichtung für diesen Kampf dar.

Dann die Phase des latenten Linienkampfs um die Aufgabenstellung der ZKK und der ABI, in der sich eine schleichende Auflösung grundlegender Prinzipien Lenins zur unabhängigen Kontrolle durchsetzte.

Schließlich die Auflösung der unabhängigen ZKK und der ABI und der Übergang zu einer einseitigen Kontrolle von oben.

Zur ersten Phase des Kampfes um die Entwicklung des Systems der Kontrolle durch Lenin:

In dieser ging es um den Aufbau und die Entwicklung einer Kontrolle mit „sozialistischem Charakter“ darum, welche Aufgaben, Mittel und Methoden dafür zu bestimmen sind. Wie Lenin sich das vorstellte, geht u.a. aus der Resolution des X. Parteitags der KPR(B) vom März 1921 „Über die Kontrollkommissionen“ hervor, die Du ja auch zitierst. Aus dem Material geht hervor, dass sich die hier bestimmte Kontrolle auf die richtige Behandlung der Widersprüche bezieht, dass in der Bearbeitung von Beschwerden eine wesentliche Erkenntnisgrundlage für den sozialistischen Aufbau liegt und vor allem deshalb diese von einem unabhängigen Organ untersucht werden müssen, dass die Arbeit der Leitungen zu kontrollieren ist, um sicher zu stellen, dass sie am sozialistischen Ziel arbeiten.

Es sind noch viele andere Elemente zu erkennen, die zur Bestimmung einer Kontrolle mit „sozialistischem Charakter der Kontrolle“ dienen. Dabei steht die Unabhängigkeit dieser Kontrolle von den Parteileitungen und staatlichen Institution im Mittelpunkt. So durften ZK-Mitglieder, die in die Bearbeitung von Beschwerden von der ZKK einbezogen oder zeitweilig kooptiert wurden, nicht mitstimmen, wenn es um ihre unmittelbaren Angelegenheiten oder ehemaligen Verantwortungsbereiche ging.

Dass im Aufbau der Kontrolle mit sozialistischem Charakter und der richtigen Arbeitsweise der ZKK auch experimentiert wurde, hat nichts mit „Versuch und Irrtum“ zu tun oder gar einer Abkehr von den Prinzipien Lenins, wie Du das interpretierst. Dieses Experimentieren bei Festhalten an den Grundlinien zeigt sich in der modifizierten Ausrichtung auf die ABI. Sie sollte zunächst nur eine vorübergehende Einrichtung sein, weil die Kontrolle zu einer Massenbewegung werden sollte. Das konnte angesichts der Umstände nicht verwirklicht werden, so der Vorschlag, die Autorität und Effektivität der ABI mit der Zusammenlegung von ZKK und ABI zu erhöhen. Wir müssen diese Dinge immer im Kontext der grundlegenden Überlegungen Lenins bewerten und nicht aus sich heraus.

Die damalige Herausforderung, eine solche sozialistische Kontrolle nach der Oktoberrevolution zu entwickeln, war enorm. Zum Einen war es überhaupt eine neue Aufgabenstellung in der Geschichte der Menschheit, die bisher noch nicht zur Lösung stand. Zum Zweiten musste das in einer sehr komplizierten historischen Situation angepackt und gemeistert werden. Nach der Oktoberrevolution ging es um komplizierte Übergänge, so von einer vornehmlich militärischen Organisationsform der Partei zu einer demokratischen, oder dass die Übergänge zum sozialpolitischen Aufbau nur mit Hilfe der neuen ökonomischen Politik zu meistern waren und in weiten Teilen des Landes immer noch der Bürgerkrieg tobte, einschließlich der Sanktionen der imperialistischen Länder.

In einer solchen Situation an den Aufbau eines Systems der sozialistischen Kontrolle zu denken, in dessen Mittelpunkt die unabhängige Kontrolle der verantwortlichen Leitungen rückte, offenbart nicht nur den strategischen Weitblick von Lenin, sondern dass in diesem System eines sozialistischen Charakters der Kontrolle, die unabhängige Kontrolle der verantwortlichen Leitungen eine Schlüsselfrage ist und werden wird. Es ging in dieser komplizierte Lage darum, richtige Wege zu finden, um „Kritik zu entfalten und Fehler zu korrigieren“.

So wenig man ein Gebäude ohne die Gesetze der Statik errichten kann, wenn es tragfähig sein soll, so wenig kann es eine Entwicklung eines Systems der Kontrolle geben, ohne Beachtung dessen prinzipieller Seiten. Wie sollten denn z.B. die „ständige Kontrolle über die Arbeit der leitenden Organe der Partei seitens der öffentlichen Meinung der Partei“ vonstatten gehen, ohne dass dies durch die unabhängige Kontrolle gefördert und geschützt wird? Du hast auch in der Geschichte der MLPD dafür ein schlagendes Beispiel, als die ZKK mit ihren Aufrufen zur revolutionären Wachsamkeit gegen das Liquidatorentum 1976 in der Zentralen Leitung des KABD die ganze Partei, ihre „öffentliche Meinung“ als Hauptkraft mobilisiert wurde.

Dass die von Dir zitierten bürgerlichen Historiker das Wesen des Kampfes um den sozialistischen Charakter der Kontrolle und die Bedeutung der Unabhängigkeit der ZKK nicht begreifen oder erkennen, liegt doch auf der Hand. Darum können sie auch nicht ernsthaft zur Beurteilung von Lenins Strategie der unabhängigen Kontrolle ins Feld geführt werden. Sie können von ihrem bürgerlichen Herangehen nur sehen, dass die ZKK sich bei Streitigkeiten für eine Seite entscheiden musste und damit in die Auseinandersetzungen hineingezogen wurde. Die ZKK hat sich überhaupt nicht „für eine Seite“ zu entscheiden. Sie überprüft die Standpunkte von den Grundsätzen der Linie der Partei und nimmt eine eigenständige Bewertung vor. Daher die Aufforderung von Lenin, ohne „Ansehen der Person“ zu agieren. Dieses prinzipielle Herangehen ist in zugespitzten Auseinandersetzungen die einzige Möglichkeit, die Unabhängigkeit zu wahren und durchzusetzen.

Alle von Dir angeführten Zitate von sogenannten Historikern sind darin identisch, dass sie das Wesen der Sache, die Entwicklung und Herausbildung eines Systems der Kontrolle mit sozialistischem Charakter nicht nur nicht begreifen, sondern nicht mal annähernd das Wesen oder die damit zu leistende historische Anforderung erkennen.

In dem Zusammenhang verstehe ich nicht, was dich dazu bewog, völlig unkommentiert und ohne jeden Zweifel die Darstellung von Isaak Deutscher über die ZKK aus seiner Stalin-Biografie wiederzugeben. Diese Darstellung diskreditiert die Gedanken und Prinzipien von Lenin. Er reißt einzelne Aufgaben der ZKK aus dem Zusammenhang, um zu folgern, dass es Lenin darum ging, „Abweichen vom puritanischen Lebensstil“ zu bestrafen und die „Säuberungsaktionen“ erfunden habe, um „Zauderer, Zweifler und Dissidenten“ loszuwerden. So denkt ein Kleinbürger und Antikommunist, in dessen Weltbild die Kontrolle der Konkurrenz dient, der Unterdrückung und Machtausübung.

In der bürgerlichen Ideologie ist die Kontrolle Teil des Systems der Unterdrückung und Überwachung, was der Autor mutwillig nun dem Sozialismus und Lenin unterschieben will, um ihn als Terrorherrschaft zu diskreditieren. Es wäre eine lohnenswerte Aufgabe gewesen das aufzudecken. Stattdessen schreibst Du:

„Die Dokumente, die ich einsehen konnte, lassen keine schon vor 1920/21 existierenden ,Prinzipien Lenins‘ erkennen, bestätigen eher, dass er während der letzten Jahre seines Lebens aufgrund veränderter Bedingungen mehrfach neue Lösungen vorschlug. Das entspricht durchaus Forderungen, die Marx und Engels im ,Kommunistischen Manifest‘ herausstellten: ,Die Kommunisten … stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen.‘ (MEW 4, S. 474)“

Das ist eine völlig willkürliche Interpretation. Der Satz, den Du hier von Marx und Engels zitierst, richtet sich gegen die utopischen Sozialisten mit ihren erdachten Gesellschaftsentwürfen, ist aber keinesfalls ein Appell, ohne prinzipielle Klarheit an neue Aufgaben zu gehen. Ich habe schon oben mit einem Hinweis auf Marx darauf hingewiesen, dass es bei Prinzipien für den sozialistischen Aufbau um das Definieren von historischen Gesetzen geht, die für diese Übergangsgesellschaft gelten. In diesem Fall um die Entwicklung eines Systems der Kontrolle und Selbstkontrolle zur Sicherung der Arbeit auf der proletarischen Grundlage.

Jedenfalls endet diese erste Phase der Herausbildung der unabhängigen Kontrolle mit sozialistischem Charakter, der dazu passenden Entwicklung und Erprobung ihrer Arbeitsweisen und Methoden nach dem Tod von Lenin.

Der Vorschlag der Zusammenlegung von ZKK und ABI und wie er ihn begründet, ist zugleich auch eine Zusammenfassung – oder wenn man so will Vermächtnis, in dem die wesentlichen Prinzipien zur Organisierung der unabhängigen Kontrolle dargelegt sind. Das Material, das Du dazu zusammengestellt hast, zeigt deutlich auf, dass es Lenin um die Stärkung der unabhängigen Kontrolle ging, indem er beide Organe vereinte. Dazu habe ich Dir aber schon geschrieben.

Du schreibst dann über diese Phase:

„Eine regelmäßige Kontrolle der Art, wie Lenin sie sich zeitweise vorgestellt hatte, kam wohl nicht zustande. Was Lenin entwarf (und was im RW 24, 168–171, geschildert ist, als handelte es sich um tatsächliche Verhältnisse in der Sowjetunion), konnte so nicht verwirklicht werden (vgl. RW 3, 178/179). Es ist schwer zu verstehen, weshalb sich die MLPD so stark auf Lenins Notizen und Vorschläge stützte und über Beschlüsse der Parteitage hinwegsah, an die sich auch der Vorsitzende von Partei und Regierung der Sowjetrepublik zu halten hatte.“

Dass wir uns auch „auf Lenins Notizen und Vorschläge“ stützen, ist eigentlich überhaupt nicht schwer zu verstehen. Die bürokratische Entartung und der Verrat am Sozialismus, der Verzicht auf die ideologisch-politische Arbeit und die Mobilisierung der Massen, die ganze revisionistische Entartung, mit der die KPdSU letztlich nicht fertig wurde, verlangte auf die von Lenin entwickelten Prinzipien der unabhängigen Kontrolle zurückzugehen, diese gründlich zu studieren, um das Wesen der unabhängigen Kontrolle und ihrer Funktion herauszuarbeiten und zu erkennen, was dessen Aufhebung für verheerende Folgen haben kann. Wir haben seither an dieser Frage ständig geforscht und mit der Aufarbeitung der Krise der ZKK 2005 einen weiteren qualitativen Sprung zum System der Selbstkontrolle der Partei gemacht. Das alles hat seinen Ausgangspunkt bei den Gedanken von Lenin.

Zur Phase des schleichenden Abbaus der unabhängigen Kontrolle gegenüber den führenden Gremien und Leitungen, besonders dem ZK:

Das zusammengestellte Material zeigt deutlich auf, wie das organisiert wurde, bzw. erreicht werden konnte.

Vorweg möchte ich sagen, dass ich an einer Intrige gegen die Veröffentlichung des Artikels von Lenin „Lieber weniger, aber besser“ aus dem ZK und der ZKK heraus meine Zweifel habe. Es klingt doch sehr abenteuerlich, nur für Lenin eine Zeitung mit dem Artikel zu drucken, um ihn zu täuschen, in der regulären Ausgabe diesen aber nicht zu veröffentlichen. Ich bin nicht dafür, dass wir so was übernehmen oder gar verbreiten, zumal der Artikel tatsächlich erschienen ist.

Eine berechtigte Frage ist, warum Stalin in seinem hervorragenden Artikel „Über die Grundlagen des Leninismus“, der ja nach dem Tod von Lenin erschien, mit keinem einzigen Wort auf die ZKK, auf die Ausrichtung und Gedanken zur Entwicklung eines Systems der Kontrolle mit sozialistischem Charakter einging. Dass er die Gedanken von Lenin zur Entwicklung eines Systems der sozialistischen Kontrolle, als Einheit von unabhängiger Kontrolle von oben mit der Kontrolle von unten durch die Einbeziehung der Massen, nicht als Teil des Leninismus betrachtete, war ein prinzipieller Fehler. Die Ausrichtung zum Kampf gegen die Bürokratie und gegen die Gefahr der Restauration des Kapitalismus gehört zum Leninismus. Das hat die Tragik des XX. Parteitags der KPdSU 1956 auf grausame Weise bestätigt. Das vom Leninismus zu lösen, hatte nicht nur für die UdSSR Auswirkungen, sondern sicher auch für die revolutionäre Weltbewegung.

Auch in der 1938 herausgegebenen „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) – Kurzer Lehrgang“ wird mit keinem Wort auf die von Lenin angestrebte Bedeutung der ZKK eingegangen und damit die Verdrängung dieser Seite seines Vermächtnisses fortgesetzt.

In den von Dir dokumentierten Beschlüssen über die Aufgaben der ZKK und die ABI durch die Parteitage zwischen 1923 und 1934 zeigt sich, wie das Vermächtnis Lenins zur Aufgabenstellung und dem Charakter des Systems der unabhängigen Kontrolle verdrängt wurde. Es gibt offenbar auch keinen theoretischen Artikel, der sich mit der Weiterentwicklung dessen befasst, was Lenin hier ausgerichtet hat.

Die statutengemäße Bestimmung der unabhängigen Kontrolle blieb erhalten, wie die Wahl der ZKK durch den Parteitag und ihr Rechenschaftsbericht ihm gegenüber. Allerdings wurden die Aufgaben der ZKK durch die Resolutionen der Parteitage auf die Kontrolle der Aneignung und Umsetzung der Beschlüsse fokussiert, ohne die Kontrolle der Anleitung und Befähigung durch die Leitungen für die Aneignung und Umsetzung der Beschlüsse einzubeziehen. Das trennte eine dialektische Einheit und blendete somit die Kontrolle über die Arbeit der Leitungen und ihrer Mitglieder aus.

Für diese Tendenz, die Kontrolle der Leitungen auszublenden und die ZKK über diese Beschlüsse mit anderen Aufgaben zu belasten, ist die 1923 beschlossene Aufgabenstellung der ZKK und der ABI charakteristisch: Die ZKK und die ABI sollten die „Reorganisierung des Staatsapparates auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Arbeits- und Verwaltungsorganisation“ vorantreiben.

Diese Reorganisation war eine wesentliche Aufgabe im sozialistischen Aufbau und natürlich mussten die ZKK und die ABI sich damit befassen. Das aber nur in Bezug auf die dazu von den Leitungen geleistete Arbeit, oder eben nicht geleistete Arbeit. Für die Kontrollorgane ging es im Sinne der Ausrichtung von Lenin, „Kritik zu entfalten und Fehler zu korrigieren“ darum, wie dieser Prozess der Umgestaltung von den Leitungen, besonders dem ZK geführt wurde. Es ging sicher auch darum, Beurteilungen über das Verhalten einzelner führender Kader zu erstellen, ob und wie diese Reorganisation als Kampf zur Überwindung der Bürokratie geführt wurde, und darauf entsprechend einzuwirken, bzw. die Kritiken der Massen an den Zuständen zu schützen.

Die Intention des Beschlusses war aber eine ganz andere, wenn es ebenfalls 1923 heißt, dass die hier zu leistende Arbeit der Kontrollorgane auf Säuberungsaktionen auszurichten ist und dazu mit den Massen zusammenzuarbeiten ist. So heißt es in der Resolution „Über den Parteiaufbau“, woraus du zitierst, u.a.: „Grundlegende Vorbedingung für den Erfolg der Kontrollkommissionen und der Arbeiter- und Bauerninspektion bei der Verbesserung und Säuberung des Staatsapparates ist ihre Unterstützung durch die ganze Partei und ihre Organisationen, die Einbeziehung der werktätigen Massen selbst in diese Arbeit.“

Natürlich war die Überprüfung der Aufnahmepolitik durch die Leitungen eine wichtige Seite im Kampf um die Einheit und Festigkeit der Partei. Die Kontrolle darüber musste sich darauf beziehen, von was die Aufnahmepolitik der Leitungen bestimmt war, daran dann eine Erziehung zur revolutionären Wachsamkeit durchzuführen. Die Ausrichtung auf Säuberung war tatsächlich notwendig, weil viele kleinbürgerliche, nichtsozialistische Elemente in die Partei eingedrungen waren und nun mit dem Parteibuch in der Tasche bürgerliche Inhalte und Methoden verbreiten konnten. Die Veröffentlichungen der Namen von Ausgeschlossen in den Parteizeitungen diente der Publizität gegenüber den Massen, aber auch zur Abschreckung gegenüber kleinbürgerlichen Elementen. Die durchaus notwendige Publizität über ausgeschlossene Funktionäre musste ideologisch-politisch begründet werden. So waren die Ausschlüsse der ZKK des KABD gegen die Liquidatoren in den Leitungen immer begründet und diente diese Publizität der revolutionären Wachsamkeit der ganzen Partei. Wie die Dokumente zeigen, gehörte es zur Ausgabenstellung der ZKK, mit dem Geheimdienst GPU bei den Säuberungen zusammenzuarbeiten. Der Beschluss des XII. Parteitags sagt, dass die ZKK und die ABI bei der Säuberung der Partei „ihrer Arbeit auf diesem Gebiet mit der entsprechenden Tätigkeit [der] GPU und des NKJ [Volkskommissariat für Justiz] (koordinieren soll), durch Einberufung periodischer Beratungen und durch andere Mittel, Durchführung von Maßnahmen, durch welche diejenigen Leiter von Staatsorganen und Betrieben zur Verantwortung gezogen und auch abgesetzt werden, die nicht für die Verbesserung und Säuberung ihrer Apparate Sorge tragen.“

Geheimdienste sind auch im Sozialismus eine Notwendigkeit und Teil der Diktatur des Proletariats. Sie sind Instrumente in einem von der Bourgeoisie verdeckt geführten Krieg gegen den Sozialismus und haben die Aufgabe, diesen Krieg aufzudecken, so dass er offen vor den Augen der Massen und zu ihrer Erziehung und Wachsamkeit geführt werden kann. Diese Instrumente einer besonderen Kriegsführung haben nur diesen Zweck, sie müssen dabei dem System der Kontrolle untergeordnet werden, denn ihr verdeckt arbeitender bürokratischer Apparat braucht selbst eine besondere Kontrolle. Deshalb muss gerade die ZKK vollen Zugriff für eine unabhängige Kontrolle auf diese Dienste haben. Die Ausrichtung auf die Zusammenarbeit der ZKK mit dem Geheimdienst behandelt dagegen die GPU als gleichwertiges Organ, das durch die ZKK nicht kontrolliert werden müsse, sondern im Gegenteil die ZKK letztlich zu einem Anhängsel des GPU machte. Das musste über kurz oder lang den ganzen Charakter der sozialistischen Kontrolle verändern.

Die Ausrichtung auf die Kooperation mit den Geheimdiensten macht den Kampf gegen die Bürokratie und bürokratische Methoden zu einer Art Polizeiaufgabe. Der größte Schutz für den sozialistischen Aufbau ist aber die Initiative der Massen unter Führung der Partei, ist die Entwicklung und Förderung des sozialistischen Bewusstseins. Das ist dann auch die Atmosphäre, in der Feinde des Sozialismus aufgedeckt und zur Rechenschaft gezogen werden. Keine Arbeit von Geheimdiensten kann das ersetzen, auch wenn sie dem dienlich sein können. Hier aber wurden die Prioritäten verändert, wurde die Mobilisierung der Massen, die Entfaltung ihrer Initiative im Kampf gegen Bürokraten zum Anhängsel der GPU, die selbst stark vom kleinbürgerlichen Bürokratismus erfasst war.

Die von Dir dokumentierten Resolutionen über die Aufgabe der ZKK haben die Höherentwicklung und Festigung der unabhängigen Kontrolle der Leitungen und des ZK unterlaufen. Der Fehler war nicht, dass der Parteitag der ZKK Aufgaben stellte, sondern dass er der ZKK solche Aufgaben stellte, die von der Kontrolle der verantwortlichen Leitungen in Zusammenarbeit mit den Massen wegführten.

Die Qualifizierung vom schleichenden Abbau der Unabhängigkeit der ZKK hatte Willi Dickhut entwickelt und damit begründet, dass der ZKK allmählich ihre Unabhängigkeit genommen wurde. Das von Dir zusammengestellte Material zeigt nur auf, über welchen Weg und mit welchen Methoden das erfolgte. Die schleichende Aufhebung der unabhängigen Kontrolle der Leitungen und besonders des ZK, die zunächst als Form erhalten blieb, wurde über die Veränderung im Inhalt der Aufträge erreicht. Es war ein Prozess der Umgestaltung der Form über den Inhalt der Aufgabenstellung.

Dass es in der Kontrollkommission gegen diese schleichende Auflösung eine Auseinandersetzung, einen Linienkampf gegeben haben muss, ergibt sich indirekt aus dem, was Du von Fjodor Gladkov über sein Verständnis von ZKK-Arbeit zitierst:

„Die Kontrollkommission und die Arbeiter- und Bauerninspektion sind ja dem Wesen nach gar keine Straforgane, sie sind keine Guillotinen: sie sind vor allem Erziehungsorgane. Bei uns hat man sich daran gewöhnt, mit Zittern und Zagen an sie zu denken, und gewöhnlich droht einer dem andern: ,Wart mal, die Kontrollkommission wird dich schon in die Zange nehmen.‘ Das ist nicht richtig. Man muß das ganze System der Kontrolle so organisieren, daß jeder Parteiarbeiter, jeder Funktionär in schweren Augenblicken ohne Hemmung, mit Freude, an die Kontrollkommission wie an seinen besten Freund denkt, dem man alles anvertrauen kann. Bei uns aber macht man oft Winkelzüge, verwischt die Spuren, versteckt sich und begeht Gemeinheiten wie ein Verbrecher! Die kommunistischen Gefühle sind wenig entwickelt, das ist eben das Schlimme. Die Kontrollkommission ist aber gerade dazu berufen, diese Gefühle zu kräftigen und großzuziehen.“

Die dritte Phase, die Aufhebung der unabhängigen Kontrolle und die Aufhebung von Prinzipien zur Sicherung des sozialistischen Charakters der Kontrolle:

Die Auflösung der ZKK 1934 bedeutete den eigentlichen Wendepunkt weg von der unabhängigen Kontrolle. Du stellst richtig fest, dass es schon 1932 auf der 18. Konferenz der KPdSU eine ideologisch-politische Begründung für die Aufhebung der unabhängigen Kontrolle gegeben hat. Hier wurde die Einschätzung getroffen, dass auf dem Land der Kapitalismus endgültig beseitigt sei, weil alle kapitalistischen Elemente liquidiert worden wären und die Situation entstanden sei, in der „die Umwandlung der ganzen werktätigen Bevölkerung des Landes in bewußte und aktive Erbauer der klassenlosen sozialistischen Gesellschaft“ endgültig eingeleitet worden wäre.

Damit kamen alle Feinde von außen, bzw. wurde angenommen, dass die Partei nur von außen infiltriert wird. Du zitierst dann viel englisches Material zum Thema Säuberungen. Ohne doppelte und dreifache Überprüfung können wir sowas nicht übernehmen. Wir müssen uns an die offiziellen Dokumente halten und können nicht mit kleinbürgerlich-trotzkistischen oder bürgerlichen Deutungen und Interpretationen arbeiten.

Der 17. Parteitag 1934 schaffte die ZKK und die ABI ab. Das wurde mit der Einschätzung begründet, dass die weitere Entwicklung der Volkswirtschaft mit dem neuen Fünfjahresplan diese Kontrollorgane überflüssig machen würde. Wörtlich heißt es: „Die Lösung dieser Aufgaben, die die Verdrängung der letzten Überreste kapitalistischer Elemente aus all ihren alten Positionen mit sich bringt und ihren endgültigen Untergang herbeiführt, führt notwendigerweise zu einer Verschärfung des Klassenkampfes“ (KPdSU-Resolutionen 9, 98). Es ginge angesichts der Lage jetzt nur noch darum, die Durchführung der Beschlüsse zu garantieren: „Um die Kontrolle der Durchführung der Beschlüsse der Partei und der Regierung zu verbessern, schuf der XVII. Parteitag an Stelle der Zentralen Kontrollkommission − Arbeiter- und Bauerninspektion, die in der Zeit seit dem XII. Parteitag ihre Aufgaben bereits erfüllt hatte, die Kommission für Parteikontrolle beim Zentralkomitee der KPdSU(B) und die Kommission für Sowjetkontrolle beim Rat der Volkskommissare der Sowjetunion.“

Ziel dieser Änderung war es ausdrücklich, eine „systematische Kontrolle über die Tätigkeit der örtlichen Organisationen” zu erreichen. Und für diese Aufgabe “fällt die Notwendigkeit weg, die Kommission für Parteikontrolle unmittelbar auf dem Parteitag zu wählen. Die Kommission für Parteikontrolle muß vom Plenum des Zentralkomitees der KPdSU(B) gewählt werden und unter der Leitung und nach den Direktiven des ZK der KPdSU(B) arbeiten.“

Das vom XVII. Parteitag der KPdSU(B) beschlossene neue Statut legte dazu fest, nach welchen Kriterien die weitere „Reinigung“ im Sinne der „Verdrängung der letzten Überreste kapitalistischer Elemente“ in der Partei vollzogen werden sollte. Das war eine durch Formel und Vorgaben ausgerichtete bürokratische Kontrolle. Dass Nikolai Jeschow als Volkskommissar des Innern, und damit der Verantwortliche für den Staatssicherheitsdienst, zugleich Vorsitzender der KPK blieb, passt in dieses Bild. Die ZKK wurde zum Anhängsel der Staatssicherheit.

1937 musste das ZK der KPdSU feststellen, dass es „keine individuelle Behandlung der Parteimitglieder und -funktionäre“ gab und sie „zu Tausenden und Zehntausenden“ aus der Partei ausgeschlossen wurden. 1938 muss weiter festgestellt werden, dass das ZK nicht in der Lage war, eine einheitliche Führung der Partei durchzusetzen: „Die Gebietskomitees, Regionskomitees, die Zentralkomitees der nationalen Kommunistischen Parteien und ihre Leiter versäumen es nicht nur, die parteifeindliche und dem Bolschewismus fremde Praxis beim Ausschluß von Kommunisten aus der Partei zu korrigieren, sondern tragen häufig selbst durch ihre falsche Leitung zu diesem formalen und herzlos bürokratischen Verhältnis zu den Parteimitgliedern bei und schaffen damit einen günstigen Nährboden für Karrieristen und getarnte Parteifeinde.“

Das führte aber bei weitem nicht zu einer Überprüfung der Beschlüsse gegen das System einer unabhängigen Kontrolle.

Lieber Genosse,

um die Ausrichtung Lenins zur Entwicklung eines Systems der unabhängigen Kontrolle mit sozialistischem Charakter durch „Entfaltung der Kritik und die Korrektur von Fehlern“ als sozialistische Entwicklung und Erziehung zu fördern und die kleinbürgerliche Bürokratie zu bekämpfen, gab es einen Linienkampf.

Ausgangspunkt war, diese Gedanken von Lenin nicht als Teil des Leninismus zu definieren, was Ausdruck des Eklektizismus gegenüber seinem Gesamtwerk war. Denn Lenin begründete nicht nur in "Staat und Revolution" oder der "Großen Initiative" den weltanschaulichen Kampf um das sozialistische Bewusstsein, die objektive Wahrheit gegen jeden Subjektivimus zu erforschen und deren objektive Dialektik aufzufinden.

Diesen Eklektizismus übernimmst Du, wenn Du argumentierst, dass das Vorgehen von Lenin in der Entwicklung der Kontrolle mehr als Ausdruck von „Versuch und Irrtum“ angesehen werden muss denn als vom historischen Materialismus abgeleitete Prinzipien. Das unterstellt ihm Pragmatismus als Grundlage seiner Anschauungen. Die Kritik fördern und Fehler zu korrigieren und das mit Hilfe einer unabhängigen Kontrolle, war aber eine Methode, die Objektivität der Betrachtung gegen jeden Subjektivismus in der Behandlung der Probleme und Widersprüche durchzusetzen. Es ist überhaupt nicht möglich, diese Gedanken von Lenin außerhalb seines Gesamtwerkes zu verstehen.

Deine Deutung, den Abbau der Unabhängigkeit der ZKK schon bei Lenin anzusiedeln, nimmt ihn für etwas in die Verantwortung, was er entschieden bekämpft hat, und nimmt zugleich diejenigen aus der Verantwortung, die sich gegen eine unabhängige Kontrolle ihrer Arbeit wehrten.

Der Klassenkampf im Sozialismus ist kompliziert, die Klassen existieren weiter, der Klassenkampf wird strategisch mit dem Ziel zur Aufhebung der Klassen geführt, aber die bürgerliche Ideologie wirkt über tausend Gewohnheiten nicht nur spontan noch eine sehr lange Zeit, sie wird in der Situation des Aufbaus des Sozialismus vom kapitalistischen Umfeld gefördert. Dieser Klassenkampf ist die materielle Grundlage für die Entwicklung der innerparteilichen Widersprüche, wie er Grundlage für die Widersprüche in der sozialistischen Gesellschaft ist. Ohne diese objektive Wahrheit zu akzeptieren, können Ursachen und Wirkungen der Widersprüche und die Art ihrer Behandlung nicht verstanden werden. Der dialektische und historische Materialismus verlangt auf dieser Grundlage zu erforschen, wie er auf immer mehr Gebieten – im Kampf mit dem Idealismus – zur Anwendung kommt.

In der MLPD und seiner Vorläuferorganisation KABD waren die Gedanken Lenins zur Entwicklung der Kontrolle immer Teil des Leninismus. Die MLPD konnte deswegen und in der Verarbeitung aller Erfahrungen über die Entwicklung der innerparteilichen Widersprüche zur Entwicklung des Systems der Selbstkontrolle der Partei auf der Grundlage der Lehre von der Denkweise kommen und damit die dialektische Methode bestimmen, die im Kampf mit der bürgerlichen Ideologie eine überlegene Kraft wird. Alles hängt in der Partei davon ab, ob auf Grundlage der proletarischen Denkweise gearbeitet wird. Das gilt auch für die führende Rolle der Partei im Aufbau des Sozialismus.

So weit von mir zu deinen Materialien.

Mit herzlichem Gruß

Stefan Engel und Achim Czylwick

Quellen & Links

Siehe Karl Marx, Das Elend der Philosophie Bd. 4 MEW wo er aufzeigt, dass jede Gesellschaft ihre historischen Gesetze hat, es keine ewigen Gesetze gibt, die die Verhältnisse der Menschen bestimmen. Siehe u.a. Seite 130

2 Alle Zitate soweit nicht anders gekennzeichnet sind aus deiner Materialsammlung

Lieber Kollege,

vielen Dank für die Zusendung deines Manuskripts »Aufbau und Entwicklung der Materie im Mikrokosmos«.

Was ich bisher in den ersten vier Kapiteln gelesen habe, ist sehr faktenreich und interessant. Ich möchte vorweg sagen, dass ich mich natürlich nicht berufen fühle, detaillierter zu den Einzelaussagen Stellung zu nehmen, da mir vieles unbekannt ist und ich manches auch nicht vollständig verstehe. Verstehe deshalb meinen Brief als einen Hinweis für die Verbesserung der Schlussbearbeitung.

Du schreibst als Untertitel »Eine Streitschrift gegen das Dogma des leeren Raums«. Über diesen Streit habe ich in deinem Manuskript allerdings wenig wahrgenommen, da der Text durchgehend bemüht ist, die verschiedenen gegensätzlichen Standpunkte objektiv darzustellen und jede Art von Polemik und kritische Auseinandersetzung zu vermeiden.

Eine Frage dabei ist, inwieweit es überhaupt richtig ist, Weltanschauung und Naturwissenschaften so stark gegenüberzustellen, wie es im Manuskript der Fall ist. Zumindest in der theoretischen Deutung gibt es doch eine große Identität zwischen beiden.

Im Vorwort ist mir aufgefallen, dass der gesellschaftliche Bezug in der historischen und philosophischen Diskussion der Naturwissenschaft tendenziell gering geschätzt wird und auch die ausschlaggebende Rolle des Klassenkampfs als eine wesentliche Quelle für historische Entwicklungen in der Weltanschauung. Dieses Problem spiegelt sich auch im Text wieder, indem eine Tendenz existiert, die Entwicklung der Naturwissenschaften nur aus sich heraus darzustellen, statt sie als Widerspiegelung der gesellschaftlichen Entwicklung zu betrachten.

Am deutlichsten wurde das bei der Stelle, als im 19. Jahrhundert die modernen Naturwissenschaften entstanden, die ein universelles und ganzheitliches dialektisches Weltbild zeichneten. Diese nicht zufällig im 19. Jahrhundert entstandenen Auffassungen, die auch einen qualitativen Sprung in der Entwicklung der Naturwissenschaften brachten, sind aber weit gehend auf den Einfluss der neuen deutschen Philosophie und seines wichtigsten Repräsentanten Hegel zurückzuführen. Es war zu Beginn des 19. Jahrhunderts regelrecht Mode geworden, Hegelianer zu sein und erfasste die gesamte Wissenschaftswelt. Deshalb ist die Dialektik in die Kultur, Wissenschaft, Literatur, Kunst, Sprache allseitig eingedrungen und hat auch die Naturwissenschaften wesentlich zu modernen Naturwissenschaften gemacht, wie es Engels ausdrückte. Der eigentliche qualitative Sprung zu den modernen Naturwissenschaften, schreibt Friedrich Engels, ist, dass die Dialektik bei ihnen Eingang gefunden hat. Dieser qualitative Sprung geht in deinem Text bezogen auf alle anderen Feinheiten und Einzelpersonen, die du behandelst, völlig unter, obwohl die modernen Naturwissenschaften in Wechselwirkung mit der industriellen Produktion die höchste Form der Einheit von Mensch und Natur hervorbrachten. Das kann man nicht einfach umgehen.

Es erscheint mir zu pauschal, den Idealismus einseitig der Bourgeoisie und den Materialismus den unterdrückten Massen zuzuordnen. Auch die idealistische Dialektik »alles ist im Fluss« bis zu Hegels »universeller Dialektik« war Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts.

Ich habe auch den Eindruck, dass Du dich insgesamt zu wenig mit der Dialektik befasst und möchte dir einen Artikel von Willi Dickhut über Hegel beilegen, indem er nach dem II. Weltkrieg seine KPD-Führung kritisierte, die Hegel einseitig als Idealisten abtat und seine große Rolle in der Herausbildung der modernen Dialektik geringschätzte. Mir scheint, dass das auch in deinem Text der Fall ist.

Bei der Auseinandersetzung mit den Positivisten, vor allem den Existenzialisten, habe ich den Eindruck, dass du den Standpunkt der Kausalität mit der Dialektik gleichsetzt. Die Kausalität selbst ist aber noch nicht Dialektik, sondern berührt einzelne Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung. In der metaphysischen Epoche des Feudalismus wurden eine Vielzahl Einzelgesetze ermittelt, was einen ungeheuren Fortschritt darstellte. Genau da liegt das große Verdienst von Hegel, dass er aus der Kausalität zur universellen dialektischen Wechselwirkung weitergegangen ist und damit erst möglich machte, die Entwicklung in ihrem allseitigen Zusammenhang und in Wechselwirkung mit inneren und äußeren Widersprüchen zu behandeln. Ich habe den Eindruck, dass Du etwas der Auffassung von Forman aufgesessen bist.

Der Abschnitt 4, der sich scheinbar mit Hegel befasst, wird der Bedeutung Hegels überhaupt nicht gerecht. Schon am Anfang stellst du Kant mit Hegel gleich, ordnest beide aber unter »hoch entwickelten philosophischen Idealismus« ein und reduzierst sie als Kritiker des »naiven Materialismus«. Was dann kommt, ist eine völlige Unterschätzung Hegels und seiner großen Bedeutung für die neue deutsche Philosophie und die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften.

Ich habe insgesamt den Eindruck, dass Du dich noch etwas mehr mit der Dialektik befassen solltest, bevor du das Buch schlussbearbeitest. Hast du schon einmal die »Wissenschaft der Logik« von Hegel durchgearbeitet? Auch in unseren Dialektik-Kursen haben wir die Geschichte des Materialismus und der Dialektik behandelt – siehe den beiliegenden Lehrbogen aus dem 1. Semester, 3. Lektion. Die dort behandelte Ordnung in den Entwicklungssprüngen macht den Prozess der Negation der Negation des Materialismus und der Dialektik meines Erachtens deutlicher, als die von dir verwendete Methode des geschichtlichen Nachvollziehens der vielen Einzelerkenntnisse. Dabei habe ich auch die Frage, ob die Naturwissenschaftler tendenziell zu hoch bewertet werden, gegenüber den inhaltlichen Erkenntnissen, die sie entwickelt, vielleicht auch nur aufgeschrieben haben?

Insgesamt erscheint es mir aber eine sehr interessante Arbeit, die durchaus die dialektisch-materialistische Weltanschauung und Methode in Zusammenhang mit der Darlegung der Entwicklung des Mikrokosmos weiter bringen kann.

Herzlichen Gruß

Stefan

Anlagen:

  1. Brief Willi Dickhut zu Hegel
  2. Lehrbogen Dialektik-Kurs 1, 3. Lektion

Anlage 1:

Willi Dickhut: Hegels "Logik" als Höhepunkt und Ende der klassischen Philosophie

Auf der Funktionärskonferenz [der KPD] am 31.3.[19]46 in Solingen-Wald sprach der Genosse U. Wohlbold in der Diskussion über Kultur und erklärte die Entwicklung von Schopenhauer über Hegel zu Nietzsche als eine einzige Linie reaktionärer Philosophie. Das ist eine vollständig falsche Beurteilung Hegels.

Die klassische Philosophie war eine revolutionäre Philosophie. Es war die Philosophie des aufstrebenden Bürgertums. Hegel brachte die klassische Philosophie auf den Höhepunkt und zum Abschluss. H. Heine sagt darum durchaus richtig: „Unsere philosophische Revolution ist beendet. Hegel hat ihren großen Kreis geschlossen.“ Hegel ist sehr oft missverstanden worden, sowohl von den fortschrittlichen wie reaktionären- ­Kräften der Gesellschaft. Hegels Satz: "Alles, was wirklich ist, ist vernünftig, und alles was vernünftig ist, ist wirklich.", wurde von den beschränkten Regierungen und Reaktionären als Ausdruck der Erhaltung des Bestehenden aufgefasst und begrüßt und deshalb von den ebenso beschränkten Liberalen verurteilt, obwohl Hegel sagte: "Die Wirklichkeit erweist sich in ihrer Entfaltung als die Notwendigkeit". Daraus ist zu schließen: Alles was besteht, ist wert, dass es zu Grunde geht! Darin liegt eben der revolutionäre Kern der Hegelschen Philosophie, dass nichts Endgültiges, Feststehendes im menschlichen Denken und Han­deln geben kann, sondern alles in Bewegung, in Fluss, in Entwicklung sich befindet.

Das wird von Fr. Engels unterstrichen:

"Marx war und ist der einzige, der sich der Arbeit unterziehen konnte, aus der Hegelschen Logik den Kern herauszuschälen, der Hegels wirkliche Entdeckung auf diesem Gebiet umfasst , und die dialektische Methode, entkleidet von ihren identischen (idealistischen) Umhüllungen, in der einfachen Gestalt herzustellen, in der sie die allein richtige Form der Gedankenentwicklung wird."

Bedeutet das, dass Marx damit den Idealismus Hegels anerkennt? Im Gegenteil! Obwohl der philosophische Idealismus eine notwendige Voraussetzung des modernen Materialismus ist (darin liegt seine Bedeutung) - der Idealismus negierte den ursprünglichen, naive Materialismus, die Negation des Idealismus brachte als Synthese den dialektischen Materialismus - kritisierte Marx den Idealismus Hegels, schätzte aber seine Dialektik sehr hoch. So schreibt Marx im „Kapital“:

"Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, dass er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewusster Weise dargestellt hat."

Diese Dialektik, die, große theoretische Leistung Hegels, vor dem Idealismus zu retten, loszulösen und materialistischen anzuwenden, war das Verdienst Marx und Engels, was Engels im Vorwort zum "Anti-Dühring“ selbst zum Ausdruck bringt:

"Marx und ich waren wohl ziemlich die einzigen, die aus der deutschen idealistischen Philosophie die bewusste Dialektik in die ma­terialistische Auffassung der Natur und Geschichte hinübergerettet haben."

Lenin teilte die Auffassung Marx und Engels über Hegel. Trotz aller Hochschätzung Hegels betonte Lenin zugleich, dass die Logik Hegels, "nicht in ihrer gegebenen Gestalt angewandt, nicht als gegeben betrachtet werden kann; die logischen (erkenntnistheoretisch) Nuancen müssen herausgesucht, die Ideenmystik ausgemerzt werden; diese große Aufgabe steht noch bevor." Daraus geht hervor, dass man aus der mystischen Gedankenfülle der idealistischen Philosophie Hegels das Richtige, die wahren Gedanken, d.h. die das Sein, die Wirklichkeit objektiv widerspiegeln, heraussuchen und verwerten muss.

Und darin liegt der Fehler des Genossen U. Wohlbold, der die idealistischen Schrullen und Mystifikationen, d.h. die reaktionäre Hülle, aber nicht den revolutionären, den dialektischen Kern der Hegelschen Philosophie sieht. Lenin verweist darauf, dass er sich bemühe "Hegel materialistisch zu lesen: Hegel ist der auf den Kopf gestellte Materialismus (Engels), d.h. ich werfe meist den lieben Gott, das Absolute, die reine Idee usw. hinaus." Der Genosse Wohlbold aber schüttet das Kind mit dem Bade aus; er verwirft mit der reaktionären faulen idealistischen Hülle gleichzeitig den revolutionären dialektischen Kern. Lenin sagt darum über einzelne Gedankengänge Hegels: „... man muss daraus zuerst die materialistische Dialektik herausschälen, neun Zehntel aber sind Schale, Abfall", das ist die einzig richtige Stellungnahme ­zu Hegels Philosophie. Der Kern ist wichtiger als die Hülle, denn er ­birgt in sich die Entwicklung. Der materialistische Dialektiker muss es ­verstehen, den genialen Gedanken zu finden und herauszuschälen, während er den reaktionären Idealismus und Mystizismus hinauswirft. Das hat Lenin mit Hegels Philosophie gemacht. Der Genosse Wohlbold macht es umgekehrt, er hebt den reaktionären Idealismus und die mystische Hülle der Regelsehen Philosophie hervor und verwirft mit ihnen gleichzeitig den wahren Kern, den genialen Gedanken der Philosophie des großen Denkers. Das ist sein Fehler.

Bevor wir Hegels Werke studieren, sollen wir uns Lenins Stellungnahme zu eigen machen, der einzelne Abschnitte und auch ganze Abschnitte zitiert und daraus das Hervorragende, mit dem er einverstanden ist, unterstreicht, die Fehler kritisiert und berichtigt, die mystischen Formulierung in gemeinverständlicher Sprache übersetzt., sie materiali­stisch verarbeitet und entsprechend deutet und die Ergebnisse zusammenfasst. Durch dialektisch-materialistische Analyse der Hegelschen Philosophie und Zusammenfassen des Konkreten bekommen wir erst das richtige Bild (Analyse und Synthese).

Hegels Dialektik enthielt einen entscheidenden Fehler, von dem Lenin schreibt: "Nicht nur der Übergang von der Materie zum Bewusstsein, von der Sinneswahrnehmung zum Gedanken usw. ist dialektisch: Hegel, dieser Anhänger der Dialektik, konnte den dialektischen Übergang von der. Materie zur Bewegung, von der Materie zum Bewusstsein nicht begreifen. Marx berichtigte den Fehler (oder die Schwäche?) des Mystikers. Wodurch entscheidet sich der dialektische Übergang vom undialektischen? Durch den Sprung, durch den Gegensatz, durch die Unterbrechung der Allmählichkeit, durch die Einheit von Sein und Nichtsein.“

Bei Hegel ist die Dialektik des Gedankens keine Widerspiegelung der Dialektik des Seins, sondern bei ihm, ist die Dialektik die Selbstentwicklung des Begriffe. Die Natur stellt im „Hegelschen System nur die Entäußerung der absoluten Idee vor". Abgesehen von dem idealistischen Inhalt bedeutet die Hegelsche Dialektik eine wahrhaft revolutionäre Form, was Lenin veranlasst, zu erklären:

"In der Hegelschen Dialektik als der umfassendsten, inhaltsreichsten und tiefsten Entwicklungslehre sahen Marx und Engels die größte Errungenschaft in der klassischen deutschen Philosophie. Jede andere Formulierung des Prinzips, Entwicklung, der Evolution, hielten die für einseitig und inhaltsarm, für' eine Entstellung und Verzerrung des wirklichen Verlaufs der (nicht selten in Sprüngen, Katastrophen, Revolutionen sich vollziehenden) Entwicklung in Natur und Gesellschaft.“ (Lenin: Karl Marx)

Das Wertvolle der Hegelschen Philosophie ist hauptsächlich das, was sich auf die Dialektik bezieht. Das ist der Kern. Darum betont Lenin:

"Man kann das Kapital von Marx und besonders dessen erstes Kapitel nicht ganz verstehen, wenn man nicht die ganze Logik Hegels durchstudiert und begriffen hat."

Ein wesentliches Moment der Dialektik ist die Negation als Moment des Zusammenhangs, als Moment der Entwicklung mit der Erhaltung des Positiven.

Dieser Gedanke kommt bei Hegel klar zum Ausdruck, wenn er sagt:

"Das Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen – und um dessen ganz einfache Einsicht sich wesentlich zu bemühen ist - ist die Erkenntnis des logischen- Satzes, dass das Negative ebenso sehr positiv ist, oder dass sich das Widersprechende nicht in Null, in das abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation seines besonderen Inhalts, oder dass eine solche Negation nicht alle Ne­gation, sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somit bestimmte Negation ist, dass also im Resultat wesentlich das enthalten ist, woraus es resultiert.“

Diese Auffassung steht in voller Übereinstimmung mit der materialistischen. Noch viel klarer kommt das in der Anerkennung der Widersprüche als ­Triebfeder der Entwicklung zum Ausdruck. Im Gegensatz zum gemeinen Verstand, der die Identität (Übereinstimmung) für wesentlicher als den Widerspruch hält, erklärt Hegel den Widerspruch als das Primäre, denn

„die Identität ihm gegenüber ist nur die Bestimmung des einfachen Unmittelbaren, des toten Seins; er aber ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit."

Hegel meint damit die geistige Selbstbewegung, die in Wirklichkeit nur die Widerspiegelung der Selbstbewegung der materiellen Welt ist. Lenin bezeichnet diese Selbstentwicklung, hervorgerufen durch die inneren Widersprüche, als "Salz der Dialektik“.

Lenins Stellungnahme, d. h. die dialektisch-materialistische Beurteilung der "Logik" Hegels, äußert sich zu folgenden Gedanken Hegels:

„… das Gesetz ist daher nicht jenseits der Erscheinung, sondern in ihr unmittelbar gegenwärtig; das Reich der Gesetze ist das ruhige Abbild der existierenden oder erscheinenden Welt."

Lenins Beurteilung lautet:

„Es ist dies eine bemerkenswerte materialistische und bemerkenswert präzise (mit einem Wort ruhige) Definition. Das Gesetz nimmt das ­Ruhige, und darum ist das Gesetz, jedes Gesetz eng, unvollständig, annähend."

Ähnlich äußert sich auch die Beurteilung Lenins, Hegel gegenüber, in der Frage der Kausalität, des objektiven Zusammenhangs der Welt. Die Kausalität kennzeichnet nur die allgemein wechselseitige Abhängigkeit eines universellen Zusammenhangs, die wechselseitige Verkettung der Ereignisse, nur Kettenglieder des allumfassenden Weltzusammenhangs, der bruchstückweise, einseitig, unvollständig zum Ausdruck kommt. In Verbindung mit Hegels Logik erklärt Lenin hierzu:

"Bildung und Gebrauch abstrakter Begriffe schließt schon die Vorstellung, die Überzeugung, das Bewusstsein von der Gesetzmäßigkeit des objektiven Zusammenhangs der Welt in sich. Es wäre absurd, die Kausalität von diesem Zusammenhang loszulösen. Es ist unmöglich, die Objekti­vität der Begriffe, die Objektivität des Allgemeinen im Besonderen und Einzelnen zu negieren. Folglich hat Hegel viel tiefer als Kant und andere in der Bewegung der Begriffe die Spiegelung der Bewegung der objektiven Welt verfolgte... Die einfachste Verallgemeinerung, die erste und einfachste Bildung von Begriffen (Reflexionen, Schlüsse usw.) bedeutet die Erkenntnis des immer tieferen objektiven Zusammenhangs der Welt durch den Menschen. Hier ist der wahre Sinn, die wahre Bedeutung und die wahre Rolle der Hegelschen Logik zu suchen.“

Die Lehre von der Konkretheit der Wahrheit, die Untersuchung der spezifischen Besonderheiten der Erscheinungen, der Analysierung, der Zergliederung, ohne den Zusammenhang außer Acht zu lassen, ist vom Marxismus vollständig aufgenommen. Der dialektische Materialismus lehnt das Dogma, den starren Schematismus ab, er verlangt die Untersuchung und Konkretisierung der gegebenen Situation, der gegeben Erscheinung, des gegebenen Dings.

Lenin entwickelt uns in seiner lebendigen Sprache ein anschauliches Bild der Hegelschen Dialektik:

„Ein Fluss und die Wassertropfen in diesem Fluss. Die Lage eines Tropfens, sein Verhältnis zu den anderen; seine Verbindung mit den anderen; die Richtung seiner Bewegung; Geschwindigkeit; Linie der Bewegung - gerade„ krumme, kreisförmige usw. - nach oben, nach unten. Summe der Bewegungen. Die Begriffe als Berücksichtigung der einzelnen Seiten der Bewegung, einzelner Tropfen (Dinge), einzelner ‚Strahlen’ usw. Ungefähr so wäre das Weltbild nach Hegels Logik, freilich minus den lieben Gott und das Absolute.“

Hiermit hebt Lenin in ein paar Sätzen das Revolutionäre der Hegelschen Philosophie hervor, um mit einem halben Satz das Reaktionäre darin abzutun. Das steht doch im wesentlichen Gegensatz zu der Auffassung des Genossen Wohlbold, für den die gesamte Philosophie Hegels reaktionär ist.

Marx entnahm der Hegelschen Philosophie alles Wertvolle und entwickelte das Entnommene in der Theorie des dialektischen Materialismus weiter. Das geschah vor allem durch die dialektische Untersuchung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. ihrer Entstehung, ihrer Entwicklungstendenzen, ihrer, Widersprüche, und der Unvermeidlichkeit ihres Übergangs in eine höhere, die sozialistische Gesellschaftsordnung. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn der Hegelschen Philosophie das revolutionäre Element fehlte.

Es würde zu weit führen, noch näher darauf, einzugehen. Den großen Denker der klassischen Philosophie, der durch sein System, die philosophische Revolution der bürgerlichen Gesellschaft zum Höhepunkt und Abschluss gebracht hat, auf eine Stufe, zu stellen mit dem wirklichen Reaktionär Nietzsche, ist gleichdeutend mit der Auffassung Lassalles, `der alle Klassen außerhalb der Arbeiterklasse als „reaktionäre Masse" ansah, Reaktionär sind alle bürgerlichen Philosophen nach Abschluss der Periode der klassischen Philosophie. Seitdem ist nur die marxistisch-leninistische Philosophie, der dialektische Materialismus, revolutionär. Die Beurteilung des Genossen Wohlbold ist keine dialektisch-materalistische, sondern eine mechanisch-materialistische. Die bürgerlichen Philosophen darf man nicht als eine einzige „reaktionäre philosophische Masse“ abtun, sondern nur vom Gesichtspunkt der historischen Entwick­lung beurteilen.

W.D.

Anlage 2:

Lehrbogen zum Kurs Nr. PB 006 des Arbeiterbildungszentrums im Wintersemester 1999 / 2000

Thema:

Die dialektische Methode allseitig erlernen

1. Semester:

Die objektive Dialektik in Natur und Gesellschaft

Lektion 3:

Verschiedene Entwicklungsstufen der materialistischen Welt­anschauung

Leiter:

Wolf-Dieter Rochlitz

Dieter Ilius

Datum:

24. -28. Januar 2000

Ort:

Alt Schwerin



Stichwort

Anmerkung

1. Was ist eine Weltanschauung?

Eine Weltanschauung ist ein vom jeweiligen Klasseninteresse bestimmtes System von theoretischen Ansichten, Urteilen und Verhaltensweisen gegenüber der Natur und der Gesellschaft.

2. Die Grundauffassung des Materialismus?

Der Materialismus geht davon aus, daß die Welt objektiv existiert, unabhängig vom Denken, Fühlen und Handeln der Menschen.

3. Die Entwicklungsstufen der materialistischen Weltanschauung





a) Der urwüchsige Materialismus



















Konkrete Bedeutung heute:







Ausgangspunkt jeder materialistischen Weltanschauung und Grundlage des Materialismus in allen Stufen seiner Entwicklung ist die unmittelbare praktische Erfahrung. Solche unmittelbaren Erfahrungen haben die Menschen schon seit jeher gemacht. Aber erst ab einer gewissen Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft waren sie in der Lage, diese praktischen Erfahrungen auch zu deuten und in ein Denksystem zu fassen. (Anlage 1)

  1. Die ersten Weltanschauungen entstanden unabhängig voneinander in der Sklavenhaltergesellschaft in China, Indien und im Mittelmeerraum.
  2. Es entwickelten sich zwei Denkrichtungen heraus: der urwüchsige Materialismus und die urwüchsige Dialektik. (Anlage 2)
  3. Der urwüchsige Materialismus erkannte, daß die Welt unabhängig vom Menschen existiert. Er konnte aber nicht erklären, wie die Welt existiert und wie sie sich entwickelt. Er hielt die Welt im wesentlichen für unveränderlich.
  4. Die urwüchsige Dialektik erkannte dagegen, daß nichts bleibt wie es ist (Der griechische Philosoph Heraklit: »Alles fließt«), betrachtete aber die Bewegung der Welt idealistisch, vom »Geist« geschaffen. Des­halb konn­te sie auch einen wirklichen Bezug zur Wirklichkeit nicht herstellen.
  5. Jede der beiden Richtungen in den Weltanschauungen war extrem einseitig.

Wir finden den urwüchsigen Materialismus heute im Ausgehen von den unmittelbaren praktischen Erfahrungen, ohne die Veränderlichkeit der Wirklichkeit zu sehen (z.B. »es gibt Arme und Reiche, aber was willst Du daran ändern«). Auf dieser Stufe ist das Klassenbe­wußtsein noch sehr gering entwickelt und wesentlich durch einen Klas­seninstinkt gekennzeichnet.

b) Der mechanische Materialismus

























Konkrete Bedeutung heute

Die zweite Entwicklungsstufe des Materialismus war der mechanische Materialismus.

  1. Er anerkannte nicht nur, daß die Welt existiert, sondern beantwortete die Frage, welchen Bewegungsgesetzen die einzelnen Naturprozesse folgen.
  2. Das lebendige Detail wurde interessant und erforscht.
  3. Das war die Geburtsstunde der modernen Naturwissenschaft. Newton erkannte z.B. das Gesetz der Schwerkraft, überhaupt wurde das Gesetz der Kausalität entdeckt.
  4. Der mechanische Materialismus sah die Welt aber als ewig währender Kreislauf, ohne Veränderung und Höherentwicklung an. Das sollte zugleich den gesellschaftlich vorherrschenden Absolutismus verewigen.
  5. Die Zergliederung der Erscheinungen geschah auf Kosten des Zusammenhangs, die Analyse ohne Synthese. Er war nur in der Lage, einfache Zusammenhänge und langsame Bewegungen in Natur und Gesellschaft annähernd richtig zu erklären, konnte aber die objektive Wirklichkeit nicht vollständig widerspiegeln.
  6. Auch er konnte keinen Bestand haben und wurde schließlich vom bürgerlichem Idealismus überwunden, der die innere Selbstbewegung und Entwicklung der Dinge erforschte.

Wir finden den mechanischen Materialismus heute im Erklären von einfachen Zusammenhängen. Das spontane Klassenbewußtsein erkennt einzelne Seiten des Kapitalismus. Vor allem im Rah­men von Kämpfen kann es höherentwickelt werden und die Arbeiter von der einfachen Kausalität zur Erkenntnis des allseitigen Zusammenhangs gelangen.

c) Der dialektische Materialismus als höchste Stufe des Materialismus























Konkrete Bedeutung heute

Marx und Engels schufen im 19. Jahrhundert den dialektischen Materialismus.

  1. Er schließt die Entwicklung der materialistischen Weltanschauung ab und bildet zugleich den Abschluß der Geschichte der Weltanschauung.
  2. Ihn interessiert vor allem die Frage, wie die Welt existiert, und er erkannte, daß allen Entwicklungen Gesetzmäßigkeiten zu Grunde liegen.
  3. Er nahm beide Stufen des früheren Materialismus in sich auf.
  4. Durch die Vereinigung von Materialismus und Dialektik ist er in der Lage, auch komplizierte und schnelle Veränderungen und allseitige Zusammenhänge zu erklären.
  5. Mit seiner Hilfe kommt der Mensch in die Lage, sich seiner Stellung gegenüber und in der Natur bewußt zu werden und zu lernen, sich im Einklang mit der Natur bewußt zu entwickeln.
  6. Der Mensch kann sich der Quelle und der Gesetze seines Denkens bewußt werden und er beginnt, bewußt zu denken.
  7. Seine Grundauffassung ist, daß die Wirklichkeit nach dialektischen, universellen Bewegungsgesetzen existiert.

In der Entwicklung des Klassenbewußtseins durchläuft jeder notwendigerweise die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der materialistischen Weltanschauung:

  1. Unmittelbare praktische Erfahrungen werden verarbeitet
  2. Erklären von einfachen Zu­sammenhängen
  3. Bewußte Anwendung der dialektisch-materialistischen Methode der Erkenntnis. Nur mit ihrer Hilfe ist die Arbeiterklasse in der Lage, das Klassenbewußtseins zu entwickeln, das für die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution heute notwendig ist.

Anlage 1

»Die Natur hat Millionen Jahre gebraucht, um bewußte Lebewesen hervorzubringen, und nun brauchen diese bewußten Lebewesen Tausende von Jahren, um bewußt zusammen zu handeln; bewußt nicht nur ihrer Handlungen als Individuen, sondern auch ihrer Handlungen als Masse; zusammen handelnd und gemeinsam ein im voraus gewolltes gemeinsames Ziel verfolgend. Jetzt haben wir das beinahe erreicht.«

(Marx/Engels, Werke, Bd. 39, S. 63; zitiert nach »Der Kampf um die Denkweise in der Arbeiterbewegung, S. 12)


Anlage 2

»Tatsächlich entstanden die ersten in sich geschlossenen Weltanschauungen und Religionen mit dem Aufkommen der Klassengesellschaft der Sklavenhalter vor etwa 5 000 Jahren. Die herrschende Ideologie mußte die Herrschaft der Sklavenhalter begründen. In der antiken griechischen Gesellschaft (vor rund 2 700 bis 2 200 Jahren) entwickelten sich materialistische und idealistische, dialektische und metaphysische Anschauungen. Sie standen von Beginn an im Kampf gegeneinander oder gingen auseinander hervor. In der Regel war es in der Geschichte so, daß die Philosophen der aufsteigenden Klassen gegenüber dem Idealismus und der Metaphysik der Herrschenden den Materialismus und die Dialektik betonten.

So brachte die Spaltung der menschlichen Gesellschaft in Klassen den Konflikt zwischen der idealistischen und der materialistischen, zwischen der metaphysischen und der dialektischen Weltanschauung hervor. Dieser Konflikt dauert nicht nur bis zum heutigen Tag an, sondern wird bestehen bleiben, solange es Klassen und Klassenwidersprüche gibt.«

(»Der Kampf um die Denkweise in der Arbeiterbewegung«, S. 14)

Vorlesung von Stefan Engel bei der 3. Offenen Universität am 1. 10. 2006

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Als eifriger Besucher der Offenen Universität ist mir in verschiedenen Vorlesungen der vergangenen Jahre, mehr noch in den anschließenden Diskussionen, der fließende Übergang von Wissenschaft und Weltanschauung ins Auge gestochen. Das hat mich angeregt, zu diesem Thema etwas beizutragen.

Die meisten Wissenschaftler werden spontan für sich in Anspruch nehmen, dass sie sich allein von wissenschaftlichen Erwägungen leiten lassen, sie werden von sich behaupten, wertfrei zu sein und vermutlich jede ideologische Einflussnahme weit von sich weisen. Mythos oder Wirklichkeit? Wir werden sehen!


1. Blick in die Geschichte

Wissenschaft als gezielte Untersuchung oder verallgemeinerte Zusammenfassung von Erfahrungen und Kenntnissen über die Natur oder auch die gesellschaftliche Entwicklung hat ihren Ursprung zweifellos im frühen Streben der Menschheit nach Verbesserung ihrer Produktions-, Arbeits- und Lebensbedingungen. Damit ist Wissenschaft naturgemäß von vorne herein an ein Motiv, an ein Ziel und damit eine – im wörtlichen Sinne – Welt – Anschauung gebunden.

Wir erinnern uns an Giordano Bruno, der die Unendlichkeit des Weltraums und die ewige Dauer einer unendlichen materiellen Welt postulierte und sich damit der gesellschaftlichen bis dahin vorherrschenden Meinung einer in Sphären untergliederten geozentrischen Welt entgegen stellte. Ihn verurteilte die päpstliche Inquisition am 8. Februar 1600 wegen „Ketzerei“ und „Magie“ zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Bruno reagierte auf dieses Urteil mit seinem berühmt gewordenen Satz: »Mit mehr Angst verkündet ihr das Urteil, als ich es entgegennehme.« Wie wahr.

Wenn wir also an die Folterinstrumente der Heiligen Inquisition denken, die jegliche Erkenntnis jenseits der herrschenden biblischen Lehre martialisch „klärte“ - ist es da nicht besser, die reine Lehre zu verfolgen, weltanschauliche Ziele von Forschung zu trennen, um der Gefahr der Instrumentalisierung der Wissenschaft zu entgehen? So argumentieren – auf einen einfachen Nenner gebracht – jedenfalls die Apologeten der wertfreien Forschung, der ideologiefreien Wissenschaften.

So edel diese Absicht hier und da subjektiv sein mag – sie ist eine Fiktion! Meine Grundthese ist: Freie Wissenschaft ist mit Wertfreiheit nicht zu machen! Freie Wissenschaft ist gebunden an fortschrittliche Werte, die die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ebenso ablehnen wie die bedingungslose Unterwerfung der Naturressourcen unter die Profitinteressen einer winzigen Schicht von Monopolisten.


Wann kam eigentlich die Ideologie von der Ideologiefreiheit auf und wer hat sie in die Welt gesetzt? Nach dem II. Weltkrieg war es auch für die Herrschenden an der Zeit, gesellschaftliche Schlussfolgerungen ziehen. Nie wieder Faschismus! Das war breitester gesellschaftlicher Konsens!

Die sozialistische Sowjetunion hatte den Hauptanteil an der Zerschlagung des Hitlerfaschismus geleistet und war gestärkt aus dem II. Weltkrieg hervorgegangen. Ein sozialistisches Lager entstand mit einer Reihe von Volksdemokratien in Osteuropa, in China, Nordkorea und Nordvietnam. Vor allem unter den breiten Massen der Arbeiter genoss der Sozialismus eine große Anziehungskraft.

Der Kapitalismus war allgemein in Frage gestellt, zumal der Zusammenhang von Hitlerfaschismus und Herrschaft des Monopolkapitals zu dieser Zeit unstrittig war. Es war selbst in bürgerlichen Kreisen »in«, den Kapitalismus zu kritisieren. So schrieb die CDU 1947 in ihrem »Ahlener Programm«: »Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.« Die großen Monopole der IG-Farben, Krupp oder Thyssen wurden von den Alliierten wegen ihrer Verflechtung mit dem Faschismus zunächst einmal ausgeschaltet. Die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien wurde selbst von bürgerlichen Parteien gefordert.

Dass Westdeutschland keine sozialistische Entwicklung nahm, ging auf die Änderung der Deutschlandpolitik der USA zurück, die nach der Zerschlagung des Faschismus ihren Hauptfeind in der sozialistischen Sowjetunion ausmachte und nun dafür Bündnispartner suchte und in der Adenauer-Regierung auch fand. Der US-Senator Styles Bridges beschwor in einem Artikel in der "Times", dass es "das erste Erfordernis der USA-Politik" sei, "Europa daran zu hindern, kommunistisch zu werden.“ Der »Kalte Krieg« gegen den Sozialismus/Kommunismus wurde Leitlinie der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Nur vor diesem politischen Hintergrund kann die weltanschauliche Debatte begriffen werden, die in der Forderung nach „Ideologiefreiheit“ kulminierte. In den 1950er Jahren entwarfen die amerikanischen Sozialwissenschaftler Edward Shils und Daniel Bell die Theorie vom »Ende der Ideologien«. „Ideologiefrei“ galt von nun an als das Aushängeschild westlicher Politik und Wissenschaft schlechthin. Systematisch wurde seither der Begriff »Ideologie« negativ belegt. In dem „Lexikon der Grundbegriffe« steht entsprechend: »Ideologien werden zur Durchsetzung eines Machtanspruchs aufgebaut und entsprechen nicht unbedingt der Realität.«

Aber so ideologiefrei war diese „Ideologiefreiheit“ gar nicht, denn sie richtete sich explizit gegen den wissenschaftlichen Sozialismus, war also streng antikommunistisch begründet und ausgerichtet. Daniel Bell attackierte vehement den „kommunistischen Dogmatismus“,der seiner Meinung nach „von sich aus dem Untergang geweiht“ sei, „während demokratische Werte dauerhaft weiter“ bestünden.

Alle „Ismen“, die der bürgerlich-demokratischen Weltsicht zuwiderliefen, nicht nur der Faschismus, sondern vor allem der Marxismus, Sozialismus, Kommunismus usw. wurden gleicher Maßen als »Dogma, Unbeweglichkeit und Starrsinnigkeit« stigmatisiert. Ich will hier gar nicht abstreiten, dass der Marxismus auch dogmatisch behandelt werden kann, wenn man sein Wesen nicht begreift.

Selbst der Kapitalismus wurde als Begrifflichkeit zu einem Unwort erklärt und aus dem bürgerlichen Wortschatz gestrichen. Nicht etwa weil man etwas gegen den Kapitalismus als solchen hatte, sondern weil er als marxistische Qualifikation der bürgerlichen Gesellschaft zu sehr als klassenkämpferischer Anreiz taugte. In der amerikanischen Zeitschrift „This Week Magazine“ konnte man 1952 lesen: „Die Ersetzung eines einzigen Wortes kann den Gang der Geschichte ändern. Dies Wort heißt Kapitalismus. Es hat einen negativen Klang, weil es an frühere Fehler und Missstände erinnert.“


Und so verschwanden denn auch im Laufe der Jahre alle Begriffe im öffentlich gebrauchten Wortschatz, die auf eine Klassengesellschaft hindeuteten. Während die bürgerlichen Vordenker also einerseits so taten, als hätten sie nichts mehr mit Ideologie zu tun, entfachten sie in ihrem Bemühen, dem Sozialismus die widerspruchfreie „freie Welt“ des „wertfreien“ Westens entgegenzuhalten, eine wahre Schlacht um die Schöpfung und Verbreitung neuer Begrifflichkeiten, die nun in der Gesellschaft verbreitet wurden.

Unter der Flagge der Wertfreiheit wurde also systematisch die Verschleierung und zugleich die Aufwertung der kapitalistischen Wirklichkeit betrieben. So wurden Adenauers offene Unterdrückung des Widerstands gegen die Remilitarisierung, oder das Verbot von KPD und FDJ zu einem hehren Akt der „wehrhaften Demokratie“, um die „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ zu verteidigen.

Mit einer antikommunistisch ausgerichteten, millionenschweren Werbekampagne wurde der Begriff der „Sozialen Marktwirtschaft“ durch den Verein „Die Waage“, dem nahezu alle deutschen Monopole angehörten, populär gemacht. Mit Anzeigen, Plakaten, Filmen und Comics stellte man ihn der „östlichen Zwangswirtschaft“ und den gewerkschaftlichen Forderungen gegenüber. „Der Klassenkampf ist zu Ende“, heißt es in einer Anzeige zum Jahreswechsel 1956/57 und: „Im freien Deutschland vollzieht sich eine geschichtliche Wandlung: Der ehemals klassenbewusste Arbeiter wird zum selbstbewussten, freien Bürger.“

So einfach geht das: Die herrschenden Monopole und ihre Parteien machen eine Propagandakampagne und die kapitalistische Gesellschaft verliert ihren Klassencharakter. Die Welt steht Kopf! Der Lohnarbeiter wird zum „Arbeitnehmer“ und der Kapitalist zum „Arbeitgeber“, dessen vornehmste Aufgabe es ist, Arbeitsplätze zu stiften. Im Dunkeln bleibt bei dieser irrealen Deutung der sozialen Gefüges selbstredend das Wesentliche: Für seine Wohltat eignet sich unser frommer „Arbeitgeber“ den übergroßen Teil der Arbeitskraft des „Arbeitnehmers“ privat an, worauf das stete Wachstum seines Reichtums und die gleichermaßen wachsende Armut seiner „Arbeitnehmer“ beruht.

Solange seine Profite sprudeln und der „soziale Friede“ - so nennt er jenen gesellschaftlichen Zustand, in dem niemand gegen diese Verhältnisse rebelliert - gewahrt bleibt, solange wird auch unser Arbeitgeber seine strikte politische Neutralität und ideologische Wertfreiheit wahren.

Nach und nach machten sich alle bürgerlichen Nachkriegsparteien die verschleiernden Begrifflichkeiten der Adenauerregierung zu eigen. Die Lebenslüge von der „sozialen Marktwirtschaft“ wurde zur zentralen Leitlinie staatsmonopolistischer Wirtschaftsphilosophie, die von den bürgerlichen Massenmedien systematisch verbreitet wird. Selbst die reformistischen Gewerkschaftsführer, die den irreführenden Begriff von der „sozialen Marktwirtschaft“ anfänglich noch vehement ablehnten, integrierten Hand in Hand mit ihrer eigenen Integration in das staatsmonopolistische Herrschaftsgefüge wie selbstverständlich in ihren Wortschatz.


Über den Mythos der „Ideologiefreiheit“ wurde die angeschlagene bürgerliche Ideologie wieder salonfähig. Anders gesagt: Der Mythos von der Ideologiefreiheit erweist sich als Kampfbegriff und zugleich als Methode, um einen in der Nachkriegsgeschichte starken Einfluss der proletarischen Ideologie unter den breiten Massen zu bekämpfen und die bürgerliche Ideologie tief ins gesellschaftliche Bewusstsein einzupflanzen und als alternativlos darzustellen.

Die Erkenntnis, dass Ideologiefreiheit ein Mythos ist und real nur der Durchsetzung der in der bürgerlichen Gesellschaft vorherrschenden bürgerlichen Ideologie dient, ist zugleich Herausforderung, die tatsächliche Bedeutung und Entstehung von Ideologie sowie den real stattfindenden gesellschaftlichen Kampf der Ideologien wissenschaftlich zu untersuchen. Das kann nur das offen deklarierte Ziel haben, auf diese gesellschaftliche Auseinandersetzung Einfluss zu nehmen. Denn alles was der Mensch tut, wie Marx sagt, muss zuerst durch seinen Kopf!

2. Beginnen wir also mit der elementaren Frage: Was ist eigentlich eine Ideologie?

Das Wort Ideologie stammt aus dem Griechischen und könnte wörtlich mit Ideenlehre übersetzt werden. In den gängigen Nachschlagewerken besteht Übereinstimmung darüber, dass „Ideologie“ allgemein identisch ist mit Weltanschauung. Eine Weltanschauung ist ein System von Theorien und Methoden über die Betrachtung und das Verhalten gegenüber der Natur und der Gesellschaft.

Jeder Mensch hat seine individuelle Weltanschauung, die sein Denken, Fühlen und Handeln prägt. Die individuelle Weltanschauung entsteht natürlich nicht aus dem Nichts, sondern ist selbst Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie leitet sich erstens aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Sein zweitens aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein ab und charakterisiert drittens auf dieser Grundlage die persönliche, individuelle Verarbeitung und Stellung zu ist r gesellschaftlichen Realität.

Karl Marx hat das so zusammengefasst: »Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß.« (Marx/Engels, "Die deutsche Ideologie", Werke, Bd. 3, S. 26) Jede Gesellschaftsformation ist einerseits eine bestimmte Realität (gesellschaftliches Sein) und beruht andererseits auf einer sie begründenden Weltanschauung. Eine Gesellschaft kann auf Dauer nur funktionieren, wenn bestimmte Normen, Werte und Regeln vereinheitlicht sind und sie funktioniert auch nur solange, wie eine solche freiwillige Vereinheitlichung vorherrscht. Das wird gewährleistet über die die Gesellschaft bestimmende Weltanschauung.

Der ganze Lebensablauf, das Aufwachsen und die Erziehung der Kinder, die Schulzeit, die Ausbildung, die Arbeitswelt, die Familiengründung usw. usf. soll den Menschen als etwas erscheinen, das eben so sein muss, wie es ist. Von klein auf, im Kindergarten, in der Schule wird man dazu erzogen, sich so zu verhalten, wie es die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft fordern.


In den Klassengesellschaften, die in der Menschheitsgeschichte etwa vor 5000 Jahren entstanden sind, stimmen gesellschaftliche Realität und die sie begründende Weltanschauung im Allgemeinen nicht überein. Das liegt daran, dass die Herrschenden bestrebt sind, dem Volk ideale Verhältnisse vorzuspiegeln, um es ruhig zu halten. Deshalb sind die meisten herrschenden Ideologien dem Lager des Idealismus zuzuordnen.

Die am meisten verbreitete Form dieser herrschenden Weltanschauung sind die Religionen, die mit der Veränderung der gesellschaftlichen Realität jeweils Inhalt und Methode angepasst haben. Der Sklavenhaltergesellschaft entsprach der Polytheismus, eine Vielzahl von Gottheiten, wie auch im Alten Testament der Bibel nachzulesen ist. Dem Feudalismus, mit seinem absolutistischen Zentralstaat, entsprach der Monotheismus in Form des Christentums, des Islam oder des Buddhismus. Der Kapitalismus erforderte mit seiner sich stets entwickelten Komplexität ein ganzes System bürgerlicher Weltanschauungen als Rechtfertigung. Auch wenn die Religionen weiterhin eine wichtige Stellung einnehmen, können sie die allseitigen Anforderungen der Rechtfertigung der komplexen Verhältnisse der modernen Gesellschaft nicht mehr befriedigen. Sie können aber längst nur noch ganz allgemein Demut, Unterwürfigkeit und Enthaltsamkeit vermitteln, während die Deutung der vielfältigen gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen oder auch wissenschaftlichen Prozesse der bürgerlichen Gesellschaft und die dazu suggerierten Verhaltensweisen einer Vielfalt spezieller Denksysteme obliegen, die den Ansprüchen einer modernen Produktion oder auch des aufgeklärten Bürgers wenigstens einigermaßen gerecht werden.


Ich kann hier nicht auf die unerschöpfliche Vielfalt bürgerlicher Denksysteme im Einzelnen eingehen, sondern nur auf einige Beispiele.

In den Naturwissenschaften gibt es zum Beispiel die weltanschauliche Richtung des Positivismus. Dessen Urvater war der französische Soziologe Auguste Comte. Er lehrte, dass der „positive Geist sich beziehen soll auf Tatsachen (im Gegensatz zu Einbildungen), Gewissheit (im Gegensatz zu Unentschiedenheit), Genauigkeit (im Gegensatz zu Unbestimmtheit), Nützlichkeit (im Gegensatz zu Eitelkeit) und auf relative Geltung (im Gegensatz zu Absolutheit)“.

Es ist sicherlich alles sehr sinnvoll und einleuchtend, dass die Physiker, Chemiker, Biologen, Ingenieure, Ärzte im Sinne Comtes genau und gewissenhaft die Naturgesetze erforschen und nutzbar machen. Das ist notwendig im Sinne der objektiven Betrachtung, die etwas anderes ist als „Wertfreiheit“. Jedoch legt das positivistische „Erkenntnismonopol der Naturwissenschaften“ den Wissenschaftlern zugleich nahe, sie sollen ihre ganzen Anstrengungen auf ihre Spezialgebiete konzentrieren und von gesellschaftlichen Fragen die Finger lassen. So wird scheinbar „ideologiefrei“ die Unterwerfung der Naturwissenschaftler unter die Verwertungsinteressen der bürgerlichen Gesellschaft, insbesondere der Großindustrie, organisiert.

Über die vorgebliche „Wertfreiheit“ der Wissenschaft kam es in der BRD in den 1960er Jahren zu einer lebhaften Auseinandersetzung, dem sogenannten „Positivismusstreit“. Die Soziologen der „Kritischen Theorie der Frankfurter Schule“ um Theodor W. Adorno bestritten, dass es eine „wertfreie“ Wissenschaft geben kann. Sie forderten von den Wissenschaftlern, auch gesellschaftliche Missstände aufzudecken und nicht nur beschreibende Analysen abzuliefern, ohne sich darum zu kümmern, was damit passiert. Die „Frankfurter Schule“ nahm Einfluss auf die Studentenbewegung 1967/1968 und gab den daraus erwachsenden Akademikern bestimmte Impulse, bei ihren Forschungen ihre Verantwortung für die Entwicklung der Gesellschaft wahrzunehmen.

In der Philosophie ist der Pragmatismus die Wunderwaffe der bürgerlichen Ideologie. Auch er wird in seiner Rechtfertigung als frei von ideologischen Barrieren definiert. Es ist geradewegs zu einem Gütesiegel der Sozialwissenschaften geworden, pragmatisch an die Probleme heranzugehen, statt andauernd „auf Prinzipien herumzureiten“ nach dem Motto: der Zweck heiligt die Mittel. Der Pragmatismus ist das willkommene Denksystem, um den Anspruch nach der gesamtgesellschaftlichen Sicht der Dinge, nach der richtigen Widerspiegelung der Wirklichkeit im Bewusstsein, nach der Parteinahme und dem entsprechenden Handeln in Einklang mit ihren Gesetzmäßigkeiten aufzugeben und stattdessen nur das zu tun, was den Interessen der herrschenden Gruppe von Menschen unmittelbaren Vorteil bringt. Dass bei dieser Denkweise die zukünftigen und allgemeinen Interessen der Menschheit unter die Räder kommen können, stört den Pragmatiker nicht, Hauptsache er kann greifbare Erfolge nachweisen.


3. Weltanschauung und Gesellschaft

In jeder Klassengesellschaft entsteht neben der vorherrschenden Ideologie immer auch eine die bestehenden Verhältnisse in Frage stellende Weltanschauung. Das macht es den Herrschenden schwer, die Bevölkerung weltanschaulich einheitlich auszurichten. Für die kapitalistische Gesellschaft hatten Marx und Engels die bürgerliche Ideologie als herrschende Weltanschauung ausgemacht, die sich gegen die Weltanschauung des Proletariats, behaupten muss.

Es gibt bis tief in die Arbeiterbewegung hinein die irrige Vorstellung, der weltanschauliche Streit sei etwas für Philosophen und habe mit der täglich erlebten Realität nicht viel zu tun. Den Menschen treten die Ideologien natürlich nicht hauptsächlich in Form theoretischer Lehrmeinungen gegenüber, sondern deren Inhalt und Methoden gehen subtil über die Kultur in das Denken, Fühlen und Handeln der breiten Massen ein.

Ich spreche von weltanschaulichem Fühlen, weltanschaulichem Denken und weltanschaulich bestimmtem Handeln, weil das drei qualitativ unterschiedliche Ebenen sind, wie heute der weltanschauliche Kampf ausgefochten wird. Das Ergebnis ist immer ein miteinander im Kampf stehender Wiederstreit der vorherrschenden Weltanschauungen im Denken, Fühlen und Handeln der gesellschaftlichen Individuen.

Die Vorstellung, dass einer nur von der bürgerlichen Ideologie oder nur von der proletarischen Ideologie beseelt sei, ist bar jeder Realität. Wir sind alle Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft, sind mehr oder weniger von ihr geprägt. Das verschwindet nicht so einfach, auch wenn man sich eine der bürgerlichen Ideologie gegenüber kritischen Weltanschauung zu eigen macht. Denn die bürgerliche Ideologie ist nicht nur die Ideologie der Herrschenden, sondern auch die herrschende Ideologie. So wird selbst eine Partei, die eine proletarische Ideologie zur Grundlage hat, von der bürgerlichen Ideologie beeinflusst werden. Wer das abstreitet, ist wirklichkeitsfremd.

Die Hauptmethode zur Verbreitung der bürgerlichen Weltanschauung ist heute zweifellos die Massenkultur, die über die elektronischen Massenmedien geschickt die Gefühle der breitesten Massen manipuliert. Kein Krieg kann heute mehr gegen den Willen der breiten Massen geführt werden. Den letzten Irak-Krieg haben die USA vor allem mit zwei Hauptargumenten propagiert: Erstens, der Irak würde Massenvernichtungswaffen bauen und damit die ganze Welt bedrohen; und zweitens, die irakische Regierung würde den „internationalen Terrorismus“ unterstützen. Beide Argumente mussten inzwischen von der US-Regierung offiziell zurückgenommen werden. Ein wachsender Teil der Bevölkerung hat die kriegstreibende Manipulation inzwischen durchschaut und kritisiert heute den Krieg, weil ihnen die Rechtfertigung dieses Krieges verloren gegangen ist. Mit dem Verlust seiner Legitimation unter den Massen ist der Krieg aber auch nicht mehr zu gewinnen.

Wenn die herrschende Ideologie unglaubwürdig wird, gerät die Politik der Herrschenden in die Krise. Das gesellschaftliche Leben im Sinne der herrschenden bürgerlichen Weltanschauung funktioniert also nur, wenn es eine freiwillige weltanschauliche Übereinstimmung in der Bevölkerung gibt.

Die heutige Gesellschaft beruht auf ganz bestimmten Lebenslügen, die grundlegender Konsens sein müssen, damit die Diktatur der Monopole als demokratische Gesellschaft erscheint, trotz aller Kritik akzeptiert wird und damit funktioniert. Auf die Lebenslüge von der „sozialen Marktwirtschaft“ bin ich schon eingegangen. Ich könnte weiter anführen die Lebenslüge von der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“, von der „friedlichen Außenpolitik“, von der „Gleichberechtigung von Mann und Frau“ und dass in Deutschland „alle Macht vom Volke ausgeht“. Alle diese Lebenslügen erfüllen einen ganz bestimmten Zweck. Wenn sie in Frage gestellt sind, gerät die ganze Gesellschaft in einen Rechtfertigungszwang.

Ein Vorteil der Ideologie von der Ideologiefreiheit besteht darin, dass sie ihre Verfechter der lästigen Pflicht entledigen, sich zum Beispiel mit dem wissenschaftlichen Sozialismus ideologisch auseinander zu setzen. Lieber greift sie zur Methode der allgemeinen Stigmatisierung, um einen Damm von Vorbehalten und anderer negativer Gefühle gegen den Sozialismus aufzubauen. Die marxistische Terminologie wurde lange Zeit aus dem öffentlichen Leben der Bundesrepublik verbannt. Vor allem aber hat es der jahrzehntelang vorherrschende Antikommunismus fertiggebracht, den Gehalt ihrer Begrifflichkeit bis ins Absurde zu verklären.

Einer der am schlimmsten geächteten marxistischen Begriffe ist die Diktatur des Proletariats. Schon allein dieses Wort zu hören, ruft vielfach das schiere Entsetzen hervor, weil es instinktiv mit willkürlicher und unmenschlicher Unterdrückung von Millionen von Menschen in den sozialistischen Ländern verknüpft wird. Aber der Begriff verliert sehr schnell seine Schrecken, wenn man sich nüchtern mit seinem objektiven Gehalt befasst.

Marx analysierte den Kapitalismus und machte die Alleinherrschaft der Bourgeoisie als das politische Wesen dieser Gesellschaft aus. Um eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung zu schaffen, forderte er, dass die Besitzlosen – damit meinte er den Besitz an Produktionsmitteln – die Alleinherrschaft in der Gesellschaft übernehmen müssten. Diese Besitzlosen bezeichnet er als das Proletariat, das, wenn es leben will, gezwungen ist, seine Arbeitskraft an die Bourgeoisie zu verkaufen. Dieses Proletariat hat auf Grund seiner Klassenlage kein Interesse an der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Es ist auch infolge seiner Rolle in der modernen Industrie vom Bewusstsein her, moralisch und gesellschaftlich in der Lage, sich gegen die niedergeworfene Bourgeoisie zu behaupten und die Klassengesellschaft zu überwinden. Die Diktatur des Proletariats ist also nach Marx nichts anderes als eine wissenschaftliche Kategorie einer Gesellschaftsformation, die geeignet ist, die Macht zu ergreifen, um die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abzuschaffen.

Die Methode der Stigmatisierung der Begriffe ist heute eine der Hauptformen der ideologischen Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Sozialismus. Sie reicht natürlich nur aus, wenn die bürgerliche Weltanschauung allgemeine Unterstützung erfährt.


4. Weltanschauung und Denkweise

In der heutigen gesellschaftlichen Realität äußert sich die Weltanschauung in erster Linie als Denkweise. Die Denkweise ist das beweglichste Element der Weltanschauung und darum auch am meisten veränder- und beeinflussbar. Sie gibt andererseits dem Denken, Fühlen und Handeln des Individuums seine Prägung. Der weltanschauliche Kampf in der Gesellschaft, dem sich niemand mehr entziehen kann, ist ein permanenter Kampf um die Denkweise - manchmal offen, meist aber unmerklich und subtil. Dieser gestaltet sich heute äußerst kompliziert.

In der Studentenrevolte 1968 hat sich ein Teil des abhängigen Kleinbürgertums bewusst gemacht, dass sie der Alleinherrschaft der Monopole unterstellt sind. Sie kritisierte insbesondere die Einschränkung der bürgerlich-demokratischen Rechte und Freiheiten durch die Notstandsgesetze, reaktionäre Lehrinhalte und Methoden an den Universitäten, die mangelnde Aufarbeitung des Faschismus und seinen fortbestehenden Einfluss in den staatlichen Organen der BRD und in der Politik sowie eine internationale Politik der imperialistischen Unterdrückung der Völker wie im Vietnam-Krieg.

Diese Studentenbewegung hat vieles aufgewühlt und in Frage gestellt, beeinflusste nachhaltig die gesellschaftliche Entwicklung der BRD. Sie brachte aber auch eine kleinbürgerliche Ausformung der bürgerlichen Ideologie hervor, die einerseits die schlimmsten Formen des Kapitalismus kritisiert, andererseits allerdings auch den Sozialismus ablehnte. Die Arbeiterbewegung war zu dieser Zeit schwach und wurde, zumindest was die Jugend betrifft, von der Studentenbewegung beeinflusst.

Irgendwann sind die Herrschenden dazu übergegangen, diese kritische Richtung in das herrschende System der bürgerlichen Weltanschauung aufzunehmen. Die Verbreitung dieser kleinbürgerlichen Weltanschauung wurde von den Herrschenden in das System der herrschenden Ideologie eingebaut und vermittelt permanent eine kleinbürgerliche Denkweise. Diese greift die kritische Infragestellung der gesellschaftlichen Verhältnisse auf, ohne die Gesellschaft selbst in Frage zu stellen, oder gar über einen Ausweg in einer anderen, zum Beispiel sozialistischen Gesellschaft nachzudenken.


Das System der kleinbürgerlichen Denkweise entlehnt sich gerne Begriffe aus der Arbeiterbewegung, um genau das Gegenteil durchzusetzen. Ich erinnere an den „Solidarbeitrag“ bei den Steuern, der überhaupt nichts mit Solidarität zu tun hat, sondern mit der Subvention großer Monopole, die in Ostdeutschland ihr Kapital investieren sollen.

In der Politik wird heute gerne von „Reformen“ gesprochen. In der Arbeiterbewegung ging es dabei um Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Dagegen wird heute der Begriff „Reform“ missbraucht, um Verschlechterungen, ja sogar die Zerschlagung der sozialen Reformen zu rechtfertigen. Der Begriff „Reform“ wird also regelrecht in sein Gegenteil verkehrt.

Oder nehmen wir die Tatort-Krimis, die immer sonntagabends kommen. Solche Filme gehören heute zu den Hauptformen der Vermittlung einer kleinbürgerlichen Ideologie. Hier wird oft durchaus gesellschaftskritisch der eine oder andere Skandal dieser Gesellschaft aufgegriffen. Es werden sogar kritische Töne gegen das Bundeskriminalamt oder den Verfassungsschutz laut und die Machenschaften irgendwelcher Konzerne deutlich. Aber was ist die Schlussfolgerung? Die Schlussfolgerung ist, dass man diese Leute leider nicht bekämpfen kann, weil sie zu mächtig sind. Die Akteure sind nicht die breiten Massen, die sich wehren, sondern höchstens ein moralisch mehr oder weniger integrer Kommissar, der das für die Menschen tut. So wird der kleinbürgerliche Individualismus gefördert und gelobt, statt die selbständige Aktivität der breiten Massen, die allein in der Lage ist, gesellschaftsverändernd tätig zu werden.

Die bürgerliche Ideologie hat das allgemeine Bestreben, sich in einer Form zu präsentieren, in der sie möglichst von der Masse der Bevölkerung widerstandslos geschluckt wird. Die Manipulation des Denkens, Fühlens und Handelns über das System der kleinbürgerlichen Denkweise geschieht aber nicht nur, ja noch nicht einmal in erster Linie, über die Vermittlung von Inhalten, sondern von kleinbürgerlichen Methoden und Verhaltensweisen.

Werden heute in einem Betrieb Massenentlassungen oder Stillegungen vorgenommen, dann wollen die Kapitalisten um jeden Preis Kämpfe vermeiden. Also propagieren sie den individuellen Ausweg. Sie bieten einen Sozialplan an, der dem einzelnen nach dem Verlust des Arbeitsplatzes zwar erst einmal über die Runden hilft, um einen gemeinsamen Kampf zu vermeiden. Es dauerte einige Jahre, bis die Arbeiter merkten, dass die Vernichtung eines jeden Arbeitsplatzes einen Arbeitlosen mehr bedeutet, egal ob das mit Sozialplan, über die Zwischenstation einer Beschäftigungsgesellschaft oder direkt über Massenentlassungen erfolgt.

Auch in anderen Bewegungen spielt die Verbreitung der kleinbürgerlichen Methoden eine große Rolle. Statt einen wirklichen Kampf zu führen wird gerne auf symbolische Proteste, dem Gang zu den Gerichten, den Appell an die Vernunft der Herrschenden gesetzt, um der notwendigen Zuspitzung auszuweichen.

Die kleinbürgerliche Denkweise ist tief in die Arbeiterbewegung eingedrungen. Das hat mit Veränderungen in der Klassenstruktur der Gesellschaft zu tun. Es kam zu einer Durchdringung der Lebensumstände zwischen den Arbeitern und der abhängigen Intelligenz. Jugendliche aus Arbeiterfamilien studieren und werden Intellektuelle, andererseits machen Kinder von Intellektuellen eine Lehre und werden Arbeiter oder einfache Angestellte. Auch der Lebensstandard hat sich immer mehr angeglichen. Viele Arbeiter haben ein Bildungs- und Kulturniveau erreicht, das früher Akademikern vorbehalten blieb.


Das alles hat Auswirkungen auf den Einfluss der Denkweise von Intellektuellen unter Arbeitern und umgekehrt auf den Einfluss der Denkweise von Arbeitern auf die Intellektuellen. Von seiner Klassenlage unterscheidet sich die Denkweise eines Arbeiters von der Denkweise eines Intellektuellen. Die proletarische Denkweise ist aufgrund des unversöhnlichem Widerspruchs der Arbeiter zum Kapitalismus davon geprägt, dass sie sich für das Ende der Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen einsetzt. Die abhängige Intelligenz gehört keiner einheitlichen Klasse an, und hat deshalb auch keinen klaren Klassenstandpunkt.

Marx hat das einmal so beschrieben: »In einer fortgeschrittenen Gesellschaft und durch den Zwang seiner Lage wird der Kleinbürger einesteils Sozialist, anderenteils Ökonom, das heißt, er ist geblendet von der Herrlichkeit der großen Bourgeoisie und hat Mitgefühl für die Leiden des Volkes. Er ist Bourgeois und Volk zugleich. Im Innersten seines Gewissens schmeichelt er sich, unparteiisch zu sein, das rechte Gleichgewicht gefunden zu haben, das den Anspruch erhebt, etwas anderes zu sein als gewöhnliche Mittelmäßigkeit.« (Marx/Engels, Werke Bd. 27, S. 462).

Mit der Entwicklung der abhängigen Intelligenz zur dominierenden kleinbürgerlichen Schicht entwickelte sich die kleinbürgerlich-intellektuelle Denkweise zu einem vielfältigen System der bürgerlichen Ideologie. Es durchdringt alle Fragen der Kultur, der Politik und der Wissenschaft und wurde zu einem tragenden Teil des staatlichen Machtapparats. Die Hauptwirkung der kleinbürgerlichen Denkweise auf die Arbeiterbewegung, aber auch auf die Umweltbewegung oder auch der Friedensbewegung sind die Desorganisation, die Desorientierung und die Demoralisierung des Kampfs. Sie hat also einen destruktiven Charakter.

Die Wirkung des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise ist seit geraumer Zeit durch die praktischen Erfahrungen gründlich in Frage gestellt, was in Gesellschaft zu einer Situation der latenten politischen Krise geführt hat. Zunehmende Wahlenthaltung, schwindender Einfluss der bürgerlichen Parteien, Erhöhung der Aktivitäten der Massen sind Merkmale dieser Entwicklung.

Als kürzlich der Bundesfinanzminister Steinbrück aus seinem Urlaub kommend den Leuten empfahl, beim Urlaub künftig kürzer zu treten und stattdessen für die private Altersvorsorge zu sparen, schlug ihm ein Sturm der Entrüstung entgegen. Er musste sich kleinlaut entschuldigen. Auch nachdem einige Tage später Verteidigungsminister Jung den Libanoneinsatz der Bundeswehr als „Kampfeinsätze der Bundeswehr“ bezeichnete, bekam er heftige Prügel und musste korrigieren, dass es sich dabei nur um ein »robustes Mandat« handelt.

Vom Standpunkt der weltanschaulichen Auseinandersetzung bedeutet dies einen Prozess des Fertigwerdens mit der kleinbürgerlichen Denkweise. Diesbezüglich gibt es seit einigen Jahren einige bemerkenswerte Veränderungen. In einer repräsentativen Umfrage des ZDF wurde Karl Marx im Herbst 2004 zum „drittgrößten Deutschen“ gewählt. Jüngste Meinungsumfragen signalisieren: Die Bundesbürger, die den Sozialismus für eine gute Idee halten, die nur schlecht verwirklicht worden ist, machen inzwischen bereits in Ostdeutschland über 70 Prozent und in Westdeutschland 55 Prozent aus, das sind 20 Prozent mehr als vor 15 Jahren.

Nachdem der damalige SPD-Chef Müntefering während des Landtagswahlkampfs in NRW eine öffentliche »Kapitalismus-Kritik« gestartet hatte, geriet jüngst auch der christdemokratische NRW-Arbeitsminister Laumann ins Grübeln: ”Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus ist der Kapitalismus ungezügelt. Ich glaube, da bedarf es einer Korrektur.” (Rheinische Post 13.5.06) Auch die ehemaligen CDU-Minister Blüm und Geisler haben in letzter Zeit wiederholt die Rücksichtslosigkeit des Kapitalismus kritisiert. Der Kapitalismus ist also wieder da! In Wirklichkeit war er nie verschwunden. Er war nur überdeckt von einer Flut von Phrasen, Illusionen und Lebenslügen, die mehr und mehr der Betrachtung der Realität weichen.

Die Ideologie von der Ideologiefreiheit ist gescheitert. Die Ideologie des wissenschaftlichen Sozialismus mit seiner dialektisch-materialistischen Methode gewinnt an Boden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.