Briefwechsel und Dokumente der laufenden theoretischen Arbeit

Briefwechsel und Dokumente der laufenden theoretischen Arbeit

21.8.2014

Lieber Genosse,

Deinen Brief vom 11.08.2014 zum Rote Fahne Artikel zum Palästina-Konflikt möchte ich hiermit beantworten. Der Brief enthält sicherlich einzelne wichtige Überlegungen zum weltanschaulichen Kampf gegen den Zionismus. Er attackiert aber die zutreffende marxistisch-leninistische Haltung zur Judenfrage im Allgemeinen und der sozialistischen Außenpolitik unter Führung Stalins in der Palästinafrage im Besonderen. Er steht auch im direkten Widerspruch zu zahlreichen diesbezüglichen Aussagen in unseren Publikationen und unserer ideologisch-politischen Linie. Dabei ist er stark vom arabischen kleinbürgerlichen und bürgerlichen Nationalismus und Trotzkismus beeinflusst – dazu unten mehr.

In Deiner Kritik vergaloppierst Du Dich ziemlich, wenn du behauptest, der Artikel und die Gromyko-Reden 1947 vor der UN-Generalversammlung würden „Behauptungen und Begriffe der zionistischen Ideologie verwenden“ oder gar indirekt dem Artikel und der Gromyko-Rede unterstellst, sie enthielten eine „nationalistisch–mystisch–religiöse“ Begründung für die Gründung des Staates Israel. Beachtet werden muss, dass dieser Artikel nicht die Aufgabe hatte, sich ausführlich mit der Frage der jüdischen Nation im Allgemeinen oder der zionistischen Ideologie zu befassen. Sein Zweck war darzulegen, wie eine sozialistische Außenpolitik im Sinne der Völkerfreundschaft in einer äußerst komplizierten Situation hervorragend verwirklicht wurde, und dass wir an diesen grundsätzlichen Standpunkten auch heute anknüpfen können und dies tun. Dafür sind die beiden Reden Gromykos vor der UN-Generalversammlung vom 14.05.1947 und 26.11.1947 gut geeignet.

Es gibt keine grundlegende Differenz zwischen dem Tenor der Gromyko-Reden und der sonstigen sozialistischen Außenpolitik unter Führung Stalins in der Palästinafrage in der unmittelbaren Zeit nach dem II. Weltkrieg, wie Du suggerierst. Du führst auch überhaupt kein Indiz dafür an, dass Stalin irgendwelche Kritiken an Gromykos Aussage gehabt haben könnte. Seriösere bürgerliche Werke halten zu dem Thema ausdrücklich fest, dass die zitierten Gromyko-Reden auf direkten „inhaltliche Direktiven“ aus Moskau basierten (Bachmann, Die UdSSR und der Nahe Osten, S. 111). Diese Direktiven gingen unmittelbar auf den damaligen sowjetischen Außenminister Molotov zurück, der in enger Absprache mit Stalin handelte (ebenda, S. 114). Dass Stalin irgendwelche Äußerungen Gromykos vor der UN-Generalversammlung unbekannt gewesen wären, ist auch nicht plausibel, zumal diese Gromyko-Reden damals in den Presseorganen breit veröffentlicht und diskutiert wurden (Gromyko schaffte es mit dem Thema 1947 sogar auf das Titelbild der amerikanischen Time), so dass Stalin grundsätzliche Differenzen sicherlich nicht entgangen wären. Es widerspräche auch völlig den Gepflogenheiten in der Sowjetdiplomatie am Ausgang des II. Weltkriegs, in der Öffentlichkeit über Monate durch eigene hochrangige Vertreter eine Politik gegen Stalins Kurs zu zulassen. Die von Gromyko gemachten Vorschläge und Begründungen wurden auch vom sozialistischen Lager geteilt, insbesondere auch der DDR. Stalin hat ihre Grundtendenz nach verschiedenen Berichten auch bereits zuvor in den Verhandlungen der Anti-Hitler-Koalition vorgebracht.

Ich weiß nicht, welche Indizien Du dafür haben willst, dass Gromyko bereits 1947 ein „Bürokrat“ gewesen sei. Du führst das sogar noch weiter aus: „Gromyko war ja ein karrieristischer Bürokrat, der sich, so lange Stalin lebte, als Kommunist tarnte. Wenige Jahre später beteiligte er sich am konterrevolutionären Putsch … “. Für diesen sehr weitgehenden individuellen Vorwurf – getarnter kleinbürgerlicher Bürokrat schon 1947 - bringst Du keinen einzigen Beleg. Ohne einen solchen Beleg ist es aber bloß ein kleinbürgerlicher Vorbehalt zur Diskreditierung seiner richtigen Positionen. Das widerspricht direkt der Lehre von der Denkweise und geht davon aus, dass sich Menschen ohnehin nicht verändern würden. Es entspricht eher den personifizierenden und unhistorischen Darstellungen aus dem ehemaligen Albanien-Lager, die rund um Stalin ohnehin nur verkappte Verräter entdeckt haben wollen und die Restauration des Kapitalismus als Räuberpistole verfälschen.

Zunächst zur Frage des „jüdischen Volkes“. Lenin und Stalin gingen immer davon aus, dass die jüdische Frage nicht in erster Linie als religiöse Frage, sondern als nationale und soziale Frage betrachtet und gelöst werden muss. Das ist der eigentliche grundsätzliche Ausgangspunkt in ihrer Stellung zur jüdischen Frage, nicht die allgemeine Ablehnung jeder jüdischen Nationalität oder jedes jüdischen Volkes und genau das wird von Dir in Abrede gestellt. Mit dem Begriff des „jüdischen Volkes“ oder auch des „jüdischen Staates“ ging es der UdSSR 1947 um eine nationale Kennzeichnung, nicht um eine religiöse Charakterisierung des Staatswesens.

Lenin und Stalin polemisierten völlig zu Recht gegen jede bürgerliche oder kleinbürgerliche nationalistische Behandlung und angebliche „Lösung“ der jüdischen Frage. Das stand in engster Verbindung mit dem Kampf gegen den Separatismus der Bundisten in der Organisationsfrage der revolutionären Arbeiterbewegung, was Lenin unter anderem in den bekannten und teilweise von Dir zitierten Artikeln beispielhaft verwirklichte. Stalin wandte sich zurecht 1913 dagegen, die Juden auf der ganzen Welt als einheitlichen Nation zu behandeln, zumal das direkt der Linie der Verschmelzung der Nationalitäten entgegenstand. Dabei schrieb Stalin allerdings auch, dass es bei den Juden zumindest „Überreste eines Nationalcharakters“ (Stalin, Werke, Bd. 2, S. 274) gab. Er führte verschiedene Einwände dagegen an, dass die Juden eine vollwertige Nation sind, insbesondere das Fehlen eines einheitlichen Territoriums. Interessant ist aber, wie er weiterhin argumentierte: „Wie kann man aber ernstlich behaupten wollen, daß verknöcherte religiöse Riten und sich verflüchtigende psychologische Überreste auf das ,Schicksal' der erwähnten Juden stärker einwirken als das lebendige sozialökonomische und kulturelle Milieu, worin sie leben? Aber nur unter dieser Voraussetzung kann man ja von den Juden schlechthin als einer einheitlichen Nation sprechen.“ (Stalin, Werke Bd. 2, S. 274/275)

Wie kannst Du da behaupten: „Wenn das 1913 galt, galt es 1947 umso mehr ...“ Glaubst Du nicht, dass der Völkermord an den Juden durch den Hitlerfaschismus ein starkes Einwirken auf das 'Schicksal' und Nationalbewusstsein der Juden hatte? Du behandelst die Frage des jüdischen Volkes und der jüdischen Nation ahistorisch und starr. In der Schrift „Marxismus und nationale Frage“ wies Stalin völlig zu Recht – mit Blick auf die Juden - auf folgendes hin: „Nein, nicht für solche papierene ,Nationen' stellt die Sozialdemokratie ihr nationales Programm auf. Sie kann nur mit wirklichen Nationen rechnen, die handeln und sich bewegen und darum auch erzwingen, daß man mit ihnen rechnet.“ (Stalin, Werke Bd. 2, S. 276). Es besteht doch wohl kein Zweifel, dass ein Teil der Juden insbesondere unter dem Druck des Massenmords und der Verfolgung des Hitlerfaschismus sich von einer solchen „papierenen Nationen“ in Zusammenhang mit der Palästinafrage zu einer tatsächlichen Nation entwickelte und auch erzwangen, dass mit ihnen gerechnet werden muss.

Lenin und Stalin haben nie bestritten, dass die Judenfrage eine nationale Seite hat, während sie ausführlich darlegten, dass der Zionismus und der jüdische Nationalismus bekämpft werden muss. Dabei ließen sie keinen Zweifel daran, dass die nationale Unterdrückung der Juden strikt bekämpft werden muss. So schrieb Lenin in dem Grundsatzaufsatz „Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage“ ausdrücklich: „Das gleiche gilt von der am meisten unterdrückten und gehetzten Nation: der jüdischen. Jüdische nationale Kultur – das ist die Losung der Rabbiner und Bourgeois, die Losung unserer Feinde. Aber es gibt in der jüdischen Kultur und in der ganzen Geschichte des Judentums auch andere Elemente ... Dort haben sich die großen universal-fortschrittlichen Züge in der jüdischen Kultur deutlich gezeigt: ihr Internationalismus, ihre Aufgeschlossenheit für die fortschrittlichen Bewegungen des Zeitalters …“ (Lenin, Werke, Bd. 20, S. 10)

Weiter schreibt er: „Wer die Gleichberechtigung der Nationen und Sprachen nicht anerkennt und nicht verteidigt, wer nicht jede nationale Unterdrückung oder Rechtsungleichheit bekämpft, der ist kein Marxist, der ist nicht einmal ein Demokrat. Das unterliegt keinem Zweifel. Aber ebensowenig unterliegt es einem Zweifel, daß ein Quasimarxist, der einen Marxisten einer andere Nation wegen ,Assimilantentum' nach Strich und Faden heruntermacht, in Wirklichkeit einfach ein nationalistischer Spießer ist.“ (ebenda, S. 13).

Lenins Artikel „Über die Pogromhetze gegen die Juden“ endet mit dem Satz: „Es lebe das brüderliche Vertrauen und das Kampfbündnis der Arbeiter aller Nationen im Kampf für den Sturz des Kapitals.“ (Lenin,, Werke, Bd. 29, S. 240).

Des Weiteren schrieb er unter der Überschrift „Nationalisierung der jüdischen Schule“: „Die Interessen der Arbeiterklasse – wie überhaupt die Interessen der politischen Freiheit – erfordern dagegen die vollste Gleichberechtigung ausnahmslos aller Nationalitäten eines gegebenen Staates und die Beseitigung jeglicher Scheidewände zwischen den Nationen, die Vereinigung der Kinder aller Nationen in einheitlichen Schulen usw.“ (Lenin, Werke, Bd. 19, S. 298). Es gibt vielfältige Zitate, in denen Lenin von den Juden als unterdrückte nationale Minderheit spricht.

Ich möchte auch daran erinnern, dass unter Stalin die „Jüdische Autonome Oblast“ als autonome Verwaltungsregion innerhalb der Sowjetunion gegründet wurde. Kalinin, als Vorsitzender des Allrussischen zentralen Exekutivkomitees der Sowjets, soll zu diesem Gebiet ausgeführt haben: „Birobidschan betrachten wir als einen jüdischen nationalen Staat“. Dort erblühte die jüdische Kultur in Verbindung mit der gesamten Sowjetkultur, wurde das Jiddische als Amtssprache praktiziert und gelehrt, wurden die nationalen Rechte des jüdischen Volkes geschützt usw.

Kommen wir zur Gromyko-Rede 1947 zurück. Für mich gibt es keinen Zweifel, dass sich insbesondere in Palästina ein jüdisches Volk herangebildet hatte, dessen Rechte nach dem Völkermord der Hitlerfaschisten entsprechend geschützt werden mussten. Insbesondere waren die dort lebenden Juden nicht mehr voneinander getrennt, nicht wirtschaftlich isoliert, standen in kulturellem Austausch untereinander, während sich eine gemeinsame Sprache erst herausbildete. Das kann man doch nicht ernsthaft mit den „Bergjuden“ von 1913 gleichsetzen.

Dieser zutreffende marxistisch-leninistische Standpunkt hat doch nichts mit irgendeiner „Lebenslüge des Zionismus“ zu tun. Schon gar nicht machte sich Gromyko oder der Artikel die religiöse Propaganda des Zionismus zu eigen von einem „auserwählten Volk“ der Juden. Dazu wird im Buch „Die UdSSR und der Nahe Osten“ aus einer anderen Quelle Molotov folgendermaßen zitiert: „Außer uns waren alle dagegen (gemeint sind die übrigen Staaten in der Palästina-Frage, Verf.). Außer Stalin und mir. Es haben mich einige gefragt: Warum habt ihr das unterstützt? Wir sind Advokaten internationaler Freiheit. Warum sollten wir dagegen sein, wenn das genau genommen hieße, eine feindliche Politik in der nationalen Frage zu verfolgen. In unserer Zeit, das ist richtig, waren und blieben die Bolschewiki gegen den Zionismus eingestellt. Und sogar gegen den Bund, obwohl dieser als sozialistische Organisation galt. Aber eine Sache ist es, gegen den Zionismus zu sein, (…) eine andere, gegen das jüdische Volk zu sein.“ (S. 114; Hervorhebung Verf.)

In der Arbeiterbewegung wird die damalige Politik Stalins besonders von den Trotzkisten bekämpft; ein nicht unbedeutender Teil der sog. fortschrittlichen jüdischen Antizionisten waren oder sind Trotzkisten. So gilt das Buch von Nathan Weinstock „Das Ende Israels? Nahostkonflikt und Geschichte des Zionismus“ von 1967 allgemein bis heute als Standardwerk fortschrittlicher jüdischer und marxistischer Kritik am Zionismus. Weinstock war damals bekennender Trotzkist. Er schrieb: „Und er (Gromyko, Verf.) fügte hinzu, 'es wäre ungerecht, dieser Tatsache (dem Massenmord an Juden unter Hitler, Verf.) nicht Rechnung zu tragen und dem jüdischen Volk das Recht zu verweigern, eine solche Sehnsucht zu erfüllen.' Dies stellt unbestreitbar eine explizite Anerkennung der Berechtigung der zionistischen Ideologie dar.“ (S. 216)

Trotzki selbst hat bekanntlich die nationale Frage allgemein abschätzig behandelt; er leugnete auch höchst persönlich jedes besondere nationale Moment in der Lösung der jüdischen Frage bezogen auf Palästina:

Sowohl der faschistische Staat in Deutschland, als auch der arabisch-jüdische Kampf bringen neue und sehr deutliche Bestätigungen für den Grundsatz, dass die jüdische Frage im Rahmen des Kapitalismus nicht gelöst werden kann. … Wie auch immer, es besteht kein Zweifel, dass die materiellen Bedingungen für die Existenz des Judentums als unabhängige Nation nur durch die proletarische Revolution geschaffen werden können.“ (Trotzki, Über das 'jüdische Problem', 1934, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1934/02/ juedischeproblem.html) Auch hier hat er Unrecht behalten!

Es ist im Übrigen auch nicht richtig, dass wir in unserer ideologisch-politischen Linie nicht von einem jüdischen Volk sprechen würden. So heißt es im Revolutionären Weg 32-34: „Unter der heuchlerischen Flagge der ,Wiedergutmachung' der Verbrechen, die deutsche Faschisten am jüdischen Volk verübt haben, missbrauchen die Herrschenden heute die berechtigte Ablehnung des Antisemitismus, um die imperialistische Politik des Staates Israel zu rechtfertigen.“ (S. 249). Im Revolutionären Weg 22 schrieben wir über den „Konflikt zwischen Arabern und Juden“. (S. 222)

Auch in unserem Zentralorgan haben wir schon häufig über das jüdische Volk geschrieben und auch bereits in der Vergangenheit Teile der Gromyko Rede publiziert, siehe nur: „Warum tritt die MLPD für einen gemeinsamen Staat des palästinensischen und jüdischen Volkes ein?“ (Rote Fahne 43/2000, S. 16). Auf rf-news schrieben wir am 13.01.2008: “Die Erkämpfung eines eigenständigen Staates der Palästinenser als Übergangslösung für ein befreites und demokratisches Palästina, in dem das arabische und jüdische Volk gleichberechtigt und friedlich zusammenleben...“ Es gäbe noch weitere Beispiele dafür. Wieso recherchierst Du dazu nicht gründlich, bevor Du eine solch weitgehende Kritik vom Stapel lässt?

Dabei muss auch die Elastizität der Begriffe beachtet werden. Natürlich gibt es eine Identität zwischen dem Begriff Volk und Nation. Gleichzeitig wird der Begriff „Volk“ in der politischen Auseinandersetzung auch im Sinne von Bevölkerung, Volksgruppen und Volksstämmen verwendet, was je nach Zusammenhang durchaus seine Berechtigung haben kann.

1947 in der UNO ging es nicht um abstrakte Auseinandersetzungen über den allgemeinen Charakter der jüdischen Nation und des jüdischen Volkes. Es ging um die Lösung eines konkreten äußerst komplizierten Problems, wobei natürlich von der grundsätzlichen Seite aus herangegangen werden musste. Das wurde damals auch hervorragend gemacht. Wenn wir heute an das Problem der Palästina-Frage herangehen, so müssen wir natürlich die seitdem erfolgten Veränderungen beachten, was aber nicht Aufgabe dieses Artikels war. Hier muss natürlich beachtet werden, dass wir heute einen imperialistischen Zionismus haben, dass unsere Solidarität uneingeschränkt mit dem Kampf des palästinensischen Volkes um nationale und soziale Befreiung entwickelt werden muss usw. Es ist auch klar, dass eine demokratische Zweistaatenregelung als Übergangsstadium für ein einheitliches, demokratisches Palästina nur im Kampf um nationale und soziale Befreiung möglich sein wird.

Aber auch dabei müssen zweifellos die Rechte der israelischen/jüdischen Bevölkerung beachtet werden. Über die heute geeignete Bezeichnung dieser beiden Staaten muss sicherlich nachgedacht werden. In den UN-Beschlüssen 1947/48 wurde immer von einem „jüdischen Staat“ und einem arabischen Staat ausgegangen. Das war ausdrücklich nicht als religiöse Kennzeichnung gemeint. Nur in diesem Sinne habe ich auch in dem Artikel den Begriff vom jüdisch-israelischen Volk verwendet, was allerdings erläuterungsbedürftig ist. Um Missverständnisse zu vermeiden, sollten wir tatsächlich besser nur vom israelischen Staat sprechen. Einen grundsätzlichen Unterschied macht das aber nicht aus, zumal die Bezeichnung „Israeliten“ nur ein Synonym für Juden darstellte („Nachkommen Israels“, des „Gottesstreiters“).

Zudem erhebst Du den weitgehenden Vorwurf, Gromyko machte sich mit der Behauptung, dass „,das jüdische Volk über einen erheblichen geschichtlichen Zeitraum aufs engste mit Palästina verbunden ist' eine zweite Lebenslüge des Zionismus zu eigen.“ Dafür, dass sich Gromyko und die Rote Fahne „zionistische Lebenslügen zu eigen“ machen würden bleibst Du allerdings jeden Beweis schuldig. Du setzt einfach die zutreffende Aussage von Gromyko mit einem „Exodusmythos“ gleich, um Deinen Vorwurf zu rechtfertigen. Gromyko hat sich aber überhaupt nicht in die Auseinandersetzung über die detaillierte geschichtliche Entwicklung in Palästina eingeschaltet. Er wies nur völlig sachlich und unbestreitbar darauf hin, dass es eben einen solchen Zusammenhang gab, auch über einen erheblichen geschichtlichen Zeitraum – was niemand ernsthaft bestreiten kann -, auch wenn um Dauer, Grad und Intensität heftig heftig gestritten werden mag.

Man muss auch beachten, dass es sich bei dieser Aussage aus der Gromyko-Rede um ein konkretes Argument in der konkreten Situation der Frage der Staatsgründung von Palästina handelte. Er nahm überhaupt nicht Stellung dazu, dass es an sich ein allgemeines und jederzeitiges Recht der Juden gebe, in Palästina einen Staat zu errichten oder ähnliches. Natürlich darf man den Satz Gromykos nicht überstrapazieren und daraus herauslesen, dass sämtliche Juden der Welt in Palästina angesiedelt werden könnten oder sollten. Allgemein gilt natürlich, dass die Verschmelzung der jüdischen Bevölkerung in den Nationen, in denen sie leben, weitergeführt werden muss und die Lösung der jüdischen Frage in der Hauptsache mit der Lösung der sozialen Frage zusammenfällt. Auch hat er nicht behauptet, dass sämtliche Juden der Welt ihre Wurzeln unmittelbar in Palästina hätten, er hat nicht zur Abstammungsfrage Stellung genommen oder ähnliches. Du unterstellst ihm stattdessen völlig unsachlich, dass er der „zionistischen Theorie vom auserwählten jüdischen Volk“ und von der untrennbaren Bindung an das Land der Vorväter auf den Leim gegangen sei. Aber: Kein einziges Wort davon findest Du in den Gromyko-Reden! Die reaktionäre zionistische Theorie muss bekämpft werden und war auch nie Leitlinie der sozialistischen sowjetischen Politik, wie Du es nahe legst.

Du stimmst zu, dass man die Staatsgründung Israels nicht ablehnen kann. Du behauptest aber, das sei hier durch „reaktionäre, unwissenschaftliche Theorien“ begründet, statt dies allein aus der „Sondersituation der Verbrechen des Holocaust und der Judenverfolgung“ zu begründen. Tatsächlich war es doch so, dass die nationale Frage in der Lösung der Judenfrage durch die Verbrechen des Hitlerfaschismus und die konkrete Entwicklung in Palästina objektiv einen neuen Stellenwert bekam. Deine Argumente sind im Übrigen nicht neu. Sie wurden weitgehend schon 1947/48 von arabischen Nationalisten vorgebracht, beeinflussten die PLO-Programmatik, werden von Trotzkisten verbreitet und sind bis heute ein Hemmnis für die Lösung des Palästina-Konflikts. Unter kleinbürgerlich/bürgerlichen arabischen Kreisen, Trotzkisten und Teilen der kleinbürgerlichen Linken gibt es bis heute entsprechende antikommunistisch motivierte Gegenpositionen zur Stalinschen Außenpolitik in der Palästinafrage. Wieso lässt Du Dich davon eigentlich so beeinflussen?

Du argumentierst auch eklektizistisch. So weist Du darauf hin, dass unter Stalin schon 1952 die diplomatischen Beziehungen zu Israel abgebrochen wurden. Du gehst aber nicht darauf ein, dass Stalins Regierung auch die erste war, die Israel überhaupt völkerrechtlich anerkannt hatte. Zwischen 1947 und 1952 gab es bereits weitgehende Veränderungen, insbesondere hatte der US-Imperialismus seinen Haupteinfluss in Israel bereits durchgesetzt und Israel sich in einen zionistischen Staat verwandelt, während Stalin 1947 gerade den imperialistischen Einfluss in Palästina schwächen wollte.



Herzlichen Gruß!

Peter Weißpfenning

Buchbesprechung

Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus“

Zuerst möchte ich den Autorinnen und Autoren unter Federführung von Stefan Engel herzlichst für dieses tolle Werk danken. Das Buch gibt einen tollen Überblick über die geschichtliche Entwicklung der bürgerlichen/kleinbürgerlichen Denkweise im Kampf gegen den Kommunismus und die teils verheerenden Auswirkungen für die globale Gesellschaft. Dieser wunderbar zusammengefasste Abriss sollte ein Mahnmal für sämtliche fortschrittlichen, revolutionären und sozial denkenden Menschen sein. Ein Mahnmal, dass der Kampf für den echten Sozialismus weitergeführt werden muss. Nicht aus einem „Tradition“-verständnisses heraus, der berechtigterweise als revisionistisch gilt, sondern aus der Verpflichtung gegenüber der internationalen marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung, die der Gesellschaft durch ihre Kämpfe als Vorhutorganisation der Weltarbeiterklasse zu großartigen Errungenschaften verholfen hat. Diese Errungenschaften wurden und werden jedoch seit jeher durch das Monopolkapital angegriffen und versucht niederzuringen. Doch durch die tapfere Beharrlichkeit der internationalen ML-Bewegungen wendet sich das Blatt und wir haben die realistische Chance auf eine welt-befreiende Diktatur des Proletariats.

Ebenso wird die Gefahr durch den anhaltenden Antikommunismus in einprägender Deutlichkeit aufgezeigt. Eine Gefahr die vor allem darin besteht, wenn es den fortschrittlichen Kräften nicht gelingt den Kampf gegen diese bürgerliche Denkweise fortzuführen und eine notwendige Gegenmacht aufzubauen.

In mir wird die ohnehin schon vorhandene Überzeugung der proletarischen Weltanschauung verstärkt und gleichzeitig der Wunsch geweckt den Marxismus-Leninismus sowie die Mao-Zedong-Ideen in ihrem Kern zu studieren und für den sozialistischen Aufbau im Kampf gegen die (noch) vorherrschende bürgerliche Ideologie anzuwenden.

Das Buch erweckt Lust die Schriften von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Zedong durch dialektische Methoden zu verinnerlichen und zur bewussten Anwendung für die Arbeiterklasse im gesamten gesellschaftlichen Leben anzuwenden.

Es besticht vor allem durch den wissenschaftlichen Ansatz, der durch die vielen Erläuterungen und Fußnoten deutlich wird. Jedoch wird der Lesefluss zu keinem Zeitpunkt gebrochen. Im Gegenteil, die Fußnoten und ausgewählte Zitate machen das Buch so lebendig, dass es sich wie ein guter Kriminalroman liest.

Vor allem die Fußnoten und die Verweise auf die Fachliteratur wecken in mir das Verlangen, die jeweilig zitierte Fachliteratur an entsprechenden Stelle aufzuschlagen, um nachzulesen und noch tiefer in die Materie und den Bezug auf das Geschriebene zu studieren. Evtl. ist das ein zu verfolgender Ansatz, um das Studium im Sinne der proletarische Denkweise zu intensivieren?

Das Buch und das gesamte Themenfeld haben in mir viele Gedanken und selbstverständlich auch Fragen aufgeworfen.

Um den Einstieg in die Diskussion bzw. Besprechung nicht zu überfrachten, möchte ich im ersten Schritt auf einen Punkt aufgrund des aktuellen Bezugs eingehen:

zu Kapitel I/ 3.15 – Antikommunistische Ausrichtung der sozialen Bewegungen

In diesem Kapitel wird die Steuerung der in Deutschland tätigen NGO's durch staatliche Förderung sowie durch internationale Übermonopole beschrieben. Darunter Bewegungen wie attac und Fridays for Future uvm.

Wie passt es zu dem Bestreben der Regierung durch seinen Inlandsgeheimdienst die Organisation wie attac die Gemeinnützigkeit absprechen zu wollen? Das steht doch im diametralen Gegensatz zu der wohl gleichzeitigen Finanzierung eben jener Bewegung.

Wenn gleich es abermals zeigt, wie wichtig die Präsenz unserer MLPD in den Massenbewegungen ist, um ein konsequent linkes Korrektiv darzustellen. Wobei mir das Wort Korrektiv nicht geeignet erscheint, da wir keine Korrektur am bestehenden System wollen, sondern einen radikalen Umbruch.

Zur Einleitung

Es ist wirklich toll wie scharf das Werk in seiner Analyse bereits in seiner Einleitung ist.

Dort heiß es zu Recht in der Kritik der vermeintlichen linken bürgerlichen Parteien wie DIE LINKE bzw. die Grünen, dass der Ansatz und die Strategie einer Verschiebung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zu Gunsten der lohnabhängigen Klassen durch eine Orientierung aufs Mitregieren nicht erfolgreich sein kann. Ein Richtungswechsel wie er beispielsweise im Erfurter Programm formuliert ist, kann nur durch eine Veränderung der gesellschaftlichen Klassenverhältnisse erfolgen. Notwendig dafür ist das Zurückdrängen der bürgerlichen Leitbilder und Denkmuster der herrschenden Klassen. Laut Erfurter Programm steht die Linkspartei in grundsätzlicher gesellschaftlicher und politischer Opposition zum Neoliberalismus und der Kapitalherrschaft. Sie beruft sich auf der Mobilisierung von gesellschaftlichem Widerstand und möchte den Erfolg über eine Veränderung der Macht- und Eigentumsverhältnisse realisieren.

Was wir jedoch sehen und erleben ist ein Kurs der auf das Mitregieren abzielt. Dieses Mitregieren ist jedoch die Reinkarnation eines systemintegrierten Politikverständnis, wie es von den anderen parlamentsorientierten Parteien praktiziert wird.

Es zeigt die konzeptionellen Schwäche im Prozess einer Parteientwicklung. Hier wird ein Bewusstseinswandel von einer Klassen-, Oppositions- und Protestpartei hin zu einer regulativen Ordnungspartei aufgezeigt; zu einer systemtragenden Partei, die ihren Frieden mit dem Kapitalismus gemacht hat. Aber sie ignoriert dabei fleißig die machtpolitischen Gegebenheiten und die Aufgabe, diese grundlegend zu ändern. Die gesellschaftsspaltenden Herrschaftsstrukturen, die Umsetzung profitorientierter Interessen monopolisierter Kapitalgruppen in der politischen Macht des Staates, bleiben ausgeblendet.

Aus eigener leidvoller Erfahrung gab und gibt es keinen Raum in der Linkspartei, in dem diese Erkenntnisse Platz finden, um linke Gesellschaftsstrategien für die Praxis schlussfolgernd in ein Handlungskonzept zu überführen.

Kapitalherrschaft wird nur noch als auswüchsige Einzelerscheinung thematisiert. Suggeriert wird, es müsse nur die Union und FDP aus der Regierung entfernt werden, dann könne der politische Richtungswechsel beginnen.

Über die anderen Bundestagsparteien – vor allem Grüne und SPD eingeschlossen - wurde oft kritisiert, sie würden sich devot den Wünschen der Wirtschaftsmächtigen unterwerfen: heute gehören die zwei angesprochenen Parteien angeblich zum linken Lager, das einen Richtungswechsel herbeiführen soll. (sic!)

Legt man dieses Selbstverständnis eben jener heutigen Linkspartei zu Grunde, erlangt man zu der Erkenntnis, dass Staatspolitik im Kapitalismus für sie als demokratischer Willensbildungsprozess erscheint, in dem das Agieren des Kapitals nur noch als ein bloßer Störfaktor wahrgenommen werden kann, der aber durch gesellschaftlichen Druck behoben werden kann.

Das ist illusorisch !!! Staatspolitik ist den Interessen den Finanzmonopolen und dem Kapital untergeordnet.

Diese beschriebene und festzustellende Entwicklung einer sich selbst als links schimpfenden Partei und dem innewohnenden ungebrochenen Geifern nach dem Mitregieren zeugt darüberhinaus von einer Verantwortungslosigkeit gegenüber den Gefahren, die der Kapitalismus über die Menschheit heraufbeschwört: die Zerstörung unserer Lebensgrundlage; durch Krieg, Klimaerwärmung, Erdverwüstung und Grundwasservergiftung. Nicht selten gleich mehrere Faktoren in einer Region unseres Erdballs zusammen – siehe die kürzlichen Flutkatastrophen in West- und Süddeutschland.

Das Buch „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus“ hat mir in der Aufarbeitung der eigenen Erfahrung mit dieser Art von fadenscheiniger linker Politik sehr geholfen und gibt mir Halt. Es tat gut zu lesen, dass ich so allein gar nicht mit meiner Meinung über die tatsächlichen politischen Verhältnisse in unserem Land stehe.

Das Werk zeigt auf, dass es in unserer Gesellschaft Bündnisse und Parteien braucht, die Analysefähigkeit besitzen und Kraft ihres Selbstverständnisses auch den Mut und Kampfwillen aufbringen, die Missstände offen und klar anzuprangern. Frei nach Rosa Luxemburg: „Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat.“ Mit dem unbedingten Zusatz zu ergänzen ist, dass aus Worten im politischen Klassenkampf auch immer Taten folgen müssen.

In letzter Konsequenz gelingt diese Einheit von Wort und Tat nur der MLPD – das macht mich stolz.

zu „Die Krise der bürgerlichen Ideologie“ im Allgemeinen und Schluss

Die Krise der bürgerlichen Ideologie wird meiner Ansicht auch und vor allem durch die Widersprüche und die offensichtliche Heuchelei des (neo-)liberalen und imperialistischen Anspruch die universellen Menschenrechte zu vertreten, sie vorgeblich zu verteidigen, offenbart:

Diejenigen die täglich nichtliberale Länder für ihren Umgang mit dem Individuum als autoritär und grausam beschimpfen, wenden die brutalsten Formen des Autoritarismus an. Immer dann, wenn die bürgerliche Ordnung in Frage gestellt wird, bricht sich polizeiliche und staatliche Gewalt bahn und werden gewaltsame Angriffe auf friedliche Demonstrationen bis hin zu Massenfolterungen durchgesetzt, um die repressiven politischen Ziele höchst effektiv zu verfolgen. Das jüngste Beispiel hierfür ist die Demonstration gegen des neue Versammlungsgesetz in NRW.

Diese Art Machtdemonstration gegenüber den revolutionären und kritischen Kräften setzt zugleich einen neuen Standard und weist den Weg zu einem neuen Modell für den Umgang mit politischen und sozialen Massenbewegungen als Problem der öffentlichen (klein-)bürgerlichen Ordnung. Diese Machtdemonstration soll in die neoliberale Politik als legitime Konfrontation mit den Protesten mittels entsprechender Gesetzgebung in juristische Form manifestiert werden, um jede Erscheinungsform von Konfliktausübungen zu erschweren und zu verhindern.

Die vom Staat ausgeübte Repression ist in der bürgerlichen Denkweise wichtig, weil sie hunderte Aktive im ersten Schritt sehr hart trifft, um gleichzeitig tausende bzw. Millionen zu erziehen.

Wir als revolutionäre Kräfte dürfen nicht den Fehler machen die Stärke des Gegners zu unterschätzen. Der Neoliberalismus steckt zweifellos in einer Krise, jedoch ist er keineswegs am Ende seiner Kräfte, wie mancherorts optimistisch geglaubt wird. Die Gefahr und Stärke des Klassenfeindes besteht in seiner Fähigkeit sich stets flexibel an jedweden Kontext anzupassen. In der Vergangenheit hat der Feind stets universalistisch reagiert, wird heute partikularisch auftreten und morgen beide Elemente vereinigen, um sich durch das Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“ zu regenerieren. Durch die Bereitschaft sich scheinbar selbst zu kritisieren und womöglich reale Bedürfnisse punktuell zu befriedigen droht eine noch schärfere Wendung nach rechts. Daher muss es in der Gesamtanalyse immer um das Ziel eines Zusammenschlusses zu einer politischen Einheitsfront gehen – einer Hegemonie der Arbeiterklasse.

Die RW Redaktion antwortet:

Lieber Kollege,

vielen Dank für deine Rezension des Buches von Stefan Engel: „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus“,...

Du hattest auch Fragen und Hinweise in deinem Brief aufgeworfen, zu denen wir Dir gerne schreiben wollen.

Zu Kapitel I.3.15 „Antikommunistische Ausrichtung der sozialen Bewegungen“ wirfst Du auf: Wie passt es zu dem Bestreben der Regierung durch seinen Inlandsgeheimdienst die Organisation wie attac die Gemeinnützigkeit absprechen zu wollen?“

Das herrschende internationale Finanzkapital darf man sich nicht als widerspruchsfreien monolithischen Block vorstellen. In der Frage ihrer gemeinsamen Herrschaft und ihrer Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterklasse und der breiten werktätigen Schichten sind sie sich natürlich einig.

Weniger Einheit besteht aber z. B. in Fragen ihrer Herrschaftsform: Teile des international ausgerichteten und operierenden Finanzkapitals setzen auf das System der kleinbürgerlichen Denkweise und würden den NGOs auch etwas mehr Spielraum zur Verwirrung der Massen einräumen. So ist es in Deutschland besonders der reaktionäre Teil der CDU und die AfD die immer mehr darauf drängen, fortschrittlichen oder pseudo-fortschrittlichen Organisationen, wie eben auch Attac, die Gemeinnützigkeit zu entziehen.

Andere Teile des Finanzkapitals wie z.B. Orban in Ungarn setzen eher auf eine offene reaktionäre bis teilweise faschistoide Unterdrückung der Revolutionäre und auch gewisser Massenbewegungen und NGOs. Diese Teile treiben am Entschiedensten die Rechtsentwicklung der Regierung voran.

Herzliche Grüße,

RW-Redaktion





Ein Genosse schreibt an einen Sympathisanten, der ein Buch zur Juche-Philosophie in Nordkorea verfasst hat:

"...ich habe mich ausführlich mit einer Rede von Kim Jong IL vor verantwortlichen Funktionären vom 30.Mai 1990 unter dem Titel: „Einige Fragen über die ideologische Grundlage des Sozialismus“ befasst. Darin wird ausgeführt:

"Natürlich akzeptiert die Juche-Philosophie die notwendigen Prinzipien der marxistischen Dialektik des Marxismus. Aber sie ist eine eigenschöpferische Philosophie, die vor allem die Grundfrage der Philosophie auf neue Weise gestellt und auch ihr Aufbausystem und ihren Inhalt neu systematisiert hat. Die Juche-Philosophie umriss den philosophischen Grundsatz, dass der Mensch Herr über alles ist und alles entscheidet,...“

Diese Auffassung widerspricht grundlegend der Auffassung von Friedrich Engels der von „Beherrschung der der Naturgesetze“ sprach (siehe Dialektik der Natur, ME-Werke, Bd. 20, S. 453) Er sprach nicht davon, dass der Mensch Herr über alles ist und alles entscheidet. Diese dialektische Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur wird hier völlig missachtet. In der sozialistischen Sowjetunion gab es darüber eine grundlegende Auseinandersetzung. Es wurde die Gigantomanie bei Projekten kritisiert. Es gab u.a. die Vorstellung ganze Flüsse umzuleiten. Im Buch Katastrophenalarm von Stefan Engel wird darüber im Kapitel die „Umweltpolitik in ehemals sozialistischen Ländern“ eine Auseinandersetzung geführt. Auch darüber welche Folgen solche idealistische Auffassungen in der Praxis hatten u.a. an der Frage des Aralsees. Oder auf Seite 300 und 301 wird anhand des Dawydow-Plans die Auseinandersetzung geführt. Stalin schrieb dazu in Ökonomische Probleme des Sozialismus 1952:“Bedeutet das, dass die Menschen damit die Gesetze der Natur, die Gesetze der Wissenschaft aufgehoben, dass sie neue Gesetze der Natur, neue Gesetze der Wissenschaft geschaffen haben? Nein das bedeutet es nicht . Im Gegenteil. Diese ganze Prozedur wird auf der exakten Grundlage der Gesetz der Natur, der Gesetze der Wissenschaft vollzogen, denn jeder Verstoß gegen die Naturgesetze, auch der kleinste, würde nur dazu führen, daß das Ganze gestört, daß die Prozedur vereitelt wird.“ („Ökonomische Problem des Sozialismus in der UdSSR“, Stalin Werke, Bd. 15., S. 295)

Warum stellt die Juche Ideologie die Grundfrage die Stellung des Menschen in der Welt neu? Dafür besteht überhaupt keine Notwendigkeit, hier die Grundlinie von Marx und Engels zu verlassen. Das ist eine weltanschauliche Grundfrage.

Ich gebe zu, das ist nicht leicht zu durchschauen auch der Unterschied zur Idee der Kulturrevolution oder der Lehre von der Denkweise. Natürlich ist die Rolle des Bewusstseins und wie dieses unter heutige Bedingungen entsteht für den sozialistischen Aufbau entscheidend. Überheblich wird bezüglich der Juche Ideen behauptet: Anhand des Grundsatzes der marxistischen materialistischen Geschichtsauffassung kann man keine eindeutige Antwort auf die Frage der Revolution nach der Errichtung der sozialistischen Ordnung geben.“ (Rede Kim Jong IL vor verantwortlichen Funktionären, S 6 ) Das ist völliger Unfug, sowohl die Idee der Kulturrevolution als auch die Lehre von der Denkweise basieren auf dem Marxismus-Leninismus. Sie analysieren konkret auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus die neuen Erfahrungen des sozialistischen Aufbaus über Jahrzehnte hinweg und geben überzeugende Antworten. Dazu muss ich nicht die Grundfrage der Stellung des Menschen in der Welt neu stellen und die Weltanschauung des Marxismus-Leninismus als „historisch begrenzt“ darstellen."

In der Konsequenz führt das in Nordkorea zur Aufhebung des Demokratischen Zentralismus und zur Einführung des Führerprinzips. „Die Ideen des Führers sind die einheitliche Leitideologie und die einheitliche Führung des Führers über die Revolution und den Aufbau wird durch die revolutionären Streitkräfte zuverlässig gewährleistet und verkörpert.“ (zitiert nach www.naenara.com.kp/de/politics/?juche+10257). Auch hier werden Grundprinzipien des sozialistischen Aufbaus, wie der Demokratische Zentralismus außer Kraft gesetzt: Führerprinzip statt Demokratischer Zentralismus, Militärdiktatur statt Diktatur des Proletariats. Das widerspricht aber auch grundlegend den Auffassungen von Mao-Tsetung über das Verhältnis von Partei und Massen. ..."

Im Dezember 2020 dokumentierte die RW-Homepage einen Briefwechsel zu Katyn und Kuropaty und die antikommunistischen Verleumdungsvorwürfe gegen die sozialistische Sowjetunion im "Rote Fahne Magazin" der MLPD. Darüber entfaltete sich ein vertiefender Briefwechsel, den wir hier dokumentieren.

C. 25.01.2021


Auseinandersetzung zum Briefwechsel über Katyn. 

(Link auf der Homepage des REVOLUTIONÄRER WEG dazu)

Der Briefwechsel ist spannend geschrieben und schafft Klarheit für die Auseinandersetzung und er ist somit ein wichtiger Bestandteil in der Kampagne „Gib Antikommunismus keine Chance“. Ich finde es wichtig, dass wir Zitate vollständig bringen, um uns nicht den Vorwurf gefallen lassen müssen, wir würden uns diese zurechtbiegen. In dem im Briefwechsel aufgeführten Zitat von Joseph Goebbels Tagebüchern vom 8. Mai 1943 fehlt diese Bemerkung: „Entweder handelt es sich um Munition, die von uns während der Zeit des gütlichen Übereinkommens an die Sowjetrussen verkauft worden ist, oder die Sowjets haben selbst diese Munition hineingeworfen.“ Wir wissen ja das es Goebbels mit der Wahrheit nicht so genau genommen hat – deshalb ist es umso wichtiger, so wichtige Aussagen nicht wegzulassen sondern konkret darauf einzugehen. In diesem Zusammenhang ist der Artikel in der Roten Fahne vom 19. August 2011 ganz wichtig, der auf folgendes hinweist: Am 18. Juni 2010 fand nun in der Staatsduma der Russischen Förderation eine Pressekonferenz mit dem Stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der KPRF, S. N. Reschulskij, und dem stellvertretenden Vorsitzenden des Komitees der Staatsduma für Gesetzgebung und staatlichen Bau, W. I. Iljuchin, statt. Es wurde von ihnen bekannt gemacht, dass die Schriftexpertise der angeblichen Dokumente zu Katyn ergeben habe, dass diese mit unterschiedlichen Schreibmaschinen angefertigt wurden und dass auf dem angeblichen Politbürobeschluss weder Unterschrift noch Siegel vorhanden waren. Iljuchin führte aus, dass er einen Zeugen habe, der behaupte, dass es Anfang der 1990er Jahre im Apparat Jelzins eine spezielle Gruppe gegeben habe, die sich mit der Aufgabe der Fälschung von Dokumenten beschäftigt habe. Zudem seien von dem damals führenden Historiker Wolkogonow aus dem Geheimen Staatsarchiv Hunderte von Dokumenten in die Kongressbibliothek der USA entführt worden. Gerade dieser angebliche Befehl vom 5. März 1940 (ohne Unterschrift und Siegel) wird als Beweis für die Massenerschießungen hergenommen und breit im Internet verbreitet, bzw. auch konkret z.B. im Buch „Das Deutsche Rote Kreuz unter der NS-Diktatur 1933-1945, herausgegeben 2008 vom Ferdinand Schöningh Verlag das aber im Fall Katyn zu folgender Schlußfolgerung kommt: Seite 358: Darüber hinaus war es ethisch mehr als fragwürdig, wenn das Deutsche Reich, das an zahlreichen Fronten selbst einen grausamen Vernichtungskrieg führte, im Fall Katyn auf der Aufklärung völkerrechtswidriger Handlungen bestand, sich selbst aber, etwa in der Behandlung der „Judenfrage“, jede Einmischung in seine inneren Angelegenheiten strikt verbat. Die Rolle vom DRK im Bezug auf das IKRK im zweiten Weltkrieg und danach muß hier extra untersucht werden – da bin ich gerade dabei - das würde hier den Rahmen sprengen. Ganz wichtig für die Auseinandersetzung ist unter anderem das Buch von Grover Furr mit dem Titel Chrutschtschows Lügen – so über die Verbannung der Krimtataren , so heißt es auf Seite 125: 20.000 desertierten 1941 von der Roten Armee. Was hätte die sowjetische Regierung hier tun sollen? Sie hätte diese 20.000 Deserteure erschießen können. Oder nur die Männer im militärfähigen Alter in die Verbannung schicken oder ins Gefängnis stecken. Wie auch immer, jede dieser Möglichkeiten hätte das Ende der Krimtataren als Nation bedeutet. Über 90% der jungen Krimtataren im heiratsfähigen Alter wären für die nächste Generation junger tatarischer Frauen als mögliche Ehemänner verloren gewesen. Stattdessen beschloss die sowjetische Regierung, das gesamte Volk der Krimtataren nach Zentralasien umzusiedeln, wie im Jahre 1944 geschehen. Die Krimtataren erhielten dort Land und waren für einige Jahre von der Steuerpflicht befreit. Die tatarische Nationalität blieb so erhalten und wuchs zahlenmäßig bis Ende der 1950er Jahr stetig. Das war die konkrete Politik unter Stalin und steht somit im Widerspruch zu den angeblichen Massenerschießungen in Katyn.

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D., Fachredaktion Geschichte der Arbeiterbewegung

16.03.21

betr.: Brief vom 25. Januar 21 zum Briefwechsel zu Katyn auf der RW-Homepage

Lieber C.,

ich schreibe Dir heute zu Deinem Brief vom 25. Januar zu Katyn. Bitte entschuldige die lange Verzögerung – tatsächlich ist der Auftrag zur Beantwortung bei mir untergegangen und ich musste von den Genossen erst daran erinnert werden.

Dein Hinweis auf die Pressekonferenz zu Katyn am 8. Juni 2010 in Moskau ist richtig. Die dort bekannt gemachten Fakten wurden in der Antwort auf der RW-Homepage nur angedeutet, weil sie sich auf die Darstellung der Ereignisse während des II. Weltkriegs konzentrierte. Sehr wichtig dabei waren ihre Hinweise auf die weitergehenden Informationen, die 2012 gewonnen wurden – darauf waren wir in unserer bisherigen öffentlichen Behandlung der Frage noch nicht eingegangen. Es ist tatsächlich so, dass die Leichen zweier Personen, die von polnischer offizieller Seite als NKWD-Opfer des Massakers von Katyn aufgeführt wurden, an völlig anderen Orten gefunden wurden! Der Hintergrund dazu besteht darin, dass aus Transportlisten kriegsgefangener Polen, die unter sowjetischer Verwaltung von Katyn aus verlegt werden sollten, nachträglich Exekutionslisten gemacht wurden. Diese Gefangenen sollten an anderen Orten zur Arbeit eingesetzt werden und dafür wurden die Listen erstellt. Ich hatte schon 1990 dazu eine Anfrage an die DDR-Zeitschrift „horizonte“ gemacht, die damals von deren Redaktion an das DDR-Außenministerium weitergeleitet wurde. Ich bekam zur Antwort, dass tatsächlich keine Dokumente vorlägen, in denen die Rede von Exekution gewesen sei, dass man jedoch inzwischen annähme, dass sie trotzdem zu diesem Zweck angefertigt worden seien. Durch die Leichenfunde an anderen Orten ist dieser Schwindel inzwischen aufgeflogen!

Die Enthüllung von W. I. Iljuchin auf der von Dir angesprochenen Pressekonferenz über die Fälschung von Archivdokumenten ist ein besonderes weiteres Thema und geht über die Angelegenheit Katyn hinaus. Iljuchin stellte ja dar, dass eine spezielle Gruppe zur Fälschung von Archivmaterialien eingerichtet worden war – sie „bearbeitete“ auch andere Fragen – und er wies im Zusammenhang damit darauf hin, dass der Historiker Dimitri Wolkogonow zahlreiche, bis dahin geheime, Dokumente in die USA verschickt hatte. Der 1995 verstorbene Wolkogonow, ein Anhänger Gorbatschows, hatte 1989 die erste sowjetische Stalin-Biographie nach dessen Tod veröffentlicht und verfasste 1992 bzw. 93 auch noch Biographien zu Trotzki und Lenin. Seine Zusammenarbeit mit den USA war Teil der Anti-Stalin-Kampagne, die der moderne Antikommunismus in Gang gesetzt hatte: „Die Hetze gegen Stalin und die sozialistische Sowjetunion - das ist Gorbatschows ideologisches Brautgeschenk für die angestrebte Durchdringung mit dem westlichen Imperialismus“ hieß es in den Dokumenten unseres III. Parteitags im Juli 1988 (S. 25), und dieses Vorgehen gehörte zur praktischen Umsetzung. In diesem Zusammenhang steht auch das Aufbringen der Katyn-Frage zum damaligen Zeitpunkt und Iljuchin störte das 2010 mit seinen Fälschungsnachweisen erheblich. Ein Jahr später ist er „plötzlich“ verstorben und seine Parteifreunde (er war Funktionär der revisionistischen Nachfolgeorganisation der KPdSU, der KPRF) sprachen von Mord. Er hatte damals den Namen des Mitglieds der Fälschergruppe, der ihm die Informationen verschaffte, nicht genannt, um diesen zu schützen. Leider haben wir keine Informationen darüber vorliegen, ob es weitere Entwicklungen in dieser Sache gab. Konkret ging es bei dem Fälschungsnachweis nicht nur darum, dass verschiedene Schreibmaschinentypen innerhalb eines Dokuments verwendet wurden, sondern auch um die Datumsangabe (die in einem „neuen“ Dokument dann geändert wurde) und um die Verwendung der Bezeichnung „KPdSU“, die jedoch erst 1952 so hieß gegenüber vorher KPdSU(B). Das alles betraf ein angebliches Schreiben Berias, der in ihm die Hinrichtung der polnischen Gefangenen vorgeschlagen habe. Kurioserweise wurde dieses „Dokument“ angeblich zusammen mit einem Brief von Schelepin an Chruschtschow aus dem Jahr 1959, in dem die Vernichtung der Katyn-Dokumente vorschlagen wurde, in einem versiegelten Umschlag an die Chruschtschow nachfolgenden Generalsekretäre der KPdSU (Breschnew, Andropow, Gorbatschow) weitergegeben – erst dann folgte die Verwendung bzw. die Bearbeitung durch die Fälschergruppe!

Es ist auch vorgesehen, dieses Thema in unserem geplanten Stalinbuch zu behandeln, aber ich denke, dass wir es unabhängig davon auch weiter in der Roten Fahne bringen sollten. Wenn Du eine Untersuchung zur Rolle des DRK im II. Weltkrieg machst, wäre das doch auch eine Gelegenheit dazu, oder nicht? Der Antikommunismus führt ja die „Autorität“ dieser Institution in Bezug auf Katyn noch immer ins Feld und es wäre zur Aufklärung sehr gut, auch diesen Zahn mal zu ziehen!

Herzliche Grüße,

D.





Fazit eines Teilnehmers einer Studiengruppe zum Buch "Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus" aus Berlin

So ein Fazit eines Teilnehmers bei unserer öffentlichen Studiengruppe in Berlin zum Buch von Stefan Engel, „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus“.

Dies Mal waren die Kapitel 3.4. Der Weg der SPD zur antikommunistischen „Volkspartei“ und 3.5. Die neue Ostpolitik der SPD und die Gründung der DKP dran.

Dass die SPD so qualifiziert wird, das hat ihn nicht verwundert. „Ich kenne die SPD nicht anders. Wie alle bürgerlichen Parteien verkaufen sie sich für Geld und Karriere. Sie betreiben Spaltung und die Führungen der Parteien streben zum Geld und zur Macht.

Es zeigte sich, dass die Geschichtsstunden in der ehemaligen DDR weder dialektisch noch historisch tief gehend waren. Denn der Charakter der SPD war vor langer Zeit ja durch aus mal revolutionär. Das haben sie aber gründlich verspielt und bewusst geändert! Darauf konnte sich die Studiengruppe auch schnell einigen. Es war aber gerade für den Teilnehmer, der in der ehemaligen DDR in den 70er und 80ern groß geworden ist, eine wichtige Auseinandersetzung, dass die Entwicklung zur antikommunistischen Volkspartei nach dem II.Weltkrieg eine bewusste Entscheidung der SPD Führung war.

Dass die SPD aber auch die Radikalenerlasse zu verantworten haben, dass hat ihn regelrecht empört! „3,5 Millionen Überprüfungen, das hat ja bedeutet, dass 10 von 100 Beschäftigten damals überprüft wurden!“ Das will er unbedingt breiter bekannt machen. V.a. auch, dass die Internationalistische Liste / MLPD die Aufhebung der antikommunistischen Berufsverbote und Entschädigung der Opfer fordert. „Das weiß doch keiner“.

Zu den weiteren Treffen kommt er auf jeden Fall! „Es ist so hilfreich, sich hier auseinanderzusetzen. Jetzt erfahre ich mal in was für einem Land ich lebe!

nächste Öffentliche Studiengruppe in Berlin:

Mo 27.Sept. 18 h im Treff International, Reuterstr. 15, 12059 Berlin, Nähe Hermannplatz

Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus“ - eine kritische Bemerkung

„Die erfolgreichsten Jahre der KPD waren die frühen Besatzungsjahre. Mit der Gründung der Bundesrepublik und der DDR 1949 hatte die KPD ihren politischen Zenit längst überschritten. (J. Foschepoth, Verfassungswidrig..., S34). Zwar wird in „die Krise...“ Foschepoth als Zeuge für den Antikommunismus („die Krise...“ S. 54) zitiert, aber eben nur als Beleg für den Wettstreit in Sache „der beste Antikommunist“, aber nicht darauf eingegangen, warum nach 1945 für die Kommunisten zumindest in der BRD nur ein kurzer Frühling erblühte. Ein kurzer Frühling – erstarrt nur am Antikommunismus der Adenauerreaktion? „Ein kurzer Frühling“ - so nennt sich auch der zweite Roman des ehemaligen Frankfurter KPD-Funktionärs, der 1958 der KPD den Rücken kehrte und, ähnlich wie Foschepoth, den Weg der KPD in die politischen Abseitigkeit aufzeigt. Valentin Senger, der unerkannt in einer jüdisch-kommunistischen Familie in der Kaiserhofstraße den Nazi-Faschismus in Frankfurt überlebte, beschreibt in seinem zweiten Roman den Zerfall der KPD, ihre Kultur und ihren Einfluss, bzw. deren Verfall in Frankfurt nach dem Krieg.

Das Resümee beider, Foschepoths und Sengers, der Antikommunismus Adenauers und Schumachers erklären alleine nicht die Krise des Kommunismus. Ideologische Ausrichtung, die Bevormundung und Abhängigkeit der KPD von SED und letztlich durch die KPdSU bilden eine wesentliche zweite Seite, bei der die bürokratische Entwicklungen lange vor 1956 eine wichtige Rolle spielten. Diese innere Entwicklung seitens der Kommunisten spart „die Krise...“ völlig aus, vielleicht kommt dazu noch was in den Folgebänden? Eine dialektisch-historische Untersuchung sollte allseitig alle Faktoren untersuchen und in Beziehung setzen. Eine auf Fakten gestützte Untersuchung der Entwicklung im ersten sozialistischen Staat auf deutschen Boden, der SED/KPD sowie KPdSU werden ausgespart. Die Revisionistische Entwicklung vor 1956 in der DDR, der KPdSU und den anderen Staaten stehen in Beziehung zur Ideologie des Antikommunismus. „Die Krise...“ schneidet diese Entwicklung auf den Seiten 173ff. an. Die kleinbürgerliche Bürokratie hatte aber Namen und es waren konkrete Taten und diese zerstörte nicht erst ab 1956, nach dem Tod Stalins, die „politischen und ökonomischen Überzeugungskraft des Sozialismus.“

Wer die reelle Geschichte der Kommunisten an der Staatsmacht nicht faktisch untersucht, sollte sich nicht beklagen, dass bürgerliche Philosophen und bürgerliche Agenturen, die vom CIA zumindest zu Teilen gesteuert und finanziert wurden, diesen frei gelassenen Platz der Geschichtsdeutung mit antikommunistischer Hetze besetzen.

Meiner Meinung ist stellt es sich als Irrtum heraus zu glauben, nichts zu den Fehlern Stalins, zum Beispiel zu den “ „Angelegenheit(en) Kostoff/Bulgarien, Reyk/Ungarn, Slanski/Tschechoslowakei u. a.“ sagen zu müssen. Er (Dickhut) meinte dazu, diese „brauchen wir nicht herauszustellen, weil sie unsere Praxis kaum beeinflussen“. Der Brief, in dem er diese Aussage trifft, endet mit dem Satz: „Die Stalinfrage ist meines Erachtens keine Hauptfrage in der ML-Bewegung. Wir wollen Stalin weder über- noch unterbewerten.“ Sicherlich hat sich die Stalinfrage seitdem in ihrer Bedeutung geändert – durch den modernen Antikommunismus ist sie von einer Frage innerhalb der kommunistischen Bewegung zu einer Massenfrage gemacht worden. ...“. (aus: Briefwechsel zwischen einem Kollegen und Dieter Klauth, Geschichtsredakteur der MLPD-Wochenzeitung "Rote Fahne" zur Frage konterrevolutionärer Machenschaften und Verbrechen kleinbürgerlicher Bürokraten in den Volksdemokratien Europas nach dem II. Weltkrieg. - RW-Redaktion 25.03.2021)

Aber kehren wir zurück nach Deutschland , wo die Erfahrungen mit der Massenfeindlichkeit, dem „Administrieren“ und dem Misstrauen, tiefe Spuren in Bewusstsein der Massen hinterlassen und den Antikommunismus befeuerten.

Nach 1945 machte ein beachtlicher Teil der Bevölkerung Deutschlands, die in der späteren DDR lebten, insbesondere nach den ersten Nachkriegsjahren eigene Erfahrungen mit bürokratischen „Kommunisten“ in der Leitung von Staat und Wirtschaft. Nicht erst ab 1956 wirkten bürokratischen Kapitalisten. 1956 schlug die Quantität in eine neue Qualität um. Aus „Administrieren“ und „Abgehobenheit“ wurde einer Diktatur der neuen , bürokratischen staatsmonopolistischen Kapitalisten. Ulbricht und Konsorten, die sich gegen die Kritik und Selbstkritik im ZK der SED durchsetzten, verschafften dem Antikommunismus Adenauers mehr Glaubwürdigkeit. Der 17. Juni wurde gerade deshalb zum Feiertag des Antikommunismus in Westdeutschland gemacht.

Die Politik der SED war fehlerhaft und wenig geeignet unter „Ausnutzung jeglicher oppositioneller Strömungen gegen die käufliche Clique Adenauers“ gerichtete Taktik zu gewährleisten.“ (Verfügung des Ministerrates der UdSSR, 2.06.1953) Kritisiert wurde vom Ministerrat der UdSSR der forcierte Aufbau des Sozialismus in der DDR.

„So sind von Januar 1951 bis April 1953 447 Tausend Personen nach Westdeutschland geflüchtet, darunter über 120 Tausend während der vier Monate des Jahres 1953. Ein bedeutenden Teil der Geflüchteten machen werktätige Elemente aus.“ (… 2 718 Mitglieder und Kandidaten der SED und 2 610 Mitglieder der FDJ) (aus:Verfügung des Ministerrates der UdSSR, 2.06.1953) Daß diese Abkehr Hunderttausender von der DDR gegen die SED sprach und den Kampf um eine Einheit Deutschlands untergrub, wird in den Sitzungen des ZKs der SED und ihres Politbüros festgestellt.

Die Kritiker im ZK der SED setzen einen anderen Schwerpunkt in ihrer Kritik.

In der Zeit um den Juni 1953 sah nicht nur das Politbüromitgliedes Herrnstadts wird als Hauptgrund der Fehler:

  • „Abgerissenheit von den Massen,
  • ungenügende Achtung vor den Massen,
  • gleichgültiges, oft zynisches Verhalten gegenüber den Massen,
  • daher völlig ungenügende Ausnutzung ihrer Initiative und Bereitschaft, die außerordentlich groß sind,
  • die ständige Tendenz zum -...- „nackten Administrieren“ ohne ernste Analyse.
  • Und das Schlimmste, es wird innerhalb der Partei kein Kampf dagegen entfaltet, …. .Im Gegenteil,... ….“ (Diskussionsbeitrag von H. In der außerordentlichen Sitzung des Politbüros des ZK der SED, 6.06.1953, aus „interne Dokument – die SED im Juni 1953“ , Wielfriede Otto)

Im ZK trägt Kurt Hager dann in der Aussprache über die Streiks in der DDR am 16./17. Juni 1953 folgendes bei: „….Weil aus ihnen all das an Unzufriedenheit herausbrach, was sich bei Ihnen seit acht Jahren angesammelt hat. Das war nicht eine Mißstimmung, das war der Ausdruck dessen,dass ein Teil der Arbeiterklasse kein Vertrauen mehr zur Partei und zur Regierung hat … Das waren immerhin 50 bis 60jährige Leute, vernünftige Menschen ….. sie sagten: wir wollen diese Räuber gar nicht. Wir wollen den Adenauer nicht. Wir wollen keine Kapitalistenregierung.... Ich habe gesagt: nun bitte, bis zum Oktober 1952 hat es sich doch auch verbessert. - Sie sagten mir: Ja, das sagst Du. Wieviel verdienst du denn? Und was habe ich in all diesen Jahren im Lohnbeutel gehabt? Ich kann mir keine Butter in der HO kaufen. ….“

(alle Zitate aus: s.o. Wilfriede Otto, Die SED, 2003)

Ob DDR oder SU. Die Lebensrealität war wohl weit entfernt von den Prinzipien der Pariser Kommune, wo es gilt, dass „die Mitglieder der Staatsorgane sich in sozialistischen Ländern grundlegend von bürgerlichen Parlamentariern unterscheiden.

„ 1. nicht nur Wählbarkeit , sondern auch jederzeitige Absetzbarkeit, 2. eine den Arbeiterlohn nicht übersteigende Bezahlung ….“ (die Krise.... S 201).

Nicht einmal zur Normenerhöhung wurden die Arbeiter gefragt. Im Juni 1953 spitzte sich dann die Vertrauenskrise zu. Letztendlich führte die Streikwelle nicht zur Abkehr von Bürokratismus und Bevormundung der Massen. Die bürokratischen Kapitalisten, die Parteiführer auf dem kapitalistischen Weg setzten sich durch.Schon vor 1956. Den Streiks 1953 in der DDR folgten keine Selbstkritik und Kritikbewegung, um der bürokratische Entwicklung und der administrielle Bevormundung der Masse der Arbeiter, Bauern und Intellektuelle entgegen zu wirken und um die sozialistische Initiativen zu entwickeln. Berechtigte Kritik wurde als faschistisch denunziert. Die Bürokraten setzten sich im ZK der SED und Parteiapparat weiter durch. Schade, der „Antikommunismus der Revisionisten“ bleibt faktisch ausgespart und die Auseinandersetzung blass und unhistorisch.

Antwort der Redaktion „REVOLUTIONÄRER WEG“:

Lieber Kollege,

vielen Dank für deinen Brief und deine kritischen Fragen zum Buch »Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus« vom 18. Mai. Du schreibst: »… der Antikommunismus Adenauers und Schumachers erklären alleine nicht die Krise des Kommunismus. Ideologische Ausrichtung, die Bevormundung und Abhängigkeit der KPD von SED und letztlich durch die KPdSU bilden eine wesentliche zweite Seite, bei der die bürokratische Entwicklungen lange vor 1956 eine wichtige Rolle spielten. Diese innere Entwicklung seitens der Kommunisten spart „Die Krise...“ völlig aus, vielleicht kommt dazu noch was in den Folgebänden?«

Das Buch ist ja der erste Teil der vierbändigen Reihe »Die Krise der bürgerlichen Ideologie und die Lehre von der Denkweise«. Deshalb haben wir uns in diesem Teil vor allem auf die Grundlagen der Krise der bürgerlichen Ideologie und ihrer krisenhaften Entwicklung mit dem Kern des Antikommunismus konzentriert. Den Klassenkampf auf ideologischem Gebiet beim Aufbau der sozialistischen Sowjetunion und in der DDR behandeln wir im vierten Teil »Die Lehre von der Denkweise«.

Andererseits haben wir diese Entwicklung des Kampfs um die Denkweise in der sozialistischen Gesellschaft nicht »völlig ausgespart«, sondern in dem Abschnitt »Aufstieg und Niedergang des modernen Revisionismus« wesentliche Entwicklungen dargestellt, wie der Kampf zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Weltanschauung in der Auseinandersetzung unter Stalin gegen das Vordringen einer kleinbürgerlichen Denk- und Lebensweise der kleinbürgerlichen Bürokratie mit dem KPdSU-Parteibuch in der Tasche geführt wurde.

Auch in dem Abschnitt zur Gründung der DKP gehen wir auf den Kniefall der revisionistisch entarteten SED und KPD vor dem neudeutschen Imperialismus ein. Wir mussten uns allerdings hier darauf konzentrieren, wie auch diese modifizierte Methode des Antikommunismus seine Krise weiter verstärkte, weil sie zum Ausgangspunkt für den Neuaufbau einer marxistisch-leninistischen Arbeiterpartei wurde.

Wir betrachten über dies die Ausführungen im RW 36 als Ergänzung vieler bisheriger Veröffentlichungen in verschiedenen Nummern des RW und des Buchs „Sozialismus am Ende?“.

Du weist in deinem Brief zutreffend auf die »Bevormundung und Abhängigkeit der KPD von SED« hin und dass »die Erfahrungen mit der Massenfeindlichkeit, dem „Administrieren“ und dem Misstrauen tiefe Spuren im Bewusstsein der Massen hinterlassen (haben) und den Antikommunismus befeuerten«. Der moderne Antikommunismus der Herrschenden verzerrt in trauriger Eintracht mit den modernen Revisionisten und Neorevisionisten dieses Vordringen der kleinbürgerlichen Denkweise, tituliert es als »Stalinismus«. Damit stiften sie große weltanschauliche Verwirrung in der Arbeiterklasse unter den breiten Massen über die tatsächlichen Ursachen für die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion und die revisionistische Entartung ehemals kommunistischer Parteien. Deshalb sind deine Anregungen wertvoll für die Erarbeitung des Abschnitts zum Kampf um die Denkweise in der SED beim sozialistischen Aufbau der DDR. Eine Vorarbeit dafür ist, wie Willi Dickhut in seinem zweiten Tatsachenbericht »Was geschah danach?« die falsche Kaderbehandlung und falsche Kaderpolitik in der Führung des ZK der SED konkret und grundsätzlich ausgewertet hat und als Fazit zog: »Die Arroganz und die Willkür, mit denen hier Kaderangelegenheiten behandelt wurden, mussten sich eines Tages rächen.« (S. 78)

Wir werden bei der Ausarbeitung dieser Abschnitte strikt unterscheiden zwischen dem sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion und in der DDR bis 1956 und seiner Zerstörung durch den Sieg des modernen Revisionismus auf dem XX. Parteitag der KPdSU. Du schreibst: »Die revisionistische Entwicklung vor 1956 in der DDR, der KPdSU und in anderen Staaten stehen in Beziehung zur Ideologie des Antikommunismus.« Die »revisionistische Entwicklung« in diesen Ländern begann aber erst mit dem XX. Parteitag, als der moderne Revisionismus die neue weltanschauliche Grundlage der Sowjetunion wurde und sich dann Schritt für Schritt auch als ökonomische und politische Grundlage für die Entstehung eines bürokratischen staatsmonopolistischen Kapitalismus neuen Typs durchsetzte. Die Verwischung dieses qualitativen Sprungs ignoriert den erbitterten Kampf zwischen der proletarischen und der kleinbürgerlichen Denkweise in der Partei-, Staats- und Wirtschaftsführung der sozialistischen Sowjetunion und auch in der DDR. Zweitens verkennt das die tiefste Niederlage der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung durch den zeitweiligen Sieg des modernen Revisionismus ausgehend vom XX. Parteitag, die wir in dem Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« als »historische Katastrophe für die Menschheit« (S. 115) charakterisiert haben.

Herzliche Grüße

Redaktion REVOLUTIONÄRER WEG

Rezension eines Opel Arbeiters

Wir sollten nicht uneinsichtig drumherum reden: Die von langer Hand manipulierte und verlogene Systemfassade der bürgerlichen Ideologie hat mehr und mehr Risse bekommen und somit ausgedient. Hat lange genug geklappt, aber nun ist auch mal gut. 😉 Das bürgerlich ideologische Konstrukt ist kompliziert und fehleranfällig. Obgleich viele gelogen haben und noch viel mehr mitgemacht haben, ist es trotzdem nicht zur Wahrheit geworden! Zu glauben, es gäbe kein Klassenbewusstsein, keine bürgerliche Ideologie (und keinen Antikommunismus) trotz eingestandenem Kapitalismus und Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft: ein Widerspruch in sich.

Viele Arbeiter woll(t)en sich aus Bequemlichkeit nicht wehren, und anderen ist es egal, aber immer mehr suchen z.T. vergeblich nach Alternativen …

Der (eingestandene) Kapitalismus ist eine Ideologie für sich, selbst ein Warnstreik ist ein Klassenkampf, die einzig mögliche klassenlose Gesellschaftsform ist bekanntermaßen der Kommunismus… So! Jetzt ist es raus!! Jede sozialistische oder gar kommunistische nicht widerlegbare These, die dann doch noch durchs bürgerlich ideologische Raster geschlüpft ist, wurde anschließend mit der antikommunistischen Dampfwalze (scheinbar) im Keim erstickt! Doch das funktioniert nicht ewig! Die Wahrheit ist oft subjektiv, nur weil reale Fakten von einer gewissen Mehrheit geleugnet werden??

Mit der deutschen Wiedervereinigung kamen plötzlich 350.000 kapitalistisch „nicht durchdrungene“ Bürger hinzu! Also musste, mit Steigbügelhilfe der bürgerlichen Mitte/Rechts-Parteien, DIE LINKE „zugelassen“ werden, allerdings mit der Maßgabe: den Kapitalismus weiterhin zu akzeptieren! (Ist zwar auch nicht ungefährlich aber kontrollierbar) Touché! Damit wurde den Kommunisten und Sozialisten auch eine Spielweise gegeben, und alle sind glücklich. Oder!?

Ist mir heute noch schleierhaft, wie eine sozialistische Politik funktionieren soll mit Beibehaltung des Kapitalismus!!

Die Herrschenden, die Denker und Lenker dieser Ideologie können damit mächtig, reich und erfolgreich, oder gar Präsident der USA werden… Der Pseudo-Altkommunist Gregor Gysi bekommt mal eben 400.000 € für Lobbyarbeit … geht’s noch?

Das Buch klärt und deckt schonungslos den ganzen Manipulationsapparat auf und tritt auch unwiderlegbar die Beweisführung an!

Ich selbst musste schmerzhaft erfahren, wie wenig ich über die Bedeutung der Erfolge der Oktoberrevolution wusste (bzw. lernen durfte/konnte**, na klar, das sollte ja auch dem Kapitalismus kein zweites Mal widerfahren)! So auch die Pariser Kommune, welche aus zwei Gründen mithilfe des damaligen Reichskanzlers Bismarck extrem blutig niedergeschlagen wurde: 1. der eingeführte Sozialismus/Kommunismus hat äußerst gut funktioniert, 2. die (berechtigte) Sorge war groß, dass es auf ganz Frankreich und anschließend auch auf die Nachbarländer überschwappt …

Der Antikommunismus, die kleinbürgerliche Denkweise und das Leugnen von Klassen sind die wesentlichen Pfeiler der bürgerlichen Ideologie! Sie negativiert jegliche Ideologie und leugnet die eigene! Der Antikommunismus (die Hauptsäule der bürgerlichen Ideologie) wird immer perfider und wird den jeweils neuen Gegebenheiten angepasst!

Wer das Buch liest, sich drauf einlässt, hat den ersten Schritt zur Überwindung der kleinbürgerlichen Denkweise getan.

Ständige Wirtschaftskrisen (Bankenrettung), Umweltskandale (VW), (Jahrzehnte) Klimaignoranz, … kommen wie die Bergarbeiter ans Tageslicht und werden von der bürgerlichen Ideologie wissentlich (aber nicht wohlwollend) mitgetragen. Na dann, Glück auf …

Das Buch ist wirklich gut und lehrreich, am liebsten möchte ich es allen Arbeitern unterbreiten! Aber so einfach ist es nicht!

Es ist kein leichter Lesestoff und kommt leider auf Grund der geschichtlichen Komplexität nicht um schwierige Fachbegriffe herum (wäre auch zu schön gewesen)! Somit kann es nur mit dem Angebot einer Lesebetreuung (zwecks NACHFRAGEN) in die Arbeiterschaft vermittelt werden!

Ehrlich gesagt, kann ich dies in Gänze nicht leisten … z.B.: … der Pragmatismus, der Empiriokritizismus, der Pluralismus, der Postmodernismus, (alles in einem Satz auf S.30), … Methoden des Eklektizismus und der Metaphysik … (S.178)?

Wer ungeachtet dessen einfach mutig weiter liest, dem werden die Kernbotschaften aber auch zuteil!

Lieben Gruß



* Da in diesem Statement sich auch meine eigenen Erfahrungen widerspiegeln, hat es nicht den Anspruch einer absoluten allgemeingültigen Richtigkeit!

manchmal auch ein Augenzwinkern!

** Die Geschichtsbücher lassen diese Themen fast unberührt und sind gar verfälscht!

Rezension zum Buch „Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus“

Dies Buch hat mir sehr geholfen mit der bürgerlichen Weltanschauung in der Psychologie besser fertig zu werden. Als Student musste ich immer wieder ernüchtert feststellen, dass die bürgerliche Psychologie hinter ihren Versprechungen weit zurück bleibt und kam zu dem Schluss, dass es vergleichbar pseudowissenschaftlich ist, wie die bürgerliche Ökonomie. Das Buch hat mir in dieser ersten Ausgabe schon geholfen, darüber mehr Klarheit zu gewinnen und Schlussfolgerungen zu ziehen.

Zunächst durch die Analyse der Ideologie der Ideologiefreiheit, die sich als „Wertfreiheit“ in der „Wissenschaftlichen Psychologie“ zeigt. Durch das Studieren des Buchs wurde mir die ideologische Basis der bürgerlichen Psychologie bewusster. Sie basiert auf dem Positivismus, Pluralismus, Pragmatismus, Leib-Seele-Dualismus und Empiriokritizismus. Und bietet damit den Boden für den reaktionärsten Teil der bürgerlichen Ideologie, wie historisch die Eugenik (z.B. F. Galton). Auch heute noch wird ganz „wertfrei“, zu den Unterschieden zwischen Menschen gearbeitet, in Form von rassistischen, sexistischen Untersuchungen (z.B. bezieht sich T. Sarrazin auf die Intelligenzforschung der Psychologie).

Die bürgerliche Psychologie geht in ihren Individualisierung gesellschaftlicher Phänomene soweit, historische und gesellschaftliche Fragen generell auszublenden oder als zweitrangig zu bewerten.

Gleichzeitig sind psychologische Theorien und Thesen in Massenmedien heute sehr verbreitet und nicht mehr auf eine „akademische Diskussion“ beschränkt.

Das Buch hat eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen gefördert.

Zum einen mit der bürgerlichen Psychologie selbst sowie mit der kleinbürgerlichen Kritik an ihr. Die Masse der Studierenden entwickelt spontan eine Kritik an der bürgerlichen Psychologie und sucht nach Alternativen. In Form von Lesekreisen und Zirkeln von Studierenden gibt es an vielen Universitäten eine zunächst kritische Auseinandersetzung, bei der verschiedene Erscheinungen kritisiert werden. Bevor es aber zur einer grundsätzlichen Auseinandersetzung kommen kann, zum Beispiel durch das Studium marxistischer Positionen im Original, werden Inhalte des Revisionismus (Kritische Psychologie von K. Holzkamp), Postmoderner Psychologie und Frankfurter Schule als Alternativen eingebracht. Später wird jedoch das Nebeneinander verschiedener „Sichtweisen“ und Kritiken betont, so sollen die verschiedenen Kritiken sich einander ergänzen. Das Buch hat mir geholfen mit diesen verschiedenen Strömungen besser fertig zu werden, hat mir Haltung und Argumente vermitteln können, so zum Beispiel zum „Psycho-Marxismus“ der „Frankfurter Schule“.

Die bürgerliche Psychologie ist voll von antikommunistischen Thesen und Ansichten, beispielsweise wird besonders auf K. Poppers Skeptizismus (Falsifikationismus) eingegangen, der sich explizit gegen den dialektischen Materialismus wendet. Aus meiner Erfahrung bleibt die kleinbürgerliche Kritik deshalb widersprüchlich, weil sie im wesentlichen auf dem selben modernen Antikommunismus und Idealismus, wie die bürgerliche Psychologie basiert. Diese wesentliche Identität von bürgerlicher Ideologie und kleinbürgerlichen Denkweise konnte ich durch das Buch erst begreifen (…) Aus meiner Erfahrung entwickelt sich bei kritischen Studierenden der Wunsch nach einer anderen Psychologie. Es kommen Fragen zum Verhältnis von Marxismus zur Psychologie auf. Und es gibt Neugier daran, welche Kritik der Marxismus an der bürgerlichen Psychologie formuliert. Vom modernen Antikommunisten wird dies scheinbar aufgriffen, indem die philosophische Kritik von Marx akzeptiert (aber meiner Erfahrung nach kaum im Original gelesen) wird. Es wird aber direkt beigefügt, dass im „kollektivistischen real-existierenden Sozialismus“, das Individuum, der Einzelmenschen aus den Blick verloren gegangen sei, sich dafür nicht interessiert wurde. Dies wird weder belegt, noch sich mit konkreten Positionen dazu auseinandergesetzt. Nur mit dem Wort „Stalinisten“ wird suggeriert, dass die Anwendung des dialektischen Materialismus in der Psychologie zu einer „Pseudowissenschaftlichen Psychologie“, Dogmatismus und Ökonomismus führen würde. Die Rolle der Psychologie in der Sowjetunion wird hauptsächlich geleugnet und totgeschwiegen. Die Fortschritte in der Wissenschaft dort werden nicht genannt.

(…) Die bürgerliche Psychologie tritt heutzutage in der Gesellschaft sehr häufig als moderne Psychotherapie auf. Die moderne Psychotherapie gibt sich in Medien, Presse und Literatur als pragmatische Problemlöserin und Harmoniestifterin in vielen gesellschaftlichen Fragen und bei persönlichen Problemen. Gleichzeitig schrecken die verschieden „Therapieschulen“ nicht davor zurück, offen extremen Individualismus und Spiritualismus zu propagieren. Die Ursachen für psychische Leiden werden letztendlich ins Individuum gelegt, eine systematische Untersuchung aller Ursachen für psychische Störungen fehlen. Aus dieser zur Massenfrage gewachsenen Bedeutung der bürgerlichen Psychologie, gibt sich auch die Wichtigkeit einer marxistisch-leninistischen Kritik an ihr. Dies wurde mir durch diesen ersten Band deutlich und ich freue mich auf die Behandlung dieser Fragen in einem der späteren Bücher dieser Reihe.

Conférence de Stefan Engel donnée à la 3e Université ouverte le 1er octobre 2006

Mesdames et Messieurs, cher.e.s collègues travailleur.se.s !

En tant que participant assidu de l'Université ouverte, j'ai été frappé par la fluidité de la transition entre la science et la conception du monde dans diverses conférences au cours des dernières années, et plus encore dans les discussions qui ont suivi. Cela m'a incité à contribuer à ce sujet.

La plupart des scientifiques affirment certainement spontanément qu'ils sont guidés uniquement par des considérations scientifiques, se déclareront indépendants de tout jugement de valeur et rejetteront probablement toute influence idéologique. Mythe ou réalité ? Nous verrons bien !



1. Regard sur l'histoire

La science en tant qu'investigation ciblée ou résumé généralisé de l'expérience et des connaissances sur la nature ou même sur le développement social trouve sans aucun doute son origine dans les premiers efforts de l'humanité pour améliorer ses conditions de production, de travail et de vie. Ainsi, la science est naturellement liée d'emblée à un motif, à un but et donc à une vision ‒ au sens littéral ‒ du monde.

On se souvient de Giordano Bruno, qui postulait l'infinité de l'espace et la durée éternelle d'un monde matériel infini, s'opposant ainsi à l'opinion sociale jusqu'alors dominante d'un monde géocentrique divisé en sphères. Il a été condamné à mort sur le bûcher par l'Inquisition papale le 8 février 1600 pour « hérésie » et « magie ». Bruno a répondu à ce verdict par sa phrase désormais célèbre : « C'est avec plus de crainte que vous prononcez le verdict que je ne le reçois ». Comme c'est vrai.

Ainsi, si l'on pense aux instruments de torture de la Sainte Inquisition, qui ont martialement « clarifié » toute connaissance au-delà de la doctrine biblique dominante ‒ n'est-il alors pas préférable de poursuivre la doctrine pure, de séparer les objectifs idéologiques de la recherche, afin d'éviter le danger d'instrumentaliser la science ? C'est en tout cas l'argument ‒ réduit à un simple dénominateur ‒ des apologistes d'une recherche sans valeurs, d'une science sans idéologie.

Aussi noble que cette intention puisse être subjectivement ici et là ‒ c'est une fiction ! Ma thèse de base est la suivante : La science libre ne peut se faire avec l’absence de valeurs ! La science libre est liée à des valeurs progressistes qui rejettent l'exploitation de l'homme par l'homme ainsi que la soumission inconditionnelle des ressources naturelles aux intérêts de profit d'une minuscule couche de monopolistes.

Quand l'idéologie de l'absence d'idéologie a-t-elle réellement émergé et qui l'a mise au monde ? Après la Seconde Guerre mondiale, il était temps ‒ également pour les dirigeants ‒ de tirer des conclusions sociales. Plus jamais le fascisme ! C'était le consensus social le plus large !

L'Union soviétique socialiste avait apporté la principale contribution à la défaite du fascisme hitlérien et était sortie renforcée de la Seconde Guerre mondiale. Un camp socialiste a émergé avec une série de démocraties populaires en Europe de l'Est, en Chine, en Corée du Nord et au Vietnam du Nord. Le socialisme jouit d'un grand attrait, en particulier auprès des larges masses de travailleurs.

Le capitalisme était généralement remis en question, d'autant plus que le lien entre le fascisme hitlérien et la domination du capital monopolistique était incontestable à l'époque. Il était « à la mode » même dans les milieux bourgeois de critiquer le capitalisme. Ainsi, en 1947, la CDU écrivait dans son « Programme d'Ahlen » : « Le système économique capitaliste n'a pas réussi à satisfaire les intérêts vitaux étatiques et sociaux du peuple allemand ». Les grands monopoles d'IG-Farben, Krupp ou Thyssen ont d'abord été éliminés par les Alliés en raison de leur imbrication avec le fascisme. La socialisation des industries clés était exigée même par les partis bourgeois.

Le fait que l'Allemagne de l'Ouest n’ait pas pris un développement socialiste est dû au changement de la politique allemande des États-Unis qui, après la destruction du fascisme, ont identifié leur principal ennemi en l'Union soviétique socialiste. Ils cherchaient maintenant des alliés à cette fin et les ont aussi trouvés dans le gouvernement Adenauer. Le sénateur américain Styles Bridges, dans un article du Times, a imploré que « la première exigence de la politique américaine » était « d'empêcher l'Europe de devenir communiste ». La « guerre froide » contre le socialisme/communisme est devenue le principe directeur des débats et conflits sociaux.

C'est seulement dans ce contexte politique que l'on peut comprendre le débat idéologique qui a abouti à la demande d'«absence d'idéologie ». Dans les années 1950, les chercheurs américains en sciences sociales Edward Shils et Daniel Bell ont élaboré la théorie de la « fin des idéologies ». Dès lors, « sans idéologie » a été considéré comme le fleuron de la politique et de la science occidentales par excellence. Depuis lors, le terme « idéologie » a été systématiquement utilisé dans un sens négatif. Ainsi, le « Dictionnaire des termes de base » dit : « Les idéologies sont construites pour affirmer une prétention au pouvoir et ne correspondent pas nécessairement à la réalité ».

Mais cette « absence d'idéologie » n'était pas du tout non-idéologique, car elle était explicitement dirigée contre le socialisme scientifique, c'est-à-dire qu'elle était strictement anticommuniste dans ses fondements et son orientation. Daniel Bell a attaqué avec véhémence le « dogmatisme communiste » qui, selon lui, est « par lui-même voué à l'échec », « alors que les valeurs démocratiques continuent d'exister en permanence ».

Tous les « ismes » qui allaient à l'encontre de la vision démocratique bourgeoise du monde, non seulement le fascisme, mais surtout le marxisme, le socialisme, le communisme, etc. étaient tout autant stigmatisés comme « dogme, inflexibilité et obstination ». Je ne veux pas du tout nier ici que le marxisme peut aussi être traité de manière dogmatique si l'on ne comprend pas son essence.

Même le capitalisme, en tant que terme conceptuel, a été déclaré « mot tabou » et supprimé du vocabulaire bourgeois. Non pas parce qu'on avait quelque chose contre le capitalisme en tant que tel, mais parce qu'en tant que qualification marxiste de la société bourgeoise, il était trop stimulant pour l'esprit combatif classiste. En 1952, on pouvait lire dans le magazine américain This Week Magazine : « La substitution d'un seul mot peut changer le cours de l'histoire. Ce mot, c'est le capitalisme. Il a un son négatif parce qu'il rappelle les erreurs et les torts du passé ».

Ainsi, au fil des ans, tous les termes du vocabulaire utilisé publiquement qui désignaient une société de classe ont disparu. Ainsi, alors que les maîtres à penser bourgeois prétendaient d'un côté n'avoir plus rien à voir avec l'idéologie, de l'autre, dans leurs efforts pour contrer le socialisme avec le « monde libre » dénué de contradictions qu'est l'Occident « sans valeurs », ils ont déclenché une véritable bataille pour la création et la diffusion d'une nouvelle terminologie, qui était maintenant répandue dans toute la société.

Ainsi, sous le drapeau de l'absence de valeurs, la dissimulation et, en même temps, la valorisation de la réalité capitaliste ont été systématiquement poursuivies. Ainsi, la suppression ouverte par Adenauer de la résistance à la remilitarisation, ou l'interdiction du KPD et du FDJ est devenue un acte noble de la « démocratie qui sait se défendre » afin de défendre « l’ordre constitutionnel libéral-démocratique ».

Le concept d'« économie sociale de marché » a été popularisé par l'association « Die Waage » [La Balance], à laquelle appartenaient presque tous les monopoles allemands, avec une campagne publicitaire anticommuniste valant des millions. Avec des publicités, des affiches, des films et des bandes dessinées, elle a été mise en contraste avec « l'économie forcée de l'Est » et les revendications syndicales. « La lutte des classes est terminée », lisait-on dans une annonce au tournant de l'année 1956/57, et « Dans l'Allemagne libre, une transformation historique est en cours : l'ouvrier autrefois conscient de classe devient un citoyen libre et sûr de lui ».


C'est aussi simple que cela : les monopoles au pouvoir et leurs partis font une campagne de propagande et la société capitaliste perd son caractère de classe. Le monde est sens dessus dessous ! Le travailleur salarié devient le « Arbeitnehmer » [preneur de travail] et le capitaliste le « Arbeitgeber » [donneur de travail] dont la tâche la plus noble est de créer des emplois. Bien sûr, dans cette interprétation irréelle du tissu social, l'essentiel reste dans l'ombre : En échange de prodiguer ce bienfait notre pieux « donneur de travail » s'approprie en privé la part écrasante de la force de travail du « preneur de travail », sur laquelle reposent la croissance constante de sa richesse et la pauvreté tout aussi croissante de ses « preneurs de travail ».

Tant que ses bénéfices continueront à jaillir et que la « paix sociale » – comme il appelle cet état de la société dans lequel personne ne se rebelle contre ces conditions – restera intacte, notre « donneur de travail » maintiendra également sa stricte neutralité politique et son absence de valeurs idéologique.


Peu à peu, tous les partis bourgeois de l'après-guerre ont adopté la terminologie dissimulante du gouvernement Adenauer. La fiction de l'« économie sociale de marché » est devenue la ligne directrice centrale de la philosophie économique monopoliste d'État, systématiquement diffusée par les médias bourgeois. Même les dirigeants syndicaux réformistes, qui ont initialement rejeté avec véhémence le concept trompeur d'« économie sociale de marché », l'ont intégré comme une évidence dans leur vocabulaire, parallèlement à leur propre intégration dans la structure de pouvoir monopoliste d’État.

Le mythe de l'« absence d'idéologie » a rendu à nouveau respectable l'idéologie bourgeoise malmenée. En d'autres termes : le mythe de l'absence d'idéologie s'est révélé être à la fois un terme de combat et une méthode pour combattre la forte influence de l'idéologie prolétarienne parmi les larges masses populaires dans l'histoire de l'après-guerre et aussi pour implanter l'idéologie bourgeoise profondément dans la conscience sociale et la présenter comme n'ayant pas d'alternative.

L'absence d’idéologie est un mythe et ne sert en réalité qu'à imposer l'idéologie bourgeoise qui prévaut dans la société bourgeoise. Cette connaissance est en même temps un défi à relever pour étudier scientifiquement la signification réelle et l'émergence de l'idéologie ainsi que la lutte sociale réelle des idéologies qui se déroule. Cela ne peut avoir que l'objectif ouvertement déclaré d'influencer cette lutte sociale. Car tout ce que fait l’homme, comme le dit Marx, doit d'abord passer par sa tête !
Commençons donc par une question élémentaire.



2. Qu'est-ce qu'une idéologie ?

Le mot idéologie vient du grec et pourrait être traduit littéralement par « étude des idées ». Les ouvrages de référence traditionnels s'accordent à dire que l'« idéologie » est généralement identique à la conception du monde. Une conception du monde est un système de théories et de méthodes sur la façon de voir et de se comporter envers la nature et la société.

Chaque personne a sa propre vision du monde, qui façonne sa manière de penser, de sentir et d'agir. La vision individuelle du monde, bien sûr, ne naît pas de rien, mais est elle-même un produit du développement social. Elle découle, premièrement, de l'être social général, deuxièmement, de la conscience sociale générale et troisièmement, sur cette base, elle caractérise l’assimilation et la position personnelles et individuelles par rapport à la réalité sociale.

Karl Marx l'a résumé ainsi : « La conscience ne peut jamais être autre chose que l'°Être conscient, et l'Être des hommes est leur processus de vie réel ». (Marx/Engels, « L’idéologie allemande », Éditions sociales, Paris 1975, p. 50) Toute formation sociale est, d'une part, une certaine réalité (l'être social) et, d'autre part, repose sur une conception du monde qui la justifie. Une société ne peut fonctionner à long terme que si certaines normes, valeurs et règles sont unifiées et elle ne fonctionne également que tant qu'une telle unification volontaire prévaut. Ceci est garanti par la conception du monde qui détermine la société.

Tout le cours de la vie, la croissance et l'éducation des enfants, les années scolaires, la formation, le monde du travail, la fondation de la famille, etc. doit paraître aux humains comme quelque chose qui doit être comme cela. Dès le plus jeune âge, à la maternelle, à l'école, on est élevé pour se comporter de la manière exigée par les fondements de la société bourgeoise.

Dans les sociétés de classes qui ont émergé dans l'histoire de l'humanité il y a environ 5 000 ans, la réalité sociale et la vision du monde qui la justifie ne coïncident généralement pas. En effet, les dirigeants s'efforcent de présenter faussement des conditions idéales à la population afin de la faire taire. Par conséquent, la plupart des idéologies dominantes appartiennent au camp de l'idéalisme.

La forme la plus répandue de cette conception du monde dominante sont les religions, dont chacune a adapté son contenu et sa méthode en fonction de l'évolution de la réalité sociale. Le polythéisme, une multiplicité de divinités, correspondait à la société esclavagiste, comme on peut aussi le lire dans l'Ancien Testament de la Bible. Le féodalisme, avec son État central absolutiste, correspondait au monothéisme sous la forme du christianisme, de l'islam ou du bouddhisme. Le capitalisme, avec sa complexité en constante évolution, exigeait comme justification tout un système de conceptions du monde bourgeoises. Même si les religions continuent d'occuper une place importante, elles ne peuvent plus satisfaire aux exigences globales de justification des conditions complexes de la société moderne. Mais depuis longtemps déjà, ils ne peuvent plus enseigner qu’en termes généraux l'humilité, la servilité et l'abstinence, tandis que l'interprétation des multiples processus sociaux, politiques, économiques ou même scientifiques de la société bourgeoise et les comportements qui leur sont suggérés relèvent d’une diversité de systèmes de pensée spécifiques qui répondent au moins dans une certaine mesure aux exigences de la production moderne ou même du citoyen éclairé.

Je ne peux pas ici entrer dans le détail de l'inépuisable variété des systèmes de pensée bourgeois, mais seulement dans quelques exemples.

Dans les sciences naturelles, par exemple, il y a le courant idéologique du positivisme. Son aïeul était le sociologue français Auguste Comte. Il a enseigné que « l'esprit positif doit se référer aux faits (par opposition à l'imagination), à la certitude (par opposition à l'indécision), à la précision (par opposition à l'indétermination), à l'utilité (par opposition à la vanité) et à la validité relative (par opposition au caractère absolu) ».

Il est certainement très sensé et plausible que les physiciens, les chimistes, les biologistes, les ingénieurs, les médecins, au sens de Comte, étudient avec précision et conscience les lois de la nature et les rendent utiles. Cela est nécessaire dans le sens d'un examen objectif, qui est autre chose que l'« absence de valeurs ». Cependant, le "monopole de la connaissance des sciences naturelles" positiviste suggère en même temps aux scientifiques de concentrer tous leurs efforts sur leurs domaines de compétence et de ne pas toucher aux questions sociales. Ainsi, l'assujettissement des scientifiques aux intérêts d'exploitation de la société bourgeoise, en particulier de la grande industrie, est organisé d'une manière apparemment « sans idéologie ».

Dans les années 1960, il y a eu un débat animé en RFA sur la prétendue « absence de valeurs » dans les sciences, la soi-disant « controverse du positivisme ». Les sociologues de la « Théorie critique de l'école de Francfort » autour de Theodor W. Adorno ont contesté qu'il puisse y avoir une science « sans valeurs ». Ils ont exigé que les scientifiques découvrent également les maux sociaux et ne se contentent pas de fournir des analyses descriptives sans se soucier de ce qui en découle. L'« école de Francfort » a influencé le mouvement étudiant de 1967/1968 et a donné aux universitaires qui en sont issus certaines impulsions pour assumer dans leur recherche leur responsabilité dans le développement de la société.

En philosophie, le pragmatisme est l'arme miracle de l'idéologie bourgeoise. Il est également défini dans sa justification comme étant libre de toute barrière idéologique. Comme label de qualité les sciences sociales se caractérisent désormais par une approche pragmatique des problèmes, au lieu de « rabâcher constamment des principes » selon la devise : la fin justifie les moyens. Le pragmatisme est le système de pensée le mieux accueilli pour abandonner la prétention à la vision sociale globale des choses, à la réflexion correcte de la réalité dans la conscience, à la prise de parti et à l'action en conséquence conformément à ses lois, et pour ne faire au contraire que ce qui apporte un avantage immédiat aux intérêts du groupe de personnes au pouvoir. Le fait que cette façon de penser puisse porter atteinte à l'avenir et aux intérêts généraux de l'humanité ne dérange pas le pragmatiste, l'essentiel est qu'il puisse faire preuve d'un succès tangible.



3. Conception du monde et société

Dans toute société de classe, en plus de l'idéologie dominante, il y a toujours une vision du monde qui remet en question les conditions existantes. Il est donc difficile pour les dirigeants d'orienter la population dans une conception uniforme du monde. Pour la société capitaliste, Marx et Engels avaient identifié l'idéologie bourgeoise comme la conception du monde dominante, qui doit s'affirmer contre la vision du monde du prolétariat.

Jusque dans le cœur du mouvement ouvrier, il y a l'idée erronée que le conflit idéologique est une affaire de philosophes et n'a pas grand-chose à voir avec la réalité vécue au quotidien. Bien sûr, les idéologies ne confrontent pas les gens principalement sous forme de doctrines théoriques, mais leur contenu et leurs méthodes entrent subtilement dans la pensée, le sentiment et l'action des grandes masses populaires par le biais de la culture.

Je parle de sentiment idéologique, de pensée idéologique et d'action idéologiquement déterminée parce que ce sont trois niveaux qualitativement différents de la manière dont la lutte idéologique est menée aujourd'hui. Il en résulte toujours un conflit des conceptions du monde dominantes en lutte les unes contre les autres dans la pensée, le sentiment et l'action des individus sociaux.

L'idée que l'on est animé uniquement par l'idéologie bourgeoise ou uniquement par l'idéologie prolétarienne est dénuée de toute réalité. Nous faisons tous partie de la société bourgeoise, nous sommes plus ou moins façonnés par elle. Cela ne disparaît pas si facilement, même si l'on adopte une vision du monde critique de l'idéologie bourgeoise. Car l'idéologie bourgeoise n'est pas seulement l'idéologie des dirigeants, mais aussi l'idéologie dominante. Ainsi, même un parti qui a pour base une idéologie prolétarienne sera influencé par l'idéologie bourgeoise. Ceux qui le nient sont déconnectés de la réalité.

La principale méthode de diffusion de la conception bourgeoise du monde aujourd'hui est sans aucun doute la culture de masse, qui manipule habilement les sentiments des masses populaires les plus larges par le biais des médias électroniques. Aujourd’hui, aucune guerre ne peut être menée contre la volonté des grandes masses populaires. La dernière guerre en Irak a été propagée par les États-Unis avec deux arguments principaux : Premièrement, que l'Irak fabriquait des armes de destruction massive et menaçait ainsi le monde entier ; et deuxièmement, que le gouvernement irakien soutenait le « terrorisme international ». Ces deux arguments ont depuis lors dû être officiellement rétractés par le gouvernement américain. Une partie croissante de la population a entre-temps vu à travers la manipulation belliciste et critique aujourd'hui la guerre parce qu'elle en a perdu la justification. Mais avec la perte de sa légitimité auprès des masses, la guerre n'est plus gagnable non plus.

Lorsque l'idéologie dominante perd sa crédibilité, la politique des dirigeants entre en crise. La vie sociale au sens de la conception du monde de la bourgeoisie au pouvoir ne fonctionne donc que s'il existe un accord idéologique volontaire au sein de la population.

La société actuelle est basée sur des mensonges de vie très spécifiques, qui doivent faire l'objet d'un consensus fondamental, pour que la dictature des monopoles apparaisse comme une société démocratique, soit acceptée malgré toutes les critiques et fonctionne donc. J'ai déjà traité de la fiction de l'« économie sociale de marché ». Je pourrais continuer les fictions de l'« ordre constitutionnel libéral-démocratique », de la « politique étrangère pacifique », de « l'égalité des droits des hommes et des femmes » et du fait qu'en Allemagne « tout le pouvoir vient du peuple . Tous ces mensonges de vie servent un but bien précis. Lorsqu'elles sont remises en question, c'est toute la société qui est contrainte de se justifier.

L'un des avantages de l'idéologie de l'absence d'idéologie est qu'elle libère ses partisans de l'obligation onéreuse de traiter idéologiquement, par exemple, le socialisme scientifique. Elle préfère recourir à la méthode de la stigmatisation générale afin de constituer un barrage de réserves et autres sentiments négatifs contre le socialisme. La terminologie marxiste a été longtemps interdite dans la vie publique de la République fédérale. Mais surtout, l'anticommunisme qui a prévalu pendant des décennies a réussi à transfigurer le contenu de sa terminologie jusqu'à l'absurdité.

L'un des termes marxistes les plus ostracisés est la dictature du prolétariat. Entendre ce seul mot évoque souvent l'horreur pure, car il est instinctivement associé à l'oppression arbitraire et inhumaine de millions de personnes dans les pays socialistes. Mais le terme perd très vite de son horreur lorsque l'on considère sobrement son contenu objectif.

Marx a analysé le capitalisme et a identifié l'autocratie de la bourgeoisie comme l'essence politique de cette société. Afin de créer une société sans exploitation ni oppression, il a exigé que les sans-propriété – par lequel il entendait la propriété des moyens de production - assument le pouvoir sans partage dans la société. Ces sans-propriétés, il les appelle le prolétariat, qui, s'ils veulent vivre, sont obligés de vendre leur force de travail à la bourgeoisie. Ce prolétariat, en raison de sa position de classe, n'a aucun intérêt à l'exploitation de l'homme par l'homme. Elle est également, de par son rôle dans l'industrie moderne, en mesure, du point de vue de la conscience, moralement et socialement, de s'affirmer contre la bourgeoisie prostrée et de surmonter la société de classes. Ainsi, selon Marx, la dictature du prolétariat n'est qu'une catégorie scientifique d'une formation sociale capable de s'emparer du pouvoir pour abolir l'exploitation de l'homme par l'homme.

La méthode de stigmatisation des concepts est aujourd'hui l'une des principales formes de confrontation idéologique avec le socialisme scientifique. Il ne suffit, bien sûr, que si la vision bourgeoise du monde reçoit un soutien général.



4. Conception du monde et mode de pensée

Dans la réalité sociale actuelle, la conception du monde s'exprime avant tout comme mode de pensée. Le mode de pensée est l'élément le plus flexible de la conception du monde et donc le plus modifiable et le plus influençable. D'autre part, il façonne la pensée, le sentiment et l'action de l'individu. La lutte idéologique dans la société, à laquelle personne ne peut plus échapper, est une lutte permanente pour le mode de pensée – parfois ouvertement, mais surtout imperceptiblement et subtilement. Aujourd'hui, cette lutte est extrêmement compliquée.

Lors de la révolte étudiante de 1968, une partie de la petite bourgeoisie dépendante a pris conscience qu'elle était soumise à la domination exclusive des monopoles. Elle critiquait en particulier la restriction des droits et libertés démocratiques bourgeois par les lois d'urgence, les contenus et méthodes d'enseignement réactionnaires dans les universités, l'absence de la mise à jour du fascisme et son influence persistante dans les organes étatiques de la RFA et dans la politique, ainsi que la politique internationale d'oppression impérialiste des peuples, comme dans la guerre du Vietnam.

Ce mouvement étudiant a suscité et mis en question beaucoup de choses et a eu une influence durable sur le développement social de la RFA. Cependant, il a également fait naître une forme petite-bourgeoise de l'idéologie bourgeoise, qui d'une part critique les pires formes du capitalisme, mais d'autre part rejette aussi le socialisme. Le mouvement ouvrier était alors faible et influencé, au moins en ce qui concerne la jeunesse, par le mouvement étudiant.

À un moment donné, les dirigeants ont décidé d'intégrer cette orientation critique dans le système de gouvernance de la conception du monde bourgeoise. La diffusion de cette vision du monde petite-bourgeoise a été intégrée dans le système de l'idéologie dominante par les dirigeants et elle véhicule en permanence un mode de pensée petit-bourgeois. Celui-ci reprend la mise en question critique des conditions sociales sans remettre en cause la société elle-même, ni même réfléchir à une issue sous forme d'une autre, par exemple la société socialiste.

Le système du mode de pensée petit-bourgeois aime emprunter les termes du mouvement ouvrier pour imposer exactement le contraire. Je rappelle la « contribution de solidarité » dans les impôts, qui n'a rien à voir avec la solidarité, mais avec le fait de subventionner de grands monopoles pour qu'ils investissent leur capital en Allemagne de l'Est.

En politique aujourd'hui, on aime parler de « réformes ». Dans le mouvement ouvrier, cela signifiait une amélioration des conditions de vie et de travail. Aujourd'hui, en revanche, le terme « réforme » est utilisé à tort pour justifier la détérioration, voire le démantèlement, des réformes sociales. Le terme « réforme » est donc littéralement transformé en son contraire.

Ou bien prenez les films policiers de Tatort [Scène de crime] qui viennent toujours le dimanche soir. Aujourd'hui, ces films sont parmi les principales formes de transmission d'une idéologie petite-bourgeoise. Ici, l'un ou l'autre scandale de cette société est souvent abordé de manière tout à fait critique sur le plan social. Il y a même des critiques à l'encontre de l'Office fédéral de la police criminelle ou de l'Office pour la protection de la Constitution [service secret] et les machinations de certains groupes industriels sont mises en évidence. Mais quelle en est la conclusion ? La conclusion est que, malheureusement, on ne peut pas lutter contre ces gens parce qu'ils sont trop puissants. Les acteurs ne sont pas les larges masses qui se battent, mais tout au plus un commissaire plus ou moins intègre qui le fait au lieu du peuple. Ainsi, l'individualisme petit-bourgeois est promu et loué au lieu de l'activité indépendante des larges masses populaires, qui seule est capable d'être socialement transformatrice.

L'idéologie bourgeoise a l'ambition générale de se présenter sous une forme où elle sera avalée sans résistance, si possible, par la masse de la population. La manipulation de la pensée, du sentiment et de l'action par le système du mode de pensée petit-bourgeois n'a cependant pas lieu uniquement, ni même principalement, par la communication de contenus, mais de méthodes et de comportements petits-bourgeois.

Si des licenciements massifs ou des fermetures d'usines ont lieu aujourd'hui, les capitalistes veulent à tout prix éviter les luttes. Ils propagent donc la solution individuelle. Ils proposent un plan social qui aide l'individu à joindre les deux bouts après avoir perdu son emploi, mais seulement pour éviter une lutte collective. Il a fallu quelques années pour que les travailleurs se rendent compte que la destruction de chaque emploi signifie un chômeur de plus, que ce soit dans le cadre d'un plan social, par l'intermédiaire d'un PARE [Plan d'aide au retour à l'emploi] ou directement par des licenciements massifs.

Dans d'autres mouvements également, la diffusion des méthodes petites-bourgeoises joue un rôle majeur. Au lieu de mener un véritable combat, on a souvent recours à des protestations symboliques, à des actions en justice ou à des appels à la raison des dirigeants pour éviter l'aggravation nécessaire.

Le mode de pensée petit-bourgeois a pénétré profondément dans le mouvement ouvrier. Cela est lié aux changements dans la structure de classe de la société. Il y a eu une interpénétration des conditions de vie entre les travailleurs et l'intelligentsia dépendante. Les jeunes issus de familles ouvrières étudient et deviennent des intellectuels ; d'autre part, les enfants d'intellectuels font des apprentissages et deviennent des ouvriers ou de simples employés de bureau. Le niveau de vie est aussi devenu de plus en plus égal. De nombreux travailleurs ont atteint un niveau d'éducation et de culture qui était autrefois réservé aux universitaires.

Tout cela a des effets sur l'influence du mode de pensée des intellectuels parmi les travailleurs et, inversement, sur l'influence du mode de pensée des travailleurs sur les intellectuels. De par sa position de classe, le mode de pensée d'un ouvrier diffère de celle d'un intellectuel. Le mode de pensée prolétarien, en raison de la contradiction irréconciliable des travailleurs avec le capitalisme, se caractérise par le fait qu'il prône la fin de l'exploitation et de l'oppression de l'homme par l'homme. L'intelligentsia dépendante n'appartient pas à une classe homogène, et n'a donc pas de position de classe claire.

Marx l'a un jour décrit ainsi : « Le petit bourgeois, dans une société avancée et par nécessité de son état se fait d'une part socialiste, de l'autre part économiste, c-à-d. il est ébloui de la magnificence de la haute bourgeoisie et sympathie aux douleurs du peuple. Il est en même temps bourgeois et peuple. Il se vante dans le for intérieur de sa conscience, d’être impartial, d'avoir trouvé le juste équilibre, qui a la prétention de se distinguer du juste milieu. ». (Lettre de Karl Marx à Pavel V. Annenkov 1846, Internet : https://www.marxists.org/francais/ marx/works/1846/12/kmfe18461228.htm)

Avec l'évolution de l'intelligentsia dépendante en couche dominante de la petite-bourgeoise, le mode de pensée intellectuel petit-bourgeois s'est transformé en un système d'idéologie bourgeoise aux multiples facettes. Il a imprégné toutes les questions de culture, de politique et de science et est devenue un élément de soutien de l'appareil de pouvoir étatique. Le principal effet du mode de pensée petit-bourgeois sur le mouvement ouvrier, mais aussi sur le mouvement environnemental ou même celui pour la paix, est la désorganisation, la désorientation et la démoralisation de la lutte. Il a donc un caractère destructeur.

L'effet du système du mode de pensée petit-bourgeois a été profondément remis en question depuis un certain temps par l'expérience pratique, ce qui a conduit à une situation de crise politique latente dans la société. L'abstention croissante aux élections, la diminution de l'influence des partis bourgeois, l'augmentation des activités des masses sont les caractéristiques de cette évolution.

Lorsque le ministre fédéral des Finances Steinbrück a récemment recommandé, à son retour de vacances, de réduire ses vacances à l'avenir et d'épargner pour sa prévoyance vieillesse privée, il a été accueilli avec une vague d'indignation. Il a dû s'excuser humblement. Quelques jours plus tard, le ministre de la Défense Jung a qualifié la mission de la Bundeswehr au Liban de « mission de combat de la Bundeswehr », mais il a pris une raclée et a dû corriger qu'il ne s'agissait que d'un « mandat robuste ».

Du point de vue du débat idéologique, cela représente un processus de venir à bout du mode de pensée petit-bourgeois. À cet égard, il y a eu des changements notables au cours des dernières années. Lors d'un sondage représentatif réalisé par la chaîne de télévision allemande ZDF à l'automne 2004, Karl Marx a été élu « troisième Allemand le plus grand ». Le signal des récents sondages d'opinion : Les citoyens allemands qui pensent que le socialisme est une bonne idée qui a été mal réalisée représentent aujourd'hui déjà plus de 70 % en Allemagne de l'Est et 55 % en Allemagne de l'Ouest, soit 20 % de plus qu'il y a 15 ans.

Après que le leader du SPD de l'époque, Müntefering, ait lancé une « critique du capitalisme » en public pendant la campagne électorale en Rhénanie-du-Nord-Westphalie, le ministre chrétien-démocrate du travail du Land NRW, Laumann, s'est récemment mis à penser : « Depuis l'effondrement du communisme, le capitalisme est débridé. Je pense qu'une correction est nécessaire ». (Rheinische Post du 13/5/2006) Même les anciens ministres de la CDU, Blüm et Geissler, ont récemment critiqué à plusieurs reprises l'impitoyabilité du capitalisme. Le capitalisme est donc de retour ! En réalité, il n'avait jamais disparu. Il n'a qu'été couvert par un flot de phrases, d'illusions et de fictions, qui cèdent de plus en plus la place à la considération de la réalité.

L'idéologie de l'absence d'idéologie a échoué. L'idéologie du socialisme scientifique avec sa méthode dialectico-matérialiste gagne du terrain.


Merci beaucoup de votre attention.




Briefwechsel der MLPD Landesleitung Nord mit einer Genossin zu einer gemeinsamen Diskussion zur Frage der Identität von Krise und Defensive der Herrschenden.

Hamburg, 18.04.2021

MLPD Landesleitung Nord

Liebe Genossen,

es gab ja bei unserer letzten Zusammenkunft den Widerspruch zur Frage, ob es eine Offensive des Antikommunismus gibt.

Da ihr beide das Buch habt, beziehe ich mich zur weiteren Klärung bzw. Vertiefung darauf.

Auf Seite 17 heißt es dort:

Die Herrschenden begegnen dem Linkstrend unter den Massen aus der Defensive heraus mit einer neuen Offensive des Antikommunismus und der verstärkten Unterdrückung der revolutionären Theorie und Praxis. … Regierung und Geheimdienste in Deutschland konnten jedoch nicht verhindern, dass die MLPD in eine neue gesamtgesellschaftliche Rolle hineinwuchs und ihre von der Bourgeoisie verursachte relative Isolierung nachhaltig überwand. Das offenbart die allgemeine Unfähigkeit der Herrschenden, mit dem wachsenden marxistisch-leninistischen Einfluss auf die Massen fertigzuwerden. Die Staatsreligion des Antikommunismus steckt selbst in einer Krise.“

und auf Seite 148:

Trump reagierte auf die schwächelnde Wirkung des modernen Antikommunismus mit einer Offensive des offen reaktionären und aggressiven Antikommunismus. Im Wahlkampf zur Präsidentschaftswahl 2020 konstruierte Trump sogar eine angebliche Neigung der »politischen Elite« und der »liberalen Demokratie« zum Sozialismus und Kommunismus. Zugleich behauptete er von seiner Regierung, sie würde die Interessen der Arbeiterschaft repräsentieren und diese sowohl gegen die »radikal linken Demokraten« als auch gegen die »gelbe Gefahr« verteidigen.“

Es ist so, dass die Begriffe „Krise“ und „Offensive“ zwei unterschiedlichen Kategorien angehören.

Der Begriff „Krise“ kennzeichnet einen Zustand (Status, Situation, Lage etc.), der Begriff „Offensive“ kennzeichnet eine Handlung (Angriff, Stürmen, Ansturm) etc.

Insofern kann man auch keine direkte Beziehung herstellen in der Art: Krise = Defensive. Es gibt die allgemeine Krise des Imperialismus und zugleich die strategische Offensive der Imperialisten in der jetzigen Etappe, auch wenn sie mehr und mehr untergraben wird.

Diese allgemeine Krise hält den Imperialismus nicht davon ab, Offensiven gegen die Massen, die Arbeiterklasse, revolutionäre Parteien, andere Länder etc. zu führen.

Negieren, dass es eine Offensive des Antikommunismus durch die Herrschenden gibt - bedeutet, die Wirkung des Antikommunismus massiv zu unterschätzen.

Denn auf Seite 11 des Buches heißt es berechtigt:

Mit dem Antikommunismus verschiedenster Couleur fertigzuwerden, ist auf dem Hintergrund der tiefen Krisen des Reformismus und des modernen Revisionismus inzwischen zur Schlüsselfrage in der Bewusstseinsbildung der Massen geworden.“

Herzliche Grüße

MLPD Landesleitung Nord

Darauf kam folgende Antwort:

Liebe Genossinnen und Genossen,

danke für eure Kritik, die berechtigt ist. Ich halte das auch für eine wesentliche Auseinandersetzung. Ich habe mich damit beschäftigt und dazu studiert.

Die antikapitalistische Stimmung und der Linkstrend ist schon eine gewisse bewusste Verarbeitung der Situation mithilfe unseres Einflusses, doch sie ist bei einer noch stark wirkenden kleinbürgerlichen Denkweise mit vielfältigen Illusionen verbunden. Die Erwiderung der Herrschenden ist eine neue Offensive des Antikommunismus, eine Unterdrückung revolutionärer Theorie und Praxis. Soweit der neue REVOLUTIONÄRER WEG 36.

Ich vertrat, dass die Herrschenden wie ein verwundetes Tier um sich schlagen, während sie fallen und sterben.

1. soweit ist es noch nicht. Damit sage ich, dass eine revolutionäre Situation wäre, in der es schon um die Eroberung der Macht gehe, und die außerdem schon fast gewonnen wäre. Das ist eine weitgehende Überzeichnung der derzeitigen Situation des Übergangs in die 2. Etappe des Klassenkampfes.

2. Ich sage damit auch, der Gegner würde an seinen eigenen Widersprüchen von selber fallen. Das ist in keiner Etappe des Klassenkampfes richtig, auch nicht,wenn der Imperialismus schon dieses verwundete Tier wäre. Das ist eine kleinbürgerlich-revisionistische These.

3. Ebenfalls kritisiert ihr die Gleichsetzung von Krise mit Defensive. Das ist ein Schematismus von mir in der Frage der Strategie und Taktik. Wachstum wie derzeit beim Parteiaufbau heißt ja auch nicht, dass man ständig in der Offensive ist. Und die Krise der Herrschenden heißt auch nicht, dass die Herrschenden einfach kopflos um sich schlagen, sie haben auch eine Strategie und Taktik im Klassenkampf, die sogar sehr ausgefeilt ist und mit allen Wassern gewaschen.

Insgesamt senke ich mit dieser Einschätzung den Maßstab an den komplizierten und entfalteten Kampf um die Denkweise in Partei und Massen. Das passt auch zu einer gewissen Praxis, noch öfter überrascht zu sein von der Heftigkeit des Antikommunismus oder der Ereignisse.

Viele Grüße

Stefan Engel, Leiter der Redaktion REVOLUTIONÄRER WEG, schreibt einer Genossin

Liebe L,

deine Auswertung … ist sehr gut, weil sie nicht nur an den offensichtlichen Fehlern stehen bleibt, sondern in die Tiefe und auch in die Geschichte untersucht, woher die opportunistische Tendenz der Verdrängung der Lehre von der Denkweise kommt. Es hat zwar etwas gedauert, aber ich finde es gut, dass du dir weitergehende Gedanken machst, weil tatsächlich diese Fehler bis in die Prägung gehen und nicht einfach durch eine Korrektur von konkreten Fehlern beseitigt werden kann.

Eine Bemerkung habe ich noch. Du schreibst: „Die bürgerliche Ideologie ist nicht identisch mit der kleinbürgerlichen Denkweise.“ Das ist grundsätzlich falsch. Die bürgerliche Ideologie ist selbstverständlich identisch mit der kleinbürgerlichen Denkweise, aber es gibt auch einen wichtigen Unterschied, auf diesen nimmst du ja in den folgenden Sätzen Bezug. Offensichtlich verstehst du den Begriff „identisch“ nicht dialektisch. Er bedeutet in deiner Verwendung die absolute Übereinstimmung, aber eine absolute Übereinstimmung gibt es sowieso nicht. Die dialektische Identität ist eine Wesensgleichheit und im Wesentlichen ist die kleinbürgerliche Denkweise eine Form der bürgerlichen Ideologie.

Soweit erst einmal.

Herzliche Grüße,

Stefan

Auszug aus der Rede zum zentralen Wahlkampfauftakt der MLPD zur Bundestagswahl in Hamburg am 22.8.2009 von Stefan Engel zum Thema "Freiheit"

Auszug aus der Rede zum zentralen Wahlkampfauftakt der MLPD zur Bundestagswahl in Hamburg am 22.8.2009 von Stefan Engel, damaligem Parteivorsitzenden der MLPD, noch heute Leiter der Redaktion REVOLUTIONÄRER WEG:

„Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde und Genossen, Freiheit ist ein Grundanliegen aller unterdrückten Klassen in der Geschichte der Menschheit. Die Sklaven kämpften um ihre Freiheit, ebenso wie die vom Adel geknechteten Bauern. Die bürgerliche Revolution wurde mit dem Ruf nach Freiheit getragen. Heute erleben wir, wie mit dem Begriff der Freiheit allergrößter Schindluder getrieben wird. Die sogenannte „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ garantiert das Recht auf Privateigentum an den Produktionsmitteln - und damit das Recht auf Ausbeutung. Was soll daran freiheitlich oder gar demokratisch sein?

Der größte Treppenwitz der Geschichte ist der Antikommunismus, der diejenigen, die die Fackel des Freiheitskampfes der Menschheit weitertragen, bezichtigt, die Freiheit abschaffen zu wollen. Ich bekenne: Der Sozialismus ist eine Gesellschaft, in der nicht für jeden und für alles Freiheit besteht. Ich bekenne: Im Sozialismus muss an die Stelle der Diktatur der Monopole eine Diktatur des Proletariats treten. Der Sozialismus muss nämlich radikal und unumkehrbar die Freiheit beschneiden, fremde Arbeit auszubeuten! Der Sozialismus schafft die Freiheit ab, räuberische Kriege zur Eroberung und Sicherung von Märkten und Rohstoffgebieten zu führen. Der Sozialismus beseitigt die Freiheit, Umwelt und Gesundheit der Menschheit für den Maximalprofit zu opfern. Und der Sozialismus beendet die imperialistische Freiheit, unterentwickelte Länder bis aufs Blut auszusaugen und so ihre Entwicklung zu verhindern. Dazu stehe ich auch! Für die Arbeiterklasse und die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung dagegen bedeutet der Sozialismus:

  • Entfaltete Demokratie mit bisher nie gekannte Freiheiten.
  • Zuallererst und allem voran die Freiheit, dass die wachsende Produktivität der Menschheit auch der Befriedigung Ihrer Bedürfnisse zugute kommt. Was wäre möglich mit den Billionen an Dollars, die der Kapitalismus in dieser Krise bereits vernichtet hat?

In Deutschland könnte man mit den 600 Milliarden Euro, die für den Schutzschirm für Banken und Konzerne vergeudet werden, sofort

  • sämtliche kommunalen Schulden streichen,
  • alle Kosten zur Sanierung aller Krankenhäuser, Schulen und Hochschulen finanzieren
  • und fünf Jahre lang 334.000 Erzieher, Lehrer und Krankenschwestern für diese Einrichtungen bezahlen. Weniger als 1 Prozent der Werte, die durch die Weltwirtschaftskrise vernichtet wurden, würde reichen, innerhalb von 5 Jahren das Welthungerproblem zu lösen - wie Jean Ziegler, der ehemalige „UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung“, nachgewiesen hat. Allein mit den Profiten der 10 größten internationalen Ölmonopole aus dem Jahr 2007 könnte man den gesamten Weltelektrizitätsbedarf auf erneuerbare Energie umstellen. Und da wollen sie uns allen Ernstes erzählen, für unsere Bedürfnisse sei kein Geld da?

Die Mittel und Möglichkeiten sind längst vorhanden, um die dringendsten Menscheitsprobleme zu lösen! Es ist allein das unfreie System der kapitalistischen Ausbeutung, das verhindert, dass sie zum Nutzen der Menschheit eingesetzt werden. Erst der Sozialismus gewährleistet der Menschheit die Freiheit, diese Früchte von Arbeit und Natur auch selbst genießen zu können. Der Sozialismus gewährt, jedem arbeitsfähigen Menschen die Freiheit einer sinnvollen und erfüllten Arbeit im Interesse der gesamten Gesellschaft. Der Sozialismus gewährt die Freiheit für die Arbeiterklasse und immer mehr Menschen, sich unmittelbar selbst an der gesellschaftlichen Verantwortung, an der Verwaltung und Gestaltung des sozialistischen Staates und den Regierungsgeschäften zu beteiligen.

Er gewährt die Freiheit, selbst Volksvertreter zu sein oder sie aufzustellen, zu wählen, zu kontrollieren - und nötigenfalls auch wieder abzusetzen. Friedrich Engels nannte den Sozialismus nicht umsonst den »Sprung der Menschheit ... in das Reich der Freiheit« Wer dagegen die Befreiung in der „freien Wirtschaft“ der Linkspartei sucht, hat sich in Wirklichkeit noch nicht freigemacht von den Illusionen über die Vereinbarkeit von kapitalistischer Ausbeutung zum einen und Freiheit für die Massen zum anderen! Schluss mit der Inkonsequenz! Für Frieden, Freiheit und echten Sozialismus!“



Briefwechsel zwischen einem Kollegen und Dieter Klauth, Geschichtsredakteur der MLPD-Wochenzeitung "Rote Fahne" zur Frage konterrevolutionärer Machenschaften und Verbrechen kleinbürgerlicher Bürokraten in den Volksdemokratien Europas nach dem II. Weltkrieg.

26.03.20

Guten Tag Frau Fechtner,

Guten Tag Herr Engel,

die mögliche Aufstellung einer Stalin-Statue neben der Lenin-Statue, die ich natürlich begrüße, in Gelsenkirchen bringt mich dazu, Ihnen ausführlicher meine Überlegungen zur der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu verdeutlichen. Mir geht es überhaupt nicht darum, Ihre Partei negativ anzugehen, sondern inhaltlich und sachlich zu einem konstruktiven Meinungsaustausch beizutragen.

Ich möchte mal so beginnen:

Die leitenden Genossen der KPD-Baden-Württembergs in der Kriegs- und Nachkriegszeit waren Kurt Müller, Robert Leibrand und Hermann Nuding.

Kurt Müller leitete im Faschismus die illegale KPD Baden-Württembergs, überlebte das KZ Sachsenhausen und war nach dem Krieg stellvertretender Vorsitzender der KPD Westdeutschlands.

Robert Leibrand überlebte die KZs Buchenwald und Dachau und war nach dem Krieg 1. Vorsitzender der KPD Baden-Württembergs.

Hermann Nuding, sein Stellvertreter, war im Krieg in Frankreich in der Résistance aktiv und wurde dort inhaftiert.

Ihnen werden diese Genossen vielleicht weniger bekannt sein, was womöglich folgende Gründe haben mag:

Kurt Müller wurde 1950 von der SED-Führung nach Ostberlin bestellt, im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen inhaftiert, gefoltert, von Stalin’s NKWD in einem Fernurteil zu 25 Haft verurteilt und schließlich bis 1956 in einem sowjetischen Gulag festgehalten. (vgl. 1) Memorial a.a.O. und 2) Hodos, a.a.O. S. 259)

Seine Lebensgefährtin, Mutter seines kleinen Sohns, bekam auf viele schriftliche Anfragen nach seinem Verbleib weder von Reimann noch von Pieck oder Ulbricht eine Antwort. Schließlich wandte sie sich verzweifelt, aber mutig, an die Öffentlichkeit. (vgl. 3) Interview, Hör-Datei des SWR, a.a.O.)

Robert Leibrand wurde ebenfalls von der SED-Führung abgesetzt, in die DDR „zwangsübersiedelt“ und politisch kaltgestellt.

Hermann Nuding wurde gleichfalls abgesetzt, wegen „Versöhnlertums“ gegenüber Kurt Müller. Er widersetzte sich der „Zwangsumsiedlung“ und trat schließlich aus der KPD aus.

Was haben diese drei führenden Genossen der KPD gemeinsam?

Auch in Deutschland sollten, wie in der Tschechoslowakei, Ungarn und Bulgarien, auf Bestreben von Stalins Sicherheitsorganen Prozesse gegen Genossen stattfinden, ähnlich der später so genannten Slánský-Rajk-Kostoff-Prozesse, von denen sich Willi Dickhut übrigens kritisch distanzierte (vgl. Geschichte der MLPD I, S. 225) Zurecht, denn alle Angeklagten wurden ohne Beweise, lediglich aufgrund ihrer durch Folter erzwungenen „Geständnisse“ verurteilt (vgl. die drei sehr lesenswerten und aufschlussreichen Prozessprotokolle, die in der DDR damals veröffentlicht wurden, 4) 5) 6) a.a.O.)

  1. Lászlo Rajk, Außenminister Ungarns, wurde 1949 zusammen mit drei weiteren Genossen zum Tode verurteilt und hingerichtet, ausschließlich aufgrund folgenden Geständnisses: „…erkläre ich schon jetzt im Voraus, dass ich das Urteil des Volksgerichts mich betreffend, wie immer es ausfallen möge, für gerecht halte.“ (4) Prozessprotokoll, a.a.O S. 360)
  2. Traitscho Kostoff, Sekretär des ZK der KP Bulgariens, im Krieg Leiter des Widerstands gegen die deutsche Besatzung, hatte den Mut, ein „Geständnis“ zu verweigern, da „ich niemals im Dienst des englischen Spionagedienstes gestanden“ habe ( 5) Prozessprotokoll a.a.O. S. 639) Daher musste der Prozess vertagt werden. Schließlich wurde er dennoch, oder nun erst recht, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Eine Revision wurde ihm verweigert.
  3. Rudolf Slánský, Generalsekretär der KP der Tschechoslowakei, wurde 1951 zusammen mit 10 weiteren Genossen zum Tode verurteilt, lediglich auf Grund seines folgenden, durch Folter erzwungenen, „Geständnisses“: „Ich habe mich der niederträchtigsten Verbrechen schuldig gemacht, die ein Mensch begehen kann. Ich weiß, dass es für mich mildernde Umstände, Entschuldigung und Nachsicht nicht geben kann. Ich verdiene mit Recht Verachtung. Ich verdiene kein anderes Ende meines verbrecherischen Lebens als das Ende, das vom Staatsprokurator beantragt wird.“ (6) Prozessprotokoll a.a.O. S. 658)

Man spürt, dass sie alles zu gestehen bereit waren, nur um keine weitere Folter erleiden zu müssen! Übrigens hervorragend verfilmt in „L‘aveu“ (=Das Geständnis) von Costa Gavras mit Yves Montand in der Hauptrolle.

Westdeutsche KPD-Genossen wurden verfolgt wie Kurt Müller, Hugo Paul, Vorsitzender der KPD-NRW, den Willi Dickhut sehr lobend erwähnt (vgl. W.D. So war’s damals, S. 532f) und Fritz Sperling, als stellvertretender Parteivorsitzender Nachfolger von Kurt Müller. Er wurde ebenfalls in Hohenschönhausen inhaftiert, gefoltert und in einem Geheimprozess zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Aber Stalins NKWD traf auch ostdeutsche SED-Genossen, wie Rudolf Herrnstadt, Chefredakteur des Neuen Deutschland und Politbüromitglied Paul Merker, der als „feindlicher Agent“, „Kapitulant“ und „Verräter“ zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.

Warum? Was hatten diese Genossen gemeinsam, dass sie von Stalins Sicherheitsorganen verdächtigt, verfolgt und terrorisiert wurden?

Alle waren sie nicht in der UdSSR im Exil, sondern in deutschen KZs und im westlichen Exil. Paul Merker, der „Laszlo Rajk der DDR“, dem man auch Kontakte zu Slánský vorwarf, verfasste z.B. eine Schrift zur RGO- und Sozialfaschismusthese. Darin schreibt er selbstkritisch: „Wir…haben deshalb auch unseren Teil der Mitverantwortung für das Fiasko (von 1933) zu übernehmen.“ (Paul Merker, Sein oder nicht sein? (7) a.a.O. S. 69)

Bekannt ist, dass diese Sozialfaschismusthese von Moskau aus in der Zeit Stalins in der KPD durchgesetzt wurde, was ja auch von der MLPD zurecht kritisiert wurde. Damit machte Merker sich „verdächtig“.

Aber das Misslingen der Einheitsfront gegen den Hitlerfaschismus 1933 lag eben nicht nur an dem Antikommunismus der SPD-Führung, sondern eben auch an den sektiererischen RGO- und Sozialfaschismusthesen Stalins.

Diese Einheitsfrontpolitik gegen Rechts- bez. gegen den Faschismus ist ja auch für heute von großer Aktualität. Auf heute bezogen bedeutet dies, dass nicht nur der moderne Antikommunismus die Einheit spalten kann, sondern auch eigene Fehler der KP bez. MLPD. Etwa der, jeden Kritiker Stalins und seiner Verbrechen als „modernen Antikommunisten“ zu brandmarken und keinen Grund zu sehen, heute der Opfer dieser Verbrechen zu gedenken (vgl. RF-Magazin Nr.1/2020 S.17). Dies isoliert nicht nur die Partei, sondern schwächt auch die Einheitsfront nachhaltig. Und es war nun mal verbrecherisch, derartige Schauprozesse zu inszenieren, foltern zu lassen, Menschenrechte, wie das Recht auf Revision, außer Kraft zu setzen, zu deportieren und Todesstrafen auszusprechen und zu vollstrecken!!

Unterdrückung und Verbrechen statt Freiheit und Menschenrechte! - Andere, mit Ihnen befreundete Parteien und Organisationen wie etwa die PCR Argentiniens und die ICOR Organisationen von Frankreich (Lyon), versuchen es zumindest, diese dunklen Kapitel Stalins aufzuarbeiten. (vgl. ihre jeweiligen Homepages). Und Ihre Partei?

Über eine Antwort würde ich mich freuen.

Mit guten Wünschen für Ihre Gesundheit verbleibe ich mit freundlichem Gruß

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  1. Anmerkungen bez. Literaturangaben.Memorial: http://www.gulag.memorial.de/person.php?pers=247
  2. George Hermann Hodos, Schauprozesse, Aufbau-Verlag, 2001Der Autor war übrigens 1949 selbst einer der Angeklagten in Ungarn und wurde damals zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt.
  3. SWR: https://www.swr.de/swr2/wissen/broadcastcontrib-swr-20578.html
  4. Protokoll: Lászlo Rajk und Komplizen vor dem Volksgericht, Dietz-Verlag, Berlin, 1949
  5. Protokoll: Traitscho Kostoff und seine Gruppe, Dietz-Verlag, Berlin, 1951
  6. Protokoll: Prozess gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörerzentrums mit Rudolf Slánský an der Spitze, Orbis, Prag, 1953
  7. Naturfreundejugend-Berlin, Stalin hat uns das Herz gebrochen, Münster, 2017

Die KPD erhielt bei den ersten westdeutschen Wahlen 1949 zum Bundestag 1,36 Mill. Stimmen (=5,7%). 1953, nach diesen von Moskau initiierten Säuberungen, nur noch die Hälfte, nämlich 611 317 = 2,2%).

Zum Vergleich: Die MLPD erhielt 2017 29 785 Stimmen (=0,0%). Sollte sie tatsächlich die Aufstellung einer Stalin-Statue in Gelsenkirchen vornehmen, dann………



Dieter Klauth/RF-Geschichtsredaktion

18.06.20


betr.: Zuschrift .vom 26.3. 20 zu den Prozessen in der CSSR, Bulgarien und Ungarn sowie zur Verfolgung von Westemigranten der KPD


Lieber Kollege,

von einem Plan, neben der vorgesehenen Lenin-Statue eine Stalin-Statue vor dem Parteihaus der MLPD in Gelsenkirchen aufzustellen, wurde in keiner unserer Veröffentlichungen gesprochen. Wir sind gerade dabei – entsprechend unserem Parteiemblem – eine entsprechende Marx-Statue zu erwerben. Anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung vom Hitlerfaschismus wird vor allem in den verschiedenen Ländern Osteuropas als wahre „Befreiung“ die Wiederherstellung der bürgerlichen Demokratien in den von Hitler besetzten westlichen Ländern bzw. die Restauration der Macht des Monopolkapitals in der BRD entgegen gestellt. Das steht im Gleichklang wie bei den bürgerlichen Veröffentlichungen, die zum Jahrestag des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags und zu Katyn als Dauerbrenner des Antikommunismus erfolgten.

Du schreibst:

„Diese Einheitsfrontpolitik gegen Rechts- bez. gegen den Faschismus ist ja auch für heute von großer Aktualität. Auf heute bezogen bedeutet dies, dass nicht nur der moderne Antikommunismus die Einheit spalten kann, sondern auch eigene Fehler der KP bez. MLPD. Etwa der, jeden Kritiker Stalins und seiner Verbrechen als „modernen Antikommunisten“ zu brandmarken und keinen Grund zu sehen, heute der Opfer dieser Verbrechen zu gedenken (vgl. RF-Magazin Nr.1/2020 S.17).“

Mit dieser Argumentation richtete sich die Gedenkstättenleitung in Buchenwald aktuell gegen eine Kundgebung der MLPD zum Jahrestag der Selbstbefreiung des KZ! Und mit dieser Argumention rechtfertigen liquidatorische Kräfte aus den Reihen der Grünen, der Antideutschen, der Anarchisten oder auch der Jusos körperliche Angriffe auf MLPD - Mitglieder und ihre Versuche, sie zu isolieren!

Im Grunde ist es doch völlig absurd: Es darf nicht zum antifaschistischen Kampf gehören, den historischen Sieg über den Faschismus, der nun einmal von Stalin geleitet wurde, als Grundlage des heutigen Antifaschismus zu bezeichnen? Natürlich würden die Bürgerlichen gerne z. B. die imperialistischen und antikommunistischen Ziele der Männer des 20. Juli als allein berechtigtes Eintreten gegen den Hitlerfaschismus verankern. Natürlich werden sie nicht müde, Hitler und Stalin als „Kumpane“ zu bezeichnen, um die historische Wahrheit vergessen zu machen, dass Stalin Hitler das Genick gebrochen hat. In bezug auf Osteuropa besteht für sie das Verbrechen Stalins darin, dass er die Entstehung einer neuen Form der Diktatur des Proletariats in den Volksdemokratien unterstützte, dass er in der sowjetischen Besatzungszone die Enteignung des Großkapitals und der Junker ermöglichte.

Du kennzeichnest in deinem Brief die Herausbildung des sozialistischen Lagers in der Nachkriegszeit als „Unterdrückung und Verbrechen statt Freiheit und Menschenrechte!“. Doch deiner Ankündigung, „ausführlicher meine Überlegungen zur der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu verdeutlichen“, folgen nur Ausführungen zu einzelnen verfolgten KPD-Mitgliedern sowie zu den politischen Prozessen in der CSSR, Bulgarien und Ungarn bzw. einem angeblich geplanten Prozess in der DDR. Das ist aber keine „ausführliche“ Überlegung, sondern die Hervorhebung einer konkreten Erscheinung im damaligen Klassenkampf. Da für dich feststeht, dass sie „verbrecherisch“ war, kann man wohl davon ausgehen, dass deine Überlegung in der Schlussfolgerung besteht, die damaligen Volksdemokratien bzw. die antifaschistisch-demokratische Ordnung in der DDR seien „verbrecherisch“ gewesen. Natürlich stimmen wir damit ganz und gar nicht überein!

Zu unserer grundsätzlichen Einschätzung der damaligen Entwicklung möchte ich auf die entsprechenden Ausführungen unseres theoretischen Organs REVOLUTIONÄRER WEG eingehen. Du zitierst Willi Dickhut aus der „Geschichte der MLPD“ mit der Passage, in der er zu den Fehlern Stalins die „Angelegenheit Kostoff/Bulgarien, Reyk/Ungarn, Slanski/Tschechoslowakei u. a.“ zählt. Er meinte dazu, diese „brauchen wir nicht herauszustellen, weil sie unsere Praxis kaum beeinflussen“. Der Brief, in dem er diese Aussage trifft, endet mit dem Satz: „Die Stalinfrage ist meines Erachtens keine Hauptfrage in der ML-Bewegung. Wir wollen Stalin weder über- noch unterbewerten.“ Sicherlich hat sich die Stalinfrage seitdem in ihrer Bedeutung geändert – durch den modernen Antikommunismus ist sie von einer Frage innerhalb der kommunistischen Bewegung zu einer Massenfrage gemacht worden. Die Fehler der Schauprozesse in den genannten Ländern spielen für unsere Praxis daher auch eine andere Rolle als 1971, zum Zeitpunkt des von dir zitierten Briefs von Willi Dickhut. Natürlich werden dadurch aber nicht die historischen Fakten nachträglich geändert, die er 1972 so zusammenfasste:

Während des II. Weltkriegs und in den ersten Nachkriegsjahren entstand in einer Reihe von Ländern Europas und Asiens eine neue Staatsform: die Volksdemokratie. Unter dem Einfluß des Siegs der antifaschistischen Koalition mit der Sowjetunion an der Spitze, in einigen Fällen mit direkter militärischer Unterstützung der Roten Armee, zerschlugen die Völker dieser Länder die faschistische Diktatur der deutschen, japanischen und italienischen Aggressoren sowie ihrer Marionetten und errichteten die Herrschaft der Volksdemokratie. … Die Volksdemokratie ist noch kein Sozialismus. Sie setzt sich zunächst bloß antiimperialistisch-demokratische Ziele: Entmachtung der Monopolherren und Großgrundbesitzer, Durchführung der Bodenreform, Wiederaufbau der Wirtschaft usw. Sie unterscheidet sich aber grundsätzlich von der bürgerlichen Demokratie. Denn die Staatsmacht der Volksdemokratie liegt nicht in den Händen der Bourgeoisie, sondern in den Händen einer Koalition, in der die Arbeiterklasse die Führung hat. … Durch einen harten Kampf gegen die Bourgeoisie, durch die Beseitigung des kapitalistischen Eigentums sowie durch die Kollektivierung der Landwirtschaft kann das Proletariat von der Volksdemokratie zum Sozialismus weiterschreiten. … Der Übergang der volksdemokratischen Länder zum Sozialismus wird von einem erbitterten Kampf zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie begleitet. Wenn sogar in der Sowjetunion, 40 Jahre nach der Oktoberrevolution, eine kapitalistische Restauration möglich war, so ist diese Gefahr noch viel größer in solchen Ländern, wo noch nicht einmal die wirtschaftlichen Aufgaben der sozialistischen Revolution zu Ende geführt sind. Es verwundert nicht, daß schon früh die bürgerlichen Kräfte in Jugoslawien die Oberhand gewinnen und die volksdemokratische Ordnung beseitigen konnten. So ist es auch kein Wunder, daß die volksdemokratische Ordnung in einer ganzen Reihe von Ländern schwere Erschütterungen durchmachen mußte; vor allem in der Zeit, als die Sowjetunion aufgehört hatte, auf dem Weg des Sozialismus zu gehen.“ (Willi Dickhut - „Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion“, erw. Neuausgabe 1988, S. 205-207)

Die MLPD hat 1981 diese Problematik anhand der Entwicklung in Polen konkreter dargestellt (siehe die Broschüre „Polen Aktuell 1 – Vom Sozialismus zum bürokratischen Kapitalismus“). Dabei wurde folgende Einschätzung Mao Tsetungs vom November 1956 hervorgehoben:

„Das grundlegende Problem in manchen osteuropäischen Ländern ist, daß dort der Klassenkampf nicht gut geführt wurde; weder sind die noch so zahlreich existierenden Konterrevolutionäre unschädlich gemacht worden, noch wurde ihr Proletariat im Klassenkampf trainiert, so daß es hätte lernen können, klar zwischen Volk und Feind, zwischen richtig und falsch und zwischen Materialismus und Idealismus zu unterscheiden. Nun ernten sie, was sie gesät haben, und das Unwetter, von ihnen selbst heraufbeschworen, entlädt sich über ihren Köpfen.“ (Mao Tsetung – Ausgewählte Werke, Bd. V, S. 386)

Zu der schlechten Führung des Klassenkampfs gehörte auch die Durchführung der Prozesse, in denen es falsche Anschuldigungen und daraus folgende Fehlurteile gab. Auch die Rehabilitierung der zu Unrecht Verurteilten erfolgte auf keiner prinzipiellen Grundlage – der ungarische Autor Hodos, auf den du dich stützt, schildert dazu als Beispiel den Ablauf seiner eigenen Rehabilitierung. Allerdings kann man es sich nicht so einfach machen, aus der Tatsache falscher Anschuldigungen zu folgern, es habe überhaupt keine Subversion seitens der jugoslawischen Revisionisten gegeben, die trotzkistischen Agenturen, die mit Hilfe des US-Imperialismus agierten, hätten ebensowenig existiert wie die zionistischen Unterwanderungsversuche. Hodos` Buch (ich beziehe mich auf die Erstausgabe von 1988) ist nicht nur äußerst schlampig in bezug auf biografische Daten (es enthält Fehler bei den Angaben zu L. Bauer, Chruschtschow, Dahlem, Hoxha, Kun, Mielke, Molotow, K. Müller, Slansky), sondern es ist in der Einschätzung der Klassenkampfsituation extrem subjektivistisch und spekulativ.

Er nennt drei Faktoren der Schauprozesse: Den Kalten Krieg (den er antikommunistisch bewertet), den paranoiden Argwohn Stalins (mit dessen Annahme „bewiesen“ wird, dass es gar keine Subversion gab, sondern nur Einbildung) und den sowjetisch-jugoslawischen Konflikt (für den der angebliche stalinsche Herrschaftsdrang verantwortlich gemacht wird). Hodos schreibt: „Das Buch erhebt keinen Anspruch auf theoretische Analyse.“ (Georg Hermann Hodos - „Schauprozesse. Stalinistische Säuberungen in Osteuropa 1948-54“, München 1988, S. 18). Das hält ihn aber keineswegs davon ab, zu theoretisieren: „Dem äußeren Kalten Krieg wurde zum inneren Gebrauch die pseudo-marxistische Theorie von der `Verschärfung des Klassenkampfes in der Übergangsphase vom Kapitalismus zum Sozialismus` angehängt.“ (ebd., S. 20) Wer die Verschärfung des Klassenkampfs für ein Hirngespinst hält, von dem kann man natürlich nicht erwarten, dass er objektiv und sachlich auf die Subversionsversuche der inneren und äußeren Konterrevolution während des Aufbaus der Volksdemokratien eingeht. Dazu ein Beispiel: 2008 wurde der tschechische Schriftsteller Milan Kundera, der in Frankreich im Exil lebte, von seiner Vergangenheit eingeholt: 1950 hatte er - damals noch KP-Mitglied - einen Agenten des US-Geheimdienstes bei der Prager Polizei angezeigt. Der Zugang zu den Archiven der Sicherheitkräfte machte diese Enthüllung möglich und nun wurde dem bis dahin hochgelobten Dissidenten Denunziation vorgehalten. Allerdings hatten die Angriffe der bürgerlichen Presse auch eine Kehrseite:

„Zweitens werden ungewollt die antikommunistischen Lügen widerlegt, die über die sozialistischen Anfänge in den volksdemokratischen Ländern Osteuropas nach 1945 verbreitet wurden: Der von Kundera angezeigte Miroslav Dvoracek war in Bayern von dem antikommunistischen ehemaligen Geheimdienstchef der bürgerlichen Tschechoslowakei, Frantisek Moravec, angeworben worden, der mit Hilfe der USA einen so genannten `tschechoslowakischen Nachrichtendienst` aufbaute. Dvoracek sollte zu Sabotagezwecken Informationen über die chemische Industrie beschaffen. Allein von diesem einen Spion wurden 500 Agenten durch die sozialistischen Sicherheitskräfte enttarnt – das enthüllt das ungeheure Ausmaß der US-gesteuerten Diversions- und Sabotageversuche der damaligen Zeit! Von diesen 500 wurden 20 hingerichtet, was natürlich als `stalinistischer Terror` begeifert wird.“ („Vom `Helden` des antikommunistischen Widerstands zum `Verräter`“ - ROTE FAHNE 43/2008, S. 22)

In Hodos` Buch heißt es dagegen zum Prozess in der CSSR und zum Kampf gegen konterrevolutionäre Umtriebe: Weil „in der industrialisierten, demokratischen Tschechoslowakei die KP nach Hitlers Machtergreifung neben der französischen die größte legale Partei Europas war … zeichnete (sie) sich daher auch im paranoiden Weltbild Stalins durch die größte Anzahl der `Unzuverlässigen` und `Verdächtigen` aus.“ (S.125) Nachdem der Prozess in Ungarn „voll und ganz im Zeichen der Anti-Tito-Propaganda“ gestanden habe, „verschob sich der Schwerpunkt der Anschuldigungen vom Titoismus und Imperialismus auf den `bürgerlichen Nationalismus` und den`Zionismus`. ... Der spät-stalinistische Antisemitismus sollte in die Tschechoslowakei exportiert werden“ (S. 126)

Die „Überlegungen“ Hodos` zur Nachkriegszeit sind also: Verfolgungswahn statt Klassenkampf und die alberne Behauptung eines Stalin, der im Kreml sitzt und anweist, dass eine große Partei viele Verräter hervorbringen muss, die zu liquidieren seien. Darüber hinaus: Ableugnung der Existenz zionistischer Bestrebungen und Verleumdung des Vorgehens gegen diese Bestrebungen als antisemitisch. Die MLPD kennt diese Methode aus eigenem Erleben und hat sie in der Broschüre „`Antideutsche` - links blinken, scharf rechts abbiegen...“ entlarvt. Du enthältst dich ja bei deinen „Überlegungen“ einer umfassenden Einschätzung der historischen Vorgänge – aber stützt du nicht durch den bezug auf Hodos dessen Sicht?

Zu den von Dir angeführten Genossen der KPD ist zu sagen: Ihnen allen wurde Unrecht angetan und ihre Rehabilitierung war mit keiner prinzipiellen Selbstkritik verbunden, weil die dafür Verantwortlichen in der SED-Führung zu Revisionisten entartet waren. Allerdings reagierten die einzelnen Genossen auch durchaus unterschiedlich und keiner von ihnen erkannte den revisionistischen Verrat und konnte dadurch selbst revolutionäre Kritik leisten. Fritz Sperling starb 1958 offensichtlich an den Folgen erlittener Gewalt, die ihm in der Stasi-Haft zugefügt worden war. Hugo Paul wurde zwar wegen titoistischer Abweichungen kritisiert, war aber bis zum Parteiverbot 1956 Mitglied des Politbüros der KPD und starb 1962 in der DDR. Paul Merker wurde nach Parteiausschluss und 1955 erfolgter Verurteilung zu acht Jahren Haft 1956 rehabilitiert, entlassen und wieder in die SED aufgenommen – wurde aber bis zu seinem Tod 1969 nicht mehr in führender Stelle politisch aktiv. Robert Leibbrand arbeitete nach seiner Übersiedlung in die DDR dort u. a. als Leiter einer Bezirksparteischule und am Berliner Institut für Marxismus-Leninismus. Hermann Nuding, der 1950 schwer erkrankte, folgte der Empfehlung zur Übersiedlung in die DDR nicht und zog sich aus der Politik zurück – er starb 1966 in Stuttgart. Kurt Müller, der in der DDR inhaftiert wurde und von einem sowjetischen Gericht wegen Agententätigkeit zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war, verbüßte davon zwei Jahre und kehrte 1955 zusammen mit den letzten deutschen Kriegsgefangenen in die BRD zurück. 1957 wurde er Mitglied der SPD und wirkte als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung im aggressiv antikommunistischen Sinne. Er starb 1990. Bei dem von Dir ebenfalls genannten Rudolf Herrnstadt ist dir ein Irrtum unterlaufen: Er gehörte keineswegs zur „Westemigration“, sondern war während des Faschismus in der Sowjetunion für die KPD tätig. Er und Wilhelm Zaisser wurden nach dem 17. Juni von Ulbricht der fraktionellen Tätigkeit beschuldigt und als Anhänger Berias, der die DDR aufgeben wollte, bezeichnet. Beide hatten Kritik an der Führung geübt – beide wurden kaltgestellt.

Das grundlegende Problem der Volksdemokratien waren nicht die Fehler, die im Kampf gegen die Konterrevolution begangen wurden. Sie konnten die in der Hauptseite positive Entwicklung nicht beseitigen. Der „richtigen Politik verdanken es die Mitgliedsstaaten des RGW, daß sie ihre Rückständigkeit überwunden und die Lebensbedingungren ihrer Völker erheblich verbessert haben.“ („Die Restauration...“, S. 215) Das grundlegende Problem war vielmehr die Machtergreifung der modernen Revisionisten in der Sowjetunion 1956, die den mit der Sowjetunion verbundenen Ländern den Revisionismus und die kapitalistische Restauration aufzwangen. Das gilt auch für die falschen Anschuldigungen gegenüber verschiedenen führenden deutschen Kommunisten.

Die Ursache für die Konstruktion falscher Anschuldigungen sowie ihrer Akzeptanz und Förderung liegt vor allem in der kleinbürgerlichen Denkweise bürokratischer und karrieristischer Elemente; zugleich ließen sich die revolutionären Kräfte dabei durch imperialistische Provokationen täuschen. So wurde der amerikanische Hauptbelastungszeuge Noel Field von dem polnischen Geheimdienstoberst Jozef Swiatlo zum „amerikanischen Agent“ aufgebaut, nachdem Swiatlo Vereinbarungen mit dem britischen Geheimdienst getroffen hatte. Der Pole setzte sich nach seiner gelungenen Provokation in den Westen ab; der unschuldig verurteilte Field lebte nach seiner Rehabilitierung und finanziellen Entschädigung bis zu seinem Tod in Ungarn.

Die kleinbürgerliche Denkweise war auch die Triebkraft des aufkommenden Revisionismus – dieser Zusammenhang zeigte sich in der Sowjetunion exemplarisch in der Person Chruschtschows: Er war einer der blutrünstigsten Treiber während der dortigen Säuberungen, wurde später der Repräsentant der kleinbürgerlichen Bürokratie und ihres Revisionismus sowie der übelste Verleumder der revolutionären Politik Stalins.

Für die revolutionären Kräfte im heutigen Polen, in Ungarn, der Tschechei usw. ist die Aufarbeitung dieser Fragen von höchster Wichtigkeit und sie hat deshalb auch für uns eine große Bedeutung. Heute setzt die Bundesregierung alles daran, den „Gründungsmythos der DDR“ als antifaschistisch-demokratischer Ordnung zu zerstören und sie den Menschen als „stalinistische Diktatur“ zu verkaufen. Ähnliches geschieht in den ehemaligen Volksdemokratien. Leider bist du in diesen Zug mit eingestiegen.

Mit solidarischen Grüßen,

Dieter Klauth

Briefwechsel zwischen C. und Gabi Fechtner

1. Brief von C an Gabi Fechtner vom 14. August 2020

2. Brief von C an Gabi Fechtner vom 03.September 2020

3. Antwortbrief von Gabi Fechtner an C. vom 15.Oktober 2020

Brief von C.an Gabi Fechtner vom 14.8.20

Betr.: Ihr Interview mit der erweiterten Losung: „Gib Antikommunismus, Faschismus, Rassismus und Antisemitismus keine Chance!“

Guten Tag Frau Fechtner,

beim Lesen Ihres Interviews mit dieser unterstützenswerten Losung stellte sich mir die folgende Frage: War Stalin wirklich ein Gegner des Antisemitismus? Erlauben Sie mir im Folgenden einige Tatsachen anzuführen, die meines Erachtens zu einer unvoreingenommen Urteilsbildung beitragen könnten:

1) Am 20.11.1948 verbietet die sowjetische Führung das „Jüdische Antifaschistische Komitee“, dem u.a. der Cineast Sergej Eisenstein, der Geiger David Oistrach und der Schriftsteller Ilia Ehrenburg angehörten. Das Politbüro der KPdSU fasste damals den Beschluss, „das Jüdische antifaschistische Komitee unverzüglich zu liquidieren, denn, wie die Fakten zeigen, ist dieses Komitee ein Zentrum antisowjetischer Propaganda und liefert den ausländischen Geheimdiensten regelmäßig antisowjetische Information.“ (NZZ 03.08.2002) „430 Schriftsteller, Schauspieler, Künstler, Musiker wurden verhaftet, - die Blüte der jüdischen Intelligenz...Nur wenige überlebten Gefängnis und Lager.“ (NZZ. s.o.) Auch sein Vorsitzender, Solomon Michoels, kam „plötzlich ums Leben.“

Die russische Autorin Irina Scherbakowa, ebenfalls jüdischer Abstammung und führendes Mitglied von MEMORIAL, schreibt: „Kurz darauf wurden auch die Mitglieder des Jüdischen Antifaschistischen Komitees verhaftet. Mein Großvater (als Mitarbeiter Georgi Dimitrows zur Außenpolitischen Abteilung des ZKs gehörig) kannte viele von ihnen sehr gut. Sie wurden grausam gefoltert und 1952 fast alle hingerichtet. Gleichzeitig begann eine Kampagne, von der auch assimilierte und atheistische Juden betroffen waren, also solche wie meine Familie. Das alles erfolgte unter der Losung des „Kampfes gegen den Kosmopolitismus“, und mit den „heimatlosen Kosmopoliten“ waren Juden gemeint. Der Kosmopolitismus, so hieß es, sei Ausdruck der imperialistischen Bourgeoisie, er bedrohe die nationale Identität und stehe den proletarischen-sozialistischen Bestrebungen entgegen. Dieser verwerflichen Ideologie würden vor allem Juden anhängen.“ Im März 1952 wurden schließlich 15 leitende Personen des Komitees vor Gericht gestellt. 13 Todesurteile wurden am 12.8. vollstreckt. Darunter waren die weltweit bekannten Literaten und Dichter Perez Markisch, Itzik Fejfer und David Bergelson. Das Politbüro hatte die Begnadigungsgesuche der Verurteilten zuvor abgelehnt (NZZ 03.08.2002).

2) Im gleichen Jahr 1948 untersagt die sowjetische Führung die Herausgabe des „Schwarzbuches“, eine Dokumentation über die NS-Verbrechen an den Juden während des II. Weltkriegs auf sowjetischem Boden, verfasst von Ilja Ehrenburg und Vassili Grossmann, beide jüdischer Abstammung. Der gesamte Drucksatz wurde vernichtet. Eine spätere Veröffentlichung im Ausland war aber dennoch möglich, Dank der privaten Aufzeichnungen des Mitautors Grossmann, dessen jüdische Mutter auch von den SS-Einsatzgruppen ermordet wurde.

3) Grossmann, leitender Redakteur der Zeitung Krasnaja Swesda (=Roter Stern) der Roten Armee, schrieb als ehemaliger Stalingradkämpfer den Roman „Stalingrad“. Dieser Roman wurde ebenfalls beschlagnahmt, da die Hauptfigur, der Atomphysiker Strum, jüdischer Herkunft war.

4) All diese Verbote geschahen im Zusammenhang mit der am 28.01.1949 gestarteten „Kampagne gegen den Kosmopolitismus“. Die besondere Rolle der Juden bei den Verfolgungen der Nazis, durfte nicht mehr herausgestellt werden. Ausschließlich das russische Volk, das die Hauptlast des Kampfes gegen den Hitler-Faschismus zu tragen hatte, sollte nun thematisiert werden. Für die Zeit ab dem Sommer 1941 bis 1945 ist das sicherlich zutreffend, dennoch kann man doch nicht verschweigen, dass Hitler nicht nur die Slawen als „Untermenschen“ und „Arbeitssklaven“ sah, sondern auch „die Vernichtung der gesamten jüdischen Rasse“ propagierte. Dieser Paradigmenwechsel hin zu einem russisch- nationalistischen Denken kündigte sich übrigens schon 1939 beim Hitler-Stalinpakt an, wo Stalin gegenüber Dimitroff vom Ziel der Wiederherstellung der Grenzen des russischen Zarenreiches (vgl. Dimitroff, Tagebuch, S. 162) sprach, wohingegen Lenin Eroberungen rundweg ablehnte (vgl. Bontsch-Brujewitsch, W.I. Lenin in Petrograd und Moskau 1917-1920. S. 119 und RF-Magazin Nr. 13/2020 S. 33).

5) Die antisemitisch geprägte Repressionswelle wurde ein Jahr später auf viele Volks- demokratien Osteuropas ausgeweitet. 1949 beginnen die Schauprozesse gegen viele jüdische Genossen in Ungarn (Rajk), Bulgarien (Kostoff) und CSSR (Slánský). Prozesse, von denen sich auch Willi Dickhut distanzierte (vgl. Geschichte der MLPD, S. 225). Die überwiegende Mehrheit der dort verfolgten Genossen war ebenfalls jüdischer Herkunft. Allein 11 der 14 Angeklagten des Hauptprozesses in Prag gegen KP-Generalsekretär Slánský waren jüdischer Abstammung. Insgesamt kam es in Prag zu 233 Todesurteilen von denen 178 vollstreckt wurden (vgl. Naturfreundejugend, a.a.O. S. 50) Auch hier ein auffälliger Paradigmenwechsel, denn Lenin betonte noch: „Man wirft uns vor, dass wir Terror anwenden, aber ein Terror, wie ihn die Französische Revolution anwandte, die waffenlose Menschen guillotinierte, wenden wir nicht an und werden wir, wie ich hoffe, nicht anwenden...Als wir Verhaftungen vornahmen, sagten wir: Wir lassen euch frei, wenn ihr unterschreibt, dass ihr keine Sabotage treiben werdet.“ (LW Bd. 26 S.279 /289) Übrigens, in den Prozessen wurde den Angeklagten natürlich nicht offen vorgeworfen Juden zu sein, sondern Spionage und Sabotage betrieben zu haben (vgl. die sehr lesenswerten Prozessprotokolle, die damals in der DDR veröffentlicht wurden).

6) 1949/1950 beginnt auch in der DDR die deutlich antisemitisch ausgerichtete Repressions- welle gegen Genossen jüdischer Herkunft wie Leo Bauer, Bruno Goldhammer, Alexander Abusch, Rudolf Feistmann, Leo Zuckermann u.a. sowie gegen Genossen, die sich diesen antisemitischen Tendenzen mutig entgegenstellten, wie etwa Paul Merker: 

- Bruno Goldhammer, Chefredakteur des Berliner Rundfunks, wurde nach dreieinhalb Jahren U-Haft zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt.

- Rudolf Feistmann, Mitglied Redaktionsleitung des Neuen Deutschland, wurde in den Selbstmord getrieben (vgl. sein Abschiedsbrief an Paul Merker). Offiziell starb er an „Fleischvergiftung.“

- Leo Bauer, KPD-Landtagsabgeordneter in Hessen, Herausgeber der KPD-Zeitschrift „Wissen und Tat“ wurde nach Folterungen im Zuchthaus Hohenschönhausen zum Tod verurteilt und in die UdSSR gebracht. Dort zu 25 Jahren begnadigt und in ein Lager nach Sibirien deportiert.

- Paul Merker, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, war nicht jüdischer Herkunft. Er hatte aber vom Staat der DDR Entschädigungen für jüdische Familien gefordert, die in der Nazi-Zeit ihres Vermögens beraubt wurden. Daraufhin wurde er am 2.12.52 parallel zu Slánský, den er gut kannte, verhaftet. In der Begründung des ZK der SED heißt es dazu, er „habe Entschädigung für von den Nazis geraubtes jüdisches Vermögen nur gefordert, um dem US-Finanzkapital das Eindringen in Deutschland zu ermöglichen.“ (Dokumente der SED, Bd. 4 S. 199)

Merker wurde 1950 aus der Partei ausgeschlossen und kam in U-Haft ins Stasi-Gefängnis nach Hohenschönhausen. Schließlich wurde er in einem Geheimprozess zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 31.7.1956, nach Stalins Tod, erhielt er in einem Brief von Ulbricht einen „Freispruch“, - ohne weitere Begründung. (Mario Kessler, a.a.O. S. 153)

Soweit mal. Ich habe mich bewusst im Wesentlichen auf Tatsachen gestützt, denn von ihnen gilt es ja auszugehen, gerade auch wenn man sich in der Tradition von Karl Marx sieht. Weitergehende Überlegungen über die Ursachen und die Denkweise bei Stalin oder den politisch Verantwortlichen in Osteuropa bez. der damaligen DDR habe ich nur angedeutet, da ziemlich offensichtlich. Ich denke, dass Antikommunisten häufig auch Antisemiten sind, ist ja doch bei beiden ihr Denken auch Bestandteil der NS-Ideologie. Dass aber der von Ihnen als herausragender Kommunist gesehene Stalin ebenfalls nicht frei von antisemitischem Denken war, ja sogar entsprechend motivierte Verbrechen mit zu verantworten hat, muss doch Kommunisten wie Sie herausfordern, einen klaren Trennungsstrich zu ziehen. Und Folterungen, Verurteilungen unschuldiger Juden zu Zuchthaus- und Todesstrafen, unzählige Hinrichtungen etc. sind ja doch Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Natürlich sollten deswegen seine Verdienste im Kampf gegen den Hitlerfaschismus ab 1941 und beim sozialistischen Aufbau der UdSSR nicht außer Acht gelassen werden. Diese Verbrechen aber zu verschweigen oder gar zu leugnen, gleichzeitig jedoch zu behaupten, gegen jegliche Form des Antisemitismus zu sein, ist jedenfalls für linke, fortschrittliche Menschen wenig überzeugend. Ich wüsste gerne, wie Sie das sehen und würde mich daher über eine Antwort freuen.

Freundliche Grüße,

C

Literaturangaben:

1) Irina Scherbakowa: Die Hände meines Vaters. Eine russische Familiengeschichte. München 2001 (Die Großmutter der Autorin war in der Komintern tätig. Ihr Großvater Mitarbeiter Dimitroffs und sie selbst zeigt heute viel Zivilcourage gegen Putins Repressionen gegenüber MEMORIAL)

2) Naturfreundejugend Berlin: Stalin hat uns das Herz gebrochen. Münster 2017 (Besonders das Kapitel zu Paul Merker, S. 61ff)

3) Mario Kessler: Antisemitismus in der SED 1952/53

4) Jeffrey Herf: Antisemitismus in der SED, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Geheime Dokumente zum Fall Paul Merker aus SED- und MfS-Archiven. 1994 Heft 4

Brief von C. an Gabi Fechtner vom 03.09.20

Betr. Interview in „DIE WELT“ vom 25.08.20

Guten Tag Frau Fechtner,

Sie gaben unlängst der Tageszeitung DIE WELT ein sehr lesenswertes Interview, das für mich allerdings zwei wesentliche Fragen unbeantwortet ließ:

I. Sie sagen mit aller wünschenswerten Deutlichkeit, dass „in der Zeit Stalins Verbrechen verübt“ worden seien. Früher las man in den entsprechenden Publikationen Ihrer Partei lediglich von „Fehlern.“ Könnten Sie nun auch konkrete Beispiele nennen? An welche Verbrechen denken Sie? Wer waren die Opfer dieser Verbrechen und wer die Täter? Welches Ausmaß hatten diese Verbrechen? Kamen sie nur vereinzelt vor oder hatten sie System?

Ich denke es ging in der Zeit von 1936-39, wo Nikolai Jeschow Chef des NKWD war, keineswegs nur um vereinzelt vorgekommene Verbrechen, sondern um einen von oben initiierten Terror und Massenmord. Angehörige der Opfer schrieben nämlich damals etwa 120 000 (!) Beschwerdebriefe an die Staatsanwaltschaften (vgl. Staatsarchiv der Russischen Föderation, (GARF), f. R-8131, op. 37, d.112, l.16. in: Chlewnjuk a.a.O. S. 262).

Ein daraufhin am 17.11.1938 publiziertes öffentliche Eingeständnis des ZKs der KPdSU machte schließlich das Ausmaß der Verbrechen deutlich: Es handele sich um eine „vorsätzliche Liquidierung von Hunderttausenden von unschuldigen sowjetischen Bürgern, Militärs, Wissenschaftlern, politischen Aktivisten und Persönlichkeiten, was ein nicht wieder gut zu machender Schaden am internationalen Ansehen des Sowjetstaates bewirkte.“ (Zentralarchiv des FSB (=Sicherheitsdienst), Akten mit Dienstanweisungen, No. 15302 Band 13 Seite 399f), in: Alexei Pavlioukov, a.a.O. S. 557)

II. Sie behaupten zudem, dass Stalins Täterschaft „nicht bewiesen“ sei. Denken Sie, er wusste nichts davon? Dann wäre er zumindest nicht genügend wachsam gewesen. (Man wird unwillkürlich an den Ausspruch erinnert, „wenn das der Führer wüsste…“) Oder war er gar unfähig, richtig zu reagieren?

Ich denke, Stalin war auf jeden Fall Mitwisser. Denn „innerhalb von 20 Monaten (zwischen Januar 1937 und August 1938) erhielt er 25 000 sogenannte spezsoobschtschenija (=Sondermitteilungen). In ihnen wurde über Verhaftungen und die Durchführung verschiedener geheimer Polizeieinsätze berichtet, oder sie enthielten die Bitte, bestimmte repressive Maßnahmen zu genehmigen, gewöhnlich begleitet von kopierten Verhörprotokollen. An einem typischen Tag bekam er von Jeschow 25 solcher Mitteilungen, von denen manche viele Seiten lang waren. Außerdem sind in der Besucherliste von Stalins Büro im Kreml für die Jahre 1937 und 1938 knapp 290 Besuche Jeschows verzeichnet, die sich über insgesamt 850 Stunden erstreckten. Der einzige Mensch, der Stalin öfter besuchte, war Molotow. (Chlewniuk a.a.O. S. 258)

Sie werden nun vielleicht einwenden, dass Stalin doch gegen Jeschow vorgegangen sei, ihn als NKWD-Chef absetzen, ja sogar erschießen ließ.

Dann stellt sich aber die Frage, ob Stalin doch nicht nur Mitwisser, sondern sogar Mittäter war. Für eine Mittäterschaft sprechen meines Erachtens folgende Fakten:

  • Er machte Jeschow zum NKWD-Chef und „übertrug ihm die Verantwortung für die Durchführung der Säuberungen.“ (Chlewniuk a.a.O. S. 229)
  • Er mitunterzeichnete alle entsprechenden Beschlüsse des Politbüros, insbesondere die, die die Bildung der Troikas (d.h. Standgerichte von drei Personen, NKWD-Genosse, Parteigenosse, Staatsanwalt, d.h. ohne Richter und Verteidiger, ohne das Recht, Berufung einzulegen) und die Kontingentierung ( d.h. Vorabfestlegung der Anzahl der Verurteilten und deren Strafmaß, einschließlich Todesstrafe) zum Inhalt hatten. (vgl. Politbürobeschluss vom 28.Juni.1937 und NKWD Befehl Nr. 00447 vom 30 Juli 1937, in: Staatsarchiv der Sozialen und politischen Geschichte Russlands, RGASPI, F.17.I162D21, S. 89)
  • Er unterzeichnete Politbürobeschlüsse, die nicht nur Begnadigungen ablehnten, sondern drängte Jeschow sogar, die Repressionsmaßnahmen zu forcieren. „…Sie sollen nicht prüfen, Sie sollen verhaften.“ (vgl. Brief an Jeschow vom 17.01 1938, Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) S. 527-537 vom 30. April 1938, in: Chlewniuk a.a O. S. 257)
  • Er rechtfertigte die Anwendung der Folter. Das ZK schickte am 10. Januar 1939 an alle regionalen Parteigruppen und an den NKWD folgendes Telegramm: „…Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Praktik der Anwendung von Gewalt zu Ergebnissen führte und die Aufgabe, die Volksfeinde zu demaskieren, beschleunigt hat….Es ist bekannt, dass alle Geheimdienste bürgerlicher Staaten physische Gewalt anwenden gegenüber Vertretern des sozialistischen Proletariats und dabei sogar die barbarischsten Mittel anwenden. Die Frage stellt sich also, warum der sozialistische Geheimdienst menschlicher gegenüber den Agenten der Bourgeoisie und den geschworenen Feinden der Arbeiter und Bauern sein sollte. Das Zentralkomitee der KPdSU (B) ist der Meinung, dass die Methode der physischen Gewalt in Zukunft unbedingt weiter angewendet werden muss gegenüber den tatsächlichen Feinden des Volkes, da es eine berechtigte und adäquate Methode ist.“ (Sluzba bezpasnosti (=Sicherheitsdienst) No. 6, 1993, S. 2, in: Pavlioukov a.a.O. S. 515
  • Er sorgte für die Durchführung der Todesstrafe. So nahm das Politbüro am 28.Juni 1937 folgenden Beschluss auf Vorschlag Stalins an: „Die Anwendung ist unerlässlich bei allen meuternden Aktivisten unter den deportierten Kulaken.“ (No. 0047)

Da Stalin an der Spitze des ZKs und des Politbüros stand, war er nicht nur Mitwisser und Mittäter, sondern sogar Haupttäter. Dass er die Absetzung Jeschows, den er in der Tat erschießen ließ, nicht zu einer großen, öffentlichkeitswirksamen Kritik- und Selbstkritikkampagne, d.h. als kulturrevolutionären Lernprozess nutzte, damit solche Verbrechen sich nicht wiederholen mögen, zeigt nur, dass es ihm mit Jeschows Absetzung lediglich um die Ausschaltung eines Mitwissers und Sündenbocks ging. Auch später hat Stalin die „Jeschowschtschina“, wie die Russen diese Zeit des Terrors von 1936-1939 nennen, nie einer größeren selbstkritischen Aufarbeitung unterzogen., etwa in Form einer korrigierten und erweiterten Neuauflage der „Geschichte der KPdSU(B)“. Im Gegenteil: Der NKWD-Apparat wurde in den folgenden Jahren trotz vieler Entlassungen und Bestrafungen weiter ausgebaut und schon bis 1941 „praktisch verdoppelt.“ (vgl. Alexander-Jakowlew-Archiv: www.idf.ru/documents...in: Schlögel: a.a.O. S. 660.) Die Folge war, dass die Folterungen, Schauprozesse und Todesstrafen sich unter seiner Führung nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzten. Man denke nur an den Terror gegenüber den „Kosmopoliten“ oder an die Folterungen und Todestrafen im Zuge der Schauprozesse gegen Raik (Ungarn), Kostoff (Bulgarien) und Slánský (CSSR) usw.

Zum Schluss stellt sich mir die Frage, wie Sie und Ihre Partei Begeisterung wecken wollen für eine sozialistische Alternative zum Kapitalismus bez. Imperialismus und seiner menschenfeindlichen Verbrechen, wenn ihrer „sozialistischen Alternative“ eine Ikone bez. ein „Klassiker“ wie Stalin vorsteht. Ein echter Sozialismus sollte doch Freiheits- und Menschenrechte verwirklichen d.h. die Arbeiterklasse befreien und nicht sie mit derartigen NKWD- oder Stasi-Methoden terrorisieren.

Vielleicht antworten Sie mir ja dieses Mal auf meinen Brief oder reagieren zumindest darauf. Falls wieder nicht, wie geschehen bei meinen letzten drei Briefen (zum Potsdamer Abkommen, zu einer evtl. Stalin-Statue in Gelsenkirchen und zum Antisemitismus in der Stalin-Zeit), dann macht eine weitere Korrespondenz wohl wenig Sinn…

Antwort von Gabi Fechtner:

Gabi Fechtner/MLPD/15.10.20

An C

Hallo Herr T,

ich hoffe, es geht Ihrer Gesundheit gut - man muss ja bei den wieder rasant ansteigenden Covid-Zahlen wirklich aufpassen! Vielen Dank für Ihre Briefe vom 14.08.20 zum Interview im Rote Fahne-Magazin und vom 03.09.20, in dem Sie Bezug nehmen auf mein Interview in der „WELT“. Sie schicken in beiden Briefen wieder vielfältige Hinweise und interessante Quellen, mit denen wir uns gründlich befassen.

Ich hatte Ihnen bereits in einem Brief vom 17.01.2018 mitgeteilt, dass wir intensiv an „Biographischen Betrachtungen der MLPD zu Stalin“ arbeiten und dazu eine größere Arbeitsgruppe eingerichtet haben. Ihre Fragen fließen in diese Arbeit ein, wenn Sie einverstanden sind. Sie geben uns wichtige Hinweise darauf, was wir weiter untersuchen und welche Fragen dort behandelt werden müssen. Ich antworte Ihnen gerne zu Grundlinien Ihrer Fragen, würde aber ungerne die Mitarbeiter der Arbeitsgruppe immer zwischendurch beauftragen, parallel umfassende Antworten und Untersuchungen zu machen, sondern dies für das Buch nutzen. Dazu kommt, dass wir uns über viele, auch neue Fragen, zunächst selbst gründlich beraten und vereinheitlichen müssen. Sicher ist es auch in Ihrem Interesse, dass dieses Buch vorankommt. Sie können uns dazu gerne weitere Hinweise, Quellen und Kritiken senden. Nach der Herausgabe der Biographischen Betrachtungen können wir auf dieser Grundlage weiter diskutieren. Was halten Sie davon?

Um den Erkenntnisfortschritt in unserem Briefwechsel schöpferischer zu gestalten, wäre es zugleich gut, wenn neue Briefe von Ihnen auch Positionierungen auf unsere bisherigen Antworten beinhalten (ich gehe davon aus, dass Sie diese bekommen haben - siehe unten). Bei allen wichtigen Hinweisen ist Ihre Methode immer noch, „Indizien“, Erscheinungen und Versatzstücke über (vermeintliche) Verbrechen Stalins herauszusuchen, ohne diese jeweils in den geschichtlichen Kontext einzuordnen. Sie berufen sich auf Marx – dann sollten wir auch so an die Geschichte herangehen, wie es Marx und Engels vom Standpunkt des dialektischen und historischen Materialismus fordern: daß alle bisherige Geschichte, mit Ausnahme der Urzustände, die Geschichte von Klassenkämpfen war, daß diese einander bekämpfenden Klassen der Gesellschaft jedes Mal Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, mit einem Wort der ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche; daß also die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen Zeitabschnitts in letzter Instanz zu erklären sind.“ (Engels, „Der Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ , MEW Bd. 19, S. 208)

Sie zählen stattdessen einfach Opfer und Todeszahlen auf, ohne jeden Zusammenhang zu den harten Klassenkämpfen. So kann man das nicht behandeln! Sie kritisieren einen Beschluss des Politbüros gegen die Kulaken – aber sicher wollen doch auch Sie sich nicht auf die Seite der Kulaken stellen, die für dramatische Hungersnöte und Verbrechen vor allem an der armen Landbevölkerung verantwortlich sind. Ich gebe Lenin Recht, der sagte, „Wenn das Volk hungert, wenn die Arbeitslosigkeit immer drohender wütet, ist jeder, der ein überschüssiges Pud Getreide versteckt, jeder, der den Staat eines Puds Brennstoff beraubt, der größte Verbrecher (...) Notwendig ist ein Massen,kreuzzug‘ der fortgeschrittenen Arbeiter nach jeder Stätte, wo Getreide und Brennstoffe gewonnen werden, nach jeder Stelle, wo sie antransportiert und verteilt werden, damit die Arbeitsenergie gesteigert, damit diese Energie verzehnfacht, damit den örtlichen Organen der Sowjetmacht bei der Rechnungsführung und Kontrolle geholfen, damit Spekulation, Bestechlichkeit und Schlamperei mit Waffengewalt ausgerottet werden.“ („Über die Hungersnot“, Lenin Werke Bd. 27, Berlin 1960, S. 391). Man macht es sich zu einfach, sich heute mit erhobenem Zeigefinger hinzustellen, die Opfer zu benennen, ohne darauf einzugehen, in welchen harten unerbittlichen Kämpfen die Sowjetunion damals angegriffen und bedroht wurde. Natürlich würden wir heute andere Methoden anwenden, aber auch die damaligen kann man nicht zeitlos aburteilen. Die Kampfformen sind in einer Zeit erbitterter Bürgerkriege und Überfälle, systematischer Sabotageakte und einer regelrechten Anschlagswelle gerade in den 1930er Jahren, einer bestimmten Verrohung durch den I. Weltkrieg und die krasse Armut und Not anders. In den meisten Ländern gab es damals die Todesstrafe – sie wird Stalin in Ihren Briefen als Verbrechen angelastet, was ist mit Churchill oder Roosevelt? Nach Ihrer Lesart auch Massenmörder?

Zu Ihrem Brief vom 3.9.20 zum Interview mit „Die WELT“: Sie schreiben, es sei neu, dass ich auch von Verbrechen im Namen des Sozialismus spreche, früher habe man bei der MLPD nur von „Fehlern“ in der Zeit Stalins gesprochen. Das ist nicht richtig. Seit Jahren steht im Parteiprogramm der MLPD: „Sie führt jedoch auch eine notwendige Kritik an Versäumnissen, Fehlern und Problemen bis hin zu Verbrechen, um daraus schöpferische Schlussfolgerungen zu ziehen.“ (Programm der MLPD, S. 72 - Fettierung G.F.).

Zu Ihren Fragen zur Zeit 1936-1938 in der Sowjetunion: In dem Buch Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion“ wurde von Willi Dickhut analysiert, dass 1937/38 der Bürokratismus drohende Formen annahm. Dieser Bürokratismus wurde von der Parteiführung mit zum Teil falschen Methoden bekämpft und damit letztlich auch unterschätzt. „Stalin führte wohl schonungslos den Kampf gegen die Bürokratie von oben, aber mit Hilfe desselben Apparats, gegen dessen Auswüchse er zu Felde zog. Denn selbst im Staatssicherheitsapparat hatte sich der Bürokratismus eingeschlichen. Es ist heute, aus historischer Sicht, zu erkennen, daß dieses Vorgehen ein Fehler Stalins war.“ (Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion, S. 35). Wir untersuchen diese Phase für die oben erwähnten „Biografischen Betrachtungen ...“ derzeit besonders intensiv - bitte sehen Sie mir nach, dass ich nicht Untersuchungsergebnisse an Sie schreiben kann, bevor sie abgeschlossen sind und wir dies in der Partei diskutiert und vereinheitlicht haben. Zweifellos wurden in dieser Zeit auch viele unschuldige und aufrechte Kommunisten Opfer. Die Maßnahmen des Politbüros wurden 1938 beendet, nachdem bekannt geworden war, mit welcher Willkür Geheimdienste und kleinbürgerliche Bürokraten vorgegangen waren. Willi Dickhut schrieb bereits 1979: „Wenn aber dieselben Mittel, die gegen Konterrevolutionäre angebracht und notwendig sind, auch auf werktätige Menschen angewandt werden, die gewisse Widersprüche haben, die aber Widersprüche im Volk sind, dann ist das ein Verbrechen, dann müssen die zur Verantwortung gezogen werden, die solche Mittel gegen die werktätigen Menschen anwenden.“ (Briefwechsel zum Parteiaufbau, S. 224 f.) Es gab diese Verbrechen, aber dass Stalin das, was aus den „Kontingenten“ gemacht wurde, persönlich angewiesen oder gebilligt hätte, ist bis heute nicht nachgewiesen. Dass er dabei Fehler gemacht hat, auf die Sie auch berechtigt hinweisen, ist auch von unserer Seite unstrittig. Die konkreten Verantwortlichkeiten und Vorgänge sind mit der von Willi Dickhut geleisteten Grundlinie Gegenstand unserer Untersuchungen.

Sie werfen in Ihrem Brief vom 14.08.20 die Frage auf, ob Stalin wirklich ein Gegner des Antisemitismus war. Auch hier fehlt in Ihren Angaben jede Einordnung in die damaligen Kämpfe und Auseinandersetzungen. Dabei muss eingeordnet und unterschieden werden:

  1. Zwischen berechtigten jüdischen Interessen, die Stalin immer bestärkt hat, und zionistischen reaktionären Ansprüchen.
  2. Die Frage, ob jemand verfolgt wurde, weil er Jude ist oder im Zusammenhang zu tatsächlich zahllosen Versuchen der Sabotage, Zerstörung und Spaltung des sozialistischen Aufbaus.
  3. Die Einordnung in die (umstrittene) Auseinandersetzung zur jüdische Frage in der Sowjetunion zu dieser Zeit.

zu 1.) Lenin und Stalin gingen immer davon aus, dass die jüdische Frage nicht in erster Linie als religiöse Frage, sondern als nationale und soziale Frage betrachtet und gelöst werden muss. Sie unterschieden zwischen Judentum und Zionismus. Es war die Sowjetunion, die als erste den Staat Israel anerkannt hatte. Unter Stalin wurde die „Jüdische Autonome Oblast“ als autonome Verwaltungsregion innerhalb der Sowjetunion gegründet. Kalinin, als Vorsitzender des Allrussischen zentralen Exekutivkomitees der Sowjets, soll zu diesem Gebiet ausgeführt haben: „Birobidschan betrachten wir als einen jüdischen nationalen Staat“. Dort erblühte die jüdische Kultur in Verbindung mit der gesamten Sowjetkultur, wurde das Jiddische als Amtssprache praktiziert und gelehrt, wurden die nationalen Rechte des jüdischen Volkes geschützt usw.. Stalin positionierte sich zur Frage des Antisemitismus grundsätzlich auf eine Anfrage der jüdischen Telegrafenagentur aus Amerika im Jahr 1931 eindeutig: „Der Antisemitismus als extreme Form des Rassenchauvinismus ist der gefährlichste Überrest des Kannibalismus. Der Antisemitismus dient den Ausbeutern als Blitzableiter, der die Schläge der Werktätigen vom Kapitalismus ablenken soll. … Darum sind die Kommunisten als konsequente Internationalisten unversöhnliche und geschworene Feinde des Antisemitismus. In der UdSSR wird der Antisemitismus als eine der Sowjetordnung zutiefst feindliche Erscheinung vom Gesetz aufs strengste verfolgt.“ (Stalin Werke, Bd. 13, S.26) Allerdings wurden dann unter Stalin 1952 die diplomatischen Beziehungen zu Israel abgebrochen. Das ging darauf zurück, dass zwischen 1947 und 1952 der US-Imperialismus seinen Haupteinfluss in Israel durchgesetzt, Israel sich in einen zionistischen Staat verwandelt hatte und immer mehr auch imperialistischen Anspruch bekam, während Stalin 1947 gerade den imperialistischen Einfluss in Palästina schwächen wollte. Er war gegen diesen imperialistischen Einfluss, so wie wir heute gegen den Imperialismus Israels ebenso wie gegen den der USA oder Chinas kämpfen, nicht gegen den Nationalstaat an sich oder gar das Judentum.

zu 2.) werden berechtigte Kritiken und Repressionen infrage gestellt, WEIL die Betreffenden Juden waren. Das ist die Logik, mit der heute im Bundestag und auch von Netanjahu argumentiert wird, wonach es keine Kritik an reaktionären Juden bzw. einer Regierung wie Netanjahus geben darf, weil das dann antisemitisch sei. Für uns gibt es keine Hinweise, dass Menschen wegen ihres Judentums in der Sowjetunion verfolgt wurden. Sie schreiben selbst, dass in den Prozessen den Angeklagten natürlich nicht offen vorgeworfen (wurde) Juden zu sein, sondern Spionage und Sabotage betrieben zu haben“. Dem muss man dann auch nachgehen, was die Zusammenhänge, Hintergründe usw. waren und nicht alles pauschalisierend und ohne geschichtlichen Zusammenhang als Antisemitismus bezeichnen.

Zu 3.) Es trifft nicht zu, dass es offizielle Linie der SU war, die jüdischen Opfer nicht zu würdigen. Das war die trotzkistische Linie! Nathan Weinstock, damals bekennender Trotzkist, schreibt selbst 1967 in „Das Ende Israels? Nahostkonflikt und Geschichte des Zionismus“ über den Streit darüber mit Gromyko, der ab 1946 Vertreter der Sowjetunion im Sicherheitsrat der UN war – und enger Verbündeter Stalins und Molotows: „Und er (Gromyko – G.F.) fügte hinzu, 'es wäre ungerecht, dieser Tatsache (dem Massenmord an Juden unter Hitler - GF) nicht Rechnung zu tragen und dem jüdischen Volk das Recht zu verweigern, eine solche Sehnsucht zu erfüllen.'“ (S. 216)

Auf weitere angesprochene Fragen gehen vorherige Briefe ein, so Dieter Klauth zu Ungarn, „Schauprozesse“ usw.

Sie schreiben, dass Sie zu vorangegangenen Briefen unsere Antworten nicht erhalten haben. Ich bin dem nachgegangen und meiner Information nach antwortete DK von der Fachredaktion Geschichte und Sozialismus bei der Roten Fahne auf Ihren Brief vom 26.3.20 zu den Prozessen in der CSSR, Bulgarien und Ungarn sowie zur Verfolgung von Westemigranten der KPD am 12.5.20. Ich schicke den Brief aber vorsichtshalber noch einmal mit. Sie hatten am 20.2.20 eine Kritik zu einem Artikel über Katyn geschrieben. Wir waren – wie sich jetzt herausstellt fälschlicherweise - davon ausgegangen, dass Sie die Antwort der Autorin des Artikels an einen anderen Kritiker ebenfalls erhalten hatten. Hier gab es offenbar ein Missverständnis. Auch diesen Brief gebe ich in den Anhang.

Weiter vermissen Sie eine Antwort auf einen Brief zum Potsdamer Abkommen. Von wann ist er? Nach unserer Kenntnis liegt er uns nicht vor – oder ist er schon älter? Bitte schicken Sie ihn uns zu.

Mit freundlichen Grüßen

Gabi Fechtner

Die Frage, ob es sich bei der bürgerlichen Medizin um eine Wissenschaft handelt, spielt bei der Beurteilung des Krisenmanagements in der gegenwärtigen Covid-19-Pandemie eine wichtige Rolle.

G/23.9.2020


betr. Antwort auf Brief vom 17.9.2020 / Deine Fragen zum Interview mit Gabi Fechtner, Parteivorsitzende der MLPD in der Roten Fahne 17/2020


Lieber A,

danke für deine kritischen Nachfragen und die gründliche und schöpferische Befassung mit dem Interview.

In Absprache mit der politischen Führung des ZK beantworte ich diese.

Eine Deiner Kernfragen ist die nach dem Charakter der heutigen Medizin. Die Medizin hat den Anspruch einer umfassenden Humanwissenschaft, die sich auf die Naturwissenschaften stützen muss, aber weit über sie hinausgeht. Sie muss die Beziehungen Mensch – Umwelt – Gesellschaft erfassen, den dialektischen Zusammenhang von Psyche und körperlichen Funktionen erfassen, also allseitige dialektische Zusammenhänge herstellen. Das ist der Medizin zu keinem Zeitpunkt ihrer Entwicklung gelungen. Auch nach der Aufklärung und bürgerlichen Revolution gelang es nicht, ein geschlossenes materialistisches wissenschaftliches System der Medizin zu entwickeln.

Im Gegensatz zu Naturwissenschaften wie Physik und Chemie, die damals auch durch eine bestimmte bewusste Anwendung der dialektischen Methode zu geschlossenen wissenschaftlichen Systemen wurden, ist dies in der Medizin nicht gelungen. Darauf bezieht sich unsere Kritik von der Medizin als Pseudowissenschaft.

Einzelne Ärzte wie Robert Koch oder Georg Büchner hatten zwar wichtige Erkenntnisse zum Zusammenhang von Armut, Hygiene und Krankheiten herausgearbeitet, aber die Medizin im Dienste der Herrschenden musste eine allseitige wissenschaftliche Erforschung der Zusammenhänge von Gesundheit, Krankheit und kapitalistischer Ausbeutung unterdrücken. Weltanschaulich wirkte und wirkt hier der Positivismus besonders stark.

Wir haben heute natürlich einen gewaltigen Zuwachs an Einzelerkenntnissen, einen ungeheuren Anwachs von Wissen, was aber auf dieser Stufe der unsystematischen Einzelerkenntnisse noch keine Wissenschaft ausmacht.

Du hast in dieser Beziehung recht: Es gibt natürlich viele wissenschaftlich begründete, auch objektiv spontan materialistische und zum Teil auch dialektische Einzelerkenntnisse - die aber ohne eine zusammenfassende theoretische Grundlage allgemein noch keine Wissenschaft ausmachen! Die Verabsolutierung von Einzelerkenntnissen ohne ihre Einordnung in den Gesamtzusammenhang kann sogar dann ins Gegenteil umschlagen.

Die Medizin arbeitet auch heute noch nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum, die Medizinphilosophie der bürgerlichen Medizin ist gezeichnet durch folgenden Kampf:

Die Vertreter der „Evidenzbasierten Medizin“ bestreiten, dass über einzelne Zusammenhänge hinaus systemisch geforscht werden kann und erklären alles, was nicht über Doppelblindstudien ermittelt werden kann, für nicht relevant. Sie blenden den Menschen als Individuum und als gesellschaftliches Wesen aus. Ihr bürgerlicher Gegenpol ist die sogenannte „Ganzheitsmedizin“, die in einer reinen Individualisierung die ganzen Naturwissenschaften über Bord wirft und oft im Mystizismus und der Esoterik landet. Es gibt einen ganz offenen Versuch, die Lager zu versöhnen, indem Materialismus und Idealismus vermischt und versöhnt werden sollen, so formulieren es die Väter des sogenannten biopsychosozialen Modells oder der „integrativen Medizin“. Das klammert die Frage des Gesellschaftssystems und der chronischen Umweltkrise ebenfalls aus.

Wir erleben sogar heute, dass unter dem zersetzenden Einfluss der Krise der bürgerlichen Ideologie Naturwissenschaften wieder als wissenschaftliches System zerfallen und sich in Pseudowissenschaften zurückverwandeln. Wir kämpfen darum, alle teils hervorragenden wissenschaftlichen Einzelerkenntnisse zu würdigen und aufzugreifen, aber auch ein Bewusstsein über ihre Verwandlung in Destruktivkräfte unter dem kapitalistischen Diktat zu schaffen.

Der RW 36 will die Krise der bürgerlichen Ideologie zurecht als eine zentrale Frage der heutigen Zeit mit entscheidender Bedeutung für den Klassenkampf behandeln.

In der Zeit des Sozialismus in der VR China oder der Sowjetunion wurden zwar wichtige Anstrengungen unternommen, die Medizin unter Losungen wie „Dem Volke dienen“ weiter zu entwickeln, teils auch mit hervorragenden Erfolgen. Aber es gelang auch hier noch nicht, in der Medizin ein geschlossenes wissenschaftliches System auf der Grundlage des dialektischen Materialismus zu entwickeln. Diese Frage stand auch weniger im Mittelpunkt, sondern das dringende Bedürfnis, überhaupt ein funktionierendes Gesundheitswesen im Dienst der Massen aufzubauen.

In der Coronakrise kann man die verschiedenen bürgerlichen Medizin-Philosophien und ihre praktischen Auswirkungen gut erkennen. Das Robert-Koch-Institut betreibt Positivismus mit einer teils irreführenden Datenbasis, mit dem „Highlight“, dass die Zahl der Genesenen einfach „geschätzt“ wird, in Ignoranz der häufigen Chronifizierung von Covid-19. Der Virologe Professor Streek wurde von NRW-Ministerpräsident Laschet für dessen Öffnungsstrategie eingesetzt. Professor Drosten redet von der „reinen Wissenschaft“ und dass die Politiker selbst daraus Schlüsse ziehen müssen und „Kompromisse“ finden usw. Alle gemeinsam vermeiden sie ängstlich jede prinzipielle Kritik am Kapitalismus und drücken sich um die Zusammenhänge von Pandemie-Entwicklung, Arbeits- und Lebensbedingungen, Umweltkrise, Weltwirtschaftskrise und allseitige Krise des Imperialismus herum. Die Impfgegner, Esoteriker und faschistischen Kräfte leugnen die gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, garniert mit ihrer reaktionären Kritik der „Schulmedizin“.

Das ist ein spannendes Thema, das auch eine wachsende Bedeutung bekommt. Auch die großen Massenerkrankungen von Krebs bis Diabetes fordern dringend nach einer Medizin als wirkliche Humanwissenschaft, befreit vom Diktat der Profitwirtschaft und den Fesseln der bürgerlichen Ideologie.

Herzliche Grüße

G

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A, 03.11.2020


Lieber G,

für Deine sehr ausführliche und vielseitige konkrete Antwort bedanke ich mich.

Nach ein paar Tagen des Nachdenkens habe ich bemerkt, dass mir der Anspruch des „geschlossenen wissenschaftlichen Systems“ Probleme bereitet. Ich habe mich daraufhin mit den von Stefan Engel dargelegten 17 Merkmalen für Wissenschaft befasst. Doch auch das hat mich noch nicht überzeugt, dass wir die Charakterisierung der Medizin als Pseudowissenschaft vornehmen müssen. Es sei denn, wir gehen dazu über, eine ganze Reihe von Wissenschaften ebenso als Pseudowissenschaften zu charakterisieren, allen voran mein „eigenes Fach“ - ich hatte mal Volkswirtschaft studiert. Wir benötigen die tiefgehende Kritik an den Auswirkungen des Positivismus und der bürgerlichen Ideologie auf die Wissenschaften, das ist klar! Aber benötigen wir die Qualifizierung der bürgerlichen Wissenschaften als Pseudowissenschaften? Ich sende meine Bemerkungen zu den 17 Merkmalen mit, daraus geht hervor, wo und weshalb ich damit meinen Widerspruch nicht klären konnte.


Herzliche Grüße

A

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G/17.11.20


Lieber A,

wir haben bei der Entwicklung einer Wissenschaft folgende Prozesse: Einzelerkenntnisse werden materialistisch gesammelt, durch Beobachtung, Messung, Experiment, dann geordnet, systematisiert, daraus mit Hilfe der dialektischen Methode eine in sich geschlossene Theorie entwickelt, die in Übereinstimmung mit den praktischen Erkenntnissen steht und reproduzierbar auch in der Praxis zu den erwarteten Ergebnissen führt. Das englische Wort Science bedeutet eigentlich nur Wissen, Wissenschaft ist aber mehr als Wissen.

Engels schrieb: „Um dieselbe Zeit (gemeint ist 1848) aber nahm die empirische Naturwissenschaft einen solchen Aufschwung und erreichte so glänzende Resultate, daß dadurch nicht nur eine vollständige Überwindung der mechanischen Einseitigkeit des 18. Jahrhunderts möglich wurde, sondern auch die Naturwissenschaft selbst durch den Nachweis der in der Natur selbst vorhandenen Zusammenhänge der verschiedenen Untersuchungsgebiete (der Mechanik, Physik, Chemie, Biologie etc.) aus einer empirischen in eine theoretische Wissenschaft und bei der Zusammenfassung des Gewonnenen in ein System der materialistischen Naturerkenntnis sich verwandelte.“ (Friedrich Engels, Dialektik der Natur, Aus der Geschichte der Wissenschaft, Marx/Engels, Werke, Bd. 20, Seite 467)

Dieser Übergang zur Naturwissenschaft ist also gekennzeichnet durch den Übergang von der empirischen zur theoretischen Wissenschaft.

Engels fährt fort: „Die des Mystizismus entkleidete Dialektik wird eine absolute Notwendigkeit für die Naturwissenschaft, die das Gebiet verlassen hat, wo die festen Kategorien, gleichsam die niedre Mathematik der Logik, ihr Hausgebrauch, ausreichten. Die Philosophie rächt sich posthum an der Naturwissenschaft dafür, daß diese sie verlassen hat – und doch hätten die Naturforscher schon an den naturwissenschaftlichen Erfolgen der Philosophie sehn können, daß in all dieser Philosophie etwas stak, das auch auf ihrem eignen Gebiet ihnen überlegen war...“ (Friedrich Engels, Dialektik der Natur, Naturwissenschaft und Philosophie, Marx/Engels, Bd. 20, Seite 476)

Marx und Engels haben nur für die Naturwissenschaften anerkannt, dass man von einer wirklichen Wissenschaft sprechen kann.

Die bürgerliche Ökonomie (Volkswirtschaft) hat in der Tat mit Wissenschaft nichts zu tun – im Gegensatz zur Politischen Ökonomie des Marxismus-Leninismus, die auf der Grundlage des dialektischen Materialismus steht und nicht auf der Grundlage, die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus zu leugnen und beschönigen zu müssen.

Die Medizin hat es nie geschafft, zu einem geschlossenen theoretischen System zu finden. Geschlossen heißt hier in sich schlüssig, nicht ein für allemal fertig, das würde natürlich dem Grundsatz widersprechen, dass sich in Natur und Gesellschaft, da alles in Bewegung, auch alles verändert, und die wissenschaftliche Erkenntnis der Natur hier immer neue Seiten und Zusammenhänge abringen muss, neue Erscheinungen und wesentliche Veränderungen qualifizieren und theoretisch verarbeiten muss. Das ist der Medizin nie gelungen. Hunderte teils widersprüchliche Verfahren und Methoden stehen nebeneinander und gegeneinander und bedingen die Krise der Medizin auf weltanschaulichem Gebiet.

Die Medizin hat es durchaus zu wichtigen und bahnbrechenden Einzelerkenntnissen gebracht und auf Teilgebieten auch gesammelt und geordnet, aber eben nicht allseitig und nicht mit der dialektischen Methode – die ist aber heute Grundvoraussetzung für jede wirkliche Wissenschaft!

Die alte Untersuchungs- und Denkmethode, die Hegel die metaphysische nennt, die sich vorzugsweise mit Untersuchung der Dinge als gegebener fester Bestände beschäftigt und deren Reste noch stark in den Köpfen spuken, hatte ihrerzeit eine große geschichtliche Berechtigung. Die Dinge mußten erst untersucht werden, ehe die Prozesse untersucht werden konnten. Man mußte erst wissen, was ein beliebiges Ding war, ehe man die an ihm vorgehenden Veränderungen wahrnehmen konnte. Und so war es in der Naturwissenschaft. … Als aber diese Untersuchung so weit gediehen war, daß der entscheidende Fortschritt möglich wurde, der Übergang zur systematischen Untersuchung der mit diesen Dingen in der Natur selbst vorgehenden Veränderungen, da schlug auch auf philosophischem Gebiet die Sterbestunde der alten Metaphysik. Und in der Tat, wenn die Naturwissenschaft bis Ende des letzten Jahrhunderts vorwiegend sammelnde Wissenschaft, Wissenschaft von fertigen Dingen war, so ist sie in unserem Jahrhundert wesentlich ordnende Wissenschaft, Wissenschaft von den Vorgängen, vom Ursprung und der Entwicklung dieser Dinge und vom Zusammenhang, der diese Naturvorgänge zu einem großen Ganzen verknüpft.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Marx/Engels, Werke, Bd. 21, Seite 294)

Es wird ein wichtiger und strategisch bedeutender Prozess, den RW 36 „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus“ zu schreiben und herauszugeben. Für dieses weltanschauliche Vorgefecht der internationalen sozialistischen Revolution entbrennt natürlicherweise auch jetzt unter uns das eine oder andere Vorgefecht.

Wenn wir das vorwärtstreibend klären, dann profitieren wir nicht nur in unserer politischen Praxis, sondern auch für die Ausarbeitung der Linie, der Theorie des Marxismus-Leninismus.

Herzliche Grüße

G





Als die MLPD im Mai 2020 vor ihrer Parteizentrale eine gut zwei Meter große Statue ihres Namenspaten Lenin aufstellte, erhob sich unter den bürgerlichen Antikommunisten unter anderem in der Gelsenkirchener Stadtspitze und den bürgerlichen Parteien ein wüstes Geschrei. Unsummen an Steuergeldern wurden von der SPD-Stadtspitze ausgegeben, um Stimmung gegen Lenin zu machen. Daraus entstanden verschiedene Auseinandersetzungen und Briefwechsel, aus denen die Redaktion REVOLUTIONÄRER WEG Auszüge aus einem Brief von Gabi Fechtner veröffentlicht.

Gabi Fechtner 4.11.2020

Meiner Ansicht nach liegt der berühmte Hund unserer Differenz in der Frage der „Ideologiefreiheit“ begraben. Sie schreiben, dass ich Sie aufgefordert habe, Ihr Ideologiegepäck abzuwerfen - und dass Sie sich jetzt das Gleiche von mir wünschen. Damit wären wir wieder bei der Ideologie von der Ideologiefreiheit als anzustrebenden Zustand. Diesen Zustand gibt es aber in der Realität nicht!

Die verschiedenen Weltanschauungen entstanden ja mit den gesellschaftlichen Klassen und sind somit klassengebunden. Bekanntlich leben wir noch nicht in der klassenlosen Gesellschaft! Solange es also Klassen in der Gesellschaft gibt, kann es auch keine Weltanschauung geben, die neutral oder - wie Sie beanspruchen - sozusagen „faktisch“ ist. Jede Weltanschauung, jede Denkweise, jede Herangehensweise an die Wirklichkeit und damit auch jede Geschichtsschreibung ist an eine bestimmte Klasse gebunden.

Durchgehend lösen Sie sich eben nicht von der bürgerlichen Ideologie und Herangehensweise, von der Prägung durch die bürgerliche Geschichtsschreibung. Ich fordere also noch viel mehr von Ihnen, als nur Ihr ideologisches Gepäck „abzuwerfen“. Es geht darum, dass man zunächst einmal anerkennen muss, dass es eine proletarische und eine bürgerliche Ideologie und damit auch eine entsprechende Geschichtsauffassung gibt. Und dann muss man entscheiden, auf welcher Seite man stehen will. (...) Sind sie weltanschaulich offen für den Standpunkt der proletarischen Weltanschauung oder wird er gleich als dogmatisch und totalitär angesehen und behandelt?

Sie kennen sicherlich Gerd Koenen - zumindest sind Sie, was Ihre Veröffentlichungen angeht, ziemlich „auf einer Linie“ mit ihm, auch wenn Sie sich von den anderen antikommunistischen „Hofautoren“ wie Jörg Barberowski u.a. distanzieren. Herr Koenen forderte neulich in einer Veranstaltung von der MLPD, wir sollten doch endlich mal „die moderne Geschichtsschreibung anerkennen“. Aber es gibt keine neutrale oder moderne Geschichtsschreibung, sondern eine, die als allgemein gesellschaftlich vorherrschend und damit „richtig“ gilt. Marx sagte zu diesem Phänomen: »Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so daß ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind. Die herrschenden Gedanken sind weiter Nichts als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, ...« (»Die deutsche Ideologie«, Marx/Engels, Werke, Bd. 3, S. 46).

Insofern möchte und werde ich meine proletarische Ideologie, die Klassengebundenheit meiner Auffassungen nicht abwerfen und beanspruche das auch gar nicht. (...)

Da Sie aber selbst so stark verfangen sind in der bürgerlichen Ideologie, machen Sie in Bezug auf die Auseinandersetzung Lenin/Bogdanov einen Denkfehler - oder sagen wir besser - einen Fehler in der Denkweise.

Sie unterstellen einfach, dass die klare und kompromisslose Abgrenzung Lenins von der bürgerlichen Ideologie, seine Kompromisslosigkeit gegen jeden Versuch der Vermischung von Idealismus und Materialismus, die Grundlage für den Totalitarismus oder sogar spätere Verbrechen und „Säuberungen“ gewesen sei. (...)

Sie weisen selbst schon darauf hin, dass die Kausalität nicht überstrapaziert werden sollte. Wird sie aber! Sie setzen im Weiteren einfach den Idealismus und die bürgerlichen Ideen mit dem Fortschritt und „dem Neuen“ gleich und folgern daraus, dass seither die Wissenschaft und Ideologie im Sozialismus erstarrt war und keine Fortschritte mehr hervorgebracht hat, ja sogar eine Herangehensweise gefestigt wurde, andere Meinungen rigoros zu unterdrücken, zu verfolgen usw. Das ist doch absurd!

Interessanterweise befassen Sie sich gar nicht mit den Abschnitten aus Lenins Materialismus und Empiriokritizismus, wo er sich mit dem Vorwurf des Dogmatismus auseinandersetzt. Im fünften Abschnitt „Absolute und relative Wahrheit, oder über den von A. Bogdanov bei Engels „entdeckten“ Eklektizismus“ setzt sich Lenin genau damit auseinander:

Ihr werdet sagen: Diese Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Wahrheit ist unbestimmt. Ich antworte darauf: Sie ist gerade „unbestimmt“ genug, um die Verwandlung der Wissenschaft in ein Dogma im schlechten Sinne dieses Wortes, d.h. in etwas Totes, Erstarrtes, Verknöchertes zu verhindern, sie ist aber zugleich „bestimmt“ genug, um sich auf das entschiedenste und unwiderruflichste vom Fideismus und vom Agnostizismus, vom philosophischen Idealismus und von der Sophistik der Anhänger Humes und Kants abzugrenzen. Hier ist eine Trennungslinie, die ihr nicht bemerkt habt, und weil ihr sie nicht bemerkt habt, seid ihr in den Sumpf der reaktionären Philosophie hinabgeglitten. Dies ist die Trennungslinie zwischen dialektischem Materialismus und Relativismus.“ (Lenin, Werke, Bd. 14, S. 131)

Wir haben also den Anspruch, dass unsere theoretische Arbeit sowohl flexibel als auch prinzipienfest ist: Flexibel in Bezug auf neue Erscheinungen und wesentliche Veränderungen als Teil der sich verändernden objektiven Wirklichkeit, prinzipienfest, weil die Erforschung der Wahrheit von den wissenschaftlichen Grundlagen des dialektischen und historischen Materialismus als grundsätzliche Seite ausgehen muss.

Es handelte sich bei dieser Auseinandersetzung also nicht um eine persönliche Fehde zwischen Lenin und Bogdanov, sondern um eine weltanschauliche Auseinandersetzung zwischen Idealismus und Materialismus. (...)

Das Werk Materialismus und Empiriokritizismus ist ja in einer Phase wütender Reaktion und Repression nach der verlorenen Revolution von 1905, aber auch Erscheinungen der Resignation und Zerfahrenheit in der SDAPR entstanden. Die „Geschichte der KPdSU“ wertet diese Zeit so aus:

Die zaristische Regierung benutzte die Niederlage der Revolution, um die feigsten und nur auf ihre eigene Haut bedachten Mitläufer der Revolution als ihre Agenten, als Lockspitzel anzuwerben. (…) Auf dem Gebiet der Philosophie mehrten sich die Versuche einer 'Kritik', einer Revision des Marxismus, auch kamen alle möglichen religiösen Strömungen, durch angeblich 'wissenschaftliche' Beweisgründe bemäntelt, zum Vorschein. Die 'Kritik' des Marxismus wurde zur Mode.“ (Kapitel IV, Abschnitt 1) Natürlich hat Lenin vor diesem Hintergrund polemisiert und den Kampf gegen eine Verfälschung des Marxismus-Leninismus und Vermischung von bürgerlicher und proletarischer Ideologie gekämpft! Sie verwechseln die Polemik als wissenschaftlichen Meinungsstreit, der die Fronten klärt und Klarheit schafft, mit persönlichen Fehden.

Selbstverständlich wurde in der Sowjetunion, solange Lenin lebte und auch danach, mit dem dialektischen Materialismus umfangreich weiter wissenschaftlich geforscht und ein weltanschaulicher Kampf geführt. Wie erklären Sie sich sonst die bahnbrechenden Erfolge in der Sowjetunion etwa in der Physik, der Biologie, der Höherentwicklung der Arbeitsproduktivität, in den Erziehungswissenschaften usw. und so fort? Sie können doch nicht allen Ernstes sagen, dass Wissenschaft und Erkenntnisfortschritt stoppen und erstarren, wenn man nicht die bürgerliche Ideologie annimmt? Wie erklären Sie sich die riesigen Fortschritte sowohl in der Sowjetunion als auch in den Jahren des sozialistischen Aufbaus in China, wenn es dort angeblich aufgrund des „Totalitarismus“ keinen Fortschritt mehr gab? (...)

Gehen Sie also mit diesem Herangehen nicht wieder von vorbestimmten „Grundkategorien“ aus, dass der Marxismus-Leninismus totalitär, erstarrt und dogmatisch sei, während die bürgerliche Ideologie das Neue erfasst, Fortschritt kennzeichnet usw.? Warum ist es dann aber so, dass der heute sicherlich auf seinem Höhepunkt befindliche Stand der bürgerlichen Wissenschaft und Ideologie eben nicht dazu führt, dass diese Fortschritte auch zum Nutzen der Menschheit angewandt werden? Dem liegt zum einen ein weltanschauliches Problem zugrunde, dass die bürgerliche Wissenschaft und Ideologie positivistisch herangeht, viele auch brauchbare Einzelerkenntnisse macht, aber eben keine dialektisch-materialistische, systematische Wissenschaft vornimmt. Man sieht das derzeit gut an der Medizin in der Corona-Pandemie. Diese weltanschauliche Problematik wird identisch damit, dass politisch jede Frage der Maximalprofit bringenden Logik der herrschenden Monopole unterworfen wird. So gibt es Umweltschutz wie z.B. erneuerbare Energien nur dann, wenn er Profite bringt und wenn ein Konzern damit Weltmarktführerschaft erringen kann. Die Lithium-basierten Batterien in der E-Mobilität wurden unter anderem deshalb ausgewählt, weil sie deutlich weniger Bauteile benötigen, sehr viel schneller hergestellt werden können und die Profitrate bei dieser Form der E-Autos besonders hoch ist. Und nicht etwa aus einer Gesamtsicht, die die Einheit von Mensch und Natur und ihre Interessen in den Mittelpunkt stellen. Dann hätte man den katastrophalen Rohstoffverbrauch beachten müssen, die neuen Umweltprobleme der Entsorgung usw.. Insofern: Was wäre schädlich daran, an dieses Problem ganz „totalitär“, ausschließlich von der dialektisch-materialistischen Weltanschauung und ohne Kompromisse bezüglich der Interessen von Mensch und Natur auszugehen?

Sie sind auf einer falschen Fährte, wenn Sie die späteren Probleme und auch Verbrechen, die in der Zeit von Stalin im Namen des Sozialismus verübt wurden, nun auf die proletarische Ideologie und ihren Wahrheitsanspruch schieben. Sie haben sicherlich schon gemerkt, dass auch wir den Anspruch haben, diesen Problemen auf den Grund zu kommen. Allerdings mit dem Anspruch, daraus zu lernen für einen neuen Anlauf des Sozialismus und nicht dafür, diesen auf immer zu verbannen.

Die Grundlage für die Fehler, Verbrechen und den Verrat am Sozialismus mit dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 war doch gerade die Abkehr von der proletarischen Weltanschauung, der Einfluss der bürgerlichen Ideologie und die Rückkehr zu gesellschaftlichen Paradigmen des Kapitalismus. Was die Fehler Stalins angeht, so liegen diese gerade in der Verdrängung des weltanschaulichen Kampfs und der Festigung und Weiterentwicklung der proletarischen Weltanschauung.

Wir haben uns zum Beispiel in einem Buch aus unserer Reihe REVOLUTIONÄRER WEG, dem theoretischen Organ der MLPD, mit den Problemen im Umweltschutz der Sowjetunion unter Stalin auseinandergesetzt. Darin heißt es: Die sowjetische 'Unbedarftheit' hatte auch weltanschauliche Gründe. Nach all den Erfolgen beim Aufbau des Landes und bei der Nutzung der Naturkräfte entstand eine Tendenz, die Beherrschbarkeit der Natur zu verabsolutieren. Das kam unter anderem in der Diskussion um den Dawydow-Plan zum Ausdruck. Dieser gigantische Entwurf zur weiteren Umgestaltung der Natur enthielt Überlegungen, die riesigen Ströme Ob, Irtysch und Jenissei zu stauen und dann umzukehren, um mit ihrem Wasser die Steppen und Wüsten im Süden zu bewässern. Dieser vermessene Plan folgte der idealistischen Denkweise des 'Siegs der Menschen über die Natur', der willkürlichen Schaffung neuer Naturgesetze.“ (Stefan Engel, Katastrophenalarm – Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?, Seite 300)

Der hauptsächliche Fehler, den die MLPD an Stalin kritisiert, ist, dass er tendenziell nicht die Massen gegen den aufkommenden Bürokratismus und die Gefahren der Restauration des Kapitalismus mobilisierte und keinen massenhaften weltanschaulichen Kampf darum führte. Stattdessen setzte er tendenziell einseitig den selbst verbürokratisierten Geheimdienst zur Bewältigung dieser Probleme ein. Im Kampf gegen äußere Bedrohungen wie gegen den Überfall Hitlerdeutschlands war wiederum die Massenmobilisierung eine seiner Meisterleistungen.

Ebenso in Bezug auf andere Fragen der alten kommunistischen Bewegung auch in Deutschland kritisiert die MLPD Erscheinungen einer dogmatischen Aneignung und Auslegung des Marxismus-Leninismus, die Verdrängung seiner Methode des dialektischen Materialismus, einseitig politische Herangehensweisen usw. Das ist aber kein Problem des Marxismus-Leninismus, sondern ein Problem seiner Anwendung oder seiner Verzerrung bzw. Abkehr davon!

Eine weitere Auseinandersetzung hatten wir über den weißen Terror. Ich hatte Sie darauf angesprochen, dass Sie in verschiedenen Veröffentlichungen diesen mitsamt seinen Gräuel und der Tatsache, dass der rote Terror eine Reaktion darauf war, überhaupt nicht darstellen und verurteilen. Stattdessen werden so ziemlich sämtliche Verbrechen dieser Zeit Lenin, den Bolschewiki und dem roten Terror in die Schuhe geschoben. Sie hatten sich klar positioniert (sinngemäß), dass der weiße Terror verurteilt werden muss, große Verbrechen hervorgebracht hat und darüber auch Einheit bestehe. (…) Wir kennen diese Methode, dass von Trägern des weißen Terrors antikommunistische Lügen verbreitet werden und im Verlauf der Geschichte durch ständige Verwendung als Quelle diese immer „wahrer“ werden. (…) Beispielsweise das Buch »Der rote Terror 1918 -1923« von Mel'Gunov. Sie werden mir wohl zustimmen, dass dieser jedenfalls kein „neutraler“ Historiker ist!

Er war als aktives Mitglied der Union zur Wiederbelebung Russlands und damit als Täter tief verstrickt in den weißen Terror, entstammte selbst einer Adelsfamilie. Seine Organisation ermordete unter anderem am 21. Juni 1918 den Volkskommissar für Pressewesen, Wolodarskij (M.M. Goldstein). Wegen seiner Beteiligung am weißen Terror wurde Gunov verhaftet und zum Tode verurteilt. Dann wurde das Urteil in Haft umgewandelt und 1922 verließ er das Land und setzte seinen Terror propagandistisch fort.

Warum greifen Sie auf solche Quellen zurück und geben ihnen damit noch den Nimbus der Seriosität? Ist das Ihre „faktische“ Wahrheit? Andere bürgerliche Professoren gehen damit durchaus kritischer um, stellen seine Behauptungen in Frage und haben ihn an einen einzelnen Fragen z.B. in Bezug auf den Wrangel-Feldzug bereits der Lüge überführt.

Prof Dr. Smail Rapic von der Bergischen Universität schreibt (neben seiner Verurteilung des roten Terrors, aber zumindest einordnend) über den weißen Terror:

Der Terror der Weißen stand dem Roten jedoch in nichts nach. Das massive Engagement der West-Alliierten zugunsten der Weißen lässt sich keinesfalls als Verteidigung der Freiheit gegen den Totalitarismus deuten. Die Weißen verübten Massaker an der jüdischen Bevölkerung, die die Pogrome der Zarenzeit in den Schatten stellten. Die Weißen rechtfertigten ihre antisemitischen Ausschreitungen damit, dass die Bolschewiki den Juden soziale Aufstiegschancen eröffnet hatten – dies werde Russland ruinieren. Nach neueren Schätzungen wurden bis zu 150.000 Juden von den Weißen ermordet. Der Bürgerkrieg kostete über 9 Millionen Menschen das Leben – im 1. Weltkrieg hatte das Russische Reich 2 Millionen Menschen verloren. Durch die Hungersnot, die dem Bürgerkrieg folgte, starben nochmals 5 Millionen Menschen. Die Unterstützung der Weißen durch die West-Alliierten im Bürgerkrieg war der eine Grund für das anhaltende Gefühl der Bolschewiki, von feindlichen Mächten eingekreist zu sein, ohne das es zum Stalinismus nicht gekommen wäre.“1

(…) Sie lösen den roten Terror völlig aus dem Kontext der Schlacht des weißen Terrors zur Vernichtung der Oktoberrevolution und all ihrer Früchte. Natürlich muss man die Mittel und Methoden, wie der Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution stattgefunden hat, einordnen in eine Zeit regelrechter Verrohung nach dem I. Weltkrieg, in eine Zeit, in der es in den meisten Ländern der Welt die Todesstrafe gab, in der die Überfälle auf die Sowjetunion mit äußerster Brutalität und Gräuel begangen wurden. Wir können nicht von unserer heutigen „gesitteten“ Vorstellung aus damalige Kämpfe beurteilen, mit dem erhobenen Zeigefinger und ohne historischen Gesamtkontext! Insofern sind die meisten Einzelvorgänge und Zitate, die Sie bringen, sicherlich zutreffend - aber eben doch von der „Kontextlosigkeit“ geprägt, die Sie selbst von sich weisen.

Ich könnte Ihren vielen Zitaten, Quellen und Zeugenaussagen natürlich eine Fülle von Zitaten und Aussagen über die Lage der Arbeiterklasse, die Unterdrückung, die Brutalität des Zaren, des weißen Terrors, der Kulaken usw. gegenüberstellen. Ich beschränke mich auf eine Kostprobe. So berichteten unter anderem verschiedene des Kommunismus unverdächtige US-Militärs, die Teil der Interventionstruppen waren, später über den Terror der Weißen.

So General William S. Graves, dessen Verbindungsoffiziere ihm täglich Berichte brachten über die von Admiral Koltschak eingeführten terroristischen Methoden. „Der Admiral verfügte über eine Armee von 100 000 Mann, Tausende wurden unter Androhung der Todesstrafe rekrutiert. Die Gefängnisse und Sammellager waren überfüllt. Längs der transsibirischen Strecke baumelten an Telegraphenstangen und Bäumen Hunderte von Russen, die es gewagt hatten, sich dem neuen Diktator zu widersetzen. Viele ruhten in Massengräbern, die sie mit eigenen Händen ausheben mußten, bevor Koltschaks Henker sie mit ihren Maschinengewehren niedermähten. Schändung, Mord und Raub waren an der Tagesordnung.

Einer von Koltschaks Stellvertretern, der ehemalige zaristische General Rosanow, gab folgenden Tagesbefehl an seine Truppen aus:

1. Bei der Besetzung von Dörfern, die sich vorher in den Händen von Banditen (Sowjetpartisanen) befunden haben, sind die Anführer der Bewegung unbedingt festzunehmen; wenn das nicht möglich ist, aber genügend Beweise für die Anwesenheit solcher Führer vorhanden sind, ist jeder zehnte Einwohner zu erschießen.

2. Wenn die Einwohner einer Stadt durchmarschierenden Truppen keine Meldung über die Anwesenheit des Feindes erstatten, obwohl sie dazu Gelegenheit hatten, so ist eine allgemeine Geldkontribution zu erheben. Niemand darf geschont werden.

3. Dörfer, in denen unsere Truppen auf bewaffneten Widerstand stoßen, sind niederzubrennen; sämtliche erwachsenen männlichen Einwohner sind zu erschießen. Eigentum, Häuser, Wagen und so weiter werden für die Armee beschlagnahmt.“2

Ebenso gäbe es unendlich viel Material über die „Emanzipation und das Glück“ der Menschen im sozialistischen Aufbau, das Sie in Frage stellen. Aber eine Zitatenschlacht bringt uns hier nicht weiter.

Ich möchte die Verzerrungen in Ihrer Darstellung der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges anhand einer aktuellen Auseinandersetzung deutlich machen – auch wenn solche historischen Analogien nie absolut treffend sind. (...)

Als der faschistische IS das befreite kurdische Gebiet Rojava, insbesondere Kobanê, 2014 angriff, war es völlig richtig, dass die Kurden Selbstverteidigungseinheiten bildeten und rigoros und erfolgreich die Feinde der erkämpften demokratischen Errungenschaften bekämpften. Hätten sie das nicht gemacht, wären alle Fortschritte ihrer demokratischen Selbstverwaltung (Gleichberechtigung von Mann und Frau, Schaffung von Räten zur Beteiligung aller ethnischen und religiösen Gruppen, ökologische Paradigmen der Gesellschaft) zerstört worden und ein mittelalterliches barbarisch-faschistisches Kalifat errichtet worden. Niemand außer der türkische Faschist Erdogan und seine Verbündeten kam auf die Idee, diesen berechtigten Verteidigungskampf der Kurden als „Terror“ zu verunglimpfen. Weltweit gab es riesige Solidarität und Anteilnahme. Natürlich könnte man in einigen Jahrzehnten auch Bücher darüber schreiben, welche „Morde“ die Kurden in dieser Zeit „verbrochen“ haben, über die Brutalität der dortigen Schlachten lamentieren und man könnte auch einige mehr oder weniger martialische Zitate aus der „Kriegsberichterstattung“ der Kurden wiedergeben - und dabei einfach ausblenden, wer wie diese Region mit welchem Motiv überfallen hat …

Es geht mir darum zu verdeutlichen, dass solche Entwicklungen nicht geschichtslos oder getrennt von den Klassenkämpfen beurteilt werden können. Oder wie es Marx sagt „Die wahre Theorie muss innerhalb konkreter Zustände und an bestehenden Verhältnissen klargemacht und entwickelt werden.“ (Marx, Brief an Dagobert Oppenheim, August 1842, MEW Bd. 27, S. 409)

Mir fällt in diesem Zusammenhang an Ihrem Buch auf, dass eben dieser Kontext zumeist tendenziell ausgeblendet wird: Wie die Masse der Bevölkerung lebte, wie die gesamtgesellschaftliche Situation war, warum sie wie gekämpft haben. Es ist doch absurd, das alles mehr oder weniger auf die Persönlichkeit Lenins und den angeblichen Machthunger eines einzelnen usw. zurückzuführen. (...)

So, nun haben sowohl Sie als auch wir weiter unsere grundsätzlichen Positionen dargelegt. Gerne können wir darüber weiter im Austausch bleiben. (...)



Mit freundlichen Grüßen

Gabi Fechtner

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1 Rapic, Vorlesungen 2011 in Solingen und Remscheid

2 Aus „Die große Verschwörung“, hier verarbeitet: General William S. Graves, American Siberian Adventure, 1918-1920 (New York, Jonathan Cape and Harrison Smith, 1931).

Vorlesung von Stefan Engel bei der 3. Offenen Universität am 1. 10. 2006

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Als eifriger Besucher der Offenen Universität ist mir in verschiedenen Vorlesungen der vergangenen Jahre, mehr noch in den anschließenden Diskussionen, der fließende Übergang von Wissenschaft und Weltanschauung ins Auge gestochen. Das hat mich angeregt, zu diesem Thema etwas beizutragen.

Die meisten Wissenschaftler werden spontan für sich in Anspruch nehmen, dass sie sich allein von wissenschaftlichen Erwägungen leiten lassen, sie werden von sich behaupten, wertfrei zu sein und vermutlich jede ideologische Einflussnahme weit von sich weisen. Mythos oder Wirklichkeit? Wir werden sehen!


1. Blick in die Geschichte

Wissenschaft als gezielte Untersuchung oder verallgemeinerte Zusammenfassung von Erfahrungen und Kenntnissen über die Natur oder auch die gesellschaftliche Entwicklung hat ihren Ursprung zweifellos im frühen Streben der Menschheit nach Verbesserung ihrer Produktions-, Arbeits- und Lebensbedingungen. Damit ist Wissenschaft naturgemäß von vorne herein an ein Motiv, an ein Ziel und damit eine – im wörtlichen Sinne – Welt – Anschauung gebunden.

Wir erinnern uns an Giordano Bruno, der die Unendlichkeit des Weltraums und die ewige Dauer einer unendlichen materiellen Welt postulierte und sich damit der gesellschaftlichen bis dahin vorherrschenden Meinung einer in Sphären untergliederten geozentrischen Welt entgegen stellte. Ihn verurteilte die päpstliche Inquisition am 8. Februar 1600 wegen „Ketzerei“ und „Magie“ zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Bruno reagierte auf dieses Urteil mit seinem berühmt gewordenen Satz: »Mit mehr Angst verkündet ihr das Urteil, als ich es entgegennehme.« Wie wahr.

Wenn wir also an die Folterinstrumente der Heiligen Inquisition denken, die jegliche Erkenntnis jenseits der herrschenden biblischen Lehre martialisch „klärte“ - ist es da nicht besser, die reine Lehre zu verfolgen, weltanschauliche Ziele von Forschung zu trennen, um der Gefahr der Instrumentalisierung der Wissenschaft zu entgehen? So argumentieren – auf einen einfachen Nenner gebracht – jedenfalls die Apologeten der wertfreien Forschung, der ideologiefreien Wissenschaften.

So edel diese Absicht hier und da subjektiv sein mag – sie ist eine Fiktion! Meine Grundthese ist: Freie Wissenschaft ist mit Wertfreiheit nicht zu machen! Freie Wissenschaft ist gebunden an fortschrittliche Werte, die die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ebenso ablehnen wie die bedingungslose Unterwerfung der Naturressourcen unter die Profitinteressen einer winzigen Schicht von Monopolisten.


Wann kam eigentlich die Ideologie von der Ideologiefreiheit auf und wer hat sie in die Welt gesetzt? Nach dem II. Weltkrieg war es auch für die Herrschenden an der Zeit, gesellschaftliche Schlussfolgerungen ziehen. Nie wieder Faschismus! Das war breitester gesellschaftlicher Konsens!

Die sozialistische Sowjetunion hatte den Hauptanteil an der Zerschlagung des Hitlerfaschismus geleistet und war gestärkt aus dem II. Weltkrieg hervorgegangen. Ein sozialistisches Lager entstand mit einer Reihe von Volksdemokratien in Osteuropa, in China, Nordkorea und Nordvietnam. Vor allem unter den breiten Massen der Arbeiter genoss der Sozialismus eine große Anziehungskraft.

Der Kapitalismus war allgemein in Frage gestellt, zumal der Zusammenhang von Hitlerfaschismus und Herrschaft des Monopolkapitals zu dieser Zeit unstrittig war. Es war selbst in bürgerlichen Kreisen »in«, den Kapitalismus zu kritisieren. So schrieb die CDU 1947 in ihrem »Ahlener Programm«: »Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.« Die großen Monopole der IG-Farben, Krupp oder Thyssen wurden von den Alliierten wegen ihrer Verflechtung mit dem Faschismus zunächst einmal ausgeschaltet. Die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien wurde selbst von bürgerlichen Parteien gefordert.

Dass Westdeutschland keine sozialistische Entwicklung nahm, ging auf die Änderung der Deutschlandpolitik der USA zurück, die nach der Zerschlagung des Faschismus ihren Hauptfeind in der sozialistischen Sowjetunion ausmachte und nun dafür Bündnispartner suchte und in der Adenauer-Regierung auch fand. Der US-Senator Styles Bridges beschwor in einem Artikel in der "Times", dass es "das erste Erfordernis der USA-Politik" sei, "Europa daran zu hindern, kommunistisch zu werden.“ Der »Kalte Krieg« gegen den Sozialismus/Kommunismus wurde Leitlinie der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Nur vor diesem politischen Hintergrund kann die weltanschauliche Debatte begriffen werden, die in der Forderung nach „Ideologiefreiheit“ kulminierte. In den 1950er Jahren entwarfen die amerikanischen Sozialwissenschaftler Edward Shils und Daniel Bell die Theorie vom »Ende der Ideologien«. „Ideologiefrei“ galt von nun an als das Aushängeschild westlicher Politik und Wissenschaft schlechthin. Systematisch wurde seither der Begriff »Ideologie« negativ belegt. In dem „Lexikon der Grundbegriffe« steht entsprechend: »Ideologien werden zur Durchsetzung eines Machtanspruchs aufgebaut und entsprechen nicht unbedingt der Realität.«

Aber so ideologiefrei war diese „Ideologiefreiheit“ gar nicht, denn sie richtete sich explizit gegen den wissenschaftlichen Sozialismus, war also streng antikommunistisch begründet und ausgerichtet. Daniel Bell attackierte vehement den „kommunistischen Dogmatismus“,der seiner Meinung nach „von sich aus dem Untergang geweiht“ sei, „während demokratische Werte dauerhaft weiter“ bestünden.

Alle „Ismen“, die der bürgerlich-demokratischen Weltsicht zuwiderliefen, nicht nur der Faschismus, sondern vor allem der Marxismus, Sozialismus, Kommunismus usw. wurden gleicher Maßen als »Dogma, Unbeweglichkeit und Starrsinnigkeit« stigmatisiert. Ich will hier gar nicht abstreiten, dass der Marxismus auch dogmatisch behandelt werden kann, wenn man sein Wesen nicht begreift.

Selbst der Kapitalismus wurde als Begrifflichkeit zu einem Unwort erklärt und aus dem bürgerlichen Wortschatz gestrichen. Nicht etwa weil man etwas gegen den Kapitalismus als solchen hatte, sondern weil er als marxistische Qualifikation der bürgerlichen Gesellschaft zu sehr als klassenkämpferischer Anreiz taugte. In der amerikanischen Zeitschrift „This Week Magazine“ konnte man 1952 lesen: „Die Ersetzung eines einzigen Wortes kann den Gang der Geschichte ändern. Dies Wort heißt Kapitalismus. Es hat einen negativen Klang, weil es an frühere Fehler und Missstände erinnert.“


Und so verschwanden denn auch im Laufe der Jahre alle Begriffe im öffentlich gebrauchten Wortschatz, die auf eine Klassengesellschaft hindeuteten. Während die bürgerlichen Vordenker also einerseits so taten, als hätten sie nichts mehr mit Ideologie zu tun, entfachten sie in ihrem Bemühen, dem Sozialismus die widerspruchfreie „freie Welt“ des „wertfreien“ Westens entgegenzuhalten, eine wahre Schlacht um die Schöpfung und Verbreitung neuer Begrifflichkeiten, die nun in der Gesellschaft verbreitet wurden.

Unter der Flagge der Wertfreiheit wurde also systematisch die Verschleierung und zugleich die Aufwertung der kapitalistischen Wirklichkeit betrieben. So wurden Adenauers offene Unterdrückung des Widerstands gegen die Remilitarisierung, oder das Verbot von KPD und FDJ zu einem hehren Akt der „wehrhaften Demokratie“, um die „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ zu verteidigen.

Mit einer antikommunistisch ausgerichteten, millionenschweren Werbekampagne wurde der Begriff der „Sozialen Marktwirtschaft“ durch den Verein „Die Waage“, dem nahezu alle deutschen Monopole angehörten, populär gemacht. Mit Anzeigen, Plakaten, Filmen und Comics stellte man ihn der „östlichen Zwangswirtschaft“ und den gewerkschaftlichen Forderungen gegenüber. „Der Klassenkampf ist zu Ende“, heißt es in einer Anzeige zum Jahreswechsel 1956/57 und: „Im freien Deutschland vollzieht sich eine geschichtliche Wandlung: Der ehemals klassenbewusste Arbeiter wird zum selbstbewussten, freien Bürger.“

So einfach geht das: Die herrschenden Monopole und ihre Parteien machen eine Propagandakampagne und die kapitalistische Gesellschaft verliert ihren Klassencharakter. Die Welt steht Kopf! Der Lohnarbeiter wird zum „Arbeitnehmer“ und der Kapitalist zum „Arbeitgeber“, dessen vornehmste Aufgabe es ist, Arbeitsplätze zu stiften. Im Dunkeln bleibt bei dieser irrealen Deutung der sozialen Gefüges selbstredend das Wesentliche: Für seine Wohltat eignet sich unser frommer „Arbeitgeber“ den übergroßen Teil der Arbeitskraft des „Arbeitnehmers“ privat an, worauf das stete Wachstum seines Reichtums und die gleichermaßen wachsende Armut seiner „Arbeitnehmer“ beruht.

Solange seine Profite sprudeln und der „soziale Friede“ - so nennt er jenen gesellschaftlichen Zustand, in dem niemand gegen diese Verhältnisse rebelliert - gewahrt bleibt, solange wird auch unser Arbeitgeber seine strikte politische Neutralität und ideologische Wertfreiheit wahren.

Nach und nach machten sich alle bürgerlichen Nachkriegsparteien die verschleiernden Begrifflichkeiten der Adenauerregierung zu eigen. Die Lebenslüge von der „sozialen Marktwirtschaft“ wurde zur zentralen Leitlinie staatsmonopolistischer Wirtschaftsphilosophie, die von den bürgerlichen Massenmedien systematisch verbreitet wird. Selbst die reformistischen Gewerkschaftsführer, die den irreführenden Begriff von der „sozialen Marktwirtschaft“ anfänglich noch vehement ablehnten, integrierten Hand in Hand mit ihrer eigenen Integration in das staatsmonopolistische Herrschaftsgefüge wie selbstverständlich in ihren Wortschatz.


Über den Mythos der „Ideologiefreiheit“ wurde die angeschlagene bürgerliche Ideologie wieder salonfähig. Anders gesagt: Der Mythos von der Ideologiefreiheit erweist sich als Kampfbegriff und zugleich als Methode, um einen in der Nachkriegsgeschichte starken Einfluss der proletarischen Ideologie unter den breiten Massen zu bekämpfen und die bürgerliche Ideologie tief ins gesellschaftliche Bewusstsein einzupflanzen und als alternativlos darzustellen.

Die Erkenntnis, dass Ideologiefreiheit ein Mythos ist und real nur der Durchsetzung der in der bürgerlichen Gesellschaft vorherrschenden bürgerlichen Ideologie dient, ist zugleich Herausforderung, die tatsächliche Bedeutung und Entstehung von Ideologie sowie den real stattfindenden gesellschaftlichen Kampf der Ideologien wissenschaftlich zu untersuchen. Das kann nur das offen deklarierte Ziel haben, auf diese gesellschaftliche Auseinandersetzung Einfluss zu nehmen. Denn alles was der Mensch tut, wie Marx sagt, muss zuerst durch seinen Kopf!

Beginnen wir also mit einer elementaren Frage.

2. Was ist eigentlich eine Ideologie?

Das Wort Ideologie stammt aus dem Griechischen und könnte wörtlich mit „Ideenlehre" übersetzt werden. In den gängigen Nachschlagewerken besteht Übereinstimmung darüber, dass „Ideologie“ allgemein identisch ist mit Weltanschauung. Eine Weltanschauung ist ein System von Theorien und Methoden über die Betrachtung und das Verhalten gegenüber der Natur und der Gesellschaft.

Jeder Mensch hat seine individuelle Weltanschauung, die sein Denken, Fühlen und Handeln prägt. Die individuelle Weltanschauung entsteht natürlich nicht aus dem Nichts, sondern ist selbst Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie leitet sich erstens aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Sein ab, zweitens aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein, und drittens charakterisiert sie auf dieser Grundlage die persönliche, individuelle Verarbeitung und Stellung zur gesellschaftlichen Realität.

Karl Marx hat das so zusammengefasst: »Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß.« (Marx/Engels, "Die deutsche Ideologie", Werke, Bd. 3, S. 26) Jede Gesellschaftsformation ist einerseits eine bestimmte Realität (gesellschaftliches Sein) und beruht andererseits auf einer sie begründenden Weltanschauung. Eine Gesellschaft kann auf Dauer nur funktionieren, wenn bestimmte Normen, Werte und Regeln vereinheitlicht sind und sie funktioniert auch nur solange, wie eine solche freiwillige Vereinheitlichung vorherrscht. Das wird gewährleistet über die die Gesellschaft bestimmende Weltanschauung.

Der ganze Lebensablauf, das Aufwachsen und die Erziehung der Kinder, die Schulzeit, die Ausbildung, die Arbeitswelt, die Familiengründung usw. usf. soll den Menschen als etwas erscheinen, das eben so sein muss, wie es ist. Von klein auf, im Kindergarten, in der Schule wird man dazu erzogen, sich so zu verhalten, wie es die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft fordern.


In den Klassengesellschaften, die in der Menschheitsgeschichte etwa vor 5000 Jahren entstanden sind, stimmen gesellschaftliche Realität und die sie begründende Weltanschauung im Allgemeinen nicht überein. Das liegt daran, dass die Herrschenden bestrebt sind, dem Volk ideale Verhältnisse vorzuspiegeln, um es ruhig zu halten. Deshalb sind die meisten herrschenden Ideologien dem Lager des Idealismus zuzuordnen.

Die am meisten verbreitete Form dieser herrschenden Weltanschauung sind die Religionen, die mit der Veränderung der gesellschaftlichen Realität jeweils Inhalt und Methode angepasst haben. Der Sklavenhaltergesellschaft entsprach der Polytheismus, eine Vielzahl von Gottheiten, wie auch im Alten Testament der Bibel nachzulesen ist. Dem Feudalismus, mit seinem absolutistischen Zentralstaat, entsprach der Monotheismus in Form des Christentums, des Islam oder des Buddhismus. Der Kapitalismus erforderte mit seiner sich stets entwickelten Komplexität ein ganzes System bürgerlicher Weltanschauungen als Rechtfertigung. Auch wenn die Religionen weiterhin eine wichtige Stellung einnehmen, können sie die allseitigen Anforderungen der Rechtfertigung der komplexen Verhältnisse der modernen Gesellschaft nicht mehr befriedigen. Sie können aber längst nur noch ganz allgemein Demut, Unterwürfigkeit und Enthaltsamkeit vermitteln, während die Deutung der vielfältigen gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen oder auch wissenschaftlichen Prozesse der bürgerlichen Gesellschaft und die dazu suggerierten Verhaltensweisen einer Vielfalt spezieller Denksysteme obliegen, die den Ansprüchen einer modernen Produktion oder auch des aufgeklärten Bürgers wenigstens einigermaßen gerecht werden.


Ich kann hier nicht auf die unerschöpfliche Vielfalt bürgerlicher Denksysteme im Einzelnen eingehen, sondern nur auf einige Beispiele.

In den Naturwissenschaften gibt es zum Beispiel die weltanschauliche Richtung des Positivismus. Dessen Urvater war der französische Soziologe Auguste Comte. Er lehrte, dass der „positive Geist sich beziehen soll auf Tatsachen (im Gegensatz zu Einbildungen), Gewissheit (im Gegensatz zu Unentschiedenheit), Genauigkeit (im Gegensatz zu Unbestimmtheit), Nützlichkeit (im Gegensatz zu Eitelkeit) und auf relative Geltung (im Gegensatz zu Absolutheit)“.

Es ist sicherlich alles sehr sinnvoll und einleuchtend, dass die Physiker, Chemiker, Biologen, Ingenieure, Ärzte im Sinne Comtes genau und gewissenhaft die Naturgesetze erforschen und nutzbar machen. Das ist notwendig im Sinne der objektiven Betrachtung, die etwas anderes ist als „Wertfreiheit“. Jedoch legt das positivistische „Erkenntnismonopol der Naturwissenschaften“ den Wissenschaftlern zugleich nahe, sie sollen ihre ganzen Anstrengungen auf ihre Spezialgebiete konzentrieren und von gesellschaftlichen Fragen die Finger lassen. So wird scheinbar „ideologiefrei“ die Unterwerfung der Naturwissenschaftler unter die Verwertungsinteressen der bürgerlichen Gesellschaft, insbesondere der Großindustrie, organisiert.

Über die vorgebliche „Wertfreiheit“ der Wissenschaft kam es in der BRD in den 1960er Jahren zu einer lebhaften Auseinandersetzung, dem sogenannten „Positivismusstreit“. Die Soziologen der „Kritischen Theorie der Frankfurter Schule“ um Theodor W. Adorno bestritten, dass es eine „wertfreie“ Wissenschaft geben kann. Sie forderten von den Wissenschaftlern, auch gesellschaftliche Missstände aufzudecken und nicht nur beschreibende Analysen abzuliefern, ohne sich darum zu kümmern, was damit passiert. Die „Frankfurter Schule“ nahm Einfluss auf die Studentenbewegung 1967/1968 und gab den daraus erwachsenden Akademikern bestimmte Impulse, bei ihren Forschungen ihre Verantwortung für die Entwicklung der Gesellschaft wahrzunehmen.

In der Philosophie ist der Pragmatismus die Wunderwaffe der bürgerlichen Ideologie. Auch er wird in seiner Rechtfertigung als frei von ideologischen Barrieren definiert. Es ist geradewegs zu einem Gütesiegel der Sozialwissenschaften geworden, pragmatisch an die Probleme heranzugehen, statt andauernd „auf Prinzipien herumzureiten“ nach dem Motto: der Zweck heiligt die Mittel. Der Pragmatismus ist das willkommene Denksystem, um den Anspruch nach der gesamtgesellschaftlichen Sicht der Dinge, nach der richtigen Widerspiegelung der Wirklichkeit im Bewusstsein, nach der Parteinahme und dem entsprechenden Handeln in Einklang mit ihren Gesetzmäßigkeiten aufzugeben und stattdessen nur das zu tun, was den Interessen der herrschenden Gruppe von Menschen unmittelbaren Vorteil bringt. Dass bei dieser Denkweise die zukünftigen und allgemeinen Interessen der Menschheit unter die Räder kommen können, stört den Pragmatiker nicht, Hauptsache er kann greifbare Erfolge nachweisen.


3. Weltanschauung und Gesellschaft

In jeder Klassengesellschaft entsteht neben der vorherrschenden Ideologie immer auch eine die bestehenden Verhältnisse in Frage stellende Weltanschauung. Das macht es den Herrschenden schwer, die Bevölkerung weltanschaulich einheitlich auszurichten. Für die kapitalistische Gesellschaft hatten Marx und Engels die bürgerliche Ideologie als herrschende Weltanschauung ausgemacht, die sich gegen die Weltanschauung des Proletariats, behaupten muss.

Es gibt bis tief in die Arbeiterbewegung hinein die irrige Vorstellung, der weltanschauliche Streit sei etwas für Philosophen und habe mit der täglich erlebten Realität nicht viel zu tun. Den Menschen treten die Ideologien natürlich nicht hauptsächlich in Form theoretischer Lehrmeinungen gegenüber, sondern deren Inhalt und Methoden gehen subtil über die Kultur in das Denken, Fühlen und Handeln der breiten Massen ein.

Ich spreche von weltanschaulichem Fühlen, weltanschaulichem Denken und weltanschaulich bestimmtem Handeln, weil das drei qualitativ unterschiedliche Ebenen sind, wie heute der weltanschauliche Kampf ausgefochten wird. Das Ergebnis ist immer ein miteinander im Kampf stehender Wiederstreit der vorherrschenden Weltanschauungen im Denken, Fühlen und Handeln der gesellschaftlichen Individuen.

Die Vorstellung, dass einer nur von der bürgerlichen Ideologie oder nur von der proletarischen Ideologie beseelt sei, ist bar jeder Realität. Wir sind alle Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft, sind mehr oder weniger von ihr geprägt. Das verschwindet nicht so einfach, auch wenn man sich eine der bürgerlichen Ideologie gegenüber kritischen Weltanschauung zu eigen macht. Denn die bürgerliche Ideologie ist nicht nur die Ideologie der Herrschenden, sondern auch die herrschende Ideologie. So wird selbst eine Partei, die eine proletarische Ideologie zur Grundlage hat, von der bürgerlichen Ideologie beeinflusst werden. Wer das abstreitet, ist wirklichkeitsfremd.

Die Hauptmethode zur Verbreitung der bürgerlichen Weltanschauung ist heute zweifellos die Massenkultur, die über die elektronischen Massenmedien geschickt die Gefühle der breitesten Massen manipuliert. Kein Krieg kann heute mehr gegen den Willen der breiten Massen geführt werden. Den letzten Irak-Krieg haben die USA vor allem mit zwei Hauptargumenten propagiert: Erstens, der Irak würde Massenvernichtungswaffen bauen und damit die ganze Welt bedrohen; und zweitens, die irakische Regierung würde den „internationalen Terrorismus“ unterstützen. Beide Argumente mussten inzwischen von der US-Regierung offiziell zurückgenommen werden. Ein wachsender Teil der Bevölkerung hat die kriegstreibende Manipulation inzwischen durchschaut und kritisiert heute den Krieg, weil ihnen die Rechtfertigung dieses Krieges verloren gegangen ist. Mit dem Verlust seiner Legitimation unter den Massen ist der Krieg aber auch nicht mehr zu gewinnen.

Wenn die herrschende Ideologie unglaubwürdig wird, gerät die Politik der Herrschenden in die Krise. Das gesellschaftliche Leben im Sinne der herrschenden bürgerlichen Weltanschauung funktioniert also nur, wenn es eine freiwillige weltanschauliche Übereinstimmung in der Bevölkerung gibt.

Die heutige Gesellschaft beruht auf ganz bestimmten Lebenslügen, die grundlegender Konsens sein müssen, damit die Diktatur der Monopole als demokratische Gesellschaft erscheint, trotz aller Kritik akzeptiert wird und damit funktioniert. Auf die Lebenslüge von der „sozialen Marktwirtschaft“ bin ich schon eingegangen. Ich könnte weiter anführen die Lebenslüge von der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“, von der „friedlichen Außenpolitik“, von der „Gleichberechtigung von Mann und Frau“ und dass in Deutschland „alle Macht vom Volke ausgeht“. Alle diese Lebenslügen erfüllen einen ganz bestimmten Zweck. Wenn sie in Frage gestellt sind, gerät die ganze Gesellschaft in einen Rechtfertigungszwang.

Ein Vorteil der Ideologie von der Ideologiefreiheit besteht darin, dass sie ihre Verfechter der lästigen Pflicht entledigen, sich zum Beispiel mit dem wissenschaftlichen Sozialismus ideologisch auseinander zu setzen. Lieber greift sie zur Methode der allgemeinen Stigmatisierung, um einen Damm von Vorbehalten und anderer negativer Gefühle gegen den Sozialismus aufzubauen. Die marxistische Terminologie wurde lange Zeit aus dem öffentlichen Leben der Bundesrepublik verbannt. Vor allem aber hat es der jahrzehntelang vorherrschende Antikommunismus fertiggebracht, den Gehalt ihrer Begrifflichkeit bis ins Absurde zu verklären.

Einer der am schlimmsten geächteten marxistischen Begriffe ist die Diktatur des Proletariats. Schon allein dieses Wort zu hören, ruft vielfach das schiere Entsetzen hervor, weil es instinktiv mit willkürlicher und unmenschlicher Unterdrückung von Millionen von Menschen in den sozialistischen Ländern verknüpft wird. Aber der Begriff verliert sehr schnell seine Schrecken, wenn man sich nüchtern mit seinem objektiven Gehalt befasst.

Marx analysierte den Kapitalismus und machte die Alleinherrschaft der Bourgeoisie als das politische Wesen dieser Gesellschaft aus. Um eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung zu schaffen, forderte er, dass die Besitzlosen – damit meinte er den Besitz an Produktionsmitteln – die Alleinherrschaft in der Gesellschaft übernehmen müssten. Diese Besitzlosen bezeichnet er als das Proletariat, das, wenn es leben will, gezwungen ist, seine Arbeitskraft an die Bourgeoisie zu verkaufen. Dieses Proletariat hat auf Grund seiner Klassenlage kein Interesse an der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Es ist auch infolge seiner Rolle in der modernen Industrie vom Bewusstsein her, moralisch und gesellschaftlich in der Lage, sich gegen die niedergeworfene Bourgeoisie zu behaupten und die Klassengesellschaft zu überwinden. Die Diktatur des Proletariats ist also nach Marx nichts anderes als eine wissenschaftliche Kategorie einer Gesellschaftsformation, die geeignet ist, die Macht zu ergreifen, um die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abzuschaffen.

Die Methode der Stigmatisierung der Begriffe ist heute eine der Hauptformen der ideologischen Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Sozialismus. Sie reicht natürlich nur aus, wenn die bürgerliche Weltanschauung allgemeine Unterstützung erfährt.


4. Weltanschauung und Denkweise

In der heutigen gesellschaftlichen Realität äußert sich die Weltanschauung in erster Linie als Denkweise. Die Denkweise ist das beweglichste Element der Weltanschauung und darum auch am meisten veränder- und beeinflussbar. Sie gibt andererseits dem Denken, Fühlen und Handeln des Individuums seine Prägung. Der weltanschauliche Kampf in der Gesellschaft, dem sich niemand mehr entziehen kann, ist ein permanenter Kampf um die Denkweise - manchmal offen, meist aber unmerklich und subtil. Dieser gestaltet sich heute äußerst kompliziert.

In der Studentenrevolte 1968 hat sich ein Teil des abhängigen Kleinbürgertums bewusst gemacht, dass sie der Alleinherrschaft der Monopole unterstellt sind. Sie kritisierte insbesondere die Einschränkung der bürgerlich-demokratischen Rechte und Freiheiten durch die Notstandsgesetze, reaktionäre Lehrinhalte und Methoden an den Universitäten, die mangelnde Aufarbeitung des Faschismus und seinen fortbestehenden Einfluss in den staatlichen Organen der BRD und in der Politik sowie eine internationale Politik der imperialistischen Unterdrückung der Völker wie im Vietnam-Krieg.

Diese Studentenbewegung hat vieles aufgewühlt und in Frage gestellt, beeinflusste nachhaltig die gesellschaftliche Entwicklung der BRD. Sie brachte aber auch eine kleinbürgerliche Ausformung der bürgerlichen Ideologie hervor, die einerseits die schlimmsten Formen des Kapitalismus kritisiert, andererseits allerdings auch den Sozialismus ablehnte. Die Arbeiterbewegung war zu dieser Zeit schwach und wurde, zumindest was die Jugend betrifft, von der Studentenbewegung beeinflusst.

Irgendwann sind die Herrschenden dazu übergegangen, diese kritische Richtung in das herrschende System der bürgerlichen Weltanschauung aufzunehmen. Die Verbreitung dieser kleinbürgerlichen Weltanschauung wurde von den Herrschenden in das System der herrschenden Ideologie eingebaut und vermittelt permanent eine kleinbürgerliche Denkweise. Diese greift die kritische Infragestellung der gesellschaftlichen Verhältnisse auf, ohne die Gesellschaft selbst in Frage zu stellen, oder gar über einen Ausweg in einer anderen, zum Beispiel sozialistischen Gesellschaft nachzudenken.


Das System der kleinbürgerlichen Denkweise entlehnt sich gerne Begriffe aus der Arbeiterbewegung, um genau das Gegenteil durchzusetzen. Ich erinnere an den „Solidarbeitrag“ bei den Steuern, der überhaupt nichts mit Solidarität zu tun hat, sondern mit der Subvention großer Monopole, die in Ostdeutschland ihr Kapital investieren sollen.

In der Politik wird heute gerne von „Reformen“ gesprochen. In der Arbeiterbewegung ging es dabei um Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Dagegen wird heute der Begriff „Reform“ missbraucht, um Verschlechterungen, ja sogar die Zerschlagung der sozialen Reformen zu rechtfertigen. Der Begriff „Reform“ wird also regelrecht in sein Gegenteil verkehrt.

Oder nehmen wir die Tatort-Krimis, die immer sonntagabends kommen. Solche Filme gehören heute zu den Hauptformen der Vermittlung einer kleinbürgerlichen Ideologie. Hier wird oft durchaus gesellschaftskritisch der eine oder andere Skandal dieser Gesellschaft aufgegriffen. Es werden sogar kritische Töne gegen das Bundeskriminalamt oder den Verfassungsschutz laut und die Machenschaften irgendwelcher Konzerne deutlich. Aber was ist die Schlussfolgerung? Die Schlussfolgerung ist, dass man diese Leute leider nicht bekämpfen kann, weil sie zu mächtig sind. Die Akteure sind nicht die breiten Massen, die sich wehren, sondern höchstens ein moralisch mehr oder weniger integrer Kommissar, der das für die Menschen tut. So wird der kleinbürgerliche Individualismus gefördert und gelobt, statt die selbständige Aktivität der breiten Massen, die allein in der Lage ist, gesellschaftsverändernd tätig zu werden.

Die bürgerliche Ideologie hat das allgemeine Bestreben, sich in einer Form zu präsentieren, in der sie möglichst von der Masse der Bevölkerung widerstandslos geschluckt wird. Die Manipulation des Denkens, Fühlens und Handelns über das System der kleinbürgerlichen Denkweise geschieht aber nicht nur, ja noch nicht einmal in erster Linie, über die Vermittlung von Inhalten, sondern von kleinbürgerlichen Methoden und Verhaltensweisen.

Werden heute in einem Betrieb Massenentlassungen oder Stillegungen vorgenommen, dann wollen die Kapitalisten um jeden Preis Kämpfe vermeiden. Also propagieren sie den individuellen Ausweg. Sie bieten einen Sozialplan an, der dem einzelnen nach dem Verlust des Arbeitsplatzes zwar erst einmal über die Runden hilft, um einen gemeinsamen Kampf zu vermeiden. Es dauerte einige Jahre, bis die Arbeiter merkten, dass die Vernichtung eines jeden Arbeitsplatzes einen Arbeitlosen mehr bedeutet, egal ob das mit Sozialplan, über die Zwischenstation einer Beschäftigungsgesellschaft oder direkt über Massenentlassungen erfolgt.

Auch in anderen Bewegungen spielt die Verbreitung der kleinbürgerlichen Methoden eine große Rolle. Statt einen wirklichen Kampf zu führen wird gerne auf symbolische Proteste, dem Gang zu den Gerichten, den Appell an die Vernunft der Herrschenden gesetzt, um der notwendigen Zuspitzung auszuweichen.

Die kleinbürgerliche Denkweise ist tief in die Arbeiterbewegung eingedrungen. Das hat mit Veränderungen in der Klassenstruktur der Gesellschaft zu tun. Es kam zu einer Durchdringung der Lebensumstände zwischen den Arbeitern und der abhängigen Intelligenz. Jugendliche aus Arbeiterfamilien studieren und werden Intellektuelle, andererseits machen Kinder von Intellektuellen eine Lehre und werden Arbeiter oder einfache Angestellte. Auch der Lebensstandard hat sich immer mehr angeglichen. Viele Arbeiter haben ein Bildungs- und Kulturniveau erreicht, das früher Akademikern vorbehalten blieb.


Das alles hat Auswirkungen auf den Einfluss der Denkweise von Intellektuellen unter Arbeitern und umgekehrt auf den Einfluss der Denkweise von Arbeitern auf die Intellektuellen. Von seiner Klassenlage unterscheidet sich die Denkweise eines Arbeiters von der Denkweise eines Intellektuellen. Die proletarische Denkweise ist aufgrund des unversöhnlichem Widerspruchs der Arbeiter zum Kapitalismus davon geprägt, dass sie sich für das Ende der Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen einsetzt. Die abhängige Intelligenz gehört keiner einheitlichen Klasse an, und hat deshalb auch keinen klaren Klassenstandpunkt.

Marx hat das einmal so beschrieben: »In einer fortgeschrittenen Gesellschaft und durch den Zwang seiner Lage wird der Kleinbürger einesteils Sozialist, anderenteils Ökonom, das heißt, er ist geblendet von der Herrlichkeit der großen Bourgeoisie und hat Mitgefühl für die Leiden des Volkes. Er ist Bourgeois und Volk zugleich. Im Innersten seines Gewissens schmeichelt er sich, unparteiisch zu sein, das rechte Gleichgewicht gefunden zu haben, das den Anspruch erhebt, etwas anderes zu sein als gewöhnliche Mittelmäßigkeit.« (Marx/Engels, Werke Bd. 27, S. 462).

Mit der Entwicklung der abhängigen Intelligenz zur dominierenden kleinbürgerlichen Schicht entwickelte sich die kleinbürgerlich-intellektuelle Denkweise zu einem vielfältigen System der bürgerlichen Ideologie. Es durchdringt alle Fragen der Kultur, der Politik und der Wissenschaft und wurde zu einem tragenden Teil des staatlichen Machtapparats. Die Hauptwirkung der kleinbürgerlichen Denkweise auf die Arbeiterbewegung, aber auch auf die Umweltbewegung oder auch der Friedensbewegung sind die Desorganisation, die Desorientierung und die Demoralisierung des Kampfs. Sie hat also einen destruktiven Charakter.

Die Wirkung des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise ist seit geraumer Zeit durch die praktischen Erfahrungen gründlich in Frage gestellt, was in Gesellschaft zu einer Situation der latenten politischen Krise geführt hat. Zunehmende Wahlenthaltung, schwindender Einfluss der bürgerlichen Parteien, Erhöhung der Aktivitäten der Massen sind Merkmale dieser Entwicklung.

Als kürzlich der Bundesfinanzminister Steinbrück aus seinem Urlaub kommend den Leuten empfahl, beim Urlaub künftig kürzer zu treten und stattdessen für die private Altersvorsorge zu sparen, schlug ihm ein Sturm der Entrüstung entgegen. Er musste sich kleinlaut entschuldigen. Auch nachdem einige Tage später Verteidigungsminister Jung den Libanoneinsatz der Bundeswehr als „Kampfeinsätze der Bundeswehr“ bezeichnete, bekam er heftige Prügel und musste korrigieren, dass es sich dabei nur um ein »robustes Mandat« handelt.

Vom Standpunkt der weltanschaulichen Auseinandersetzung bedeutet dies einen Prozess des Fertigwerdens mit der kleinbürgerlichen Denkweise. Diesbezüglich gibt es seit einigen Jahren einige bemerkenswerte Veränderungen. In einer repräsentativen Umfrage des ZDF wurde Karl Marx im Herbst 2004 zum „drittgrößten Deutschen“ gewählt. Jüngste Meinungsumfragen signalisieren: Die Bundesbürger, die den Sozialismus für eine gute Idee halten, die nur schlecht verwirklicht worden ist, machen inzwischen bereits in Ostdeutschland über 70 Prozent und in Westdeutschland 55 Prozent aus, das sind 20 Prozent mehr als vor 15 Jahren.

Nachdem der damalige SPD-Chef Müntefering während des Landtagswahlkampfs in NRW eine öffentliche »Kapitalismus-Kritik« gestartet hatte, geriet jüngst auch der christdemokratische NRW-Arbeitsminister Laumann ins Grübeln: ”Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus ist der Kapitalismus ungezügelt. Ich glaube, da bedarf es einer Korrektur.” (Rheinische Post 13.5.06) Auch die ehemaligen CDU-Minister Blüm und Geisler haben in letzter Zeit wiederholt die Rücksichtslosigkeit des Kapitalismus kritisiert. Der Kapitalismus ist also wieder da! In Wirklichkeit war er nie verschwunden. Er war nur überdeckt von einer Flut von Phrasen, Illusionen und Lebenslügen, die mehr und mehr der Betrachtung der Realität weichen.

Die Ideologie von der Ideologiefreiheit ist gescheitert. Die Ideologie des wissenschaftlichen Sozialismus mit seiner dialektisch-materialistischen Methode gewinnt an Boden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Briefwechsel zur Frage des marxistisch-leninistischen Kulturbegriffs

Brief eines Genossen der RW Redaktion an Stefan Engel, 23.1.18

Einige Anmerkungen zur Gliederung des RW 36

a) Zum Punkt 6.3. Zunehmende Dekadenz in der bürgerlichen Massenkultur

(...)

„Die zunehmend reaktionäre Tendenz der bürgerlichen Ideologie“ (2.2) hat ja eine allgemeine Grundlage in der Überholtheit des kapitalistischen Systems, bzw. darin, dass die Produktivkräfte über dieses System hinausgewachsen sind.

Auf der Stufe der Neuorganisation der internationalen Produktion hat die Dekadenz und Fäulnis der bürgerlichen Kultur eine neue Dimensionen angenommen. Sexismus, Pornografie, Drogenhandel, Mobbing, Unterwerfung bis hin zur Versklavung und Sadismus, Frauenhandel, organisierte Wilderei im internationalen Maßstab, Umgang mit der Natur und Naturprodukten usw.

Es gibt aber gleichzeitig eine Kultur der Massen, des Widerstandes, der Rebellion und Revolution.

Bei der Beschäftigung mit der Kunst und Kultur bin ich besonders im Zusammenhang mit der Geschichte der Musik und der konkreten Untersuchung ihrer Internationalisierung (siehe die Artikelserie dazu in der Roten Fahne 2006/2007) auf eine wesentliche Erscheinung gestoßen, wie die Herrschenden ihr Dilemma zu lösen suchen, dass sie selbst keine ideologische Grundlage für die Entwicklung einer inhaltlich frischen, perpektivisch-optimistischen Kunst haben, ohne Masseneinfluss aber nicht auskommen können bzw. wollen.

Die Sache ist so, dass die bürgerliche Massenkultur auch Elemente aus der Kultur des „Unterholzes“ als Nektar für sich aufgreift, verwertet, vermarktet und zur Stabilisierung seines gesellschaftlichen Systems der kleinbürgerlichen Denkweise nutzt; konkret nachgewiesen an verschiedenen Beispielen. Konkreter zum Beispiel des RAP/Hiphop: er entstand Ende der 60er Jahre als Teil der Gegenkultur zum Rassismus, des Zusammenhalts, des Kampfs um demokratische Rechte usw. Mit seiner Vermarktung verschärfte sich in den folgenden Jahren in Form und Inhalt das aggressive Herausstellen des Individuums, wurde damit Egoismus, Sexismus und das Konkurrenzdenken unter den Jugendlichen verbreitet.

Die Hauptmethode der Herrschenden ist heute nicht die offene Unterdrückung fortschrittlicher Elemente in der Kultur. Die Geschichte des Jazz, des Rock und Pop zeigt, dass jeder neue Ansatz von Protest und Rebellion immer schneller und raffinierter von den herrschenden Medien und Märkten für ihre Zwecke geschluckt und als Teil der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Massenkultur etabliert wurde. Das heißt, dass mit Musik - auch der dazu entwickelten Mode usw. - ein gewisses Gefühl der Unzufriedenheit, des Protestes usw. unter den Massen aufgegriffen und so gesteuert wird, dass dieses Gefühl sich nicht massenhaft als bewusster Widerspruch zum bestehenden Profitsystem entwickelt bzw. entwickeln soll.

Umgekehrt greifen die Massen auch Formen und Technik der bürgerlichen Massenkultur auf, um sie mit ihren Inhalten und in mehr oder weniger verwandelter Form ihrem Lebens- und Kampfwillen unterzuordnen, keineswegs nur auf dem Gebiet der Musik und Kunst, sondern auch der Technik, besonders der modernen Kommunikationstechnik. Das ist ein gesetzmäßiger und bereits spontaner Prozess, denn die materiellen Grundlagen für Sozialismus bzw. die Elemente der Auflösung der alten Gesellschaft reifen weiter.

Natürlich gab es schon sehr lange und auch schon vor dem Einsetzen der Neuorganisation der internationalen Produktion einen Austausch und eine Durchdringung der Musik und Kultur verschiedener Länder, eine gegenseitige Befruchtung und Weiterentwicklung. Schon mit dem Aufkommen von Radio, Fernsehen, Musikkassetten usw. nahm dieser kulturelle Austausch international bedeutend zu.

(...)

Man kann sagen: Die neue Qualität der kulturellen Entwicklung im Zusammenhang mit der Neuorganisation der internationalen Produktion zeigt sich allgemein in der zunehmenden weltweiten Vernetzung, gegenseitigen Beeinflussung und in neuen Entwicklungen auf Grundlage der neuen elektronischen, digitalen und Kommunikationstechnik und der sprunghaft gewachsenen Offenheit für internationale Entwicklungen, sowohl bei den Kulturschaffenden als auch den Verwertern.

  • Es gibt also zwei Grundrichtungen die sich hier gegenüberstehen, die in der Wirklichkeit oft vermengt sind:Kulturentwicklungen und ihre Vermarktung auf der Grundlage der Neuorganisation der internationalen Produktion, unter Nutzung modernster Mittel zum Zweck der Festigung eines staatstragenden Systems der kleinbürgerlichen Denkweise. Die Internationalisierung von Kunst und Kultur als Instrument der heute Mächtigen, über die Massenmedien Verfügenden zur Aufrechterhaltung ihrer Profite und ihrer Systeme. Dies widerspricht weltweit den Zukunftsinteressen der Völker. Sie hat geschichtlich betrachtet keine Zukunft.
  • Die Entwicklung von Kultur und Kunst als Bestandteil des respektvollen internationalen kulturellen Austausches zwischen den Völkern, auch als Teil der bewussten Entwicklung einer internationalen Arbeiter- und Volksbewegung, der Integration von Migranten in den gemeinsamen antifaschistischen, antiimperialistischen und revolutionären Kampf (siehe das kurdisch-deutsche Liederheft bzw. das 2. Rebellische Musikfestival) usw.. Diese entspricht den Zukunftsinteressen der Massen und der Vorbereitung einer internationalen sozialistischen Revolution und sie gilt es bewusst zu entwickeln.

b) Zu 7. Über die Behandlung der Denkweise in der sozialistischen Gesellschaft

a) Die Probleme des Klassenkampfs in der Sowjetunion in den 1930er Jahren

Hier habe ich überlegt, dass man die Auseinandersetzungen um die Bildende Kunst (siehe z.B. den Artikel im RF-Magazin zur „Ausstellung revolutionärer Kunst in Chemnitz“), oder die verzweifelten Erklärungsversuche der bürgerlichen Geschichtsschreiber zu Schostakovitsch und anderen Künstlern, die sich am Aufbau des Sozialismus beteiligten, aufnehmen sollte. In dieser Auseinandersetzung bin ich selbst leider nicht sehr bewandert.

(...)

Gruß

(Unterstreichung im Text durch RW-Redaktion)



Antwort von Stefan Engel an den Genossen

15.11.2018

Lieber Genosse,

vielen Dank für deine Vorschläge zur Behandlung von Fragen der Kunst und Kultur im RW 36/37 vom 21. August 2018. Ich bin leider erst jetzt dazu gekommen, im Rahmen der Veränderung der Gliederung, mich mit deinem Brief zu befassen.

Insgesamt halte ich deine schöpferischen Gedanken für sehr wertvoll und sie müssen unbedingt auch in unserem RW eingebracht werden.

Allerdings möchte ich auf einige Ungereimtheiten und auf Fehler aufmerksam machen:

  1. Du behauptest, dass die Herrschenden ein Dilemma hätten, „dass sie selbst keine ideologische Grundlage für die Entwicklung einer inhaltlich frischen, perspektivisch optimistischen Kunst haben, ohne Masseneinfluss aber nicht auskommen bzw. wollen.“
    Die These, dass die Herrschenden keine ideologische Grundlage haben, ist nicht richtig. Selbstverständlich ist die herrschende Kunst und Kultur Ausdruck der bürgerlichen Ideologie in seinen verschiedenste Facetten. Du beschreibst in deinem Brief daher selbst, dass sie natürlich im System der kleinbürgerlichen Denkweise eine wichtige Rolle spielen und dort auch eine entsprechende Modifikation erfahren haben. Aber die These, dass es keine ideologische Grundlage für ihre Dinge gibt, ist grundsätzlich falsch. Man muss genau untersuchen, wie ihr Problem, dass ihre bürgerliche Ideologie in der Krise ist und sie aber einen Masseneinfluss ergattern wollen, gelöst wird. Da wird zum Beispiel sehr viel mehr auf Form als auf Inhalt Wert gelegt, da wird mit der modernen Technik verschiedene Defizite in Inhalt und Form wiederum auszugleichen versucht, um die Leute zu beeindrucken. Das alles muss untersucht werden, kann aber nicht zu der These führen, dass sie keine ideologische Grundlage für ihre bürgerliche Kunst und Kultur haben.
  2. Du schreibst, dass heute nicht die offene Unterdrückung fortschrittlicher Elemente der Kultur die Hauptmethode sei. Das ist einerseits richtig, führt aber in deinen Ausführungen dazu, dass du dich mit der offenen Unterdrückung dazu in der Kultur gar nicht befasst. Es häufen sich doch Fälle, wo man Embleme und Fahnen nicht tragen, Lieder nicht mehr singen darf oder Parolen nicht mehr sprechen darf, weil sie politisch nicht genehm sind. Wir haben das selbst im Laufe dieses Jahres mehrmals bei Demonstrationen und Aktivitäten erlebt. Auch die Verfolgung von „Grup Yorum“ zielt ja letztlich überhaupt auf die Unterdrückung und Diskriminierung revolutionären Kulturguts. In verschiedenen Ländern der Welt, ist der Kommunismus direkt verboten einschließlich seiner Symbole, Losungen und seiner Kultur. Diese Tendenz hat auch mit der Renaissance offen reaktionärer Ideologien, hat auch etwas mit der internationalen Rechtsentwicklung zu tun, die bei deiner These eigentlich viel zu kurz kommt. Diese Rechtsentwicklung kann sehr schnell auch zur Hauptseite werden und muss auch in unserem RW entsprechend behandelt werden.
  3. Unverständlich ist deine These „Umgekehrt greifen die Massen auch Formen und Technik der bürgerlichen Massenkultur auf, um sie mit ihren Inhalten und in mehr oder weniger verwandelter Form ihrem Lebens- und Kampfwillen unterzuordnen, keineswegs nur auf dem Gebiet der Musik und Kunst, sondern auch der Technik, besonders der modernen Kommunikationstechnik. Das ist ein gesetzmäßiger und bereits spontaner Prozess, denn die materiellen Grundlagen für Sozialismus bzw. die Element der Auflösung der alten Gesellschaft reifen weiter.“
    Ich muss dir ehrlich sagen, ich habe diesen Absatz mehrmals gelesen und verstehe kein Wort. Was willst du denn damit eigentlich sagen? Dass jede Kunst und Kultur seine materielle Grundlage in der politisch-ökonomischen Basis der Gesellschaft hat? Dass das natürlich eine reaktionäre Widerspiegelung ist, die direkt zum reaktionären Überbau in der imperialistischen Gesellschaft gehört, aber auch zu fortschrittlichen Erscheinungen des Kampfs gegen diese Gesellschaft? Ich bitte dich, dich in der RW-Arbeit so auszudrücken, dass man damit auch etwas anfangen kann. Du musst deine Gedanken zu Ende führen und dann aufs Papier bringen und mir nicht ein solches Kauderwelsch vorlegen.
    Deine Vorschläge sind gut, aber man muss genau unterscheiden, was vorne behandelt wird bei der Dekadenz der bürgerlichen Kunst und Kultur und dann auch beim System der kleinbürgerlichen Denkweise, wozu wir eine extra Nummer des RW herausgeben. Es ist sehr wichtig, dass man hier genauer unterscheidet. Beide Teile haben eine bestimmte Berechtigung, sowohl im ersten wie im zweiten Teil unseres RW. Bitte bemühe dich doch, deine Vorschläge so exakt zu machen, dass sie auch entsprechend dem erwähnten RW 36 bzw. RW 37 zugeordnet werden können. Den neuen Gliederungsvorschlag lege ich dir bei.


Herzliche Grüße!

Stefan

Antwort des Genossen an Stefan Engel:

Lieber Stefan,

zunächst muss ich mich für die späte Antwort entschuldigen. Ich hatte mich mit deinem Brief – der am 28. Dezember 18 bei mir einging - erst nach der Revue-Aufführung im Januar 2019 befasst und den Brief auch nicht so verstanden, dass er unmittelbar beantwortet werden soll, sondern ich deinen Hinweisen entsprechend mich unter Schriftleitung, an der konkreten Erarbeitung des Abschnitts „6.3. Zunehmende Dekadenz in der bürgerlichen Massenkultur“ beteiligen soll.

(...)

Es gilt jetzt auf dem Niveau der Ergebnisse des Seminars weiter zu arbeiten, deshalb gehe ich in diesem Sinne nur kurz auf deine Hinweise zu meinem „alten“ Brief ein:

  1. Deine Kritik an meiner grundsätzlich falschen Behauptung, dass die Herrschenden ein Dilemma hätten, nämlich „dass sie selbst keine ideologische Grundlage für die Entwicklung einer inhaltlich frischen, perspektivisch optimistischen Kunst haben“ ist berechtigt. Das Seminar hat ja gerade deutlich gemacht, über welche Kanäle die bürgerliche Weltanschauung Einfluss auf das Denken nimmt. Genau deshalb muss ja das weltanschauliches Vorgefecht für die internationale sozialistische Revolution geführt werden. Wichtig finde ich deinen Hinweis, dass man genau untersuchen muss, „wie ihr Problem, dass ihre bürgerliche Ideologie in der Krise ist und sie aber einen Masseneinfluss ergattern wollen, gelöst wird. Da wird zum Beispiel sehr viel mehr auf Form als auf Inhalt Wert gelegt, da wird mit der modernen Technik verschiedene Defizite in Inhalt und Form wiederum auszugleichen versucht, um die Leute zu beeindrucken.“ Da gibt es meiner Meinung nach noch Defizite im Abschnitt 6.3.
  2. Dein nächster Hinweis an mich: „Du schreibst, dass heute nicht die offene Unterdrückung fortschrittlicher Elemente der Kultur die Hauptmethode sei. Das ist einerseits richtig, führt aber in deinen Ausführungen dazu, dass du dich mit der offenen Unterdrückung dazu in der Kultur gar nicht befasst.“ Das ist richtig. Neben dem Vorgang mit Grup Yorum gibt es das zunehmend auch gegenüber uns in Deutschland und gegenüber revolutionären Gruppen und Organisationen international. Die Tendenz der internationalen Rechtsentwicklung hatte ich bei der Erstellung der Reihe zur Internationalisierung der Musik natürlich noch nicht im Blick, in dem Punkt ist sie überholt. Dein Hinweis muss aber aufgenommen und entsprechend in diesem RW-Abschnitt berücksichtigt werden.
  3. Aus dem von dir als „unverständlich“ und als „Kauderwelsch“ bewertete Abschnitt will ich hier gar nicht mehr lang zitieren – er ist intellektuell-abstrakt formuliert. Es ging mir konkret darum: Der Prozess der ideologischen Einflussnahme der internationalen Übermonopole und ihrer nationalen Regierungen mit kulturellen Mitteln verläuft keineswegs widerspruchsfrei. Allgemein wird z. B. durch die internationale Vernetzung – auch der Nutzung digitaler Medien - und die wachsenden Möglichkeiten sich weltweit Informationen und auch kulturelle Produkte zu beschaffen, der lokal begrenzte Horizont erweitert – eine materielle Grundlage für den internationalen Zusammenschluss im eigenen Interesse bzw. der internationalen sozialistischen Revolution.

Soweit. Herzliche Grüße!

Brief des Genossen an Stefan Engel, 13.9.19

Zur Qualifizierung des Kulturbegriffs

In der Formulierung des Abschnitts „I. 6. 3. Zunehmende Dekadenz in der bürgerlichen

Massenkultur“ wird von einem anderen Genossen folgende Kennzeichnung des „Kulturbegriffs“ vorgenommen:

„In der Kultur fasst sich auf der Grundlage der materiellen Produktion der gesamte gesellschaftliche Fortschritt der Menschheit in ihrer Lebensweise, ihren Umgangsformen, ihren Sitten und Gebräuchen zusammen. Die Sprache, Bildung, Musik, Kunst, Literatur, Film oder Wissenschaft sind nur besondere Ausdrucksformen der Kultur. Jede Gesellschaftsform bestimmt ihr Kulturniveau. Dieses prägt zugleich die Gesellschaft und jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft. Der bürgerliche Kulturbegriff reduziert das Kulturverständnis auf Disziplinen des Kulturschaffens (Literatur, Musik, Theater usw.), der Wissenschaft, Religion und Philosophie. Mit der Entwicklung der Klassengesellschaften entstanden höhere Kulturformen und die Kultur nahm Klassencharakter an. “

In dieser Qualifizierung des Kulturbegriffs fehlt meines Erachtens die Seite der Natur als eine wesentliche Seite in der dialektischen Einheit von Kultur und Natur und ihrer Entwicklung. Die Natur ist für die Kultur des Menschen, seine materiellen Produktion, seine gesellschaftlichen Fortschritte keine gleich bleibende oder passive Konstante, sondern beweglich, aktiv und passiv.

Die weltbekannten Geoglyphen in Peru, die „Nasca-Linien“ beispielsweise, waren eine kulturelle Reaktion auf die objektive Veränderung des Klimas für das Volk der Nascas. Der Mensch hat auch mit der aktiven Veränderung der Natur - zum Beispiel durch Abholzung - das Klima verändert und damit selbst veränderte Bedingungen für die Produktion, die menschliche Lebensweise und ihre Umgangsformen, Sitten und Gebräuche – also auch seiner Kultur geschaffen. Solche Wirkungen, Wechselwirkungen und Durchdringungen finden ständig statt. Und heute - mitten im fortschreitenden Übergang zu einer globalen Umweltkatastrophe – kann der Kulturbegriff erst recht nicht unabhängig von der Rolle der Natur in der Einheit von Kultur und Natur qualifiziert werden.

Der „gesamte gesellschaftliche Fortschritt der Menschheit“ ist gerade Fortschritt wenn und weil er die Einheit von Mensch und Natur höher entwickelt. Er ist Auseinandersetzung mit der Natur, die sich im Lebenskampf der Menschen, geschichtlich in den Veränderungen der Produktion und in der Entwicklung des Denkens und der Kultur der Menschen widerspiegeln. Diese Veränderungen werden in kulturellen Formen zunächst für ihre Gemeinschaft, später für ihre Klasseninteressen zum Ausdruck gebracht, mit denen die Menschen die Probleme ihrer Stellung zur Natur und ihrer Stellung zu einander lösen wollen.

Deshalb schlage ich vor nach dem Satz „Jede Gesellschaftsform bestimmt ihr Kulturniveau.“ folgendes einzufügen:

„Dieses drückt sich in der Auseinandersetzung mit der Natur, den Veränderungen der Produktion, in der Entwicklung des Denkens und den Kulturformen der Menschen aus mit denen sie die Probleme ihrer Stellung zur Natur und ihrer Stellung zu einander und im Klassenkampf lösen wollen. Und dieses prägt...“

Dazu schreibt der andere Genosse am 23.9.19:

Das ist natürlich nicht falsch. Aber ich halte es nicht für notwendig, weil die materielle Produktion und die Lebensweise wesentlich die Wechselwirkung mit der Natur einschließt. Hier extra noch die Einheit von Mensch und Natur einfügen, würde die Frage aus etwas zusätzliches und außerhalb ergänzendes behandeln. Genauso gut, könnte man weitere Elemente hinzufügen, wie die Einheit von Frau und Mann, die Kinderaufzucht usw. Im RW 23 wurde diese Einheit von Mensch und Natur der Definition der Produktion zu grunde gelegt:

Jede Produktion ist Verbindung von Arbeit und Naturstoff. Der Mensch produziert, indem er durch seine Arbeit der Natur den stofflichen Reichtum abringt; er verändert die Formen der Naturstoffe und schafft die verschiedenen Gebrauchswerte, die für die menschliche Gesellschaft nützlich sind... Dieser Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur ist eine Bedingung jedes menschlichen Lebens und für alle Gesellschaftsformationen grundlegend.“ (Seite 9)

Antwort von Stefan Engel an die beiden Genossen, 10. Oktober 2019:

Liebe Genossen,

ich habe eure Diskussion zur Qualifizierung des Kulturbegriffs vom 13. September 2019 gelesen. Ich halte den Einwand für berechtigt. Es geht hier nicht darum, lange Ausführungen zu machen, aber der Kulturbegriff muss schon richtig qualifiziert werden. Dabei fällt mir auf, dass von euch unter Kultur nur geisteswissenschaftliche Sachen gefasst werden. Aber der Entwicklungsstand der Produktivkräfte, die Ernährung, die Körperkultur, die Bildung der Menschen etc. fehlt völlig. Hier folgt ihr offenbar tendenziell einem idealistischen Kulturbegriff. Es ist wichtig, dass wir von einem idealistischen Kulturbegriff wegkommen, der sich weder mit den materiellen Grundlagen in der Gesellschaft und in der Natur, noch mit der Lebensweise der Massen richtig befasst.

Herzliche Grüße

Stefan

Quellen & Links

Briefwechsel zur Frage des marxistisch-leninistischen KulturbegriffsBriefwechsel zur Frage des marxistisch-leninistischen Kulturbegriffs

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente zum System des RW

Stefan Engel, Leiter der Redaktion Revolutionärer Weg

6. August 2019

Lieber Genosse,

vielen Dank für deinen Brief vom 2. Februar 2019. Durch eine langwierige Krankheit und eine schwere Operation am Herzen konnte ich meine Arbeit erst im Juli wieder aufnehmen. Ich habe mir dein Dossier angeschaut und finde es sehr interessant, auch mit vielen Fakten belegt. Du stützt dich auf den RW 35 und untersuchst auch die verschiedensten Methoden, Aussagen des kleinbürgerlichen bzw. imperialistischen Ökologismus usw. Das ist uns sicherlich eine Hilfe für den RW 36, insbesondere für die Kritik an der bürgerlichen Naturwissenschaft.

In einer Frage bin ich allerdings nicht einig. Du sprichst immer wieder von einer »Klimawissenschaft«. Gleichzeitig sagst du aber, dass dieser »Klimawissenschaft« eine »positivistische Weltanschauung und kleinbürgerlich-ökologistische Denkweise« zugrunde liegt. Das passt nicht richtig zusammen. Das widerspricht dem Konspekt zum »Materialismus und Empiriokritizismus.«

Unser RW-Seminar im April hat sich mit einer ähnlichen Frage auseinandergesetzt, nämlich ob man die Medizin gemeinhin als Wissenschaft bezeichnen kann. Wir haben uns dazu mit dem Wissenschaftsbegriff des Marxismus-Leninismus befasst. In unserem Einleitungsreferat heißt es:

»Der Marxismus-Leninismus machte aus der Utopie des Sozialismus eine Wissenschaft. Dafür war es erstens notwendig, dass eine in sich geschlossene marxistisch-leninistische Theorie entwickelt wurde, als Basis für die Wissenschaftlichkeit der sozialistischen Arbeiterbewegung. Zweitens ging es darum, mithilfe der dialektisch-materialistischen Methode eine wissenschaftliche Analyse zu schaffen, die ausgehend von der wissenschaftlichen Theorie die Veränderung der Wirklichkeit fortlaufend analysiert und dabei die theoretische Grundlage immer wieder weiterentwickelt. Drittens teilt sich die wissenschaftliche Betrachtung in eine logische und eine historische Analyse. Die logische Betrachtung erfasst vor allem die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich die revolutionäre Bewegung entwickelt, in Wechselwirkung mit der gesellschaftlichen Entwicklung, während die historische Analyse sich mit der jeweiligen konkreten Situation befasst, in der diese Gesetzmäßigkeiten wirken und in Erscheinung treten.«

An einer späteren Stelle befassten wir uns in dem Referat mit der Frage der Medizin. Einem Genossen wird geantwortet:

»Er verwechselt, dass es natürlich in der Medizin wie in jedem anderen Bereich eine ganze Reihe wissenschaftlicher Experimente und Erkenntnisse gibt, die auch die Grundlage der heutigen Medizin bilden. Dennoch kann man bei der Medizin im marxistisch-leninistischen Sinn nicht von einer Wissenschaft sprechen, da es ihr bis zum heutigen Tag an einer einheitlichen, in sich geschlossenen wissenschaftlichen Theorie und Methode fehlt! Im Grunde reduziert sich die Wissenschaft der Medizin meist auf die einfache Kausalität, reißt die inneren Zusammenhänge der menschlichen Physis und Psyche auseinander und ist kaum in der Lage, die Dinge in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Bei dieser Auseinandersetzung geht es jedoch nicht um die Einordnung der Medizin. Es geht um einen marxistisch-leninistischen Begriff von Wissenschaft. Friedrich Engels unterscheidet explizit zwischen Wissen und Wissenschaft, oder anders gesagt zwischen empirisch begründeten Einzelerkenntnissen und Wissenschaft und stellt klare Kriterien für den qualitativen Sprung vom Wissen zur Wissenschaft auf:

'Die zahllosen, durcheinander gewürfelten Data der Erkenntnis wurden geordnet, gesondert und in Kausalverbindung gebracht; das Wissen wurde Wissenschaft, die Wissenschaften näherten sich ihrer Vollendung, d.h. knüpften sich auf der einen Seite an die Philosophie, auf der andern an die Praxis an.' (»Die Lage Englands«, Marx/Engels, Werke, Bd. 1, S. 550).

Die dialektische Behandlung der Einzelerkenntnisse als Wissenschaft besteht also nach unseren Klassikern sowohl in ihrer systemischen dialektischen Darstellung wie auch in ihrem Bezug zur Praxis. Wissenschaft auf Wissen oder auf die Praxis zu reduzieren offenbart ein rein positivistisches Verständnis und landet im nackten Pragmatismus. Die positivistische Pseudowissenschaft beruht gerade darauf, mit Verweis auf lediglich empirisch belegbare Einzelerkenntnisse die Forderung nach einer umfassenden Theoriebildung bewusst als unmöglich zurückzuweisen.

Die Behauptung der Medizin als Wissenschaft überhöht nicht nur die Medizin, sondern stellt prinzipiell den Marxismus-Leninismus als Wissenschaft und seinen Wissenschaftsbegriff infrage.«

Ich sehe das in Bezug auf die Klimaforschung ähnlich. Warum verwendest du nicht einfach den Begriff »Klimaforschung«?

An einer Stelle unterstellst du einem gewissen James Hansen, dass er eine dialektisch-materialistische Kritik an dem Klimaziel der 2° Erderwärmung übt. Was du aber darstellst, sind höchstens einzelne Versatzstücke einen dialektischen Kritik. Man muss immer bedenken, dass die einzelnen Elemente der Dialektik für sich genommen zugleich auch metaphysisch sind. Nehmen wir das dialektische Element der Kausalität. Diese Kausalität ist in ihrer Vereinzelung und Absolutheit noch Metaphysik. Im Rahmen einer dialektischen Betrachtungsweise wird sie zum Element der Dialektik. Ich kenne natürlich die gesamte Kritik von Hansen nicht im Wortlaut, aber ich vermute, dass diese Kennzeichnung eine Überhöhung darstellt.

Ich lege dir auch einige Klassiker-Zitate bei, die Wesensmerkmale des marxistisch-leninistischen Wissenschaftsbegriffs in der Kritik an seiner Vulgarisierung verdeutlichen: Wissenschaft ist die Theorie und Methode des menschlichen Erkenntnisfortschritts, die von der objektiven Realität ausgeht und sich dieser mit der dialektisch-materialistischen Methode systematisch annähert.

Herzliche Grüße

Stefan

Anlage: Merkmale des marxistisch-leninistischen Wissenschaftsbegriffs

Merkmale des marxistisch-leninistischen Wissenschaftsbegriffs

1. Der wissenschaftliche Sozialismus knüpft an ökonomischen Tatsachen und bisherigen Erkenntnissen der Menschheit an

Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunächst das Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der heutigen Gesellschaft herrschenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten und Lohnarbeitern, andrerseits der in der Produktion herrschenden Anarchie.

Aber seiner theoretischen Form nach erscheint er anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich konsequentere Fortführung der von den großen französischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze. Wie jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial, so sehr auch seine Wurzel in den materiellen ökonomischen Tatsachen lag.“ (Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW, Bd. 19, S. 189)

2. Der Sozialismus als Wissenschaft steht auf dem Boden der objektiven Wirklichkeit

Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte er erst auf einen realen

Boden gestellt werden.“ (ebda, S. 201)

3. Die Analyse der einzelnen Vorgänge und Dinge in der Natur war eine Grundbedingung für gewaltige Erkenntnisfortschritte, hinterließ aber die bornierte metaphysischen Denkweise, indem sie diese zergliedernde Anschauungsweise auf die Weltanschauung übertrug

Die Zerlegung der Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen Naturvorgänge und Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die Untersuchung des Innern der organischen Körper nach ihren mannigfachen anatomischen Gestaltungen war die Grundbedingung der Riesenfortschritte, die die letzten vierhundert Jahre uns in der Erkenntnis der Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand; nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste Bestände; nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem T o d . Und indem, wie dies durch Bacon und Locke geschah, diese Anschauungsweise aus der Naturwissenschaft sich in die Philosophie übertrug, schuf sie die spezifische Borniertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise.“ (ebda., S. 203)

4. Die moderne Naturwissenschaft liefert täglich Beweise, dass es in der Natur dialektisch und nicht metaphysisch zugeht.

Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Pro­be ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material ge­liefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter In­stanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises be­wegt, sondern eine wirkliche Ge­schichte durchmacht. (…) Da aber die Naturforscher bis jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt ha­ben, so erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten Re­sultate mit der hergebrachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in der theoreti­schen Naturwis­senschaft herrscht.“ (ebda., S. 205)

5. Die wissenschaftliche Darstellung der Welt und der Menschheit ist nur auf dialektischem Weg möglich

Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen.“ (ebda., S. 205

6. Wissenschaft ist systematische Erkenntnis der Welt

Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenfortschritte machen kann.“ (ebda., S. 206/207)

7. Die einzelne Wissenschaft wird mit der Bewusstheit über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge überflüssig, geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte

Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung her­antritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klarzuwerden, ist jede besondre Wissenschaft vom Gesamtzusammen­hang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen Philoso­phie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Geset­zen - die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissen­schaft von Natur und Geschichte.“ (ebda., S. 207)

8. Die Wissenschaft des Sozialismus ist keine Entdeckung eines genialen Kopfs, sondern das notwendige Erzeugnis des Kampfs zweier geschichtlich entstandener gesellschaftlichen Klassen, Proletariat und Bourgeoisie

jetzt war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.

Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandnen Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie.“ (ebda., S. 208)

9. Mit der Entdeckung der materialistischen Geschichtsauffassung und des Mehrwerts als Wesen der kapitalistischen Produktionsweise wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die von nun an weiterentwickelt werden musste

Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische Geschichtsauffassung und die Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts verdanken wir Marx. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die es sich nun zunächst darum handelt, in allen ihren Einzelnheiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.“ (ebda., S. 209)

10. Sozialistische Wissenschaft ist der theoretische Ausdruck der proletarischen Bewegung

Diese weltbefreiende Tat [die proletarische Revolution] durchzuführen, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen, und damit ihre Natur selbst, zu ergründen und so der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.“ (ebda., S. 228)

11. Die Entwicklung der Wissenschaft treibt sie zum Nachweis des systematischen Zusammenhangs der Naturvorgänge

Die Einsicht, daß die Gesamtheit der Naturvorgänge in einem systematischen Zusammenhang steht, treibt die Wissenschaft dahin, diesen systematischen Zusammenhang überall im einzelnen wie im ganzen nachzuweisen.“ (Engels, Anti-Dührung, MEW, Bd. 20, S. 34)

12. Jede Wissenschaft geht aus den Bedürfnissen der Menschen hervor

Wie alle andern Wissenschaften ist die Mathematik aus den Bedürfnissen der Menschen hervorgegangen: aus der Messung von Land und Gefäßinhalt, aus Zeitrechnung und Mechanik.“ (ebda., S. 36)

13. Der marxistisch-leninistische Wissenschaftsbegriff umfasst drei große Bereiche: die unbelebte Natur, die organische Natur, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen

Wir können das ganze Gebiet des Erkennens nach altbekannter Art in drei große Abschnitte teilen. Der erste umfaßt alle Wissenschaften, die sich mit der unbelebten Natur beschäftigen und mehr oder minder einer mathematischen Behandlung fähig sind: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik, Chemie. (…)

Die zweite Klasse von Wissenschaften ist die, welche die Erforschung der lebenden Organismen in sich begreift. Auf diesem Gebiet entwickelt sich eine solche Mannigfaltigkeit der Wechselbeziehungen und Ursächlichkeiten, daß nicht nur jede gelöste Frage eine Unzahl neuer Fragen aufwirft, sondern auch jede einzelne Frage meist nur stückweise, durch eine Reihe on oft Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Forschungen gelöst werden kann; wobei dann das Bedürfnis systematischer Auffassung der Zusammenhange stets von neuem dazu nötigt, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz mit einer überwuchernden Anpflanzung von Hypothesen zu umgeben. (…)

Noch schlimmer aber steht es mit den ewigen Wahrheiten in der dritten Gruppe von Wissenschaften, der historischen, die die Lebensbedingungen der Menschen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rechts- und Staatsformen mit ihrem idealen Überbau von Philosophie, Religion, Kunst usw. in ihrer geschichtlichen Folge und ihrem gegenwärtigen Ergebnis untersucht.“ (ebda., S. 81/82)

14. Eine wissenschaftliche Analyse setzt das Begreifen des Wesens einer Sache voraus

daß also eine wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz nur möglich, sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist, ganz wie die scheinbare Bewegung der Himmelskörper nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare Bewegung kennt;“ (ebda., S. 198)

15. Jede Wissenschaft geht von den gegebenen Tatsachen aus und entdeckt in den Tatsachen die Zusammenhänge

Darüber sind wir alle einig, daß auf jedem wissenschaftlichen Gebiet in Natur wie Geschichte von den gegebenen Tatsachen auszugehn ist, in der Naturwissenschaft also von den verschiednen sachlichen und Bewegungsformen der Materie; daß also auch in der theoretischen Naturwissenschaft die Zusammenhänge nicht in die Tatsachen hineinzukonstruieren, sondern aus ihnen zu entdecken und, wenn entdeckt, erfahrungsmäßig soweit dies möglich nachzuweisen sind.“ (ebda., S. 334)

16. Die marxistisch-leninistische Wissenschaft stößt wegen ihrer Parteilichkeit für die Befreiung der Arbeiterklasse von der Lohnsklaverei auf erbitterte Feindschaft der gesamten bürgerlichen Wissenschaft

Die Lehre von Marx stößt in der ganzen zivilisierten Welt auf die erbittertste Feindschaft und den größten Haß der gesamten bürgerlichen Wissenschaft (der offiziellen wie der liberalen), die im Marxismus eine Art „schädlicher Sekte" erblickt. Ein anderes Verhalten kann man auch nicht erwarten, denn eine „unparteiische" Sozialwissenschaft kann es in einer auf Klassenkampf aufgebauten Gesellschaft nicht geben. Jedenfalls ist es Tatsache, daß die gesamte offizielle und liberale Wissenschaft die Lohnsklaverei verteidigt, während der Marxismus dieser Sklaverei schonungslosen Kampf angesagt hat.“ (Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke, Bd. 19, S. 3)

17. Der Marxismus-Leninismus ist in sich geschlossen, gab auf die Fragen Antwort, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte

Die ganze Genialität Marx' besteht gerade darin, daß er auf die Fragen Antwort gegeben hat, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte. Seine Lehre entstand als direkte und unmittelbare Fortsetzung der Lehren der größten Vertreter der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus.

Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinelei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt.“ (ebda., S. 3/4)

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente zum System des RW

1. Der wissenschaftliche Sozialismus knüpft an ökonomischen Tatsachen und bisherigen Erkenntnissen der Menschheit an

Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunächst das Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der heutigen Gesellschaft herrschenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten und Lohnarbeitern, andrerseits der in der Produktion herrschenden Anarchie.Aber seiner theoretischen Form nach erscheint er anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich konsequentere Fortführung der von den großen französischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze. Wie jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial, so sehr auch seine Wurzel in den materiellen ökonomischen Tatsachen lag.“ (Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW, Bd. 19, S. 189)

2. Der Sozialismus als Wissenschaft steht auf dem Boden der objektiven Wirklichkeit

Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte er erst auf einen realen Boden gestellt werden.“ (ebenda, S. 201)

3. Die Analyse der einzelnen Vorgänge und Dinge in der Natur war eine Grundbedingung für gewaltige Erkenntnisfortschritte, hinterließ aber die bornierte metaphysischen Denkweise, indem sie diese zergliedernde Anschauungsweise auf die Weltanschauung übertrug

Die Zerlegung der Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen Naturvorgänge und Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die Untersuchung des Innern der organischen Körper nach ihren mannigfachen anatomischen Gestaltungen war die Grundbedingung der Riesenfortschritte, die die letzten vierhundert Jahre uns in der Erkenntnis der Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand; nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste Bestände; nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem Tod. Und indem, wie dies durch Bacon und Locke geschah, diese Anschauungsweise aus der Naturwissenschaft sich in die Philosophie übertrug, schuf sie die spezifische Borniertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise.“ (ebenda., S. 203)

4. Die moderne Naturwissenschaft liefert täglich Beweise, dass es in der Natur dialektisch und nicht metaphysisch zugeht.

Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises bewegt, sondern eine wirkliche Geschichte durchmacht. (…) Da aber die Naturforscher bis jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt haben, so erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten Resultate mit der hergebrachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in der theoretischen Naturwissenschaft herrscht. ...“ (ebenda., S. 205)

5. Die wissenschaftliche Darstellung der Welt und der Menschheit ist nur auf dialektischem Weg möglich

Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen.“ (ebenda., S. 205)

6. Wissenschaft ist systematische Erkenntnis der Welt

Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenfortschritte machen kann.“ (ebenda., S. 206/207)

7. Die einzelne Wissenschaft wird mit der Bewusstheit über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge überflüssig, geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte

Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klarzuwerden, ist jede besondre Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen - die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.“ (ebenda., S. 207)

8. Die Wissenschaft des Sozialismus ist keine Entdeckung eines genialen Kopfs, sondern das notwendige Erzeugnis des Kampfs zweier geschichtlich entstandener gesellschaftlichen Klassen, Proletariat und Bourgeoisie

Jetzt war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.

Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandnen Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie.“ (ebenda., S. 208)

9. Mit der Entdeckung der materialistischen Geschichtsauffassung und des Mehrwerts als Wesen der kapitalistischen Produktionsweise wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die von nun an weiterentwickelt werden musste

Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische Geschichtsauffassung und die Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts verdanken wir Marx. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die es sich nun zunächst darum handelt, in allen ihren Einzelnheiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.“ (ebenda., S. 209)

10. Sozialistische Wissenschaft ist der theoretische Ausdruck der proletarischen Bewegung

Diese weltbefreiende Tat [die proletarische Revolution] durchzuführen, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen, und damit ihre Natur selbst, zu ergründen und so der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.“ (ebenda., S. 228)

11. Die Entwicklung der Wissenschaft treibt sie zum Nachweis des systematischen Zusammenhangs der Naturvorgänge

Die Einsicht, daß die Gesamtheit der Naturvorgänge in einem systematischen Zusammenhang steht, treibt die Wissenschaft dahin, diesen systematischen Zusammenhang überall im einzelnen wie im ganzen nachzuweisen.“ (Engels, Anti-Dührung, MEW, Bd. 20, S. 34)

12. Jede Wissenschaft geht aus den Bedürfnissen der Menschen hervor

Wie alle andern Wissenschaften ist die Mathematik aus den Bedürfnissen der Menschen hervorgegangen: aus der Messung von Land und Gefäßinhalt, aus Zeitrechnung und Mechanik.“ (ebenda., S. 36)

13. Der marxistisch-leninistische Wissenschaftsbegriff umfasst drei große Bereiche: die unbelebte Natur, die organische Natur, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen

Wir können das ganze Gebiet des Erkennens nach altbekannter Art in drei große Abschnitte teilen. Der erste umfaßt alle Wissenschaften, die sich mit der unbelebten Natur beschäftigen und mehr oder minder einer mathematischen Behandlung fähig sind: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik, Chemie. (…)

Die zweite Klasse von Wissenschaften ist die, welche die Erforschung der lebenden Organismen in sich begreift. Auf diesem Gebiet entwickelt sich eine solche Mannigfaltigkeit der Wechselbeziehungen und Ursächlichkeiten, daß nicht nur jede gelöste Frage eine Unzahl neuer Fragen aufwirft, sondern auch jede einzelne Frage meist nur stückweise, durch eine Reihe von oft Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Forschungen gelöst werden kann; wobei dann das Bedürfnis systematischer Auffassung der Zusammenhänge stets von neuem dazu nötigt, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz mit einer überwuchernden Anpflanzung von Hypothesen zu umgeben. (…)

Noch schlimmer aber steht es mit den ewigen Wahrheiten in der dritten Gruppe von Wissenschaften, der historischen, die die Lebensbedingungen der Menschen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rechts- und Staatsformen mit ihrem idealen Überbau von Philosophie, Religion, Kunst usw. in ihrer geschichtlichen Folge und ihrem gegenwärtigen Ergebnis untersucht.“ (ebenda., S. 81/82)

14. Eine wissenschaftliche Analyse setzt das Begreifen des Wesens einer Sache voraus

daß also eine wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz nur möglich, sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist, ganz wie die scheinbare Bewegung der Himmelskörper nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare Bewegung kennt; ...“ (ebenda., S. 198)

15. Jede Wissenschaft geht von den gegebenen Tatsachen aus und entdeckt in den Tatsachen die Zusammenhänge

Darüber sind wir alle einig, daß auf jedem wissenschaftlichen Gebiet in Natur wie Geschichte von den gegebenen Tatsachen auszugehn ist, in der Naturwissenschaft also von den verschiednen sachlichen und Bewegungsformen der Materie; daß also auch in der theoretischen Naturwissenschaft die Zusammenhänge nicht in die Tatsachen hineinzukonstruieren, sondern aus ihnen zu entdecken und, wenn entdeckt, erfahrungsmäßig soweit dies möglich nachzuweisen sind.“ (Engels, Dialektik der Natur, MEW, Bd. 20, S. 334)

16. Die marxistisch-leninistische Wissenschaft stößt wegen ihrer Parteilichkeit für die Befreiung der Arbeiterklasse von der Lohnsklaverei auf erbitterte Feindschaft der gesamten bürgerlichen Wissenschaft

Die Lehre von Marx stößt in der ganzen zivilisierten Welt auf die erbittertste Feindschaft und den größten Haß der gesamten bürgerlichen Wissenschaft (der offiziellen wie der liberalen), die im Marxismus eine Art „schädlicher Sekte" erblickt. Ein anderes Verhalten kann man auch nicht erwarten, denn eine „unparteiische" Sozialwissenschaft kann es in einer auf Klassenkampf aufgebauten Gesellschaft nicht geben. Jedenfalls ist es Tatsache, daß die gesamte offizielle und liberale Wissenschaft die Lohnsklaverei verteidigt, während der Marxismus dieser Sklaverei schonungslosen Kampf angesagt hat.“ (Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, LW, Bd. 19, S. 3)

17. Der Marxismus-Leninismus ist in sich geschlossen, gab auf die Fragen Antwort, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte

Die ganze Genialität Marx' besteht gerade darin, daß er auf die Fragen Antwort gegeben hat, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte. Seine Lehre entstand als direkte und unmittelbare Fortsetzung der Lehren der größten Vertreter der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus.

Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt.“ (ebenda., S. 3/4)

Im November 2016 verfasste Diethard Möller eine »Kritik an Stefan Engels ‚Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution‘ und den Positionen der MLPD«. Dieses Pamphlet mit dem Titel »Was ist mit der internationalen Revolution?« ist so hanebüchen, dilettantisch und unwissenschaftlich, dass man es eigentlich ignorieren könnte. Da das Dokument, unterzeichnet von Niels Clasen, aber inzwischen von der 1994 in Quito/Ecuador gegründeten Konferenz marxistisch-leninistischer Parteien und Organisationen (CIPOML) 2018 in die internationale Öffentlichkeit getragen wurde, ist eine öffentliche Antwort notwendig.

Auf 30 Seiten hat Diethard Möller versucht, sozusagen en passant den Revolutionären Weg 32-34, der in der Öffentlichkeit unter dem Titel „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution“ erschienen ist, zu „erledigen“. Seiner Meinung nach wird in diesem Buch nur „mit Begriffen jongliert und Verwirrung gestiftet.“ (S. 4) Er wirft dem Buch »idealistische Jubelphrasen von der ‚internationalen Revolution‘« vor, »schwammige Phrasen« (S. 29), »Flucht in schöne Geisteswelten«. Überdies hält er es für völlig ausreichend, das vor mehr als 170 Jahren erschienene Manifest der Kommunistischen Partei von Marx und Engels sowie die Analyse von Lenin über den Imperialismus zu studieren, um die Fragen zu beantworten, die der Klassenkampf zum Sturz des Imperialismus heute aufwirft. Nicht zuletzt wirft er der Schrift die Theorie des Ultraimperialismus von Karl Kautsky und den reaktionären Trotzkismus vor.

[BUCH]

Kann Diethard Möller in seinen Ausführungen diesem vernichtenden Urteil gerecht werden?

1.) beginnt er mit der Behauptung: »Fakten für die doch recht merkwürdige Vorstellung von einem ‚Kartell des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals‘ werden nicht geliefert.« (S. 3f.) Das ist eine eklektizistische Gaunerei, da er geflissentlich den Verweis in der Einleitung auf die Schrift »Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘« übergeht.

Es reicht nicht, dass Möller dieses Buch völlig ignoriert. Er behauptet sogar, dass diese Analyse gar nicht existiert. Das ist nicht nur dreister Eklektizismus, sondern setzt darauf, dass seine Leser nach seiner Behauptung die »Götterdämmerung …« überhaupt nicht in die Hand nehmen. Tatsächlich sind die beiden Bücher »Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘« und »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« zwei aufeinanderfolgende Bände, wobei der erste Band die ökonomische Grundlage der in der »Morgenröte …« entwickelten proletarischen Strategie und Taktik darstellt. In fast 600 Seiten mit 68 Tabellen und 31 Grafiken wurden für die These der Neuorganisation der internationalen Produktion nicht nur genügend »Fakten geliefert«, sondern eine unwiderlegbare Beweisführung für die allseitige Diktatur des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals ausgearbeitet.

2.) kritisiert Diethard Möller: »Offensichtlich werden Marx, Engels, Lenin, Stalin in seinem Buch nur als Schmuckstücke angeführt, die den Glanz des Meisters erhöhen sollen, statt sich mit ihren wirklichen, realen und dialektisch-materialistischen Analysen ernsthaft auseinanderzusetzen. Wir könnten hier noch zahlreiche zusammen gestutzte Zitate anführen. Und wenn Marx, Engels, Lenin und Stalin bereits alles gesagt haben, die angeblich alle Stefan Engels Thesen, ohne diese zu kennen, bestätigt haben, dann stellt sich die Frage, was wirklich neu ist. An dieser Stelle wird es immer schwammig, wie z.B. bei der Frage, ob der Staat nun noch reale Macht hat oder nicht.« (S. 18)

Diese Darstellung verkennt vollständig die Notwendigkeit in der theoretischen Arbeit, entsprechend dem dialektischen Prinzip der Vereinigung von Analyse und Synthese immer von der grundsätzlichen Seite, das heißt von den Klassikern des Marxismus-Leninismus und den Mao Zedong-Ideen auszugehen, wenn man eine konkrete Analyse macht. Deshalb sind die vielen Zitate von Marx und Engels keine »Schmuckstücke« (S. 18), sondern eine wissenschaftliche Ausgangssynthese, von der jede konkrete Analyse ausgehen muss. Das Zerreißen des Prinzips von Analyse und Synthese muss entweder zum Dogmatismus oder zum Revisionismus führen.

Für Möller sind Klassikerzitate nur »Schmuckstücke«. Er begreift nicht, dass sie dazu dienen, das Wesen ihrer Schriften zu verstehen und ihre allgemeingültigen Aussagen von dem konkreten, zeitbedingten Text zu trennen. Diese Unterscheidung zwischen grundsätzlichen Aussagen der Klassiker und zeitbedingten Aussagen ist Diethard Möller fremd, wenn er behauptet, dass viele Thesen in der Analyse der »Götterdämmerung …« und der »Morgenröte …« bereits bei den Klassikern zu lesen seien.

3.) Offensichtlich kann Diethard Möller mit den Zitaten der Klassiker nicht viel anfangen, wenn er sie als »Schmuckstücke« abtut, mit denen sich der Autor hervorheben will. So kritisiert er in seinem Pamphlet: »So spricht Engel von ‚Übermonopolen‘… Die Wortschöpfung von Engel soll aber wohl aussagen, dass es etwas ganz Neues gibt, das Lenin nicht kannte und über dem Monopol steht.« (S. 4) »Soll eine solche Wortschöpfung einschüchtern und die ‚Größe‘ ihres Schöpfers beweisen?« (S. 4), fragt Möller ironisch. Diese Kritik zeigt nur, dass Diethard Möller vom Marxismus-Leninismus keine Ahnung hat. Der Begriff Übermonopol ist nicht etwa eine Wortschöpfung in meiner Schrift, sondern wird bereits von Lenin in seinem weltberühmten und für alle Marxisten-Leninisten grundlegenden Buch »Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« verwendet. Lenin bezeichnet dort „eine neue Stufe der Weltkonzentration des Kapitals und der Produktion, eine unvergleichlich höhere Stufe als die vorangegangenen. Wir wollen sehen, wie dieses Übermonopol heranwächst“. (Lenin, Werke, Band 22, Seite 250 – Hervorhebung Verf.). Damals war diese Aussage Lenins noch eine These, eine Prognose für die Zukunft, weil solche Übermonopole sich erst herauszubilden begannen. Wir haben uns 100 Jahre später damit befasst, was aus dieser These geworden ist. Die Übermonopole sind nicht mehr nur eine Besonderheit des imperialistischen Weltsystems, sondern zur Allgemeinheit geworden. Sie haben sich gemeinsam zu einem allein herrschenden internationalen Finanzkapital zusammengefunden, das der ganzen Weltwirtschaft ihr Diktat verordnet.

Als unsere Genossen in einer mündlichen Kritik Diethard Möller auf diesen Lapsus aufmerksam machten, hat er diese Stelle aus seinem Pamphlet stillschweigend gestrichen, ohne irgend ein selbstkritisches Wort zu verlieren oder seine damit verbundene Herabsetzung des Leiters des theoretischen Organs der MLPD „Revolutionärer Weg“ auch nur im geringsten zurückzunehmen.

Was allerdings soll die Kritik an »Wortschöpfungen« bringen? Jede theoretische Arbeit muss auch neue Begriffe für neue Erscheinungen und wesentliche Veränderungen hervorbringen, um sie richtig zu qualifizieren und auf den Punkt zu bringen. Die Aufgabe der konkreten Analyse der konkreten Situation ist es gerade, sich mit diesen neuen Fragen auseinanderzusetzen und damit die marxistisch-leninistische Theorie zu erweitern, zu konkretisieren und auch weiterzuentwickeln. Das entspricht auch dem dialektischen Prinzip, immer feinere Begriffe zu bilden, um den Prozess vom Wesen zum immer tieferen Wesen richtig zu qualifizieren. Aber ein solches Verständnis kann man von Diethard Möller nicht erwarten. Er meint, dass 100 Jahre Entwicklung des Imperialismus bereits im Kommunistischen Manifest vor 170 Jahren nachzulesen sei. Damals gab es den kapitalistischen Imperialismus noch gar nicht. Lenin sah die Herausbildung des Imperialismus etwa um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert.

4.) fragt Diethard Möller: »Was soll am ‚internationalen Charakter der Produktion‘ neu sein? Schon im Kommunistischen Manifest beschreiben Marx und Engels, wie das Kapital den Weltmarkt schafft und sich die gesamte Welt unterordnet …«. (S. 5)

Kann es wirklich sein, dass Diethard Möller der fundamentale Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Vorhersage und ihrem Eintreten in der Wirklichkeit entgangen ist? Natürlich hat bereits der Kapitalismus eine Tendenz der Ausweitung der politischen Ökonomie auf den Weltmarkt geschaffen. Aber Marx konnte nur von einer Handvoll kapitalistischer Länder ausgehen, in denen sich überhaupt der Kapitalismus durchgesetzt hatte. Der Weltmarkt hatte erst begonnen, sich zu entwickeln und entwickelte sich auf der Basis dieser Tendenz. Das hatte allerdings mit dem internationalen Charakter der kapitalistischen Produktion noch nichts zu tun. Denn die Organisationsform der kapitalistischen Produktion hatte im Zeitalter der freien Konkurrenz, ja selbst im imperialistischen Zeitalter bis zu Beginn der 1990er Jahre nationalstaatlichen Charakter. Der Nationalstaat wurde zur Notwendigkeit, damit sich der Kapitalismus überhaupt entwickeln konnte. Deshalb hatten auch der Kampf um die Schaffung von Nationalstaaten gegenüber der vorherrschenden feudalen Kleinstaaterei und der antiimperialistische Kampf der Kolonien zur Bildung eigener Nationalstaaten einen fortschrittlichen Charakter. Nationalstaat und Herausbildung des Kapitalismus bilden also eine grundlegende internationale Einheit.

Heute haben wir es allerdings damit zu tun, dass eben diese nationalstaatliche Produktion nicht mehr die hauptsächliche Organisationsform des Kapitals ist, sondern dass heute die länderübergreifende Produktion, Handel und Verteilung typisch sind und damit die immer noch notwendige politische Organisationsform des Nationalstaats mehr und mehr sprengen. Von dieser Möglichkeit noch im Kapitalismus sind weder Marx noch Lenin ausgegangen. Diesen kleinen Unterschied schiebt Diethard Möller in seinem Dogmatismus geflissentlich beiseite, obwohl er für die Daseinsweise der internationalen Monopole und ihrer Nationalstaaten fundamental ist.

5.) meint Möller: »Lenin hat sehr treffend die besonderen Merkmale des Imperialismus analysiert und dazu Fakten geliefert. Was soll nun neu sein?«. (S. 6) Dass Lenin damals die besonderen Merkmale des Imperialismus treffend analysiert und die Fakten geliefert hat, will niemand bestreiten. Aber diese Merkmale waren zeitweilig auf die damalige Situation bezogen. Inzwischen haben sich eine ganze Reihe neuer Merkmale des Imperialismus herausgebildet, einige alte sind verschwunden.

Solche waren der Übergang vom monopolistischen Kapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus, die Ersetzung des alten Kolonialsystems durch ein neokoloniales System des Imperialismus, die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion mit der Herausbildung eines bürokratischen staatsmonopolistischen Kapitalismus neuen Typs, die Neuorganisation der internationalen Produktion seit den 1990er Jahren, aber auch die Herausbildung einer Reihe neuimperialistischer Länder auf dieser Basis und nicht zuletzt die gesetzmäßige Zerstörung der Umwelt als unabdingbares Gesetz des Imperialismus in seiner fortgeschrittenen Phase heute. Diese neuen Erscheinungen und wesentlichen Veränderungen kamen bei Lenin selbstredend nicht vor.

Solche Merkmale kann man allerdings nur erforschen, wenn man eine umfassende und allseitige Analyse der neuen Erscheinungen und wesentlichen Veränderungen der Wirklichkeit durchführt, wie es die MLPD in ihrem System „Revolutionärer Weg“ seit 1969 macht. Jede einzelne der bisher 35 Nummern untersuchte ein Problem, das im Brennpunkt stand, alle Nummern zusammen bilden ein System zur praktischen Lösung der Aufgaben des Parteiaufbaus und Klassenkampfs.

6.) Diethard Möller behauptet, die Qualifizierung einer Internationalisierung des Klassenkampfes sei »sehr dürr und vor allem im ökonomischen Teil nicht belegt«. (S. 3) Das Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« zeigt auf, dass auf der Grundlage der Neuorganisation der internationalen Produktion »länderübergreifende Streiks in den Betrieben internationaler Übermonopole zu einer neuen Erscheinung geworden (sind). Sie erschüttern die kapitalistische Produktion am tiefsten und haben die Tendenz, schnell auf andere Länder überzugreifen, sich über Ländergrenzen hinweg zu einer Streikwelle auszudehnen.« (S. 385)

Auch Erscheinungsformen wie eine länderübergreifende revolutionäre Gärung in Lateinamerika nach der Jahrtausendwende oder der „Arabische Frühling“ 2011 sind nur auf der Grundlage des internationalisierten Charakters der Produktion überhaupt zu verstehen.

Diese neuen Erscheinungen der Internationalisierung der Klassenkämpfe interessieren den Zirkeltheoretiker Diethard Möller nur wenig. Hätte er sie hinterfragt, so wäre er vielleicht auf die Fragestellung gekommen, aus welchem Grund sich neben dem nationalen Klassenkampf auch ein internationaler, länderübergreifender Klassenkampf herausbildete. Das muss eine ökonomische Grundlage haben, die wir in der Analyse der »Götterdämmerung …« entwickelt haben.

Die große Bedeutung dieser Analyse besteht darin, dass die These von Lenin von der Kettenreaktion sozialistischer Revolutionen in den bedeutendsten imperialistischen Ländern nach der Oktoberrevolution nicht eingetreten ist. Die Kette zerriss zwar in der Oktoberrevolution, der Siegeszug der proletarischen Revolution wurde aber in Deutschland und in Europa nicht fortgesetzt, sondern von der Reaktion im Blut erstickt. Lenin wertete diese Tatsache 1923 selbstkritisch aus und führte das darauf zurück, dass die Internationalisierung des Imperialismus noch nicht so weit fortgeschritten war, dass sich daraus ein internationaler Klassenkampf entwickelt hat:



»Wir stehen somit gegenwärtig vor der Frage: Wird es uns gelingen, angesichts unserer klein- und zwergbänerlichen Produktion, angesichts der Zerrüttung unserer Wirtschaft so lange durchzuhalten, bis die westeuropäischen kapitalistischen Länder ihre Entwicklung zum Sozialismus vollenden werden? Aber sie vollenden diese Entwicklung nicht so, wie wir es früher erwartet haben. Sie vollenden sie nicht dadurch, daß der Sozialismus in diesen Ländern gleichmäßig 'ausreift'', sondern auf dem Wege der Ausbeutung der einen Staaten durch die anderen, auf dem Wege der Ausbeutung des ersten während des imperialistischen Krieges besiegten Staates, verbunden mit der Ausbeutung des gesamten Ostens. Der Osten anderseits wurde eben infolge dieses ersten imperialistischen Krieges endgültig von der revolutionären Bewegung erfaßt und endgültig in den allgemeinen Strudel der revolutionären Weltbewegung hineingerissen.« („Lieber weniger, aber besser“, Lenin, Werke, Bd. 33, S. 487 – Hervorhebung Verf)

Solche Aussagen Lenins sind Möller offensichtlich völlig unbekannt. Das wäre allerdings ein Anlass, etwas bescheidener aufzutreten und sich erst einmal sachkundig zu machen, bevor er seine unsinnigen Attacken in die Welt hinausplustert.

7.) Völlig absurd ist der Vorwurf von Möller an die MLPD, sie würde der opportunistischen Theorie Kautskys vom „Ultraimperialismus“ folgen und sich auf »die Analyse Kautskys, eines Opportunisten und Verräters, (…) stützen.« Zu diesem Zweck hätten »Stefan Engel und sein Autorenkollektiv (…) Lenin `passend‘ zurecht gestutzt.« ( S. 9) Stein des Anstoßes ist eine Aussage von Lenin, indem dieser Kautskys revisionistische Theorie einer dialektischen Kritik unterzieht: »Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Entwicklung in der Richtung auf einen einzigen, ausnahmslos alle Unternehmungen und ausnahmslos alle Staaten verschlingenden Welttrust verläuft. Doch diese Entwicklung erfolgt unter solchen Umständen, in einem solchen Tempo, unter solchen Widersprüchen, Konflikten und Erschütterungen - keineswegs nur ökonomischen, sondern auch politischen, nationalen usw. usf. -, daß notwendigerweise, bevor es zu einem einzigen Welttrust, zu einer 'ultraimperialistischen' Weltvereinigung der nationalen Finanzkapitale kommt, der Imperialismus unweigerlich bersten muß, daß der Kapitalismus in sein Gegenteil umschlagen wird. « (Lenin, Werke, Bd. 22, S. 106)

Aus diesem Zitat Lenins geht hervor, dass er durchaus die von Kautsky angenommene Tendenz zu einem »alle Staaten verschlingenden Welttrust« sah. Der Widerspruch Lenins zu Kautsky bestand allerdings darin, dass diese Entwicklung im Kapitalismus nicht zu Ende gehen konnte, weil der Imperialismus vorher bersten und an seinen Widersprüchen zugrunde gehen muss. Diese differenzierte Sichtweise ist Diethard Möller völlig fremd. Er streitet die Tendenz zu einem »alle Staaten verschlingenden Welttrust« einfach ab, ohne Lenins Einwand zu verstehen.

Im Unterschied zu Möllers unzutreffender Effekthascherei wird in dem Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« Lenins Polemik gegen Kautsky auf die heutige Entwicklung der Neuorganisation der internationalen Produktion konkretisiert: »Während Kautsky von einem friedlichen Hineinwachsen des Imperialismus in den Sozialismus träumte, um sich mit ihm auszusöhnen und dem Klassenkampf und der proletarischen Revolution abzuschwören, unterschied Lenin zwischen dem objektiven Prozess der Internationalisierung der Produktion im imperialistischen Weltsystem und der subjektiven Notwendigkeit, den Imperialismus durch die proletarische Revolution zu stürzen.« (S. 144) Das lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig.

Dieses Zitat hat Möller in seinem Übereifer natürlich überlesen, um der MLPD den »Ultraimperialismus« Kautskys zu unterstellen. Dabei zeigt dieser Vorwurf nur, dass er die prinzipielle Kritik Lenins an Kautsky nicht im geringsten begriffen hat.

8.) Am absurdesten ist der Vorwurf des Trotzkismus an die MLPD. Wie viele Dogmatiker vermutet, gleich der Reaktion eines Pawlowschen Hundes, auch Diethard Möller hinter dem Begriff der internationalen Revolution sofort den Trotzkismus. Die Strategie der internationalen Revolution oder auch der Weltrevolution ist grundlegender Bestandteil des Marxismus von seinen Anfängen an. Die »Morgenröte …« weist nach, dass sich der konkrete Gehalt dieser internationalen Revolution allerdings mit der gesellschaftlichen Vorwärtsentwicklung jeweils geändert hat und auch die unterschiedlichen Klassiker jeweils eine andere konkrete Strategie und Taktik zur Verwirklichung der internationalen Revolution durchführten.

Marx und Engels gingen von einer gleichzeitigen, einheitlichen Revolution zumindest in den entwickelten kapitalistischen Ländern in Europa und Nordamerika aus. Lenin ging aufgrund der Analyse des Imperialismus und dessen unterschiedlicher Entwicklung von einer Kettenreaktion von Revolutionen aus, die im schwächsten Kettenglied des imperialistischen Weltsystems beginnen und nach und nach alle kapitalistischen Länder erfassen würde.

Stalin sah im Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion das Bollwerk des internationalen Klassenkampfs, das als revolutionäres Zentrum die internationale Revolution vorantreiben würde. Mao Zedong konkretisierte die Strategie der internationalen sozialistischen Revolution durch die Strategie der neudemokratischen Revolution und die Strategie und Taktik des langanhaltenden Volkskriegs in kolonial abhängigen Ländern.

Mit der Neuorganisation der internationalen Produktion als einer neue Phase des Imperialismus seit Anfang der 1990er Jahre verändert sich der konkrete Gehalt der Strategie der internationalen Revolution erneut. Sie muss sich auf der Basis der Neuorganisation der internationalen Produktion und des internationalen Klassenkampf allseitig auf das imperialistische Weltsystem beziehen. Sie umfasst den proletarischen Klassenkampf und den antiimperialistischen Befreiungskampf in mehr oder weniger allen Ländern der Welt. Die internationale Revolution wird sich als wechselseitiger Prozess zeitlich versetzter und in ihrem Charakter unterschiedlicher Revolutionen in den einzelnen Ländern entfalten, die sich gegenseitig revolutionieren, miteinander kooperieren bzw. miteinander koordiniert werden müssen.

Daraus ergibt sich für die Marxisten-Leninisten auf der ganzen Welt die neue Anforderung, dass sie für die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution eine gemeinsame Verantwortung haben. Die Dialektik der Strategie und Taktik der internationalen sozialistischen Revolution verlangt die Einheit von nationaler Form und internationalistischem Inhalt, von nationalen und internationalen Organisationsformen, von nationaler Eigenständigkeit und internationaler Koordinierung und Revolutionierung der Klassenkämpfe usw.

Diese in der »Morgenröte …« ausführlich dargestellte grundsätzliche und konkrete Entwicklung des internationalen Charakters der sozialistischen Revolution begreift Diethard Möller nicht oder will es nicht begreifen. Er macht für seine Begriffsstutzigkeit unsere konkrete Analyse verantwortlich, indem er sie als Traum von »abstrakten Wünschen und Hoffnungen« abtut.

Die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution wurde in internationalen Organisationsformen wie der ICOR oder dem ILPS längst in Angriff genommen. Dort arbeiten unterschiedliche revolutionäre Organisationen und Parteien in einer gemeinsamen antiimperialistischen Praxis zusammen und treiben auf dieser Grundlage die ideologisch-politische Vereinheitlichung voran, die notwendig ist, um in einer internationalen sozialistischen Revolution den Klassenkampf aller Länder zu einer Weltrevolution zu vereinen.

Allerdings war für den Demagogen und kleinbürgerlichen Karrieristen Trotzki die internationale sozialistische Revolution keineswegs nur eine »abstrakte Phrase«, wie Möller schreibt. Möller verschont in seinem Eifer, die MLPD mit Trotzki gleichzusetzen, den arbeiterfeindlichen Klassencharakter des Trotzkismus. Trotzki und seine Anhänger bekämpften nicht nur den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion, sondern sie wurden auch erbitterte Feinde der internationalen sozialistischen Revolution und der Kommunistischen Internationale. In der »Morgenröte …« werden diese trotzkistischen Attacken nachgewiesen und die Merkmale des Trotzkismus als antikommunistische Speerspitze zur Zersetzung der internationalen revolutionären und Arbeiterbewegung damals und heute herausgearbeitet. (S. 74-77)

Es ist eine schräge Scharlatanerei, dass Möller unsere umfassende Polemik gegen die Trotzkisten ignoriert, um uns mit einem begrifflichen Trick mit den Trotzkisten gleichzusetzen. Diese feindselige Methode ist nicht geeignet, eine sachliche Auseinandersetzung über die heutigen Fragen der Zeit zu führen, sondern eine liquidatorische Attacke auf den marxistisch-leninistischen Charakter der MLPD. Damit disqualifiziert sich Möller als potenzieller Verbündeter der internationalen marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung.

Dabei hat die revolutionäre Praxis in Deutschland längst bewiesen, dass der lokale Zirkel der Möller-Gruppe in den letzten 40 Jahren nicht in der Lage war, einen tatsächlichen Beitrag für den Parteiaufbau oder für die Einheit der internationalen marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung zu leisten. Um seine Bedeutungslosigkeit in Deutschland zu kaschieren, tritt er auf internationalen Konferenzen wie in Quito als großer Theoretiker auf, obwohl ihm in Deutschland jede Basis im Klassenkampf abhanden geht. Vielleicht ist ihm nicht entgangen, dass die MLPD dagegen seit 50 Jahren den Parteiaufbau erfolgreich vorangetrieben hat, seit ihrer Gründung ihre revolutionäre Kleinarbeit auf immer mehr Bereiche ausgeweitet hat und heute zu einer international anerkannten Kraft in der internationalen marxistisch-leninistischen Bewegung geworden ist. Aber vielleicht ist es das, was Diethard Möller so anspornt, die MLPD mit Dreck zu bewerfen

9.) »Das ist kein Marxismus, sondern eine extreme Verflachung und ein Zeichen für geistigen Bankrott«, (S. 30) empört sich Diethard Möller am Schluss seines Pamphlets. Er merkt gar nicht, dass sein vernichtendes Urteil auf ihn selbst zurückfällt.

Warum hat Möller sich nicht einmal ansatzweise und ein wenig bescheidener mit den neuen Fragen der sozialistischen Revolution unter den Bedingungen der Internationalisierung der kapitalistischen Produktionsweise befasst? Wäre er doch einmal selbstständig der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen die globale Ausreifung der materiellen Grundlagen des Sozialismus, das ungeheure Wachstum des internationalen Industrieproletariats und die Entwicklung grenzüberschreitender Kämpfe auf den proletarischen Klassenkampf haben. Stattdessen trägt Diethard Möller aus der marxistisch-leninistischen Literatur alte, historisch bedingte Antworten für die Lösung neuer Probleme und veränderter Aufgaben vor.

Hätte er wenigstens begonnen, sich mit den differenzierten Schlussfolgerungen der MLPD aus den nachweislichen Veränderungen des nationalen und internationalen Klassenkampf konkret und sachlich auseinanderzusetzen, anstatt seinen ganzen Ehrgeiz in konstruierte Beweise für einen vermeintlichen MLPD-Trotzkismus und diffamierende Angriffe auf meine Person zu legen. Dann wäre ihm ein so peinlicher Auftritt vielleicht erspart geblieben, und er hätte unter Umständen einen nützlichen Beitrag für die internationale marxistisch-leninistische, revolutionäre und Arbeiterbewegung leisten können.

Mögen alle diejenigen, insbesondere die Teilnehmer der Quito-Konferenz (CIPOML), die von dem Pamphlet von Diethard Möller Kenntnis bekommen haben, sich ein eigenes Urteil bilden. Dazu ist es unumgänglich, sich mit den Analysen und Schlussfolgerungen selbst zu befassen, welche die MLPD in den beiden Büchern »Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘« und »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« ausgearbeitet und der internationalen marxistisch-leninistischen, revolutionären und Arbeiterbewegung zur theoretischen Diskussion und praktischen Zusammenarbeit vorgelegt hat.

Stefan Engel, Juli 2019

Stefan Engel und Achim Czylwick

An einen Genossen zur Entwicklung der ZKK

Lieber Genosse,

ich bin nun dazu gekommen, mich mit deinem umfangreichen Material zur Entwicklung der Kontrollkommissionen in der UdSSR vor und nach Lenins Tod zu befassen. Das ist wirklich eine sehr wichtige und auch interessante Zusammenstellung von Dokumenten, die einen tieferen Einblick in den Kampf um die Linie bzw. den Kampf zweier Linien um die Entwicklung und den Aufbau der unabhängigen Kontrolle geben.

Die vielen englischen Textstellen machten mir besondere Mühen, mehr als sie rudimentär zu vergegenwärtigen, ist mir auf Grund meiner geringen Sprachkenntnisse nicht gelungen. Ich muss noch schauen, wie sie übersetzt werden, weil es für deren abschließende Bewertung auf eine exakte Übersetzung ankommt.

Dass Du aus dem Material u.a. den Schluss ziehst, der Abbau und das Abrücken von den von Lenin entwickelten Prinzipien wäre schon durch Lenin selbst eingeleitet worden, ist für mich nicht ansatzweise zu erkennen. Hier gilt weiter, was ich Dir dazu schon geschrieben habe.

Was das Material sehr gut zeigt, ist zum einen den Kampf um die Linie des Aufbaus der ZKK durch Lenin und den Übergang zum latenten Linienkampf um die Stellung zur unabhängigen Kontrolle des ZK nach seinem Tod. Ob es um die Stellung zur ZKK auch einen offen geführten Kampf im ZK und zwischen ZKK und ZK gab, ist aus dem Material nicht zu erkennen.

Nach wie vor ist es ein Problem für die Untersuchung der Rolle der ZKK, dass das Material, was wir zur Verfügung haben, über die Arbeit der ZKK spricht, uns aber kein Dokument der Arbeit der ZKK selbst aus dieser Zeit vorliegt.

Für Lenin war der Sozialismus eine Übergangsgesellschaft, in der der Klassenkampf weiterzuführen ist, dass zum Aufbau des Sozialismus die historischen Gesetze zur Lösung der politischen und ökonomischen Fragen zu entdecken und anzuwenden sind.1

Zu den Gedanken, die sich Lenin dazu machte, u.a. in „Staat und Revolution“, gehörten die Gedanken zum Aufbau eines Systems der Kontrolle in Partei und Staat. In der Schrift „Staat und Revolution“ entwickelt er die grundlegende dialektische Methode der Einbeziehung der Massen in die Rechnungsführung und Kontrolle, um über diese Verantwortung ein sozialistisches Bewusstsein zu fördern und zu erreichen. Das war für ihn ein Prozess über Generationen und konnte nur mittels der führenden Rolle der Partei verwirklicht werden. Dies wiederum steht und fällt damit, mit dem kleinbürgerlichen Bürokratismus in den eignen Reihen fertigzuwerden. Dieses Geschwür der alten Gesellschaft, das sich im Sozialismus neu formierte und neue Träger fand, stand für Lenin im antagonistischen Widerspruch zum sozialistischen Aufbau und der Verwirklichung der führenden Rolle der Partei.

Das Prinzip der unabhängigen Kontrolle, das Lenin in dem Zusammenhang entwickelte, dass diese nur durch ein Organ gewährleistet werden kann, das von jeder Form der Leitungs- oder Verwaltungsarbeit entbunden ist, das mit der Autorität des Parteitages agiert und eine Arbeits- und Organisationsform entwickelt, um „Kritiken zu fördern und Fehler zu korrigieren“,2 war ein genialer Gedanke. Es war für Lenin ein Kernstück des zu entwickelnden Systems der Kontrolle mit „sozialistischem Charakter“. Dass diese Erziehungsarbeit der Herausbildung des sozialistischen Bewusstseins dienen muss, hatte er in seiner Schrift zur „Großen Initiative“ herausgearbeitet.

Die Ausrichtung auf die Entwicklung der unabhängigen Kontrolle war die in dem Zusammenhang angewandte dialektische Methode zur Objektivität der Betrachtung in der Behandlung der Widersprüche in der Partei. Die ZKK sollte weder schlichten noch sich auf eine Seite schlagen, sondern unabhängig und „ohne Ansehen der Person“, bei „strengster Korrektheit in allen Angelegenheiten“ agieren, was natürlich die Anwendung und Handhabung der revolutionären Linie einschloss. Dazu muss jede Verstrickung mit Leitungs- und Verwaltungsaufgaben ausgeschlossen werden, was angesichts des Mangels an geeigneten Kadern sehr schwer war und zu bestimmten Kompromissen führte. Darauf komme ich noch zu sprechen.

Ausgehend von diesen prinzipiellen Überlegungen von Lenin geht aus dem von Dir zusammengestellten Material ein Kampf um den Aufbau eines entsprechenden Systems der Kontrolle mit sozialistischem Charakter hervor, der sich in drei Phasen gliedern lässt:

Die Phase des Kampfs um die Entwicklung und um die Arbeitsweise der unabhängigen Kontrolle durch Lenin, bis zum Vorschlag der Zusammenlegung von ZKK und Arbeiter- und Bauerninspektion (ABI). Die Schrift von Lenin „Lieber weniger, aber besser“ stellt hier eine Art Vermächtnis und Ausrichtung für diesen Kampf dar.

Dann die Phase des latenten Linienkampfs um die Aufgabenstellung der ZKK und der ABI, in der sich eine schleichende Auflösung grundlegender Prinzipien Lenins zur unabhängigen Kontrolle durchsetzte.

Schließlich die Auflösung der unabhängigen ZKK und der ABI und der Übergang zu einer einseitigen Kontrolle von oben.

Zur ersten Phase des Kampfes um die Entwicklung des Systems der Kontrolle durch Lenin:

In dieser ging es um den Aufbau und die Entwicklung einer Kontrolle mit „sozialistischem Charakter“ darum, welche Aufgaben, Mittel und Methoden dafür zu bestimmen sind. Wie Lenin sich das vorstellte, geht u.a. aus der Resolution des X. Parteitags der KPR(B) vom März 1921 „Über die Kontrollkommissionen“ hervor, die Du ja auch zitierst. Aus dem Material geht hervor, dass sich die hier bestimmte Kontrolle auf die richtige Behandlung der Widersprüche bezieht, dass in der Bearbeitung von Beschwerden eine wesentliche Erkenntnisgrundlage für den sozialistischen Aufbau liegt und vor allem deshalb diese von einem unabhängigen Organ untersucht werden müssen, dass die Arbeit der Leitungen zu kontrollieren ist, um sicher zu stellen, dass sie am sozialistischen Ziel arbeiten.

Es sind noch viele andere Elemente zu erkennen, die zur Bestimmung einer Kontrolle mit „sozialistischem Charakter der Kontrolle“ dienen. Dabei steht die Unabhängigkeit dieser Kontrolle von den Parteileitungen und staatlichen Institution im Mittelpunkt. So durften ZK-Mitglieder, die in die Bearbeitung von Beschwerden von der ZKK einbezogen oder zeitweilig kooptiert wurden, nicht mitstimmen, wenn es um ihre unmittelbaren Angelegenheiten oder ehemaligen Verantwortungsbereiche ging.

Dass im Aufbau der Kontrolle mit sozialistischem Charakter und der richtigen Arbeitsweise der ZKK auch experimentiert wurde, hat nichts mit „Versuch und Irrtum“ zu tun oder gar einer Abkehr von den Prinzipien Lenins, wie Du das interpretierst. Dieses Experimentieren bei Festhalten an den Grundlinien zeigt sich in der modifizierten Ausrichtung auf die ABI. Sie sollte zunächst nur eine vorübergehende Einrichtung sein, weil die Kontrolle zu einer Massenbewegung werden sollte. Das konnte angesichts der Umstände nicht verwirklicht werden, so der Vorschlag, die Autorität und Effektivität der ABI mit der Zusammenlegung von ZKK und ABI zu erhöhen. Wir müssen diese Dinge immer im Kontext der grundlegenden Überlegungen Lenins bewerten und nicht aus sich heraus.

Die damalige Herausforderung, eine solche sozialistische Kontrolle nach der Oktoberrevolution zu entwickeln, war enorm. Zum Einen war es überhaupt eine neue Aufgabenstellung in der Geschichte der Menschheit, die bisher noch nicht zur Lösung stand. Zum Zweiten musste das in einer sehr komplizierten historischen Situation angepackt und gemeistert werden. Nach der Oktoberrevolution ging es um komplizierte Übergänge, so von einer vornehmlich militärischen Organisationsform der Partei zu einer demokratischen, oder dass die Übergänge zum sozialpolitischen Aufbau nur mit Hilfe der neuen ökonomischen Politik zu meistern waren und in weiten Teilen des Landes immer noch der Bürgerkrieg tobte, einschließlich der Sanktionen der imperialistischen Länder.

In einer solchen Situation an den Aufbau eines Systems der sozialistischen Kontrolle zu denken, in dessen Mittelpunkt die unabhängige Kontrolle der verantwortlichen Leitungen rückte, offenbart nicht nur den strategischen Weitblick von Lenin, sondern dass in diesem System eines sozialistischen Charakters der Kontrolle, die unabhängige Kontrolle der verantwortlichen Leitungen eine Schlüsselfrage ist und werden wird. Es ging in dieser komplizierte Lage darum, richtige Wege zu finden, um „Kritik zu entfalten und Fehler zu korrigieren“.

So wenig man ein Gebäude ohne die Gesetze der Statik errichten kann, wenn es tragfähig sein soll, so wenig kann es eine Entwicklung eines Systems der Kontrolle geben, ohne Beachtung dessen prinzipieller Seiten. Wie sollten denn z.B. die „ständige Kontrolle über die Arbeit der leitenden Organe der Partei seitens der öffentlichen Meinung der Partei“ vonstatten gehen, ohne dass dies durch die unabhängige Kontrolle gefördert und geschützt wird? Du hast auch in der Geschichte der MLPD dafür ein schlagendes Beispiel, als die ZKK mit ihren Aufrufen zur revolutionären Wachsamkeit gegen das Liquidatorentum 1976 in der Zentralen Leitung des KABD die ganze Partei, ihre „öffentliche Meinung“ als Hauptkraft mobilisiert wurde.

Dass die von Dir zitierten bürgerlichen Historiker das Wesen des Kampfes um den sozialistischen Charakter der Kontrolle und die Bedeutung der Unabhängigkeit der ZKK nicht begreifen oder erkennen, liegt doch auf der Hand. Darum können sie auch nicht ernsthaft zur Beurteilung von Lenins Strategie der unabhängigen Kontrolle ins Feld geführt werden. Sie können von ihrem bürgerlichen Herangehen nur sehen, dass die ZKK sich bei Streitigkeiten für eine Seite entscheiden musste und damit in die Auseinandersetzungen hineingezogen wurde. Die ZKK hat sich überhaupt nicht „für eine Seite“ zu entscheiden. Sie überprüft die Standpunkte von den Grundsätzen der Linie der Partei und nimmt eine eigenständige Bewertung vor. Daher die Aufforderung von Lenin, ohne „Ansehen der Person“ zu agieren. Dieses prinzipielle Herangehen ist in zugespitzten Auseinandersetzungen die einzige Möglichkeit, die Unabhängigkeit zu wahren und durchzusetzen.

Alle von Dir angeführten Zitate von sogenannten Historikern sind darin identisch, dass sie das Wesen der Sache, die Entwicklung und Herausbildung eines Systems der Kontrolle mit sozialistischem Charakter nicht nur nicht begreifen, sondern nicht mal annähernd das Wesen oder die damit zu leistende historische Anforderung erkennen.

In dem Zusammenhang verstehe ich nicht, was dich dazu bewog, völlig unkommentiert und ohne jeden Zweifel die Darstellung von Isaak Deutscher über die ZKK aus seiner Stalin-Biografie wiederzugeben. Diese Darstellung diskreditiert die Gedanken und Prinzipien von Lenin. Er reißt einzelne Aufgaben der ZKK aus dem Zusammenhang, um zu folgern, dass es Lenin darum ging, „Abweichen vom puritanischen Lebensstil“ zu bestrafen und die „Säuberungsaktionen“ erfunden habe, um „Zauderer, Zweifler und Dissidenten“ loszuwerden. So denkt ein Kleinbürger und Antikommunist, in dessen Weltbild die Kontrolle der Konkurrenz dient, der Unterdrückung und Machtausübung.

In der bürgerlichen Ideologie ist die Kontrolle Teil des Systems der Unterdrückung und Überwachung, was der Autor mutwillig nun dem Sozialismus und Lenin unterschieben will, um ihn als Terrorherrschaft zu diskreditieren. Es wäre eine lohnenswerte Aufgabe gewesen das aufzudecken. Stattdessen schreibst Du:

„Die Dokumente, die ich einsehen konnte, lassen keine schon vor 1920/21 existierenden ,Prinzipien Lenins‘ erkennen, bestätigen eher, dass er während der letzten Jahre seines Lebens aufgrund veränderter Bedingungen mehrfach neue Lösungen vorschlug. Das entspricht durchaus Forderungen, die Marx und Engels im ,Kommunistischen Manifest‘ herausstellten: ,Die Kommunisten … stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen.‘ (MEW 4, S. 474)“

Das ist eine völlig willkürliche Interpretation. Der Satz, den Du hier von Marx und Engels zitierst, richtet sich gegen die utopischen Sozialisten mit ihren erdachten Gesellschaftsentwürfen, ist aber keinesfalls ein Appell, ohne prinzipielle Klarheit an neue Aufgaben zu gehen. Ich habe schon oben mit einem Hinweis auf Marx darauf hingewiesen, dass es bei Prinzipien für den sozialistischen Aufbau um das Definieren von historischen Gesetzen geht, die für diese Übergangsgesellschaft gelten. In diesem Fall um die Entwicklung eines Systems der Kontrolle und Selbstkontrolle zur Sicherung der Arbeit auf der proletarischen Grundlage.

Jedenfalls endet diese erste Phase der Herausbildung der unabhängigen Kontrolle mit sozialistischem Charakter, der dazu passenden Entwicklung und Erprobung ihrer Arbeitsweisen und Methoden nach dem Tod von Lenin.

Der Vorschlag der Zusammenlegung von ZKK und ABI und wie er ihn begründet, ist zugleich auch eine Zusammenfassung – oder wenn man so will Vermächtnis, in dem die wesentlichen Prinzipien zur Organisierung der unabhängigen Kontrolle dargelegt sind. Das Material, das Du dazu zusammengestellt hast, zeigt deutlich auf, dass es Lenin um die Stärkung der unabhängigen Kontrolle ging, indem er beide Organe vereinte. Dazu habe ich Dir aber schon geschrieben.

Du schreibst dann über diese Phase:

„Eine regelmäßige Kontrolle der Art, wie Lenin sie sich zeitweise vorgestellt hatte, kam wohl nicht zustande. Was Lenin entwarf (und was im RW 24, 168–171, geschildert ist, als handelte es sich um tatsächliche Verhältnisse in der Sowjetunion), konnte so nicht verwirklicht werden (vgl. RW 3, 178/179). Es ist schwer zu verstehen, weshalb sich die MLPD so stark auf Lenins Notizen und Vorschläge stützte und über Beschlüsse der Parteitage hinwegsah, an die sich auch der Vorsitzende von Partei und Regierung der Sowjetrepublik zu halten hatte.“

Dass wir uns auch „auf Lenins Notizen und Vorschläge“ stützen, ist eigentlich überhaupt nicht schwer zu verstehen. Die bürokratische Entartung und der Verrat am Sozialismus, der Verzicht auf die ideologisch-politische Arbeit und die Mobilisierung der Massen, die ganze revisionistische Entartung, mit der die KPdSU letztlich nicht fertig wurde, verlangte auf die von Lenin entwickelten Prinzipien der unabhängigen Kontrolle zurückzugehen, diese gründlich zu studieren, um das Wesen der unabhängigen Kontrolle und ihrer Funktion herauszuarbeiten und zu erkennen, was dessen Aufhebung für verheerende Folgen haben kann. Wir haben seither an dieser Frage ständig geforscht und mit der Aufarbeitung der Krise der ZKK 2005 einen weiteren qualitativen Sprung zum System der Selbstkontrolle der Partei gemacht. Das alles hat seinen Ausgangspunkt bei den Gedanken von Lenin.

Zur Phase des schleichenden Abbaus der unabhängigen Kontrolle gegenüber den führenden Gremien und Leitungen, besonders dem ZK:

Das zusammengestellte Material zeigt deutlich auf, wie das organisiert wurde, bzw. erreicht werden konnte.

Vorweg möchte ich sagen, dass ich an einer Intrige gegen die Veröffentlichung des Artikels von Lenin „Lieber weniger, aber besser“ aus dem ZK und der ZKK heraus meine Zweifel habe. Es klingt doch sehr abenteuerlich, nur für Lenin eine Zeitung mit dem Artikel zu drucken, um ihn zu täuschen, in der regulären Ausgabe diesen aber nicht zu veröffentlichen. Ich bin nicht dafür, dass wir so was übernehmen oder gar verbreiten, zumal der Artikel tatsächlich erschienen ist.

Eine berechtigte Frage ist, warum Stalin in seinem hervorragenden Artikel „Über die Grundlagen des Leninismus“, der ja nach dem Tod von Lenin erschien, mit keinem einzigen Wort auf die ZKK, auf die Ausrichtung und Gedanken zur Entwicklung eines Systems der Kontrolle mit sozialistischem Charakter einging. Dass er die Gedanken von Lenin zur Entwicklung eines Systems der sozialistischen Kontrolle, als Einheit von unabhängiger Kontrolle von oben mit der Kontrolle von unten durch die Einbeziehung der Massen, nicht als Teil des Leninismus betrachtete, war ein prinzipieller Fehler. Die Ausrichtung zum Kampf gegen die Bürokratie und gegen die Gefahr der Restauration des Kapitalismus gehört zum Leninismus. Das hat die Tragik des XX. Parteitags der KPdSU 1956 auf grausame Weise bestätigt. Das vom Leninismus zu lösen, hatte nicht nur für die UdSSR Auswirkungen, sondern sicher auch für die revolutionäre Weltbewegung.

Auch in der 1938 herausgegebenen „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) – Kurzer Lehrgang“ wird mit keinem Wort auf die von Lenin angestrebte Bedeutung der ZKK eingegangen und damit die Verdrängung dieser Seite seines Vermächtnisses fortgesetzt.

In den von Dir dokumentierten Beschlüssen über die Aufgaben der ZKK und die ABI durch die Parteitage zwischen 1923 und 1934 zeigt sich, wie das Vermächtnis Lenins zur Aufgabenstellung und dem Charakter des Systems der unabhängigen Kontrolle verdrängt wurde. Es gibt offenbar auch keinen theoretischen Artikel, der sich mit der Weiterentwicklung dessen befasst, was Lenin hier ausgerichtet hat.

Die statutengemäße Bestimmung der unabhängigen Kontrolle blieb erhalten, wie die Wahl der ZKK durch den Parteitag und ihr Rechenschaftsbericht ihm gegenüber. Allerdings wurden die Aufgaben der ZKK durch die Resolutionen der Parteitage auf die Kontrolle der Aneignung und Umsetzung der Beschlüsse fokussiert, ohne die Kontrolle der Anleitung und Befähigung durch die Leitungen für die Aneignung und Umsetzung der Beschlüsse einzubeziehen. Das trennte eine dialektische Einheit und blendete somit die Kontrolle über die Arbeit der Leitungen und ihrer Mitglieder aus.

Für diese Tendenz, die Kontrolle der Leitungen auszublenden und die ZKK über diese Beschlüsse mit anderen Aufgaben zu belasten, ist die 1923 beschlossene Aufgabenstellung der ZKK und der ABI charakteristisch: Die ZKK und die ABI sollten die „Reorganisierung des Staatsapparates auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Arbeits- und Verwaltungsorganisation“ vorantreiben.

Diese Reorganisation war eine wesentliche Aufgabe im sozialistischen Aufbau und natürlich mussten die ZKK und die ABI sich damit befassen. Das aber nur in Bezug auf die dazu von den Leitungen geleistete Arbeit, oder eben nicht geleistete Arbeit. Für die Kontrollorgane ging es im Sinne der Ausrichtung von Lenin, „Kritik zu entfalten und Fehler zu korrigieren“ darum, wie dieser Prozess der Umgestaltung von den Leitungen, besonders dem ZK geführt wurde. Es ging sicher auch darum, Beurteilungen über das Verhalten einzelner führender Kader zu erstellen, ob und wie diese Reorganisation als Kampf zur Überwindung der Bürokratie geführt wurde, und darauf entsprechend einzuwirken, bzw. die Kritiken der Massen an den Zuständen zu schützen.

Die Intention des Beschlusses war aber eine ganz andere, wenn es ebenfalls 1923 heißt, dass die hier zu leistende Arbeit der Kontrollorgane auf Säuberungsaktionen auszurichten ist und dazu mit den Massen zusammenzuarbeiten ist. So heißt es in der Resolution „Über den Parteiaufbau“, woraus du zitierst, u.a.: „Grundlegende Vorbedingung für den Erfolg der Kontrollkommissionen und der Arbeiter- und Bauerninspektion bei der Verbesserung und Säuberung des Staatsapparates ist ihre Unterstützung durch die ganze Partei und ihre Organisationen, die Einbeziehung der werktätigen Massen selbst in diese Arbeit.“

Natürlich war die Überprüfung der Aufnahmepolitik durch die Leitungen eine wichtige Seite im Kampf um die Einheit und Festigkeit der Partei. Die Kontrolle darüber musste sich darauf beziehen, von was die Aufnahmepolitik der Leitungen bestimmt war, daran dann eine Erziehung zur revolutionären Wachsamkeit durchzuführen. Die Ausrichtung auf Säuberung war tatsächlich notwendig, weil viele kleinbürgerliche, nichtsozialistische Elemente in die Partei eingedrungen waren und nun mit dem Parteibuch in der Tasche bürgerliche Inhalte und Methoden verbreiten konnten. Die Veröffentlichungen der Namen von Ausgeschlossen in den Parteizeitungen diente der Publizität gegenüber den Massen, aber auch zur Abschreckung gegenüber kleinbürgerlichen Elementen. Die durchaus notwendige Publizität über ausgeschlossene Funktionäre musste ideologisch-politisch begründet werden. So waren die Ausschlüsse der ZKK des KABD gegen die Liquidatoren in den Leitungen immer begründet und diente diese Publizität der revolutionären Wachsamkeit der ganzen Partei. Wie die Dokumente zeigen, gehörte es zur Ausgabenstellung der ZKK, mit dem Geheimdienst GPU bei den Säuberungen zusammenzuarbeiten. Der Beschluss des XII. Parteitags sagt, dass die ZKK und die ABI bei der Säuberung der Partei „ihrer Arbeit auf diesem Gebiet mit der entsprechenden Tätigkeit [der] GPU und des NKJ [Volkskommissariat für Justiz] (koordinieren soll), durch Einberufung periodischer Beratungen und durch andere Mittel, Durchführung von Maßnahmen, durch welche diejenigen Leiter von Staatsorganen und Betrieben zur Verantwortung gezogen und auch abgesetzt werden, die nicht für die Verbesserung und Säuberung ihrer Apparate Sorge tragen.“

Geheimdienste sind auch im Sozialismus eine Notwendigkeit und Teil der Diktatur des Proletariats. Sie sind Instrumente in einem von der Bourgeoisie verdeckt geführten Krieg gegen den Sozialismus und haben die Aufgabe, diesen Krieg aufzudecken, so dass er offen vor den Augen der Massen und zu ihrer Erziehung und Wachsamkeit geführt werden kann. Diese Instrumente einer besonderen Kriegsführung haben nur diesen Zweck, sie müssen dabei dem System der Kontrolle untergeordnet werden, denn ihr verdeckt arbeitender bürokratischer Apparat braucht selbst eine besondere Kontrolle. Deshalb muss gerade die ZKK vollen Zugriff für eine unabhängige Kontrolle auf diese Dienste haben. Die Ausrichtung auf die Zusammenarbeit der ZKK mit dem Geheimdienst behandelt dagegen die GPU als gleichwertiges Organ, das durch die ZKK nicht kontrolliert werden müsse, sondern im Gegenteil die ZKK letztlich zu einem Anhängsel des GPU machte. Das musste über kurz oder lang den ganzen Charakter der sozialistischen Kontrolle verändern.

Die Ausrichtung auf die Kooperation mit den Geheimdiensten macht den Kampf gegen die Bürokratie und bürokratische Methoden zu einer Art Polizeiaufgabe. Der größte Schutz für den sozialistischen Aufbau ist aber die Initiative der Massen unter Führung der Partei, ist die Entwicklung und Förderung des sozialistischen Bewusstseins. Das ist dann auch die Atmosphäre, in der Feinde des Sozialismus aufgedeckt und zur Rechenschaft gezogen werden. Keine Arbeit von Geheimdiensten kann das ersetzen, auch wenn sie dem dienlich sein können. Hier aber wurden die Prioritäten verändert, wurde die Mobilisierung der Massen, die Entfaltung ihrer Initiative im Kampf gegen Bürokraten zum Anhängsel der GPU, die selbst stark vom kleinbürgerlichen Bürokratismus erfasst war.

Die von Dir dokumentierten Resolutionen über die Aufgabe der ZKK haben die Höherentwicklung und Festigung der unabhängigen Kontrolle der Leitungen und des ZK unterlaufen. Der Fehler war nicht, dass der Parteitag der ZKK Aufgaben stellte, sondern dass er der ZKK solche Aufgaben stellte, die von der Kontrolle der verantwortlichen Leitungen in Zusammenarbeit mit den Massen wegführten.

Die Qualifizierung vom schleichenden Abbau der Unabhängigkeit der ZKK hatte Willi Dickhut entwickelt und damit begründet, dass der ZKK allmählich ihre Unabhängigkeit genommen wurde. Das von Dir zusammengestellte Material zeigt nur auf, über welchen Weg und mit welchen Methoden das erfolgte. Die schleichende Aufhebung der unabhängigen Kontrolle der Leitungen und besonders des ZK, die zunächst als Form erhalten blieb, wurde über die Veränderung im Inhalt der Aufträge erreicht. Es war ein Prozess der Umgestaltung der Form über den Inhalt der Aufgabenstellung.

Dass es in der Kontrollkommission gegen diese schleichende Auflösung eine Auseinandersetzung, einen Linienkampf gegeben haben muss, ergibt sich indirekt aus dem, was Du von Fjodor Gladkov über sein Verständnis von ZKK-Arbeit zitierst:

„Die Kontrollkommission und die Arbeiter- und Bauerninspektion sind ja dem Wesen nach gar keine Straforgane, sie sind keine Guillotinen: sie sind vor allem Erziehungsorgane. Bei uns hat man sich daran gewöhnt, mit Zittern und Zagen an sie zu denken, und gewöhnlich droht einer dem andern: ,Wart mal, die Kontrollkommission wird dich schon in die Zange nehmen.‘ Das ist nicht richtig. Man muß das ganze System der Kontrolle so organisieren, daß jeder Parteiarbeiter, jeder Funktionär in schweren Augenblicken ohne Hemmung, mit Freude, an die Kontrollkommission wie an seinen besten Freund denkt, dem man alles anvertrauen kann. Bei uns aber macht man oft Winkelzüge, verwischt die Spuren, versteckt sich und begeht Gemeinheiten wie ein Verbrecher! Die kommunistischen Gefühle sind wenig entwickelt, das ist eben das Schlimme. Die Kontrollkommission ist aber gerade dazu berufen, diese Gefühle zu kräftigen und großzuziehen.“

Die dritte Phase, die Aufhebung der unabhängigen Kontrolle und die Aufhebung von Prinzipien zur Sicherung des sozialistischen Charakters der Kontrolle:

Die Auflösung der ZKK 1934 bedeutete den eigentlichen Wendepunkt weg von der unabhängigen Kontrolle. Du stellst richtig fest, dass es schon 1932 auf der 18. Konferenz der KPdSU eine ideologisch-politische Begründung für die Aufhebung der unabhängigen Kontrolle gegeben hat. Hier wurde die Einschätzung getroffen, dass auf dem Land der Kapitalismus endgültig beseitigt sei, weil alle kapitalistischen Elemente liquidiert worden wären und die Situation entstanden sei, in der „die Umwandlung der ganzen werktätigen Bevölkerung des Landes in bewußte und aktive Erbauer der klassenlosen sozialistischen Gesellschaft“ endgültig eingeleitet worden wäre.

Damit kamen alle Feinde von außen, bzw. wurde angenommen, dass die Partei nur von außen infiltriert wird. Du zitierst dann viel englisches Material zum Thema Säuberungen. Ohne doppelte und dreifache Überprüfung können wir sowas nicht übernehmen. Wir müssen uns an die offiziellen Dokumente halten und können nicht mit kleinbürgerlich-trotzkistischen oder bürgerlichen Deutungen und Interpretationen arbeiten.

Der 17. Parteitag 1934 schaffte die ZKK und die ABI ab. Das wurde mit der Einschätzung begründet, dass die weitere Entwicklung der Volkswirtschaft mit dem neuen Fünfjahresplan diese Kontrollorgane überflüssig machen würde. Wörtlich heißt es: „Die Lösung dieser Aufgaben, die die Verdrängung der letzten Überreste kapitalistischer Elemente aus all ihren alten Positionen mit sich bringt und ihren endgültigen Untergang herbeiführt, führt notwendigerweise zu einer Verschärfung des Klassenkampfes“ (KPdSU-Resolutionen 9, 98). Es ginge angesichts der Lage jetzt nur noch darum, die Durchführung der Beschlüsse zu garantieren: „Um die Kontrolle der Durchführung der Beschlüsse der Partei und der Regierung zu verbessern, schuf der XVII. Parteitag an Stelle der Zentralen Kontrollkommission − Arbeiter- und Bauerninspektion, die in der Zeit seit dem XII. Parteitag ihre Aufgaben bereits erfüllt hatte, die Kommission für Parteikontrolle beim Zentralkomitee der KPdSU(B) und die Kommission für Sowjetkontrolle beim Rat der Volkskommissare der Sowjetunion.“

Ziel dieser Änderung war es ausdrücklich, eine „systematische Kontrolle über die Tätigkeit der örtlichen Organisationen” zu erreichen. Und für diese Aufgabe “fällt die Notwendigkeit weg, die Kommission für Parteikontrolle unmittelbar auf dem Parteitag zu wählen. Die Kommission für Parteikontrolle muß vom Plenum des Zentralkomitees der KPdSU(B) gewählt werden und unter der Leitung und nach den Direktiven des ZK der KPdSU(B) arbeiten.“

Das vom XVII. Parteitag der KPdSU(B) beschlossene neue Statut legte dazu fest, nach welchen Kriterien die weitere „Reinigung“ im Sinne der „Verdrängung der letzten Überreste kapitalistischer Elemente“ in der Partei vollzogen werden sollte. Das war eine durch Formel und Vorgaben ausgerichtete bürokratische Kontrolle. Dass Nikolai Jeschow als Volkskommissar des Innern, und damit der Verantwortliche für den Staatssicherheitsdienst, zugleich Vorsitzender der KPK blieb, passt in dieses Bild. Die ZKK wurde zum Anhängsel der Staatssicherheit.

1937 musste das ZK der KPdSU feststellen, dass es „keine individuelle Behandlung der Parteimitglieder und -funktionäre“ gab und sie „zu Tausenden und Zehntausenden“ aus der Partei ausgeschlossen wurden. 1938 muss weiter festgestellt werden, dass das ZK nicht in der Lage war, eine einheitliche Führung der Partei durchzusetzen: „Die Gebietskomitees, Regionskomitees, die Zentralkomitees der nationalen Kommunistischen Parteien und ihre Leiter versäumen es nicht nur, die parteifeindliche und dem Bolschewismus fremde Praxis beim Ausschluß von Kommunisten aus der Partei zu korrigieren, sondern tragen häufig selbst durch ihre falsche Leitung zu diesem formalen und herzlos bürokratischen Verhältnis zu den Parteimitgliedern bei und schaffen damit einen günstigen Nährboden für Karrieristen und getarnte Parteifeinde.“

Das führte aber bei weitem nicht zu einer Überprüfung der Beschlüsse gegen das System einer unabhängigen Kontrolle.

Lieber Genosse,

um die Ausrichtung Lenins zur Entwicklung eines Systems der unabhängigen Kontrolle mit sozialistischem Charakter durch „Entfaltung der Kritik und die Korrektur von Fehlern“ als sozialistische Entwicklung und Erziehung zu fördern und die kleinbürgerliche Bürokratie zu bekämpfen, gab es einen Linienkampf.

Ausgangspunkt war, diese Gedanken von Lenin nicht als Teil des Leninismus zu definieren, was Ausdruck des Eklektizismus gegenüber seinem Gesamtwerk war. Denn Lenin begründete nicht nur in "Staat und Revolution" oder der "Großen Initiative" den weltanschaulichen Kampf um das sozialistische Bewusstsein, die objektive Wahrheit gegen jeden Subjektivimus zu erforschen und deren objektive Dialektik aufzufinden.

Diesen Eklektizismus übernimmst Du, wenn Du argumentierst, dass das Vorgehen von Lenin in der Entwicklung der Kontrolle mehr als Ausdruck von „Versuch und Irrtum“ angesehen werden muss denn als vom historischen Materialismus abgeleitete Prinzipien. Das unterstellt ihm Pragmatismus als Grundlage seiner Anschauungen. Die Kritik fördern und Fehler zu korrigieren und das mit Hilfe einer unabhängigen Kontrolle, war aber eine Methode, die Objektivität der Betrachtung gegen jeden Subjektivismus in der Behandlung der Probleme und Widersprüche durchzusetzen. Es ist überhaupt nicht möglich, diese Gedanken von Lenin außerhalb seines Gesamtwerkes zu verstehen.

Deine Deutung, den Abbau der Unabhängigkeit der ZKK schon bei Lenin anzusiedeln, nimmt ihn für etwas in die Verantwortung, was er entschieden bekämpft hat, und nimmt zugleich diejenigen aus der Verantwortung, die sich gegen eine unabhängige Kontrolle ihrer Arbeit wehrten.

Der Klassenkampf im Sozialismus ist kompliziert, die Klassen existieren weiter, der Klassenkampf wird strategisch mit dem Ziel zur Aufhebung der Klassen geführt, aber die bürgerliche Ideologie wirkt über tausend Gewohnheiten nicht nur spontan noch eine sehr lange Zeit, sie wird in der Situation des Aufbaus des Sozialismus vom kapitalistischen Umfeld gefördert. Dieser Klassenkampf ist die materielle Grundlage für die Entwicklung der innerparteilichen Widersprüche, wie er Grundlage für die Widersprüche in der sozialistischen Gesellschaft ist. Ohne diese objektive Wahrheit zu akzeptieren, können Ursachen und Wirkungen der Widersprüche und die Art ihrer Behandlung nicht verstanden werden. Der dialektische und historische Materialismus verlangt auf dieser Grundlage zu erforschen, wie er auf immer mehr Gebieten – im Kampf mit dem Idealismus – zur Anwendung kommt.

In der MLPD und seiner Vorläuferorganisation KABD waren die Gedanken Lenins zur Entwicklung der Kontrolle immer Teil des Leninismus. Die MLPD konnte deswegen und in der Verarbeitung aller Erfahrungen über die Entwicklung der innerparteilichen Widersprüche zur Entwicklung des Systems der Selbstkontrolle der Partei auf der Grundlage der Lehre von der Denkweise kommen und damit die dialektische Methode bestimmen, die im Kampf mit der bürgerlichen Ideologie eine überlegene Kraft wird. Alles hängt in der Partei davon ab, ob auf Grundlage der proletarischen Denkweise gearbeitet wird. Das gilt auch für die führende Rolle der Partei im Aufbau des Sozialismus.

So weit von mir zu deinen Materialien.

Mit herzlichem Gruß

Stefan Engel und Achim Czylwick

Quellen & Links

Siehe Karl Marx, Das Elend der Philosophie Bd. 4 MEW wo er aufzeigt, dass jede Gesellschaft ihre historischen Gesetze hat, es keine ewigen Gesetze gibt, die die Verhältnisse der Menschen bestimmen. Siehe u.a. Seite 130

2 Alle Zitate soweit nicht anders gekennzeichnet sind aus deiner Materialsammlung

Lieber Kollege,

vielen Dank für die Zusendung deines Manuskripts »Aufbau und Entwicklung der Materie im Mikrokosmos«.

Was ich bisher in den ersten vier Kapiteln gelesen habe, ist sehr faktenreich und interessant. Ich möchte vorweg sagen, dass ich mich natürlich nicht berufen fühle, detaillierter zu den Einzelaussagen Stellung zu nehmen, da mir vieles unbekannt ist und ich manches auch nicht vollständig verstehe. Verstehe deshalb meinen Brief als einen Hinweis für die Verbesserung der Schlussbearbeitung.

Du schreibst als Untertitel »Eine Streitschrift gegen das Dogma des leeren Raums«. Über diesen Streit habe ich in deinem Manuskript allerdings wenig wahrgenommen, da der Text durchgehend bemüht ist, die verschiedenen gegensätzlichen Standpunkte objektiv darzustellen und jede Art von Polemik und kritische Auseinandersetzung zu vermeiden.

Eine Frage dabei ist, inwieweit es überhaupt richtig ist, Weltanschauung und Naturwissenschaften so stark gegenüberzustellen, wie es im Manuskript der Fall ist. Zumindest in der theoretischen Deutung gibt es doch eine große Identität zwischen beiden.

Im Vorwort ist mir aufgefallen, dass der gesellschaftliche Bezug in der historischen und philosophischen Diskussion der Naturwissenschaft tendenziell gering geschätzt wird und auch die ausschlaggebende Rolle des Klassenkampfs als eine wesentliche Quelle für historische Entwicklungen in der Weltanschauung. Dieses Problem spiegelt sich auch im Text wieder, indem eine Tendenz existiert, die Entwicklung der Naturwissenschaften nur aus sich heraus darzustellen, statt sie als Widerspiegelung der gesellschaftlichen Entwicklung zu betrachten.

Am deutlichsten wurde das bei der Stelle, als im 19. Jahrhundert die modernen Naturwissenschaften entstanden, die ein universelles und ganzheitliches dialektisches Weltbild zeichneten. Diese nicht zufällig im 19. Jahrhundert entstandenen Auffassungen, die auch einen qualitativen Sprung in der Entwicklung der Naturwissenschaften brachten, sind aber weit gehend auf den Einfluss der neuen deutschen Philosophie und seines wichtigsten Repräsentanten Hegel zurückzuführen. Es war zu Beginn des 19. Jahrhunderts regelrecht Mode geworden, Hegelianer zu sein und erfasste die gesamte Wissenschaftswelt. Deshalb ist die Dialektik in die Kultur, Wissenschaft, Literatur, Kunst, Sprache allseitig eingedrungen und hat auch die Naturwissenschaften wesentlich zu modernen Naturwissenschaften gemacht, wie es Engels ausdrückte. Der eigentliche qualitative Sprung zu den modernen Naturwissenschaften, schreibt Friedrich Engels, ist, dass die Dialektik bei ihnen Eingang gefunden hat. Dieser qualitative Sprung geht in deinem Text bezogen auf alle anderen Feinheiten und Einzelpersonen, die du behandelst, völlig unter, obwohl die modernen Naturwissenschaften in Wechselwirkung mit der industriellen Produktion die höchste Form der Einheit von Mensch und Natur hervorbrachten. Das kann man nicht einfach umgehen.

Es erscheint mir zu pauschal, den Idealismus einseitig der Bourgeoisie und den Materialismus den unterdrückten Massen zuzuordnen. Auch die idealistische Dialektik »alles ist im Fluss« bis zu Hegels »universeller Dialektik« war Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts.

Ich habe auch den Eindruck, dass Du dich insgesamt zu wenig mit der Dialektik befasst und möchte dir einen Artikel von Willi Dickhut über Hegel beilegen, indem er nach dem II. Weltkrieg seine KPD-Führung kritisierte, die Hegel einseitig als Idealisten abtat und seine große Rolle in der Herausbildung der modernen Dialektik geringschätzte. Mir scheint, dass das auch in deinem Text der Fall ist.

Bei der Auseinandersetzung mit den Positivisten, vor allem den Existenzialisten, habe ich den Eindruck, dass du den Standpunkt der Kausalität mit der Dialektik gleichsetzt. Die Kausalität selbst ist aber noch nicht Dialektik, sondern berührt einzelne Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung. In der metaphysischen Epoche des Feudalismus wurden eine Vielzahl Einzelgesetze ermittelt, was einen ungeheuren Fortschritt darstellte. Genau da liegt das große Verdienst von Hegel, dass er aus der Kausalität zur universellen dialektischen Wechselwirkung weitergegangen ist und damit erst möglich machte, die Entwicklung in ihrem allseitigen Zusammenhang und in Wechselwirkung mit inneren und äußeren Widersprüchen zu behandeln. Ich habe den Eindruck, dass Du etwas der Auffassung von Forman aufgesessen bist.

Der Abschnitt 4, der sich scheinbar mit Hegel befasst, wird der Bedeutung Hegels überhaupt nicht gerecht. Schon am Anfang stellst du Kant mit Hegel gleich, ordnest beide aber unter »hoch entwickelten philosophischen Idealismus« ein und reduzierst sie als Kritiker des »naiven Materialismus«. Was dann kommt, ist eine völlige Unterschätzung Hegels und seiner großen Bedeutung für die neue deutsche Philosophie und die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften.

Ich habe insgesamt den Eindruck, dass Du dich noch etwas mehr mit der Dialektik befassen solltest, bevor du das Buch schlussbearbeitest. Hast du schon einmal die »Wissenschaft der Logik« von Hegel durchgearbeitet? Auch in unseren Dialektik-Kursen haben wir die Geschichte des Materialismus und der Dialektik behandelt – siehe den beiliegenden Lehrbogen aus dem 1. Semester, 3. Lektion. Die dort behandelte Ordnung in den Entwicklungssprüngen macht den Prozess der Negation der Negation des Materialismus und der Dialektik meines Erachtens deutlicher, als die von dir verwendete Methode des geschichtlichen Nachvollziehens der vielen Einzelerkenntnisse. Dabei habe ich auch die Frage, ob die Naturwissenschaftler tendenziell zu hoch bewertet werden, gegenüber den inhaltlichen Erkenntnissen, die sie entwickelt, vielleicht auch nur aufgeschrieben haben?

Insgesamt erscheint es mir aber eine sehr interessante Arbeit, die durchaus die dialektisch-materialistische Weltanschauung und Methode in Zusammenhang mit der Darlegung der Entwicklung des Mikrokosmos weiter bringen kann.

Herzlichen Gruß

Stefan

Anlagen:

  1. Brief Willi Dickhut zu Hegel
  2. Lehrbogen Dialektik-Kurs 1, 3. Lektion

Anlage 1:

Willi Dickhut: Hegels "Logik" als Höhepunkt und Ende der klassischen Philosophie

Auf der Funktionärskonferenz [der KPD] am 31.3.[19]46 in Solingen-Wald sprach der Genosse U. Wohlbold in der Diskussion über Kultur und erklärte die Entwicklung von Schopenhauer über Hegel zu Nietzsche als eine einzige Linie reaktionärer Philosophie. Das ist eine vollständig falsche Beurteilung Hegels.

Die klassische Philosophie war eine revolutionäre Philosophie. Es war die Philosophie des aufstrebenden Bürgertums. Hegel brachte die klassische Philosophie auf den Höhepunkt und zum Abschluss. H. Heine sagt darum durchaus richtig: „Unsere philosophische Revolution ist beendet. Hegel hat ihren großen Kreis geschlossen.“ Hegel ist sehr oft missverstanden worden, sowohl von den fortschrittlichen wie reaktionären- ­Kräften der Gesellschaft. Hegels Satz: "Alles, was wirklich ist, ist vernünftig, und alles was vernünftig ist, ist wirklich.", wurde von den beschränkten Regierungen und Reaktionären als Ausdruck der Erhaltung des Bestehenden aufgefasst und begrüßt und deshalb von den ebenso beschränkten Liberalen verurteilt, obwohl Hegel sagte: "Die Wirklichkeit erweist sich in ihrer Entfaltung als die Notwendigkeit". Daraus ist zu schließen: Alles was besteht, ist wert, dass es zu Grunde geht! Darin liegt eben der revolutionäre Kern der Hegelschen Philosophie, dass nichts Endgültiges, Feststehendes im menschlichen Denken und Han­deln geben kann, sondern alles in Bewegung, in Fluss, in Entwicklung sich befindet.

Das wird von Fr. Engels unterstrichen:

"Marx war und ist der einzige, der sich der Arbeit unterziehen konnte, aus der Hegelschen Logik den Kern herauszuschälen, der Hegels wirkliche Entdeckung auf diesem Gebiet umfasst , und die dialektische Methode, entkleidet von ihren identischen (idealistischen) Umhüllungen, in der einfachen Gestalt herzustellen, in der sie die allein richtige Form der Gedankenentwicklung wird."

Bedeutet das, dass Marx damit den Idealismus Hegels anerkennt? Im Gegenteil! Obwohl der philosophische Idealismus eine notwendige Voraussetzung des modernen Materialismus ist (darin liegt seine Bedeutung) - der Idealismus negierte den ursprünglichen, naive Materialismus, die Negation des Idealismus brachte als Synthese den dialektischen Materialismus - kritisierte Marx den Idealismus Hegels, schätzte aber seine Dialektik sehr hoch. So schreibt Marx im „Kapital“:

"Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, dass er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewusster Weise dargestellt hat."

Diese Dialektik, die, große theoretische Leistung Hegels, vor dem Idealismus zu retten, loszulösen und materialistischen anzuwenden, war das Verdienst Marx und Engels, was Engels im Vorwort zum "Anti-Dühring“ selbst zum Ausdruck bringt:

"Marx und ich waren wohl ziemlich die einzigen, die aus der deutschen idealistischen Philosophie die bewusste Dialektik in die ma­terialistische Auffassung der Natur und Geschichte hinübergerettet haben."

Lenin teilte die Auffassung Marx und Engels über Hegel. Trotz aller Hochschätzung Hegels betonte Lenin zugleich, dass die Logik Hegels, "nicht in ihrer gegebenen Gestalt angewandt, nicht als gegeben betrachtet werden kann; die logischen (erkenntnistheoretisch) Nuancen müssen herausgesucht, die Ideenmystik ausgemerzt werden; diese große Aufgabe steht noch bevor." Daraus geht hervor, dass man aus der mystischen Gedankenfülle der idealistischen Philosophie Hegels das Richtige, die wahren Gedanken, d.h. die das Sein, die Wirklichkeit objektiv widerspiegeln, heraussuchen und verwerten muss.

Und darin liegt der Fehler des Genossen U. Wohlbold, der die idealistischen Schrullen und Mystifikationen, d.h. die reaktionäre Hülle, aber nicht den revolutionären, den dialektischen Kern der Hegelschen Philosophie sieht. Lenin verweist darauf, dass er sich bemühe "Hegel materialistisch zu lesen: Hegel ist der auf den Kopf gestellte Materialismus (Engels), d.h. ich werfe meist den lieben Gott, das Absolute, die reine Idee usw. hinaus." Der Genosse Wohlbold aber schüttet das Kind mit dem Bade aus; er verwirft mit der reaktionären faulen idealistischen Hülle gleichzeitig den revolutionären dialektischen Kern. Lenin sagt darum über einzelne Gedankengänge Hegels: „... man muss daraus zuerst die materialistische Dialektik herausschälen, neun Zehntel aber sind Schale, Abfall", das ist die einzig richtige Stellungnahme ­zu Hegels Philosophie. Der Kern ist wichtiger als die Hülle, denn er ­birgt in sich die Entwicklung. Der materialistische Dialektiker muss es ­verstehen, den genialen Gedanken zu finden und herauszuschälen, während er den reaktionären Idealismus und Mystizismus hinauswirft. Das hat Lenin mit Hegels Philosophie gemacht. Der Genosse Wohlbold macht es umgekehrt, er hebt den reaktionären Idealismus und die mystische Hülle der Regelsehen Philosophie hervor und verwirft mit ihnen gleichzeitig den wahren Kern, den genialen Gedanken der Philosophie des großen Denkers. Das ist sein Fehler.

Bevor wir Hegels Werke studieren, sollen wir uns Lenins Stellungnahme zu eigen machen, der einzelne Abschnitte und auch ganze Abschnitte zitiert und daraus das Hervorragende, mit dem er einverstanden ist, unterstreicht, die Fehler kritisiert und berichtigt, die mystischen Formulierung in gemeinverständlicher Sprache übersetzt., sie materiali­stisch verarbeitet und entsprechend deutet und die Ergebnisse zusammenfasst. Durch dialektisch-materialistische Analyse der Hegelschen Philosophie und Zusammenfassen des Konkreten bekommen wir erst das richtige Bild (Analyse und Synthese).

Hegels Dialektik enthielt einen entscheidenden Fehler, von dem Lenin schreibt: "Nicht nur der Übergang von der Materie zum Bewusstsein, von der Sinneswahrnehmung zum Gedanken usw. ist dialektisch: Hegel, dieser Anhänger der Dialektik, konnte den dialektischen Übergang von der. Materie zur Bewegung, von der Materie zum Bewusstsein nicht begreifen. Marx berichtigte den Fehler (oder die Schwäche?) des Mystikers. Wodurch entscheidet sich der dialektische Übergang vom undialektischen? Durch den Sprung, durch den Gegensatz, durch die Unterbrechung der Allmählichkeit, durch die Einheit von Sein und Nichtsein.“

Bei Hegel ist die Dialektik des Gedankens keine Widerspiegelung der Dialektik des Seins, sondern bei ihm, ist die Dialektik die Selbstentwicklung des Begriffe. Die Natur stellt im „Hegelschen System nur die Entäußerung der absoluten Idee vor". Abgesehen von dem idealistischen Inhalt bedeutet die Hegelsche Dialektik eine wahrhaft revolutionäre Form, was Lenin veranlasst, zu erklären:

"In der Hegelschen Dialektik als der umfassendsten, inhaltsreichsten und tiefsten Entwicklungslehre sahen Marx und Engels die größte Errungenschaft in der klassischen deutschen Philosophie. Jede andere Formulierung des Prinzips, Entwicklung, der Evolution, hielten die für einseitig und inhaltsarm, für' eine Entstellung und Verzerrung des wirklichen Verlaufs der (nicht selten in Sprüngen, Katastrophen, Revolutionen sich vollziehenden) Entwicklung in Natur und Gesellschaft.“ (Lenin: Karl Marx)

Das Wertvolle der Hegelschen Philosophie ist hauptsächlich das, was sich auf die Dialektik bezieht. Das ist der Kern. Darum betont Lenin:

"Man kann das Kapital von Marx und besonders dessen erstes Kapitel nicht ganz verstehen, wenn man nicht die ganze Logik Hegels durchstudiert und begriffen hat."

Ein wesentliches Moment der Dialektik ist die Negation als Moment des Zusammenhangs, als Moment der Entwicklung mit der Erhaltung des Positiven.

Dieser Gedanke kommt bei Hegel klar zum Ausdruck, wenn er sagt:

"Das Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen – und um dessen ganz einfache Einsicht sich wesentlich zu bemühen ist - ist die Erkenntnis des logischen- Satzes, dass das Negative ebenso sehr positiv ist, oder dass sich das Widersprechende nicht in Null, in das abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation seines besonderen Inhalts, oder dass eine solche Negation nicht alle Ne­gation, sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somit bestimmte Negation ist, dass also im Resultat wesentlich das enthalten ist, woraus es resultiert.“

Diese Auffassung steht in voller Übereinstimmung mit der materialistischen. Noch viel klarer kommt das in der Anerkennung der Widersprüche als ­Triebfeder der Entwicklung zum Ausdruck. Im Gegensatz zum gemeinen Verstand, der die Identität (Übereinstimmung) für wesentlicher als den Widerspruch hält, erklärt Hegel den Widerspruch als das Primäre, denn

„die Identität ihm gegenüber ist nur die Bestimmung des einfachen Unmittelbaren, des toten Seins; er aber ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit."

Hegel meint damit die geistige Selbstbewegung, die in Wirklichkeit nur die Widerspiegelung der Selbstbewegung der materiellen Welt ist. Lenin bezeichnet diese Selbstentwicklung, hervorgerufen durch die inneren Widersprüche, als "Salz der Dialektik“.

Lenins Stellungnahme, d. h. die dialektisch-materialistische Beurteilung der "Logik" Hegels, äußert sich zu folgenden Gedanken Hegels:

„… das Gesetz ist daher nicht jenseits der Erscheinung, sondern in ihr unmittelbar gegenwärtig; das Reich der Gesetze ist das ruhige Abbild der existierenden oder erscheinenden Welt."

Lenins Beurteilung lautet:

„Es ist dies eine bemerkenswerte materialistische und bemerkenswert präzise (mit einem Wort ruhige) Definition. Das Gesetz nimmt das ­Ruhige, und darum ist das Gesetz, jedes Gesetz eng, unvollständig, annähend."

Ähnlich äußert sich auch die Beurteilung Lenins, Hegel gegenüber, in der Frage der Kausalität, des objektiven Zusammenhangs der Welt. Die Kausalität kennzeichnet nur die allgemein wechselseitige Abhängigkeit eines universellen Zusammenhangs, die wechselseitige Verkettung der Ereignisse, nur Kettenglieder des allumfassenden Weltzusammenhangs, der bruchstückweise, einseitig, unvollständig zum Ausdruck kommt. In Verbindung mit Hegels Logik erklärt Lenin hierzu:

"Bildung und Gebrauch abstrakter Begriffe schließt schon die Vorstellung, die Überzeugung, das Bewusstsein von der Gesetzmäßigkeit des objektiven Zusammenhangs der Welt in sich. Es wäre absurd, die Kausalität von diesem Zusammenhang loszulösen. Es ist unmöglich, die Objekti­vität der Begriffe, die Objektivität des Allgemeinen im Besonderen und Einzelnen zu negieren. Folglich hat Hegel viel tiefer als Kant und andere in der Bewegung der Begriffe die Spiegelung der Bewegung der objektiven Welt verfolgte... Die einfachste Verallgemeinerung, die erste und einfachste Bildung von Begriffen (Reflexionen, Schlüsse usw.) bedeutet die Erkenntnis des immer tieferen objektiven Zusammenhangs der Welt durch den Menschen. Hier ist der wahre Sinn, die wahre Bedeutung und die wahre Rolle der Hegelschen Logik zu suchen.“

Die Lehre von der Konkretheit der Wahrheit, die Untersuchung der spezifischen Besonderheiten der Erscheinungen, der Analysierung, der Zergliederung, ohne den Zusammenhang außer Acht zu lassen, ist vom Marxismus vollständig aufgenommen. Der dialektische Materialismus lehnt das Dogma, den starren Schematismus ab, er verlangt die Untersuchung und Konkretisierung der gegebenen Situation, der gegeben Erscheinung, des gegebenen Dings.

Lenin entwickelt uns in seiner lebendigen Sprache ein anschauliches Bild der Hegelschen Dialektik:

„Ein Fluss und die Wassertropfen in diesem Fluss. Die Lage eines Tropfens, sein Verhältnis zu den anderen; seine Verbindung mit den anderen; die Richtung seiner Bewegung; Geschwindigkeit; Linie der Bewegung - gerade„ krumme, kreisförmige usw. - nach oben, nach unten. Summe der Bewegungen. Die Begriffe als Berücksichtigung der einzelnen Seiten der Bewegung, einzelner Tropfen (Dinge), einzelner ‚Strahlen’ usw. Ungefähr so wäre das Weltbild nach Hegels Logik, freilich minus den lieben Gott und das Absolute.“

Hiermit hebt Lenin in ein paar Sätzen das Revolutionäre der Hegelschen Philosophie hervor, um mit einem halben Satz das Reaktionäre darin abzutun. Das steht doch im wesentlichen Gegensatz zu der Auffassung des Genossen Wohlbold, für den die gesamte Philosophie Hegels reaktionär ist.

Marx entnahm der Hegelschen Philosophie alles Wertvolle und entwickelte das Entnommene in der Theorie des dialektischen Materialismus weiter. Das geschah vor allem durch die dialektische Untersuchung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. ihrer Entstehung, ihrer Entwicklungstendenzen, ihrer, Widersprüche, und der Unvermeidlichkeit ihres Übergangs in eine höhere, die sozialistische Gesellschaftsordnung. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn der Hegelschen Philosophie das revolutionäre Element fehlte.

Es würde zu weit führen, noch näher darauf, einzugehen. Den großen Denker der klassischen Philosophie, der durch sein System, die philosophische Revolution der bürgerlichen Gesellschaft zum Höhepunkt und Abschluss gebracht hat, auf eine Stufe, zu stellen mit dem wirklichen Reaktionär Nietzsche, ist gleichdeutend mit der Auffassung Lassalles, `der alle Klassen außerhalb der Arbeiterklasse als „reaktionäre Masse" ansah, Reaktionär sind alle bürgerlichen Philosophen nach Abschluss der Periode der klassischen Philosophie. Seitdem ist nur die marxistisch-leninistische Philosophie, der dialektische Materialismus, revolutionär. Die Beurteilung des Genossen Wohlbold ist keine dialektisch-materalistische, sondern eine mechanisch-materialistische. Die bürgerlichen Philosophen darf man nicht als eine einzige „reaktionäre philosophische Masse“ abtun, sondern nur vom Gesichtspunkt der historischen Entwick­lung beurteilen.

W.D.

Anlage 2:

Lehrbogen zum Kurs Nr. PB 006 des Arbeiterbildungszentrums im Wintersemester 1999 / 2000

Thema:

Die dialektische Methode allseitig erlernen

1. Semester:

Die objektive Dialektik in Natur und Gesellschaft

Lektion 3:

Verschiedene Entwicklungsstufen der materialistischen Welt­anschauung

Leiter:

Wolf-Dieter Rochlitz

Dieter Ilius

Datum:

24. -28. Januar 2000

Ort:

Alt Schwerin



Stichwort

Anmerkung

1. Was ist eine Weltanschauung?

Eine Weltanschauung ist ein vom jeweiligen Klasseninteresse bestimmtes System von theoretischen Ansichten, Urteilen und Verhaltensweisen gegenüber der Natur und der Gesellschaft.

2. Die Grundauffassung des Materialismus?

Der Materialismus geht davon aus, daß die Welt objektiv existiert, unabhängig vom Denken, Fühlen und Handeln der Menschen.

3. Die Entwicklungsstufen der materialistischen Weltanschauung





a) Der urwüchsige Materialismus



















Konkrete Bedeutung heute:







Ausgangspunkt jeder materialistischen Weltanschauung und Grundlage des Materialismus in allen Stufen seiner Entwicklung ist die unmittelbare praktische Erfahrung. Solche unmittelbaren Erfahrungen haben die Menschen schon seit jeher gemacht. Aber erst ab einer gewissen Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft waren sie in der Lage, diese praktischen Erfahrungen auch zu deuten und in ein Denksystem zu fassen. (Anlage 1)

  1. Die ersten Weltanschauungen entstanden unabhängig voneinander in der Sklavenhaltergesellschaft in China, Indien und im Mittelmeerraum.
  2. Es entwickelten sich zwei Denkrichtungen heraus: der urwüchsige Materialismus und die urwüchsige Dialektik. (Anlage 2)
  3. Der urwüchsige Materialismus erkannte, daß die Welt unabhängig vom Menschen existiert. Er konnte aber nicht erklären, wie die Welt existiert und wie sie sich entwickelt. Er hielt die Welt im wesentlichen für unveränderlich.
  4. Die urwüchsige Dialektik erkannte dagegen, daß nichts bleibt wie es ist (Der griechische Philosoph Heraklit: »Alles fließt«), betrachtete aber die Bewegung der Welt idealistisch, vom »Geist« geschaffen. Des­halb konn­te sie auch einen wirklichen Bezug zur Wirklichkeit nicht herstellen.
  5. Jede der beiden Richtungen in den Weltanschauungen war extrem einseitig.

Wir finden den urwüchsigen Materialismus heute im Ausgehen von den unmittelbaren praktischen Erfahrungen, ohne die Veränderlichkeit der Wirklichkeit zu sehen (z.B. »es gibt Arme und Reiche, aber was willst Du daran ändern«). Auf dieser Stufe ist das Klassenbe­wußtsein noch sehr gering entwickelt und wesentlich durch einen Klas­seninstinkt gekennzeichnet.

b) Der mechanische Materialismus

























Konkrete Bedeutung heute

Die zweite Entwicklungsstufe des Materialismus war der mechanische Materialismus.

  1. Er anerkannte nicht nur, daß die Welt existiert, sondern beantwortete die Frage, welchen Bewegungsgesetzen die einzelnen Naturprozesse folgen.
  2. Das lebendige Detail wurde interessant und erforscht.
  3. Das war die Geburtsstunde der modernen Naturwissenschaft. Newton erkannte z.B. das Gesetz der Schwerkraft, überhaupt wurde das Gesetz der Kausalität entdeckt.
  4. Der mechanische Materialismus sah die Welt aber als ewig währender Kreislauf, ohne Veränderung und Höherentwicklung an. Das sollte zugleich den gesellschaftlich vorherrschenden Absolutismus verewigen.
  5. Die Zergliederung der Erscheinungen geschah auf Kosten des Zusammenhangs, die Analyse ohne Synthese. Er war nur in der Lage, einfache Zusammenhänge und langsame Bewegungen in Natur und Gesellschaft annähernd richtig zu erklären, konnte aber die objektive Wirklichkeit nicht vollständig widerspiegeln.
  6. Auch er konnte keinen Bestand haben und wurde schließlich vom bürgerlichem Idealismus überwunden, der die innere Selbstbewegung und Entwicklung der Dinge erforschte.

Wir finden den mechanischen Materialismus heute im Erklären von einfachen Zusammenhängen. Das spontane Klassenbewußtsein erkennt einzelne Seiten des Kapitalismus. Vor allem im Rah­men von Kämpfen kann es höherentwickelt werden und die Arbeiter von der einfachen Kausalität zur Erkenntnis des allseitigen Zusammenhangs gelangen.

c) Der dialektische Materialismus als höchste Stufe des Materialismus























Konkrete Bedeutung heute

Marx und Engels schufen im 19. Jahrhundert den dialektischen Materialismus.

  1. Er schließt die Entwicklung der materialistischen Weltanschauung ab und bildet zugleich den Abschluß der Geschichte der Weltanschauung.
  2. Ihn interessiert vor allem die Frage, wie die Welt existiert, und er erkannte, daß allen Entwicklungen Gesetzmäßigkeiten zu Grunde liegen.
  3. Er nahm beide Stufen des früheren Materialismus in sich auf.
  4. Durch die Vereinigung von Materialismus und Dialektik ist er in der Lage, auch komplizierte und schnelle Veränderungen und allseitige Zusammenhänge zu erklären.
  5. Mit seiner Hilfe kommt der Mensch in die Lage, sich seiner Stellung gegenüber und in der Natur bewußt zu werden und zu lernen, sich im Einklang mit der Natur bewußt zu entwickeln.
  6. Der Mensch kann sich der Quelle und der Gesetze seines Denkens bewußt werden und er beginnt, bewußt zu denken.
  7. Seine Grundauffassung ist, daß die Wirklichkeit nach dialektischen, universellen Bewegungsgesetzen existiert.

In der Entwicklung des Klassenbewußtseins durchläuft jeder notwendigerweise die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der materialistischen Weltanschauung:

  1. Unmittelbare praktische Erfahrungen werden verarbeitet
  2. Erklären von einfachen Zu­sammenhängen
  3. Bewußte Anwendung der dialektisch-materialistischen Methode der Erkenntnis. Nur mit ihrer Hilfe ist die Arbeiterklasse in der Lage, das Klassenbewußtseins zu entwickeln, das für die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution heute notwendig ist.

Anlage 1

»Die Natur hat Millionen Jahre gebraucht, um bewußte Lebewesen hervorzubringen, und nun brauchen diese bewußten Lebewesen Tausende von Jahren, um bewußt zusammen zu handeln; bewußt nicht nur ihrer Handlungen als Individuen, sondern auch ihrer Handlungen als Masse; zusammen handelnd und gemeinsam ein im voraus gewolltes gemeinsames Ziel verfolgend. Jetzt haben wir das beinahe erreicht.«

(Marx/Engels, Werke, Bd. 39, S. 63; zitiert nach »Der Kampf um die Denkweise in der Arbeiterbewegung, S. 12)


Anlage 2

»Tatsächlich entstanden die ersten in sich geschlossenen Weltanschauungen und Religionen mit dem Aufkommen der Klassengesellschaft der Sklavenhalter vor etwa 5 000 Jahren. Die herrschende Ideologie mußte die Herrschaft der Sklavenhalter begründen. In der antiken griechischen Gesellschaft (vor rund 2 700 bis 2 200 Jahren) entwickelten sich materialistische und idealistische, dialektische und metaphysische Anschauungen. Sie standen von Beginn an im Kampf gegeneinander oder gingen auseinander hervor. In der Regel war es in der Geschichte so, daß die Philosophen der aufsteigenden Klassen gegenüber dem Idealismus und der Metaphysik der Herrschenden den Materialismus und die Dialektik betonten.

So brachte die Spaltung der menschlichen Gesellschaft in Klassen den Konflikt zwischen der idealistischen und der materialistischen, zwischen der metaphysischen und der dialektischen Weltanschauung hervor. Dieser Konflikt dauert nicht nur bis zum heutigen Tag an, sondern wird bestehen bleiben, solange es Klassen und Klassenwidersprüche gibt.«

(»Der Kampf um die Denkweise in der Arbeiterbewegung«, S. 14)