Willi Dickhut

Briefwechsel über Fragen der Theorie und Praxis des Parteiaufbaus

Briefwechsel über Fragen der Theorie und Praxis des Parteiaufbaus

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1983/1984

Identität von Krisen

An Zentralkomitee 24. 10. 83
Zentrale Kontrollkommission der MLPD

Liebe Genossinnen und Genossen!

Nachfolgend nehme ich Stellung zu einer wichtigen Frage, die im letzten Plenum des Zentralkomitees fehlerhaft behandelt wurde und im politischen Bericht als Fehler auftauchte. Hier heißt es Seite 29:

»Die Überproduktionskrise der Weltwirtschaft, die heute fast alle imperialistischen Länder erfaßt hat, entfaltet sich auf der Basis der allgemeinen Krise des Kapitalismus und wird mit ihr identisch.«

Kann man sagen, daß die heutige Wirtschaftskrise mit der allgemeinen Krise identisch ist? Nein, denn es sind zwei grundlegend verschiedene Arten von Krisen. Worin unterscheiden sich beide voneinander?

Die kapitalistischen Wirtschaftskrisen entstanden mit der Entwicklung der Industrie, als das fixe Kapital einen solchen Umfang angenommen hatte, daß es zur Grundlage der kapitalistischen Wirtschaft wurde. Die zyklischen Krisen waren zur Notwendigkeit geworden. Die ungleichmäßige Entwicklung des Kapitalismus erzeugte solche Widersprüche, die nur durch eine Krise vorübergehend gewaltsam gelöst werden konnten. Die erste Wirtschaftskrise fand 1825 statt. Diese kapitalistischen Krisen unterscheiden sich grundsätzlich von den Krisen früherer Gesellschaftsepochen, die durchweg Handels-, Geld- und Spekulationskrisen waren und nichts mit der Produktion zu tun hatten. Dagegen unterliegen die kapitalistischen Krisen der Gesetzmäßigkeit der kapitalistischen Produktionsweise.

Die kapitalistischen Krisen treten in verschiedenen Formen auf, die mehr oder weniger miteinander verbunden sind:

Industriekrisen, die manchmal mit einer Agrarkrise gleichzeitig auftreten.

Agrarkrisen, die oft mehrere Länder umfassen.

Handelskrisen, die fast immer mit einer Kreditkrise verbunden sind.

Währungs-, Geld- und Kreditkrisen, zum Beispiel Folgen der Hochzinspolitik der USA-Regierung.

Strukturkrisen als Folge gewaltiger technischer Umwälzung oder Verlagerung von Rohstoffen, zum Beispiel Öl verdrängte Kohle, Kunststoff ersetzte Stahl.

Industrie- und Agrarkrisen sind Überproduktionskrisen, sie unterliegen Gesetzen der kapitalistischen Produktion und können nicht abgeschafft werden, solange das kapitalistische System besteht. Sie haben ihre Ursache in dem schrankenlosen Streben der Kapitalisten, ihre Produktion auszudehnen. Die Kapitalisten sind gezwungen, die engen Grenzen der beschränkten Nachfrage der Konsumtion der Massen zu durchbrechen. Sie erweitern die Produktion von Produktionsmitteln, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger zu sein, drücken gleichzeitig auf die Löhne und Gehälter und vermindern so die kaufkräftige Nachfrage der Massen. Marx wies darauf hin, daß letzten Endes die Armut und beschränkte Konsumtion der Massen die eigentliche Ursache aller Überproduktionskrisen ist. Die grundlegende Ursache der Wirtschaftskrisen beruht in dem Grundwiderspruch des kapitalistischen Systems, dem Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Aneignung.

Mit der Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus treten die Überproduktionskrisen periodisch auf – im Kapitalismus der freien Konkurrenz alle acht bis zehn Jahre. Im staatsmonopolistischen Kapitalismus haben sich Dauer, Umfang und Tiefe des Krisenzyklus verändert. Durch die Regulierung des Staats, den sich die Monopole vollständig untergeordnet haben, konnte der Ausbruch einer Wirtschaftskrise verzögert oder auf Kosten der ganzen Gesellschaft aufgeschoben werden.

Wir hätten in der Europäischen Gemeinschaft (EG) längst eine Agrarkrise, wenn die Überproduktion nicht aus einer Gemeinschaftskasse der Mitgliedsländer aufgekauft würde. So lagern gegenwärtig in Kühl- und Lagerhäusern der EG 7 Millionen Tonnen Getreide = 6 Milliarden DM, 900000 Tonnen Butter = 11 Milliarden DM, 400000 Tonnen Fleisch = 5 Milliarden DM, außerdem Zucker, Milchpulver, Wein usw. Was nicht gelagert wird, geht als Viehfutter an die Bauern zurück oder wird vernichtet. So wurden massenweise Tomaten, Obst, darunter 104.000 Tonnen Pfirsiche auf die Müllkippe geschüttet. Die Kosten des Aufkaufs dieser Überproduktion von Agrarprodukten stiegen insgesamt von 9 Milliarden DM 1973 auf 36 Milliarden DM 1983. Jetzt ist die EG-Kasse fast leer: Entweder wird noch mehr Geld aus den Volksmassen der EG-Länder gepreßt, oder es beginnt eine katastrophale Agrarkrise. Diese würde die gegenwärtige Industriekrise gewaltig verschärfen.

Die heutige Wirtschaftskrise ist verbunden mit einer umwälzenden Strukturkrise. Letztere wurde durch eine neue technische Revolution – Automation verbunden mit Elektronik – ausgelöst. Umfassende Zerstörung von Produktionsanlagen und Ersetzung durch automatische Maschinen, gesteuert durch Elektronik, und Umgestaltung der Büros durch Computer und elektronisch gesteuerte Büromaschinen. Frühere Arbeitsplätze wurden vernichtet, Arbeiter und Angestellte entlassen, eine Strukturkrise großen Umfangs entstand.

Die Überproduktionskrise und die Strukturkrise stehen in Wechselwirkung miteinander und bedingen sich. Die aufkommende Überproduktionskrise und die verschärfte Konkurrenz auf dem Weltmarkt trieben zur Rationalisierung nie gekannten Ausmaßes, und das ist erst der Anfang.

Folge der Überproduktionskrise: Vernichtung von Produktivkräften und Massenarbeitslosigkeit

Folge der Strukturkrise: massenhafte Vernichtung von fixem Kapital und Arbeitslosigkeit als Dauererscheinung

Beide Krisen sind wie ein unentwirrbares Knäuel verflochten. Es ist nicht zu unterscheiden, auf welche Art Krise die Vernichtung von Produktivkräften zurückzuführen ist. Hier kann man sagen:

Überproduktionskrise und Strukturkrise sind identisch!

Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise ist aber nicht identisch mit der allgemeinen Krise des Kapitalismus. Was ist die allgemeine Krise des Kapitalismus, wann entstand sie, und wie entwickelte sie sich? Die periodisch auftretenden Wirtschaftskrisen stellen vorübergehend das Gleichgewicht der aus den Fugen geratenen Produktions- und Absatzmöglichkeiten wieder her. Sie haben aber keinen das ganze kapitalistische System umfassenden Charakter, sie sind eine vorübergehende und wiederkehrende Erscheinung. Die allgemeine Krise des Kapitalismus dagegen ist eine allumfassende Krise des Kapitalismus als Gesellschaftssystem, deren Verlauf ununterbrochen, bis zum Ende des Kapitalismus fortlaufend ist. Sie ist ein Ausdruck der Fäulnis und Zersetzung des Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium, eine Aushöhlung und Schwächung der ökonomischen, politischen und ideologischen Kräfte des kapitalistischen Gesellschaftssystems. Die allgemeine Krise des Kapitalismus konnte darum nicht im aufsteigenden Kapitalismus der freien Konkurrenz entstehen, sondern erst im Imperialismus, dem höchsten Stadium des Kapitalismus.

Vor dem I. Weltkrieg gab es ohne Zweifel bereits Keime der allgemeinen Krise des Kapitalismus, aber erst die gewaltige Erschütterung des gesamten kapitalistischen Systems durch den I. Weltkrieg und die Oktoberrevolution 1917 in Rußland ließen die allgemeine Krise zum Durchbruch kommen. Die inneren Widersprüche des Imperialismus haben die allgemeine Krise des Kapitalismus hervorgerufen und den Übergang zum Staatskapitalismus eingeleitet. Durch die Oktoberrevolution und den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion hörte der Kapitalismus auf, das alleinige, weltumfassende wirtschaftliche und politische Gesellschaftssystem zu sein.

Das Ausbrechen des riesigen russischen Landes aus dem kapitalistischen System, das Überspringen revolutionärer Kämpfe auf andere europäische Länder und das Aufflackern nationaler Befreiungskämpfe veränderten tiefgreifend die Existenzbedingungen des Imperialismus. Verschiedene politische Ereignisse und vor allem die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 verschärften die allgemeine Krise des Kapitalismus. Stalin beurteilte im Juni 1930 die Weltwirtschaftskrise folgendermaßen:

»Die heutige Krise ist die erste weltumspannende Wirtschaftskrise seit dem Kriege. Sie ist eine Weltkrise nicht nur in dem Sinne, daß sie alle oder fast alle industriellen Länder der Welt erfaßt… Sie ist eine Weltkrise auch in dem Sinne, daß die Krise der Industrie zeitlich zusammenfällt mit einer Krise der Landwirtschaft, die die Produktion aller Arten von Rohstoffen und Nahrungsmitteln in den wichtigsten Agrarländern der Welt erfaßt … Die heutige Krise ist nicht als eine einfache Wiederholung der alten Krisen zu betrachten … Die heutige Wirtschaftskrise entfaltet sich auf der Basis der allgemeinen Krise des Kapitalismus, die bereits in der Periode des imperialistischen Kriegs begonnen hat, die die Grundpfeiler des Kapitalismus unterwühlt und die den Eintritt der Wirtschaftskrise erleichtert hat. Was bedeutet das? Das bedeutet vor allem, daß der imperialistische Krieg und seine Folgen die Fäulnis des Kapitalismus verstärkt und sein Gleichgewicht erschüttert haben, daß wir heute in einer Epoche der Kriege und Revolutionen leben … Es muß festgestellt werden, daß die heutige Wirtschaftskrise die ernsteste und tiefstgehende Krise ist.« (Stalin Werke Bd. 12, S. 209–217)

Stalin sagt aber nicht, daß die Weltwirtschaftskrise mit der allgemeinen Krise des Kapitalismus identisch sei, obwohl die damalige Weltwirtschaftskrise viel umfassender und tiefgreifender als die heutige war. Wohl hat die damalige Weltwirtschaftskrise die allgemeine Krise des Kapitalismus gewaltig verschärft.

Unter den heutigen Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus verschärfen mehr oder weniger alle Wirtschaftskrisen die allgemeine Krise des Kapitalismus, aber nicht nur dies. Zahlreiche andere Prozesse und Erscheinungen tragen zu ihrer Verschärfung bei. Mao Tsetung sagt: »Haupttendenz in der Welt ist Revolution!« Das heißt doch, daß alle die revolutionären Bewegungen und Kämpfe die allgemeine Krise des Kapitalismus besonders verschärfen. Sind sie darum identisch miteinander? Wirtschaftliche, politische, militärische oder revolutionäre Krisen sind alle und jede Teil der allgemeinen Krise des Kapitalismus und verschärfen sie je nach Bedeutung. Entscheidender Faktor ist die Zuspitzung des Klassenkampfs und seine Entwicklung zur revolutionären Krise. Wenn die revolutionären Bewegungen alle kapitalistischen Länder erfassen, der Imperialismus in eine revolutionäre Weltkrise gestürzt wird, dann ist diese mit der allgemeinen Krise des Kapitalismus identisch, der Kapitalismus geht seinem Ende entgegen.

Die allgemeine Krise des Kapitalismus entwickelt sich sprunghaft und verläuft in Phasen, die durch eine besondere Erschütterung des kapitalistischen Gesellschaftssystems gekennzeichnet sind. Wir haben bis jetzt drei Phasen der allgemeinen Krise des Kapitalismus zu verzeichnen:

1. Phase: Ausgelöst durch den I. Weltkrieg und die Oktoberrevolution 1917 in Rußland, besondere Verschärfung durch die Weltwirtschaftskrise 1929–1932

2. Phase: Sprunghafte Entwicklung durch den II. Weltkrieg und

die Entstehung des sozialistischen Lagers und die Teilung des Weltmarkts

3. Phase: Der Sieg des modernen Revisionismus und die Restauration des Kapitalismus (neuen Typs) in der Sowjetunion und den anderen revisionistischen Ländern, Entstehung des Sozialimperialismus und wachsende Gefahr eines atomaren III. Weltkriegs

Die sich verschärfenden Prozesse und Erscheinungen – wirtschaftliche, politische und militärische – treiben die Fäulnis und Zersetzung des imperialistischen und sozialimperialistischen Systems auf den Höhepunkt und stellen die Völker vor die Entscheidung: entweder revolutionärer Kampf zum Sturz der imperialistischen Herrschaft und Aufbau des Sozialismus oder Untergang in die kapitalistische Barbarei.

Rot Front!
Willi



Stellungnahme des Zentralkomitees der MLPD zur Frage der »Identität der Krisen«
10.1.84

Der politische Bericht des Zentralkomitees vom September 1983 enthielt die These, daß die Überproduktionskrise der Weltwirtschaft mit der allgemeinen Krise identisch wird. Die in »Lernen und Kämpfen« 11/84 veröffentlichte Kritik des Genossen Willi Dickhut, daß diese These grundsätzlich falsch ist, da es sich um zwei grundlegend verschiedene Arten von Krisen handelt, ist berechtigt. Das Zentralkomitee hat diese Kritik eingehend beraten und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß das Wesen des Fehlers in einem Verstoß gegen die materialistische Dialektik liegt, der in zwei Erscheinungen zum Ausdruck kam:

Erstens die Auffassung, Identität bedeute Zusammenhang, wechselseitige Beeinflussung. Zweifellos besteht zwischen der Weltwirtschaftskrise und der allgemeinen Krise ein Zusammenhang im Sinne der gegenseitigen Verschärfung. Aber dieser Zusammenhang erfüllt noch nicht diejenige grundlegende Bedingung, unter der überhaupt Gegensätze identisch werden können. Identisch werden können nur die Gegensätze eines Widerspruchs, der ein und demselben Entwicklungsprozeß zugrunde liegt. So liegt der kapitalistischen Überproduktionskrise der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Aneignung zugrunde. Die allgemeine Krise des Kapitalismus hingegen beruht auf dem grundlegenden Widerspruch unserer Epoche zwischen dem faulenden Kapitalismus und dem ins Leben tretenden Sozialismus. Unterschiedliche Hauptwidersprüche – unterschiedliche Prozesse.

Die zweite Erscheinung bestand darin: Das Zentralkomitee untersuchte in seinem politischen Bericht die Umwälzung der gesamten technischen Basis der Produktion mit Hilfe des Staats und stellte deren Zusammenhang zur Überproduktionskrise mit folgenden Worten richtig dar: »Zwar wirken die staatlichen Maßnahmen und die Maßnahmen der Monopole zunächst krisenbremsend, unter Umständen sogar kurzfristig belebend. Doch in dem Moment, wo der Investitionsschub beendet ist, wirken dieselben Maßnahmen krisenbeschleunigend.« (S. 20) Das Zentralkomitee erkannte jedoch nicht, daß die Umwälzung der technischen Basis das Ausmaß und den Charakter einer Strukturkrise hat, daß Überproduktionskrise und Strukturkrise zu einem unentwirrbaren Knäuel verflochten sind, daß sie identisch sind. Bei dem Versuch, diesen in der Realität schwer zu durchschauenden Zusammenhang theoretisch zu verallgemeinern, verwischte das Zentralkomitee in seiner These den Unterschied zwischen dem ökonomischen Charakter der Überproduktionskrise und dem politischen Charakter der allgemeinen Krise, der ja das ganze System umfaßt.

Während also einerseits aus dem tatsächlichen Zusammenhang zwischen beiden Krisen gleich eine Identität konstruiert wurde, führte die Anwendung des Begriffs Identität auf diese zwei grundsätzlich unterschiedlichen Arten von Krisen zu ihrer mechanischen Gleichsetzung.

Welche Auswirkungen hätte ein Festhalten des Zentralkomitees an der falschen Theorie von der »Identität der Überproduktionskrise mit der allgemeinen Krise«? Theoretisch wäre die Konsequenz eine Verfälschung der marxistisch-leninistischen Grundlagen der MLPD in den Fragen der wirtschaftlichen und der politischen, der allgemeinen und der revolutionären Krise des Kapitalismus. Praktisch liefe diese Theorie auf eine opportunistische Strategie und Taktik hinaus, die davon ausgeht, daß der Imperialismus automatisch an der Weltwirtschaftskrise zugrunde geht. Dies wäre eine gefährliche Illusion und ein Verrat am Sozialismus, denn der Imperialismus wird niemals automatisch, weder an der Weltwirtschaftskrise, noch an einer politischen Krise zugrunde gehen, sondern nur durch die proletarische Revolution.

Der politische Bericht des Zentralkomitees vom September 1983 zieht nicht die logischen Konsequenzen aus der falschen These, schließt nicht vom Ende der relativen Stabilisierung des staatsmonopolistischen Kapitalismus auf seinen automatischen Untergang, sondern lenkt das Bewußtsein gerade umgekehrt auf die Aufgabe der MLPD, »… den aktiven Widerstand gegen den Atomtod zu organisieren und dabei geschickt den Gedanken an den einzig möglichen Ausweg aus der verschärften Ausbeutung und Unterdrückung der werktätigen Massen – den Sozialismus – zu verankern.« (S. 77f)

Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Die Erklärung liegt darin, daß wir bei der Ursache des Fehlers des Zentralkomitees zwischen der objektiven und der subjektiven Seite dieser Ursache unterscheiden müssen. Die objektive Ursache ist der wachsende ideologisch-politische und wirtschaftliche Druck der Monopoloffensive, der sich in unserer Parteiarbeit als praktische Tendenz zur Anpassung an die spontane Arbeiter- und Friedensbewegung niederschlägt. Der theoretische Ausdruck dieser Tendenz, die Vorstellung von der absoluten Ausweglosigkeit des Imperialismus, konnte sich spontan in der falschen These niederschlagen, weil der Arbeitsstil des Zentralkomitees in dieser Frage unwissenschaftlich war.

Das berührt die subjektive Ursache, die in der Voreiligkeit des Zentralkomitees bei der Ausarbeitung einer grundlegenden theoretischen Verallgemeinerung liegt, verbunden mit ideologisch-politischen Schwächen des Zentralkomitees. So traten bei der Beratung der These von der »Identität der Überproduktionskrise mit der allgemeinen Krise« Unsicherheiten auf, die nicht mit der nötigen Sorgfalt ausdiskutiert wurden. Somit beruhte die Aufstellung der These durch das Zentralkomitee nicht auf einer wissenschaftlichen Grundlage, sondern auf subjektiven Vorstellungen, was ein Verstoß gegen die Prinzipien des marxistischen Arbeitsstils ist.

Auch wenn das Zentralkomitee zwischen den Parteitagen die Linie festsetzt, so tragen doch die Mitglieder der Partei, die diese Linie verwirklichen müssen, die Verantwortung für ihre Richtigkeit. So setzte gleich nach der Veröffentlichung in der Partei eine intensive Auseinandersetzung mit dem politischen Bericht vom September 1983 ein, insbesondere über die Bedeutung und das Zustandekommen dieser neuen These. Dabei auftretende Widersprüche wurden aber – wie im Zentralkomitee – nicht bis auf den Grund verfolgt, wobei sich unzureichende Kenntnisse der materialistischen Dialektik als erschwerende Bedingung erwiesen. Im Ergebnis wurde die falsche These des Zentralkomitees schließlich von der Mitgliedschaft übernommen.

Warum erkannte im Gegensatz dazu Genosse Willi Dickhut den Fehler? Das Wesen der revolutionären Wachsamkeit ist die schöpferische Kritik und Selbstkritik. Diese besteht darin, ein Problem mittels der dialektischen Methode bis auf den Grund und in die Perspektive zu durchdenken.

Auf diese Weise konnte Genosse Willi Dickhut der falschen These des Zentralkomitees die wissenschaftliche These gegenüberstellen:

»Entweder revolutionärer Kampf zum Sturz der imperialistischen Herrschaft und Aufbau des Sozialismus oder Untergang in die kapitalistische Barbarei.«

So besteht die eigentliche Auswirkung des theoretischen Fehlers des Zentralkomitees auf den politischen Bericht vom September 1983 darin, daß er die objektive Gefahr des Untergangs in die kapitalistische Barbarei nicht erfaßt hatte.

Das Zentralkomitee, die ganze Partei und ihre Nebenorganisationen können aus diesem Fehler und seiner Korrektur die große Bedeutung prinzipieller Kritik und Selbstkritik erlernen:

1. Kritik und Selbstkritik ist keine bloße Negation, das heißt eine einfache Feststellung, daß es so und so nicht geht, sondern sie spürt im Falschen den richtigen Keim auf. So schälte Genosse Willi Dickhut den vom Zentralkomitee behandelten Zusammenhang von Überproduktionskrise und Umwälzung der technischen Basis der Produktion heraus und kam zu dem Schluß, daß Überproduktionskrise und Strukturkrise identisch sind.

2. Die höchste Form der Kritik und Selbstkritik ist nicht die treffende Kennzeichnung des Fehlers, sondern die Umwandlung

der Kritik in einen Beitrag zur theoretischen und praktischen Lösung der Probleme der Partei. So nahm Genosse Willi Dickhut die Kritik zum Anlaß, vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus die Existenz unterschiedlicher kapitalistischer Wirtschaftskrisen zu beleuchten, ihren Zusammenhang zur politischen und revolutionären Krise herauszuarbeiten, um schließlich festzustellen:

»Wenn die revolutionären Bewegungen alle kapitalistischen Länder erfassen, der Imperialismus in eine revolutionäre Weltkrise gestürzt wird, dann ist diese mit der allgemeinen Krise des Kapitalismus identisch, der Kapitalismus geht seinem Ende entgegen.«

Die Kritik des Genossen Willi Dickhut gibt damit bereits das Grundgerüst für das vom Zentralkomitee beschlossene Thema des nächsten Revolutionären Wegs: »Krisen und Klassenkampf«.

3. Die gegenwärtigen Probleme unserer Partei, wie sie im Leitartikel der Roten Fahne 39/83 umrissen werden, sind nicht nur theoretischer, sondern vor allem praktischer Natur. Ob es sich um die Konkretisierung unserer Linie in der Betriebs- und Wohngebietsanalyse handelt, die Erstellung einer massenwirksamen Zeitung, die Gewinnung von Abonnenten der Roten Fahne, die Durchführung der Zellensitzung im Stil einer Partei der Massen – überall kommt es darauf an, die positiven Keime herauszuschälen, einen praktischen Durchbruch zu erzielen. Dazu müssen wir uns befähigen, indem wir den dialektischen Materialismus studieren und anwenden.

Sekretariat des Zentralkomitees der MLPD



Die Zentrale Kontrollkommission nimmt ebenfalls Stellung zu der Frage der
»Identität der Krisen«

Lieber Willi, 25.1.84

Deine Kritik vom 24. 10. 83 zur Frage der »Identität der Krisen« ist ja auch an uns gerichtet. Der Fehler im politischen Referat war auch deshalb möglich, weil die Zentrale Kontrollkommission einer ihrer grundlegenden Aufgaben nicht nachkam: »… jede Abweichung von der ideologisch-politischen Linie zu bekämpfen … Erziehungsarbeit zu leisten.« Daß unser Arbeitsstil in der Vorbereitung auf das 5. Plenum des Zentralkomitees darauf nicht ausgerichtet war, hatte eine Aufweichung der Kontrolle zur Folge. Ich meine, daß sich daraus auch die Kernfrage aus Deiner Kritik für uns ergibt: Warum ist die Zentrale Kontrollkommission hier ihren Kontrollaufgaben nicht nachgekommen und hat die Aussage des politischen Berichts nicht durch den Marxismus-Leninismus überprüft?

Die Schwächen in der materialistischen Dialektik, wie sie das Zentralkomitee in seinem Brief an Dich vom 10. 1. 84 herausarbeitet, waren auch bei uns vorhanden. Die Argumentation auf einem Arbeitswochenende des Zentralkomitees und in dem politischen Bericht leuchtete ein und wurde spontan übernommen. So traten wir auch Auffassungen auf dem Arbeitswochenende des Zentralkomitees, daß durch die Identität der Krisenzyklus aufgehoben würde und es keine Lösung in der Wirtschaftskrise mehr gibt, nicht entgegen. Das hatte zum einen seine Gründe in ideologisch-politischen Schwächen, was die politische Ökonomie betrifft, aber auch waren bei uns bestimmte Grundsätze der Lehre vom Klassenkampf verdrängt, so daß auf der Grundlage der Vorstellung einer spontanen Entwicklung zum Sozialismus diese »Identitätstheorie« fruchtete. Aber es ist unsere Aufgabe, bewußt zu prüfen und nicht nur dann, wenn wir spontan der Meinung sind: »Hier stimmt etwas nicht.« Nach dieser Methode läuft oft unsere Kontrolle ab. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen ist das sicher auch ein Ansatzpunkt. Beschränkt man sich darauf, verkehrt er sich ins Gegenteil.

In diesem Arbeitsstil drückt sich damit aus, daß unsere Kontrolle sich reduzierte auf unsere bisherige Möglichkeit, ideologischpolitische Fehler zu erkennen. Das verstärkt das Reagieren und entzog einer nach vorn gerichteten schöpferischen Kritik und Selbstkritik die Grundlage, eine wirkliche Erziehungsarbeit wurde so nicht möglich.

Dieses Herangehen widerspricht zutiefst der Kritik und Selbstkritik als Methode der wissenschaftlichen Erkenntnis, ist Ausdruck des Zurückweichens vor deren bewußtem Praktizieren.

Mit der Entwicklung des Klassenkampfs, vor allem dem Verlauf der Wirtschaftskrise, hatten wir uns kaum befaßt, die damit zusammenhängenden Fragen und deren Beantwortung wurden oft vertagt, und wir widmeten uns der laufenden Arbeit, womit sich unsere Kontrollarbeit dem spontanen Verlauf des Klassenkampfs unterordnete. Auf dem 5. Plenum des Zentralkomitees drückte sich das insgesamt in einem politischen Nachtrab aus.

Die Überwindung der ideologisch-politischen Schwächen wurden in unserem Kollektiv zwar angegangen, aber nicht systematisch genug. Dabei wurde auch der Fehler gemacht, die Einheit von Theorie und Praxis zu mißachten. Im Studium und in der Lösung der Probleme trat immer stärker die Tendenz auf, aus Überlegungen und Theorien Lösungen zu entwickeln oder mit einzelnen Erkenntnissen zu meinen, die Sache im Griff zu haben.

In der bisherigen Auseinandersetzung deckten wir dabei ein Verständnis der Kontrolltätigkeit auf, das einer schöpferischen Anwendung prinzipieller Kritik und Selbstkritik im Weg stand: Ein Zug zum einseitigen Negieren, ein Zug zur Kritik, ohne diese wirklich als Entwicklungsgesetz einzusetzen. Wir blieben oft dabei stehen, auf Fehler hinzuweisen, ohne zu sagen, wie sie zu lösen sind, beziehungsweise zogen wir aus einer erfolgreichen Arbeit kaum Schlußfolgerungen, oder wie im Falle der Aussage im politischen Bericht über die »Identität« begannen wir erst gar nicht die kritische und selbstkritische Befassung damit.

Wir sind in dieser Auseinandersetzung auf eine Aussage von Lenin gestoßen, die uns sehr deutlich machte, daß wir dabeiwaren, uns von einem positiven Verständnis der Arbeit der Zentralen Kontrollkommission wegzuentwickeln. Lenin schreibt:

»Die Aufgabe der Arbeiter- und Bauerninspektion besteht nicht nur und sogar nicht so sehr in der ›Aufspürung‹ und ›Überführung‹ … als vielmehr in der Fähigkeit zu verbessern.« (Bd. 33, S. 22)

Die Fähigkeit zu verbessern hätte von uns verlangt, ähnlich wie Du es in Deinem Brief vom 24. 10. 83 tatest, nicht »nur« den Fehler »aufzuspüren« (was wir mit dem oben dargelegten Arbeitsstil ja auch nicht leisteten), sondern auch den Versuch zu machen, positiv zu beantworten, was richtig ist! Diese Fähigkeit entwickelt man aber nur durch die schöpferische Kritik und Selbstkritik; diesen Kampf müssen wir führen, und ich denke, daß wir ihn begonnen haben.

Dein Brief, aber auch die ganze Auseinandersetzung in der Zentralen Kontrollkommission und mit dem Zentralkomitee machen deutlich, daß unsere Arbeit sich in einem Umbruch befindet, dessen entscheidender Punkt ist, mittels prinzipieller Kritik und Selbstkritik in der Praxis der Kontrolltätigkeit Änderungen durchzuführen. Die Auseinandersetzung ist nicht abgeschlossen, und in unserem Rechenschaftsbericht müssen wir eine gründliche Aufarbeitung vornehmen, praktische Änderungen sind schon jetzt notwendig!

Mit herzlichem Gruß
Ach.

Quellen & Links

An Zentralkomitee 24. 10. 83
Zentrale Kontrollkommission der MLPD

Liebe Genossinnen und Genossen!

Nachfolgend nehme ich Stellung zu einer wichtigen Frage, die im letzten Plenum des Zentralkomitees fehlerhaft behandelt wurde und im politischen Bericht als Fehler auftauchte. Hier heißt es Seite 29:

»Die Überproduktionskrise der Weltwirtschaft, die heute fast alle imperialistischen Länder erfaßt hat, entfaltet sich auf der Basis der allgemeinen Krise des Kapitalismus und wird mit ihr identisch.«

Kann man sagen, daß die heutige Wirtschaftskrise mit der allgemeinen Krise identisch ist? Nein, denn es sind zwei grundlegend verschiedene Arten von Krisen. Worin unterscheiden sich beide voneinander?

Die kapitalistischen Wirtschaftskrisen entstanden mit der Entwicklung der Industrie, als das fixe Kapital einen solchen Umfang angenommen hatte, daß es zur Grundlage der kapitalistischen Wirtschaft wurde. Die zyklischen Krisen waren zur Notwendigkeit geworden. Die ungleichmäßige Entwicklung des Kapitalismus erzeugte solche Widersprüche, die nur durch eine Krise vorübergehend gewaltsam gelöst werden konnten. Die erste Wirtschaftskrise fand 1825 statt. Diese kapitalistischen Krisen unterscheiden sich grundsätzlich von den Krisen früherer Gesellschaftsepochen, die durchweg Handels-, Geld- und Spekulationskrisen waren und nichts mit der Produktion zu tun hatten. Dagegen unterliegen die kapitalistischen Krisen der Gesetzmäßigkeit der kapitalistischen Produktionsweise.

Die kapitalistischen Krisen treten in verschiedenen Formen auf, die mehr oder weniger miteinander verbunden sind:

Industriekrisen, die manchmal mit einer Agrarkrise gleichzeitig auftreten.

Agrarkrisen, die oft mehrere Länder umfassen.

Handelskrisen, die fast immer mit einer Kreditkrise verbunden sind.

Währungs-, Geld- und Kreditkrisen, zum Beispiel Folgen der Hochzinspolitik der USA-Regierung.

Strukturkrisen als Folge gewaltiger technischer Umwälzung oder Verlagerung von Rohstoffen, zum Beispiel Öl verdrängte Kohle, Kunststoff ersetzte Stahl.

Industrie- und Agrarkrisen sind Überproduktionskrisen, sie unterliegen Gesetzen der kapitalistischen Produktion und können nicht abgeschafft werden, solange das kapitalistische System besteht. Sie haben ihre Ursache in dem schrankenlosen Streben der Kapitalisten, ihre Produktion auszudehnen. Die Kapitalisten sind gezwungen, die engen Grenzen der beschränkten Nachfrage der Konsumtion der Massen zu durchbrechen. Sie erweitern die Produktion von Produktionsmitteln, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger zu sein, drücken gleichzeitig auf die Löhne und Gehälter und vermindern so die kaufkräftige Nachfrage der Massen. Marx wies darauf hin, daß letzten Endes die Armut und beschränkte Konsumtion der Massen die eigentliche Ursache aller Überproduktionskrisen ist. Die grundlegende Ursache der Wirtschaftskrisen beruht in dem Grundwiderspruch des kapitalistischen Systems, dem Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Aneignung.

Mit der Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus treten die Überproduktionskrisen periodisch auf – im Kapitalismus der freien Konkurrenz alle acht bis zehn Jahre. Im staatsmonopolistischen Kapitalismus haben sich Dauer, Umfang und Tiefe des Krisenzyklus verändert. Durch die Regulierung des Staats, den sich die Monopole vollständig untergeordnet haben, konnte der Ausbruch einer Wirtschaftskrise verzögert oder auf Kosten der ganzen Gesellschaft aufgeschoben werden.

Wir hätten in der Europäischen Gemeinschaft (EG) längst eine Agrarkrise, wenn die Überproduktion nicht aus einer Gemeinschaftskasse der Mitgliedsländer aufgekauft würde. So lagern gegenwärtig in Kühl- und Lagerhäusern der EG 7 Millionen Tonnen Getreide = 6 Milliarden DM, 900000 Tonnen Butter = 11 Milliarden DM, 400000 Tonnen Fleisch = 5 Milliarden DM, außerdem Zucker, Milchpulver, Wein usw. Was nicht gelagert wird, geht als Viehfutter an die Bauern zurück oder wird vernichtet. So wurden massenweise Tomaten, Obst, darunter 104.000 Tonnen Pfirsiche auf die Müllkippe geschüttet. Die Kosten des Aufkaufs dieser Überproduktion von Agrarprodukten stiegen insgesamt von 9 Milliarden DM 1973 auf 36 Milliarden DM 1983. Jetzt ist die EG-Kasse fast leer: Entweder wird noch mehr Geld aus den Volksmassen der EG-Länder gepreßt, oder es beginnt eine katastrophale Agrarkrise. Diese würde die gegenwärtige Industriekrise gewaltig verschärfen.

Die heutige Wirtschaftskrise ist verbunden mit einer umwälzenden Strukturkrise. Letztere wurde durch eine neue technische Revolution – Automation verbunden mit Elektronik – ausgelöst. Umfassende Zerstörung von Produktionsanlagen und Ersetzung durch automatische Maschinen, gesteuert durch Elektronik, und Umgestaltung der Büros durch Computer und elektronisch gesteuerte Büromaschinen. Frühere Arbeitsplätze wurden vernichtet, Arbeiter und Angestellte entlassen, eine Strukturkrise großen Umfangs entstand.

Die Überproduktionskrise und die Strukturkrise stehen in Wechselwirkung miteinander und bedingen sich. Die aufkommende Überproduktionskrise und die verschärfte Konkurrenz auf dem Weltmarkt trieben zur Rationalisierung nie gekannten Ausmaßes, und das ist erst der Anfang.

Folge der Überproduktionskrise: Vernichtung von Produktivkräften und Massenarbeitslosigkeit

Folge der Strukturkrise: massenhafte Vernichtung von fixem Kapital und Arbeitslosigkeit als Dauererscheinung

Beide Krisen sind wie ein unentwirrbares Knäuel verflochten. Es ist nicht zu unterscheiden, auf welche Art Krise die Vernichtung von Produktivkräften zurückzuführen ist. Hier kann man sagen:

Überproduktionskrise und Strukturkrise sind identisch!

Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise ist aber nicht identisch mit der allgemeinen Krise des Kapitalismus. Was ist die allgemeine Krise des Kapitalismus, wann entstand sie, und wie entwickelte sie sich? Die periodisch auftretenden Wirtschaftskrisen stellen vorübergehend das Gleichgewicht der aus den Fugen geratenen Produktions- und Absatzmöglichkeiten wieder her. Sie haben aber keinen das ganze kapitalistische System umfassenden Charakter, sie sind eine vorübergehende und wiederkehrende Erscheinung. Die allgemeine Krise des Kapitalismus dagegen ist eine allumfassende Krise des Kapitalismus als Gesellschaftssystem, deren Verlauf ununterbrochen, bis zum Ende des Kapitalismus fortlaufend ist. Sie ist ein Ausdruck der Fäulnis und Zersetzung des Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium, eine Aushöhlung und Schwächung der ökonomischen, politischen und ideologischen Kräfte des kapitalistischen Gesellschaftssystems. Die allgemeine Krise des Kapitalismus konnte darum nicht im aufsteigenden Kapitalismus der freien Konkurrenz entstehen, sondern erst im Imperialismus, dem höchsten Stadium des Kapitalismus.

Vor dem I. Weltkrieg gab es ohne Zweifel bereits Keime der allgemeinen Krise des Kapitalismus, aber erst die gewaltige Erschütterung des gesamten kapitalistischen Systems durch den I. Weltkrieg und die Oktoberrevolution 1917 in Rußland ließen die allgemeine Krise zum Durchbruch kommen. Die inneren Widersprüche des Imperialismus haben die allgemeine Krise des Kapitalismus hervorgerufen und den Übergang zum Staatskapitalismus eingeleitet. Durch die Oktoberrevolution und den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion hörte der Kapitalismus auf, das alleinige, weltumfassende wirtschaftliche und politische Gesellschaftssystem zu sein.

Das Ausbrechen des riesigen russischen Landes aus dem kapitalistischen System, das Überspringen revolutionärer Kämpfe auf andere europäische Länder und das Aufflackern nationaler Befreiungskämpfe veränderten tiefgreifend die Existenzbedingungen des Imperialismus. Verschiedene politische Ereignisse und vor allem die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 verschärften die allgemeine Krise des Kapitalismus. Stalin beurteilte im Juni 1930 die Weltwirtschaftskrise folgendermaßen:

»Die heutige Krise ist die erste weltumspannende Wirtschaftskrise seit dem Kriege. Sie ist eine Weltkrise nicht nur in dem Sinne, daß sie alle oder fast alle industriellen Länder der Welt erfaßt… Sie ist eine Weltkrise auch in dem Sinne, daß die Krise der Industrie zeitlich zusammenfällt mit einer Krise der Landwirtschaft, die die Produktion aller Arten von Rohstoffen und Nahrungsmitteln in den wichtigsten Agrarländern der Welt erfaßt … Die heutige Krise ist nicht als eine einfache Wiederholung der alten Krisen zu betrachten … Die heutige Wirtschaftskrise entfaltet sich auf der Basis der allgemeinen Krise des Kapitalismus, die bereits in der Periode des imperialistischen Kriegs begonnen hat, die die Grundpfeiler des Kapitalismus unterwühlt und die den Eintritt der Wirtschaftskrise erleichtert hat. Was bedeutet das? Das bedeutet vor allem, daß der imperialistische Krieg und seine Folgen die Fäulnis des Kapitalismus verstärkt und sein Gleichgewicht erschüttert haben, daß wir heute in einer Epoche der Kriege und Revolutionen leben … Es muß festgestellt werden, daß die heutige Wirtschaftskrise die ernsteste und tiefstgehende Krise ist.« (Stalin Werke Bd. 12, S. 209–217)

Stalin sagt aber nicht, daß die Weltwirtschaftskrise mit der allgemeinen Krise des Kapitalismus identisch sei, obwohl die damalige Weltwirtschaftskrise viel umfassender und tiefgreifender als die heutige war. Wohl hat die damalige Weltwirtschaftskrise die allgemeine Krise des Kapitalismus gewaltig verschärft.

Unter den heutigen Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus verschärfen mehr oder weniger alle Wirtschaftskrisen die allgemeine Krise des Kapitalismus, aber nicht nur dies. Zahlreiche andere Prozesse und Erscheinungen tragen zu ihrer Verschärfung bei. Mao Tsetung sagt: »Haupttendenz in der Welt ist Revolution!« Das heißt doch, daß alle die revolutionären Bewegungen und Kämpfe die allgemeine Krise des Kapitalismus besonders verschärfen. Sind sie darum identisch miteinander? Wirtschaftliche, politische, militärische oder revolutionäre Krisen sind alle und jede Teil der allgemeinen Krise des Kapitalismus und verschärfen sie je nach Bedeutung. Entscheidender Faktor ist die Zuspitzung des Klassenkampfs und seine Entwicklung zur revolutionären Krise. Wenn die revolutionären Bewegungen alle kapitalistischen Länder erfassen, der Imperialismus in eine revolutionäre Weltkrise gestürzt wird, dann ist diese mit der allgemeinen Krise des Kapitalismus identisch, der Kapitalismus geht seinem Ende entgegen.

Die allgemeine Krise des Kapitalismus entwickelt sich sprunghaft und verläuft in Phasen, die durch eine besondere Erschütterung des kapitalistischen Gesellschaftssystems gekennzeichnet sind. Wir haben bis jetzt drei Phasen der allgemeinen Krise des Kapitalismus zu verzeichnen:

1. Phase: Ausgelöst durch den I. Weltkrieg und die Oktoberrevolution 1917 in Rußland, besondere Verschärfung durch die Weltwirtschaftskrise 1929–1932

2. Phase: Sprunghafte Entwicklung durch den II. Weltkrieg und

die Entstehung des sozialistischen Lagers und die Teilung des Weltmarkts

3. Phase: Der Sieg des modernen Revisionismus und die Restauration des Kapitalismus (neuen Typs) in der Sowjetunion und den anderen revisionistischen Ländern, Entstehung des Sozialimperialismus und wachsende Gefahr eines atomaren III. Weltkriegs

Die sich verschärfenden Prozesse und Erscheinungen – wirtschaftliche, politische und militärische – treiben die Fäulnis und Zersetzung des imperialistischen und sozialimperialistischen Systems auf den Höhepunkt und stellen die Völker vor die Entscheidung: entweder revolutionärer Kampf zum Sturz der imperialistischen Herrschaft und Aufbau des Sozialismus oder Untergang in die kapitalistische Barbarei.

Rot Front!
Willi



Stellungnahme des Zentralkomitees der MLPD zur Frage der »Identität der Krisen«
10.1.84

Der politische Bericht des Zentralkomitees vom September 1983 enthielt die These, daß die Überproduktionskrise der Weltwirtschaft mit der allgemeinen Krise identisch wird. Die in »Lernen und Kämpfen« 11/84 veröffentlichte Kritik des Genossen Willi Dickhut, daß diese These grundsätzlich falsch ist, da es sich um zwei grundlegend verschiedene Arten von Krisen handelt, ist berechtigt. Das Zentralkomitee hat diese Kritik eingehend beraten und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß das Wesen des Fehlers in einem Verstoß gegen die materialistische Dialektik liegt, der in zwei Erscheinungen zum Ausdruck kam:

Erstens die Auffassung, Identität bedeute Zusammenhang, wechselseitige Beeinflussung. Zweifellos besteht zwischen der Weltwirtschaftskrise und der allgemeinen Krise ein Zusammenhang im Sinne der gegenseitigen Verschärfung. Aber dieser Zusammenhang erfüllt noch nicht diejenige grundlegende Bedingung, unter der überhaupt Gegensätze identisch werden können. Identisch werden können nur die Gegensätze eines Widerspruchs, der ein und demselben Entwicklungsprozeß zugrunde liegt. So liegt der kapitalistischen Überproduktionskrise der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Aneignung zugrunde. Die allgemeine Krise des Kapitalismus hingegen beruht auf dem grundlegenden Widerspruch unserer Epoche zwischen dem faulenden Kapitalismus und dem ins Leben tretenden Sozialismus. Unterschiedliche Hauptwidersprüche – unterschiedliche Prozesse.

Die zweite Erscheinung bestand darin: Das Zentralkomitee untersuchte in seinem politischen Bericht die Umwälzung der gesamten technischen Basis der Produktion mit Hilfe des Staats und stellte deren Zusammenhang zur Überproduktionskrise mit folgenden Worten richtig dar: »Zwar wirken die staatlichen Maßnahmen und die Maßnahmen der Monopole zunächst krisenbremsend, unter Umständen sogar kurzfristig belebend. Doch in dem Moment, wo der Investitionsschub beendet ist, wirken dieselben Maßnahmen krisenbeschleunigend.« (S. 20) Das Zentralkomitee erkannte jedoch nicht, daß die Umwälzung der technischen Basis das Ausmaß und den Charakter einer Strukturkrise hat, daß Überproduktionskrise und Strukturkrise zu einem unentwirrbaren Knäuel verflochten sind, daß sie identisch sind. Bei dem Versuch, diesen in der Realität schwer zu durchschauenden Zusammenhang theoretisch zu verallgemeinern, verwischte das Zentralkomitee in seiner These den Unterschied zwischen dem ökonomischen Charakter der Überproduktionskrise und dem politischen Charakter der allgemeinen Krise, der ja das ganze System umfaßt.

Während also einerseits aus dem tatsächlichen Zusammenhang zwischen beiden Krisen gleich eine Identität konstruiert wurde, führte die Anwendung des Begriffs Identität auf diese zwei grundsätzlich unterschiedlichen Arten von Krisen zu ihrer mechanischen Gleichsetzung.

Welche Auswirkungen hätte ein Festhalten des Zentralkomitees an der falschen Theorie von der »Identität der Überproduktionskrise mit der allgemeinen Krise«? Theoretisch wäre die Konsequenz eine Verfälschung der marxistisch-leninistischen Grundlagen der MLPD in den Fragen der wirtschaftlichen und der politischen, der allgemeinen und der revolutionären Krise des Kapitalismus. Praktisch liefe diese Theorie auf eine opportunistische Strategie und Taktik hinaus, die davon ausgeht, daß der Imperialismus automatisch an der Weltwirtschaftskrise zugrunde geht. Dies wäre eine gefährliche Illusion und ein Verrat am Sozialismus, denn der Imperialismus wird niemals automatisch, weder an der Weltwirtschaftskrise, noch an einer politischen Krise zugrunde gehen, sondern nur durch die proletarische Revolution.

Der politische Bericht des Zentralkomitees vom September 1983 zieht nicht die logischen Konsequenzen aus der falschen These, schließt nicht vom Ende der relativen Stabilisierung des staatsmonopolistischen Kapitalismus auf seinen automatischen Untergang, sondern lenkt das Bewußtsein gerade umgekehrt auf die Aufgabe der MLPD, »… den aktiven Widerstand gegen den Atomtod zu organisieren und dabei geschickt den Gedanken an den einzig möglichen Ausweg aus der verschärften Ausbeutung und Unterdrückung der werktätigen Massen – den Sozialismus – zu verankern.« (S. 77f)

Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Die Erklärung liegt darin, daß wir bei der Ursache des Fehlers des Zentralkomitees zwischen der objektiven und der subjektiven Seite dieser Ursache unterscheiden müssen. Die objektive Ursache ist der wachsende ideologisch-politische und wirtschaftliche Druck der Monopoloffensive, der sich in unserer Parteiarbeit als praktische Tendenz zur Anpassung an die spontane Arbeiter- und Friedensbewegung niederschlägt. Der theoretische Ausdruck dieser Tendenz, die Vorstellung von der absoluten Ausweglosigkeit des Imperialismus, konnte sich spontan in der falschen These niederschlagen, weil der Arbeitsstil des Zentralkomitees in dieser Frage unwissenschaftlich war.

Das berührt die subjektive Ursache, die in der Voreiligkeit des Zentralkomitees bei der Ausarbeitung einer grundlegenden theoretischen Verallgemeinerung liegt, verbunden mit ideologisch-politischen Schwächen des Zentralkomitees. So traten bei der Beratung der These von der »Identität der Überproduktionskrise mit der allgemeinen Krise« Unsicherheiten auf, die nicht mit der nötigen Sorgfalt ausdiskutiert wurden. Somit beruhte die Aufstellung der These durch das Zentralkomitee nicht auf einer wissenschaftlichen Grundlage, sondern auf subjektiven Vorstellungen, was ein Verstoß gegen die Prinzipien des marxistischen Arbeitsstils ist.

Auch wenn das Zentralkomitee zwischen den Parteitagen die Linie festsetzt, so tragen doch die Mitglieder der Partei, die diese Linie verwirklichen müssen, die Verantwortung für ihre Richtigkeit. So setzte gleich nach der Veröffentlichung in der Partei eine intensive Auseinandersetzung mit dem politischen Bericht vom September 1983 ein, insbesondere über die Bedeutung und das Zustandekommen dieser neuen These. Dabei auftretende Widersprüche wurden aber – wie im Zentralkomitee – nicht bis auf den Grund verfolgt, wobei sich unzureichende Kenntnisse der materialistischen Dialektik als erschwerende Bedingung erwiesen. Im Ergebnis wurde die falsche These des Zentralkomitees schließlich von der Mitgliedschaft übernommen.

Warum erkannte im Gegensatz dazu Genosse Willi Dickhut den Fehler? Das Wesen der revolutionären Wachsamkeit ist die schöpferische Kritik und Selbstkritik. Diese besteht darin, ein Problem mittels der dialektischen Methode bis auf den Grund und in die Perspektive zu durchdenken.

Auf diese Weise konnte Genosse Willi Dickhut der falschen These des Zentralkomitees die wissenschaftliche These gegenüberstellen:

»Entweder revolutionärer Kampf zum Sturz der imperialistischen Herrschaft und Aufbau des Sozialismus oder Untergang in die kapitalistische Barbarei.«

So besteht die eigentliche Auswirkung des theoretischen Fehlers des Zentralkomitees auf den politischen Bericht vom September 1983 darin, daß er die objektive Gefahr des Untergangs in die kapitalistische Barbarei nicht erfaßt hatte.

Das Zentralkomitee, die ganze Partei und ihre Nebenorganisationen können aus diesem Fehler und seiner Korrektur die große Bedeutung prinzipieller Kritik und Selbstkritik erlernen:

1. Kritik und Selbstkritik ist keine bloße Negation, das heißt eine einfache Feststellung, daß es so und so nicht geht, sondern sie spürt im Falschen den richtigen Keim auf. So schälte Genosse Willi Dickhut den vom Zentralkomitee behandelten Zusammenhang von Überproduktionskrise und Umwälzung der technischen Basis der Produktion heraus und kam zu dem Schluß, daß Überproduktionskrise und Strukturkrise identisch sind.

2. Die höchste Form der Kritik und Selbstkritik ist nicht die treffende Kennzeichnung des Fehlers, sondern die Umwandlung

der Kritik in einen Beitrag zur theoretischen und praktischen Lösung der Probleme der Partei. So nahm Genosse Willi Dickhut die Kritik zum Anlaß, vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus die Existenz unterschiedlicher kapitalistischer Wirtschaftskrisen zu beleuchten, ihren Zusammenhang zur politischen und revolutionären Krise herauszuarbeiten, um schließlich festzustellen:

»Wenn die revolutionären Bewegungen alle kapitalistischen Länder erfassen, der Imperialismus in eine revolutionäre Weltkrise gestürzt wird, dann ist diese mit der allgemeinen Krise des Kapitalismus identisch, der Kapitalismus geht seinem Ende entgegen.«

Die Kritik des Genossen Willi Dickhut gibt damit bereits das Grundgerüst für das vom Zentralkomitee beschlossene Thema des nächsten Revolutionären Wegs: »Krisen und Klassenkampf«.

3. Die gegenwärtigen Probleme unserer Partei, wie sie im Leitartikel der Roten Fahne 39/83 umrissen werden, sind nicht nur theoretischer, sondern vor allem praktischer Natur. Ob es sich um die Konkretisierung unserer Linie in der Betriebs- und Wohngebietsanalyse handelt, die Erstellung einer massenwirksamen Zeitung, die Gewinnung von Abonnenten der Roten Fahne, die Durchführung der Zellensitzung im Stil einer Partei der Massen – überall kommt es darauf an, die positiven Keime herauszuschälen, einen praktischen Durchbruch zu erzielen. Dazu müssen wir uns befähigen, indem wir den dialektischen Materialismus studieren und anwenden.

Sekretariat des Zentralkomitees der MLPD



Die Zentrale Kontrollkommission nimmt ebenfalls Stellung zu der Frage der
»Identität der Krisen«

Lieber Willi, 25.1.84

Deine Kritik vom 24. 10. 83 zur Frage der »Identität der Krisen« ist ja auch an uns gerichtet. Der Fehler im politischen Referat war auch deshalb möglich, weil die Zentrale Kontrollkommission einer ihrer grundlegenden Aufgaben nicht nachkam: »… jede Abweichung von der ideologisch-politischen Linie zu bekämpfen … Erziehungsarbeit zu leisten.« Daß unser Arbeitsstil in der Vorbereitung auf das 5. Plenum des Zentralkomitees darauf nicht ausgerichtet war, hatte eine Aufweichung der Kontrolle zur Folge. Ich meine, daß sich daraus auch die Kernfrage aus Deiner Kritik für uns ergibt: Warum ist die Zentrale Kontrollkommission hier ihren Kontrollaufgaben nicht nachgekommen und hat die Aussage des politischen Berichts nicht durch den Marxismus-Leninismus überprüft?

Die Schwächen in der materialistischen Dialektik, wie sie das Zentralkomitee in seinem Brief an Dich vom 10. 1. 84 herausarbeitet, waren auch bei uns vorhanden. Die Argumentation auf einem Arbeitswochenende des Zentralkomitees und in dem politischen Bericht leuchtete ein und wurde spontan übernommen. So traten wir auch Auffassungen auf dem Arbeitswochenende des Zentralkomitees, daß durch die Identität der Krisenzyklus aufgehoben würde und es keine Lösung in der Wirtschaftskrise mehr gibt, nicht entgegen. Das hatte zum einen seine Gründe in ideologisch-politischen Schwächen, was die politische Ökonomie betrifft, aber auch waren bei uns bestimmte Grundsätze der Lehre vom Klassenkampf verdrängt, so daß auf der Grundlage der Vorstellung einer spontanen Entwicklung zum Sozialismus diese »Identitätstheorie« fruchtete. Aber es ist unsere Aufgabe, bewußt zu prüfen und nicht nur dann, wenn wir spontan der Meinung sind: »Hier stimmt etwas nicht.« Nach dieser Methode läuft oft unsere Kontrolle ab. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen ist das sicher auch ein Ansatzpunkt. Beschränkt man sich darauf, verkehrt er sich ins Gegenteil.

In diesem Arbeitsstil drückt sich damit aus, daß unsere Kontrolle sich reduzierte auf unsere bisherige Möglichkeit, ideologischpolitische Fehler zu erkennen. Das verstärkt das Reagieren und entzog einer nach vorn gerichteten schöpferischen Kritik und Selbstkritik die Grundlage, eine wirkliche Erziehungsarbeit wurde so nicht möglich.

Dieses Herangehen widerspricht zutiefst der Kritik und Selbstkritik als Methode der wissenschaftlichen Erkenntnis, ist Ausdruck des Zurückweichens vor deren bewußtem Praktizieren.

Mit der Entwicklung des Klassenkampfs, vor allem dem Verlauf der Wirtschaftskrise, hatten wir uns kaum befaßt, die damit zusammenhängenden Fragen und deren Beantwortung wurden oft vertagt, und wir widmeten uns der laufenden Arbeit, womit sich unsere Kontrollarbeit dem spontanen Verlauf des Klassenkampfs unterordnete. Auf dem 5. Plenum des Zentralkomitees drückte sich das insgesamt in einem politischen Nachtrab aus.

Die Überwindung der ideologisch-politischen Schwächen wurden in unserem Kollektiv zwar angegangen, aber nicht systematisch genug. Dabei wurde auch der Fehler gemacht, die Einheit von Theorie und Praxis zu mißachten. Im Studium und in der Lösung der Probleme trat immer stärker die Tendenz auf, aus Überlegungen und Theorien Lösungen zu entwickeln oder mit einzelnen Erkenntnissen zu meinen, die Sache im Griff zu haben.

In der bisherigen Auseinandersetzung deckten wir dabei ein Verständnis der Kontrolltätigkeit auf, das einer schöpferischen Anwendung prinzipieller Kritik und Selbstkritik im Weg stand: Ein Zug zum einseitigen Negieren, ein Zug zur Kritik, ohne diese wirklich als Entwicklungsgesetz einzusetzen. Wir blieben oft dabei stehen, auf Fehler hinzuweisen, ohne zu sagen, wie sie zu lösen sind, beziehungsweise zogen wir aus einer erfolgreichen Arbeit kaum Schlußfolgerungen, oder wie im Falle der Aussage im politischen Bericht über die »Identität« begannen wir erst gar nicht die kritische und selbstkritische Befassung damit.

Wir sind in dieser Auseinandersetzung auf eine Aussage von Lenin gestoßen, die uns sehr deutlich machte, daß wir dabeiwaren, uns von einem positiven Verständnis der Arbeit der Zentralen Kontrollkommission wegzuentwickeln. Lenin schreibt:

»Die Aufgabe der Arbeiter- und Bauerninspektion besteht nicht nur und sogar nicht so sehr in der ›Aufspürung‹ und ›Überführung‹ … als vielmehr in der Fähigkeit zu verbessern.« (Bd. 33, S. 22)

Die Fähigkeit zu verbessern hätte von uns verlangt, ähnlich wie Du es in Deinem Brief vom 24. 10. 83 tatest, nicht »nur« den Fehler »aufzuspüren« (was wir mit dem oben dargelegten Arbeitsstil ja auch nicht leisteten), sondern auch den Versuch zu machen, positiv zu beantworten, was richtig ist! Diese Fähigkeit entwickelt man aber nur durch die schöpferische Kritik und Selbstkritik; diesen Kampf müssen wir führen, und ich denke, daß wir ihn begonnen haben.

Dein Brief, aber auch die ganze Auseinandersetzung in der Zentralen Kontrollkommission und mit dem Zentralkomitee machen deutlich, daß unsere Arbeit sich in einem Umbruch befindet, dessen entscheidender Punkt ist, mittels prinzipieller Kritik und Selbstkritik in der Praxis der Kontrolltätigkeit Änderungen durchzuführen. Die Auseinandersetzung ist nicht abgeschlossen, und in unserem Rechenschaftsbericht müssen wir eine gründliche Aufarbeitung vornehmen, praktische Änderungen sind schon jetzt notwendig!

Mit herzlichem Gruß
Ach.

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1979

Die Frage der Verstaatlichung

Liebe Genossen! 27. 8. 79

Bei der Schulung des Revolutionären Wegs 16 stießen wir im Zusammenhang mit der Frage der Verstaatlichung auf zwei wesentliche Aussagen des Revolutionären Wegs, die uns trotz gemeinsamer Bemühung der Aneignung nicht eingeleuchtet haben beziehungsweise die uns, falls sie richtig sein sollten, nicht genügend begründet erscheinen:

1. »Engels bezeichnete damals, das heißt in der Epoche der freien Konkurrenz, die Verstaatlichung der Großbetriebe als für den Klassenkampf des Proletariats fortschrittlich.« (S. 96)

»Für den Klassenkampf des Proletariats fortschrittlich«, heißt doch wohl: politisch fortschrittlich in dem Sinn, daß die Arbeiterklasse seinerzeit diese Entwicklung hätte fordern, um sie kämpfen sollen.

a) Ist dies geschehen, wie es durch die Formulierung des Revolutionären Wegs (»Losung der Verstaatlichung«, S. 99) nahegelegt wird?

b) Unserer Meinung nach sollte lediglich wie oben auf Seite 94 von einer »ökonomisch-fort­schritt­lichen Entwicklung« in dem Sinn gesprochen werden, daß damit die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Sozialismus heranreiften.

2. Auch für die Situation nach 1945 leuchtet uns die Ansicht vom fortschrittlichen Charakter der Verstaatlichungsforderung der KPD nicht ein. Richtig wird zwar herausgearbeitet, daß die deutschen Monopole entmachtet waren, aber damit ist ja die eigentliche Machtfrage noch nicht beantwortet, wie sie sich unter der Besatzung durch die drei imperialistischen Siegermächte stellte:

– Hatten die USA, England und Frankreich die Staatsmacht in den westlichen Zonen etwa nicht fest im Griff?

– Wie stark war die deutsche kommunistische und Arbeiterbewegung?

– Wie wirkte sich die Anwesenheit der Roten Armee in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) im Hinblick auf die Machtfrage in den westlichen Zonen aus? Wir sehen den Mangel darin, daß der Revolutionäre Weg das Zusammenwirken dieser Faktoren im Klassenkampf nicht darlegt, dennoch aber die Aussage über den fortschrittlichen Charakter der Verstaatlichungsforderung macht (Übergangsforderung?).

Unserer Meinung nach liegt vom Wesen her eine völlig andere Situation als im Kapitalismus der freien Konkurrenz vor, so daß sich ein Vergleich in dieser Form verbietet.

Bitte klärt diese beiden Fragen, da sie in die heutige Verstaatlichungsdiskussion hineinwirken.

Rot Front!
i.A. Vo.





Liebe Genossen! 17.12.79

Ich habe den Eindruck, daß Ihr an die Frage der Verstaatlichung zu schematisch herangeht. Der Revolutionäre Weg 16 behandelt die theoretische Seite der Frage. Ob und wie diese in der Praxis des Klassenkampfs gelöst werden konnte, ist eine zweite Seite.

Marx hatte bekanntlich in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts den friedlichen Weg zum Sozialismus für England und Amerika für möglich gehalten (Revolutionärer Weg 2). Die praktische Durchführung ist wohl ausgeblieben, aber das besagt noch nichts über die Richtigkeit oder Nichtrichtigkeit der Einschätzung: Theoretisch war jedenfalls die Möglichkeit gegeben, allerdings eine einmalige Gelegenheit, genau wie entsprechend den Besonderheiten der Februar-Revolution in Rußland (Doppelherrschaft) bis zum 4. Juli, dem Putsch Kornilows.

Was unter bestimmten Bedingungen möglich ist, ist unter anderen Bedingungen unmöglich, beziehungsweise was gestern richtig gewesen sein kann, ist heute falsch, weil sich die Bedingungen verändert haben, ähnlich muß man auch die Frage der Verstaatlichung sehen.

Wir müssen unterscheiden zwischen Verstaatlichung mit oder ohne Herrschaft der Monopole. Die heutigen staatlichen Konzerne sind staatsmonopolistische Unternehmen, die mit den privaten Monopolunternehmen verquickt sind. Das war nicht der Fall, als Engels die Verstaatlichung forderte, das heißt im Kapitalismus der freien Konkurrenz. Auch in Westdeutschland 1945 waren die Monopolkapitalisten ausgeschaltet. Eine Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und Großbanken hätte den kapitalistischen Charakter nicht aufgehoben, worauf schon Engels nachdrücklich hinweist (Revolutionärer Weg 16, S. 94/95), aber der Klassenkampf der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten wäre unter diesen Bedingungen leichter durchzuführen gewesen als unter der Herrschaft der Monopole (mehr bürgerlich-demokratische Rechte und Freiheiten). Die westlichen Besatzungsmächte hatten die deutschen Monopole ausgeschaltet, weil sie deren Konkurrenz und Expansion fürchteten. Aber bereits 1946 änderten sie ihre Politik durch die Vorbereitung des Krieges gegen die Sowjetunion. Dazu brauchten sie die deutschen Monopole und schalteten sie darum wieder in die westdeutsche Wirtschaft ein. Das war dann mit dem Betrugsmanöver der »Entflechtung der Monopole« verbunden.

Wäre die Deutschlandpolitik der Alliierten nicht verändert worden, hätte die Möglichkeit der Verstaatlichung der Konzerne bestanden, denn was sollte sonst mit den Großbetrieben, Konzernen und Banken geschehen, wenn die privaten Monopole ausgeschaltet blieben. In Klein- und Mittelbetrieben aufsplittern war nicht möglich. Die Verstaatlichung der Konzernbetriebe und Banken bedeutete allerdings keine »Zwischenstation« zum Sozialismus, denn sie entschied nicht die Machtfrage. Die Besatzungsmächte hätten jeden weiteren Schritt zum Sozialismus unterdrückt. Aber mit der Verstaatlichung wäre eine Erweiterung der bürgerlichdemokratischen Rechte und Freiheiten verbunden gewesen, wogegen im staatsmonopolistischen Kapitalismus die Reaktion vorherrschend ist, auch unter dem Mantel der bürgerlich-demokratischen Herrschaftsform.

Im staatsmonopolistischen Kapitalismus unterstehen auch die staatlichen Konzerne der Verfügungsgewalt der Monopole mittels der »Vereinigung der Riesenmacht der Monopole mit der Riesenmacht des Staates« (Lenin). Unter diesen Bedingungen ist die Forderung nach Verstaatlichung der Konzernbetriebe und Großbanken reaktionär. Auf eine kurze Formel gebracht:

Die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und Großbanken ist fortschrittlich unter den Bedingungen des Kapitalismus der freien Konkurrenz oder des Sonderfalls der Ausschaltung der Monopolkapitalisten aus der Wirtschaft, weil der Klassenkampf der Arbeiterklasse durch Erweiterung der bürgerlich-demokratischen Rechte und Freiheiten erleichtert wird.

Sie ist reaktionär unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus, der Verschmelzung der Organe der Monopole mit denen des Staates, weil die bürgerlich-demokratischen Rechte und Freiheiten immer mehr eingeschränkt werden und der Klassenkampf der Arbeiterklasse immer mehr erschwert und kompliziert wird.

Nach 1945 haben die westlichen imperialistischen Besatzungsmächte alles mögliche versucht, die Entfaltung der bürgerlichdemokratischen Rechte und Freiheiten zu behindern (siehe mein Buch »So war's damals …«), die Durchsetzung konnte nur durch gemeinsames Vorgehen aller Parteien erreicht werden (Block demokratischer Parteien). Dieser gemeinsame Kampf erforderte von den Kommunisten großes taktisches Geschick, verbunden mit Prinzipienfestigkeit. In taktischer Hinsicht unterscheidet sich die Zeit nach 1945 unter den Bedingungen der Besatzungsmacht natürlich von den Bedingungen unter dem Kapitalismus der freien Konkurrenz, aber nicht grundsätzlich, soweit es die Verstaatlichung der Konzernbetriebe und Banken anbelangt; sie bedeutete in beiden Fällen einen Fortschritt für den Klassenkampf der Arbeiterklasse.

Ich hoffe, Eure Fragen ausreichend beantwortet zu haben, weiter würde es nur noch Spekulation sein.

Rot Front!
Willi

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1982

Kapitalismus in der Sowjetunion

Lieber Willi 23. 3. 82

im vergangenen August fragte eine Genossin des Archivs bei uns an, wie wir zu Mao Tsetungs Aussage von 1940 stehen, die Sowjetunion sei in der Periode des Übergangs vom Sozialismus zum Kommunismus (Ausgewählte Werke Bd. II., S. 404). Wir haben die Anfrage der Genossin am 7. 9. der gesamten Zentralen Leitung und Zentralen Kontrollkommission und auch Dir zur Kenntnis gegeben.

Meiner Meinung nach spricht die Genossin hier eine Sache an, die in der kommunistischen Weltbewegung 1940 unbestritten war. Ausgehend von der Sowjetunion und Stalin wurde die falsche Ansicht vertreten, in der Sowjetunion seien alle dem Proletariat feindlichen Klassen liquidiert. In seinem Referat zur Verabschiedung der neuen Verfassung der UdSSR im November 1936 sagte Stalin, daß die »Klasse der Gutsbesitzer und die alte imperialistische Großbourgeoisie schon in der Periode des Bürgerkriegs liquidiert« worden seien. »In den Jahren des sozialistischen Aufbaus wurden alle ausbeutenden Elemente – Kapitalisten, Kaufleute, Kulaken, Spekulanten – liquidiert. Übriggeblieben waren nur unbedeutende Reste der liquidierten Ausbeuterklassen, deren völlige Liquidierung eine Frage der allernächsten Zeit ist.« (nach: »Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang«, S. 427) Von dieser Einschätzung ausgehend, stellt Stalin fest: »Damit verankerte die Verfassung die weltgeschichtliche Tatsache, daß die Sowjetunion in eine neue Entwicklungsphase, in die Phase der Vollendung des Aufbaus der sozialistischen Gesellschaft und des allmählichen Übergangs zur kommunistischen Gesellschaft eingetreten ist, in welcher der leitende Grundsatz des gesellschaftlichen Lebens das kommunistische Prinzip sein muß: ›Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen‹« (ebenda, S. 431) Dem steht allerdings entgegen, was Stalin auf dem XVIII. Parteitag zu den ökonomischen Bedingungen des Übergangs einräumte:

»Nur dann, wenn wir die wichtigsten kapitalistischen Länder ökonomisch überholt haben, können wir darauf rechnen, daß unser Land mit Bedarfsgegenständen vollauf gesättigt sein wird, daß wir einen Überfluß an Produkten haben und die Möglichkeit erhalten werden, den Übergang von der ersten Phase des Kommunismus zu seiner zweiten zu vollziehen.« (Zitiert nach: Revolutionärer Weg 7, S. 74f.)

Im Revolutionären Weg 19 werden dagegen aufgrund der Erfahrungen der kommunistischen Weltbewegung die Schlußfolgerungen für den Übergang von der ersten zur zweiten Phase des Kommunismus, vom Sozialismus zum eigentlichen Kommunismus gezogen:

»Solange es in der Welt noch kapitalistische Länder gibt, ist die Bedrohung des sozialistischen Aufbaus von außen nicht aufgehoben und die Gefahr der Restauration des Kapitalismus durch die Entartung der Bürokratie im Innern des sozialistischen Landes nicht beseitigt. Erst wenn durch die schrittweise durchgeführte proletarische Weltrevolution die Herrschaft des Kapitalismus in der ganzen Welt beseitigt ist, sind die äußeren Bedingungen für den Übergang von der ersten zur zweiten Phase des Kommunismus gegeben. Die inneren Bedingungen liegen in der allmählichen Überwindung des Unterschieds zwischen Stadt und Land (und damit auch zwischen Arbeitern und Bauern) und zwischen der körperlichen und geistigen Arbeit (und damit auch zwischen Arbeitern und Intellektuellen), der Verschmelzung der beiden Eigentumsformen (gesellschaftliches und genossenschaftliches Eigentum verbinden sich zu nur gesellschaftlichem Eigentum), der Schaffung eines Überflusses an Produkten als Grundlage des Übergangs zum Verteilungsprinzip ›Jedem nach seinen Bedürfnissen!‹«. (Revolutionärer Weg 19, S. 504/506)

Meiner Meinung nach handelt es sich hier um einen historisch bedingten Fehler Stalins, der von der gesamten kommunistischen Weltbewegung übernommen wurde. Erst durch die Erfahrungen mit der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion und die theoretischen Arbeiten Mao Tsetungs zur Frage der Fortdauer des Klassenkampfs im Sozialismus konnte dieser Fehler korrigiert werden.

Es wäre aber falsch, deswegen Stalin oder Mao Tsetung etwas am Zeug zu flicken. Mao Tsetung hat selbst in Theorie und Praxis diesen Fehler korrigiert. Ich glaube nicht, daß dazu extra Stellung genommen werden muß, da die inhaltliche Klarstellung ja eigentlich im Revolutionären Weg 7 und im Revolutionären Weg 19 erfolgt ist.

Was meinst Du?

Rot Front!
i. A. Kl.





Lieber Kl.! 6. 4. 82

Ich hatte die Kopie des Briefes des Archivs wohl bekommen, aber keine Aufforderung, dazu Stellung zu nehmen. Meine Meinung dazu ist die, daß Stalin auf dem XVIII. Parteitag 1939 die Auffassung des unmittelbaren Übergangs von der ersten zur zweiten Phase des Kommunismus in etwa korrigiert hat. Anknüpfend an das von Dir gebrachte Zitat wendet sich Stalin gegen die »Phantastereien, wenn nicht Schlimmeres« der Planzentrale wegen der zu hoch angesetzten Planziffern und erklärt, daß man zur wirtschaftlichen Überholung der kapitalistischen Welt viel Zeit brauche, wörtlich: »Es ist also Zeit erforderlich, und nicht wenig Zeit, um die wichtigsten kapitalistischen Länder ökonomisch zu überholen.«

Stalin versichert, daß die kapitalistischen Elemente in der Sowjetunion liquidiert seien. Das traf im großen ganzen wohl zu, darin liegt nicht der Fehler Stalins, sondern darin, daß er nicht erkannt hatte, daß sich in den Reihen der Partei eine neue Bourgeoisie verbreitete, eines Typs, den es noch nie gegeben hatte. Diese Bourgeoisie neuen Typs entstand durch die kleinbürgerlich entartete Bürokratie, durch Privilegien, Aufhebung des Parteimaximums, damit Freigabe hoher Gehälter, Förderung des Karrieretums, Unterdrückung ehrlicher Kritik von unten, falsche Machtausübung verbunden mit Übergriffen usw.

Nicht die äußeren Wesenszüge der früheren kapitalistischen Elemente waren die Hauptursache, daß der Übergang von der ersten zur zweiten Phase des Kommunismus nicht erfolgen konnte, sondern die inneren Entwicklungstendenzen zur Bildung einer Bourgeoisie neuen Typs. Dazu kommt natürlich die äußere kapitalistische Umwelt, die diesen Prozeß förderte (siehe Revolutionärer Weg 9, XI. Kapitel).

Stalin hat eine solche Entwicklung entweder nicht gesehen oder sie verkannt, und zu dieser Zeit sah sie auch Mao Tsetung nicht. Erst die Tatsache der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion veranlaßte Mao Tsetung, als Schlußfolgerung die Große Proletarische Kulturrevolution als höchste Form des Klassenkampfs im Sozialismus zu erkennen und im eigenen Land durchzuführen. Der Fehler Stalins und Mao Tsetungs im Jahre 1940 ist ein historisch bedingter Fehler, der aus dem vollkommenen Fehlen jeglicher Erfahrung zwangsläufig entstehen mußte. Erst die Erfahrung macht klug! So ein altes Sprichwort. Erst das Beispiel der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion erzeugte bei Mao Tsetung die Idee der Großen Proletarischen Kulturrevolution.

Damit hoffe ich, Deinen Brief ausreichend beantwortet zu haben.

Herzlichen Gruß
Willi

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1979

Zur Rolle des Bankkapitals

Liebe Genossen! 16.2.79

Obwohl ich den Revolutionären Weg 16–18 für eine wesentliche Untermauerung und Weiterentwicklung unserer Linie ansehe, habe ich folgende Fragen beziehungsweise Kritik:

1. Im Kapitel III,3 des Revolutionären Wegs 17 über die Rolle der Banken vermisse ich eine Darstellung der Verschmelzung von Staat und Bankkapital, wie sie meiner Meinung nach in der Institution der Bundesbank existiert. Der Zentralbankrat der Bundesbank kann zum Beispiel als »gesetzgebender Ausschuß« in Sachen Kreditpolitik bezeichnet werden (bis auf einige Zuständigkeiten des Bundestags und des Bundeswirtschaftsministeriums). Dazu kommt, daß die Präsidenten der Landeszentralbanken auf Vorschlag des Bundesrats und die zehn Direktoren des Zentralbankrats auf Vorschlag der Bundesregierung vom Bundespräsidenten bestellt werden. Soweit ich weiß, sind das alles Leute, die aus dem Bankgeschäft kommen und in der Regel die Interessen der drei Großbanken und bestimmter Monopolgruppen vertreten. Daneben ist die Bundesbank auch noch eine nationale und internationale Abrechnungsstelle für alle Geldgeschäfte.

2. In diesem Zusammenhang fände ich es auch wichtig, darauf einzugehen, wie konkret im staatsmonopolistischen Kapitalismus Krisen hinausgeschoben werden können (zum Beispiel durch die Steuerung des Kreditwesens), und daran zu beweisen, warum diese Maßnahmen die Krise letztlich nicht verhindern können, sondern im Gegenteil verschärfen werden.

3. Auch auf die Bedeutung der Börse im staatsmonopolistischen Kapitalismus sollte meiner Meinung nach eingegangen werden. Sie hat doch nur ihren Charakter geändert und ist nicht verschwunden. Sie ist heute weitgehend Wertpapierbörse und wird durch die Großbanken beherrscht. Dabei läuft die Spekulation nicht mehr offen, sondern als geschlossene Veranstaltung unter Aufsicht eines Staatskommissars, dessen Funktion jedoch häufig auf die Industrie- und Handelskammer übertragen wird.

Außerdem kann die Landeszentralbank bestimmte besondere Vorschriften erlassen. Mit der Umwandlung des Charakters der Börse ist also auch eine gewisse Steuerung der Spekulation im Sinne der Monopole und Großbanken unter Ausnutzung staatlicher Mittel entstanden.

Vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube, daß in allen drei Punkten zum Ausdruck kommt, daß Ihr die Bedeutung des Finanzkapitals als Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital im staatsmonopolistischen Kapitalismus nicht vollständig darstellt.

Ich würde mich freuen, wenn Ihr auf meine Einwände antworten könntet.

Rot Front!
Be.



Lieber Be.! 18.5.79

Deinen ersten Brief, datiert vom 16. 2. 79, habe ich am 4. 4. 79 erhalten. Da es keine dringende Angelegenheit war, habe ich die Beantwortung zunächst zurückgestellt. Nach Beendigung des Revolutionären Wegs 19 mußte ich den Revolutionären Weg 20 vorbereiten, und außerdem arbeite ich an einem Buch über meine früheren Erlebnisse und Erfahrungen als Funktionär der Arbeiterbewegung. Das alles nimmt meine ganze Kraft in Anspruch, die nach meiner Krankheit im November vorigen Jahres nicht mehr so unerschütterlich ist (nebenbei bin ich 75 Jahre alt geworden).

Der Revolutionäre Weg 16–19 war eine große Anstrengung, weil er das umfassendste Thema behandelt und unzählige Berechnungen und Analysen gemacht werden mußten. Dazu kommt noch, daß das Quellenmaterial keineswegs einheitlich ist, so weichen zum Beispiel Zahlen vom Institut der Deutschen Wirtschaft (Einrichtung der Monopole) von denen des Statistischen Bundesamtes ab. Was nicht sicher war, konnte nicht benutzt werden. Viele Dinge konnten nur gestrafft gebracht werden, trotzdem wurde der vorgesehene Rahmen im Umfang beziehungsweise in Seitenzahlen durchbrochen (fast 900 Seiten). Da mußte vieles noch gekürzt werden, so daß die Kritik nicht nur für das gilt, was Du erwähnst, die Rolle der Banken, sondern auch für anderes, zum Beispiel die Rolle der Justiz (was wir im Revolutionären Weg 20 nachholen werden). Bedenke, man kann über die Rolle der Banken ein dickes Buch schreiben. Nun zu Deinen Fragen.

Punkt l: In der Frage der Verschmelzung von Staat und Bankkapital spielt natürlich die Bundesbank eine große Rolle. Um diese Rolle konkret aufzuzeigen, fehlte uns internes Material. Die Jahresberichte der Deutschen Bundesbank sind zu allgemein, wie es überhaupt schwierig ist, die internen Beziehungen zwischen den Organen der Monopole und des Staates aufzudecken, ohne persönliche Verbindungen zu haben. Die Graphiken, die Du mir geschickt hast, zeigen ja nur das äußere Gerüst der Deutschen Bundesbank. Wenn ich sie gehabt hätte, würde ich sie gebracht haben, um den Aufbau zu zeigen, aber die inneren Beziehungen sind viel komplizierter, weil konspirativ. Wir haben die Rolle des BDI aufgezeigt und die Beziehungen zu den Ministerien; die Banken aber gehören nicht zum BDI, wohl zur BDA. Die Beziehungen der Banken zum BDI sind indirekt oder gehen über die von den Banken kontrollierten Konzerne, sind aber trotzdem äußerst wirkungsvoll. Daß die Banken auch direkte Beziehungen zu Personen im Staatsdienst und selber Vertreter in den Parlamenten und Institutionen haben, ist bekannt. Dabei spielt Korruption eine große Rolle. Das aber konkret nachzuweisen, das steht auf einem anderen Blatt.

Punkt 2: Durch Steuerung des Kreditwesens kann der Staat mit Hilfe der Bundesbank und der Landeszentralbanken regulierend in die Wirtschaft eingreifen. Die Bundesbank kann durch Erhöhung des Diskontsatzes die Kreditkosten erhöhen und dadurch Konjunkturbremsen anlegen, umgekehrt durch Senkung des Diskontsatzes (wie zum Beispiel im letzten Jahr) die Kreditkosten verbilligen (die Zinsen sanken ungefähr um die Hälfte) und konjunkturfördernd wirken. Außerdem kann die Zentralnotenbank die Höhe des Geldumlaufs festlegen, wodurch sie Einfluß auf die Menge der Kredite nehmen kann. Die Landeszentralbanken können durch Ausstellung und Fälligkeit von Wechseln zur Erleichterung oder zur Erschwerung so oder so einwirken.

Das sind aber nur ein Teil der Mittel, um den Krisenausbruch zu verzögern. Wie wir an verschiedenen Stellen dargelegt haben, kann die Regierung unmittelbar regulierend eingreifen: Subventionen, Steuernachlaß auf der einen, Steuererhöhung auf der anderen Seite, Garantieübernahme bei großen Aufträgen, besonders im Ausland, Beteiligungen, Übernahme von Schulden beziehungsweise Bürgschaft usw. Alle diese Mittel haben aber nur begrenzte Wirkung und erzeugen gegenwärtig den Zustand der schwankenden Stagnation.

Punkt 3: Die Börse hat heute nicht mehr die politische Bedeutung wie früher, wo die Börse auf jedes wichtige Ereignis in der Welt empfindlich durch Fallen oder Steigen der Kurse reagierte. Sie ist fast nur noch der Markt, auf dem sich die Kapitalisten gegenseitig das Geld aus der Tasche ziehen oder auch kleinen Leuten, die den Banken das Spekulieren mit Wertpapieren übertragen haben. Die Spekulation, dieser Nervenkitzel, wird von den Großbanken gesteuert, um aus der Dummheit anderer Nutzen zu ziehen. Das Spiel ist gegenüber früher nur noch raffinierter geworden. Es lohnte sich nicht, im Rahmen unseres Themas darauf einzugehen.

Ich danke Dir für Deine Hinweise, und wenn Du irgend etwas Besonderes hast, schreibe mir, aber erwarte nach Möglichkeit keine lange Antwort, denn ich bin wirklich überlastet.

Rot Front!
Willi

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1979

Faschismus – Faschisierung

An die Redaktion 19. 3. 79
des Revolutionären Wegs

In einer Grundeinheitsdiskussion über Faschismus und Neofaschismus, zu deren Vorbereitung wir den Revolutionären Weg 18 herangezogen haben, sind wir auf das Problem der Faschisierung gestoßen. Was Faschisierung genau heißt und ob es sinnvoll ist, diesen Begriff zu gebrauchen, konnten wir auch mit Hilfe des Revolutionären Wegs 18 nicht vollständig klären:

Einerseits heißt es im Revolutionären Weg 18, Seite 242, richtig: »Man muß sich davor hüten, jede reaktionäre oder sogar terroristische Maßnahme einer bürgerlichen Regierung als eine faschistische zu bezeichnen …« und auf Seite 247: »… der Faschismus (ist) als eine Form der kapitalistischen Diktatur keinesfalls unvermeidlich. Er ist auch keine geschichtlich notwendige letzte Herrschaftsform des staatsmonopolistischen Kapitalismus.«

Wir sehen nun die Gefahr, daß man mit dem Begriff »Faschisierung« genau diese Unvermeidbarkeit und Notwendigkeit des Faschismus suggeriert, wie das zum Beispiel die KPD/ML und auch der KB tun. Andererseits bezeichnet der Revolutionäre Weg 18 die »Übernahme faschistischer Methoden bei Beibehaltung der bürgerlichen Demokratie«, welche »die Angehörigen der staatlichen Gewaltinstrumente zu einem willfährigen Werkzeug für die staatliche Machtausübung gegen die kämpfende Arbeiterklasse machen« soll (S. 255f.) als Faschisierung. Auch im Rebell 1/78 ist von »Parallelen zwischen deutschem Faschismus und der heutigen Situation« die Rede.

Uns ist nun unklar, ab wann man eine Maßnahme als »Faschisierung« bezeichnen kann und ob es sinnvoll ist, diesen Begriff überhaupt zu verwenden, wenn man vermeiden will, daß der Faschismus als notwendiges nächstes Stadium der Herrschaft erscheint. Wir sind auch der Meinung, daß »Faschisierung« in der Organisation unterschiedlich verstanden und benutzt wird, daß also dieses Problem noch nicht geklärt ist.

Wir hoffen, daß Ihr uns auf diese Anfrage eine klärende Antwort zukommen laßt.

Rot Front!
KSG-Ortsgruppe Kiel





An die KSG-Ortsgruppe Kiel 20. 5. 79

Liebe Genossen!

Euren Brief vom 19. 3. 79 habe ich am 11. 5. erhalten. Wie Ihr wißt, gibt es verschiedene Formen der Herrschaft des Kapitalismus. Die meistgebräuchliche Herrschaftsform ist die bürgerliche Demokratie, das heißt, es wird mehr mit dem Mittel des Betrugs, aber auch mit dem Mittel des Terrors regiert.

Dagegen bedeutet die Herrschaftsform des Faschismus, daß mehr mit dem Mittel des Terrors, aber auch mit dem Mittel des Betrugs regiert wird. Die Bourgeoisie wendet diese Herrschaftsform dann an, wenn der Betrug als Hauptseite nicht mehr die notwendige Wirkung hat und damit zwangsläufig zur Nebenseite wird. Dieser Übergang ist nicht plötzlich, sondern hängt von der Entwicklung des Klassenkampfs ab. Das Proletariat bereitet sich im verschärften Klassenkampf unmittelbar auf die Revolution vor, die Bourgeoisie bereitet sich durch Faschisierung des Staatsapparats und Bildung faschistischer Organisationen auf die Konterrevolution vor.

Das bedeutet, daß bei Zuspitzung des Klassenkampfs und einer Entwicklung zur revolutionären Situation die verschiedenen Methoden der Gewalt, des Terrors und Vorbereitung auf den Bürgerkrieg von Seiten der Polizei, Armee, Justiz und Verwaltung durchgeprobt werden mit dem Ziel der Errichtung der offenen faschistischen Diktatur. Faschismus ist nach Dimitroff »die offene terroristische Diktatur, der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals«.

Wenn es sich nur um die terroristische Diktatur handeln würde, könnten diese Aufgaben auch von einer Militärdiktatur übernommen werden, aber diese stützt sich nur auf ihre Bajonette, da sie keine Massenbasis hat. Das ist für die Aufrechterhaltung der Herrschaft der Bourgeoisie dann eine riskante Sache, wenn das ganze Volk geschlossen dagegen ist, wie das jüngste Beispiel im Iran zeigt. Auch die bestgerüstete Armee ist machtlos gegen revolutionäre Volksmassen.

Darin besteht der Unterschied zwischen Militärdiktatur und faschistischer Diktatur: Die faschistische Diktatur besitzt eine Massenbasis, die sie durch eine unglaubliche Demagogie errungen hat. Diese Massenbasis spaltet das werktätige Volk auf. Daraus ist zu schließen, daß auch die Schaffung einer faschistischen Massenbasis zur Faschisierung gehört.

Faschisierung bedeutet die Vorbereitung zur Errichtung der offenen faschistischen Diktatur in einer Situation des verschärften Klassenkampfs, des Übergangs zur konterrevolutionären Diktatur, bedeutet sowohl Erprobung terroristischer Mittel und Methoden als auch Demagogie und skrupellosen Massenbetrug. Diese Vorbereitung kann vorsorglich auf lange Sicht im Rahmen der bürgerlichen Demokratie, aber auch sprunghaft bei einer rapiden Verschärfung des Klassenkampfs erfolgen.

Das heißt nicht, daß es unvermeidlich dazu kommen muß. Um das zu verhindern, muß man erstens einen ständigen ideologischen Kampf in den breiten Massen führen, um den faschistischen Massenbetrug zu durchkreuzen und die faschistische Demagogie zu entlarven, um zu erreichen, daß sich eine faschistische Massenbasis gar nicht erst entfalten kann. Zweitens muß man dem faschistischen Terror offensiv durch Massendemonstrationen und Gegenkundgebungen begegnen, bevor er sich breitmachen kann. So kann eine Faschisierung verhindert werden.

So notwendig letzten Endes die Anwendung von Gewalt – staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen – für die Aufrechterhaltung der Klassenherrschaft der Bourgeoisie ist, so ist der Faschismus doch keine geschichtlich notwendige Herrschaftsform der Bourgeoisie. Gelingt es, die Faschisierung zu verhindern, bleibt immer noch die Militärdiktatur. Aber auch diese kann verhindert werden durch Zersetzung der Truppen, denn die Soldaten sind Söhne des Volks und können gegebenenfalls den Gehorsam verweigern und die Waffen gegen ihre faschistischen beziehungsweise reaktionären Offiziere richten sowie den Massen die Waffenarsenale öffnen, wie das im Iran geschehen ist, obwohl es sich hier noch um keine proletarische Revolution handelt.

Ihr geht in der Behandlung des Problems Faschisierung zu schematisch heran: Wann sind bestimmte Maßnahmen Faschisierung und wann nicht? Ihr müßt die Entwicklung als einen Komplex von Prozessen sehen, wobei die Kräfte der Bourgeoisie und des Proletariats aufeinander und gegeneinander einwirken und »wer wen?« noch offensteht.

Rot Front!
Willi

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1978

Über die Zahl der Monopole

An das Redaktionskollektiv 26. 12. 78
des Revolutionären Wegs
zu Händen Willi Dickhut



Lieber Willi!

In der Schulung des Revolutionären Wegs 17 ist eine Frage aufgekommen, die wir nicht klären konnten. Ausgangspunkt war die Tabelle 56 (S. 233).

Uns sind die Kriterien, warum in der Differenzierung zwischen monopolistischer und nichtmonopolistischer Industrie die 250 größten Konzerne als monopolistische und der Rest als nichtmonopolistische Industrie bezeichnet wurden, nicht klar.

Vorweg. Uns ist klar, daß es fließende Übergänge gibt. Die Frage ist nicht, ob die 240 oder die 260 größten die monopolistische Gruppe bilden.

Aber. Warum sind es nicht 100 oder 500 oder sonst irgendwas? Im Revolutionären Weg 16 wird ja eingangs der Begriff Monopol charakterisiert. Habt Ihr nun von allen Industriebetrieben, auf welche die dort genannten Kriterien zutreffen, die 250 größten zusammengefaßt? Sind das etwa 250? Oder seid Ihr von den jährlich veröffentlichten Listen über die »x-größten« Firmen in der BRD ausgegangen und habt die 250 größten zusammengenommen? Sind die deutschen Teile ausländischer Monopole eingearbeitet (zum Beispiel Ford, BP …)?

Wir sind Dir dankbar, wenn Du uns das mal näher erläutern kannst.

Die Frage hat deshalb Bedeutung, weil die Aussagen des Revolutionären Wegs 17 über die wirtschaftliche Entwicklung auf der Unterscheidung monopolistische – nichtmonopolistische Industrie aufbauen.

Dies schlägt sich in der Agitation (zum Beispiel 35-Stundenwoche-Broschüre) nieder.

Mit revolutionären Grüßen und den besten Wünschen fürs neue Jahr

Revolutionärer-Weg-Schulungsgruppe des KABD Karlsruhe
i.A. O.





KABD Ortsgruppe Karlsruhe 12. 2. 79
Revolutionärer-Weg-Schulungsgruppe

Liebe Genossen!

Ich bitte um Entschuldigung, daß ich nicht eher antworten konnte, aber das Manuskript für den Revolutionären Weg 19 mußte ich noch einmal überarbeiten und für den Satz redigieren. Nun zu den Fragen in Eurem Brief.

Eine genaue Abgrenzung zwischen der monopolistischen und nichtmonopolistischen Industrie ist nicht möglich. Der Grenzbereich ist nicht nur deshalb fließend, weil die Zahl der Betriebe in diesem Bereich schwankend ist, sondern weil auch Veränderungen vor sich gehen, indem monopolistische Betriebe zu mittelständischen Betrieben absacken und umgekehrt mittelständische Betriebe zu Monopolbetrieben werden. Dazu ein Beispiel: Nixdorf aus Paderborn war vor Jahren ein Mittelbetrieb mit ein paar hundert Arbeitern. Inzwischen ist der Betrieb zum wichtigsten Computerbeziehungsweise Elektronik-Hersteller geworden mit etwa 10000 Beschäftigten. Er verwandelte sich infolge der technischen Entwicklung von einem nichtmonopolistischen Betrieb zu einem monopolistischen.

Lenin ging seinerzeit von 200 Monopolen in Deutschland aus. Wir haben uns die Liste der Firmen (etwa 500) genau angesehen und kommen auf rund 250, denen man Monopolcharakter zusprechen kann. Vergleicht man die Namen dieser Firmen in der jährlichen Aufstellung der letzten zehn Jahre, dann schwimmt eine gewisse Zahl im Grenzbereich von 250, mal ist eine Firma drüber, mal drunter. Man kann eine genaue Analyse von jedem dieser Betriebe nicht machen. Aber das ist auch nicht entscheidend. Eine gewisse Grenze mußte gezogen werden, und die Trennung der nichtmonopolisierten und monopolisierten Betriebe ist bei etwa 250 zutreffend; bei 200 würden eine Reihe Monopolbetriebe nicht erfaßt, bei 300 eine Reihe nichtmonopolisierte Betriebe zu Monopolbetrieben erklärt.

In den Umsatzzahlen der multinationalen Konzerne sind auch die ausländischen Betriebe eingeschlossen, das heißt, es ist der Weltumsatz, nicht der Konzernumsatz (nur inländische Betriebe). Wir haben bei unserer Analyse den Umsatz und nicht die Produktion zugrunde gelegt, weil nur die umgesetzte Produktion eine realisierte Größe ist. Lagerbestände sind eine nichtrealisierte Produktionsmenge, die durch den Verkauf realisiert wird, das heißt, in zirkulierendes Kapital verwandelt wird. Deshalb ist es richtiger, den Umsatz zugrunde zu legen.

Die ausländischen Monopolbetriebe (Ford, Opel, BP usw. ) sind in der Zahl von 250 einbezogen, selbstverständlich nur mit ihrer Produktion in der BRD.

Ich hoffe, damit Eure Fragen ausreichend beantwortet zu haben, und wünsche Euch in der Schulung vollen Erfolg.

Rot Front!
Willi

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1975

Kritik am Revolutionären Weg 14

Liebe Genossen!

Ich habe eine Kritik an einer Stelle des Revolutionären Wegs 14, zweiter Absatz von oben; es heißt da: »Der Monopolpreis ist darum ein Raubpreis, der nicht durch ökonomische Gesetze, sondern durch die Raubgier der Monopolkapitalisten bestimmt ist.«

An einer anderen Stelle des Revolutionären Wegs 14 wird Stalin zitiert, der als Grundgesetz des modernen Kapitalismus die Notwendigkeit des Strebens nach Maximalprofiten hervorhebt. Das sehe ich in Zusammenhang mit dem obigen Zitat. Denn der Monopolpreis ist doch wohl nur eine bestimmte Form, die dieses Streben nach Maximalprofiten zutage bringt. Deshalb ist es mir unverständlich, wenn in Verbindung mit dem Monopolpreis von »Raubgier« gesprochen und ein Zusammenhang mit ökonomischen Gesetzmäßigkeiten ausdrücklich verneint wird. Wenn von Raubgier gesprochen wird, dann erweckt das den Eindruck, daß der subjektive Wille der Kapitalisten und nicht ökonomische Gesetze ausschlaggebend für den Maximalprofit sind.

Hierzu ein Zitat von Marx aus »Lohn, Preis und Profit«, zweites Kapitel: »Wenn andererseits die gegebene Grenze der Lohnsumme von dem bloßen Willen der Kapitalisten abhängt oder den Grenzen seiner Habsucht, dann ist dies eine willkürliche Grenze. Sie kann durch den Willen der Kapitalisten und kann daher auch gegen ihren Willen verändert werden.«

Marx weist solche Argumentationen, hier am Beispiel der feststehenden Lohnsumme, entschieden zurück.

Auch wenn dann im Revolutionären Weg 14, Seite 15, darauf hingewiesen wird, daß der Monopolpreis nichts am Wertgesetz ändert, so ist die zitierte Stelle dennoch aus sich heraus falsch. Denn die Kapitalisten sind genauso den Gesetzen des Systems ausgeliefert wie die Arbeiter, nur daß die Arbeiterklasse letztlich die Kraft sein wird, die dieses System aus den Angeln hebt. Und erst dann sind wir soweit, daß die Menschheit nicht mehr der blinden, unkontrollierbaren Wirkung nicht erkannter ökonomischer Gesetze ausgeliefert ist, sondern diese Gesetze bewußt anwendet und im Einklang mit den Bedürfnissen der Werktätigen zur Geltung bringt.

Das ist ja wohl teilweise damit gemeint, wenn in der Grundsatzerklärung am Schluß gesagt wird: »Dann wird die Menschheit vom Reich der Notwendigkeit zum Reich der Freiheit voranschreiten.« Und wenn wir dieses Ziel, den Sozialismus/Kommunismus, erreichen wollen, dann dürfen wir uns heute nicht durch Unklarheiten und verschwommene Formulierungen daran hindern, einen klaren Blick für dieses Ziel zu gewinnen. Aus diesem Grund glaube ich, daß diese Kritik nicht nur an nebensächlichen Formulierungsfragen ansetzt, sondern an Fragen, die bei uns wohl noch häufiger diskutiert werden müssen.

In diesem Sinne: Rot Front!
A.





Lieber Genosse A.! 18. 7. 75

Deine Kritik am Revolutionären Weg 14, Seite 15, betreffend den Satz: »Der Monopolpreis ist darum ein Raubpreis, der nicht durch ökonomische Gesetze, sondern durch die Raubgier der Monopolkapitalisten bestimmt ist«, beruht auf einem Mißverständnis.

Weil die Preise einzelner Waren durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden, liegen sie teils über, teils unter dem Wert der Waren. Der Wert der Ware wird bestimmt durch die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitsmenge. Die Warenpreise pendeln um den Durchschnittswert der Waren herum. Nimmt man die Summe aller Warenpreise, so entspricht diese dem Gesamtwert aller Waren. Das liegt im Wertgesetz begründet, das das ökonomische Gesetz der Warenproduktion ist.

Wenn die Monopolkapitalisten aufgrund ihrer Monopolstellung höhere Preise erzwingen, als der Wert dieser Waren ausmacht, so sind diese Preise eben nicht durch das Wertgesetz bestimmt; es sind Raubpreise, die nur auf Kosten anderer Schichten der kapitalistischen Gesellschaft erzwungen werden können. Wenn in diesem Zusammenhang von Raubgier gesprochen wird, dann mußt Du berücksichtigen, daß dieser Raubzug nicht von der Person und dessen Bewußtsein zu trennen ist. Der Mensch ist das Produkt seiner Verhältnisse und seiner Umgebung. Es ist das Sein, welches das Bewußtsein bestimmt. Dabei spielt der Überbau der Gesellschaft eine große Rolle, besonders bei der Handlungsweise der Monopolkapitalisten.

Lenin sagt in »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus«: »Der außerökonomische Überbau, der sich auf der Grundlage des Finanzkapitals erhebt, seine Politik, seine Ideologie steigern den Drang nach kolonialen Eroberungen.« Du kannst an Stelle von »Drang« auch »Gier« setzen, es kommt auf dasselbe heraus.

Du mußt den oben zitierten Satz aus dem Revolutionären Weg 14 im Zusammenhang mit den nachfolgenden zwei Absätzen sehen, nur so ist der Raubpreis erklärlich. Denn wie weit die Monopolkapitalisten einen Raubpreis auf Kosten anderer erzwingen können, hängt letzten Endes von ihrer Macht beziehungsweise der Grenze ihrer Macht ab.

Du bringst ein Zitat von Marx aus »Lohn, Preis und Profit«. Das bezieht sich aber nicht auf die allgemeinen Warenpreise, sondern auf den Lohn, der ein besonderer Preis für die Ware Arbeitskraft ist. Auf die Höhe des Lohnes haben die Arbeiter durch ihren Kampf Einfluß – sie bestimmen bei Festsetzung der Höhe des Preises für ihre Arbeitskraft mit. Auf die allgemeinen Warenpreise haben die Arbeiter keinen Einfluß, darum ist das Zitat nicht vergleichbar. Außerdem mußt Du das Zitat im Zusammenhang mit dem letzten Absatz des ersten Kapitels sehen. Hier heißt es: »Sicher ist es der Wille der Kapitalisten, zu nehmen, was zu nehmen ist. Uns kommt es darauf an, nicht über seinen Willen zu fabeln, sondern seine Macht zu untersuchen, die Schranken dieser Macht und den Charakter dieser Schranken.«

Die Arbeiterklasse kann sich gegen die Raubpreise der Monopolkapitalisten nur durch den Kampf um höhere Löhne wehren. Sie muß sich aber klar sein, »daß sie gegen Wirkungen kämpft, nicht aber gegen die Ursachen dieser Wirkungen«.

»Sie sollte begreifen, daß das gegenwärtige System bei all dem Elend, das es über sie verhängt, zugleich schwanger geht mit den materiellen Bedingungen und den gesellschaftlichen Formen, die für eine ökonomische Umgestaltung der Gesellschaft notwendig sind. Statt des konservativen Mottos: ›Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!‹, sollte sie auf ihr Banner die revolutionäre Losung schreiben: ›Nieder mit dem Lohnsystem!'‹« (Marx: »Lohn, Preis und Profit«) Ich danke Dir für Deinen Hinweis und grüße im Auftrag der Redaktion

Willi

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1975

Unterschied zwischen »Rezession« und Wirtschaftskrise

Liebe Genossen! 7. 6. 75

Bei der 2. Lektion der Schwerpunktschulung über den Revolutionären Weg 13/14 ist in unserer Schulungsgruppe kritisiert worden, daß im Revolutionären Weg 14 nicht genau beschrieben wird, welches die Unterscheidungsmerkmale einer wirklichen Wirtschaftskrise im Unterschied zu einer normalen Depression (Konjunkturflaute, »Rezession«) sind. Wir haben deshalb zur Klärung dieser Frage die Broschüre: »Die gegenwärtige Wirtschaftslage und die proletarische Taktik« herangezogen, wo die Tendenzen der zwei Wirtschaftsphasen »Hochkonjunktur« und »Krise« gegenübergestellt werden. Allerdings haben wir hier auch keine exakte Abgrenzung einer Wirtschaftskrise von einer normalen Depression oder »Rezession« gefunden, zumal Ihr dazu ausführt: »Diese Tendenzen muß man dialektisch sehen, weil nicht in allen Wirtschaftszweigen und Betrieben diese Tendenzen gleichermaßen auftraten und Übergänge zwischen ihnen vorhanden sind. Aber sie geben die allgemeine Richtung an.« Wo spricht man aber bei dieser »allgemeinen Richtung« noch von Konjunkturflaute, wo schon von einer Wirtschaftskrise?

Zunächst halten wir die im Revolutionären Weg 13/14 getroffene Unterscheidung zwischen einer wirklichen Wirtschaftskrise und periodischen Konjunkturzyklen für richtig. Der KBW lehnt diese Unterscheidung in seiner Kritik am Revolutionären Weg 13/14 ja ab und wirft dem KABD einen »sehr exklusiven Krisenbegriff« vor. Allerdings ist hier der KBW selbst »exklusiv«, indem er sich vor den marxistisch-leninistischen Klassikern verschließt, die unseres Erachtens diese Unterscheidung zwischen normaler Depression und wirklicher Krise der Wirtschaft auch getroffen haben, so zum Beispiel Karl Marx im »18. Brumaire«, wo er für das Jahr 1851 in Frankreich von »einer Art von kleiner Handelskrisis« spricht und dann eindeutig ausführt: »Von diesen besonderen Umständen abgesehn, war die scheinbare Krise des Jahres 1851 nichts anders als der Halt, den Überproduktion und Überspekulation jedesmal in der Beschreibung des industriellen Kreislaufs macht, bevor sie alle ihre Kraftmittel zusammenrafft, um fieberhaft den letzten Kreisabschnitt zu durchjagen und bei ihrem Ausgangspunkt, der allgemeinen Handelskrise, wieder anzulangen.« (Hervorhebung im Text; zitiert nach Marx/Engels Ausgewählte Werke Bd. l, S. 296) Auch Stalin macht unseres Erachtens eine Unterscheidung, wenn er im Rechenschaftsbericht an den XVII. Parteitag 1934 im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise zu diesem Zeitpunkt das Argument von einem »Übergang … von dem Tiefpunkt der industriellen Krise zu einer Depression« erwägt und von einer »gewöhnlichen Depression« spricht. Daraus geht hervor, daß die kapitalistische Wirtschaftsentwicklung nie geradlinig verläuft, sondern sich in Konjunkturzyklen, die auch in der Phase der relativen ökonomischen Stabilisierung vorhanden sind, mit Hochkonjunktur, Flaute, schwankender Stagnation bewegt, die allerdings durch die Maßnahmen des Monopolkapitals zwangsläufig zu einer wirklichen Wirtschaftskrise führen werden.

Die Beschreibung der Wirtschaftskrise von 1929 kann das Bild einer wirklichen Wirtschaftskrise im Unterschied zu einer normalen Depression auch nicht befriedigend aufzeigen, da – wie Ihr selbst schreibt – »nicht mit einer Wirtschaftskrise im Ausmaß von 1929–32 gerechnet werden kann« und auch Stalin auf dem XVII. Parteitag sagte, daß sich diese Krise »von allen analogen Krisen unter anderem dadurch unterscheidet, daß sie die andauernde und langwierigste Krise« ist. Eine kommende Wirtschaftskrise, auf die sich die Arbeiterklasse vorbereiten muß, ist also wohl denkbar, ohne in Vorboten und Verlauf die Krise von 1929 zu imitieren. Wir können also nicht einfach sagen, eine wirkliche Wirtschaftskrise ist dann da, wenn die Situation wie 1929 aussieht. Aber was macht die wirkliche Krise aus?

Hier haben wir in unserer Schulungssitzung herausarbeiten können, daß eine Wirtschaftskrise eine Überproduktionskrise ist, die von der massenhaften Zerstörung der Produktivkräfte begleitet wird (Engels in: »Von der Utopie zur Wissenschaft«, das Zitat, das auch auf S. 26 im Revolutionären Weg 14 steht; »Kommunistisches Manifest«) und zyklisch auftritt. Das unterscheidet sie von der allgemeinen Krise des Kapitalismus, wie Ihr im Revolutionären Weg 14 ausführt und die Rote Fahne 12/75 noch einmal darlegt. Außerdem grenzt sich eine tatsächliche Wirtschaftskrise durch ihren die ganze kapitalistische Wirtschaft umfassenden Charakter von Strukturkrisen in einzelnen Branchen deutlich ab. Im Imperialismus heißt dabei »die ganze Volkswirtschaft umfassender Charakter« in erster Linie, den Blick auf die quantitativ und qualitativ die Ökonomie und Politik beherrschenden Monopole zu lenken – ihre Entwicklung ist unseres Erachtens auch entscheidend dafür, ob wir von einer Krise tatsächlich sprechen können oder nicht, wie gegenwärtig, wo die Monopole keineswegs mit ihrer »Profitmacherei ins Stocken« geraten sind. Lenin hat ausdrücklich darauf hingewiesen: »Die Grundfragen können nur vom Standpunkt des Imperialismus betrachtet werden. Es gibt keine bedeutende Frage der Innen- und Außenpolitik, die anders als vom Standpunkt dieser Tendenz entschieden werden könnte.« (VIII. Parteitag der KPR(B), Lenin Werke Bd. 29, S. 154) Das ist auch dem KBW ins Stammbuch zu schreiben, der ja immer vom Kapitalismus im allgemeinen spricht und seine Krisentheorie gerade mit dem Zusammenbruch von Kleinbetrieben zu beweisen sucht.

Wir wissen also, daß ein Unterschied zwischen normaler Depression und einer Wirtschaftskrise existiert, wir wissen über die allgemeine Richtung der Wirtschaftskrise, wissen, daß sie zyklisch, die ganze kapitalistische Wirtschaft betreffend und eine Überproduktionskrise ist, wir kennen eine besonders tiefe Krise 1929 und danach, und wir wissen, daß die drei Maßnahmen des Monopolkapitals mit Gesetzmäßigkeit zu einer Krise führen werden. Aber wir wissen noch nicht genau, wann und mit welcher genauen Ausformung eine wirtschaftliche Situation wirklich als Krise zu bezeichnen ist. Sicher wird die Sache in verschiedenen historischen Situationen anders liegen, aber bezüglich bestimmter Schwellen volkswirtschaftlicher Indizes, bezüglich der Tiefe der Zerrüttung der kapitalistischen Wirtschaft und der Zerstörung der Produktivkräfte (Arbeitslosigkeit, Konkurse, Produktionsrückgang in starkem Maße, Rückgang der Investitionen, Zerrüttung des Kreditwesens, Krieg) und der Waren und bezüglich der Konsequenzen für Kapital und seine Politik und die Arbeiterklasse und ihre Politik müssen unserer Meinung nach noch weitergehende Ausführungen gemacht werden, um eine Krise genau zu kennen. Denn diese Frage ist nicht eine akademische, sondern ihre genaue Behandlung ist notwendig zur Vorbereitung der Arbeiterklasse und ihrer Vorhut auf die Kämpfe in dieser Krise, was in der Roten Fahne 12 in dem Vorabdruck der KBW-Broschüre ja auch hervorgehoben wird.

Zwei kleinere Kritiken zum Revolutionären Weg 14 sind in unserer Schulungsgruppe zusätzlich geäußert worden: Zum einen kritisieren die Genossen die Aussage über das »Konsumdenken« auf Seite 20, da hier nicht klar herausgehoben wird, daß die Wirkung der Werbung bezüglich der Herstellung eines »Konsum-denkens« bei der Arbeiterklasse nur relativ ist und an die Grenzen ihrer Klassenlage trifft. Zum anderen wird auf Seite 47/48 die Darstellung des Entgegentretens der Gewerkschaft gegen die Krisenpropaganda kritisiert, da wir meinen, daß die Gewerkschaftsführung ganz andere Gedanken hat, wenn sie den Krisenteufel entlarvt. Wir meinen, daß die Gewerkschaftsführung die Absicht hat, die SPD/FDP-Politik gegenüber der Arbeiterklasse so positiv als möglich herauszuputzen und dabei auch gegen Kritik der Opposition der CDU/CSU am »wirtschaftspolitischen Versagen der Regierung« auftritt. Deshalb ist bei der Gewerkschaftsführung die Ablehnung der Krisenpropaganda unserer Meinung nach unmittelbar verbunden mit der Werbung unter der Arbeiterklasse für die Sozialdemokratie und die SPD/FDP-Regierung im besonderen. Wir meinen, daß dies gesagt werden sollte.

Wir hoffen, daß wir Euch vielleicht ein bißchen weiterhelfen konnten, den einen oder anderen Punkt klarer herauszustellen und vor allem in den weiteren Publikationen des KABD zur gegenwärtigen Wirtschaftslage aufzugreifen.

Rot Front!
M.





Lieber Genosse M 19.6.75

Dein Brief vom 7. 6. befaßt sich mit Fragen, die sich aus der Schulung des Revolutionären Wegs 13 und 14 ergaben. Durch die Broschüre »Die ›fortschreitende Krise‹ des KBW« werden Euch einige Argumente mehr gegeben. Ich will versuchen, den Unterschied zwischen »Rezession« und Wirtschaftskrise möglichst kurz und präzise zu formulieren:

Eine Rezession entsteht dann, wenn das Wirtschaftswachstum zurückgeht und sich unmittelbar dem Nullpunkt nähert beziehungsweise ihn erreicht. Das Bruttosozialprodukt erlebt keine Steigerung (oder nur eine unbedeutende). Die im Revolutionären Weg 14, Seite 20 zur Kennzeichnung der Rezession von 1966/67 angegebenen Zahlen, die noch einen Zuwachs des Bruttosozialprodukts nachweisen, ergeben bei Umrechnung auf Preise von 1962 ein Nullwachstum.

Kapitalistische Wirtschaftskrisen sind Überproduktionskrisen, die einen Produktionsrückgang auf einen bereits vor Jahren erreichten Stand zur Folge haben. Zum Beispiel sank die industrielle Gesamtproduktion in Deutschland während der Krisen:

1873 um 6,1 %

1890 um 3,4 %

1907 um 6,5 %

1929–1932 um 40,6 %

Wir haben oben aufgezeigt, daß die drei Maßnahmen des Monopolkapitals – Konzentration des Kapitals, Rationalisierung und Kapitalexport – unweigerlich zur Überproduktionskrise führen müssen und, da die Maßnahmen des Monopolkapitals in allen monopolkapitalistischen Ländern durchgeführt werden, die Wirtschaftskrise weltweiten Charakter haben wird.

Ihr stellt die Frage, wann und in welcher Ausformung eine wirtschaftliche Situation als Krise bezeichnet werden könne. Daß der Ausbruch der Krise nicht mit Tag und Stunde angegeben werden kann, ist klar. Wir hätten in der BRD bereits die Krise, wenn nicht der gesteigerte Export den Rückgang auf dem Binnenmarkt aufgefangen hätte. Der gegenwärtige Zustand der schwankenden Stagnation wird durch zwei entgegenwirkende Erscheinungen gekennzeichnet: Die am Jahresende eingesetzten krisenbremsenden Maßnahmen der Regierung mit aufsteigender Schwankung und Exportrückgang mit absinkender Schwankung. Die Regierungsmaßnahmen wurden zu spät eingesetzt, was auf eine falsche Einschätzung der wirtschaftlichen Situation zurückzuführen war. Man hatte die Ursache der rasch wachsenden Arbeitslosenzahl auf eine Konjunkturschwankung (Krisenpropaganda) zurückgeführt und nicht wie wir als Folge der drei Maßnahmen des Monopolkapitals erkannt. So hatte die Regierung, wie es in früheren Jahren auch üblich war, mit einer unmittelbaren Auswirkung der Konjunkturspritzen gerechnet. Da aber die Ursache diesmal eine andere war, mußte auch die Auswirkung eine andere sein, das heißt, die konjunkturfördernden Maßnahmen wirken mit Verzögerung und kommen zum Teil zu spät.

Inzwischen wirken die von uns aufgezeigten Maßnahmen des Monopolkapitals auf dem Weltmarkt, engen ihn ein und erzeugen einen Exportrückgang, der wiederum einen verschärften Konkurrenzkampf nach sich zieht. Die Wirtschaftskrise wird dann ausbrechen, wenn

a) die Regierungsmaßnahmen nicht die erhoffte Wirkung haben, um den Binnenmarkt wesentlich aufnahmefähiger zu machen,

b) der Rückgang des Exports nicht aufgehalten werden kann,

c) verstärkte Konjunkturspritzen die Mittel rascher erschöpfen lassen bei gleichzeitigem Rückgang der Staatseinnahmen und erhöhten Staatsausgaben,

d) große Teile der Spareinlagen (sie waren als Folge der Krisenpropaganda sprunghaft angewachsen) nicht in die Wirtschaft zurückfließen,

e) wachsende Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit die Konsumkraft der Massen weiter einengt.

Wir können also damit rechnen: Die schwankende Stagnation geht zu Ende und mündet in eine Krise. Das bedeutet das Ende der relativen Stabilisierung des Kapitalismus. Gleichzeitig verschärfen sich die Widersprüche des Kapitalismus: die Widersprüche der beiden Supermächte untereinander, die Widersprüche der Supermächte zu anderen imperialistischen Staaten, die Widersprüche zwischen dem Imperialismus und Sozialismus, die Widersprüche zwischen imperialistischen Staaten und Ländern der Dritten Welt.

Durch diese Verschärfung wächst die Kriegsgefahr, weil die Imperialisten im Krieg einen Ausweg aus der Krise suchen.

Neben diesen Widersprüchen wachsen auch die Klassengegensätze, weil die Monopolkapitalisten die Lasten der Krise auf die breiten Massen abwälzen wollen, indem sie die vor Jahren errungene Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen rigoros abbauen. Darauf müssen wir die Arbeiterklasse vorbereiten, damit sie um die Erhaltung der Arbeitsplätze kollektiv den Kampf aufnimmt, jede Verschlechterung der Lohn- und Arbeitsbedingungen abwehrt und die 35-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich erzwingt. Das wird ein schwerer Kampf werden. Dabei ist es notwendig, den werktätigen Massen klarzumachen, daß es nur einen Ausweg gibt: den Sturz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und den Aufbau des Sozialismus.

Rot Front!
Redaktion des Revolutionären Wegs
Willi

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1975

Weltwirtschaftskrise 1929–1932

Redaktion des Revolutionären 12. 2. 75

Im Revolutionären Weg 14 steht auf Seite 46 Mitte: »Wenn auch nicht mit einer Weltwirtschaftskrise im Ausmaß von 1929–32 gerechnet werden kann – dafür sind die Bedingungen heute anders –, so greift die zukünftige Krise doch tief in die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und der kleinbürgerlichen Mittelschichten ein und beeinflußt ihr Bewußtsein.«

Es ist mir dabei folgendes nicht klar: warum eine künftige Weltwirtschaftskrise nicht das gleiche Ausmaß wie 1929–32 erreichen soll und warum damals andere Bedingungen als heute zur Krise geführt haben sollen?

Ich gehe davon aus, daß die Krise damals durch die Rationalisierung, Kapitalkonzentration und Eroberung und Sicherung von ausländischen Märkten entstanden ist. Diese gleichen Maßnahmen werden doch heute genauso von den Monopolen zum Einsatz gebracht.

Außerdem finde ich, daß dieser Abschnitt hätte genauer geschrieben werden müssen. Da wir in unserer Arbeit den Kollegen versuchen aufzuzeigen, daß die ganze Monopoloffensive wieder in einer Krise enden wird. Da ich schon Bücher von damals, zum Beispiel »Unsere Straße«, gelesen habe, nehme ich in Diskussionen manchmal Beispiele von damals, um die heutige Situation noch klarer zu machen. Auch von daher ist die Frage für mich wichtig.

Hans





Lieber Genosse Hans! 2. 4. 75

Entschuldige bitte, daß ich wegen Überlastung erst jetzt dazu komme, Deinen Brief vom 12.2. zu beantworten. Ich will ihn kurz beantworten, weil ich einen ganzen Stapel Post erledigen muß.

Die unmittelbare Ursache des Ausbruchs einer Weltwirtschaftskrise ist nicht immer die gleiche, ebenso was Umfang und Dauer anbelangt. Wir können darum nicht einfach schematisch die Situation, die zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise führt, auf eine andere Zeit und Situation übertragen.

Die Weltwirtschaftskrise 1929–32 entstand, weil durch den I. Weltkrieg fast alle Länder finanziell von den USA abhängig waren: die sogenannten Siegermächte durch eine gewaltige Verschuldung aus Lieferungen von Kriegsmaterial und die Länder, die den Krieg verloren hatten, durch Reparationen, besonders Deutschland. Als an dem sogenannten »Schwarzen Freitag« im Oktober 1929 die New Yorker Börse finanziell durch riesige Kursstürze zusammenbrach, lief das wie ein Steppenbrand über alle kapitalistischen Länder, weil die finanzielle Abhängigkeit sich überall unmittelbar auswirkte und auf die Wirtschaften aller kapitalistischen Länder verheerende Folgen hatte. Die einmal in Gang gesetzte Wirtschaftskrise riß die Produktion, Handel, Banken und auch die Agrarwirtschaft in den Strudel und zog alles nach unten. Die Produktion in Deutschland sank auf den Stand von 1890 zurück, Massenarbeitslosigkeit war die Folge.

Aus diesen Vorgängen haben die Kapitalisten ihre Lehren gezogen und geeignete Maßnahmen (internationale Bank- und Währungsinstitute unter anderem) ergriffen, daß sich der Vorgang von damals nicht wiederholt. Die kommende Weltwirtschaftskrise wird andere Ursachen haben, die wir im Revolutionären Weg 14 aufgezeigt haben.

Sicher kann man manche Stelle im Revolutionären Weg breiter behandeln, aber erstens wollen wir den Umfang nicht zu einem Buch ausdehnen und zweitens werden bestimmte Probleme, die in einer Nummer des Revolutionären Wegs nur kurz behandelt werden, in einer anderen Nummer, wo der Zusammenhang besser dargestellt werden kann, beziehungsweise näher erläutert werden soll, ausführlicher behandelt. Beispiel: Kritik und Selbstkritik im Revolutionären Weg 6 und im Revolutionären Weg 10. Ich hoffe, daß ich Deine Fragen damit beantwortet habe.

Mit freundlichen Grüßen
i. A. Willi





Lieber Genosse Willi 24. 4. 75

Über Deinen Brief vom 2. 4. 75 war ich ein bißchen enttäuscht. Ich habe natürlich nicht erwartet, daß ich zehn Seiten Antwort bekomme, aber Deine Antwort war ziemlich unzureichend. Mir ist nur eines ungefähr klargeworden: daß durch die Verschuldung der verschiedenen Länder bei den USA der Grundstock für die Krise gelegt wurde. Aber bezogen auf meinen ersten Brief, wo ich schrieb, daß eine kommende Krise durch »Monopolisierung usw.« entstehen würde, frage ich mich, ob die USA damals kein »Monopol« waren? Es würden also Ähnlichkeiten zur heutigen Situation bestehen.

Unklar ist mir, warum die Kurse an der Börse so plötzlich zusammenbrachen und warum sich das sofort zur Krise weiterentwickelte. Weiterhin verstehe ich nicht richtig, was Du mit »die Kapitalisten haben ihre Lehren gezogen und geeignete Maßnahmen ergriffen« meinst. Außerdem steht dazu im Revolutionären Weg 14, Seite 46, daß gerade durch die Verbundenheit der Länder eine Krise die gesamte Weltwirtschaft erfassen würde.

Zum Schluß möchte ich noch sagen, daß ich es nicht richtig finde, eine Frage aufgrund von Zeitmangel so kurz zu beantworten. Ich weiß zwar nicht, wie sehr Du zeitlich beansprucht bist, aber als Redaktionsmitglied müßtest Du die Zeit dafür haben.

Mit freundlichen Grüßen
Hans





Lieber Hans 11.6.75

Dein Brief vom 24.4. wundert mich eigentlich, denn meine Antwort auf Deine Anfrage über die Ursache der Weltwirtschaftskrise 1929–32 müßte doch für die gegenwärtige Agitation ausreichen, denn es kommt doch im wesentlichen auf die Erklärung der heutigen Situation an. Wir greifen dabei wohl auf wichtige Ereignisse der Vergangenheit zurück, um das Verständnis für die jetzige Entwicklung klarer aufzuzeigen, nicht aber, um eine ausführliche Analyse der damaligen Zeit zu erstellen. Trotzdem will ich Dir einige Ergänzungen bekanntgeben:

Die USA waren durch den I. Weltkrieg zur führenden Industrie- und Gläubigermacht geworden. Zum Beispiel war vorgesehen, daß Deutschland durch den Youngplan, der den Dawesplan ablöste, Reparationszahlungen von jährlich zwei Milliarden RM bis 1988 zu zahlen habe. Die Wirtschaftskrise machte die Durchführung unmöglich. Zur Abdeckung der 1931 aufgenommenen Younganleihe (Young war ein führender amerikanischer Politiker und Finanzmann) hat noch die BRD den Rest bezahlen müssen.

Ganz anders ist die Finanzlage beider Länder (USA und BRD) heute. Durch die seit 1950 von den USA geführten Kriege (Korea, Vietnam, Laos, Kambodscha) wurde die amerikanische Währung erschüttert. Um die Dollar-Währung zu stützen, kaufte die BRD für Milliarden DM Dollars mit Verlust ein, das heißt auf Kosten der westdeutschen Steuerzahler, wodurch eine Aufwertung der DM hervorgerufen wurde. Dadurch wurde im wesentlichen der Zusammenbruch der Dollarwährung verhindert. Das verstehe ich zum Beispiel als eine unter den »geeigneten Maßnahmen« der Monopolkapitalisten.

Der amerikanische Monopolkapitalismus geriet 1907 in seine erste schwere Krise, 1921 in eine leichtere, um 1929–32 eine Krise von nie dagewesenem Ausmaß zu erreichen. Die Industrieproduktion sank in den USA um mehr als die Hälfte, 85 000 Betriebe mit Verpflichtungen über zwei Milliarden Dollar machten Bankrott. Die Eisenbahngesellschaften (sie sind dort privat) machten praktisch Pleite. Die Monopole verschärften die Krise durch Hochhalten der Monopolpreise, sie sanken nur um 0 bis höchstens 9 Prozent, während die nichtmonopolistische Bourgeoisie Preissenkungen von 36 bis 42 Prozent für Industriewaren und 50 bis 66 Prozent für Agrarprodukte hinnehmen mußte.

Die Bedeutung der USA als Weltindustriemacht kommt in dem Anteil an der Weltproduktion zum Ausdruck. Er betrug 1926–29 in den USA 42,2 Prozent, in Deutschland 11,6 Prozent, in England 9,4 Prozent, in der Sowjetunion 4,3 Prozent. Heute ist der Anteil der USA und damit die Bedeutung als Weltindustriemacht ganz beträchtlich gesunken. Auch dadurch unterscheidet sich die heutige Zeit von der damaligen. Es ist deshalb falsch, schematisch die damalige Situation auf heute zu übertragen, besonders in wirtschaftlichen Fragen und Fakten.

Deinen Hinweis am Schluß des Briefes nehme ich Dir nicht übel, weil Du wirklich nicht wissen kannst, wie umfangreich meine gegenwärtige Arbeit ist. Ich hatte Dir die wichtigste Ursache der Weltwirtschaftskrise mitgeteilt, soweit sie für unsere Agitation wichtig ist. Ob Du mit den oben erläuterten Zahlen mehr anfangen kannst, mußt Du versuchen. Mehr kann ich Dir auch nicht liefern.

Also viel Erfolg und die besten Grüße
Willi

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1975

Automation und Mechanisierung

Lieber Genosse Willi 21.2.75

Heute wende ich mich mit einer Anfrage an Dich beziehungsweise an die Redaktion des Revolutionären Wegs. Ich bin Mitglied der KSG und wurde zu dieser Anfrage angeregt durch die Lektüre des Artikels »Arbeitskräftebedarf und technische Entwicklung« in der Roten Fahne 4/75, Seite 7. Darin wird auf den Unterschied zwischen Mechanisierung und Automation hingewiesen und darauf, welche Auswirkungen die Rationalisierungsmaßnahmen des Monopolkapitals auf den Arbeitskräftebedarf haben. Die Frage für mich besteht nun darin, wie eigentlich die Leute qualifiziert sein müssen, die solche Anlagen konstruieren, entwerfen und planen. Das ist, allgemeiner gesprochen, die Frage nach der Auswirkung der genannten Maßnahmen des Monopolkapitals auf die Hochschulbildung. In dem Rote-Fahne-Artikel wird ja darauf hingewiesen, daß »die Bedienung« der Maschinen »bei Hochmechanisierung und Automation durch Facharbeiter« erfolgt – also nicht durch Hochschulabsolventen. Gleichzeitig müßte man meinen, daß die Konstruktion solch hochkomplizierter Anlagen eigentlich höherqualifizierte Intellektuelle (Techniker und Ingenieure) erfordert, als sie bislang ausgebildet wurden. In Wirklichkeit ist die Politik des Monopolkapitals aber genau darauf ausgerichtet, durch Regelstudienzeiten und Kurzstudiengänge die Qualifikationen der Hochschulabsolventen zu drosseln. Das verstehe ich nicht.

In diesem Zusammenhang halte ich auch die Erklärung für unzureichend, die der KABD-Genosse in seinem Referat auf dem I. Zentralen Delegiertentag der KSG gegeben hat, wo er sagte: »Die Bedeutung der Wissenschaft und die enge Verbindung von Forschung und Entwicklung auf der einen und Produktionsprozeß auf der anderen Seite haben für die Intelligenz einen Prozeß zur Folge, wie er ähnlich in der Arbeiterklasse bereits seit dem Beginn der Industrialisierung vor sich geht: dem Bedarf an einigen hochqualifizierten Fachkräften steht das Heer von an Universitäten und Fachhochschulen notdürftig ausgebildetem technischem Personal entgegen, das in Versuchs-, Entwicklungs-, Fertigungs-, Instandhaltungs- und Kontrollabteilungen tätig ist.« Wie diese Entwicklung nämlich zusammenhängt mit Konzentration und Rationalisierung (wie sie im Revolutionären Weg 13 beschrieben sind), ist mir unklar.

Soweit meine Anfrage. Gleichzeitig mit ihr möchte ich Dich auf einen Artikel aufmerksam machen: »Auf dem Weg des sozialistischen Wettbewerbs zu höherer Arbeitsproduktivität«, den die »Presse der Sowjetunion« abgedruckt hat und in dem meiner Meinung nach die Analyse des Revolutionären Wegs 7–9, soweit sie die Ausbeutung sowjetischer Arbeiter betrifft, auf neuestem Stand bestätigt wird. Falls es einmal notwendig werden sollte, diese Analyse auf einen neueren Stand zu bringen, wird dieser Artikel sicherlich einen Beitrag dazu leisten können.

In diesem Zusammenhang möchte ich es nicht versäumen, Dir und den anderen Genossen der Redaktion Revolutionärer Weg für Eure geleistete Arbeit, die für uns alle unschätzbaren Wert hat, aufrichtig zu danken.

Mit revolutionären Grüßen
Wolfgang





Lieber Genosse Wolfgang! 1. 3. 75

Besten Dank für Deinen Brief vom 21. 2. Du schneidest ein Problem an, das für die weitere Politik der KSG wichtig ist.

Zunächst eine Richtigstellung: Bedienung und Instandhaltung automatischer Anlagen erfolgen durch Facharbeiter und zum Teil auch Techniker. Die Konstruktion solcher Anlagen erfolgt durch akademisch ausgebildete Kräfte mit hoher Qualifikation.

Für die Monopolkapitalisten kommt es hauptsächlich darauf an: Für ihren Führungsstab (dazu gehören auch leitende Konstrukteure) brauchen sie akademisch ausgebildete Leute. Diese müssen zunächst eine Hochschul-Grundausbildung haben, alles andere lernen sie in den Abteilungen der Konzernbetriebe. Bis sich einer mal zum Chefkonstrukteur für automatische Anlagen emporgearbeitet hat, muß er zahlreiche Stufen spezieller Entwicklung durchlaufen, um sich immer höher zu qualifizieren und zu spezialisieren. Das kann er nicht auf der Hochschule erlernen. Allein die Planung großer automatischer Anlagen wie Transferstraßen und ähnliches dauert bis zu zwei Jahren. Viele akademisch ausgebildete Kräfte arbeiten an Teilberechnungen beziehungsweise Teilkonstruktionen, ohne den Gesamtkomplex zu kennen.

Von diesem Gesichtspunkt muß die Frage der »gründlichen« Ausbildung auf der Hochschule gesehen werden. Die Monopole sind an einer gründlichen Hochschul-Grundausbildung der Studenten in möglichst kürzester Zeit interessiert. Darum sehe ich das Problem der Regelstudienzeiten und Kurzstudiengänge (vier Jahre Studienbegrenzung) anders. Nicht Drosselung der Qualifikation der Studenten, sondern Drosselung der Zahl der Studienteilnehmer und Absolventen. Mit der raschen Entwicklung der Industrie, besonders durch die wissenschaftlich-technische Revolution, entstand ein gewaltiger Bedarf an akademisch ausgebildeten Kräften. Der Numerus clausus wurde gelockert, ein Strom von Studenten ergoß sich in die Universitäten, die schnell erweitert oder neu gebaut wurden. Die Examen wurden nicht so streng durchgeführt, die Durchfallquote war relativ gering. Das hat sich in den letzten Jahren geändert, der Bedarf an akademisch ausgebildeten Kräften ist geringer geworden, die Zahl der arbeitslosen Akademiker steigt. Folge: Der Numerus clausus wurde eingeengt, und die Durchfallquote bei Examen steigt (zum Beispiel bei den Volkswirten an der Universität Tübingen etwa 60 Prozent).

Durch die Einführung der Kurzstudiengänge soll eine »natürliche« Auslese erfolgen. Wer die Qualifikation hat, in dieser kurzen Zeit das Studienpensum durchzustehen und die Voraussetzung für das Examen zu schaffen, ist der geeignete Mann für die Monopole. Die anderen, deren Qualifikation ausgereicht hätte, den Anschluß in sechs bis acht Jahren zu schaffen, scheiden bei vier Jahren Studienzeit aus, sie fallen der Durchfallmaschine, genannt Examen, zum Opfer. Durch diese »natürlich« erscheinende, aber künstlich erzeugte Auslese holen sich die Monopole ihren geeigneten Nachwuchs.

Dazu kommt noch eins: Die Monopole fürchten, daß politisch linksgerichtete Akademiker als Nachwuchskräfte in die Positionen der Konzernbetriebe einsteigen. Dem sollen die Kurzstudiengänge ebenfalls abhelfen. Studenten, die wohl die Qualifikation für das Durchstehen einer kurzfristigen Studienzeit haben, aber sich aktiv politisch betätigen, vernachlässigen zwangsläufig ihr Studium. Unter den bisherigen langjährigen Studienbedingungen schafften noch viele das Examen, aber unter den Bedingungen der Kurzstudiengänge werden sie es nicht schaffen, ohne politisch inaktiv zu werden. So schlägt das Monopolkapital zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Minderqualifizierten und die politisch Aktiven fallen durch oder brechen vorher ihr Studium ab.

In diesem Zusammenhang ist die Losung: »Für eine gründliche Berufsausbildung!« zweideutig, weil sie nichts gegen die Kurzstudiengänge sagt und darum den Plänen der Monopolkapitalisten nichts entgegensetzt, sondern eher förderlich ist. Darum muß der Kampf gegen die Pläne zur Studienverkürzung mit Nachdruck geführt werden. Meines Erachtens sind drei Dinge wichtig:

– Kampf gegen die verschärfte Handhabung des Numerus clausus,

– Kampf gegen alle Pläne zur Verkürzung der Studienzeit,

– Kampf gegen die hohe und willkürliche Durchfallquote. Dieser Kampf um Reformen an der Universität kann aber keine

grundsätzliche Lösung für die Masse der Studenten bringen. Die Existenzunsicherheit nach Examensabschluß wird sich in den nächsten Jahren durch die verschärfte wirtschaftliche und politische Entwicklung in der BRD noch vergrößern. Darum muß allen Studenten, die sich in Abhängigkeit befinden, der einzig mögliche Ausweg aufgezeigt werden. Durch intensive politische Aufklärung müssen sie für den Kampf um den Sozialismus gewonnen werden. Dieser Kampf darf nicht losgelöst von dem Kampf der Arbeiterklasse geführt werden. Es ist darum erforderlich, daß die Schicht der kleinbürgerlichen Studenten stärker auf die Arbeiterklasse orientiert wird, das war bisher ein großer Mangel der politischen Arbeit der KSG.

Ich hoffe, die in Deinem Brief aufgeworfenen Probleme hiermit beantwortet zu haben. Im übrigen danke ich Dir für die Zusendung der sowjetischen Zeitschrift.

Mit revolutionärem Gruß
Willi

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1974

Erklärung der Redaktion Revolutionärer Weg

August 1974

1. In der Roten Fahne 12/74 wird auf der Titelseite das Erscheinen des Revolutionären Wegs 13/14 bekanntgegeben durch einen Artikel mit der Überschrift »KABD gibt umfassende Wirtschaftsanalyse heraus«. Die Redaktion des Revolutionären Wegs erhebt nicht den Anspruch, daß die Darlegung der wirtschaftlichen Entwicklung eine »umfassende Wirtschaftsanalyse« sei. Diese wird vielmehr noch erarbeitet und beansprucht längere Zeit. Wir haben deshalb als Titel des Revolutionären Wegs 13/14 »Wirtschaftsentwicklung und Klassenkampf« gewählt, weil nur einige wesentliche Merkmale der ökonomischen Entwicklung herausgestellt wurden.

2. In der Roten Fahne 13/74 heißt es in der Berichterstattung über den 2. Zentralen Delegiertentag des KABD: »Im neuerschienenen Revolutionären Weg hat der KABD eine umfassende Wirtschaftsanalyse und -prognose vorgelegt. Demnach herrscht auch in den nächsten Jahren in der BRD Hochkonjunktur vor.«

Eine solche Schlußfolgerung kann aus dem Text nicht gezogen werden. Wir wenden uns im gegenwärtigen Zeitpunkt deshalb gegen das allgemeine Krisengerede, das teils aus Berechnung, teils aus Besorgnis und teils aus einem Wunschdenken heraus geführt wird, weil es die wahre wirtschaftliche Lage verschleiert und die kommende Entwicklung zur wirklichen Krise außer acht läßt. Daraus zu schließen, daß in den nächsten Jahren Hochkonjunktur vorherrscht, ist falsch und trägt nicht dazu bei, die Arbeiterklasse über die zukünftige wirtschaftliche und politische Entwicklung aufzuklären und auf den Klassenkampf vorzubereiten.

Bringen wir einige Zitate aus dem Revolutionären Weg 14, der die Schlußfolgerungen aus der Untersuchung der Wirtschaftsentwicklung im Revolutionären Weg 13 zieht:

»Schon durch die bisher durchgeführten Maßnahmen der Konzentration, Rationalisierung und des Kapitalexports wurde der westdeutsche Binnenmarkt eingeengt. Die Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes hat eine absinkende Tendenz trotz der relativen Hochkonjunktur. Daß dieser Entwicklungsprozeß nicht in eine Krise ausmündete, lag an dem gesteigerten Warenexport, der die Lücken des inneren Marktes mehr als genügend ausfüllte.« (S. 24)

Das heißt doch, wir hätten bereits eine echte Überproduktionskrise, wenn diese nicht durch den gesteigerten Warenexport verhindert worden wäre.

»Auch die verstärkte Anwendung der drei genannten Maßnahmen wird in nächster Zukunft nicht so schnell eine Wirtschaftskrise auslösen, weil auf der einen Seite die Regierung krisenbremsende Gegenmaßnahmen ergreifen wird, die die Krise wohl aufhalten, aber nicht verhindern können, und zum anderen der gesteigerte Kapitalexport zunächst noch einen erhöhten Warenexport zur Folge hat, indem Stahlkonstruktionen für Fabriken, Maschinen und Hilfsmittel für die im Ausland zu errichtenden Werksanlagen von den hiesigen Konzernen geliefert werden.« (S. 25)

Auch daraus kann man nicht schließen, daß in der BRD noch jahrelang Hochkonjunktur vorherrschen wird, besonders nicht, weil in allen imperialistischen Ländern die gleichen Maßnahmen von den Monopolkapitalisten eingeleitet werden.

»Wir haben aufgezeigt, daß die Maßnahmen des Monopolkapitals zur Schrumpfung der Binnenmärkte in den hochkapitalistischen Ländern und zur Auslösung von Überproduktionskrisen führen, die internationale Auswirkungen haben werden.« (S. 60)

So geht es wie ein roter Faden durch den ganzen Revolutionären Weg 14, und das bedeutet: Es gibt gegenwärtig in der BRD keine Überproduktionskrise, wohl Konjunkturschwankungen in einigen Branchen, die zunehmende Arbeitslosigkeit ist eine Folge der oben genannten drei Maßnahmen des Monopolkapitals, diese Maßnahmen führen aber unweigerlich zu Wirtschaftskrisen, die durch die Verflochtenheit des Weltmarktes internationalen Charakter haben werden. Schon sind in einigen Ländern echte Wirtschaftskrisen zu verzeichnen. Auch diese werden Auswirkungen auf die Wirtschaftslage in der BRD haben, anderseits hat die Bundesregierung Möglichkeiten, krisenbremsend zu wirken, die aber begrenzt sind. Die Hochkonjunktur geht zu Ende und wird zunächst durch eine schwankende Stagnation und dann durch eine Wirtschaftskrise abgelöst.

Der Revolutionäre Weg 13/14 hat die Aufgabe, davor zu warnen, daß bei aller notwendigen Ablehnung des gegenwärtigen Krisengeredes nicht die falsche Schlußfolgerung gezogen werden sollte, daß es auch in Zukunft keine Krisen geben, sondern ununterbrochen Hochkonjunktur vorherrschen würde. Darum ist gründliches Studium des Revolutionären Wegs 13/14 unbedingt erforderlich. Redaktion des Revolutionären Wegs

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1974

Wirtschaftsfragen und Klassenkampf

Lieber Willi 14. 6. 74

Hoffentlich hast Du Dich in Solingen wieder gut eingelebt. Ein Mitarbeiter der Redaktion hat den Rohstoffartikel der Wirtschaftsabteilung etwas aktualisiert und den Aufbau leicht umgestellt. Mir hat der Artikel insbesondere klargemacht, wie die Imperialisten notwendigerweise wieder Kriege vorbereiten müssen, um ihr Paradies zu erhalten.

Bei der letzten Redaktionssitzung hatten wir Schwierigkeiten mit dem Inflationsartikel, dessen Entwurf beigelegt ist. Wie die Monopole ihre Machtposition ausnutzen, um die Preise hochzutreiben, wird zwar ausführlich dargelegt, aber die Politik des Staats kommt zu kurz …

Vom Sekretariat wurde uns vorgeschlagen, einmal einen Artikel über die längerfristige Entwicklung der Wirtschaft zu bringen, wie sich aus dem gegenwärtigen Aufschwung schließlich eine Krise entwickeln wird. Dies halte ich insbesondere deshalb für wichtig, um Mißverständnisse unserer korrekten Einschätzung der gegenwärtigen Wirtschaftslage zu vermeiden. Manche Genossen schlossen aus dem Schlußsatz des letzten Wirtschaftsartikels »Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen«, wir seien der Meinung oder würden zumindest den Lesern den Eindruck vermitteln, der Kapitalismus sei langfristig stabil und krisenfest.

Ich schicke Dir noch ein Protokoll einer Schulungssitzung im Archiv, bei der einige Fragen aufgetaucht sind, über die ich mir nicht klar bin und die ich deshalb angestrichen habe. Vielleicht kannst Du mir dazu gelegentlich ein paar Hinweise geben …

Beiliegend außerdem ein Archivbericht.

Rot Front! K.





Lieber K.! 26.6.74

Deinen Brief vom 14. 6. habe ich erst am 25. 6. erhalten. Obwohl ich nach meiner Rückkehr durch Behandlung einiger Probleme überlastet bin, will ich Dir doch gleich eine Antwort geben.

Wenn ich nicht irre, hattest Du mir den Inflationsartikel bereits zur Übermittlung an die Wirtschaftsabteilung zugeschickt (mit Statistiken). Sie sollte ihn bearbeiten und Dir zurückschicken, weil ich ja in Urlaub fuhr. Ich halte den Artikel für sehr schwach, er müßte meines Erachtens ganz umgeschrieben werden. Wir können uns gegenwärtig nicht damit abgeben, weil ich die Wirtschaftsabteilung für die Erstellung des Revolutionären Wegs 13 eingespannt habe und wir möglichst bald damit fertig werden wollen. Darum schicke ich ihn Dir zurück.

Der Vorschlag des Sekretariats sollte meines Erachtens zurückgestellt werden, bis wir mit dem Revolutionären Weg 13 fertig sind. Sein Thema lautet »Wirtschaftsentwicklung und Klassenkampf«. Du könntest kurz vor Erscheinen einen Auszug daraus bringen, so wie beim Revolutionären Weg 12. Da die behandelten Probleme sehr kompliziert sind, wäre es ratsam, erst das Manuskript abzuwarten, um eine widersprüchliche Darlegung zu vermeiden …

Einige Fragen zum Protokoll der Schulung. Die Mitbestimmung über Lohn- und Arbeitsbedingungen ist kein Gewohnheitsrecht, sondern ein Ergebnis des Kampfs um den Lohn, dessen Höhe vom Kräfteverhältnis zwischen Arbeitern und Unternehmern abhängt. Diese zwar echte Mitbestimmung über Verkauf und Auswertung der Arbeitskraft beruht nicht auf Teilung der Macht, sondern vollzieht sich unter Alleinherrschaft der Bourgeoisie. Ein Lohnkampf an sich berührt nicht die Macht der Bourgeoisie und ist deshalb auch noch kein Klassenkampf. Nur durch die Zusammenfassung der Vielheit von Lohnkämpfen entwickeln sie sich zum Klassenkampf.

Der Kampf um Erhaltung und Ausweitung der bürgerlich-demokratischen Rechte und Freiheiten dient nicht der Durchführung der Revolution, sondern auf lange Sicht deren Vorbereitung. Es ist ein Kampf um politische Reformen, der wie der Kampf um ökonomische Reformen als Schule des Klassenkampfs dient, aber nicht den Sturz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zum Ziel hat. Dazu ist ein Kampf um Reformen auch nicht in der Lage. Je mehr demokratische Rechte und Freiheiten, um so leichter wird die vorbereitende Arbeit für die zukünftigen Klassenschlachten. Die Bourgeoisie macht Teilzugeständnisse, um eine revolutionäre Entwicklung der Arbeiterklasse zu verhindern (darin liegt der Doppelcharakter des Kampfs um Reformen). Gelingt ihr das nicht, weil die Klassenkämpfe sich verschärfen, versucht sie es mit Gewalt, dann hebt sie die Zugeständnisse wieder auf.

Wir müssen bei der Frage der sozialen Hauptstütze der Bourgeoisie unterscheiden:

1. Die bürgerlichen Parteien von der SPD bis zur faschistischen Partei sind ausführende Organe der Politik des Monopolkapitals, die jeweilige Regierung ist der Geschäftsführer des Monopolkapitals zur Realisierung dieser Politik, die von der stärksten Gruppe des Monopolkapitals bestimmt wird (das Monopolkapital ist wegen der Interessen der verschiedenen Schichten und der Gegensätze im eigenen Lager nicht einheitlich – die Gruppierungen verschieben sich, und die sich herauskristallisierende Hauptgruppe bestimmt die jeweilige Politik). Bei der Realisierung dieser Politik muß sich die Hauptgruppe auf die Partei stützen, die für die Durchführung der jeweiligen Politik (vor Jahren die CDU/CSU unter Adenauer, jetzt die SPD/FDP unter Brandt und Schmidt) am geeignetsten ist und über eine entsprechend große Massenbasis verfügt, um die jeweilige Politik möglichst reibungslos zum Tragen zu bringen. Eine Partei kann nur dann die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie sein, wenn sie diese Bedingung erfüllt. Verliert sie die Massenbasis, wird diese Partei als soziale Hauptstütze der Bourgeoisie ausgewechselt, was nicht nur durch Neuwahlen erreicht werden kann (zum Beispiel kann die FDP aus der Koalition mit der SPD heraustreten und mit der CDU/CSU eine neue soziale Hauptstütze bilden). Schwindet ihre Massenbasis allgemein und wird diese von einer faschistischen Partei aufgesogen wie vor 1933, dann wird diese Partei zur sozialen Hauptstütze. Reicht die Massenbasis keiner dieser Parteien aus, wird durch Errichtung der Militärdiktatur das Militär zur Hauptstütze der Aufrechterhaltung der Macht.

2. Der Sozialdemokratismus ist die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie im Lager der Arbeiterklasse, eine Agentur der Bourgeoisie, die die Aufgabe hat, die Arbeiterklasse zu zersetzen, sie vom Klassenkampf abzuhalten, sie zu verwirren, zu täuschen, zu verraten. Die SPD ist gerade wegen dieser Doppelrolle eine besonders wertvolle Hauptstütze der Bourgeoisie. Reformismus und Revisionismus als Erscheinungsformen des Sozialdemokratismus, gestützt auf die Gewerkschaften, sorgen für eine relativ starke und stabile Massenbasis, auf die sich die SPD als Regierungspartei stützen kann. Also: Sozialdemokratismus als Agentur der Bourgeoisie im Lager der Arbeiterklasse und Sozialdemokratismus als bürgerliche Regierungspartei bilden wie zwei Seiten einer Medaille die gegenwärtige soziale Hauptstütze der Bourgeoisie. Kommt der Sozialdemokratismus als Agentur und als Regierungspartei durch seine arbeiterfeindliche Politik bei den Massen in Mißkredit, dann schmilzt die Massenbasis, verliert dadurch den Wert als soziale Hauptstütze der Bourgeoisie und wird ausgewechselt (siehe 1932/33 die Machtübernahme durch den Faschismus beziehungsweise durch die NSDAP, weil keine andere bürgerliche Partei über die notwendige Massenbasis mehr verfügte). Der Satz »Der Sozialdemokratismus leugnet den Klassenkampf« ist richtig. Er leugnet nicht das Bestehen der Klassen, das tut auch die Bourgeoisie nicht, wenn beide auch bestrebt sind, den Klassencharakter der Gesellschaft zu vertuschen. Wer die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats nicht anerkennt, das seht Ihr richtig, der kann auch nicht den Klassenkampf anerkennen, denn die Diktatur des Proletariats ist das Ziel des proletarischen Klassenkampfs. Da der Sozialdemokratismus nur den Kampf um Reformen im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung anerkennt, leugnet er dadurch den Klassenkampf, denn der Kampf um Reformen an sich ist noch kein Klassenkampf, sondern nur eine Schule des Klassenkampfs, wie das im Revolutionären Weg 12 dargelegt wurde. Er enthält wohl Keime des Klassenkampfs, gewissermaßen die unterste Stufe, an die fortgeschrittene Proletarier anknüpfen müssen, um diese Keime zu entwickeln, das Klassenbewußtsein zu heben und die Kämpfe zum revolutionären Klassenkampf auszudehnen. Lenin schreibt in »Das Militärprogramm der proletarischen Revolution«:

»Wer den Klassenkampf anerkennt, der kann nicht umhin, auch Bürgerkriege anzuerkennen, die in jeder Klassengesellschaft eine natürliche, unter gewissen Umständen unvermeidliche Weiterführung, Entwicklung und Verschärfung des Klassenkampfs darstellen. Alle großen Revolutionen bestätigen das. Bürgerkriege zu verneinen oder zu vergessen hieße in den äußersten Opportunismus verfallen und auf die sozialistische Revolution verzichten.«

Anerkennt der Sozialdemokratismus den Bürgerkrieg? Weder die SPD noch die DKP, die sich mit dem Firmenschild des Marxismus-Leninismus tarnt, anerkennen den bewaffneten Aufstand und Bürgerkrieg, sie verkünden den »friedlichen Weg«. Selbst wer den Klassenkampf anerkennt, wie die DKP es in Worten tut, ist kein Marxist, trotz seines Aushängeschilds. Das wird von Lenin in »Staat und Revolution« betont:

»Wer nur den Klassenkampf anerkennt, ist noch kein Marxist, er kann noch in den Grenzen bürgerlichen Denkens und bürgerlicher Politik geblieben sein. Den Marxismus auf die Lehre vom Klassenkampf beschränken heißt den Marxismus stutzen, ihn entstellen, ihn auf das reduzieren, was für die Bourgeoisie annehmbar ist. Ein Marxist ist nur, wer die Anerkennung des Klassenkampfes auf die Anerkennung der Diktatur des Proletariats erstreckt.« »… Der Opportunismus macht in der Anerkennung des Klassenkampfes gerade vor der Hauptsache halt, vor der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus, vor der Periode des Sturzes der Bourgeoisie und ihrer völligen Vernichtung.«

Die DKP leugnet die Diktatur des Proletariats, fälscht diese Grundlehre des Marxismus-Leninismus in ein »Bündnis des Proletariats mit kleinbürgerlichen Schichten« um. Sie ist darum zu einem Teil des Sozialdemokratismus geworden. Da der proletarische Klassenkampf gerade dadurch gekennzeichnet ist, daß er den Sturz der kapitalistischen Herrschaft, die Errichtung der Diktatur des Proletariats, die Anwendung aller Formen des Klassenkampfs einschließlich des bewaffneten Kampfs auf seine Fahne schreibt, also das, was der Sozialdemokratismus nicht anerkennt, leugnet der Sozialdemokratismus überhaupt den Klassenkampf und beschränkt sich auf den Kampf um Reformen im Rahmen der kapitalistischen Ordnung, der an sich noch kein Klassenkampf ist.

In der Frage der Unvermeidlichkeit von Kriegen im Imperialismus verweise ich auf Stalins »Ökonomische Probleme des Sozialismus«, Abschnitt 6. Die Revisionisten haben die These von der Unvermeidlichkeit von Kriegen im Imperialismus aufgegeben, weil sie mit ihrem Pazifismus nicht in Einklang gebracht werden kann.

Die Arbeiteraristokratie beschränkt sich natürlich nicht nur auf sozialdemokratische und Gewerkschaftsbonzen, sie sind wohl die Hauptvertreter, aber auch in den Betrieben gibt es unter den Vorarbeitern, Meistern, Betriebsleitern, Betriebsräten usw. genügend Leute, die sich haben bestechen lassen und zu Arbeiteraristokraten geworden sind. Aber hier heißt es vorsichtig sein. Man muß genau differenzieren. Die höhere Bezahlung allein ist kein Merkmal der Arbeiteraristokratie, entscheidend ist das Verhalten der Arbeiterklasse und dem Klassenkampf gegenüber. Anderseits gibt es das Lumpenproletariat, das sich als Verräter und Streikbrecher für einen Judaslohn dingen läßt. Man muß in jedem Einzelfall entscheiden und in jedem Fall Schematismus vermeiden. Außerdem müssen wir erkennen, daß die Rationalisierung selbst vor der Arbeiteraristokratie nicht halt macht. Wer heute noch glaubt, eine sichere Stelle zu haben, kann sich in absehbarer Zeit bei den Arbeitslosen einreihen. Die Gewerkschaftsbürokratie wird davon allerdings nicht betroffen.

Ihr könnt vielleicht fragen, warum wurden die Probleme im Revolutionären Weg nicht ausführlicher behandelt? Dann würde es ein Buch werden, und wir wollen den Umfang des theoretischen Organs über eine gewisse Grenze nicht überschreiten. Außerdem würden trotzdem Fragen offenstehen, die bei der Schulung aufkommen und die durch die Diskussionen geklärt werden müssen. Vor allem aber soll der Revolutionäre Weg nicht das Selbststudium der Klassiker des Marxismus-Leninismus ersetzen, sondern vielmehr anregen, das Studium systematisch zu betreiben. Dann ist noch etwas zu berücksichtigen: Die Einzelnummern des Revolutionären Wegs bilden zusammen ein ganzes System, bestimmte Probleme oder Fragen, die in der einen Nummer nur gestreift werden, werden in einer anderen Nummer ausführlicher behandelt oder näher untersucht.

Lieber K., sollten trotzdem noch Unklarheiten bestehen, die ihr unter Euch nicht ausbügeln könnt, dann schreibe mir. Ansonsten

herzlichen Gruß
Willi

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1974

Wirtschaftsentwicklung in der BRD

Lieber K 26. 2. 74

Eben erhielt ich den beiliegenden Artikel von der Wirtschaftsabteilung, er geht mit der nächsten Post sofort ab. Da noch etwas Zeit ist, will ich Deinen Brief vom 21.2. betreffs Kritik an den Artikeln über die Wirtschaftskrise von mir aus beantworten, obwohl ich ihn mit der Wirtschaftsabteilung noch nicht besprochen habe. Der Artikel hatte den Sinn, das Krisengerede der letzten Monate zu widerlegen, ohne eine Prognose aufzustellen. Das Krisengerede beschränkte sich nicht auf die bürgerliche Propaganda, sondern der »Rote Morgen« wie auch der KBW tuteten in das gleiche Horn, wobei nach deren Verlautbarung die Wirtschaft vom Fieber der Krise geschüttelt wird. Sie merkten gar nicht, daß sie dem Zweckpessimismus der Unternehmer und der Massenmedien das Wort redeten und mit dazu beitrugen, daß die Arbeiter eingeschüchtert wurden. Daß in dem Artikel der Wirtschaftsabteilung nüchtern und sachlich dem widersprochen wurde, ist sehr positiv. Daß das mit einer Sicherheit geschah, die sich auf konkrete Zahlen stützt, sollte vor allem unsere Genossen bestärken, um ihnen eventuelle Zweifel zu nehmen. Auch aus Deinem Brief (siehe Punkt 2 und 3) klingen gewisse Zweifel über die Ursache der Schwierigkeiten in der Auto- und Bauindustrie. Wir sollen uns nicht von bürgerlichen Argumenten verblüffen lassen.

Die nächsten Jahre werden der Arbeiterklasse schwere Zeiten bescheren, das heißt, die relative Verelendung wird wachsen, die Zahl der Arbeitslosen und Kurzarbeiter beträchtlich steigen. Durch Entstehung einer industriellen Reservearmee werden die Reallöhne gedrückt. Daneben werden die Maximalprofite noch höher geschraubt. Die Ursache dieser Erscheinung braucht nicht unbedingt und zunächst in einer tiefgreifenden Wirtschaftskrise zu suchen sein, vielmehr in bewußt gesteuerten Maßnahmen:

1. Verstärkte Konzentration des Kapitals, wodurch im Sinne des Monopolkapitals unrentable Betriebe stillgelegt werden und die Produktion auf die rentablen Betriebe verlagert wird. Folge: Arbeiter werden entlassen.

2. Umfangreiche Rationalisierungsmaßnahmen und Automation in Großbetrieben, das heißt Steigerung der Arbeitsproduktivität und in Verbindung damit erhöhte Arbeitsintensität. Folge: Arbeiter werden entlassen.

3. Staatlich geförderter Kapitalexport durch Verlagerung von Betrieben in Niedriglohnländer und Einfuhr der dort produzierten Halbfertigwaren, die hier fertig produziert werden, zum Beispiel Rohstahl und Walzknüppel in Edelstähle und Feinwalzprodukte oder gewebte Stoffe in Bekleidungsartikel. Auch Fertigproduktionsbetriebe werden verlagert, zum Beispiel Produktion von Kameras und Schuhen, weil die Löhne bis auf ein Sechstel niedriger sind als hier bei uns. Hiesige Betriebe werden stillgelegt oder gehen bankrott. Folge: Arbeiter werden entlassen.

4. Diese Maßnahmen schränken die Aufnahmefähigkeit des Binnenmarktes ein und, da solche Maßnahmen von allen monopolkapitalistischen Ländern eingeleitet werden, auch den Weltmarkt. Es entsteht eine Überproduktionskrise und ein verschärfter Konkurrenzkampf der Monopolgruppen untereinander, der auf Kosten der noch beschäftigten Arbeiter ausgetragen wird, das heißt durch rapiden Lohnabbau und durch Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, also durch verstärkte Ausbeutung, wobei die Arbeitslosenarmee als Druckmittel benutzt werden wird.

Die Entwicklung muß zu einer Verschärfung des Klassenkampfs führen, und darauf müssen wir uns einstellen. Allerdings geht der Prozeß nicht so schnell vor sich, wie manche annehmen. Die relative Stabilisierung des Kapitalismus wird noch eine Zeitlang dauern.

Alles Gute und herzliche Grüße
Willi

Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1973

Staat im staatsmonopolistischen Kapitalismus

Lieber Willi,
19. 8. 73

ich habe eine Frage zu dem Gewerkschafts-Manuskript. An drei Stellen wird davon gesprochen, daß Staat und Monopole miteinander verschmolzen beziehungsweise verflochten sind.

Davon zu sprechen ist zwar nicht falsch, aber es ist doch nur die halbe Wahrheit. »Verschmelzung« kennzeichnet die formale Seite des staatsmonopolistischen Kapitalismus, der Begriff »Unterordnung« den Inhalt. Stalin hat sich in »Ökonomische Probleme …« gegen den Ausdruck »Zusammenwachsen« gewandt, weil er nur »oberflächlich und beschreibend die Annäherung der Monopole und des Staates« feststellt, nicht aber »den ökonomischen Sinn dieser Annäherung« aufdeckt. Auch in der Grundsatzerklärung haben wir von Unterordnung des Staats unter die Monopole gesprochen.

Die »Stamokap«-Revisionisten stellen die Verschmelzung in Gegensatz zur Unterordnung, die sie leugnen. So versuchen sie, Staat und Monopole als gleichberechtigte Partner darzustellen, die eben verschmelzen, aber deren Verschmelzung man einfach dadurch wieder rückgängig machen könne, daß man den Staat (des Monopolkapitals) erobere und mit ihm die Monopole ausschalte. Die Rote Fahne hat dazu im April und im August Stellung genommen …

Rot Front! Karl



Lieber Karl
21.8.73

Besten Dank für Deinen Brief vom 19. 8. Ich bin einverstanden, wenn wir die »Unterordnung des Staats« noch einschalten. Grundsätzlich ist es jedoch so, daß jede herrschende Klasse sich den Staatsapparat unterordnet, es gibt keinen über den Klassen stehenden Staat. Der Unterschied zwischen dem Kapitalismus der freien Konkurrenz und dem Monopolkapitalismus in der Frage des Staats besteht darin, daß sich die Monopole den Staatsapparat restlos unterordnen. Die Bedeutung des staatsmonopolistischen Kapitalismus liegt darin, daß die Wirtschaft eine Entwicklung genommen hat, die über die Kraft der einzelnen Monopole hinausgeht, und daß der Staatsapparat immer mehr wirtschaftliche Funktionen übernimmt, die mit denen der Monopole verschmolzen sind. Die Revisionisten lehnen neuerdings diesen Prozeß der Verschmelzung des Staatsapparats mit den Monopolen ab (siehe das Buch: »Der staatsmonopolistische Kapitalismus«, S. 75/76). Ich will hier nicht näher darauf eingehen.

Da aber die restlose Unterordnung des Staatsapparats unter die Monopole die Voraussetzung der Verschmelzung von Monopolen und Staatsapparat ist, wollen wir das doch betonen. Ändere darum die Stellen auf Seite 11 in:

»Inzwischen haben die Monopole sich den Staatsapparat restlos untergeordnet und durch Übernahme wirtschaftlicher Funktionen durch die Staatsorgane im Interesse der Monopole sich mit ihm verschmolzen …«

Herzlichen Gruß
Willi



Lieber Karl
25. 8. 73

Ich möchte doch noch mal auf Deinen Brief vom 19. 8. und meine Antwort vom 21. 8. eingehen. Du beziehst Dich ebenso wie die Rote Fahne 4/73 auf ein Stalinzitat. Das ist aber eine dogmatische Übernahme eines Zitats, das wir lieber nicht verwenden sollen:

1. Stalin hat hier keine Definition des »staatsmonopolistischen Kapitalismus« gegeben, sondern am Rande seiner hervorragenden Arbeit »Ökonomische Probleme des Sozialismus« unter dem Eindruck seiner Polemik mit anderen sowjetischen Genossen eine Antwort aus dem Zusammenhang geschrieben, ohne es wissenschaftlich zu begründen. Wir wissen nicht, in welchem Zusammenhang diese Stelle mit den Auffassungen anderer Genossen steht.

2. Stalin hat das Buch 1951 als Kritik zu dem Entwurf eines Lehrbuchs der politischen Ökonomie geschrieben, also zu einer Zeit, als die neue technische Revolution am Anfang stand. Diese hat aber den Prozeß der Verschmelzung der Monopole mit dem Staatsapparat beschleunigt.

3. Stalin stellt die »Unterordnung des Staatsapparats unter die Monopole« in den Vordergrund, das heißt als Hauptseite hin. Das trifft auf den Monopolkapitalismus zu, aber nicht auf den staatsmonopolistischen Kapitalismus. Den Ausdruck erwähnt Stalin auch nicht. Im Kapitalismus der freien Konkurrenz mußten die Kapitalisten die Staatsmacht mit den Feudalherren teilen, weil sie ihre bürgerliche Revolution aus Angst vor dem erwachenden Proletariat nicht zu Ende führten. Beim Übergang zum Monopolkapitalismus ordneten sich die Monopolkapitalisten durch ihre imperialistische Politik den Staatsapparat mehr und mehr unter, in Deutschland noch im Bündnis mit den Junkern (die besondere Aggressivität des deutschen Imperialismus) und nach 1918 immer mehr als Alleinherrschaft. Durch den Übergang des Monopolkapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus wurde die Unterordnung des Staats unter die Monopole vollkommen, sozusagen restlos durchgeführt. Du irrst, wenn Du darin den alleinigen Inhalt des staatsmonopolistischen Kapitalismus siehst und in der »Verschmelzung« nur eine formale Seite, eher umgekehrt.

4. Wenn Stalin in dem Zitat tatsächlich den staatsmonopolistischen Kapitalismus meinen sollte, was nicht daraus hervorgeht, dann stände er im Gegensatz zu Lenin, der bereits 1917 die Verschmelzung der monopolkapitalistischen Gruppe mit dem Staatsapparat als entscheidend herausstellte, »die Vereinigung der Riesenmacht des Kapitalismus mit der Riesenmacht des Staates zu einem einzigen Mechanismus.. .« (Lenin Werke Bd. 24, S. 401).

Die zunehmenden selbständigen Streiks machen es erforderlich, die Herausgabe des Revolutionären Wegs 11 und 12 zu beschleunigen. Überlege bitte mit M., ob das möglich ist.

Herzlichen Gruß
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1980

Geschichtliche Veränderungen und die Taktik

Lieber Genosse Willi, 13. 2. 80
ich möchte Dir gerne zu Deinem Buch schreiben, da es mich beim Lesen und auch jetzt noch, einige Zeit hinterher, beschäftigt.
Was mir so gut daran gefällt, ist die gelungene Verbindung von Theorie und Praxis in den ersten beiden Kapiteln. Durch die Art der Darstellung wird aber kein Geschichtsbuch daraus, so daß man, will man tatsächlich daraus lernen, »So war's damals . ..« ein zweites oder auch ein drittes Mal lesen muß unter gleichzeitiger Hinzuziehung von historischem Material. So geht mir das zum Beispiel an der Finnland-Frage. Bisher war ich der Meinung, die Einnahme von Finnland durch die Sowjetunion sei falsch gewesen. Jetzt werde ich mir diese Frage noch einmal vornehmen unter Beachtung Deiner Aussagen auf Seite 268.
Ich finde aber, und damit komme ich zu meiner Kritik, daß gerade diese so gute Art und Weise, die theoretischen Einschätzungen mit der jeweiligen Praxis zu verbinden, im dritten Kapitel »Unter dem Druck der westlichen Besatzungsmächte« wesentlich zu kurz kommt. Ich kann jetzt nicht entscheiden, ob das nur mein Problem ist oder ob andere das auch meinen. Deshalb will ich das mal begründen.
Ich habe meine Hausarbeit über die schulpolitischen Vorstellungen der SPD nach 1945 in Berlin geschrieben. Dabei habe ich mich natürlich mit der SPD vor und nach der Vereinigung beschäftigt, mit den anderen relevanten Parteien und den Parteiaufbaubestrebungen in den westlichen Besatzungszonen. Dabei sind mir Kritiken an der Politik der SED/KPD gekommen, die ich aber nie richtig aufarbeiten konnte, weil das vorhandene Material dazu kaum was sagt. Entweder es ist antikommunistisch, dann kann man auch den »bewiesenen« Fakten nicht trauen, oder es stammt von Leuten wie zum Beispiel Staritz, die eine Partei, die zentralistisch geführt wird, strikt ablehnen — dann sind die »Beweise« genausowenig glaubwürdig, oder es kommt aus der DDR, dann
weiß man auch, welche Interessen dahinterstecken.
Ich hatte folgende Kritiken, die ich nicht richtig nachprüfen konnte:
1. Die sofortigen Vereinigungsbestrebungen sind irgendwie nicht richtig.
2. Die Abtrennung der deutschen Ostgebiete und die Aussiedlung der Deutschen aus den abgetrennten Gebieten durch die Sowjetunion ist falsch. Das kann keine Entscheidung eines sozialistischen Staates sein.
3. Die umstandslose Übertragung der politischen Ziele, wie sie für die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) anstanden, auf die westlichen Besatzungszonen kann irgendwie nicht richtig sein. Der Hauptfeind in den Westzonen für die Arbeiterklasse waren sehr schnell wieder die Monopole.
Die Fragen haben mich die ganze Zeit interessiert, in Deinem Buch sind sie nur ganz kurz angerissen. Befriedigt hat mich die Auseinandersetzung um die Vereinigung von SPD und KPD. Das ist ein klarer Standpunkt, den Du im Buch einnimmst! Zu anderen Fehlern, die aufgetreten sind, nimmst Du kaum Stellung. Nur auf Seite 525/526 in der Stellungnahme des Genossen Kuno Meisenburg werden einige Punkte angesprochen. Du schreibst vorher über den Ausgang der Wahl von 1946: »Doch trotz der gewaltigen Anstrengungen im Wahlkampf erlitten wir . . . eine Niederlage.«
In der Analyse werden — außer im Kritikpapier von Meisenburg — nicht Ursachen in den Fehlern der KPD gesucht. Wie ist Deine Meinung zu den Thesen von Meisenburg? Ist die Kritik, daß nicht mehr der Sozialismus als Ziel stand, richtig? Was ist Deine Meinung zur Politik der Sowjetunion in bezug auf die Behandlung von Kriegsgefangenen, Abtrennung deutscher Gebiete und Aussiedlung?Die Beantwortung dieser Fragen habe ich im letzten Teil des Buches vergeblich gesucht, meine eigentlich, daß sie reingehören würden, bin mir aber da eben nicht sicher.
Meine Meinung zum letzten Kapitel des Buches ist, daß die detaillierte Beschreibung der Auseinandersetzungen in der Solinger Kommunalpolitik zu Lasten der Klärung allgemeinpolitischer Fragen geht, die aber unbedingt jede Kommunalpolitik und erst recht die Politik der KPD entscheidend beeinflußten.
Noch eine andere kurze Kritik habe ich: Ich finde, Du schreibst zu wenig Deinen eigenen Standpunkt, so wie Du ihn damals hattest, zu bestimmten Positionen der Partei. Beispiel: Du beschreibst (offensichtlich vom heutigen Standpunkt aus) die verhängnisvollen Auswirkungen der Sozialfaschismusthese. Fandest
Du die damals auch schon falsch? Hast Du sie mitgetragen? Wann hast Du sie korrigiert? Wodurch? Durch eigene Erfahrungen oder erst nach der offiziellen Veränderung durch die Partei?
Hattest Du tatsächlich immer ein absolut ungebrochenes Verhältnis zur Partei und zur politischen Arbeit? Keine Schwankungen?
Keine Resignation? Ich meine nicht etwa, daß so was breit ausgewalzt werden sollte. Du läßt aber auch andere persönliche, private Dinge nicht ungesagt, sondern sprichst in kurzen Sätzen darüber. Warum nicht auch kurz gelegentliche Zweifel ansprechen?
Ich kann mir eigentlich überhaupt nicht vorstellen, daß Du in Deinem ganzen Leben nicht geschwankt hast!
Da mich das Buch beeindruckt hat, habe ich mich hingesetzt und diese Kritik aufgeschrieben.
Viele Grüße von
A.

Liebe Genossin A.! 19.2.80
Besten Dank für Deine Kritik vom 13.2., auf die ich kurz eingehen will. Du hast richtig erkannt, daß das dritte Kapitel einen etwas anderen Charakter hat als die ersten beiden. Das liegt an der veränderten Situation: Der Klassenkampf war in Inhalt und Form anders als vordem. Nichtsdestoweniger sind Theorie und Praxis eng miteinander verflochten, nur daß uns im Kampf gegen die Besatzungsmächte die Erfahrung fehlte, denn die Besetzung des Ruhrgebiets 1923 durch französische Truppen war nicht damit zu vergleichen. Damals wurde der Kampf unter der Losung geführt: »Schlagt Poincare an der Ruhr und Cuno an der Spree!« (die beiden Regierungschefs).
1945 wurde der Hitlerfaschismus durch die gemeinsamen militärischen Aktionen der westlichen Alliierten und der Sowjetunion zerschlagen. Die angloamerikanischen Truppen kamen zu uns als Befreier, die uns die Demokratie brachten. Das hat bei den Arbeitern und Bürgern im allgemeinen und auch bei vielen Genossen im besonderen den wahren Charakter des amerikanischen und englischen Imperialismus verwischt. Wir in Solingen haben uns nicht
täuschen lassen und den imperialistischen Feind erkannt. Nicht umsonst wurde in Solingen die Antifa als einziges Beispiel in der britischen Besatzungszone, ja in ganz Westdeutschland verboten und aufgelöst. Das hatten wir theoretisch vorher längst erarbeitet, und zwar grundsätzlich. Wir sind später in einem Bericht der Bezirksleitung kritisiert worden, wir seien den Besatzungsmächten gegenüber zu »starr eingestellt gewesen«. Was die grundsätzliche Seite anbelangt, könnte man das anders ausdrücken: Wir haben uns über den imperialistischen Charakter der Besatzungsmächte keine Illusionen gemacht — und wir haben recht dabei gehabt.
Über die grundsätzliche Seite habe ich nie Schwankungen gehabt. Die Praxis, das heißt, die taktische Seite des täglichen Kampfs, war im Anfang gegenüber der amerikanischen Militärregierung vielleicht etwas starr, weil wir im Verkehr mit Militärköpfen noch keine Erfahrung hatten. Als die englischen Besatzungstruppen die amerikanischen ablösten, hatten wir aber bereits unsere Schlußfolgerungen in taktischer Hinsicht getroffen. Die Praxis des Tageskampfs hatte eine ganz andere materielle Grundlage als früher: Die Stadt lag zum großen Teil in Trümmern, viele Menschen hatten keine Wohnung, die Ernährung verschlechterte sich noch weiter, es fehlte an den notwendigsten Gebrauchsgegenständen, die Menschen waren im allgemeinen verzweifelt, dem Aufbau der Partei, Gewerkschaft und Genossenschaft legten die Militärregierung und ihre deutschen Handlanger zähen Widerstand entgegen. In der Praxis mußte man ständig lavieren, paktieren und Kompromisse schließen, ob das mit der SPD oder mit anderen Parteien geschah, dabei nicht von den Grundsätzen des Marxismus-Leninismus abweichen, das Ziel immer im Auge behalten. Wir haben die Besatzungsmacht weder provoziert, noch sind wir ihr in den Hintern gekrochen, haben dabei aber ständig riskiert, verboten zu werden.
Lies das Kapitel noch einmal gründlich durch, und Du wirst dann erkennen, daß es sich prinzipiell nicht von den anderen unterscheidet, nur daß Theorie und Praxis unter ganz anderen Bedingungen angewandt werden mußten. Dazu kommt, daß das Klassenbewußtsein der Arbeiterklasse zum großen Teil verschüttet war.
Von diesem Gesichtspunkt aus mußt Du auch die Vereinigungsbestrebungen SPD/KPD sehen. Unter sowjetischer Besatzungsmacht konnte die Vereinigung beschleunigt werden, wobei allerdings in manchen Orten schematisch vorgegangen wurde. Falsch war die schematische Übertragung der Möglichkeiten auf die Westzonen. Wegen dieses Schematismus haben wir hier im Westen große Schwierigkeiten bekommen — nicht nur durch die Besatzungsmächte, sondern auch in der Bevölkerung, die uns nicht verstehen konnte. Das lag vielfach an unseren örtlichen Leitungen, die schematisch die Anweisungen von oben befolgten. Das habe ich nicht gemacht: Ich habe bei der Anwendung der Taktik immer meinen eigenen Kopf gebraucht. Das müssen auch heute alle Genossen tun.
In diesem Zusammenhang will ich gleich Deine letzte Frage beantworten, ob ich nie Schwankungen oder Resignation gehabt habe.
Nein, soweit es den Marxismus-Leninismus betrifft! Wenn für mich eine Sache nicht klar war, dann habe ich unsere Klassiker studiert und eine gründliche Analyse gemacht. Die taktischen Fehler der Partei in der Linie und deren Durchführung in der Praxis waren auch meine Fehler, ob das die Sozialfaschismusthese oder die RGO-Politik war. Man muß dabei auch die ungeheure Hetze der sozialdemokratischen Führer berücksichtigen, den Blutmai
1929 usw., ohne das wären die Fehler rascher erkannt worden. Als die Isolierung der Partei sichtbar wurde, war es zu spät, der Faschismus trat an die Macht. Erst im Gefängnis und KZ fanden Sozialdemokraten und Kommunisten wieder die gemeinsame Sprache.
Ich hatte mit der Partei stets ein ungebrochenes Verhältnis, solange sie grundsätzlich auf dem Boden des Marxismus-Leninismus stand, trotz aller taktischen Fehler. Erst als nach dem XX. Parteitag der KPdSU die revisionistische Linie langsam, Schritt für Schritt von der KPD übernommen beziehungsweise entwickelt wurde, kamen zuerst Zweifel, dann Bedenken, dann Differenzen, seit 1963 grundsätzliche Auseinandersetzungen und 1966 der Ausschluß aus der Partei. Erst nach meinem Ausschluß wurde die revisionistische Linie in den drei Programmen von KPD und DKP (siehe Revolutionärer Weg l und 2) erarbeitet. Ich habe den Ausschluß nicht provoziert und die grundsätzliche Diskussion gesucht und die revisionistische Linie mit unseren Klassikern geschlagen.
Auch heute ist die DKP-Führung außerstande, die grundsätzliche Seite im Revolutionären Weg zu widerlegen, darum die gemeinen Verleumdungen. Mir ist unverständlich, wenn Du schreibst: »Ich kann mir eigentlich überhaupt nicht vorstellen, daß Du in Deinem ganzen Leben nicht geschwankt hast!« Niemals,
denn ich bin Proletarier und habe in Theorie und Praxis eine proletarische Denkweise erworben, Schwankungen entspringen einer kleinbürgerlichen Denkweise. Resignation kenne ich nicht, selbst in der härtesten Zeit meines Lebens, in der Zeit der faschistischen Diktatur, nicht, auch nicht, als mich Genossen bei der Gestapo belastet hatten. Der Klassenkampf ist kein Kinderspiel, und er wird in Zukunft härter werden, da ist kein Platz für Resignation,
da hilft nur ein eiserner Wille, und der hat mich nie untergehen lassen.
Es ist nicht Aufgabe des Buches, alle kleinen Fehler der damaligen Zeit zu analysieren und dazu Stellung zu nehmen. Du erwähnst zum Beispiel die Kritik von Kuno Meisenburg auf Seite 525/526 und fragst nach meiner Meinung dazu. Dabei steht Seite 526 unten: »Diese Kritik war durchaus berechtigt und wurde
durch die Erfahrung, die wir örtlich gemacht hatten, bestätigt.«
Das heißt doch wohl, daß das auch meine Meinung ist, oder glaubst Du, ich hätte diese Kritik, wenn sie falsch wäre, bestätigt?
Nein, ich würde sie zerpflückt haben. Außerdem wurde sie anschließend durch einige Punkte ergänzt.
Was die Abtrennung der ehemals deutschen Ostgebiete anbelangt, bin ich nicht Deiner Meinung; sie war unter den damaligen Bedingungen eine Notwendigkeit.
Damit hoffe ich, Deine Fragen im großen und ganzen beantwortet zu haben.
Herzliche Grüße
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1981

Das Buch »So war's damals und die Fehler der KPD

Lieber Willi!
4.5.81
Infolge des Literaturwettbewerbs habe ich Dein Buch nunmehr zum dritten Mal vorgenommen und versuche momentan, es mir systematisch anzueignen, das heißt für eine konkrete Nutzanwendung in meiner politischen Tätigkeit anzueignen. Für den privaten Gebrauch habe ich es vorher schon benützt: im Rahmen meiner Magisterarbeit über die revisionistische Faschismustheorie des Marburger Professors Reinhard Kühnl (enger Sympathisant oder gar Angehöriger der DKP), der sich zu folgender Aussage verstieg:
»Die ökonomisch Herrschenden waren auf diese faschistische Führung in einem viel höheren Maße › angewiesen ‹, als sie dies etwa im Fall der verschiedenen Regierungen der Weimarer Republik oder der Bundesrepublik waren. Alle diese Regierungen waren ohne größere Schwierigkeiten ersetzbar. Dies galt nicht für die faschistische Regierung. Dieses wechselseitige Aufeinanderangewiesensein ist es, was den Begriff des ›Bündnisses‹ gerechtfertigt
erscheinen läßt …« Daraus erläutert er das Scheitern des Putsches von 1944, den Massenmord an Juden (»verselbständigte Ideologie«) und negiert die das Wesen des Faschismus erfassende Dimitroff-These. Er beschreibt also die Erscheinungsform des staatsmonopolistischen Kapitalismus, aber nicht die Unterordnung des Staates unter die Monopole, beziehungsweise diese leugnet er wie jeder Revisionist. Deine Ausführungen zum 20. Juli haben mir zur Widerlegung sehr große Dienste erwiesen. Im übrigen ist das nur eine verballhornte Thalheimer-These, was Kühnl hier (1979) wieder kaut (1971 hat er sich noch beinahe vollständig Thalheimer verschrieben: »soziale Herrschaft Bourgeoisie, politische Herrschaft Faschisten«).
Die Lektüre Deines Buches warf andererseits natürlich auch verschiedene Fragen auf: Du hast sowohl im Revolutionären Weg als auch in Deinem Buch deutlich und hart die Sozialfaschismustheorie und die RGO-Politik angegriffen und herausgearbeitet, wie schädlich beides auf die Zusammenarbeit mit SPD-Kollegen gewirkt hat. Insgesamt kommt allerdings zum Ausdruck, daß Du beide schwere Fehler als taktische Fehler siehst, zum Beispiel, wenn Du schreibst (S. 135/136): »Das sture, kompromißlose Verhalten hatte gewiß nicht dazu geführt, eine Annäherung mit den Sozialdemokraten an der Basis herbeizuführen . . . (Leninzitat)
. . . Die unbewegliche Taktik der KPD wurde durch die auf Massenbetrug ausgerichtete Taktik der SPD-Führer begünstigt.« Oder im Revolutionären Weg 11, Seite 87: »Diese Beurteilung der sozialdemokratischen Bewegung (wohlgemerkt »Bewegung« und nicht »Führung«) erwies sich als schwerer Fehler. So wurden damals nicht nur führende Sozialdemokraten ... als Sozialfaschisten bezeichnet (was verständlich war), sondern auch einfache sozialdemokratische Funktionäre . . .«
Wenn ich diese Aussagen richtig interpretiere, dann siehst Du in der Bezeichnung sozialdemokratischer Führer á la Zörgiebel als Sozialfaschisten einen historisch verständlichen Fehler, die Ausweitung dieses Begriffs auf die SPD-Mitgliedschaft oder gar auf Brandleristen als zusätzlichen taktischen Fehler. Denn auf Seite 88 im Buch schreibst Du anläßlich eines Briefs an Maria Stamm:
»Die Richtlinien des VI. Weltkongresses sind zweifellos richtig . . .« Auf diesem VI. Weltkongreß aber wurde, ebenso wie auf dem nachfolgenden X. EKKI-Plenum, die Sozialfaschismustheorie zwar nicht geboren (das geschah schon zirka 1925), aber für die SPD-Führung festgeschrieben.
Meine Frage ist, ob mit dieser Theorie nicht ein grundsätzlicher strategischer Fehler begangen worden ist, wobei ich allerdings ins Schleudern geriet, als ich dazu Stalins Ausführungen zur Strategie und Taktik in den »Grundlagen des Leninismus« heranzog. Denn Stalin behandelt die Loslösung der Avantgarde von den Massen oder die Taktik der Otsowisten (Verzicht auf Arbeit in den Gewerkschaften) unter taktischer, nicht strategischer Führung. Auch der Parteigründungsaufruf von Zentraler Leitung und Zentraler Kontrollkommission spricht im Zusammenhang mit der Massenlinie von Taktik (S. 10). Andererseits ist die Massenlinie beziehungsweise ihre Anwendung ein grundlegendes marxistisch-leninistisches Prinzip, mit der Sozialfaschismusthese und der RGOPolitik wurde diesem Prinzip ins Gesicht geschlagen. Und meines Erachtens war die Sozialfaschismusthese auch nicht bloß deshalb falsch, weil damit ein Graben zwischen SPD/KPD-Mitgliedern/Kollegen entstand, sondern dahinter steckt doch auch eine falsche Übertragung (ein falscher Vergleich) der Ideologie und Politik der faschistischen Partei Mussolinis mit der Ideologie und Politik der SPD (vergleiche Alexander Plato, »KPD und Komintern, Sozialdemokratie und Trotzkismus«, Oberbaumverlag, Berlin 1973, der allerdings die Sozialfaschismusthese verteidigt!!). Und dahinter müßte doch eigentlich eine zumindest teilweise falsche Einschätzung der gegebenen wirtschaftlichen und politischen Tatsachen in der Weimarer Republik stecken. Stalin nennt zur Strategie: Sie ist die Festlegung der Richtung des Hauptstoßes des Proletariats auf der Grundlage der entsprechenden Etappe der Revolution . . . Falls ich mich nicht falsch erinnere, war damals eine relative Stabilisierung des Kapitalismus zu verzeichnen, also der Hauptstoß gegen die gegenwärtige Hauptstütze der Bourgeoisie, die Sozialdemokratie, zu führen.
Von daher betrachtet, war die Sozialfaschismusthese eine falsche taktische Ausformung einer vom Grundlegenden her richtig bestimmten Strategie. Aber ich schwimme da noch.
Außerdem interessiert mich Deine eigene Herangehensweise an diese beiden Fehler. Im Rahmen des demokratischen Zentralismus warst Du verpflichtet, zumindest die sozialdemokratischen Führer als sozialfaschistisch zu bekämpfen. Wann hast Du diese Fehler erkannt, beziehungsweise wie hast Du dafür gekämpft, daß sie behoben werden? Denn aufgrund Deiner Arbeit im Betrieb beziehungsweise Deiner Massenarbeit müßtest Du ja sehr schnell die Schädlichkeit von Sozialfaschismusthese und RGO-Aufbau erkannt haben . . .
Wie stark waren Streiks und Demonstrationen der Arbeiter bis 1948? Darüber schreibst Du sehr wenig. Auch die Tatsache, daß neun Betriebsgruppen das Zehnfache an Straßengruppen Ende 1945 gegenüberstand, ist mir nicht klar (S. 472), oder habt Ihr auch nach dem Krieg das Schwergewicht nicht auf die Betriebe gelegt, oder stand das nicht an? Oder ging das nicht?
Rot Front!
W.

Lieber Genossse W.!
21.7.81
Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Deinen Brief vom 4. 5. erst heute beantworten kann. Als der Brief hier ankam, war ich gerade für drei Wochen in Erholung. Zurückgekehrt, mußte ich sofort an die Überarbeitung des Manuskripts des Revolutionären Wegs 20 und 21 herangehen, danach an die Vorbereitung für den Revolutionären Weg 22. Auch jetzt ist meine Zeit eingeplant, trotzdem schalte ich diesen Brief ein. Nun zu Deinen Fragen:
Sozialfaschismusthese und RGO-Politik: Es waren taktische Fehler der KPD. Grundsätzlich sind die reformistischen Führer durch ihre Politik der Arbeitsgemeinschaft mit den Kapitalisten Agenten der Bourgeoisie im Lager der Arbeiterklasse. Lenin sagt, sie sind der Hauptfeind innerhalb der Arbeiterklasse (der strategische Hauptfeind der Arbeiterklasse ist die Bourgeoisie im allgemeinen und das Monopolkapital im besonderen). Die Hauptstoßrichtung des Kampfs muß immer gegen die Bourgeoisie sein, die man aber nicht besiegen kann, ohne den Einfluß der Reformisten und Revisionisten in der Arbeiterklasse durch konsequenten Kampf zu beseitigen. Strategisch ist das ein Bestandteil des Klassenkampfs.
Wie dieser Kampf geführt wird, ist eine taktische Frage, sie hängt zusammen:
1. mit der Taktik der Herstellung der proletarischen Einheitsfront, der Aktionseinheit der kommunistischen, sozialdemokratischen, christlichen und parteilosen Arbeiter oder der Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse 2. mit der Vorbereitung und Durchführung von Kämpfen: ökonomischer Kampf als Kampf um Reformen, politischer Kampf um Erweiterung demokratischer Rechte und Freiheiten, Kampf gegen Regierung und Staatsorgane 3. mit einer intensiven Arbeit in Betrieben und Gewerkschaften, um die Millionen Mitglieder vom reformistischen Einfluß zu lösen und für den Klassenkampf zu gewinnen Der Durchführung dieser Taktik standen die Sozialfaschismusthese und die RGO-Politik im Wege. Sie wurden zu einer künstlich errichteten Mauer zwischen den kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeitern, die kaum noch zu übersteigen war und zur Isolierung der KPD führte. Um das zu verhindern, hätte die Taktik äußerst beweglich sein müssen. Der Revolutionäre Weg 20 und 21, »Strategie und Taktik im Klassenkampf«, erläutert ausführlich die Probleme. Wenn Du beide gelesen hast, schreibe mir mal, ob Dir die Fragen klar geworden sind.
Zu Einzelheiten Deines Briefes: Alexander Plato, den Du in Deinem Buch erwähnst, war der »Theoretiker« der »KPD« Semlers und Horlemanns — ein kleinbürgerliches Element, der auch den KABD verunglimpft hat.
Die »relative Stabilisierung des Kapitalismus« war von 1924 (nach der Schaffung der »Rentenmark«) bis 1928. In dieser Zeit war die SPD die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie. Dann kam die Weltwirtschaftskrise und das Ende der sozialen Reformen. Die Massenbasis der SPD schwand mehr und mehr, und die Bourgeoisie bereitete den Wechsel der sozialen Hauptstütze und die Änderung ihrer Herrschaftsform vor. Spätestens hier hätte die Partei die Taktik ändern müssen — das ist nicht geschehen.
Was mich anbelangt, habe ich das Falsche der Taktik nicht sofort erkannt (ich hatte noch zu wenig Erfahrung und auch noch zu geringe theoretische Erkenntnisse). Die Sozialfaschismusthese war in Solingen nicht so stark in Erscheinung getreten wie anderwärts.
Die Stärke der Partei (40 Prozent Wählerstimmen) und der Einfluß in den Arbeiterorganisationen ließen die Widersprüche mit der SPD nicht so stark aufeinanderprallen, außer in den Gewerkschaften, besonders Metall und Bau, was dann zur Bildung des »Einheitsverbands der Metallarbeiter« führte. Erst die Enttäuschung über die ungenügende Zahl der Übertritte aus der reformistischen Gewerkschaft ließ Zweifel über die Richtigkeit der weiterentwickelten RGO-Politik aufkommen . . .
Der starke Wille und die unerschütterliche Überzeugung hat mich nie zweifeln lassen, die einmal als richtig erkannte Weltanschauung konsequent durchzusetzen. Bevor ich aber eine Entscheidung treffe, gehe ich den Problemen auf den Grund. Selbst Enttäuschungen über ehemalige Genossen haben an der Richtigkeit meiner Überzeugung nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen. Ich verstehe, daß junge Genossen nicht nachvollziehen können, was das heißt, weil sie die brutale Wirklichkeit des Klassenkampfs noch nicht erlebt beziehungsweise durchstanden haben. Wenn sich in der Zukunft die Situation verschärfen wird, dann wird sich die Spreu vom Weizen trennen . . .
Nun zur letzten Frage: Streiks bis 1948. Ich verstehe, daß Du Dir nicht vorstellen kannst, was eine zerstörte Stadt bedeutet.
Wohnhäuser, Betriebe, Geschäfte — die meisten mehr oder weniger dem Erdboden gleichgemacht. Es ging ums Überleben. Es fehlte buchstäblich alles, so auch Rohstoffe für die noch intakten Betriebe. Die Arbeiter haben die zerstörten Betriebe erst wieder aufbauen müssen, bevor sie ans Streiken dachten. Die zerstörten Betriebe waren auch die Ursache (neben den vielen Kleinbetrieben in Solingen und Remscheid), die eine umfassende Organisation in Betriebszellen unmöglich machte, das war nur in größeren Betrieben möglich. Sieh Dir in meinem Buch die beiden Fotos über die beiden zerstörten Städte an, es hat Jahre mit dem Wiederaufbau gedauert.
Damit hoffe ich, Deine Fragen ausführlich genug beantwortet zu haben. Dir und der Ortsgruppe viel Erfolg in der politischen Arbeit wünschend,
grüßt herzlich
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1979

Zum Buch »So war's damals . . .«

Lieber Willi! 25.6.79
Vielen Dank für Deinen besorgten Brief vom 11.6. Das Manuskript Deines Buchs blieb nicht in dem Sinne liegen, daß ich es erst nach Durchsicht an Klaus gegeben hatte. Sondern wir hatten den Termin der Weitergabe so verabredet, weil es ihm offenbar vorher nicht möglich war, daran zu arbeiten. Hoffentlich klappt seine zeitweilige Entlastung . . .
Also, das noch zu meinem Vorschlag, die Gesamtherausgabe einheitlich von einer Stelle aus vorzunehmen. Realistischerweise geht das aber hier von den Kräften her erst nach Abschluß der Arbeit am Revolutionaren Weg. Doch Zwischenlösungen sind auch denkbar, auf jeden Fall schlage ich eine Beratung über diese Fragen vor, bevor die Texte in Satz gehen, das lohnt sich bestimmt im Hinblick auf das fertige Werk später.
Nun noch zu einem Eindruck, den ich im letzten Brief vergessen hatte: In dem Teil, den ich kenne, bekommt man von Dir als Mensch und Genosse fast den Eindruck der Unfehlbarkeit — trotz der Bescheidenheit der Berichterstattung. Das legt die Vermutung nahe, das ist historisch auch so gewesen! Trotzdem solltest Du vielleicht noch darauf achten (wo es geht), daß Deine Entwicklung von einem noch unerfahrenen Kämpfer zu einem politisch immer reiferen Genossen und Funktionär besser nachvollziehbar wird im Sinne von Kritik und Selbstkritik als Entwicklungsgesetz. Manchmal ist das vielleicht auch eine Frage der Darstellung, so wenn Dir zum Beispiel während einer Wanderung druckreife Analysen von den Lippen kommen ... So wie ich Dich kenne, ist das wohl auch so gewesen! Doch wenn ich an die Schwierigkeiten in der mündlichen Agitation bei den meisten Genossen denke, so haben sie es sicher schwer, sich und ihr Bemühen darin wiederzuerkennen. Weißt Du, Du bleibst als Vorbild (und das ist ja ein wichtiger Punkt bei dem Buch) dadurch etwas »auf Distanz«.
Kriege ich den nächsten Teil auch so zu Gesicht wie den ersten?
Ich wurde mich jedenfalls sehr freuen.
Herzliche Gruße Bi.

Lieber Bi.! 2. 7. 1979
Den Titel »So war's damals . . .« muß man in Verbindung mit dem Untertitel »Tatsachenbericht . . .« sehen. Habt Ihr einen anderen Vorschlag?
Zu Deinem Brief vom 25. 6. teile ich mit, daß Kl. am 10. 7. mich besuchen wird. Er wird dann den ersten Teil mitbringen und die ersten Kapitel des dritten Teils mitnehmen. Beim dritten Teil habe ich einige Bauchschmerzen, weil er einen etwas anderen Charakter bekommt. Die Zeit nach 1945 ist weniger durch persönliche »Abenteuer« geprägt als von sachlichen Erlebnissen, die durch zahlreiche Dokumente belegt sind. Hier wird die Arbeitsgemeinschaft mit der SPD ebenso konkret aufgezeigt wie der »Block demokratischer Parteien«, der Kampf gegen die Militärregierung und ihre deutschen Handlanger in der Verwaltung charakterisiert. Historisch ist das sehr wichtig und interessant, nur schwierig darzulegen, weil es zwangsläufig von dem Stil der ersten beiden Teile abweicht. Aber gerade dieser Teil ist sehr lehrreich und so konkret, bei voller Nennung der Namen, daß einige Leute wild werden. Das alles ist kompliziert.
Das konnte auch den »Eindruck der Unfehlbarkeit«, von dem Du schreibst, verstärken, obwohl ich das gerade vermeiden will.
Meine Entwicklung ist anders verlaufen als die unserer Genossen heute, kontinuierlicher, nicht so sprunghaft, langsam in die Arbeit und Funktionen hineinwachsend. Persönliche Fehler waren nicht so schwerwiegend und verhängnisvoll und wurden sofort korrigiert. Dabei war mein Verhalten stets so: Ein und denselben Fehler habe ich nie im Leben wiederholt. Er brannte wie Feuer und das wirkte mehr als oberflächliche Selbstkritik, die eine Wiederholung nicht verhindert.
Das ist auch gegenwärtig bei uns ein Problem, über das ich mit Genossen der Zentralen Leitung diskutiert habe: zuerst gar keine Selbstkritik, was falsch war, dann eine, die um den Kern herumging, was ebenfalls falsch war, und schließlich eine solche, die eher Selbstzerfleischung bedeutet, was auch falsch ist. Das gilt auch für die Zentrale Kontrollkommission. Eine dialektische Selbstkritik analysiert den oder die Fehler, geht dem Problem auf den Grund, untersucht sowohl den Kern wie auch die Nebenerscheinungen, die Zusammenhänge, die Widersprüche, Ursache und Wirkung, die objektive und subjektive Seite, die Situation, die eigenen Kräfte und Gegenkräfte usw., kurz eine allseitige Untersuchung, um Fehler rasch und gründlich zu korrigieren und um Vorsorge zu treffen, daß er sich nicht mehr wiederholt. Das bedeutet die Anwendung der dialektischen Methode Fehlern gegenüber. Umgekehrt bedeutet die ständige Anwendung der dialektischen Methode in der Praxis, Fehler von vornherein zu verhüten, »unfehlbar« zu werden, was natürlich nie ganz gelingt, selbst bei unseren Klassikern nicht, weil nicht voraussehbare Erscheinungen eintreten können.Aber immerhin: Die gründliche Aneignung und Anwendung der dialektischen Methode ist der Schlüssel zur weitgehenden Vermeidung von Fehlern. Dialektische Methode und Fehler sind zwei Seiten eines Widerspruchs. Je geringer die Anwendung der dialektischen Methode, um so mehr Fehler, oder umgekehrt. Die vielen Fehler unserer Leitungen sind Ausdruck des Mangels der Aneignung und Anwendung der dialektischen Methode. Wenn dieser Mangel die Ursache ist, dann hilft keine formale Selbstkritik, und wenn sie bis zur Selbstzerfleischung geht.
Dialektische Selbstkritik bedeutet Selbstuntersuchung, inwieweit man die dialektische Methode beherrscht, denn alle Fehler und Mängel sind Verstöße gegen die dialektische Methode. Je besser man die dialektische Methode beherrscht, um so leichter kann man Fehler und Mängel erkennen und sie rechtzeitig korrigieren beziehungsweise gar nicht erst aufkommen lassen. Die Anwendung der dialektischen Selbstkritik bedeutet eine Untersuchung
der Beherrschung der dialektischen Methode bei sich selbst, was wiederum nur durch die Anwendung der dialektischen Methode möglich ist. So beißt sich die Schlange selbst in den Schwanz, das heißt, das macht das alles so kompliziert und stellt die Leitungen vor Probleme, mit denen sie nicht fertig werden,
und nicht wenige Genossen stolpern darüber. Ich habe das Problem erst begriffen, nachdem ich vor Jahrzehnten Lenins »Bestimmung der Dialektik« begriffen und angewandt habe. Das hat mir erst die Sicherheit gegeben, die jeder Genosse braucht. Das kann man nicht durch »Buchwissen« erwerben, sondern nur durch die dialektische Einheit von Theorie und Praxis . . .
Herzliche Grüße
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts

Der jüngste und der älteste Kämpfer

Lieber Willi!

Wie geht es Dir? Du kennst mich vielleicht nicht. Ich bin der Sohn von Magdalena und Franz St. Ich habe Dich noch nie gekannt, aber ich weiß viel über Dich. Meine Eltern haben schon viel von Dir erzählt. Egal, ob ich zehn Jahre bin, ich lese schon den Rebell. Ich werde bald Dein neues Buch »Krieg und Frieden« lesen. Aber jetzt noch nicht, denn ich lese erst das Buch »Das war Ernst Thälmann«. Ich kann gar nicht glauben, daß Du in diesem Alter noch ein Buch schreiben kannst. Bei Deinem Buch »Krieg und Frieden« finde ich gut, daß hinten eine Beschreibung ist, was für eine Wirkung der Atomkrieg hätte (hätte = denn wir können's noch verhindern). Ich schreibe Dir bald wieder.

Rot Front!

Dein Hannes



Lieber Hannes!

Dein Brief hat mich sehr gefreut. Wenn ich auch nicht sofort antworten konnte, weil ich an beiden Augen operiert wurde, so hast Du doch eine vorläufige Antwort von Luise bekommen. Zwar kann ich noch nicht richtig sehen, besonders weil ich jetzt noch eine Bindehautentzündung dazu bekommen habe, doch will ich Dich nicht länger warten lassen, denn später habe ich sicher wenig Zeit.

Du meinst, ich würde Dich vielleicht nicht kennen, oh doch! Als ich vor knapp zehn Jahren bei Deinen Eltern in der Stuttgarter Wohnung war, bist Du auf dem Fußboden rumgekrochen, und Deine Mutter hatte nicht wenig Arbeit mit Dir. Inzwischen bist zu zum kleinen Kämpfer herangewachsen. Das hatte ich auch von Dir nicht anders erwartet.

Als ich zehn Jahre alt war, brach der I. Weltkrieg los, und ich habe damals viel hungern müssen. Was auf Lebensmittelkarten zu kaufen war, reichte nicht aus zum Sattwerden. Es gab nicht einmal Kartoffeln, nur Steckrüben. Du kannst Dir das sicher nicht vorstellen. Zum Heizen und Kochen gab es nur Schlammkohle, und die brannte nur, wenn man Holz beigab. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Also habe ich im nahen Wald Bäume gefällt, ganz nach Hause geschleppt und da zerkleinert. Auch für eine Nachbarsfrau, deren Mann im Krieg gefallen war, habe ich einen Baum gestohlen für ein Butterbrot, so groß war der Hunger. Immer mehr Männer starben den »Heldentod«, wie man so sagte, während der Pfarrer von der Kanzel die Waffen segnete, mit denen Männer in anderen Uniformen umgebracht wurden. Am letzten Tag des Weltkriegs fiel auch mein vier Jahre älterer Bruder. Das war der Krieg!

In den zwanziger Jahren wurde ich Kommunist, aber das kannst Du besser nachlesen in meinem Buch »So war's damals …« Ich war entschlossen, mein Leben dem Klassenkampf der Arbeiter und anderer Unterdrückten zu widmen. Der Dichter Bert Brecht schrieb einmal die Worte:

Die Schwachen kämpfen nicht.

Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang.

Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre.

Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang.

Diese sind unentbehrlich!

Ich bin stolz darauf, zu den letzteren zu gehören …

Lieber Hannes!

Ich hoffe und erwarte das auch von Dir. Wenn Du alt bist wie ich, daß Du dann ebenfalls sagen kannst: Ich gehöre auch zu den letzteren, die ihr Leben lang gekämpft haben! Und solltest Du doch mal schwach werden, dann nimm diesen Brief zur Hand, er wird Dir Kraft geben, den Kampf weiterzuführen bis zum Sieg. Um zu den Stärksten zu gehören, muß man eine unerschütterliche Überzeugung haben und einen eisernen Willen zum Handeln.

In diesem Sinne grüßt Dich mit

Rot Front!

Dein Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1983

Die grundsätzliche und die konkrete Seite

Lieber Ra.! 5. 4. 83

Dein Brief vom 17. 3. 83 mit Stellungnahme an Klaus liegt vor mir. Das Kernstück der Kritik am Revolutionären Weg 22 (und den Nummern 20 und 21 des Revolutionären Wegs) ist die Methode des Herangehens: entweder mit der grundsätzlichen Seite oder, wie Du sagst, mit »Definitionen« beginnend, um dann zu der konkreten Seite überzugehen, oder umgekehrt mit der konkreten Seite anzufangen und mit der grundsätzlichen Schlußfolgerung zu enden. Du hältst die erstere für »eine grundsätzlich falsche Weise«. Du bist der Meinung, daß Du absolut recht hast und die Redaktion des Revolutionären Wegs eine falsche Auffassung vertritt. Das entspringt aber einem metaphysischen Denken. Ob mit der grundsätzlichen oder konkreten Seite begonnen wird, hängt von dem Gegenstand der Untersuchung und der taktischen Seite des Herangehens ab.

In einem früheren Gespräch mit mir begründetest Du Deinen Standpunkt mit Lenins »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus«, der die Definition des Imperialismus am Schluß seiner Analyse brachte. Es war logisch und richtig, daß er zuerst jedes einzelne der fünf Merkmale des Imperialismus analysierte und dann das Ergebnis zusammenfaßte. Marx und Engels konnten zu ihrer Zeit eine solche Analyse noch nicht schaffen, weil erst um die Jahrhundertwende der Imperialismus als besonderes Stadium des Kapitalismus entstand. Lenin schrieb das Buch von Januar bis Juni 1916. Bevor es erschien, verfaßte Lenin von Januar bis Februar 1916 einen längeren Artikel »Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen«, wobei er mit einer kurzen Definition des Imperialismus begann (Bd. 22, S. 144), obwohl er seine ausführliche Analyse noch nicht beendet hatte. Im April erschien der Artikel auch in deutsch. Deiner Meinung nach müßte die erste Methode richtig, die zweite jedoch falsch sein.

In Lenins Werken, Band 3, »Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland«, behandelt Lenin im I. Kapitel die wesentlichen Merkmale des Kapitalismus und setzt sich grundsätzlich mit der falschen Theorie der Volkstümler-Ökonomen auseinander, wobei er die Ansichten von Karl Marx über Adam Smith und Proudhon zugrunde legt und durch Zitate aus Marx' »Kapital« erhärtet. Erst im II. Kapitel beginnt er mit der Analyse des Kapitalismus in Rußland. Deiner vorgefaßten Meinung nach hätte Lenin diese Ausführungen, die ja Deiner »Definition« entsprechen, als letztes Kapitel setzen müssen. Lenin hat aber seine eigene Methode.

Oder nimm Lenins Werk »Materialismus und Empiriokritizismus« (Bd. 14). Bevor er sich im Kapitel I mit den bürgerlichen Philosophien, insbesondere von Mach, auseinandersetzt, verteidigt er in »Statt einer Einleitung« den Materialismus gegen alle Versuche der idealistischen Philosophen, den Materialismus zu widerlegen. Er setzt sich dabei hauptsächlich mit den idealistischen Ansichten des Bischofs Berkeley, die er ausgiebig zitiert, auseinander. Er beginnt mit dieser grundsätzlichen Seite, weil diese Philosophie auch die philosophische Grundeinstellung der Machi-sten ist. Erst nach dieser grundlegenden Klarstellung geht Lenin zur Analyse der Philosophie der Machisten über, wörtlich: »Darauf reduziert sich ja die ganze Weisheit von Mach und Avenarius. Zur Analyse dieser Weisheiten gehen wir nun über.« Diese Methode ist aber Deiner absoluten Ansicht nach falsch.

Das unter Regie Stalins verfaßte Lehrbuch »Politische Ökonomie« enthält in der Einleitung eine Reihe Definitionen der politischen Ökonomie und zeigt ihren Klassencharakter auf. Von dieser grundsätzlichen Seite ausgehend, beginnt dann die Analyse der Produktionsweisen und der Klassenscheidung der menschlichen Gesellschaft. Es ist also eine durchaus gebräuchliche Methode, mit Definitionen, das heißt mit der grundätzlichen Seite, die sich auf den Marxismus stützt, zu beginnen.

Auch Mao Tsetung lehnt die Methode, mit der Definition zu beginnen, nicht ab. Im I. Kapitel von »Über den Widerspruch« beginnt er mit der Definition der zwei Arten der Weltanschauung, um dann die konkrete Seite des Widerspruchs zu analysieren.

Anders verfährt er zum Beispiel in der »Analyse der Klassen in der chinesischen Gesellschaft«. Hier hält er sich nicht mit einer einleitenden Definition auf, sondern beginnt und endet mit einer konkreten Klassenanalyse.

Ich will es bei diesen Beispielen bewenden lassen. Sie beweisen, daß es keine prinzipielle Angelegenheit ist, ob man mit der grundsätzlichen oder konkreten Seite beginnt. Ist die grundsätzliche Seite von unseren Klassikern erarbeitet, dann ist es in der Regel zweckmäßig, mit dieser grundsätzlichen Seite als Ausgangsbasis zu beginnen, um von diesem ideologisch-politischen Standpunkt aus die konkrete Seite zu analysieren. Das bedeutet, den Marxismus-Leninismus auf die heutige Situation anzuwenden und weiterzuentwickeln. Bei entgegengesetzter Verfahrensweise läuft man Gefahr, die grundsätzliche Seite vor lauter konkreter Einzelheiten aus dem Auge zu verlieren, das heißt, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen.

Ist aber eine bestimmte Sache, Erscheinung, ein neues Problem von unseren Klassikern noch nicht grundsätzlich erarbeitet worden, weil es etwas Derartiges in ihrer Zeit noch nicht gab oder weil es nur im Keim vorhanden war, zum Beispiel Automation, Elektronik, Umweltzerstörung und anderes, dann ist es zweckmäßig, die konkrete Seite zuerst zu analysieren, um dann das Ganze grundsätzlich zusammenzufassen.

Also: Ob mit der grundsätzlichen oder der konkreten Seite angefangen wird, ist keine Frage des Prinzips, sondern der Zweckmäßigkeit …

Du machst aber eine prinzipielle, dogmatische Sache daraus, und um Deinem Standpunkt Nachdruck zu verleihen, bringst Du ihn in arroganter, überheblicher Weise zum Ausdruck …

Mit revolutionären Grüßen
Willi



Lieber Willi, 17. 4. 83

Dein Brief vom 5. 4. 83 gab mir zu denken. Ich nehme Deine Kritik zum Anlaß, eine selbstkritische Auseinandersetzung zu beginnen.

Im ersten Teil Deines Briefs widerlegst Du, was Dir als »Kernstück« meiner Kritik an den Nummern 20 bis 22 des Revolutionären Wegs erscheint. Ich möchte darauf nicht inhaltlich eingehen, weil ich diese Kritik nicht mehr aufrechterhalte (vergleiche meine »Kritische Stellungnahme« Seite 2, 4/5 und 9/10). Es ist inzwischen auch meine Meinung, daß diese Kritik voreilig und einseitig war.

Stärker bewegt mich Deine Kritik an der Ursache des Fehlers, an meiner Denkweise. Seit ich die Vielzahl von Vorwürfen in Deinem Brief gelesen habe, ist mir klar, daß ich die Selbstkritik, die ich in meinem Brief vom 17. 3. 83 angeboten habe, unbedingt nachholen muß.

Ich bin einverstanden mit Deinem Urteil, daß ich eine dogmatische Haltung gezeigt habe. Woher kommt so etwas?

Eine Erklärung finde ich in meiner Entwicklung. Ich habe mich für den Marxismus-Leninismus interessiert, mich immer mehr in ihn vertieft und an ihm festgehalten, weil er mir Fragen beantwortete und selber zu beantworten half, die die bürgerliche Wissenschaft unbeantwortet ließ. In den bürgerlichen Sozialwissenschaften haben Definitionen und Beschreibungen herausragende Bedeutung, Erklärungen gesellschaftlicher Zusammenhänge oder Gesetze politischen Handelns kommen kaum vor. Darum wandte ich mich seit 1968 gegen die bürgerlichen Lehrbücher und marxistisch-leninistischen Schriften zu; der Marxismus-Leninismus wurde »meine Theorie«, weil ich in den Werken der Klassiker die Produktion der Wahrheit nachvollziehen lernte. Erkenntnisse, die nicht aus dem Studium der Wirklichkeit und aus dem Kampf gegen falsche Ansichten gewonnen sind, sondern nur von ändern als richtig vorausgesetzten Erkenntnissen abgeleitet, erscheinen mir seitdem als von geringem Wert.

Diese Einstellung hat bei meiner Beurteilung des Revolutionären Wegs mitgewirkt; aber das war insofern falsch, als der Revolutionäre Weg nicht in erster Linie methodisch, sondern in seiner Brauchbarkeit für den Klassenkampf beurteilt werden will. Ich aber war entfernt vom Klassenkampf.

Dein Vorwurf des Dogmatismus erscheint mir aber hauptsächlich deshalb als richtig, weil ich nun einsehe, wie stark ich mich mit den Nummern 20 bis 22 des Revolutionären Wegs vom Standpunkt des Theoretikers und nicht von dem des Politikers beschäftigte. Erst jetzt ist mir bewußt geworden, daß ich die Nummern des Revolutionären Wegs bisher überwiegend im ideologischen Kampf, kaum in der praktischen Politik genutzt habe. Sie sind aber als Lehrbücher fürs Handeln im Klassen- und Friedenskampf gemacht. Ich beurteilte sie wie Bücher fürs Selbststudium. Darin kommt der alte kleinbürgerliche Standpunkt zum Ausdruck (wie 1968, als ich zum erstenmal Lenin las): Ich will die Welt verstehen und verändern. Die Organisation und die Arbeiterklasse habe ich nicht zugleich im Blick. Meine Probleme waren eher theoretischer als praktischer Natur, Fragen der Dialektik bewegten mich mehr als Fragen der Taktik.

Es ist sehr wichtig für mich, diese Zusammenhänge klar zu bekommen. Denn daß mit einer dogmatischen Haltung keine brauchbaren Analysen auszuarbeiten sind, das weiß ich gewiß.

Ich stimme auch Deiner Kritik zu, daß ich eine arrogante Haltung gezeigt habe. Woher kommt so etwas?

Selbstüberschätzung ist eine Quelle. Ich habe die Nummern des Revolutionären Wegs so grundsätzlich kritisiert, als hätte ich den vollständigen Überblick über die Methoden marxistisch-leninistischer Werke. Dabei erfahre ich natürlich nicht erst aus Deinem Brief, sondern auch in der Praxis immer wieder die Grenzen meiner Kenntnisse. Zurückhaltung wäre richtiger gewesen: erst studieren, dann kritisieren.

Unter »Arroganz« fällt es auch, wenn ich Einzelprobleme herausgreife und kritisiere, ohne sie ins Verhältnis zur Leistung des ganzen Revolutionären Wegs zu setzen. Als ich den Abschnitt über psychologische Kriegführung im Revolutionären Weg 22 kritisierte, trat ich Euch als Wissender oder gar Besserwisser entgegen und nicht als Lernender oder Mitarbeiter. Diese Haltung ist falsch, auch wenn die einzelne Kritik richtig sein sollte.

Als Hauptsache erscheint mir wieder die Trennung von der Politik. Ich habe meine Kritiken auf Probleme gerichtet, die eher für mich als für die Arbeiterklasse wichtig sind. Es ging nur zum Teil um die Verbesserung der Politik der MLPD, immer war auch die Befriedigung meiner intellektuellen Bedürfnisse im Spiel: die Wahrheit ermitteln. Wenn es um die Verwirklichung der richtigen Politik geht, soll ein Kommunist vor keinem zurückscheuen, auch nicht vor der Redaktion des Revolutionären Wegs. Schädlich aber wird es, wenn der Streit um die Wahrheit nicht von Politik ausgeht und auf bessere Politik zielt.

So habe ich beim Revolutionären Weg 22 die Kritik an der Methode in den Mittelpunkt gerückt und bloß beiläufig angemerkt, daß wichtige Fragen der Friedensbewegung meiner Meinung nach nur unzureichend berührt sind (vergleiche meinen Brief vom 5. 9. 82). Wäre ich von unseren politischen Aufgaben im Friedenskampf ausgegangen und von den Problemen bei der Umsetzung, dann hätte ich vermutlich eher Kritiken zustandegebracht, die Euch als nützlich erschienen wären.

Ich erkenne jetzt, daß einige meiner Kritiken kleinbürgerlichen, nicht proletarischen Interessen ihre Entstehung verdanken …

Mit revolutionären Grüßen
Ra.



Zum Schluß bringen wir noch einen Briefaustausch, der auch zum Parteiaufbau gehört, denn es geht um die Gewinnung der Jugend, um die Zukunft der revolutionären Partei der Arbeiterklasse. Die Alten treten ab, die Jungen rücken nach.

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1982

Keine zwei Hauptaufgaben!

An das Zentralkomitee der MLPD 5. 8. 82

An die Zentrale Kontrollkommission
Liebe Genossen!

Ich bedaure, nun doch schriftlich Stellung nehmen zu müssen, weil die Auseinandersetzung über die Angelegenheit der gegenwärtig laufenden zwei Hauptaufgaben sich zu einem prinzipiellen Problem zugespitzt hat.

Die gleichzeitige Durchführung von zwei Hauptaufgaben ist ein schwerer Fehler, der einen beträchtlichen Rückfall in den kleinbürgerlichen Arbeitsstil bedeutet. Der proletarische Arbeitsstil verlangt:

Es darf nur eine Hauptaufgabe aufgestellt werden, die wohl einige Schwerpunkt- und Nebenaufgaben enthalten kann, aber niemals zwei Hauptaufgaben gleichzeitig.

Die seit langem laufende Hauptaufgabe ist die Vorbereitung und Durchführung der Parteigründung, die erst mit der öffentlichen Veranstaltung beendet ist. Die zwischen dem Abschluß des I. Parteitags und der öffentlichen Veranstaltung durchzuführenden Übergangsaufgaben sind:

Konstituierung des Zentralkomitees und Einführung der neu gewählten Mitglieder in ihre Verantwortlichkeit und in ihre spezielle Leitungsarbeit, Einsetzung von Abteilungsleitern, Überarbeitung und Herausgabe der Parteidokumente des 5. Zentralen Delegiertentags und I. Parteitags. Vorbereitung für die öffentliche Gründungsveranstaltung, rechtzeitige Kontrolle und eventuell Korrektur des vorgesehenen Veranstaltungsprogramms (was zu spät erfolgte), Druck von Eintrittskarten und Aufnahmescheinen, Ausarbeitung einer zentral hergestellten Argumentation für die mündliche Agitation und Schulung darüber in allen Ortsgruppen und Zellen bis zum 31.7., Kampagne zur Bekanntmachung der Parteigründung vom 1. bis 21. 8. Mündliche und schriftliche Agitation in Betrieben und Wohngebieten: Flugblattverteilung, verstärkter Kartenverkauf, Rote-Fahne-Verkauf und eventuell Literaturvertrieb, Plakatkleben, Aussprache von Mann zu Mann oder in Stammtischrunde, Werbung zur Teilnahme an der Veranstaltung (nicht jeder, der eine Karte kauft, geht auch zur Veranstaltung), Werbung für Rote-Fahne-Abonnements, Anstöße geben für den Parteieintritt und anderes mehr. Dazu die unmittelbare zentrale Vorbereitung und Durchführung der Gründungsveranstaltung. Ich führe das alles auf, um den Charakter der Hauptaufgabe zu kennzeichnen. In diesen zahlreichen Einzelaufgaben sind bestimmte Schwerpunkte enthalten, die ich unterstrichen habe. Daneben konnte das Zentralkomitee den Plan zur Reorganisation, das heißt den Kaderplan, vorbereiten als Übergang zur zweiten Hauptaufgabe – die Reorganisation auf Bezirksebene –, die nach der Veranstaltung beginnt. Das wäre die Anwendung eines proletarischen Arbeitsstils gewesen; beide Hauptaufgaben gleichzeitig durchzuführen ist ein kleinbürgerlicher Arbeitsstil.

Im Sekretariatsbericht vom 22. 7. wird zugegeben, daß »eine Unterschätzung der Parteigründungsveranstaltung zum Ausdruck« gekommen sei. Es war nicht nur eine Unterschätzung dieser ersten Hauptaufgabe, sondern gleichzeitig eine Unterschätzung der zweiten, die Durchführung der Reorganisation, und das ist noch weit schlimmer. Zu glauben, man könne eine solche Reorganisation auf Bezirke (und später Kreise) mit neuen Bezirksleitungen in einem Monat durchpeitschen (»im Juli ist die Bezirksgründung Schwerpunkt« – Protokoll der außerordentlichen Sekretariatssitzung vom 15.7.), geht von falschen Organisationsvorstellungen aus. Vom Gesichtpunkt des Organisationszustands aus bedeutet die Durchführung eines richtigen Reorganisationsplans: gründliche Kaderauswahl, sorgfältige Überprüfung durch die Zentrale Kontrollkommission, Umstellung von Orts- und Zellenleitungen, Heranziehung einfacher Mitglieder zu Funktionären bei Berücksichtigung ihres ideologisch-politischen Niveaus, ihrer Vorzüge und Mängel, Erfahrungen und Fähigkeiten, ihrer bisherigen politischen und organisatorischen Tätigkeit usw. Zur gründlichen Durchführung dieser Hauptaufgabe sind zwei bis drei Monate notwendig. Die in Hektik durchgeführte Reorganisation birgt Oberflächlichkeit und Überinanspruchnahme der Genossen, besonders der Funktionäre in sich. Das ist ein Rückfall in den Zirkelzustand und den kleinbürgerlichen Arbeitsstil, den wir eigentlich überwunden haben müßten. Ich lege als abschreckendes Beispiel den Arbeitsplan für die Solinger Zellen bei, den ich gestern abend bekommen habe. Das ist die Folge, wenn gleichzeitig zwei Hauptaufgaben gestellt werden. Einen solchen Plan durchführen zu wollen bedeutet, in Hektik und Oberflächlichkeit zu geraten.

Wie konnte das geschehen?

1. Es wurden vom Sekretariat und Plenum nicht nur die beiden Hauptaufgaben unterschätzt, sie wurden als solche anfangs nicht einmal erkannt. Im Übergangsplan vom 12. 7. bis 15. 9. wurden sie unter sechs (!) Schwerpunktaufgaben als 2. und 4. aufgeführt (als ferner liefen!), obwohl es einleitend heißt: »Mit der Parteigründungsveranstaltung wechselt die Hauptaufgabe. Sie besteht dann in der Führung des Klassenkampfes.« Das ist doch – entschuldigt den Ausdruck – naiv!

2. Daraus ist zu schließen, daß die Einschätzung des Sekretariats beziehungsweise Zentralkomitees darauf hinausläuft, daß sich in den nächsten Monaten der Klassenkampf rapide verschärft und wir deshalb die Reorganisation noch vor dem Wechsel der Hauptaufgabe hinter uns haben müssen. Diese Auffassung ist aber eine Fehleinschätzung. Die politische Situation wird sich in der nächsten Zeit nicht sprunghaft verschärfen. Dafür sind gegenwärtig keine Anzeichen vorhanden (innenpolitisch spitzt sich die Lage auf ein Ende der Regierungskoalition zu und damit auf neue Betrugsmanöver). Im nächsten Jahr verschärfen sich die Widersprüche in der BRD durch den Kampf gegen die Stationierung der Pershing-II-Raketen und der Proteste der Friedensbewegung. Der Klassenkampf zeigt gegenwärtig eine Flaute. Täglich werden Tausende Arbeiter und Angestellte entlassen, und sie lassen sich mit einem sogenannten »Sozialplan« abspeisen und verzichten auf den Kampf (von Ausnahmen abgesehen), um die »Gewährung« dieser Brosamen, die von der Herren Tische fallen, nicht zu gefährden. Und auf diesen reformistischen Betrug fallen die Kollegen herein. Bei nüchterner Betrachtung dieser Situation ist es absurd, nach der Gründungsveranstaltung als Hauptaufgabe die Führung des Klassenkampfs aufzustellen, der sich noch gar nicht entwickelt hat. Was in der nächsten Zeit als Hauptaufgabe steht, habe ich in meinem Interview festgehalten, mehr zu erwarten ist Illusion. Es bestand also überhaupt keine Veranlassung, die Reorganisation der Partei vorzuziehen und hektisch durchzuführen. Genossen, erkennt das doch endlich, und merzt den kleinbürgerlichen Arbeitsstil restlos aus.

3. Im Protokoll der außerordentlichen Sekretariatssitzung heißt es: »W. D. berücksichtigt nicht, daß es keine Leitungen mehr gibt.« Das ist eine sonderbare Behauptung. Mit der Parteigründung sind die Leitungen des KABD keineswegs insgesamt weg – nur die Zentrale Leitung ist weg durch die Wahl des Zentralkomitees. Alle anderen Leitungen haben solange Gültigkeit, bis neue gewählt werden können, mit Ausnahme der Landesleitungen, die durch die Bezirksleitungen wegfallen. Die Landesleitungen sind nicht mehr arbeitsfähig, und zwar schon länger. Wir haben aber arbeitsfähige Orts- und Zellenleitungen, und diese sind nicht durch die Parteigründung außer Kraft gesetzt. Sie haben ihre jetzigen Aufgaben durch Anweisung und Anleitung durch das Zentralkomitee bis zur Neuwahl durchzuführen. Wer anders sollte denn die Reorganisation an der Basis durchführen? Ob die gegenwärtigen Orts- und Zellenleitungen des KABD noch einige Zeit länger fungieren, ist doch nicht von Bedeutung.

4. Es ist bei der gleichzeitigen Durchführung der zwei Hauptaufgaben nicht berücksichtigt worden, daß dadurch die eben aus der Taufe gehobene MLPD einer Zerreißprobe unterworfen wurde, die gefährlich werden kann. Besonders unsere Funktionäre waren bei der Vorbereitung und Durchführung des 5. Zentralen Delegiertentags und I. Parteitags bis aufs äußerste angespannt, und man mußte ihnen die Möglichkeit geben, etwas Luft zu schnappen. Dabei war es trotzdem möglich, den Schwung und die Begeisterung auf Weiterführung der Hauptaufgabe zu konzentrieren. Durch Festlegung auf die eine Hauptaufgabe bis zur Gründungsveranstaltung wäre die Überbeanspruchung durch Hektik vermieden und es wäre Rücksicht auf die Kaderentwicklung und Kaderpflege genommen worden. Die Genossen müssen auch noch Zeit und Gelegenheit haben, ihre persönlichen Angelegenheiten zu regeln und sich ihren Familien zu widmen. Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, wenn eine Kampagne die andere ablöst wie beim Staffetten-lauf. Wir dürfen keine überzüchteten Leistungskommunisten heranzüchten. Ich habe stets das Prinzip vertreten, von einem Genossen nicht mehr zu verlangen, als ich doppelt zu tun bereit bin. Wir müssen auch Kaderpflege betreiben …

Zusammenfassung:

Die gleichzeitige Durchführung von zwei Hauptaufgaben ist ein prinzipieller Fehler, der einen Rückfall in den kleinbürgerlichen Arbeitsstil bedeutet.

Die Hektik bei der Durchführung der Reorganisation auf Bezirke ist weder durch die gegenwärtig politische Situation noch durch den Stand des Klassenkampfs gerechtfertigt.

Der Fehler läßt sich jetzt nicht mehr korrigieren, beide Hauptaufgaben müssen recht und schlecht durchgeführt werden.

Schlimm ist das sture Festhalten an diesem Fehler. Das Verhalten birgt die Gefahr zukünftiger prinzipieller Fehler in sich. Das bitte ich zu diskutieren.

Willi



An die Mitglieder des Zentralkomitees der MLPD
An die Mitglieder der Zentralen
Kontrollkommission der MLPD 11. 8. 82

Stellungnahme des Sekretariats zur Kritik des Genossen W. D.

Prinzipielle Kritik von Willi deckt Rückfall des Sekretariats in den Zirkelarbeitsstil auf!

Anlaß dieser Stellungnahme des Sekretariats ist die Kritik des Genossen W. D. vom 5. 8. 1982. Willi faßt seine Kritik am Übergangsarbeitsplan des Sekretariats folgendermaßen zusammen:

»Die gleichzeitige Durchführung von zwei Hauptaufgaben ist ein prinzipieller Fehler, der einen Rückfall in den kleinbürgerlichen Arbeitsstil bedeutet.

Die Hektik bei der Durchführung der Reorganisation auf Bezirke ist weder durch die gegenwärtige politische Situation noch durch den Stand des Klassenkampfs gerechtfertigt.

Der Fehler läßt sich jetzt nicht mehr korrigieren, beide Hauptaufgaben müssen recht und schlecht durchgeführt werden.

Schlimm ist das sture Festhalten an diesem Fehler. Das Verhalten birgt die Gefahr zukünftiger prinzipieller Fehler in sich. Das bitte ich zu diskutieren.«

Dem gingen Kritiken gleicher beziehungsweise ähnlicher Stoßrichtung voraus.

Der prinzipielle Inhalt der Kritik von Willi betrifft sowohl die gleichzeitige Festlegung und Durchführung von zwei Hauptaufgaben als Ausdruck des Zirkelarbeitsstils wie auch die Art und Weise der Behandlung der Kritiken durch das Sekretariat.

Auf seiner Sitzung am 5.8.82 stimmte das Sekretariat dem prinzipiellen Inhalt dieser Kritik zu. Der genauen Erfassung dieses Fehlers, seiner Auswirkungen, seiner Ursachen sowie der Bestimmung der notwendigen Konsequenzen dient diese Stellungnahme.

Worin kommt der Rückfall in den Zirkelarbeitsstil durch das Sekretariat zum Ausdruck?

In der Unterschätzung der Vorbereitung und Durchführung der Parteigründungsveranstaltung als Hauptaufgabe

Die Vorbereitung und Durchführung der Gründungsveranstaltung am 21. 8. mußte nach dem I. Parteitag die Hauptaufgabe der ganzen Partei sein. Warum?

Von einer Partei haben die Arbeiter sofort viel weitergehendere Erwartungen als von einem Bund. Die vorherrschende Resignation der Arbeiter macht die Verankerung der Parteigründung, ihrer Bedeutung und ihrer Politik zu keiner leichten Sache. Das erfordert eine sichere, bewegliche, die Dreiteilung der Massen berücksichtigende Agitation und Propaganda. »Hauptaufgabe Vorbereitung Parteigründungsveranstaltung« hätte bedeutet, für diese Veranstaltung in Art einer Kampagne zu mobilisieren, also alle Kräfte darauf zu konzentrieren, die Parteigründung in der Arbeiterklasse und den übrigen werktätigen Schichten zu propagieren. Mit einem solchen Auftreten mußten wir das Bild der MLPD im Denken der Arbeiter positiv einprägen.

Die Mobilisierung zur Gründungsveranstaltung wurde vom Sekretariat jedoch als Hauptaufgabe nicht erkannt und völlig unterschätzt. Im Übergangsarbeitsplan erscheint sie als eine von sechs Schwerpunktaufgaben. Die Auswirkungen:

– Die Partei wurde auf das breite Auftreten nach außen nicht vom Zentralkomitee vorbereitet. Es waren aber eine intensive Ausrichtung auf die zu erwartenden Argumente, also auch Argumentationshilfen notwendig, eine konkrete Analyse der Dreiteilung der Massen bezüglich der Parteigründung. Diese lag erst Ende Juli vor und wirkte sich für die Orte nicht aus.

– Die fehlende inhaltliche Vorbereitung verleitete nicht wenige Ortsgruppen dazu, in Aktionismus zu verfallen, aus einer offensiven Einstellung heraus ein Riesenprogramm der Arbeit nach außen zu entwickeln, ohne inhaltliche Ausrichtungen und regelmäßige Auswertungen vorzusehen.

– Eine Anleitung der Ortsgruppen zum Einsatz neuer Agitationsmethoden wurde vom Zentralkomitee nicht durchgeführt (zum Beispiel angemeldetes Plakatieren).

– Das zentrale Flugblatt zur Parteigründung mußte mehrmals überarbeitet werden, weil es Schwierigkeiten gab, mit der Parteigründung am Denken der Kollegen anzusetzen.

– Der Stand der Vorbereitungsarbeiten zur Gründungsveranstaltung wurde zu spät kontrolliert, so daß die Korrektur entdeckter Fehler längere Zeit in Anspruch nahm.

Das durch den Rundbrief des Sekretariats eingeleitete verstärkte Auftreten nach außen war somit nicht durch entsprechende Vorbereitung angeleitet und deshalb nicht mit der notwendigen Kadererziehung verbunden.

Eine unbändige Eigeninitiative und der Schwung der Mitglieder schwächten die Auswirkungen dieser Unterschätzung etwas ab, verdeckten teilweise aber gleichzeitig die revolutionäre Wachsamkeit, diesen Fehler zu erkennen. Dennoch hat ein Teil der Mitgliedschaft diesen Fehler erkannt.

Unterschätzt wurde vom Sekretariat auch die Auswirkung der Parteigründung auf die Taktik der Bourgeoisie uns gegenüber.

Kaum hatte die Bourgeoisie die erfolgreiche Parteigründung in Erfahrung gebracht, ergriff sie sofort die Initiative, die MLPD in die staatsfeindliche Ecke zu stellen, sie als Nachfolgeorganisation der verbotenen KPD hinzustellen, uns mit der Behauptung des »konspirativen Arbeitens« verdächtig zu machen und dadurch zu isolieren und gegen uns zu hetzen. Diese Ausrichtung gab der Jahresbericht des Landesamts für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg, der auf vier farbenprächtigen Seiten den KABD an die erste Stelle innerhalb der »neuen dogmatischen Linken« rückt. Der jüngste Artikel des Magazins »Der Spiegel« ist die erste Umsetzung dieser Ausrichtung. Die Bourgeoisie weiß sehr wohl, daß die gegenwärtig noch vorherrschende Lähmung des Kampfwillens der breiten Massen, vor allem durch Resignation, keinen stabilen Charakter hat, da sich die Klassengegensätze ständig verschärfen. Deshalb kann die Bourgeoisie die Gefahr sehr wohl erfassen, die ihr in der Perspektive aus der Gründung einer revolutionären Arbeiterpartei zum jetzigen Zeitpunkt erwachsen kann. Darin liegt ihre Initiative begründet, vom »Spiegel« angefangen über uneingeschränkte Zulassungswünsche verschiedener Zeitungen zur Gründungsveranstaltung und nicht zuletzt Anfragen des ZDF.

Diese Initiative der Massenmedien wurde vom Sekretariat völlig unterschätzt …

In der Unterschätzung der Reorganisation der Partei

Die Reorganisation der Partei, angefangen vom Auf- und Ausbau der zentralen Abteilungen bis zu Neubesetzungen der meisten örtlichen Funktionen, ist eine so umfassende Umgruppierung der Kader, daß sie selbst eine Hauptaufgabe darstellt, auf deren Vorbereitung und Durchführung die Hauptkräfte der Partei ausgerichtet sein müssen.

Auch diese Aufgabe unterschätzt der Übergangsarbeitsplan völlig, indem er sie als eine von sechs Schwerpunktaufgaben aufführt.

Eine mit dem marxistischen Arbeitsstil durchgeführte Reorganisation erfordert zwei bis drei Monate Zeit und bedeutet:

– Gründliche Auswahl der in Frage kommenden Kader, Durchführung von Kadergesprächen. Es gilt, den richtigen Mann an den richtigen Platz zu stellen.

– Berücksichtigung aller Auswirkungen am Ort beim Abzug von Genossen für höhere Funktionen. Vor dem Einsatz des Genossen muß sein Ersatz sichergestellt sein!

In der Zeit vor der Gründungsveranstaltung mußte diese Reorganisation vorbereitet werden durch Aufstellung einer allseitigen Kaderplanung, Einsatz von zentralen Abteilungsleitern. Nach der Gründungsveranstaltung galt es, diese Reorganisation als Hauptaufgabe durchzuführen.

Eine sofortige Reorganisation nach dem I. Parteitag war politisch von der Situation im Klassenkampf her nicht notwendig. Ihre Durchführung in fünf Wochen erzeugte einen ungeheuren Druck und führte in nicht wenigen Ortsgruppen zu Hektik und Oberflächlichkeit, die im Sekretariat ihren Ausgang nahm:

– Wohl wurde ein Kadergesamtplan für den Aufbau der zentralen Abteilungen und der Bezirksebene erstellt. Die Auswirkungen auf die Orte wurden aber nicht berücksichtigt. Dabei müssen hauptsächlich junge Genossen in die neuen Aufgaben nachrücken, mit denen ihre Funktionen genau durchzusprechen sind. Hektik und Oberflächlichkeit sind der Tod der systematischen Kadererziehung.

– Die fünf Wochen ließen keine Zeit für Urlaub der Genossen, der aber die grundlegende Seite der Kaderpflege berührt. Besonders nach der höchsten Anspannung der Kräfte während der Vorbereitung der Parteigründung kam es nun zu Zuspitzungen, auf die noch teilweise verschärfend reagiert wurde. Dagegen wandte sich berechtigt ein Genosse auf der Blitzkonferenz Ruhr: »Es ist nicht richtig, daß jeder, der in Urlaub geht, als ›Vaterlandsverräter‹ bezeichnet wird …«

Daß es für die Organisation nicht zu einem größeren Schaden kam, liegt an dem hohen ideologisch-politischen Niveau, dem Schwung der Mitgliedschaft, ihrer uneingeschränkten Bereitschaft, nach vorn zu marschieren. So wurden zu den Bezirksgremien 50 Prozent mehr Kandidaten aufgestellt, als die zentrale Kaderplanung vorgeschlagen hatte. Die Kehrseite liegt darin, daß die Anspannung der Kräfte die revolutionäre Wachsamkeit gegenüber dem Zirkelarbeitsstil in der Reorganisation der Partei in den Hintergrund drängte. Außer auf dem Bezirksdelegiertentag Rheinland gab es zur Selbstkritik des Zentralkomitees keine Diskussion seitens der Mitglieder.

Im Verstoß gegen das Prinzip der Konzentration der Kräfte

Der Übergangsarbeitsplan des Sekretariats stellt die Hauptaufgabe zu allgemein. Dann werden ohne Gewichtung sechs Schwerpunktaufgaben aufgeführt, von denen aber zwei den Charakter von Hauptaufgaben haben. Damit legt dieser Plan also zwei Hauptaufgaben gleichzeitig fest. Das ist ein schwerer Fehler:

»In keinem Gebiet können gleichzeitig mehrere zentrale Aufgaben bestehen; innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts kann es nur eine zentrale Aufgabe geben, die durch andere, zweit-und drittrangige Arbeiten ergänzt wird.« (Mao Tsetung Ausgewählte Werke Bd. III, S. 140)

Das erfordert,

»… die jeweilige maßgebende Schwerpunktaufgabe durch konkrete Analyse der konkreten Situation zu finden und die Hauptkräfte darauf zu konzentrieren.« (Revolutionärer Weg 21, S. 27)

Mao Tsetung weist ausdrücklich auf die prinzipielle Bedeutung dieses Grundsatzes hin. Auch für die heutige Situation der strategischen und sogar taktischen Defensive der Arbeiterklasse gilt besonders:

»Ob man aus der strategischen Verteidigung heraus den Sieg erringen kann, hängt hauptsächlich von diesem Mittel ab – von der Konzentration der Kräfte.« (Mao Tsetung Ausgewählte Werke Bd. I, S. 275)

Statt die Kräfte zu konzentrieren, zersplitterte der Übergangsarbeitsplan die Kräfte mit der Folge, daß keine der beiden Hauptaufgaben, wie dargelegt wurde, wirklich gründlich durchgeführt werden konnte.

Wie war das möglich?

– Dem Arbeitsplan ging keine gründliche und allseitige Analyse des Stands der Organisation voraus;

– die Auswirkungen der festgelegten Aufgaben wurden nicht umfassend durchdacht.

Damit setzte sich das Sekretariat selbst einer Hektik aus, indem die doppelte Schwerpunktsetzung in der Praxis keinen klaren Schwerpunkt bedeutete:

– Einige der gestellten Aufgaben konnten auch bei Anspannung aller Kräfte nur teilweise erfüllt werden;

– Vorlagen ans Sekretariat mußten mehrmals überarbeitet werden, weil die Anleitung und Kontrolle nicht konsequent und allseitig durchgeführt wurde; das behinderte die zielstrebige Kaderentwicklung im Sekretariat;

– die Einarbeitung der neuen Zentralkomitee- beziehungsweise Sekretariatsmitglieder wurde bald der Erledigung der laufenden Aufgaben untergeordnet;

– die Bedingungen für das grundsätzliche Herangehen an die Leitungstätigkeit verschlechterten sich zunehmend …

Auf dem 2. Plenum des Zentralkomitees kam es zu einer gefährlichen Zuspitzung

In einem schriftlichen Redebeitrag übte die Zentrale Kontrollkommission folgende Kritik am Sekretariatsbericht:

»Allerdings meinen wir, daß das Sekretariat bei der Kritik von Willi ungenügend die Wurzel des Widerspruchs aufgedeckt und entsprechende Konsequenzen gezogen hat.«

»Weiterhin haben wir den Eindruck, daß das Sekretariat die Kaderfrage beziehungweise die Probleme, die sich daraus ergeben können, unterschätzt.«

»Wir meinen, das Sekretariat muß überprüfen

– das Verständnis des Auftretens der Partei zur Bekanntgabe der Parteigründung;

– inwieweit bei der Festlegung des Übergangsarbeitsplans tatsächlich die Massenlinie beachtet wurde;

– die Tendenzen zur Oberflächlichkeit und Hektik

– und ob nicht das ungestüme Vorwärtsdrängen auch eine gewisse Ungeduld zum Ausdruck bringt?«

Diese Kritik wurde nur von einer Minderheit innerhalb des Zentralkomitees unterstützt und vertieft. So kennzeichnete Kl. die gleichzeitige Festsetzung von zwei Hauptaufgaben als Verstoß gegen den marxistischen Arbeitsstil, verwies auf die negativen Auswirkungen auf die Kader und stellte den grundsätzlichen Zusammenhang zur Frage der Massenlinie her. Ar. warnte davor, nicht vor Erfolgen schwindlig zu werden, und kritisierte linkssektiererische Tendenzen im Arbeitsstil des Sekretariats.

Genosse Sn. machte in der Diskussionsleitung einen grundsätzlichen Fehler, indem er die Verbindung zwischen der Diskussion über die Massenlinie und der über die zwei Hauptaufgaben aus-drücklich kritisierte und damit im Plenum eine Tendenz stärkte, die prinzipielle Kritik beiseite zu schieben. Dieser Tendenz schloß sich die Mehrheit des Zentralkomitees an, und auch Genosse Ar. erhielt am Ende seine Kritik nicht mehr aufrecht. Im Zentralkomitee kam eine Strömung auf, die Kritiker in die Ecke der Trennung von Massenlinie und Klassenkampf zu stellen. Schwächen der Kritik, die die Nebenseite bildeten, wurden so als Hauptseite behandelt. So kam das Plenum schließlich zu einer prinzipiell falschen Einheit.

Die Zentrale Kontrollkommission ließ sich von dem starken Widerstand gegen ihre Kritik beeindrucken und trat nicht energisch genug auf.

Die neue Qualität der Zuspitzung bestand darin, daß der Verstoß gegen ein Prinzip des marxistischen Arbeitsstils verteidigt wurde, sogar von den Genossen mit anderer Ansicht faktisch verlangt wurde, das Prinzip ebenfalls über Bord zu werfen. Andererseits wurde von den Genossen mit der prinzipiellen Kritik nicht entschieden dagegen vorgegangen. Erst die weitere Zuspitzung durch die harte und prinzipielle Kritik des Genossen Willi am Zirkelarbeitsstil des Sekretariats führte zum bewußten Kampf gegen die kleinbürgerlichen Tendenzen in Kritik und Selbstkritik …

Wo liegen die objektiven und subjektiven Ursachen für den Fehler des Sekretariats?

Während es vor der Gründung der MLPD notwendig war, die Festsetzung der Linie in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen, ohne die dialektische Einheit von Partei und Kampfwillen der Massen auseinanderzureißen, so mußte mit der erfolgreichen Durchführung des I. Parteitags der Schwerpunkt wechseln. Jetzt kam alles darauf an, den Erfolg der Gründung der MLPD unter den Arbeitern und weiteren werktätigen Schichten zu verankern.

Statt dessen entwickelte sich spontan die These von der »Parteigründung von oben nach unten«, womit die schnelle Wahl von Parteileitungen gemeint war.

Im Gegensatz zur Notwendigkeit der baldigen Parteigründung bestand jedoch für die Reorganisierung der Partei zu diesem Zeitpunkt kein zwingender Grund. Vielmehr war sie Ausdruck einer Überschätzung der subjektiven Kräfte und Möglichkeiten der Partei, die bedeutet, sich über die Massen zu stellen, und die bereits zu einer Tendenz geführt hatte, auch die objektiven Möglichkeiten zur Entfaltung der Kämpfe der Arbeiterklasse teils zu überschätzen und die taktische Seite des Monopolkapitals teils zu unterschätzen …

Die Reorganisierung der Partei unmittelbar nach dem Parteitag war eine völlige Unterschätzung der gewaltigen kaderpolitischen Umwälzung der gesamten Organisation. Auf der Strecke blieb dabei eine gründliche Erziehungsarbeit, Auslese und Pflege der Kader.

Was war die konkrete Ursache für diese Unterschätzung der Reorganisierung?

Die ideologisch-politische Ursache war eine Tendenz im Denken und Handeln des Zentralkomitees, die dialektische Einheit von Lernen und Kämpfen zu zerreißen. Sie drückte sich aus in der falschen Auffassung, daß im KABD noch das Lernen die Hauptseite bildete, während nach der Parteigründung das Kämpfen in den Vordergrund rücke. Das ist schematisch, weil die dialektische Einheit von Lernen und Kämpfen die Hauptsache ist und nicht, ob je nach der konkreten Situation die eine oder andere Seite in den Vordergrund rückt.

Die schematische Festlegung einer allgemeinen Hauptseite Kämpfen führt dagegen dazu, das Kämpfen in den Vordergrund zu rücken, auch wenn tatsächlich keine Arbeiterkämpfe stattfinden. Das führt in der Konsequenz zu linksopportunistischen Feh-lefn, indem die Partei stellvertretend für die Massen handelt. Hinzu kommt, daß die theoretische, die grundsätzliche Seite unter - schätzt wird, was zur ideologisch-politischen Verflachung der Parteiarbeit und auch zu rechtsopportunistischen Fehlern führen muß.

Selbst wenn in einem bestimmten Zeitabschnitt das Kämpfen in den Vordergrund tritt, so führen wir Marxisten-Leninisten es doch als Schule des Klassenkampfs. Das Wesen der revolutionären Taktik ist die Erziehung zur Selbstbefreiung.

Praktisch hatten diese undialektischen Auffassungen in unserem Denken folgende Erscheinungen in unserer Parteiarbeit bewirkt:

– eine völlige Unterschätzung der Einarbeitung der Genossen des Zentralkomitees;

– keine inhaltliche Ausrichtung und Vorbereitung der Mitglieder für die öffentliche Mobilisierung zur Gründungsveranstaltung;

– eine Planung, die für erzieherische Anleitung und Kontrolle kaum Zeit läßt;

– ein mangelndes grundsätzliches Herangehen an verschiedene Sekretariatsaufgaben und eine Atmosphäre von Hektik und Zerfahrenheit im Parteibüro.

Genosse Willi schreibt in seinem Artikel »Keine Rezepte, sondern Anregung zum Denken!«:

»Das richtige Denken muß erstens in die Tiefe gehen, das heißt, die Probleme müssen wir bis auf den Grund durchdenken, um vollständige Klarheit zu bekommen, und zweitens in die Perspektive gehen, das heißt in die richtige Richtung gehen, um die Gegenwart mit der Zukunft zu verbinden.« (»Kader entscheiden alles«, S. 98)

Da das richtige Denken nicht mit einem Male gegeben ist, sondern sich nur in einem ständigen Lernprozeß höherentwickeln und festigen kann, heißt es in dem Artikel weiter:

»LERNEN UND KÄMPFEN ist nicht einfach ein Symbol für unsere Organisation, nein, Lernen und Kämpfen ist die Aufgabe eines jeden Kommunisten, davon muß er vollständig durchdrungen sein.«

Wer dagegen meint, er habe bereits ausgelernt, der wird die Probleme mit einem falschen Denken angehen und Fehler machen.

Die Parteigründung und die Entwicklung der Klassenwidersprüche haben den Kampf zwischen kleinbürgerlicher und proletarischer Denkweise zugespitzt.

Die Entwicklung in der BRD hat die Arbeiterklasse noch stärker in die Defensive getrieben. Geschickt verstehen es die Monopole, mit Hilfe der Reformisten und ihrer Sozialplantaktik trotz Massenentlassungen, zum Teil massiver sozialer Demontage, die Arbeiterklasse vom entschlossenen Kampf abzuhalten, um ihre Exportstellung auf dem Weltmarkt nicht zu gefährden. Diese Stellung ist die tatsächliche Achillesferse der wirtschaftlichen Entwicklung der BRD in die Krise.

Die Reaktion der meisten Kollegen ist aufgrund des mangelnden Vertrauens in die eigene Kraft, aber auch ohne klare Perspektive: Resignation und Lähmung ihres Kampfgeists.

Diese Stimmung dringt auch in die Reihen der Partei ein, bewirkt objektiv eine Tendenz des Zurückweichens vor den schwierigen Aufgaben des Klassenkampfs und findet seinen Niederschlag in rechtsopportunistischen Tendenzen.

Die grundsätzliche Auseinandersetzung um die Festsetzung der Parteilinie in der Parteitagsvorbereitung war die entscheidende Ursache, daß diese rechtsopportunistische Tendenz innerhalb des KABD weitgehend zurückgedrängt werden konnte. Überall dort aber, wo die Vernachlässigung der Parteigründungsvorbereitung nicht überwunden werden konnte, zum Beispiel im RJVD, wirkte diese Tendenz voll nach.

Aber verbunden mit der Konzentration auf die Vorbereitung der Parteigründung trat auch eine Entwicklung der Loslösung von den Aufgaben im Klassenkampf in Richtung des ultralinken Wunschdenkens auf. Sie wurzelt in Selbstüberschätzung, verbunden mit einer Tendenz zu Überheblichkeit, die der große Erfolg der Parteigründung genährt hatte, und brachte eine gewisse Loslösung von den tatsächlichen Erfahrungen der Massen und schließlich auch der Mitglieder mit sich.

Beide Tendenzen, sowohl in Richtung des rechtsopportunistischen Zurückweichens als auch des ultralinken Wunschdenkens, sind gleichermaßen schädlich, begünstigen sich gegenseitig und bedeuten ein Zurückweichen vor der geduldigen, revolutionären Kleinarbeit zur Entfaltung der Kämpfe der Arbeiterklasse. Gegenwärtig ist jedoch die linke Tendenz die Hauptgefahr …

Das eigentlich Gefährliche an den beschriebenen Tendenzen war, daß das Zentralkomitee den Rückfall in den kleinbürgerlichen Arbeitsstil nicht erkannte und bereits begonnen hatte, den falschen Arbeitsstil weiter zu vertiefen.

Das behinderte eine unvoreingenommene Behandlung der be-' rechtigten Kritiken und eine rechtzeitige Korrektur prinzipieller Fehler. Es bestätigt sich, was wir im Rechenschaftsbericht der 4. Zentralen Leitung des KABD beschlossen haben:

»Wenn wir jetzt den Sprung vom Bund zur Partei vollziehen, dann bedeutet dies nicht, daß der proletarische Arbeitsstil nun gesichert ist. Der marxistische Arbeitsstil ist keine durch einen einmaligen, bestimmten qualitativen Sprung erreichbare Entwicklungsstufe, sondern der von Rückschlägen unterbrochene Prozeß der Höherentwicklung von Theorie und Praxis.« (Dokumente des 5. Zentralen Delegiertentags des KABD, S. 182)

Diese wertvollen Erkenntnisse unserer Partei kommen aber nur zum Tragen, wenn wir sie ständig kritisch und selbstkritisch aneignen und anwenden …

Es kommt gegenwärtig darauf an, den ideologischen Kampf auf die Zurückdrängung des kleinbürgerlichen Zirkelarbeitsstils, besonders aber der »linken« Tendenz des ultralinken Wunschdenkens zu konzentrieren und dadurch das Verständnis der Massenlinie auf eine höhere Stufe zu heben.

Alle Tendenzen, die dialektische Einheit von Partei und Masse, von Lernen und Kämpfen auseinanderzureißen, von Verzettelung statt Konzentration der Kräfte müssen in der gesamten Parteiarbeit aufgedeckt und überwunden werden!

Das ist der Ausgangspunkt für das Zurückdrängen des erneut aufgetretenen Zirkelarbeitsstils, seiner Hektik und Oberflächlichkeit …



Stellungnahme zur Kritik an den zwei Hauptaufgaben 6. 9. 82

Jedes Mitglied des Zentralkomitees hat kritisch und selbstkritisch zu den Vorgängen eine persönliche Erklärung abgegeben. Wir bringen als Beispiel eine kurze, konkrete Erklärung eines Genossen:

Ich halte die Stellungnahme des Sekretariats für richtig. Noch ungenügend geklärt sind die politischen Vorstellungen, die bei der Festlegung der zwei Hauptaufgaben zum Ausdruck kommen. Außerdem, warum der prinzipielle Fehler so lange nicht korrigiert wurde, sondern sogar verteidigt wurde. Warum selbst Hinweise von W. D. und der Zentralen Kontrollkommission nicht aufgegriffen wurden und eine Vereinheitlichung des Plenums des Zentralkomitees auf einen grundsätzlich falschen Standpunkt zustandekam.

Die politischen Vorstellungen zur Notwendigkeit der Reorganisierung:

In der Stellungnahme wird auf die Seite der Überschätzung der Kräfte und Unterschätzung der Bourgeoisie eingegangen. Dadurch wird noch nicht geklärt, warum wir der Ansicht waren, daß wir die Reorganisierung durchführen müssen, da sonst »die Gefahr von Nachtrab im Klassenkampf« entstehe (S. 6 der Stellungnahme). Dabei ist der Hinweis von Willi wichtig, daß objektiv vom Klassenkampf aus keine Notwendigkeit zur sofortigen Reorganisierung bestand. Die Grundlage für unsere falsche Ansicht war, daß wir die Reorganisierung nicht im Zusammenhang mit der Entwicklung des Klassenkampfs angepackt haben. Dadurch setzte sich spontan die linke Tendenz durch, die nicht von der Defensive der Arbeiterklasse, dem tatsächlichen Bewußtseinsstand ausging, sondern von dem Wunschdenken, das sich auf der Grundlage des Erfolgs der Parteigründung entwickelte. Schwierigkeiten, den Bewußtseinsstand der Kollegen einzuschätzen, gab es bei mehreren Vorlagen (AEG, Antikriegstagsausrichtung), beim l. Aktuellen Referat wurde einseitig die Haltung der Kollegen zur Parteigründung untersucht. Der Fehler im marxistischen Arbeitsstil war die Festlegung der Reorganisierung losgelöst von der objektiven Situation, was zur falschen Einschätzung geführt hat. Hier wird aber auch eine Losgelöstheit von den Massen deutlich. Auf diese Gefahr hatte die Zentrale Kontrollkommission zu Beginn der Sekretariatsarbeit des Zentralkomitees bereits hingewiesen.

Warum wurde so hartnäckig an dem Fehler festgehalten?

Die liberale Haltung zu Kritik und Selbstkritik im Sekretariat wurde in der Stellungnahme als Ursache für die Zuspitzung der Widersprüche rausgearbeitet, die auf dem Plenum eine neue Qualität erreichte. Dazu heißt es in der Arbeitsstilbroschüre: »Die Erfahrung hat gezeigt, daß bei einer liberalistischen Einstellung aus nichtantagonistischen Widersprüchen antagonistische werden können und so schwerer Schaden erwächst. Wenn wir jedoch stets selbstkritisch den Arbeitsstil überprüfen, sind wir in der Lage, schwere Fehler zu vermeiden und gemachte zu korrigieren.« (S. 51) Die gründliche Überprüfung wurde erst durch die massive Kritik von W. D. eingeleitet. Daraus wird deutlich, daß wir die Gefahr des Revisionismus und Liquidatorentums unterschätzen. Mit dem Erfolg des Parteitags wurde das Vertrauen in die Organisation gestärkt, die revolutionäre Wachsamkeit darf nicht vernachlässigt werden, beides muß eine dialektische Einheit bilden.

Das Verhalten auf dem Plenum gegenüber der Kritik der Zentralen Kontrollkommission behinderte objektiv die Kontrolltätigkeit und ist auf eine überhebliche Haltung der Zentralen Kontrollkommission gegenüber zurückzuführen, was von der Mehrheit des Plenums geduldet wurde und selbst von der Zentralen Kontrollkommission nicht zurückgewiesen wurde.

»Wer sich in grundsätzlichen Fragen des Marxismus-Leninismus liberal verhält, beschreitet den Weg des Revisionismus.« (Revolutionärer Weg 15, S. 30)

Eine Tendenz der Liberalisierung bei Kritik und Selbstkritik trat im Sekretariat auch an anderen Punkten in Erscheinung: Verschiedene Standpunkte wurden nicht ausdiskutiert bei der Behandlung des Perspektivarbeitsplans/Kurzarbeitsplans zu den Haupt-/Schwerpunkt-/Nebenaufgaben. Kritiken hatten teilweise einen persönlichen Zug. Kritiken am Arbeitsstil wurden nicht aufgegriffen. Die Kritik am Politischen Leiter ist ungenügend entwickelt, nur von Di., Kl., MW. Die Beteiligung an den Auseinandersetzungen ist von Gü., MW., Lo. und mir ungenügend und entspricht nicht unserer Verantwortung. Meine Kritiken sind oft einseitig negativ, nicht prinzipiell genug. Objektiv ist es schwieriger, in einem größeren Sekretariatskollektiv die Auseinandersetzung zu führen, das erfordert von jedem Genossen, daß er sich vorher schon gründlichst mit den Problemen auseinandergesetzt hat ...

Die Grundlage in meiner Arbeit für die Fehler

Bei mir zeigte sich das Wunschdenken in der Vorstellung, daß die Reorganisation objektiv notwendig wäre und wir mit dem Schwung der Mitglieder beide Hauptaufgaben schaffen, wobei eine Unterschätzung der Erziehungsarbeit deutlich wird.

Die mangelnde kritische und selbstkritische Auseinandersetzung mit meinem Arbeitsstil verhinderte auch, den prinzipiellen Fehler beim Übergangsplan zu erkennen und die Kritik aufzugreifen und in die Tiefe zu gehen. Aufgrund des objektiv entstandenen Drucks verstärkten sich bei mir die liberalistischen Tendenzen, die Versuche, allein die Aufgaben zu bewältigen, was sich im Sekretariat widerspiegelte und verhinderte, die prinzipiellen Fehler zu erkennen und zu bekämpfen. Darin kommt die Tendenz zurückzuweichen zum Ausdruck, anstatt die Probleme offensiv anzugehen, um unsere ganze Arbeit voranzubringen. Das spiegelte sich auch auf dem Plenum wider, wo ich nicht in der Lage war, einen klaren Standpunkt zu beziehen in der Auseinandersetzung, weil ich die Kritik nicht auf ihren Kern überprüft hatte.



An das Zentralkomitee der MLPD 17. 8. 82

An die Zentrale Kontrollkommission

Liebe Genossen!

Ich möchte hiermit eine Ergänzung zu meinem Brief vom 5. 8. vorbringen, weil anscheinend noch keine Klarheit über den Stellenwert und die Art und Veränderung der unterschiedlichen Aufgaben besteht.

Über den Stellenwert der strategischen und taktischen Hauptaufgaben, der Schwerpunktaufgaben und der Nebenaufgaben

Wir müssen unterscheiden zwischen strategischen und taktischen Hauptaufgaben. Die ersteren gelten für die ganze Periode des Klassenkampfs im Kapitalismus sowie die drei Etappen, die zweiten richten sich nach der konkreten Situation, dem Umfang und der Dauer eines bestimmten Einsatzes. Die strategische Hauptaufgabe einer Etappe und das strategische Ziel sind identisch. Mit der Erreichung des Ziels ist die strategische Hauptaufgabe und die Etappe selbst beendet.

Die jeweiligen taktischen Hauptaufgaben richten sich nach der strategischen Hauptaufgabe der gegebenen Etappe. Die Schwerpunktaufgaben und Nebenaufgaben sind auf die jeweilige taktische Hauptaufgabe ausgerichtet und ihr untergeordnet. Es können mehrere Schwerpunktaufgaben aufgestellt werden, aber nur eine taktische Hauptaufgabe. Entsprechend der unterschiedlichen Situation in den verschiedenen Ortsgruppen kann es unterschiedliche Schwerpunktaufgaben geben, aber Schwerpunkt- und Nebenaufgaben müssen der jeweiligen taktischen Hauptaufgabe untergeordnet sein. Die jeweilige taktische Hauptaufgabe wird zentral festgelegt und ist für die gesamte Organisation bindend. Schwerpunktaufgaben können sowohl zentral wie auch auf Bezirks-, Kreis- oder Ortsebene aufgestellt werden.

Die strategische Hauptaufgabe der ganzen Periode des Klassenkampfs sowie der drei Etappen liegen fest und sind Bestandteil unserer politischen Linie. Taktische Hauptaufgaben und Schwerpunktaufgaben müssen der politischen Linie jeweils angepaßt werden. Nebenaufgaben stehen im Zusammenhang mit Schwerpunktaufgaben und werden mit diesen nebenbei erledigt, ohne die Durchführung der Schwerpunktaufgaben zu belasten. Zum besseren Verständnis des Stellenwerts der verschiedenen Arten der Aufgaben führe ich die drei Etappen des Klassenkampfs an.

Die Periode des Klassenkampfs bis zum Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft wird in drei Etappen eingeteilt:

Strategische Hauptaufgabe der ganzen Periode und deren Ziel: Eroberung der Macht der Arbeiterklasse und Errichtung der Diktatur des Proletariats.

I. Etappe des Klassenkampfs der nichtrevolutionären Situation

1. Strategische Hauptaufgabe und strategisches Etappenziel: Eroberung der entscheidenden Mehrheit der Arbeiterklasse

2. Jeweils eine taktische Hauptaufgabe für einen bestimmten Zeitabschnitt entsprechend der konkreten Analyse der konkreten Situation mit Ausrichtung auf das Etappenziel und Aufstellung taktischer Teillosungen und Teilforderungen

a) Konzentrierung und taktische Ausrichtung auf Schwerpunktaufgaben im Rahmen der jeweiligen taktischen Hauptaufgabe bei Berücksichtigung der ständigen Schwerpunktaufgabe: Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, Vorbereitung und Durchführung von Kämpfen der Arbeiterklasse

b) Kurzfristige Nebenaufgaben untergeordneter Natur, die unter »ferner liefen«, nebenbei erledigt werden und vielfach örtlichen Charakter haben. Die Bedeutung der Einzelaufgaben wechselt mit der Veränderung der Schwerpunktaufgaben.

II. Etappe des Klassenkampfs der akut revolutionären Situation

I. Strategische Hauptaufgabe und strategisches Etappenziel: Unmittelbare Vorbereitung und Durchführung der Revolution

2. Taktische Hauptaufgaben richten sich nach der entstehenden und sich entwickelnden revolutionären Situation. Der konkreten Lage entsprechend, werden politische Übergangslosungen und -forderungen aufgestellt, die mit ökonomischen und politischen Teilforderungen verbunden sind.

a) Schwerpunktaufgaben im Rahmen der jeweiligen taktischen Hauptaufgabe aufstellen, besonders zur • Formierung der proletarischen Hauptkräfte und Führung revolutionärer Kämpfe und

• Schaffung eines festen Bündnisses mit kleinbürgerlichen Zwischenschichten und ihre Ausrichtung auf den revolutionären Kampf

b) Nebenaufgaben treten bei Verschärfung des revolutionären Klassenkampfs zurück. Die Kräfte dürfen nicht verzettelt werden.

III. Etappe des bewaffneten Kampfs und des Aufstands

1. Strategische Hauptaufgabe und strategisches Etappenziel fallen mit der strategischen Hauptaufgabe und dem Ziel der ganze Periode des Klassenkampfs zusammen: Eroberung der Macht der Arbeiterklasse und Errichtung der Diktatur des Proletariats.

2. Die jeweilige taktische Hauptaufgabe richtet sich nach dem Stand des bewaffneten Kampfs (Vormarsch oder Rückzug) und nach dem Übergang zum bewaffneten Aufstand.

a) In diesen revolutionären Kämpfen werden entsprechende Schwerpunktaufgaben im Rahmen der jeweiligen Hauptaufgabe herausgearbeitet, wobei die besondere taktische Beweglichkeit des bewaffneten Kampfs berücksichtigt werden muß.

b) Nebenaufgaben dürfen nicht mehr gestellt werden, weil die gesamte Tätigkeit sich auf den bewaffneten Kampf konzentrieren muß.

Es ist unbedingt notwendig, diese unterschiedlichen Aufgaben genau zu beachten, um Fehler zu vermeiden.

Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1980

Denkweise und Parteiaufbau

Aufzeichnungen nach einem Gespräch mit dem Genossen W. D. am 19. 1.80

Im Revolutionären Weg 15, Seite 11 wird die Bedeutung der Denkweise für die Arbeiterbewegung unmißverständlich klar herausgestellt. Deshalb heißt es:

»Die Frage der Denkweise ist für die Arbeiterbewegung so wichtig, daß sie ständig überprüft werden muß; mehr noch, stets muß kontrolliert werden, wer wen beeinflußt.«

Wie aber kann sie überprüft werden? Wie soll die Kontrolle ausgeübt werden? Sind wir in der Lage, hierauf grundsätzlich, konkret und allseitig zu antworten, so wird es besser gelingen, der proletarischen Denkweise zum Durchbruch zu verhelfen. Denn: »Man muß die kleinbürgerliche Denkweise kennen, um sie besser bekämpfen zu können.« (Revolutionärer Weg 15, S. 13)

Wir dürfen nicht annehmen, es sei leicht, die kleinbürgerliche Denkweise zu erkennen. Die Erfahrung lehrt, welche unterschiedlichen Wege und Umwege, ausgeklügelten Methoden und Tricks die kleinbürgerliche Denkweise nötig hat, um sich zu tarnen und ihre Existenz und Wirkung zu vertuschen.

Deshalb kommt den im Revolutionären Weg 15 erstmals analysierten sieben Merkmalspaaren der kleinbürgerlichen Denkweise eine große Bedeutung zu. Ihnen stehen die Merkmale der proletarischen Denkweise unversöhnlich gegenüber. Diese Unversöhnlichkeit bedeutet aber nicht, daß sie in der Wirklichkeit auch leicht erkennbar sind.

Mit dem Revolutionären Weg 15 wurde begonnen, die kleinbürgerliche Denkweise systematisch zu untersuchen: ihre Grundlage, ihr Entstehen, ihre Existenz und Wirkungsweise.

Ihre Ursache liegt in der kapitalistischen Gesellschaft, dem ständigen Entstehen und Untergehen von kleinbürgerlichen Zwischenschichten zwischen den beiden Hauptklassen Bourgeoisie und Proletariat. Kleinbürger werden ihrer Erwerbsweise beraubt, ihnen droht »sozialer Abstieg«, sie müssen in die Fabrik arbeiten gehen. Oder das Monopolkapital zieht aus den oberen Schichten der Arbeiterklasse Kräfte heran und heraus, läßt sie aus ihrer Klasse aufsteigen in das Kleinbürgertum. Mit zahlreichen Fäden ist die Arbeiterklasse mit den kleinbürgerlichen Schichten verbunden.

Mit der Entstehung des staatsmonopolistischen Kapitalismus ist dieser Prozeß der Beeinflussung der proletarischen Klassenkräfte komplizierter geworden. Obwohl nach wie vor objektiv klare Klassenwidersprüche bestehen, auf denen die Monopole ihre Herrschaft aufbauen, sollen und werden diese scheinbar verwischt. Das geschieht vermittels der kleinbürgerlichen Schichten. Sie sind der Träger der kleinbürgerlichen Denkweise, und es ist ihre Aufgabe, diese in die Arbeiterklasse zu tragen. Sie werden dafür mit einer kleinbürgerlichen Lebensweise »belohnt«, solange sie diese Funktion in der Gesellschaft ausüben.

Fernsehen, Werbung, Rundfunk, Reklame usw. usf. sind Mittel, um die Arbeiterklasse ideologisch zu beeinflussen. Vor allem das Fernsehen – von den Monopolen konsequent genutzt – ist eine äußerst gefährliche Waffe, mit der sie systematisch kleinbürgerliche Wünsche, Ziele, Vorstellungen und Hoffnungen in die Arbeiterbewegung träufeln mit Wort und Bild. Noch vor 50 oder 60 Jahren stand die Arbeiterklasse nicht in einem solchen ideologischen Trommelfeuer. Die Widersprüche in der Lebenslage, der Lebensweise, der Moral, der Kultur usw. waren offener und klarer sichtbar: die in der Oberstadt, die in der Unterstadt; zahlreiche klassenbezogene Arbeitervereine, in denen Sozialdemokraten und Kommunisten organisiert waren – die heute nur noch vereinzelt fortbestehen, statt dessen zahlreiche kulturelle Angebote, für Arbeiterjugendliche und kleinbürgerliche Jugendliche gemeinsam organisiert usw. usf.

Deshalb ist es komplizierter geworden, den Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise zu führen. Bildlich gesehen, kann man sich den Kampf der proletarischen Denkweise gegen die kleinbürgerliche so vorstellen wie das Ineinandergreifen der Finger, zunächst nur der Fingerspitzen zweier Hände, die sich berühren. Die eine Hand soll die kleinbürgerliche Denkweise, die andere die proletarische versinnbildlichen. Zunächst treten die Erscheinungsweisen der kleinbürgerlichen Denkweise keineswegs vollständig auf, nur vereinzelt, die Finger berühren sich, aber nicht alle. Es handelt sich um einen Prozeß, in dem schließlich entweder die proletarische Denkweise sich voll über die kleinbürgerliche beherrschend darüber gelegt hat – oder umgekehrt.

Es kommt also darauf an, diesen Prozeß, seine Phasen, seinen Verlauf, seine verschiedenen Seiten, zu untersuchen. Mit dem mehrfachen Kampf der Organisation gegen das Liquidatorentum liegen positive wie negative Erfahrungen vor. Aber nicht nur insoweit. Immer wieder kommt es zu Erscheinungen in unserer Organisation, daß richtige Erkenntnisse und Einsichten trotz guter Absicht nicht in die Praxis des Klassenkampfs umgesetzt werden. Das lahmt den Parteiaufbau in erheblichem Maß und auch unsere Verankerung in der Arbeiterklasse bis hin zur Aufgabe, uns zu proletarischen Führern der Arbeiterklasse zu entwickeln.

Die Untersuchung der kleinbürgerlichen Denkweise hat aber nicht nur diese aktuelle, für den Parteiaufbau ausschlaggebende Bedeutung, sie ist vielmehr für den Aufbau des Sozialismus immer deutlicher erkennbar zu einer Lebensfrage geworden.

Kalinin berichtet, wie die Aneignung des Marxismus-Leninismus in den Arbeiterzirkeln unter dem Zarismus, die Erkenntnis seines Wesens, zu einer Frage von Leben oder Tod geworden war. Im Sozialismus ist das keineswegs anders, geschweige denn leichter geworden. In den immer wieder notwendig werdenden Kulturrevolutionen entbrennt der Kampf um die proletarische Denkweise auf höchster Stufe.

Wir müssen auf die Frage Antwort geben, warum im Sozialismus die Gefahr einer Restauration des Kapitalismus nach wie vor besteht. Das haben wir grundsätzlich bereits im Revolutionären Weg 7–9 untersucht. Insbesondere im Revolutionären Weg 7 und 8 wurde dabei die Frage der Entwicklung des sozialistischen Klassenbewußtseins behandelt. Der Bürokratismus – das Erbe der alten Gesellschaft – ist der Verbündete Nummer l der Restauration der alten Zustände. Die Bürokratie gehört zu den kleinbürgerlichen Schichten im Sozialismus wie im Kapitalismus. Unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats ist es das Bestreben der kleinbürgerlichen Bürokraten, die zentralistische Machtfülle des Proletariats ihres Klasseninhalts zu berauben, sie auszuhöhlen und das eigene Machtstreben an ihre Stelle zu setzen, in der Wirtschaftsverwaltung, dem Staats- und Militärapparat und selbst dem Parteiapparat. Wie die Entwicklung in China zeigt, ist dieser Kampf im Parteiapparat besonders zu beachten.

Denn der Revolutionäre Weg 7, Seite 13, weist auf die Politik Lenins hin, die gegen die »Gefahr der Machtübernahme durch die Bürokratie in Partei, Staatsapparat und Wirtschaft« gerichtet war.

Ich verweise in diesem Zusammenhang auf etliche Anträge an den 4. Zentralen Delegiertentag, die Entwicklung in der Volksrepublik China bis zur Restauration des Kapitalismus durch die Deng/Hua-Clique näher zu untersuchen. Einerseits haben die Genossen nur teilweise beachtet, daß wir eine grundsätzliche Untersuchung über die Restauration des Kapitalismus im Revolutionären Weg 7–9 und den China-aktuell-Broschüren geleistet haben. Andererseits müssen wir uns fragen, inwieweit diese Anträge Ausdruck gewisser Unsicherheiten im Kampf um die proletarische Denkweise sind und unseren Blick auf offene Fragen lenken, die wir grundsätzlich und allseitig beantworten müssen:

Die Analyse der Entstehung und Wirkungsweise der kleinbürgerlichen Denkweise im staatsmonopolistischen Kapitalismus und beim Aufbau des Sozialismus.

»Nur mit einer proletarischen Denkweise kann man das Wesen des Marxismus-Leninismus begreifen« – es genügt nicht, den Marxismus-Leninismus lediglich zu studieren, sagte Genosse W. D. auf dem 4. Zentralen Delegiertentag. Der Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise ist aber komplizierter geworden. Der Erfolg hängt unmittelbar damit zusammen, wie es uns gelingt, die dialektische Methode anzuwenden.

Wir haben es gelernt, fünf Seiten des Parteiaufbaus zu beachten. Die Analyse der Wirkungsweise und des Entstehens der kleinbürgerlichen Denkweise muß diese fünf Seiten zum Gegenstand haben, was unsere eigenen Erfahrungen beim Parteiaufbau angeht: unsere ideologische Arbeit, die Entwicklung und Umsetzung der proletarischen Politik in der Organisationsarbeit, bei der Verwirklichung des demokratischen Zentralismus, bei der richtigen Anwendung des Entwicklungsgesetzes der Organisation: Kritik und Selbstkritik.

Da der Parteiaufbau, da das Begreifen des Wesens des Marxismus-Leninismus, da der Aufbau des Sozialismus mit dem erfolgreichen Kampf um die proletarische Denkweise steht und fällt, müssen wir beraten, wie wir diese Untersuchung anpacken.

M. K.
31. 1. 80

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1982

Ehrenvorsitzender

Liebe Genossen! 5. 5. 82

Im Zusammenhang mit der Frage nach Kadervorschlägen für die zentralen Organe kam bei uns folgender Vorschlag auf, der nach zwei Diskussionen in der Ortsgruppe mehrheitlich angenommen wurde:

Wir schlagen vor, den Genossen W. D. auf dem Parteitag zum Ehrenvorsitzenden der Partei zu wählen. Begründung:

Die Verankerung der Partei erfolgt natürlich auf Grundlage der richtigen Linie, Strategie und Taktik und durch die entsprechende Umsetzung in unserer mündlichen und schriftlichen Arbeit. Das wird die Grundlage dafür bilden, daß uns Arbeiter vertrauen, unterstützen und Mitglied werden.

Vertrauen gründet sich aber nicht nur darauf, sondern auch auf das Vertrauen in die führenden Genossen. Deshalb werden wir nach dem Parteitag auch einzelne führende Genossen mit Namen, ihrer politischen Entwicklung und ihrem Standpunkt zu aktuellen Problemen öffentlich bekanntmachen müssen. Jedenfalls sollten wir das unserer Ansicht nach. Dabei müssen wir natürlich besonders sorgfältig vorgehen.

Dabei halten wir es für richtig, den Genossen W. D. besonders hervorzuheben: Seine herausragende Rolle beim Aufbau des KABD, bei der jahrelangen Arbeit auf dem Weg zur Partei ist sicher allen Genossen bekannt, so daß wir darauf hier nicht weiter eingehen wollen. Wie kein anderer Genosse verkörpert er außerdem unseren Willen, mit der neuen Partei an den positiven Traditionen der alten KPD anzuknüpfen.

Damit, daß wir ihn als presserechtlich Verantwortlichen für die Redaktion des Revolutionären Wegs bekannt machen, und über seinen Tatsachenbericht »So war's damals …« wird seine Rolle beim Parteiaufbau für Außenstehende nicht genügend deutlich. Denn die Redaktion des Revolutionären Wegs wird ja nicht vom Parteitag gewählt, sondern ist – jedenfalls formal gesehen – eine Abteilung, die der Zentralen Leitung unterstellt ist.

Wenn unser Vorschlag vom Parteitag angenommen wird, sollten wir auch darauf achten, daß wir ihn immer als »Ehrenvorsitzenden und Leiter der Redaktion des Revolutionären Wegs« bezeichnen. Dadurch können wir deutlich machen, daß er sich mit seiner ganzen Kraft für die Weiterentwicklung unserer Linie mit dem Revolutionären Weg einsetzt. Das wird ihn ja auch grundsätzlich von »Ehrenvorsitzenden« bei bürgerlichen Vereinen oder Parteien unterscheiden, für die so ein Titel Lorbeeren sind, auf denen sie sich ausruhen.

Zum Schluß möchten wir darauf hinweisen, daß es in der alten KPD selbstverständlich war, einzelne Genossen zu propagieren.

Ob Du, Genosse Willi, überhaupt mit unserem Vorschlag einverstanden bist, wissen wir nicht. Wir hoffen das natürlich, weil wir meinen, daß Du dadurch zur Propagierung der neuen Partei beitragen kannst. Insofern würde die Wahl zum Ehrenvorsitzenden nicht nur das Vertrauen der Partei in Dich, sondern auch Dein Vertrauen in die neue Partei ausdrücken.

Im Auftrag der Ortsgruppe Bielefeld
Politischer Leiter der KABD-Ortsleitung

Betreff: Ehrenvorsitzender 21. 5. 82

Liebe Genossen!

Besten Dank für Euren Brief vom 5. 5. 82. Euer Vertrauen ehrt mich, aber ich bin nicht einverstanden mit Eurem Vorschlag, der Parteitag solle mich zum Ehrenvorsitzenden wählen. Hier meine Gründe:

1. Es gibt den bürgerlichen Ehrgeiz, sich mit dem Titel »Ehrenvorsitzender« in der Öffentlichkeit zu sonnen und auf Verdienste der Vergangenheit zu pochen. Ich weiß, so was mutet ihr mir nicht zu.

2. Es gibt den proletarischen Ehrgeiz, sich sein Leben lang mit aller Kraft, mit seinem ganzen Wissen und Können für die Arbeiterklasse einzusetzen, solange das möglich ist. Die Anerkennung dieser Tätigkeit durch die Genossen und Kollegen soll sich nicht in dem Titel »Ehrenvorsitzender« ausdrücken, sondern als Vorbild wirken für die eigene revolutionäre Tätigkeit, als Aufforderung, ein mutiger Kämpfer für den Klassenkampf zu werden und zu bleiben.

3. Bebel sagte mal: »Wenn dich die Feinde loben, dann hast du sicher Fehler gemacht!« Angefangen von der bürgerlichen Presse, über die DKP bis hin zu den sogenannten »linken« Gruppen bin ich wegen meiner theoretischen und politischen Arbeit angegriffen, verleumdet und diffamiert worden wie kein anderer Genosse. Das besagt doch, daß ich das richtige Ziel und den richtigen Weg befolgt habe. Meine proletarische Ehre braucht nicht durch Hervorhebung als »Ehrenvorsitzender« gestützt werden.

4. Der praktische Wert eines Ehrenvorsitzenden wäre, daß er an den Plenumssitzungen der Zentralen Leitung oder des Zentralkomitees teilnehmen könnte. Aber es wird auch ohne das keinen Leitungsgenossen geben, der mir den Wunsch nach Teilnahme an einer Plenumssitzung ablehnen würde. Damit entfällt auch der praktische Wert eines »Ehrenvorsitzenden«.

5. Die Herausstellung meines Namens als Verantwortlicher des Revolutionären Wegs hat doppelte Bedeutung: a) weil ein Impressum verlangt wird, um gegebenenfalls gegen den Verantwortlichen gerichtlich vorgehen zu können, b) die persönliche Verantwortung unseren Organisationen gegenüber, um möglichst Fehler zu vermeiden. Das ändert sich auch nicht durch die Erweiterung des Impressums »Ehrenvorsitzender und Leiter der Redaktion Revolutionärer Weg«.

6. Meine persönliche Rolle beim Aufbau einer neuen revolutionären Partei ist bei Freund und Feind mehr oder weniger bekannt und braucht nicht durch den Titel »Ehrenvorsitzender« besonders hervorgehoben werden.

Liebe Genossen, ich hoffe, daß Ihr meine Gründe versteht und anerkennt. Und wenn Ihr mich »ehren« wollt, dann verstärkt Eure ideologische, politische und organisatorische Arbeit beim Aufbau der revolutionären Partei in Verbindung mit der Organisierung und Führung von Kämpfen der Arbeiterklasse.

In diesem Sinne herzliche Kampfesgrüße
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1979

Über die theoretische Arbeit

Lieber Willi, 24. 9. 79

bevor Du in Kur fährst, will ich mich wenigstens bei Dir melden. Ich habe Dir gegenüber (und auch der Organisation gegenüber) ein schlechtes Gewissen, daß das erst so spät erfolgt. Aber bisher hatte ich so wenig vorzuweisen, daß ich mich ganz bewußt in die Arbeit und das Studium gestürzt habe, um der übernommenen Aufgabe wenigstens einigermaßen gerecht zu werden. Es muß aber überprüft werden, ob ich noch einmal so eine umfangreiche Aufgabe übernehme. Denn mein Wissen von den Zusammenhängen von Strategie und Taktik war vorher gleich Null.

Ich möchte Dir auch sagen, daß ich ein Genauigkeitsfanatiker bin. Ich versuche, das Problem gründlich zu lösen. Sonst würde ich gar nichts veröffentlichen. Jetzt steht die Sache bei mir so, daß ich langsam Land sehe. Ich habe durch die Aufgabe ziemlich viel gelernt, eigentlich wie schon lange nicht mehr.

Bevor ich Dir aber einen Überblick über meine Studien gebe, möchte ich noch auf ein Problem eingehen, das mir der springende Punkt zu sein scheint. Wenn man Lenin studiert, staunt man über die Reichhaltigkeit der Taktik, der taktischen Losungen. Ein Beispiel: Die Bauernfrage …

Alle diese drei Losungen in der Bauernfrage beruhten auf einer genauen Analyse, einer genauen materialistischen Kräftebestimmung. Das ist sozusagen ein Paradebeispiel für die richtige Bestimmung von Strategie und Taktik. Aber damit wird gleichzeitig auch das entscheidende Problem deutlich: Die dialektische Methode ist das entscheidende Kettenglied …

Herzliche Grüße
Dein H.

Lieber H.! 5. 11. 79

Entschuldige bitte, daß ich Deinen Brief vom 24. 9. erst jetzt beantworten kann …

Es geht allen Genossen so, daß sie zuerst die theoretische Arbeit unterschätzen, bevor sie ans Ausarbeiten kommen. Ich habe erfahren: Je mehr man weiß, um so mehr kommt man zu der Erkenntnis, daß man doch recht wenig weiß. Je gründlicher man etwas auszuarbeiten versucht, desto größer werden die Schwierigkeiten, die man überwinden muß. Dabei darf man den Mut nicht verlieren. Unter keinen Umständen darf man oberflächlich werden, lieber etwas mehr Zeit verwenden.

Ich habe schon damit gerechnet, daß wir die Herausgabe des Revolutionären Wegs 20 verschieben müssen. Das ist aber auch nicht schlimm, denn die Genossen haben noch genug am Revolutionären Weg 16–19 zu knabbern, und sie werden sich mit Sicherheit auch mit meinem Buch »So war's damals …« beschäftigen.

Deshalb meine ich, wenn Du Ende des Jahres soweit bist, bin ich zufrieden. Das heißt nicht, langsamer arbeiten, sondern gründlicher! Du darfst nicht nachlassen, Du schreibst selbst, durch die Arbeit viel gelernt zu haben. Glaubst Du, ich hätte ohne Absicht Dich für die Arbeit herangezogen? Du steckst in der Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, schlägst Dich mit Tagesfragen herum und bewegst Dich dabei immer an dem Abgrund des Opportunismus wie alle unsere Betriebsgenossen. Nur die gründliche Kenntnis des Marxismus-Leninismus und die ständige Anwendung der dialektischen Methode bewahrt Dich und alle Genossen vor dem Absturz. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachte auch die Teilnahme an dem Gewerkschaftslehrgang. Darum ist die Mitarbeit am Revolutionären Weg 20 für Deine Entwicklung von besonderer Bedeutung. Unterrichte mich über den weiteren Verlauf Deiner Arbeit.

Herzlichen Gruß
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1979

Fragen zur Erlernung der dialektisch-materialistischen Methode

Lieber Willi! 23. 1. 79

Im Revolutionären Weg 15 heißt es: »Das Liquidatorentum Jacobs hat dem KABD eindringlich seine Schwächen vor Augen geführt und deutlich gemacht: Die Kommunisten müssen die dialektisch-materialistische Methode beherrschen lernen, das ist eine vorrangige Aufgabe.« (S. 101)

Seitdem sind über zwei Jahre vergangen, ohne daß bei irgendeiner Leitung (soweit ich das beurteilen kann) Klarheit darüber besteht, wie diese »vorrangige Aufgabe« zu lösen ist. Sicher kann man nicht sagen, daß wir in dieser Hinsicht keinerlei Fortschritte gemacht hätten. Die Schulungen, die Praxis und ihre Aufarbeitung zum Beispiel in der Broschüre »Schluß mit der Froschperspektive«, alles das trägt ohne Zweifel dazu bei, daß wir die dialektisch-materialistische Methode erlernen. Doch kommt mir das alles eher spontan vor beziehungsweise von der Praxis erzwungen, aber nicht als ein bewußter Prozeß. Dabei ist schon der theoretische Stand der Genossen sehr unterschiedlich; so bin ich überzeugt, daß viele den Revolutionären Weg 6 oder Mao Tsetungs »Über den Widerspruch« höchstens mal überflogen haben. Und die Anwendung in der Praxis ist doch überwiegend ziemlich über den Daumen gepeilt. Diese Schwächen zeigen sich dann auch ständig von neuem. Hier nur einige Beispiele:

– Immer wieder treten Fragen und Widersprüche zum Verhältnis von Theorie und Praxis und Agitation und Propaganda auf (siehe zum Beispiel jetzt in Bayern und die Verwirrung, die die ausgesprochen schwache Schrift von Karuscheit/Schröder hervorruft).

– Unklarheiten bei der Behandlung innerparteilicher Widersprüche: Wann wird ein Widerspruch antagonistisch usw.

– Fehler und Schwierigkeiten, die sich bei der Erstellung von Analysen und vor allem Arbeitsplänen zeigen.

– Einseitige Bewertung bestimmter praktischer Erfahrungen. Zum Beispiel tritt in den KSG immer wieder die Frage auf, was man eigentlich von rückschrittlichen Arbeitern lernen soll, wird Resignation immer wieder dadurch hervorgerufen, daß negative Erfahrungen verabsolutiert werden … Natürlich ist klar, daß man die dialektisch-materialistische Methode nicht einfach so lernen kann, wie man zum Beispiel die Handhabung eines Bohrers erlernt. Ganz deutlich wird das bei dem letzten der aufgeführten Punkte. Es sind durchaus nicht unbedingt junge Genossen mit wenig theoretischer und praktischer Erfahrung, die solche Fehler machen. Die richtige dialektischmaterialistische Einstellung zu Arbeitern können wir nur bekommen, wenn wir uns mit den Arbeitern verbinden, also unsere Denkweise verändern. Andererseits verhindert aber wiederum undialektisches und unmaterialistisches Herangehen, daß diese engere Verbindung überhaupt zustandekommt.

Ich überlege mir, ob es nicht zumindest ein Beitrag zur Lösung dieser Widersprüche sein könnte, wenn wenigstens die Leitungen mal eine Schulung zum dialektischen Materialismus durchführen würden. Ich könnte mir das in verschiedenen Schritten vorstellen:

a) Entstehung des dialektischen Materialismus und Aneignung der Grundaussagen

b) Verdeutlichung an verschiedenen Erscheinungen der Geschichte, der Naturwissenschaften usw.

c) Studium einer Untersuchung zum Beispiel von Mao Tsetung, um die Anwendung des dialektischen Materialismus herauszuarbeiten

d) Anwendung des Gelernten zum Beispiel bei der Untersuchung einer Ortsgruppe, bei der Erstellung eines Rechenschaftsberichts oder ähnlichem

Ich würde gern Deine Meinung dazu hören

Mit revolutionären Grüßen
D.

Liebe Genossen! 19. 5. 79

Euren Brief vom 23. 1. 79 habe ich am 4. 4. bekommen, und wenn ich ihn erst heute beantworten kann, so hat das seine Gründe. Darum bitte ich um Entschuldigung.

Wir müssen unterscheiden zwischen Theorie und Methode des dialektischen Materialismus. Der Revolutionäre Weg 6 behandelt im wesentlichen die dialektische Methode, soweit sie für die Arbeiterbewegung wichtig ist. Wir müssen die dialektische Methode beherrschen können, um als Partei der Arbeiterklasse den Klassenkampf des Proletariats zu führen. Wir müssen sie meistern, wenn wir die Partei und andere Organisationen des Proletariats leiten wollen. Daß in unseren Organisationen so viele Fehler gemacht werden, beweist, daß die dialektische Methode nicht voll beherrscht, das heißt nicht begriffen wird. Dagegen gibt es keine Rezepte, nur Anleitung. Diese geben uns die Klassiker des Marxismus-Leninismus, vor allem Lenin. Der Revolutionäre Weg 6 bringt auf Seite 23–25 Lenins »Bestimmung der Dialektik«. Als ich diese vor Jahrzehnten zum erstenmal in Händen hatte, habe ich tagelang darüber nachgegrübelt, was die einzelnen Punkte bedeuten und was dahinter steckt. Dann ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Bei allen wichtigen Fragen habe ich sie mir genommen, Fragen, Probleme, Aufgaben, Stellungnahmen, Maßnahmen, kurz, alles womit eine Leitung zu tun hat, mit Hilfe der Bestimmung der Dialektik zu beleuchten, zu untersuchen, zu charakterisieren, zusammenzufassen und dann zu entscheiden. Je gründlicher das gemacht wird, um so zutreffender, das heißt fehlerloser, wird das.

Oder anders ausgedrückt: Wir müssen uns das zweifache Denken angewöhnen. Zuerst in die Tiefe denken, das heißt ein Problem von allen Seiten analysieren, um den Kern zu finden, dann die Beziehungen zu anderen untersuchen, die Widersprüche aufdecken, den Kampf dieser Widersprüche feststellen und die analysierten Teile zusammenfassen.

Dann folgt das zweite Denken, das Perspektivdenken: festlegen, wo wir mit dem Problem hinwollen. Übergang von Quantität in Qualität, das heißt die vorher gewonnenen Erkenntnisse konkret anwenden; nur so gelingt der Sprung zu höherer Erkenntnis, »unendlicher Prozeß der Erschließung neuer Seiten, Beziehungen usw.« (Lenin).

Das sind nur einige Hinweise, aber die dialektische Methode liegt gerade darin, daß jeder Genosse seinen eigenen Kopf gebrauchen muß. Darum, Genossen, gebraucht ihn in ständiger Verbindung und im engsten Sinne der Bestimmung Lenins, und es werden die in Eurem Brief aufgezeigten Mängel verschwinden. Der Vorschlag, eine Schulung der Leitungen über die dialektische Methode durchzuführen, ist sehr gut, und man sollte dabei mit Lenins Bestimmungen der Dialektik beginnen.

Mit revolutionärem Gruß
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1979

Über die Fehler Stalins

Lieber Genosse W. D.! 20. 4. 79

Wie Du sicher aus dem der Redaktion Revolutionärer Weg bereits zugeschickten Beitrag »Kritik zu Stalins Position zum innerparteilichen Kampf« und aus den Mitteilungen von Zentraler Leitung und Zentraler Kontrollkommission ersehen konntest, gibt es in meiner Ortsgruppe erhebliche Widersprüche zu der Einschätzung Stalins als Klassiker durch unsere Organisation. In dem oben erwähnten Beitrag haben wir geschrieben, daß wir uns auch weiterhin mit diesem Problem befassen wollen und dabei auch die Mithilfe der Organisation brauchen; mit anderen Worten, wir forderten die Genossen auf, eine vertiefte Diskussion über die Bedeutung Stalins zu führen.

Zur Zeit setzen wir uns vor allem mit Deinem Buch »Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion« (Revolutionärer Weg 7–9) auseinander und hier vor allem mit dem ersten Teil (Revolutionärer Weg 7). Dabei bin ich auf eine Stelle gestoßen, die mir erhebliches Kopfzerbrechen bereitet und mir sehr bedenklich erscheint. Es dreht sich um die für die Beurteilung Stalins überaus wichtige Phase der Klassenauseinandersetzungen in den Jahren 1937/38. Über den Umfang der damaligen Säuberungen schreibst Du unter anderem (S. 40):

»Gewiß waren auch Unschuldige durch die Handlungen der Staatsmacht betroffen, nicht zuletzt auch durch die Erbärmlichkeit der kleinbürgerlichen Intelligenzler bedingt, die sich selbst durch gegenseitige Denunziationen, Verleumdungen und falsche ›Geständnisse‹ schadeten und oft ehrliche, dem Sozialismus treu ergebene Menschen der Teilnahme an konterrevolutionären Umtrieben beschuldigten. General Gorbatow, der damals auch verhaftet und dann von Stalin rehabilitiert wurde, schildert in seinem Buch ›Die geköpfte Armee‹ (das in der Sowjetunion verfilmt wurde), wie seine Mitgefangenen ihn überreden wollten, irgend etwas zu ›gestehen‹, was er mit Verachtung zurückgewiesen hatte. Aber diese elenden Kreaturen waren nach Chruschtschow ›unschuldige Opfer‹ Stalins.«

Ich habe vor kurzem das von Dir erwähnte Buch Gorbatows in die Hand bekommen, und es ist mir ehrlich gestanden völlig unverständlich, wie Du Gorbatow als Zeugen für Deine Auffassung heranziehen kannst, ein großer Teil der unschuldigen Opfer sei nicht zuletzt dem unverantwortlichen Handeln kleinbürgerlicher Intelligenzler zuzuschreiben.

Schildert Gorbatow in seinem Buch nicht geradezu ein erschrek-kendes Bild von fast vollkommener Gesetzlosigkeit, Willkür und brutaler Foltermentalität? Ist Gorbatow nicht vielmehr ein Zeuge der Auffassung, daß die in Deinem Buch beschriebenen Maßnahmen durch nichts zu rechtfertigen waren …?

Mußte man unter diesen Umständen kleinbürgerlicher Intelligenzler sein, um den furchtbaren Foltern, die Gorbatow beschreibt, zu erliegen? Unter solchen Umständen kein Geständnis abzulegen bedeutet doch, Heldenhaftes zu leisten. Darf man denn von der Folter gepeinigte Menschen als »elende Kreaturen« bezeichnen, wie Du es tust? Müssen wir Kommunisten nicht vielmehr diese dem Sozialismus hohnsprechenden Gesetzlosigkeiten verurteilen und uns auf die Seite der Gefolterten stellen und rücksichtslos danach forschen, wie es in einem sozialistischen Staat dazu kommen konnte?

Diese Fragen stellen sich mir, weil ich annehme, daß Du Gorbatow für einen glaubwürdigen Zeugen hältst, da Du ihn im Revolutionären Weg 7 positiv hervorhebst. (Auch ich halte seine Darstellung für glaubwürdig.)

Es kann allerdings sein, daß Du Gorbatows Darstellung in wesentlichen Punkten für falsch hältst. Dann stellt sich aber die Frage, warum Du einen unglaubwürdigen Zeugen zur Bestätigung Deiner These von der Denunziantenmentalität der kleinbürgerlichen Intelligenzler heranziehst und auf welches Material Du Dich stützt, das Gorbatows Aussagen glaubhaft widerlegen würde.

Ich schreibe diesen Brief, weil ich glaube, daß es besser ist, bevor man eine »hochoffizielle« Kritik vom Stapel läßt, sich um eine mögliche Klärung von aufgetauchten Fragen zu bemühen, auch um Voreiligkeiten in der Kritik zu vermeiden.

In diesem Sinne hoffe ich, sobald es Dir möglich ist, auf eine Beantwortung der obigen Fragen. Für Deine Bemühungen im voraus vielen Dank.

Mit kommunistischem Gruß
Sch.



Lieber Genosse Sch.! 15. 5. 79

Deinen Brief vom 20. 4. 79 habe ich am 15. 5. erhalten. Ich habe den Eindruck, daß Ihr Euch in Theoretisieren verstrickt und am Ende vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr seht. Geht nur nicht abstrakt an die Probleme heran!

Ist Stalin ein Klassiker des Marxismus-Leninismus? Bis zum XX. Parteitag der KPdSU hat kein Kommunist daran gezweifelt. Chruschtschows üble Geheimrede, die uns Kommunisten damals von der KPdSU vorenthalten wurde, war das Startsignal zur Verurteilung Stalins, ideologisch und persönlich. Ulbricht und Reimann, die vorher mit Stalin einen übertriebenen Kult getrieben hatten, erklärten nach ihrer Rückkehr vom XX. Parteitag: »Stalin ist kein Klassiker!« Es besteht doch wohl in Eurer Ortsgruppe kein Zweifel darüber, daß Ulbricht und Reimann zu den modernen Revisionisten gerechnet werden müssen. Ihr Urteil ist also nicht vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus geprägt, sondern vom Revisionismus. Ob ihr Urteil auf eigenem revisionistischen Mist gewachsen ist oder ob sie es von den Oberrevisionisten aus Moskau bedenkenlos übernommen haben, ist dabei nebensächlich. Die Ursache der Verurteilung Stalins ist die revisionistische Entartung der Bürokratie.

Man muß die gesamten Werke Stalins heranziehen, um festzustellen, ob Stalin ein Klassiker des Marxismus-Leninismus ist. Leider wurden die letzten vier Bände nicht mehr ins Deutsche übersetzt (auf russisch gibt es 20 Bände), trotzdem lassen die bisher ins Deutsche übersetzten Werke vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus den Schluß zu, daß Stalin ein Klassiker ist. Heißt das nun, daß Stalin keine Fehler gemacht hat? Keineswegs!

Stalin hat Fehler gemacht, und wir haben in verschiedenen Nummern des Revolutionären Wegs bestimmte Fehler kritisiert und das auch nachgewiesen. Aber deshalb bleibt Stalin doch ein Klassiker des Marxismus-Leninismus. In der dialektischen Einheit von Weiterentwicklung des Marxismus und einzelnen ideologischen Fehlern ist bei Stalin die Weiterentwicklung des Marxismus die Hauptseite, und nur Revisionisten werden das nicht akzeptieren.

Dasselbe gilt für die Beurteilung Mao Tsetungs als Klassiker des Marxismus-Leninismus. Hier liegt der entscheidende Fehler der Führung der Partei der Arbeit Albaniens; sie gerät dabei in das Fahrwasser der modernen Revisionisten, sowohl der sowjetischen wie auch der chinesischen revisionistischen Führung. Die chinesische Führung hält sich aus taktischen Gründen bei der Verurteilung Mao Tsetungs noch zurück, obwohl sie in ihren Handlungen bereits Revisionisten sind. Die spanischen Revisionisten gehen schon so weit, auch Lenin aus den Reihen der Klassiker zu streichen, und das ist nur folgerichtig von ihrem revisionistischen Standpunkt aus. Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tsetung müssen konsequenterweise von allen Revisionisten als Klassiker abgelehnt werden, auch wenn sie den einen oder anderen aus Opportunitätsgründen oder aus Tarnung noch als Firmenschild benutzen. Das ist die Kernfrage: Wer sich ideologisch auf den revisionistischen Weg begibt, muß auf kurz oder lang in Widerspruch zu der Anerkennung der Klassiker des Marxismus-Leninismus geraten, zuerst mit dem einen, dann mit dem anderen, zuletzt mit allen.

Obwohl Stalin ein Klassiker des Marxismus-Leninismus ist, hat er einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hat entgegen der Auffassung Lenins und auch im Gegensatz zu dem, was er selber zum Ausdruck gebracht hatte, nämlich die Massen zum Kampf gegen die Bürokratie zu mobilisieren, darauf verzichtet und statt dessen den Staatssicherheitsdienst gegen die Bürokratie eingesetzt (was zum Teil notwendig war). Dieser Apparat war selber verbürokratisiert. Hier liegt der Punkt, den Du in dem Buch »Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion« nicht verstanden hast. Auf Seite 40 habe ich auf Gorbatow hingewiesen, der durch die Mühle des Staatssicherheitsdienstes gedreht worden war. Ich halte die Schilderung Gorbatows im großen ganzen für wahrheitsgetreu, und ich habe deshalb darauf hingewiesen, weil er den Bürokratismus des Staatssicherheitsdienstes, ohne die Bedeutung zu verstehen, klar aufgezeigt hat:

– Administrative Maßnahmen und schematische Anwendung — statt ideologisch-politische Erziehungsarbeit,

– Gleichmacherei, alle über einen Kamm scheren – statt Differenzierung zwischen aufrichtigen Menschen und Heuchlern, zwischen ehrlichen Revolutionären und verbrecherischen Konterrevolutionären,

– keine Unterscheidung zwischen Widersprüchen im Volk und Widersprüchen zwischen uns und dem Feind,

– Geständnisse durch Einschüchterung am laufenden Band – statt offene, ehrliche Selbstkritik durch Überzeugung.

Das alles kommt in Gorbatows Schilderung zum Ausdruck; das ist das Wesentliche, hier kommt der Bürokratismus des Staatssicherheitsdienstes zum Ausdruck, der nicht weniger gefährlich ist als der Bürokratismus in Partei, Staat und Wirtschaft. Damit ist keine Beurteilung Gorbatows gegeben, denn sein Buch und Film konnten nur mit Zustimmung der führenden Revisionisten veröffentlicht werden. Diese wollten damit Stalin treffen.

Damit ist auch noch nichts über die Anwendung der Mittel gesagt, wozu ich nur sagen will, daß gegenüber unbelehrbaren Konterrevolutionären jedes Mittel angebracht ist. Die Konterrevolutionäre sind gegen Revolutionäre nie zimperlich vorgegangen, vielfach sind die grausamsten Mittel noch mit persönlichem Sadismus verbunden gewesen, was ich im Konzentrationslager selber erlebt habe. Und ich kann Dir sagen, daß ich bei Vernehmungen durch die Gestapo nicht nur mißhandelt worden bin, sondern vor der Frage gestanden habe: entweder Aussagen zu machen oder totgeschlagen zu werden, und ich habe trotzdem über Personen die Aussage verweigert. Stellt Euch auch mal die Frage, was Ihr tun würdet. Sollen Revolutionäre, wenn sie die Macht haben, die Konterrevolutionäre mit Samthandschuhen anfassen?

Wenn aber dieselben Mittel, die gegen Konterrevolutionäre angebracht und notwendig sind, auch auf werktätige Menschen angewandt werden, die gewisse Widersprüche haben, die aber Widersprüche im Volk sind, dann ist das ein Verbrechen, dann müssen die zur Verantwortung gezogen werden, die solche Mittel gegen die werktätigen Menschen anwenden. Wurde das etwa nach dem XX. Parteitag getan? Die neue Bürokratie in Partei, Staat und Wirtschaft verwendet denselben Staatssicherheitsdienst für ihre eigenen Zwecke, so wie sie die verbürokratisierte Armeeführung für die Verteidigung des Kapitalismus neuen Typs verwendet.

Stalins Kampf gegen die Bürokratie durch eine andere Bürokratie war sein größter Fehler. Diese Art wurde noch gefördert durch das Verhalten der beschuldigten Bürokraten, besonders der kleinbürgerlichen bürokratischen Intelligenzler, die sich oft drehen und wenden, kriechen und radfahren, um Karriere zu machen, die nach außen den Biedermann spielen, innerlich aber Konterrevolutionäre sind. Es sind verachtungswürdige Burschen, die, um ihre Haut zu retten und ihre Position zu halten, durch sogenannte Geständnisse andere beschuldigen und Unschuldige schädigen. Sie haben durch ihr Verhalten mit dazu beigetragen, daß der Staatssicherheitsdienst nicht ideologisch-politisch, sondern bürokratisch an die Untersuchungen heranging und dabei selber mehr und mehr schematisch-bürokratisch handelte. Das Ergebnis ist, daß trotz Bekämpfung der Bürokratie durch den Staatssicherheitsdienst die Bürokratie den Sozialismus aufgeben und die Restauration des Kapitalismus vornehmen konnte. Auch die Armeeführung hat das nicht verhindert.

Es gibt nur ein Mittel zur Lösung des Problems der Bürokratie: daß die Massen zum Kampf gegen die Bürokratie mobilisiert werden. Das hat Lenin immer wieder gefordert, Stalin wiederholt, aber nicht verwirklicht und Mao Tsetung durch die Große Proletarische Kulturrevolution praktiziert, wobei mehrere Kulturrevolutionen notwendig werden, um endgültig durch proletarische Erziehung über die Bürokratie zu siegen. Es bleibt die Alternative:

Sieg der Bürokratie bedeutet Sieg der Konterrevolution!

Sieg der Kulturrevolution bedeutet Sieg des Sozialismus!

Ich hoffe, Dir und den Genossen mit diesem Beitrag gedient zu haben.

Rot Front!
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1978

Kritik an der Broschüre »Der Schoß ist fruchtbar noch«: Die »Deutschen Führerbriefe«

23. 2. 78

… An zwei Beispielen haben wir den Versuch unternommen, die Quellen zu ermitteln, aus denen die Zitate stammen. Unter Einschaltung eines Historiker-Kollegen an der Pädagogischen Hochschule ist es uns schließlich auch gelungen. Dabei kamen uns hinsichtlich des quellenkritischen Umgangs der Verfasser der vorliegenden Broschüre doch einige Bedenken.

Die Klassenanalyse Seite 12ff. ist verfaßt von Alfred Sohn-Rethel, sie erschien in den »Deutschen Führerbriefen« Nr. 72 und Nr. 73 vom 16. beziehungsweise 20. September 1932, deren Wiederabdruck erfolgte zuerst im Kursbuch 21/1970, Seite 17–23, mit einem Kommentar des Verfassers versehen; sie ist danach veröffentlicht in: Alfred Sohn-Rethel, »Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus«, Frankfurt/Main 1973, Seite 166ff. (edition suhrkamp 630).

Der Kommentar des Verfassers dieser Klassenanalyse rückt zum einen einige Ungenauigkeiten der KSG-Broschüre zurecht:

– so ist nicht die Klassenanalyse ein Artikel der Privatkorrespondenz des Reichsverbandes der Deutschen Industrie (S. 12),

– sondern die »Deutschen Führerbriefe« waren eine Privatkorrespondenz (eben keine Pressekorrespondenz),

– aber auch sie waren nicht die Privatkorrespondenz des »Reichsverbands der Deutschen Industrie«,

– sondern für die »führenden Kreise des Finanz- und Industriekapitals … einschließlich ihrer politischen Vertrauensleute: Kabinettsmitglieder, Reichswehrspitzen, führende Großagrarier, die Umgebung Hindenburgs etc.« (Sohn-Rethel, a. a. O., S. 25). (Der Reichsverband der deutschen Industrie als Organisation kann mit den »Deutschen Führerbriefen« nur insofern in Verbindung gebracht werden, als sie in Nachbarschaft von dessen Sitz gedruckt und versandt wurden.)

Politisch bedeutsam ist jedoch die Einschätzung der KSG-Broschüre hinsichtlich der Fähigkeiten der Kapitalisten, eine Klassenanalyse zu erstellen. Es heißt Seite 12: »Das heißt jedoch nicht, daß die Kapitalisten etwa nicht in der Lage wären, eine exakte Klassenanalyse zu erstellen, wenn es darum geht, ihre eigene Zukunft zu sichern«, und als Beleg für diese Einschätzung wird die vorliegende Klassenanalyse herangezogen. Das halten wir nach Kenntnis des Kommentars von Sohn-Rethel für problematisch:

– Aus welchen Überlegungen heraus wird Alfred Sohn-Rethel, der nachweislich der Verfasser dieser Klassenanalyse ist, der Kapitalistenklasse zugerechnet?

– Oder welche Hinweise gibt es dafür, zu vermuten, Sohn-Rethel habe für die Kapitalisten die Klassenanalyse als Auftragsarbeit erstellt?

Sohn-Rethel: »Ich war weit davon entfernt, dem diktaturlüsternen Finanzkapital als sein marxistischer Mephistopheles ein Licht über die geeignete Klassenbasis aufstecken zu wollen« (Kursbuch 21, S. 26). »Der Artikel war von mir einzig zum Zweck dieses Wahlkampfs für die Kommunisten verfaßt worden. Nicht, daß die Kommunistische Partei ihn etwa bestellt hätte. Die Partei wußte weder von der Abfassung noch von dem Verfasser des Artikels etwas. Ich schrieb ihn aus eigener Initiative und schickte, nachdem er in den Führerbriefen erschienen war, ein Exemplar an die Rote Fahne. Mehr bedurfte es zur Zündung der Bombe nicht. Aus didaktischen Gründen nahm ich in dem Artikel den Standpunkt des Großkapitals als Blickwinkel ein …« (a. a. O., S. 33).

»Freilich bleibt noch der zweite Teil der Frage zu beantworten, wie es nämlich gelingen konnte, die politisch doch keineswegs blöde Schriftleitung der ›Führerbriefe‹ zu einer ihr so extrem widersprechenden Funktion zu benutzen. Nun, ich kann nur sagen, daß das auch wirklich unbegreiflich wäre, wenn die schlauen Füchse des Kapitals nicht eben doch sehr dumm wären, wo Erkenntnis und nicht bloß Manipulation zur Frage steht … Jedenfalls war es fast ein rührender Anblick, die Schriftleiter der ›Führerbriefe‹ am Tage nach der kommunistischen Explosion meines Artikels über Exemplare der Roten Fahne gebeugt zu finden, angestrengt bemüht, aus den in den Text eingesprengten Kommentaren zu verstehen, was in dem Artikel eigentlich steckte … Der Kern der großkapitalistischen Macht sieht eben doch anders aus, als viele Zaungäste ihn sich vorstellen. In diesem Kern herrscht bei aller Gerissenheit vollkommene Wirrnis, und nichts kann ihm fremder sein als sein eigener Begriff.« (a. a. O., S. 33f.)

Demnach ist diese Klassenanalyse weder von den Kapitalisten erstellt, noch ist sie Auftragsarbeit eines Marxisten für die Kapitalisten, noch haben die Kapitalisten den politischen Gehalt recht begriffen – wie immer man auch die Einschätzung Sohn-Rethels hinsichtlich seiner Tätigkeit politisch bewerten mag: Die Aussage in der KSG-Broschüre, daß die Kapitalisten in der Lage sind, eine exakte Klassenanalyse zu erstellen, läßt sich mit dem angeführten Textauszug unter Berücksichtigung seiner Entstehungsbedingungen nicht belegen. Allenfalls ließe sich die Behauptung vertreten, daß den Kapitalisten eine exakte Klassenanalyse zur Verfügung gestanden hat. Eine solche Aussage gibt jedoch agitatorisch nichts her, denn mehr oder weniger exakte Klassenanalysen stehen Kapitalisten allemal zur Verfügung, wenn sie kommunistische Publikationen lesen. Ist es dann aber zulässig, aus agitatorischen Gründen die historische Wahrheit ein wenig zu verbiegen? Wir meinen, daß das nicht zulässig ist, und bekämpfen mit Entschiedenheit solcherart Manipulationen bei den Revisionisten, Opportunisten und Sektierern. Wir meinen, daß diese Textpassage in der KSG-Broschüre in einer erneuten Auflage überarbeitet gehört …

Rot Front!

Berufstätige intellektuelle Genossen (BIG)

Ostwestfalen, Ortsleitung (H.)



Liebe Genossen! 28. 3. 78

Die Zentrale Leitung der KSG schickt mir Eure Kritik an einer Stelle der obigen Broschüre zu, die ohne Quellenangabe dem Revolutionären Weg 6 entnommen wurde. Die Kritik ist also in Wirklichkeit gegen die Redaktion des Revolutionären Wegs beziehungsweise den Verantwortlichen gerichtet. Darum werde ich sie hiermit beantworten.

Ich möchte zunächst folgendes geklärt wissen: War Euch der Inhalt des Revolutionären Wegs 6 »Die dialektische Methode in der Arbeiterbewegung« bei Abfassung der Kritik nicht bekannt – was allerdings bedauerlich, aber verständlich wäre –, oder war er Euch doch bekannt und wolltet Ihr auf Umwegen eine Kritik an den Revolutionären Weg beziehungsweise seinen Verantwortlichen richten? Letzteres wäre deshalb von Übel, weil es keine ehrliche offene Kritik, keine dialektische Kritik wäre (siehe Revolutionärer Weg 10). Ich begrüße jede ehrliche, offene Kritik, auch wenn sie nicht den Kern trifft oder sogar falsch ist, denn dann muß man sich damit auseinandersetzen.

Nun zur Sache selbst. Eure Kritik fußt nur auf den Aussagen von Alfred Sohn-Rethel im Kursbuch 21 vom September 1970, und Ihr nehmt sie für bare Münze! Daß es eine verspätete Rechtfertigung seiner Person sein sollte, habt Ihr anscheinend nicht verstanden. Ihr knackt an der Schale herum, ohne den Kern zu erreichen. Schlagt die Schale kaputt und benutzt den Kern, wie wir das im Revolutionären Weg 6 getan haben! Der Kern ist die ausgezeichnete Analyse über die Klassen- und Parteien-Situation Ende 1932! Es ist vollständig gleichgültig, welcher Vertreter oder Agent der Monopolbourgeoisie diese Analyse geschrieben hatte, denn das ist nur die Schale.

Statt von dem Kern auszugehen, geht Ihr von der Schale aus und schreibt: »Der Kommentar des Verfassers (Sohn-Rethel) dieser Klassenanalyse rückt zum einen einige Ungenauigkeiten der KSG-Broschüre (beziehungsweise des Revolutionären Wegs 6) zurecht.« Ihr haltet also die 38 Jahre später dargestellte Rechtfertigung für eine Wahrheit. Abgesehen von einigen Kleinigkeiten, die Sohn-Rethel nachträglich korrigiert, und über die Ihr Euch in der weiter unten von mir angegebenen Quelle näher informieren könnt, schreibt Ihr dann:

»Politisch bedeutsam ist jedoch die Einschätzung der KSG-Broschüre hinsichtlich der Fähigkeiten der Kapitalisten, eine Klassenanalyse zu erstellen … Das halten wir nach Kenntnis des Kommentars von Sohn-Rethel für problematisch.«

Ihr haltet demnach – gestützt auf einen Vertreter des Monopolkapitals – die Organe des Monopolkapitals für unfähig, eine politische Klassenanalyse zu erstellen? Wobei es doch wohl gleichgültig ist, ob ein Konzernherr oder seine bezahlten Beauftragten beziehungsweise Agenten solche Analysen herstellen. Lest Euch doch nur die Jahresberichte des BDI oder der BDA durch oder sonstige für die Monopolkapitalisten bestimmte Informationen, und Ihr werdet eines Besseren belehrt. Auch die bürgerlichen Wissenschaftler haben ohne Kenntnis des dialektischen Materialismus oft hervorragende Forschungsergebnisse erzielt, wobei sie unbewußt die dialektische Methode angewandt haben. Ob es sich nun um wissenschaftliche oder politische Analysen handelt, sie werden dann zutreffen, wenn sie die dialektische Methode – bewußt oder unbewußt – als Grundlage haben.

Ihr stellt die (entschuldigt bitte) naive Frage: »Aus welchen Überlegungen heraus wird Alfred Sohn-Rethel … der Kapitalistenklasse zugerechnet?« Aber Genossen, zu welcher Klasse denn sonst? In »Blätter für deutsche und internationale Politik« 2/1974 wird eine ausführliche Antwort auf Sohn-Rethels Artikel im Kursbuch 21 gegeben und werden auch weitere »Führerbriefe« des Jahres 1932 veröffentlicht. Beschäftigt Euch deshalb mit dem Artikel Seite 154 ff. Hier heißt es über die Entwicklung und Tätigkeit Sohn-Rethels unter anderem:

»Die Autorenschaft Sohn-Rethels bestätigt – angesichts der Position, die Sohn-Rethel damals einnahm – die Einschätzung des ›Führerbrief‹-Artikels als eines Dokumentes aus dem inneren Kreis der Finanzoligarchie. Sohn-Rethel war als wissenschaftlicher Assistent der einzige Mitarbeiter Max Hahns, des Geschäftsführers des MWT (Mitteleuropäischer Wirtschaftstag). Bis zur Übernahme dieser Funktion (und auch danach) war Hahn enger Vertrauter von Max Schlenker, dem einflußreichen Geschäftsführer des mächtigen schwerindustriellen ›Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen‹ (des sogenannten Lang-namvereins) und in Personalunion zugleich auch Geschäftsführer der Nordwestlichen Gruppe des Vereins Deutscher Eisen-und Stahlindustrieller.

Freilich war Sohn-Rethel in ein solches Milieu nicht hineingeboren worden. Er entstammte einer Künstlerfamilie, die sich der Mäzenatenschaft des Ruhrmagnaten Poensgen (Vorsitzer des Vorstands der Vereinigten Stahlwerke – W. D.) erfreute. Durch dessen Vermittlung wurde Sohn-Rethel Sekretär von Max Hahn im Mitteleuropäischen Wirtschaftstag, dessen Vorsitz kein Geringerer innehatte als der Krupp-Schwager Tilo von Wilmowski. Alle Gruppen des Finanzkapitals, die im Weimarer und im faschistischen Deutschland an Expansion und Aggression in Richtung Ost- und Südosteuropa interessiert waren, trafen sich unter dem gemeinsamen Dach des MWT, wo die strategischen und taktischen Pläne für das innen- und außenpolitische Vorgehen und der notwendige Ausgleich divergierender Interessen beraten und gegebenenfalls auch entsprechende Schritte beschlossen wurden. In dieser Kontaktstelle und Führungszentrale, einem echten ›Rat der Götter‹, wirkte Sohn-Rethel von Anfang der 30er Jahre bis zum Jahre 1936 mit. Dann verließ er etwas eilig, aber immerhin mit einem Empfehlungsbrief von Poensgen an den Chefredakteur der ›Times‹ versehen, Deutschland, um auch in England mit Hilfe Monta-gu Normans (damaliger Präsident der Bank von England) bald Zugang zu den höchsten Zirkeln zu erhalten, wie zum Beispiel zum Churchill-Kreis, auf dessen Tagung er hin und wieder die Ergebnisse seiner Sammlung von Informationen über die Entwicklung in Deutschland vortragen durfte. So war es nur natürlich, daß Sohn-Rethel nach dem Ende des II. Weltkrieges seine gründlichen Erfahrungen mit dem MWT im Blatt der britischen Besatzungsmacht in Deutschland veröffentlichte. Danach aber war von ihm, der seinen Wohnsitz weiter in England behielt, in Deutschland nichts mehr zu hören – bis zu jenem ›Kursbuch‹-Artikel aus dem Jahre 1970. Dieser Artikel verschaffte ihm in der BRD den Ruf eines Marxisten; nicht lange nach Erscheinen dieses Artikels erfolgte seine Übersiedlung in die BRD.«

Könnt Ihr danach noch daran zweifeln, daß Sohn-Rethel ein Vertreter oder Agent des Monopolkapitals war? Er war auch kein Marxist, eher ein Trotzkist, aber zweifellos hatte er bestimmte Kenntnisse des Marxismus, und das haben nicht wenige Agenten des Monopolkapitals, ohne den Marxismus in seinem Wesen begriffen zu haben. Auch der Verfassungsschutz bildet Spezialagen-ten aus, die den Marxismus-Leninismus gründlich studieren müssen, ohne wirkliche Marxisten-Leninisten zu sein. Wie könnt Ihr den Rechtfertigungsversuchen eines Agenten des Kapitals auf den Leim gehen?

Rot Front!
Willi



Betrifft: Unsere Kritik an der Broschüre »Der Schoß ist fruchtbar noch« vom 23. 2. 1978
hier: Euer Schreiben vom 28. 3. 1978

Lieber Genosse Willi! 19. 5. 78

wir danken Dir sehr herzlich für Dein klärendes Schreiben und bitten um Dein Verständnis dafür, daß wir es nicht umgehend beantwortet haben. Daraus spricht nicht Gleichgültigkeit oder Nachlässigkeit gegenüber Deiner Kritik, die gemeinsame Klärung einiger der angesprochenen Fragen bei uns im BIG-Kollektiv hat halt doch ein wenig Zeit beansprucht.

Zunächst zu Deiner Eingangsfrage: Tatsächlich hatten wir den Revolutionären Weg 6 nicht gründlich genug studiert, so daß uns beim Lesen der von uns kritisierten Broschüre nicht aufgefallen ist, daß das Zitat (das allerdings auch nicht als solches ausgewiesen ist!) aus dem Revolutionären Weg 6 stammt. Es hat nicht in unserer Absicht gelegen, auf dem Umweg über die Kritik an der KSG-Broschüre eine Kritik an den Revolutionären Weg beziehungsweise seinen Verantwortlichen zu richten. Wir stellen jedoch selbstkritisch fest, daß wir genau diese Praxis betrieben haben, wenn wir in unserer Kritik an die Herausgeber der KSG-Broschüre hinsichtlich ihrer mangelhaften Zitiermethode auf die gleichen Mängel des Revolutionären Wegs verweisen, anstatt uns in dieser Frage direkt an den Verantwortlichen des Revolutionären Wegs zu wenden.

Auslösendes Moment unserer Kritik waren unsere Probleme und Schwierigkeiten im praktischen Umgang mit den Organen und Publikationen des KABD im Rahmen unserer Berufstätigkeit an Schule und Hochschule. Grundsätzlich halten wir es für richtig und für notwendig, die Organe und Publikationen in unsere Berufstätigkeit einzubeziehen, andererseits können wir das aufgrund unserer Berufstätigkeit nicht offen tun, wenn wir nicht unmittelbar mit Berufsverbot belegt werden wollen. In diesem Dilemma suchen wir folgende Lösung:

1. Wir unterstützen durch unser Bemühen um Umerziehung, durch Hausverkauf, Betriebsverkauf, Arbeit unter den Mittelschichten (auch mit den Organen des KABD) und vielseitige materielle Hilfe diejenige Organisation, die die Voraussetzungen schaffen will und kann, das bestehende Gesellschaftssystem zu stürzen und damit auch das bestehende System von Indoktrinierung in Schulen und Hochschulen.

2. In der praktischen Unterstützungstätigkeit und in der Teilnahme am praktischen Kampf um den Aufbau der Partei bemühen wir uns um die Aneignung und Handhabung der dialektischen Methode, um sie auch in Fragen unserer Berufstätigkeit richtig anzuwenden. Das haben wir in unserer Ausbildung nicht gelernt, das muß von uns mühsam mittels kritisch-selbstkritischer Auseinandersetzung mit Fortschritten und Rückschlägen erworben werden.

3. Gerade deshalb greifen wir auch in unserer Berufstätigkeit an Schule und Hochschule begierig zurück auf die Organe und Publikationen des KABD, wo immer es sich thematisch anbietet ...

Wir halten auch fest – und zwar aus den gleichen Gründen – an unserer Kritik hinsichtlich der unzulänglichen Zitiermethode im Revolutionären Weg. Wir meinen, daß unsere Kritik hier noch gewichtiger ist, denn der Revolutionäre Weg ist das theoretische Organ des KABD. Um so unverzichtbarer ist es unserer Auffassung nach, daß alle Kriterien wissenschaftlicher Arbeitsweise erfüllt werden. Zitate und Belege auszuweisen, Einschätzungen, die auf der Grundlage von Fakten beruhen, welche andernorts zusammengetragen sind, durch Fußnoten nachvollziehbar zu machen und die benutzte Literatur im Anhang aufzuführen – das alles sind unseres Erachtens nicht nur formale Kriterien wissenschaftlicher Arbeitsweise: Diese Angaben schaffen mit die Voraussetzung für eine vertiefte Aneignung. In der praktischen Umsetzung des Revolutionären Wegs stellen sich immer wieder zahlreiche Einzelfragen, auf die der Revolutionäre Weg selbst eine konkrete Antwort nicht gibt. Der Hinweis auf die »Blätter …«, in einer Fußnote im Revolutionären Weg 6 gegeben, hätte uns im vorliegenden Fall die Möglichkeit zu einer vertieften Auseinandersetzung gegeben.

Was ist aber die Ursache dafür, daß wir dem Sohn-Rethel auf den Leim gegangen sind? Sichtbar wird an dem Tatbestand unser mangelndes Vertrauen in die Organisation, mit der uns doch immerhin eine gemeinsame Praxis verbindet, wohingegen wir bereit gewesen sind, Sohn-Rethel genau dieses Vertrauen entgegenzubringen. Uns ist damit klar geworden, wie tief das Mißtrauen in die Arbeiterklasse in uns noch verankert ist und wie blind wir der Bourgeoisie Vertrauen entgegenbringen. Wir sehen jetzt um so klarer, wie unumgänglich und fest die Umerziehung angepackt werden muß. Wir sehen die Frage des Vertrauens jedoch auch als ein dialektisches Verhältnis: Jenes Maß an Vertrauen in die Organisation, das wir durch die praktische Tätigkeit der Organisation und in unserer praktischen Tätigkeit mit der Organisation gewonnen haben, sollte durch ihr theoretisches Schrifttum auch in der von uns angesprochenen Frage gefestigt werden.

Rot Front!

BIG – Ostwestfalen

Ortsleitung (H.)

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1977

»Kritik« an Friedrich Engels

Lieber Willi! 9. 1. 77

Ich habe mich seit kurzem in Marx/Engels Ausgewählten Schriften, Band II, festgelesen. Beim Studium von »Die Entwicklung des Sozialismus …« ist mir verschiedenes unklar geblieben. Zunächst im Vorwort (gegen Ende) Seite 101 schreibt Engels, die deutsche Arbeiterbewegung stünde »sogar innerhalb meßbarer Entfernung vom Triumph«. Im nachhinein hat sich diese engels-sche Prognose ja nicht bestätigt. Daher stellt sich mir folgende Frage: Wie kann es einem Mitentwickler der dialektisch-materialistischen Denkweise unterlaufen, die Entwicklung auf einmal so statisch zu sehen? Engels wußte doch, daß sich die historische Entwicklung nicht geradlinig, sondern in Sprüngen, einem stetigen »Auf und Ab« bewegt, daß eine für den Klassenkampf günstige Situation sich unter gewissen Umständen in eine ungünstige verwandeln kann!

Das ist das eine. Die andere, mir weitaus größer erscheinende Ungereimtheit befindet sich am Anfang des Texts, Seite 105. Im letzten Absatz, beginnend mit »Allen dreien ist gemeinsam …« wird das Werk von Karl Marx (der dürfte wohl gemeint sein) als ein »reiner Glücksfall« hingestellt, der, wenn er »500 Jahre früher« geboren wäre, »der Menschheit 500 Jahre Irrtum, Kämpfe und Leiden erspart« hätte.

Diese Aussage steht doch in krassem Widerspruch zu allen anderen engelsschen Erkenntnissen. Marx und seine Ideen sind doch ein Produkt der historischen Gegebenheiten. Und hätte Marx 500 Jahre früher gelebt, hätte er nie auf die Theorie von der Diktatur des Proletariats kommen können, eben weil es noch kein Proletariat gab. Ich habe das mit meinen Genossen in der Zelle diskutiert, die waren aber ebenfalls ratlos. Deshalb wende ich mich an Dich und bin gespannt, Deine Meinung dazu hoffentlich möglichst bald erfahren zu dürfen. Vielen Dank und

ein frohes, gesundes neues Jahr wünscht Dir
Heiko



Lieber Heiko! 6. 3. 77

Obwohl ich mitten in der Arbeit am Revolutionären Weg 16–18 stehe, will ich doch Deinen Brief vom 9. 1. 77 beantworten, weil man Unklarheiten nicht im Raum stehenlassen soll. An irgendeiner Stelle eines Revolutionären Wegs habe ich darauf hingewiesen, daß man bei den Klassikern des Proletariats unterscheiden muß, was prinzipiell für die ganze Periode des Kapitalismus gilt und was zeitgebunden ist, das heißt, zu Lebenszeiten der Klassiker in der Beurteilung der damaligen Situation richtig war, aber heute nicht oder nur bedingt übertragen werden kann. Wer das nicht berücksichtigt, macht unweigerlich Fehler, weil er nicht dialektisch, sondern metaphysisch herangeht.

Die von Dir zitierte Stelle »… innerhalb meßbarer Entfernung vom Triumph« war damals durchaus möglich. Engels geht in einem Artikel »Der Sozialismus in Deutschland«, 1892 geschrieben (also noch später als das obige Zitat), noch weiter. Er schreibt:

»Die Sozialdemokratische Partei, die einen Bismarck gestürzt, die nach elfjährigem Kampf das Sozialistengesetz gebrochen, die Partei, die wie die ansteigende Flut alle Dämme überbraust, die sich über Stadt und Land ergießt, bis in die reaktionärsten Ackerbaudistrikte, diese Partei steht heute auf dem Punkt, wo sie mit fast mathematisch genauer Berechnung die Zeit bestimmen kann, in der sie zur Herrschaft kommt.«

Dann folgen Zahlen über die sozialdemokratischen Wahlstimmen, die diese Situation kennzeichnen, und Engels stellt der SPD die bürgerliche Seite gegenüber: »Dieser kompakten und stets anschwellenden Masse von Sozialdemokraten gegenüber sehen wir nur gespaltene bürgerliche Parteien.«

Damals begann erst der Übergang des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus, es herrschte noch die parlamentarische Demokratie (heute gibt es keinen echten Parlamentarismus mehr). Es bestand durchaus die Möglichkeit, die Mehrheit im Parlament zu erobern, und doch machte sich Engels keinerlei Illusionen. Dazu lest den II. Abschnitt im Revolutionären Weg 2, wo die Antwort eingehend behandelt wird. Hättet Ihr bei der Diskussion den Revolutionären Weg 2 zugrunde gelegt, müßte Euch die Frage klar sein.

Nun zur zweiten Frage. Du zitierst hier aus dem Zusammenhang, es geht hier Engels um die Darlegung der »Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«, und er zeigt die Utopisten, die alles aus der Vernunft erklären wollten. So heißt es im zweiten Absatz der ersten Seite:

»Die großen Männer, die in Frankreich die Köpfe für die kommende Revolution klärten, traten selbst äußerst revolutionär auf. Sie erkannten keine äußere Autorität an, welcher Art sie auch sei. Religion, Naturanschauung, Gesellschaft, Staatsordnung, alles wurde der schonungslosesten Kritik unterworfen; alles sollte sein Dasein vor dem Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen oder aufs Dasein verzichten. Der denkende Verstand wurde als alleiniger Maßstab an alles angelegt …«

Dazu sagt Engels: »Wir wissen jetzt, daß dies Reich der Vernunft weiter nichts war als das idealisierte Reich der Bourgeoisie … So wenig wie alle ihre Vorgänger konnten die großen Denker des 18. Jahrhunderts hinaus über die Schranken, die ihnen ihre eigene Epoche gesetzt hatte.«

Engels geht dann in dem von Euch zitierten Absatz »Allen dreien ist gemeinsam …« auf die vorher genannten drei großen Utopisten ein, und das Nachfolgende bezieht sich meiner Meinung nach auf deren Auffassung. Es ist allerdings von Engels nicht eindeutig genug ausgedrückt. Halten wir aber den ersten Absatz dagegen, dann wird es klar:

»Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunächst das Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der heutigen Gesellschaft herrschenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten und Lohnarbeitern, anderseits der in der Produktion herrschenden Anarchie …

Wie jede neue Theorie, mußte er (der moderne Sozialismus) zunächst anknüpfen an das vorgefundene Gedankenmaterial, so sehr auch seine Wurzel in den materiellen ökonomischen Tatsachen lag.«

Und noch ein Hinweis von Lenin in »Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus«:

»… die ganze Genialität Marx' besteht gerade darin, daß er auf jene Fragen Antwort gab, die von den fortgeschrittensten Denkern der Menschheit bereits gestellt worden waren. Seine Lehre entstand als direkte und unmittelbare Fortsetzung der Lehre der hervorragenden Vertreter der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus.«

Die Lehre Marx' »ist die rechtmäßige Erbin des Besten, was die Menschheit im 19. Jahrhundert in der Gestalt der deutschen Philosophie, der englischen politischen Ökonomie und des französischen Sozialismus hervorgebracht hat«.

Zum Schluß noch eine ernste Mahnung: Wir dürfen niemals oberflächlich an das Studium der Theorie des Marxismus-Leninismus herangehen, sondern müssen den ganzen Komplex einer Schrift, eines Artikels, einer Rede gründlich studieren und von verschiedenen Seiten her beleuchten. Wenn Ihr weiter untersucht hättet, was Engels in »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« geschrieben hat, wäret Ihr auf Seite 121 der Sache näher gekommen. Engels schreibt:

»Jetzt war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.

Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfes, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandenen Klassen, das Proletariat und der Bourgeoisie …«

So, und jetzt gehen wir noch mal zurück zu dem bestimmten Absatz, den Ihr nicht verstanden habt. Er beginnt: »Allen dreien ist gemeinsam …« und dann behandelt der Absatz das, was allen dreien (Saint-Simon, Fourier und Owen) gemeinsam ist, und das ist eben das, was Ihr als Auffassung Engels' angenommen habt. Auf diesem Wege könnten verhängnisvolle Irrtümer entstehen, wenn man damit an die Öffentlichkeit geht. Das wäre ein begehrenswertes Fressen für die Revisionisten. Könnt Ihr Euch vorstellen, was wäre, wenn solche Brocken im Revolutionären Weg ständen?

Mich würde nun doch sehr interessieren, wie Eure Diskussion weitergeht. Teilt mir bitte das Ergebnis mit.

Dir und den anderen Genossen die besten Kampfesgrüße
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1976

Klausurtagung und Aufruf der Zentralen Kontrollkommission

An die Zentrale Leitung des KABD 19. 1. 76

Ich hatte bereits meine Bedenken über die Klausurtagung geäußert, weil ich aus der Diskussion mit Franz und Siggi und aus den Protokollen (soweit sie bis jetzt vorliegen) Schlüsse gezogen habe. Meines Erachtens wurde nicht dialektisch an die Probleme herangegangen, wenn es zum Beispiel im Protokoll vom 26. 12. 75 (nachmittags) unter Punkt 4 heißt:

»Der agitatorische Sturm war nicht richtig. Die inneren Voraussetzungen hierfür waren nicht da und wurden auch nicht vorher analysiert. Er mußte scheitern an der herrschenden Handwerkelei. Die Agitation stand im Vordergrund mit der Illusion, daß wir in der Lage wären, Kämpfe zu führen. In der Etappe des Parteiaufbaus als Bund muß die Propaganda im Vordergrund stehen mit dem Ziel der Gewinnung der fortgeschrittensten Arbeiter für die Organisation der Revolutionäre. In der Konzeption des agitatorischen Sturms wurde dies nicht berücksichtigt.«

Hier sind gleich zwei Fehler enthalten. Die »Peking Rundschau« 51/75 enthält einen Artikel »Lernt die dialektische Auffassung von der Einheit der Gegensätze beherrschen!« von Yan Feng, der auf derartige Fehler hinweist: »Es ist für die Bekämpfung und Verhütung des Revisionismus … von äußerster Wichtigkeit, … die dialektische Auffassung von der Einheit der Gegensätze zu beherrschen und das Handeln nach der den objektiv existierenden Dingen innewohnenden Dialektik auszurichten.«

Dem Protokoll entsprechend, habt Ihr das Gegenteil getan. Agitation und Propaganda bilden eine dialektische Einheit. Beide Seiten stehen in Wechselbeziehung zueinander, wobei jeweils eine Seite zur Hauptseite werden kann; das hängt von den Bedingungen des Kampfs ab. Niemals darf man die beiden Seiten trennen. Treffend schreibt Yan Feng: »Sehen wir nur eine Seite, nicht aber die andere, übersehen wir die Einheit und den Kampf der Gegensätze, werden wir metaphysische und idealistische Fehler begehen.«

Ihr habt auf der Tagung beide Seiten getrennt und handelt, was die Einheit von Agitation und Propaganda anbelangt, im Widerspruch zu der Auffassung Lenins, die er mit hervorragender Klarheit in »Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie« zum Ausdruck gebracht hat. Wegen der besonderen Bedeutung des Zusammenhangs mit dem obigen Protokoll will ich sie hier ungekürzt zitieren:

»Die sozialistische Arbeit der russischen Sozialdemokraten besteht darin, die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus zu propagieren, unter der Arbeiterschaft das richtige Verständnis zu verbreiten für die gegenwärtige sozialökonomische Ordnung, für ihre Grundlagen und ihre Entwicklung, für die verschiedenen Klassen der russischen Gesellschaft, ihr Wechselverhältnis und den Kampf dieser Klassen untereinander, für die Rolle der Arbeiterklasse in diesem Kampf, ihr Verhältnis zu den untergehenden und zu den sich entwickelnden Klassen, zur Vergangenheit und zur Zukunft des Kapitalismus sowie für die historische Aufgabe der internationalen Sozialdemokratie und der russischen Arbeiterklasse. In untrennbarem Zusammenhang mit der Propaganda steht die Agitation unter den Arbeitern, die angesichts der heutigen politischen Verhältnisse in Rußland und des gegebenen Entwicklungsniveaus der Arbeitermassen naturgemäß in den Vordergrund rückt. Die Agitation unter den Arbeitern besteht darin, daß die Sozialdemokraten an allen spontanen Kampfaktionen der Arbeiterklasse, an allen Zusammenstößen zwischen Arbeitern und Kapitalisten wegen Arbeitszeit, Arbeitslohn, Arbeitsbedingungen usw. usf. teilnehmen. Wir haben die Aufgabe, unsere Tätigkeit aufs engste mit den praktischen Tagesfragen des Arbeiterlebens zu verbinden, den Arbeitern zu helfen, sich in diesen Fragen zurechtzufinden, die Aufmerksamkeit der Arbeiter auf die gröbsten Mißbräuche zu lenken, ihnen zu helfen, ihre Forderungen an die Unternehmer genauer und zweckmäßiger zu formulieren, in den Arbeitern das Bewußtsein ihrer Solidarität zu entwickeln, das Bewußtsein der gemeinsamen Interessen und der gemeinsamen Sache aller russischen Arbeiter als einer einheitlichen Arbeiterklasse, die ein Bestandteil der Weltarmee des Proletariats ist.« (Lenin Werke Bd. 2, S. 331 – magere Hervorhebung von W. D.)

Diese grundsätzlichen Ausführungen treffen auch auf unsere Situation zu. Glaubt nur nicht, damals wären die Kräfte der Arbeiter und der Partei größer gewesen, doch Lenin hat die dialektische Einheit von Agitation und Propaganda nicht zerrissen, im Gegenteil betont er: »in untrennbarem Zusammenhang«. Es ist ein Musterbeispiel der Beherrschung der dialektischen Einheit der Gegensätze in einer solchen konkreten Form, daß wir das nur auf unsere heutige Situation zu übertragen und anzuwenden brauchen. Dagegen habt Ihr auf der Tagung beide Seiten getrennt, ohne zu berücksichtigen, daß zu jeder Zeit des Parteiaufbaus und der weiteren Entwicklung der Partei zur Massenpartei stets Agitation und Propaganda im Mittelpunkt der revolutionären Tätigkeit stehen muß. Selbst in offenen revolutionären Kämpfen spielen Agitation und Propaganda eine nicht zu unterschätzende Rolle (nur mit anderen Methoden und den besonderen Bedingungen angepaßt).

Der agitatorische Sturm bedeutet nichts anderes, als daß in der dialektischen Einheit von Agitation und Propaganda die Agitation zur Hauptseite wurde mit dem Ziel der Gewinnung und Organisierung von Arbeitern für den KABD. Das entspricht dem, was Lenin oben forderte. Die dialektische Einheit darf nicht durch einseitige Handhabung (Hauptseite bedeutet nicht Einseitigkeit) zerrissen werden. Diese Gefahr sah ich bereits im Februar '75 kommen und schrieb darum den Artikel »Drei Trümpfe«, der im »Lernen und Kämpfen« 3/75 erschien. Er beinhaltet kurz und präzise unsere Aufgaben und beginnt mit dem Satz: »Es wird wohl kein Genosse bezweifeln, daß das die entscheidenden Trümpfe des Parteiaufbaus sind. Sie sind Kernstück unserer gesamten Tätigkeit.«

Ihr hättet auf der Klausurtagung besser daran getan, diesen Artikel zugrundezulegen und zu untersuchen, warum der Erfolg ausgeblieben ist. In dem eingangs zitierten Abschnitt des Protokolls steht der Satz: »Die inneren Voraussetzungen hierfür (agitatorischer Sturm) waren nicht da und wurden auch nicht vorher analysiert.« Das stimmt nicht, wer so herangeht, vertuscht das Versagen der Leitungen. Die ideologisch-politischen Grundlagen waren vorhanden. Hat die Zentrale Leitung alles getan, damit mit Hilfe der unteren Leitungen die gesamte Organisation mobilisiert wurde, sich die ideologisch-politische Linie gründlich anzueignen, damit diese im agitatorischen Sturm umgesetzt werden konnte? Wotan schreibt in seiner persönlichen Stellungnahme:

»Die Verschärfung meiner Situation würde ich anfangs dieses Jahres ansetzen. Den qualitativen Sprung in der Arbeitsstilkampagne habe ich nicht geschafft. Ich habe daraus aber weder für mich persönlich noch für die Organisation irgendwelche relevanten Konsequenzen gezogen. Es kam die sich schrittweise verschärfende Situation in den Massenorganisationen, erst in der KSG – und im Zuge damit unter den Berufstätigen – und dann im RJVD, hinzu. Gleichzeitig deckte die Auswertung der ersten vier Monate die ökonomistischen Tendenzen in unserer Organisation auf. Die Kritik an der Zentralen Leitung verschärfte sich in zunehmenden Maße …

Orientierungslosigkeit und Handwerkelei zeigten sich etwa seit Beginn dieses Jahres immer deutlicher: Die Orientierungslosigkeit ging bereits so weit, beziehungsweise die ideologisch-politische Stagnation war bereits so weit vorangeschritten, daß ich zum Beispiel nicht in der Lage war, einen mir vom Sekretariat übertragenen Artikel für die Rote Fahne zu schreiben. Die Handwerkelei kommt darin zum Ausdruck, daß ich allerspätestens seit Jahresbeginn die Organisation nicht mehr geführt, sondern nur noch verwaltet habe. Ich war nicht mehr wirklich an den Problemen und Fragen der Arbeiterklasse und der Organisation dran, sondern hatte, wie dies ein Genosse auf der erweiterten Plenumssitzung ausdrückte, ›abgehoben‹.«

Soweit Wotan, den anderen Genossen ist es nicht wesentlich anders ergangen, nur daß sie nicht wie Wotan kapituliert haben. Habe ich nicht im Laufe des vergangenen Jahres immer wieder auf die Schwächen und Fehler der Zentralen Leitung hingewiesen? Wurden sie jemals analysiert?

Kommen wir zum oben genannten Protokoll zurück, hier wird eine gefährliche Schlußfolgerung gezogen: »Die Agitation stand im Vordergrund mit der Illusion, daß wir in der Lage wären, Kämpfe zu führen.« Der Aufbau einer proletarischen Partei darf nicht losgelöst von den Kämpfen der Arbeiterklasse erfolgen. Parteiaufbau und Kampf der Arbeiterklasse bilden eine dialektische Einheit, die nicht zerrissen werden darf. Aufbau einer proletarischen Partei verlangt Konzentrierung auf die Betriebe, auf das Industrieproletariat, ohne die anderen Schichten der werktätigen Bevölkerung zu vernachlässigen. Er verlangt, alles zu versuchen, anknüpfend an die Nöte und Interessen der Arbeiter, Kämpfe auszulösen und zu führen. Wer das als Illusion bezeichnet, verzichtet auf den Parteiaufbau. Selbst ein einzelner Genosse im Betrieb hat die Aufgabe, durch zähe systematische Agitation und Propaganda die Kollegen auf den Kampf vorzubereiten und die fortgeschrittensten Arbeiter für die Partei zu gewinnen. Er muß den Mut haben, sich bei einem spontanen Kampf an die Spitze der Streikenden zu stellen. Man gewinnt die Arbeiter nicht durch abstrakte Propaganda, sondern nur in Verbindung mit der konkreten Praxis im Betrieb. Es geht hier nicht darum, ob wir gegenwärtig zu schwach sind, Kämpfe größeren Stils auszulösen und zu führen, sondern darum, daß jeder Genosse versteht, die dialektische Einheit von Parteiaufbau und Kampf der Arbeiterklasse, die Wechselwirkung zwischen beiden Seiten, zu begreifen und ständig den sich verändernden Bedingungen anzupassen, auf jede Regung im Betrieb zu achten und sie auszunutzen. Wer aber Parteiaufbau und Kampf der Arbeiterklasse isoliert betrachtet, die dialektische Einheit zerstört, für den sind unter den gegenwärtigen Bedingungen die Kämpfe der Arbeiterklasse eine Illusion, und er begibt sich in der Konsequenz auf die Plattform der Reformisten: »In der Krise kann man nicht kämpfen!«

Mit Propaganda allein kann man die Partei nicht aufbauen. Das ist ja gerade die Theorie einiger Intellektueller, die vom . »ideologischen Parteiaufbau« sprechen, daß man den Arbeitern ihre Theorie von »außen beibringen« muß, daß die Intellektuellen dazu am fähigsten sind und darum die Führung haben müssen. Genossen, merkt ihr denn nicht, wohin die einseitige Ausrichtung führt? Diese Einseitigkeit hat mit Dialektik nichts zu tun, sie ist starr, ohne Prozesse, ohne Bewegung und darum metaphysisch. In dem oben angeführten Artikel schreibt Yan Feng:

»Die zwei gegensätzlichen Seiten, die einem objektiv existierenden Ding innewohnen, sind nicht tot und erstarrt, sondern sie sind lebendige, bedingte, bewegliche Gegensätze und können sich unter bestimmten Bedingungen ineinander verwandeln.«

So muß auch unsere Agitation und Propaganda lebendig sein und sich ineinander verwandeln. In diesem Sinne sollten wir unsere Rote Fahne untersuchen. Ein lebendiger Inhalt muß auch in eine lebendige Form gebracht werden. Wie sieht es aber damit aus? Oft geht der wichtige Inhalt eines Artikels in einem ledernen Stil unter. Wir müssen uns angewöhnen, klar und leicht verständlich zu schreiben, es muß Leben aus dem Artikel sprudeln. Schachtelsätze sind zu vermeiden. Bei bestimmten Ereignissen ist eine eindringliche Sprache notwendig. Jeder Leser muß spüren, daß der Schreiber selbst von dem Inhalt überzeugt ist. Die Rote Fahne hat manche Mängel aufzuweisen, aber kann man an die Leser der Roten Fahne (1/76) so schreiben: »Genossen machten die Erfahrung, daß die Rote Fahne die fortgeschrittensten Kollegen eher langweilte als fesselte, weil sie den grundlegenden Fragen der Arbeiterbewegung und des Klassenkampfs aus dem Weg ging.« Wie rückständig müssen wohl unsere eigenen Genossen sein, die das nicht gemerkt haben, wie dumm müssen unsere Arbeiterkorrespondenten sein, die in ihren Beiträgen so wirklichkeitsfremd geschrieben haben! Nein, Genossen, wenn Ihr so herangeht, begeht Ihr politischen Selbstmord. Gegen eine solche Unterstellung gegenüber allen unseren Mitarbeitern an der Roten Fahne protestiere ich! Wenn wirklich ein Kollege eine derartige Einschätzung gegeben haben sollte, dann hat er entweder die Rote Fahne nicht gelesen, oder er hat ganz andere Gründe. Untersucht, ob das nicht daran liegt, daß der Inhalt – der das Leben und den Kampf der Arbeiterklasse widerspiegeln soll – in eine schwerverständliche Form gebracht wurde. Inhalt und Form sind zwei Seiten einer dialektischen Einheit, die in Wechselbeziehung miteinander stehen und nicht auseinandergerissen werden dürfen. Nur in der Einheit dieser Gegensätze wird unsere Zeitung lebendig. Zerreißt Ihr die Einheit, wird sie verflachen und langweilig werden.

In diesem Zusammenhang besteht die Gefahr, daß die Zeitungsarbeit zur Routinearbeit wird, darauf habe ich Karl verschiedentlich hingewiesen.

Hier tritt wieder die Dialektik auf. Die Zentrale Leitung muß die Redaktion ständig anleiten und ihre Arbeit kontrollieren. Anleitung und Kontrolle sind ebenfalls eine dialektische Einheit. Das gilt natürlich nicht nur für die Zeitungsarbeit, sondern für die gesamte Tätigkeit der drei Organisationen. Hier liegt meines Erach-tens der entscheidende Fehler der Zentralen Leitung. Sie hat die dialektische Einheit von Anleitung und Kontrolle nicht nur einseitig zerrissen, zum Beispiel nur angeleitet und nicht kontrolliert, sie hat vielmehr beide Seiten vernachlässigt. Damit hat sie ihre Leitungstätigkeit und -fähigkeit selbst untergraben und alle drei Organisationen in Gefahr gebracht. Ich weiß, das ist eine harte Anklage, aber ich sehe aufgrund bestimmter Erscheinungen der letzten Zeit keine andere Möglichkeit mehr, als mit aller Schärfe darauf hinzuweisen.

Habe ich nicht im Laufe des Jahres des öfteren Alarm geschlagen und die Leitungstätigkeit und -fähigkeit kritisiert? Es war eine ehrliche, offene und kameradschaftliche Kritik, um den Genossen der Zentralen Leitung zu helfen. Die Genossen von der Basis kritisierten die Zentrale Leitung, weil sie in der Umsetzung der Linie nicht zurechtkamen und nicht angeleitet wurden. Sie kritisierten zu Recht, aber sie kannten den Zustand in der Zentralen Leitung nicht, und die Zentrale Leitung kannte die Basis nicht. Warum hat sich die Zentrale Leitung die Kenntnis der Basis nicht verschafft? Die Zentrale Kontrollkommission hat das bei ihrer Untersuchung doch auch tun müssen. So wurde die dialektische Einheit von Leitung und Basis zerrissen, beide Seite machten, was sie wollten: Die Zentrale Leitung hat die Organisation »verwaltet« (und das noch schlecht), und die Basis resignierte. Konnte das anders sein? Ein altes Sprichwort lautet: »Die Organisation ist so, wie die Leitung ist!«

In der »Zusammenfassung sämtlicher Berichte von November/Dezember '75« der zentralen Organisationsabteilung heißt es am Schluß:

»Die Mißachtung selbst eines simplen organisatorischen Beschlusses wie des letzten unterstreicht noch einmal: Die Organisation hat wenig Vertrauen zur Zentralen Leitung. Die Ortsgruppen arbeiten weitgehend selbständig; von der Zentralen Leitung erhoffen sie sich wenig, sie scheint für die Ortsgruppen weit weg zu sein. Das sind Tendenzen zur Verstärkung des Zirkelzustands. Der Aufruf und verschiedene Rote-Fahne-Artikel konnten das Steuer bisher keineswegs herumreißen.

Die Ortsgruppen kämpfen jede für sich auf ihre Art und Weise. Die dabei gewonnenen Erfahrungen sind uns unbekannt. Wie soll die systematische Zusammenfassung der Erfahrungen in den bestehenden Landesverbänden für die Zentrale Leitung in Zukunft aussehen?

Insgesamt muß die Situation für die Zentrale Leitung immer noch alarmierend sein.«

Mag das eine oder andere in dem Organisationsbericht übertrieben sein, der Alarmruf ist unüberhörbar. Warum hat sich die Zentrale Leitung nicht mit dem Zustand in der Organisation befaßt? Sagt Euch ein solcher Bericht wie der aus der Zelle Bo/Si-München nichts, wenn die Genossen schreiben:

»Die Kritik ist an der Zentralen Leitung zu üben, die es zugelassen hat, daß so ein Mist wie zum Beispiel das Hussi-Papier überhaupt Boden bekommt; das ist eindeutig die Schuld der Zentralen Leitung, die die ideologisch-politische Schulung und Auseinandersetzung vernachlässigt hat.

Wir sind der Ansicht, daß die Linie des KABD völlig richtig ist, und stehen auch darauf. Aus diesem Grund lehnen wir Tendenzen in der Organisation ab – und das Papier (»Verteidigt die ideologisch-politischen Grundlagen des KABD«) und die darin gestellte Hauptaufgabe zielen auf diese Richtung – den Beschluß des agitatorischen Sturms zu revidieren und zum Rückzug in die Studierstube zu blasen. Nur auf der Grundlage einer offensiven, kontinuierlichen Betriebsagitation können sich die Genossen entwickeln und unsere Linie verstehen und anwenden lernen.«

Diese Genossen haben recht und nicht Eure Klausurtagung. Ihr seid im Begriff, eine ungeheure Verwirrung in der Organisation zu erzeugen, davor warne ich mit aller Eindringlichkeit. Warum untersucht Ihr nicht Eure eigene Leitungstätigkeit? Warum analysiert Ihr nicht den Zustand in der gesamten Organisation? Woran liegt es, daß wir trotz einer richtigen ideologisch-politischen Linie im eigenen Saft schmoren?

In diesem Zusammenhang will ich die Frage des Liberalismus und Liquidatorentums berühren. Ich habe das Teilprotokoll der Sekretariatssitzung vom 8. 1. über den Punkt »Aufruf der Zentralen Kontrollkommission« vor mir liegen. Es beginnt: »Franz äußert Bedenken gegen den Aufruf, obwohl er mit seinem Inhalt einverstanden ist. Die Hauptgefahr in unserer Organisation seien nicht Liberalismus und Liquidatorentum, sondern die Gefahr des Rechtsopportunismus.« Abgesehen von dem Widerspruch »Bedenken – obwohl einverstanden« kommt hier eine unverantwortliche Unterschätzung der Gefahr des Liquidatorentums und des Liberalismus zum Ausdruck. Müssen wir denn erst auf den Trümmern unserer Organisation stehen, um uns von dieser Gefahr zu überzeugen? Ist denn diesbezüglich das ganze vergangene Jahr an der Zentralen Leitung spurlos vorübergegangen? Hat man sich für die Untersuchung der Zentralen Kontrollkommission überhaupt interessiert? Glaubt Ihr, wir würden von einer großen Gefahr sprechen, wenn das eine Fiktion wäre? Glaubt Ihr, wir würden zur revolutionären Wachsamkeit aufrufen, wenn alles in Butter wäre?

Sicher ist der Rechtsopportunismus eine Gefahr, aber nur, weil der Liberalismus tief in allen drei Organisationen verankert ist. Liberalismus ist eine kleinbürgerliche Erscheinung, die nicht nur den größten Teil der KSG erfaßt hat, sondern auch im RJVD und KABD tiefe Wurzeln geschlagen hat bis in die Zentralen Leitungen hinein.

Überprüft Euch doch selber mal in dieser Hinsicht! Warum mußte Günther selber zu dem Bruno-Papier Stellung nehmen, wäre das nicht Aufgabe der bisherigen Mitarbeiter Brunos gewesen? Deshalb nicht, weil ihr ein liberales Verhalten Bruno gegenüber an den Tag legt. Zweimal wurde die Zentrale Kontrollkommission gefragt, ob die Angelegenheit Bruno bald abgeschlossen wäre, damit er wieder in die politische Arbeit eingesetzt werden könnte, ja sogar wieder ins Sekretariat. Das ist Liberalismus! Über Helgas Planungsentwurf vom 12. 8. wurde die Ansicht vertreten, man könne es auch anders als die Zentrale Kontrollkommission sehen, obwohl hier schon die ganze Konzeption des Papiers der drei Ortsleitungen in Stichworten enthalten ist. In der Zentralen Leitung der KSG wurde von Sitzung zu Sitzung immer stärker die Linie des KABD angezweifelt, unsere Zentrale Leitung merkt nichts. Helgas Brief vom 15.9. wird nicht als Angriff auf die ideologischpolitische Linie gewertet. Zum Papier der drei Ortsleitungen meint Wotan, man könne es nicht einfach ablehnen, es sei auch berechtigte Kritik darin. All das ist Liberalismus in der Spitze.

Die Einschätzung des 2. Zentralen Delegiertentags der KSG als Anhang in der Dokumenten-Broschüre wurde von Helga mit Unterstützung von Tr. verfaßt, einstimmig von der Zentralen Leitung der KSG verabschiedet, unbesehen und mit Zustimmung von Bruno gedruckt und herausgegeben, obwohl diese Einschätzung bereits Angriffe auf unsere Linie enthielt. Das Sekretariat der Zentralen Leitung der KSG schreibt dazu: »Daß der Einschätzung des Zentralen Delegiertentags einstimmig zugestimmt wurde, zeigt, wie naiv und unkritisch wir an diese Aufgabe herangingen, wie wenig wir positiv der sich entfaltenden Strömung der Kritik am KABD entgegensetzten, was mit der mangelnden Klarheit der Linie bei uns zusammenhängt …«

Bei alldem verhält sich die Zentrale Leitung des KABD liberalistisch. Daß sich bei einem solchen Verhalten die Angriffe auf die Linie weiter verstärken müssen, liegt doch auf der Hand. Wie hat die Zentrale Leitung auf eine solche linienfeindliche Entwicklung reagiert? Die »ökonomistische Linie der Verbandsleitung« und im weiteren die »ökonomistische Linie des KABD« wurde nicht als Angriff auf die ideologisch-politische Linie gewertet, die falsche Richtung in der Kritik-Selbstkritik-Kampagne im RJVD nicht erkannt, weil das liberale Denken in der Zentralen Leitung schon stark verankert war. Kann man dann von der Basis etwas anderes erwarten? Die KABD-Ortsgruppe Schweinfurt unterschreibt geschlossen das organisationsfeindliche Papier der Bertholds und verteilt das Hussi-Papier »Die ökonomistische Politik des KABD« nicht nur in Schweinfurt, sondern auf Landeskonferenzen an die anwesenden Vertreter der Ortsgruppen. Hier war schon das Liquidatorentum aktiv am Werk, und die Zentrale Leitung hat nichts dagegen unternommen – das ist Liberalismus, der schon gefährlich wird. Die meisten Ortsgruppen der KSG sind vom Liberalismus zerfressen, der soweit geht, Organisationsfeinde zu decken und die Zentrale Kontrollkommission anzugreifen. Und das soll nicht die Hauptgefahr in unseren drei Organisationen sein!

Wie ist es mit dem Liquidatorentum? Das Liquidatorentum kann nur entstehen und sich entwickeln in der Atmosphäre des Liberalismus. Liberalismus und Liquidatorentum bilden auch eine dialektische Einheit – eine negative und gefährliche obendrein. Die Angriffe auf unsere ideologisch-politische Linie bedeuten in der Konsequenz Liquidatorentum. Nicht nur, daß unsere Linie liquidiert wird – ohne die ideologisch-politische Linie wird der proletarischen Organisation die Grundlage entzogen und damit die Existenzberechtigung, denn ohne ideologisch-politische Linie landet die Organisation im revisionistischen Sumpf. Wie kann man diese Angriffe auf die Linie nur so maßlos unterschätzen? Wenn die Zentrale Kontrollkommission nicht so schnell und hart zugegriffen hätte, wenn sie auch vom Liberalismus angefressen wäre, was glaubt Ihr, was passieren würde? Wir haben dabei die Angriffe auf die Zentrale Leitung abgedeckt und Wut und Haß der Liquidatoren auf uns gezogen.

Wir haben nur die Spitze des liquidatorischen Eisbergs erfaßt, der unsichtbare Teil lauert auf einen Zusammenstoß mit unserem schwankenden Schiff. Die Zentrale Kontrollkommission ruft zur revolutionären Wachsamkeit auf gegenüber dieser Gefahr, und Franz meint, das sei keine Hauptgefahr. Franz, eine solche Auffassung ist Liberalismus. Das Liquidatorentum war doch bereits bis in das Sekretariat der Zentralen Leitung eingedrungen, wenn auch kein bewußt handelndes Liquidatorentum. Was ist Wotans Rücktritt und jetzt Austritt anderes als Liquidatorentum, und das in dem Augenblick, wo die Liquidatoren offen den Kampf gegen die Linie proklamieren? Wißt Ihr überhaupt, daß Bruno in seinem Referat, das er auf der erweiterten Sitzung der Zentralen Leitung am 20./21. September halten wollte und das durch den Eingriff der Zentralen Kontrollkommission verhindert wurde, selber Angriffe auf unsere Linie führen wollte? Hier wörtlich:

»Die falsche Linie der KSG, ›gegen den Großmachtkurs den offensiven Kampf an der Hochschule‹ zu führen, resultiert nämlich nicht daraus, daß eine richtige Politik falsch übertragen wurde. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich nämlich die falsche Linie an der Hochschule aus einer falschen Politik unserseits …

Dies ist genau eine Einschätzung, die aussagt, daß durch den wirtschaftlichen Kampf dem Imperialismus und seinen Großmachtplänen der Kampf angesagt werden kann, das ist genau die ökonomistische Einschätzung, auf der die Linie, und zwar unsere Linie, an der Hochschule aufgebaut wurde. Bis heute sind diese Aussagen nicht korrigiert. (Als wenn es keine Stellungnahme des KABD zur ideologisch-politischen Linie für die KSG gegeben hätte – Willi)

An diesem Beispiel sehen wir deutlich, daß nicht etwas Richtiges falsch übertragen wurde und es damit eine Frage des Arbeitsstils ist, sondern daß dem Ganzen etwas Falsches, nämlich eine ökonomistische Politik zugrunde lag.

Das Hineingeben des Arbeiterkampfprogramms zum damaligen Zeitpunkt mußte die Organisation auf der Grundlage ihres Zustands völlig auf den alleinigen Kampf um Tagesforderungen festlegen; denn es wurde auch nicht von den Leitungen erkannt, daß die Organisation schon längst nicht mehr auf der Grundlage unserer Grundsatzerklärung arbeitete …

Heute muß die Organisation dieses Hauptkettenglied anpacken und die bisherige praktizierte Organisation und ökonomistische Betriebspolitik überwinden. Die ideologische Auseinandersetzung um die Weiterentwicklung der Linie muß in der gesamten Organisation geführt werden.«

Die Übereinstimmung mit der Ansicht Helgas ist unverkennbar. Diese erweiterte Sitzung der Zentralen Leitung sollte Ausgangspunkt für eine Wende auf der Grundlage einer neuen ideologischpolitischen Linie werden, nachdem das Papier der drei Ortsleitungen der Auftakt zur Liquidierung der bisherigen Linie sein sollte.

Die Zentrale Kontrollkommission hat im Kampf gegen das Li-quidatorentum harte Bandagen angezogen, aber nie die Erziehungsarbeit vergessen, um die Genossen von ihrem falschen Standpunkt abzubringen und sie für die proletarische Bewegung zu erhalten. Es ist möglich, daß daraus die falsche Schlußfolgerung gezogen wird, Liquidatorentum und Liberalismus seien nicht so gefährlich. Wir haben zum Beispiel Helga, nachdem sie mehrere unzureichende Stellungnahmen abgegeben hatte, hart und doch kameradschaftlich angefaßt, das hatte gesessen. In ihrer letzten Stellungnahme schreibt sie:

»Willi hat recht: Ich bin den Dingen nicht wirklich auf den Grund gegangen, sondern habe nur Fehler, die ich für unhaltbar hielt, zugegeben, ansonsten aber habe ich hauptsächlich meine guten Absichten beteuert, ohne mir hart die Frage zu stellen, was ich wirklich angerichtet habe.

Mir ist nachhaltig klargeworden, was ich noch für Schwierigkeiten dabei habe, immer konsequent von unserer Sache auszugehen, vom Interesse der Revolution, und die eigenen subjektiven Empfindungen, Emotionen zurückzudrängen, damit sie nicht alles überwuchern. Ich habe schon immer damit zu kämpfen gehabt, aber mir ist noch nie so nachhaltig klargeworden, wozu das führt. Das führte nämlich dazu, daß ich mich verrannte, nicht mehr aufgeschlossen war für andere Argumente und das auch noch für besonders aufrecht hielt. Ich bin froh, daß mir diese Lehre erteilt wurde, auch wenn ich das erst mal als eine deftige Ohrfeige empfand.«

Glaubt Ihr, eine solche Wandlung wäre erreicht worden, wenn wir mit Liberalismus an die Genossen herangegangen wären? Wir haben auch nicht die geringsten Zugeständnisse ihren falschen Ansichten gegenüber gemacht, mögen sie offen feindlich oder getarnt wie Zuckerbrot serviert worden sein.

Ich bin deshalb ausführlicher auf die Fragen des Liquidatorentums und des Liberalismus eingegangen, weil ich durch die Unterschätzung der Gefahr, die bei Franz zum Ausdruck kommt, beunruhigt bin. Wenn die Zentrale Leitung diese Ansicht übernimmt und die Organisation entsprechend falsch anleitet, wird die an sich schon schwach entwickelte Wachsamkeit vollends einschlafen.

Überprüft alle die von mir angeschnittenen Fragen, und handelt nach der Aufforderung Yan Fengs: »Lernt die dialektische Auffassung der Einheit der Gegensätze beherrschen!«

Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1976

Die Methode der Liquidatoren

Liebe Genossen! 17. 11. 76

In der Stellungnahme der Redaktion Revolutionärer Weg »Die pseudomarxistischen Methoden der Frankfurter Liquidatoren«, Rote Fahne 22/76, geht es darum, »die Methode Jacobs als stümperhaft, unehrlich, als unwissenschaftlich und pseudomarxistisch« zu entlarven. Das gelingt anhand der angeführten Beispiele auch sehr gut. Nun wird aber die Frage nach dem Warum und Wozu nur andeutungsweise behandelt. Der Leser muß sich fragen: Warum wird eigentlich soviel Wert darauf gelegt, die Methode von Jacob zu entlarven? Ist denn damit schon der ganze Jacob entlarvt?

Ich erinnere mich an den Herbst 1975, wo ich an den Angriffen auf den KABD beteiligt war. Damals kritisierte ich ausführlich die undialektische und unehrliche Methode im Tübinger »Brief der drei Ortsleitungen«; mit dem Inhalt jedoch, der kleinbürgerlichen Linie, die dahinter stand, war ich einig. Erst später begriff ich, daß Methode und Inhalt zusammengehörten, daß jemand, der eine kleinbürgerliche Linie vertritt, notgedrungen zu unmarxistischen Methoden greifen muß, ob gewollt oder ungewollt. Und so ist es doch auch bei der Jacob-Gruppe. Das Entscheidende ist nicht ihre Methode als solche, sondern das, was damit bezweckt werden soll.

Auch bei der Untersuchung der Methode ist doch die wichtigste Frage, vor allem für einen Arbeiter, der den Artikel in der Roten Fahne liest, wie sie sich auf die Entwicklung des Klassenkampfs auswirkt beziehungsweise auswirken soll. Selbst wenn man voraussetzen wollte, daß sich der Leser anhand bisheriger Rote-Fahne-Artikel schon gründlich mit den Jacob-Liquidatoren auseinandergesetzt hat, ist es notwendig, immer wieder dieses Entscheidende, die Auswirkung auf die revolutionäre Praxis, hervorzuheben. Und das kommt meiner Ansicht nach in der Stellungnahme zu kurz. Vor allem fiel mir das bei dem ersten Abschnitt: »Die Wechselwirkung von Theorie und Praxis« auf. Die Frage »Warum führt Jacob das Zitat Mao Tsetungs nicht zu Ende?« wird beantwortet: »Weil seine pseudomarxistische Methode der Zerstückelung der Mao-Tsetung-Zitate ihn sofort entlarven würde. Es bedeutet nichts anderes als einen Taschenspielertrick, mit dem er seine eigenen Anhänger täuschen will, um sie bei der Stange zu halten.« Aber wozu er seine Anhänger bei der Stange halten will beziehungsweise, daß sich diese Stange gegen die Arbeiterklasse richtet, das wird auch durch das folgende Mao-Tsetung-Zitat »Zugleich …« meiner Meinung nach nur sehr schwer verständlich.

Ich muß allerdings auch dazu sagen, daß ich persönlich wahrscheinlich wegen meiner geringen Praxis überhaupt große Schwierigkeiten habe, die Frage von Theorie und Praxis richtig zu begreifen!

Liebe Genossen, ich wäre Euch sehr dankbar für eine Antwort.

Rot Front!
Elke



Liebe Genossin Elke! 1. 12. 76

Die Redaktion Revolutionärer Weg hat Deinen Brief vom 17. 11. 76 erhalten. Du schreibst: »Warum wird eigentlich soviel Wert darauf gelegt, die Methode von Jacob zu entlarven? Ist denn damit schon der ganze Jacob entlarvt?« Mir scheint, Du unterschätzt die Methoden der Liquidatoren, obwohl der ideologischpolitische Kampf gegen das Liquidatorentum die Hauptseite ist. Dieser wurde darum als erstes durch den Rundbrief der Zentralen Kontrollkommission vom 9. 3. 76 und den Aufruf der Zentralen Kontrollkommission zur Kritik-Selbstkritik-Bewegung, dann durch die Erklärung der Zentralen Leitung des KABD in der Roten Fahne 11 und zuletzt durch den Revolutionären Weg 15 in ausreichendem Maße behandelt. Das kann Jacob vom ideologisch-politischen Inhalt her nicht widerlegen, darum wendet er eine pseudomarxistische Methode an, um den KABD zu verleumden und zu versuchen, seine Anhänger gegen unsere drei Organisationen aufzuhetzen und ideologisch-politisch nicht gefestigte Genossen zu verunsichern. Diese Methode ist deshalb pseudomarxistisch, weil mit zerstückelten Zitaten aus den Werken unserer Klassiker bestimmten Aussagen aus den Schriften des KABD ein anderer Sinn unterschoben wird.

Diese Methode mußte unbedingt entlarvt werden, weil sie der Nährboden von verschiedenen Gerüchten ist. Solche Gerüchte werden von den Frankfurter Liquidatoren systematisch verbreitet, so zum Beispiel die »Fälschung« des angeführten Mao-Tsetung-Zitats. Die Entlarvung solcher Gerüchte ist nicht nur wichtig, um unseren Genossen eine Waffe gegen die Liquidatoren in die Hände zu geben, sondern auch, um die Anhänger Jacobs zu verunsichern, die solche Tiraden Jacobs geglaubt haben. Diese Verunsicherung wird um so größer werden, je unsachlicher und unwissenschaftlicher Jacob vorgeht. Dazu kommt, daß er die Praxis liquidiert hat, was, je länger es dauert, bei seinen Anhängern eine tiefe Unzufriedenheit hervorrufen wird.

In Deinem Brief ist mir unverständlich, wie Du annehmen kannst, daß in der Stellungnahme der Redaktion des Revolutionären Wegs die Entlarvung der Methode der Liquidatoren vom Inhalt der liquidatorischen Auffassung getrennt sei. Inhalt und Methode sind eine dialektische Einheit, wobei am Anfang die inhaltliche Auseinandersetzung die Hauptseite war und jetzt die Entlarvung der Methode zur Hauptseite geworden ist. Das kann in nächster Zeit eventuell wieder anders sein. Die Wechselwirkung zwischen beiden Seiten, zwischen Inhalt und Methode des Liquidato-rentums, spielt bei der Entlarvung der Liquidatoren verschiedener Gruppierungen eine wichtige Rolle, wobei sich das Gewicht verlagert. Du kannst doch nicht im Ernst bestreiten, daß die Entlarvung der Methode der Frankfurter Liquidatoren grundsätzlich, das heißt ideologisch-politisch, geführt wurde. Ich hätte eher verstehen können, Du wärest der Meinung, daß die Entlarvung der Methode etwas zu theoretisch ausgefallen ist.

Die Entlarvung der Methode der Liquidatoren geschieht inhaltlich als Kampf zweier Linien, der proletarischen Linie gegen die kleinbürgerliche Linie der Frankfurter Liquidatoren, denn die pseudomarxistische Methode und die kleinbürgerliche Linie sind zwei Seiten einer dialektischen Einheit. In der Auseinandersetzung mit den Frankfurter Liquidatoren trat zuerst die kleinbürgerliche Linie der Klausurtagung bei Jacob als Hauptseite hervor, dann wechselte die Hauptseite zur pseudomarxistischen Methode über, als die kleinbürgerliche Linie geschlagen wurde und Jacob glaubte, mit dieser Methode eher ans Ziel zu kommen. Seine kleinbürgerliche Linie wurde geschlagen, nunmehr mußte seine pseudomarxistische Methode entlarvt und geschlagen werden. Das ist der Sinn der Stellungnahme der Redaktion des Revolutionären Wegs in der Roten Fahne 22/76.

Rot Front!

Redaktion des Revolutionären Wegs

i. A. Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1975

Strömung und Gegenströmung

Lieber Genosse Willi! 22. 10. 75

Den Artikel in der Roten Fahne »Zu Besuch beim Genossen Willi« habe ich sehr interessiert gelesen. Mit der Aussage, die von Dir über den Kampf zweier Linien zitiert wird, kann ich allerdings nichts anfangen, ich finde sie sogar falsch.

Auf dem X. Parteitag der KP Chinas wird gesagt, daß es die Pflicht eines Revolutionärs sei, gegen den Strom zu schwimmen. Du fügst hinzu, daß er sich aber nicht blind von der Gegenströmung mitreißen lassen dürfe.

Es ist doch Aufgabe eines Revolutionärs, ständig gegen den Strom zu schwimmen, sich selbst und allem gegenüber eine kritisch-revolutionäre Haltung anzunehmen, weil der Kampf zweier Linien (zwischen der bürgerlichen und proletarischen Linie) ein ständiges Gesetz der Entwicklung ist und nur durch ihn der Revisionismus besiegt werden kann. Der Kampf zweier Linien wird stattfinden, solange es Klassen gibt, der Kampf der Gegensätze ist ein dauerndes Naturgesetz …

Gegen den Strom zu schwimmen erfordert Kraft, Arbeit, Energie, kann einen isolieren, einen Mann oder Frau oder sogar das Leben kosten. Wo ist da die Gegenströmung, die es einem leichtmacht und einen mitreißt? Gegen den Strom zu schwimmen ist Kampf – dieser Kampf erfordert Kraft, er spielt sich nicht von selbst ab. Er erfordert Waffen. Auf sie kommt es an, es kommt darauf an, ob er mit den richtigen Waffen, den proletarischen Waffen, geführt wird. Er erfordert das Rüstzeug des Marxismus-Leninismus. »Blind« ist ein Sich-treiben-lassen – gegen den Strom kann man sich nicht treiben lassen. Und wer sich an die, die gegen den Strom schwimmen, blind ranhängt, der fällt bei der ersten Kraftanstrengung, die von ihm verlangt wird (und die wird von ihm verlangt!), ab und läßt sich wieder blind im Strom treiben. Denn der »Blinde« schreckt vorm Kampf zurück, weil er keine Waffen hat. Und schreckt man nicht auch vorm Kampf zurück, wenn man sich sagt: »Ich darf mich nicht von der Gegenströmung mitreißen lassen«? Im Strom schwimmen ist um so vieles bequemer. Und genau das darf doch nicht passieren. Denn nur durch den ständigen Kampf, das Gegen-den-Strom-schwimmen, kann sich etwas weiterentwickeln, nur so stirbt es nicht ab ...

Und deshalb ist es die Aufgabe jedes Revolutionärs, gegen den Strom zu schwimmen, denn nur im Kampf der Widersprüche entsteht etwas Neues und findet Entwicklung statt. Zu dieser Haltung hin muß erzogen werden, sie muß gefordert und gefördert werden. Denn ich finde, gerade für eine junge Organisation wäre es besonders schnell tödlich, wenn man vor dem »Gegen-den-Strom-schwimmen« zurückschrecken würde.

Dies sind meine Gedanken zu diesem Satz von Dir, und es würde mich freuen, wenn Du mir darauf antworten würdest. Es interessiert mich, was Du hierzu meinst.

Mit solidarischen Grüßen
Ursel

Liebe Genossin Ursel! 27. 12. 75

Entschuldige, daß ich erst jetzt in der Lage bin, Deinen Brief zu beantworten. Du weißt, daß durch die ideologisch-politische Auseinandersetzung der letzten Zeit in allen drei Organisationen die Zentrale Kontrollkommission bis aufs äußerste angespannt war. Gerade in dieser Zeit ist offensichtlich geworden, wie viele Genossen sich von der Gegenströmung haben mitreißen lassen.

Die Gegenströmung ist das Liquidatorentum, das dadurch gekennzeichnet ist, daß Angriffe gegen die ideologisch-politische Linie des KABD geführt werden. Diese Angriffe würden, falls sie die ideologisch-politische Linie des KABD zerstören könnten, in der Konsequenz zur Liquidierung unserer drei Organisationen führen. Von dieser Gegenströmung wurden nicht wenige Genossen besonders in den KSG erfaßt und blind von ihr mitgerissen. Die Blindheit ist der kleinbürgerliche Liberalismus, der sich selbst Organisationsfeinden gegenüber loyal verhält. Diese Blindheit führte in Erlangen zur Auflösung der KSG-Ortsgruppe. Die organisierte Gegenströmung einer organisationsfeindlichen Fraktion hatte die KSG-Genossen von ihrem Schwimmen-gegen-den-Strom abgedrückt und ans Ufer geschwemmt.

Die Zentrale Kontrollkommission wird im Januar einen Aufruf herausgeben und zum Kampf gegen Liquidatorentum und Liberalismus auffordern. In diesem Aufruf wirst Du zahlreiches konkretes Material vorfinden, das diese gefährliche Gegenströmung aufdeckt.

Du hast recht, wenn Du am Schluß Deines Briefes schreibst: »Und deshalb ist es die Aufgabe jedes Revolutionärs, gegen den Strom zu schwimmen, denn nur im Kampf der Widersprüche entsteht etwas Neues und findet Entwicklung statt. Zu dieser Haltung hin muß erzogen werden, sie muß gefordert und gefördert werden. Denn ich finde, gerade für eine junge Organisation wäre es besonders schnell tödlich, wenn man vor dem ›Gegen-den-Strom-schwimmen‹ zurückschrecken würde.«

In einer solchen Gefahr befand sich unsere Organisation, und deshalb mußte die Zentrale Kontrollkommission schnell und hart eingreifen und die Genossen wieder zum »Gegen-den-Strom-schwimmen« ausrichten. Nur die mit Blindheit Geschlagenen wurden von der Gegenströmung mitgerissen und trieben ab. Ich empfehle Dir unbedingt, unseren Aufruf zur Wachsamkeit gründlich zu studieren!

Mit revolutionären Grüßen
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1975

Solidarität mit politischen Gefangenen

Herrn J. Schmierer 18. 7. 75

Vollzugsanstalt
Waldshut

Werter Genosse Schmierer!

In der »Kommunistischen Volkszeitung« 27 ersah ich Deine Anschrift und will es nicht versäumen, Dir und Deinen Genossen meine volle Solidarität auszudrücken. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten zwischen uns erkläre ich die Zusammengehörigkeit mit Dir und allen proletarischen politischen Gefangenen gegenüber dem Klassengegner.

Als ich 1958 das im Grundgesetz verankerte Recht, bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen als Unabhängiger zu kandidieren, für mich in Anspruch nahm, wurde ich mit acht Monaten Gefängnis auf Bewährung und Aberkennung des aktiven und passiven Wahlrechts für fünf Jahre bestraft. Der Oberstaatsanwalt begründete seine Anklage als »Rückfall«, weil ich wegen Widerstand gegen die Hitlerdiktatur bestraft worden war. Nachdem ich nun erneut verurteilt wurde, hat man mich anschließend auch nicht mehr als »Verfolgter des Naziregimes« anerkannt. Wer die Macht hat, hat auch das Recht auf seiner Seite.

Ich habe die Fortsetzung des Meinungsaustauschs über die wirtschaftliche Entwicklung in der »Kommunistischen Volkszeitung« gelesen und bestätige den sachlichen Ton. Unsere Wirtschaftsabteilung wird in einem ausführlichen Artikel auf die gegenwärtige wirtschaftliche Situation eingehen, allerdings nicht in der Art der Weiterführung der bisher geführten Polemik, obwohl noch einiges zu der Antwort in der »Kommunistischen Volkszeitung« zu sagen wäre.

Inzwischen ergeben sich neue Fragen und Probleme, so die Rede von E. Aust in Westberlin, wo er sich in prinzipienloser Weise bei Semler und Horlemann anbiedert, obwohl sie sich vorher angepöbelt haben. Durch die Politik der »Vaterlandsverteidigung« sind wohl alle Hemmungen beiseite geschoben worden.

Diese Politik bedeutet wohl nicht nur eine Trennungslinie, wie Du mal formuliertest, sondern auch eine Bindungslinie, die die Linksopportunisten zusammenführt.

Wie geht es Dir gesundheitlich? Wie oft kannst Du Briefe empfangen und schreiben? Bist Du in Einzel- oder Gemeinschaftshaft? Wenn es eben möglich ist, schreibe mir mal wieder.

Mit solidarischen Grüßen
Willi Dickhut

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1975

Dialektische Einheit

Sehr geehrter Herr Dickhut! 8. 1. 75

Beim wiederholten Studium des Revolutionären Wegs 10 ist mir immer, trotz voller inhaltlicher Zustimmung, am Anfang (S. 5) eine Formulierung unklar geblieben. Es geht darum, daß die fünf prinzipiellen Seiten des Parteiaufbaus eine dialektische Einheit bilden (auch auf S. 9 ist von der »Einheit aller Seiten« die Rede). Klar ist, daß man keine Seite abtrennen darf, aber bei Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao Tsetung und auch im Revolutionären Weg 6 (zum Beispiel S. 51) bilden immer zwei Seiten eine dialektische Einheit. Es können zwar verschiedene Widersprüche zusammenkommen, aber immer sind es Widerspruchspaare, wie zum Beispiel Theorie und Praxis, Demokratie und Zentralismus, Bourgeoisie und Proletariat, Revolution und Konterrevolu­tion. Auch die chinesischen Genossen sprechen von »Eins teilt sich in zwei« und nicht von »eins teilt sich in fünf«.

Ich bitte, mir die Frage zu beantworten, denn ich glaube, es ist keine rein akademische, weil sie mich und die, die ich fragte, sehr verunsichert hat, was zum Beispiel dazu führte, daß der Verdacht aufkam, das Wort »dialektisch« wäre hier nichtssagend, sozusagen nur als Phrase hineingeschrieben, damit es sich »marxistisch anhöre« (Zitat eines Kollegen).

Mit freundlichem Gruß
H. C.

Sehr geehrter Herr H. C.! 25. 2. 75

Entschuldigen Sie, daß ich Ihren Brief wegen Überarbeitung nicht früher beantworten konnte. Um gleich auf den Kern der Sache zu kommen: Sie sehen anscheinend die dialektische Einheit allzusehr schematisch an, als Widerspruch zweier Pole, die zu anderen Widersprüchen nicht in Beziehung stehen. »Ja, ja, nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel« (Engels). Eine dialektische Einheit steht mit einer anderen dialektischen Einheit nicht in Koexistenz nebeneinander, sondern beide stehen in Wechselbeziehung zueinander und bilden eine umfassendere, eine höhere dialektische Einheit. Es kann zum Beispiel keine echte dialektische Einheit des demokratischen Zentralismus geben ohne die dialektische Einheit von Kritik und Selbstkritik, das heißt, Kritik, Demokratie und Freiheit gehören zusammen wie Selbstkritik, Zentralismus und Disziplin, stehen in Wechselwirkung miteinander und bilden eine dialektische Einheit.

Ich bitte, Lenins »Bestimmung der Dialektik« (Revolutionärer Weg 6, S. 23–25) in aller Tiefe zu studieren und darüber nachzudenken. Als ich in meiner Jugend durch Selbststudium darauf gestoßen bin, habe ich tagelang darüber nachgegrübelt. Lenin weist darauf hin (Punkt 9): »nicht nur Einheit der Gegensätze, sondern Übergänge jeder Bestimmung, jeder Erscheinung, jeder Qualität, jedes Zugs, jeder Seite, jeder Eigenschaft in jedes andere« und (Punkt 10) »unendlicher Prozeß der Erschließung neuer Seiten, Beziehungen usw.« Hier stellt Lenin gerade die Beziehungen der verschiedenen Seiten, Erscheinungen, Prozesse von einem zum anderen, die alle zusammen in Wechselbeziehung miteinander stehen, als Summe und Einheit der Gegensätze heraus. Je mehr Seiten wir erschließen, um so gründlicher erfassen wir das Wesen. Lenin schreibt (Punkt 11): »unendlicher Prozeß der Vertiefung der Erkenntnis der Dinge, der Erscheinungen, Prozesse usw. durch den Menschen, von der Erscheinung zum Wesen und dem weniger tiefen zum tieferen Wesen.«

Wir haben im Revolutionären Weg 10, Seite 5 nur die fünf grundsätzlichen Seiten des Parteiaufbaus als dialektische Einheit herausgestellt. Selbstverständlich gehören zum Parteiaufbau noch viel mehr Seiten, die im engen Zusammenhang miteinander stehen. Die fünf grundsätzlichen Seiten sind die wesentlichen Seiten, alle anderen sind weniger wesentliche Seiten. Verstöße gegen die grundsätzlichen Seiten gefährden den Parteiaufbau und können die Organisation zerstören. Verstöße gegen weniger wesentliche Seiten beziehungsweise deren Nichtbeachtung erweisen sich als mehr oder weniger große Fehler, die möglichst schnell erkannt und korrigiert werden müssen. Geschieht das nicht, kann die Summe von Einzelfehlern sich zu einem grundsätzlichen Fehler entwickeln und ebenfalls den Parteiaufbau gefährden (siehe Revolutionärer Weg 10, S. 50).

Noch mal zu Ihrem Brief. Das Nebeneinanderstellen von Widerspruchspaaren ohne Zusammenhang miteinander, ohne Wechselbeziehung untereinander ist nicht marxistisch. Bei einer Analyse der Widersprüche ist die Trennung zwar notwendig, aber man muß sie wiederum als Synthese vereinigen, um den kausalen Zusammenhang aufzuzeigen. Lenin sagt in Punkt 12 der »Bestimmung der Dialektik«: »von Koexistenz zur Kausalität und von der einen Form des Zusammenhangs und der wechselseitigen Abhängigkeit zu einer anderen, tieferen, allgemeineren.«

Ihr Kollege ist im Irrtum, wenn er meint, das Wort »dialektisch« sei als Phrase verwandt worden, weil es sich »marxistisch anhöre«, vielmehr ist es sein metaphysisches Denken, das ihn daran hindert, die Dialektik des Parteiaufbaus zu verstehen. Wenn er Lenins »Bestimmung der Dialektik« begriffen hätte, würde er so nicht urteilen.

Mit freundlichem Gruß
W. Dickhut

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1975

Die Stalinfrage

Liebe Genossen! 14. 5. 75

Vor kurzer Zeit diskutierten wir – zwei Mitglieder und eine Sympathisantin der KSG – gemeinsam über die »Stalin-Frage«. Dabei stützten wir uns auf den »Zweiten Kommentar zum Offenen Brief des ZK der KPdSU« der KP Chinas und auf den Revolutionären Weg 7.

Folgende Erkenntnisse schienen uns besonders wichtig:

– Die KP Chinas betont: »Vermutlich wird in diesem Jahrhundert eine endgültige Bestimmung dieser Frage unmöglich sein …« (Kommentar S. l, Ausgabe des KAB(ML), Tübingen 1970). Deshalb konnte es uns nicht darum gehen, alle möglichen Einzelfragen und Vorwürfe gegen Stalin zu diskutieren, bei denen wir zwischen Lüge und Wahrheit sowieso nicht unterscheiden können. Es ging uns darum, die grundsätzliche Herangehensweise an das Problem zu klären. Die chinesischen Genossen und der Revolutionäre Weg behandeln den Widerspruch zu Stalin als einen Widerspruch im Volk – das ist ein grundlegender Unterschied zu den Revisionisten, der deren wahre Absichten deutlich macht.

– Eine materialistische Herangehensweise – wie Ihr sie auch aus dem »Kommentar« (S. 48f.) zitiert und im Revolutionären Weg praktiziert – erfordert eine genaue Betrachtung der historischen Situation in der UdSSR. Dabei ist es notwendig, den besonderen Problemen und Bedingungen Rechnung zu tragen. Der Revolutionäre Weg 7, 8, 9 hat dazu einen großen Beitrag geleistet: Er zeigt die materialistischen Ursachen für Bürokratisierung und schließlich Abschaffung des Sozialismus in der UdSSR auf.

– Nur auf dieser Grundlage ist es möglich, die für die Person Stalins wichtigen Fragen prinzipiell zu erkennen.

Allerdings haben wir bei dieser grundsätzlichen Übereinstimmung mit dem Revolutionären Weg 7 dennoch einen wichtigen Widerspruch: Wir meinen, daß zur Person Stalins nicht immer hart und konsequent argumentiert wird. Auf Seite 30/31 wird ausgeführt, daß die neue Bürokratie im Partei-, Wirtschafts- und Staatsapparat sowie in den Gewerkschaften und Jugendorganisationen zum Haupthindernis eines einheitlichen Handelns wurde.

Ihr führt aus, daß Stalin auf dem VIII. Kongreß des KJV zur Bekämpfung der Bürokratie den prinzipiell einzig richtigen Weg angibt: die Mobilisierung und Organisierung der Massen. Gleichzeitig schreibt Ihr aber: »Stalin führte wohl schonungslos den Kampf gegen die Bürokratie von oben, aber mit Hilfe desselben Apparats, gegen dessen Auswüchse er zu Felde zog.« (Hervorhebung von uns)

Bedeutet das nicht in der Konsequenz,

– daß durch den Kampf gegen die Bürokratie »von oben« die Bürokratie noch verstärkt wurde, daß stellvertretend für die Massen gehandelt wurde und damit auch eine wirkliche Mobilisierung nicht stattfand?

– daß bei Stalin ein starkes Mißverhältnis zwischen Theorie und Praxis vorhanden war, also auch eine gewisse Abgelöstheit von der Realität?

Auch wenn die Entwicklung in der Sowjetunion historisch bedingt war, weil die wichtige Erfahrung der Kulturrevolution erst auf Grundlage der Entwicklung in der Sowjetunion gemacht werden konnte, so meinen wir doch, daß die Fehler Stalins nicht mit dem Hinweis »war darum historisch bedingt« (S. 31) abgeschwächt werden dürfen. In ihrem Kommentar heben die chinesischen Genossen diese Fehler sehr deutlich hervor (S. 6) – aber sie schwächen sie nicht ab, sondern sie ordnen sie ein und kommen zu dem Ergebnis, daß es sich um Widersprüche im Volk handelt – deshalb sind die Fehler Stalins sekundär. »Sekundär« heißt nach unserem Verständnis nicht, daß sie unwichtig sind, sondern gibt Aufschluß darüber, wie sie behandelt werden müssen. Gerade wir Kommunisten müssen Fehler schonungslos aufdecken und kritisieren, um daraus zu lernen, auch und gerade wenn es sich um Widersprüche im Volk handelt.

Auf Seite 34/35 führt Ihr aus, daß Malenkow die Gefahr des Bürokratismus grundsätzlich zwar erkannte, aber einer vollkommenen Unterschätzung der tatsächlichen Situation aufsaß. Ihr führt dazu aus: »Anstatt Alarm zu schlagen ..., trat eine verhängnisvolle Vernachlässigung dieses notwendigen Kampfes ein« (S. 34). »Es ist nicht zu verstehen, daß neben einer durchaus richtigen Einschätzung der Gefahr … immer wieder eine gefährliche Unterschätzung der wahren Situation zu Tage tritt. Das ist um so erstaunlicher …« (S. 35, Hervorhebungen von uns)

Wir sind der Meinung, daß die Ursachen dafür in besagtem Mißverhältnis von Theorie und Praxis sowie gewissen Tendenzen zum stellvertretenden Handeln zu suchen sind. Deshalb halten wir die unwissenschaftlichen Termini »nicht zu verstehen« und »erstaunlich« hier nicht für angebracht: Sie sind geeignet, eine konsequente Weiterführung der Argumentation zu verhindern.

Im Revolutionären Weg 7 wird der Ausdruck »titanenhafte Persönlichkeit Stalins« gebraucht. Wenn damit das Ansehen Stalins unter dem russischen Volk, seine Rolle als Führer der sozialistischen Sowjetunion gegenüber der jetzigen revisionistischen Clique hervorgehoben werden soll, so halten wir diesen Ausdruck für ungeeignet. Der gemeinte Sachverhalt wird durch das Wort »titanenhaft« nicht aufgehellt, im Gegenteil: Er wird mißverstanden als psychologische Abgrenzung gegenüber der »Jämmerlichkeit« Chruschtschows und in diesem Zusammenhang als Ergebnis des Personenkults gewertet. Wir meinen, daß solche Formulierungen durch entsprechend sachliche Beschreibung der gemeinten Sachverhalte ersetzt werden müßten.

Wir hoffen sehr, daß sich unsere Widersprüche klären lassen.

Mit solidarischen Grüßen! Sigrid, Wolfgang, Wolfgang



An die Genossen

Sigrid, Wolfgang und Wolfgang
über die Ortsleitung der KSG 19. 6. 75

Liebe Genossen!

Eure Diskussion über die Stalinfrage mit dem Ziel, eine grundsätzliche Klärung herbeizuführen, kann zu keinem Ergebnis führen, weil einfach das dazu notwendige Material fehlt; selbst die Kommunistische Partei Chinas ist nicht in der Lage, gegenwärtig die Stalinfrage restlos zu klären. Erst wenn die Archive der Sowjetunion geöffnet würden, könnte das aufklärende Material verarbeitet werden. Auch der programmatische Aufruf der revolutionären Kommunisten der Sowjetunion, der die Stalinfrage ziemlich ausführlich behandelt, ist nur auf die Verteidigung Stalins gegen die modernen Revisionisten ausgerichtet – und das war notwendig.

Ihr schreibt: »Wir meinen, daß zur Person Stalins nicht immer hart und konsequent argumentiert wird.« Dazu sind wir weder in der Lage (denn eine solche Kritik muß fundiert sein), noch als kleine Gruppe autorisiert. Das kann nur von einer internationalen Kommission gemacht werden, die über alles notwendige Material verfügt. Wir können nur von dem ausgehen, was uns zur Verfügung steht, und das ist geschehen. Wenn wir sagen, die Fehler Stalins waren »historisch bedingt«, so bedeutet das keine Abschwächung der Kritik an Stalin, sondern eine Erklärung, soweit sie uns möglich erscheint.

Die Rückständigkeit des Landes, das Übergewicht kleinbürgerlicher Schichten, der verschärfte Klassenkampf gegen die innere und äußere Bourgeoisie mußten notwendigerweise durch die stärkste Zentralisierung der Staatsmacht als Hauptseite der proletarischen Demokratie ausgedrückt werden. So entwickelte sich »historisch bedingt« ein mächtiger Staatssicherheitsdienst. Stalins Fehler war, daß er sich immer mehr auf den Staatssicherheitsdienst verließ. Auch das kam nicht von ungefähr, denn Stalin verfolgte die Hauptträger der kleinbürgerlichen Ideologie im Land, die sich maskierten, ihr Gesicht veränderten, sich der Situation anpaßten, sie bildeten eine Art »fünfte Kolonne«. Durch den Staatssicherheitsdienst wurden sie verfolgt, entlarvt und durch die »Moskauer Prozesse« verurteilt. So notwendig das war, damit trat der Staatssicherheitsdienst immer mehr in den Vordergrund, auch im Kampf gegen eine neue Bürokratie, eine mit dem Parteibuch in der Tasche, die durch eine kleinbürgerliche Lebensweise verbunden mit Privilegien entartete. Diese Entwicklung wurde durch die zentralistische Planwirtschaft, durch die eine breite Mitwirkung der Massen verhindert wurde, und durch den Rückgang der Verbreitung der sozialistischen Ideologie in den Massen beschleunigt und vertieft.

Soweit läßt sich die Entwicklung in der Sowjetunion unter Stalin von unserer Warte aus erklären – alles weitere ist Spekulation. Manche Vorgänge können wir als Außenstehende nicht verstehen, ohne daß dadurch eine »konsequente Weiterführung der Argumentation« verhindert wird. Manche Ursachen werden nie aus den Akten ergründet werden.

Ich will versuchen, das an einem Beispiel aus der jetzigen Situation in den KSG verständlich zu machen. Bei der Untersuchung hat die Zentrale Kontrollkommission zu ergründen versucht, wieso eine derartige Verletzung der Prinzipien des Marxismus-Leninismus durch Mitglieder der Zentralen Leitung möglich sei. Noch zwei Tage vor dem 2. Zentralen Delegiertentag habe ich Th. eingehend befragt, er solle doch ganz offen darlegen, wie das geschehen konnte, er habe doch den Revolutionären Weg 10 gründlich studiert, die Prinzipien »Demokratischer Zentralismus« und »Kritik und Selbstkritik« anerkannt und selber propagiert, warum dann die Verstöße, die doch nicht aus voller Absicht wie bei einem Parteifeind erfolgt seien? Er faßt sich an den Kopf und erklärt verzweifelt: »Ich habe darüber nachgegrübelt, ich kann es nicht erklären!« Kein einziges Mitglied der Zentralen Leitung kann sich die Vorgänge erklären, und wenn einer meint, das sei auf eine kleinbürgerliche Einstellung und Denkweise zurückzuführen, dann ist das nur teilweise richtig. Die Zentrale Kontrollkommission erklärt sich das im wesentlichen so: Die betreffenden Genossen haben die Prinzipien des Marxismus-Leninismus studiert und verstandesmäßig als richtig anerkannt, so wie viele sich ein Buchwissen über die marxistisch-leninistische Theorie aneignen, aber das Wesen des Marxismus-Leninismus nicht begreifen. Die Begriffe der Prinzipien werden verstandesmäßig erfaßt, doch dringt man nicht bis in das Wesen der Prinzipien ein. Das ist ein Widerspruch, dem viele unterliegen; dafür kann ich viele Beispiele anführen.

Ich versuche immer wieder zu ergründen, wieso ganze kommunistische Parteien (bei Einzelpersonen ist das klar) wie zum Beispiel die KPD, der ich vor 50 Jahren beitrat, revisionistisch entarten konnten. Als ich in der Kaderabteilung tätig war, habe ich Tausende Genossen für die verschiedenen Lehrgänge der Parteischulen geprüft, ihre ideologische Entwicklung verfolgt und ihren Einsatz entsprechend ihrem ideologischen Niveau vorgeschlagen. Sie haben doch alle eine bestimmte, wenn auch unterschiedliche Grundlage des Marxismus-Leninismus erhalten und Erfahrungen im Kampf gesammelt. Warum machen sie den revisionistischen Kurs mit? Sie können doch unmöglich in das Wesen des Marxismus-Leninismus eingedrungen sein, sonst müßten sie diese revisionistische Linie verurteilen. Mit der subjektiven Erklärung: »Es sind alles Verräter!« ist das Problem nicht gelöst. Wir bemühen uns heute, aus der negativen Entwicklung der KPD/DKP zu lernen und in grundsätzlicher Hinsicht eine Reihe Dämme gegen eine revisionistische Entartung zu errichten.

Was die Stalinfrage anbelangt, kann sie heute nicht restlos geklärt werden. Wir haben im Revolutionären Weg 7–9 als einzige Organisation den Versuch einer Analyse der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion gemacht und, soweit wie es uns möglich war, die Rolle Stalins zu erklären versucht. Euer Verlangen, Stalins Fehler stärker herauszuarbeiten, »hart und konsequent zu argumentieren«, ist für uns unmöglich, ohne in Spekulationen zu verfallen. Das ist auch gegenwärtig falsch, weil uns das im Kampf gegen den Revisionismus, die gegenwärtige Hauptgefahr innerhalb der Arbeiterbewegung, nur ablenken würde.

Stellen wir die Verdienste und Fehler Stalins nebeneinander, dann sind die Verdienste primär, seine Fehler sekundär. Wir haben keine Ursache, das umzudrehen, denn das würde Wasser auf die Mühlen der Revisionisten leiten. Es ist sinnlos, sich an der Stalinfrage festzubeißen, statt den offensiven Kampf gegen die Revisionisten zu führen. Das bitte ich Euch zu überlegen.

Mit kommunistischem Gruß
Redaktion des Revolutionären Wegs
i. A. Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1974

Kritik am Artikel über Lenins Genialität

Lieber Willi, 19. 4. 74

ich habe es versäumt, auf Deinen letzten Brief vom 26. 2. schnell zu antworten. Das liegt vor allem daran, daß wir in der Redaktion erst die ersten Schritte auf dem Weg zu einem planmäßigen Arbeitsstil gemacht haben. Unsere Redaktionsarbeit ist noch zu sehr darauf eingestellt, Artikel fertigzustellen, und noch nicht in der Lage, den großen Berg der Briefe und Korrespondenzen zu verarbeiten. Aber wir haben das Problem – auch noch ein Relikt aus dem Zirkelwesen – erkannt, und wir bemühen uns, es möglichst schnell zu lösen. Die Korrespondententagung im Mai soll ein erster Schritt dazu sein, den Kontakt mit den Genossen in den Ortsgruppen herzustellen.

Wir haben in der Redaktion und im Mitarbeiterstab Deine Analyse gelesen und sie in der Diskussion für richtig und für viel tiefgehender erkannt, als unsere vorherige Meinung über die allgemeine Krise des Kapitalismus war …

Viel Kritik kam zu dem Lenin-Artikel, vor allem von Studenten. Sie kritisieren vornehmlich, daß er zu hoch und phrasenhaft sei, verstehen aber den Kern des Artikels nicht, der gerade für Intellektuelle wichtig ist: daß Lenins Genialität gerade darin bestand, daß er auf die Massen vertraute, aus ihnen schöpfte und nicht auf Buchwissen und Dogmen vertraute. Auch von der intheoretisches-organ-revolutionaerer-weg China lebenden Lisa N. haben wir eine Kritik erhalten: »Nur ist man hier über den ›genialen Führer Lenin gestolpert, und das besonders jetzt im Zuge der Bewegung zur Kritik an Lin Biao und Konfuzius. Wir haben einen ›bedeutenden Führer daraus gemacht!«

Dein Besuch in Tübingen hat uns in der anderen Zelle weitergebracht. Bisher war die zentrale Arbeit in der Grundeinheit tabu. Deshalb bin ich auch nie auf den Gedanken gekommen, Briefe von Dir in der Grundeinheit vorzutragen. Ich hätte das für einen Verstoß gegen die Disziplin und die Regeln der Konspiration gehalten. Das war aber Konspiration an der falschen Stelle, in politisehen Fragen. Zudem müssen die Genossen in meiner Zelle meine Schwierigkeiten kennen, um mir helfen zu können.

Viele Grüße!
Karl

Lieber Karl! 24. 4. 74

Deinen Brief vom 19. 4. dankend erhalten. Du hast sicher in der »Peking Rundschau« 14 den kurzen Wirtschaftsbericht über die BRD gelesen. Die Redaktion hat einige Zahlen aus dem Zusammenhang genommen und falsche Schlußfolgerungen daraus gezogen. Ich hatte in meinem Brief vom 26. 2. davor gewarnt: »Wir sollen uns nicht von bürgerlichen Argumenten verblüffen lassen.« Die Redaktion der »Peking Rundschau« hat sich verblüffen lassen. Die Gesamtproduktion 1973 ist um 11,9 Prozent gestiegen. Alle großen Konzerne melden Umsatzsteigerungen von durchweg 15–20 Prozent. Wo keine Steigerung gemeldet wird, hat das bestimmte Ursachen …

Was den Lenin-Artikel betrifft, haben wohl einige Studenten sonderbare Ansichten. Daß er für sie »zu hoch« erscheint, liegt wohl daran, daß sie den Kern nicht verstehen oder ihn nicht verstehen wollen. Allerdings ist der Artikel in konzentrierter Form geschrieben, aber das liegt daran, daß der Umfang vorgeschrieben war. Wer ihn aufmerksam studiert, wird feststellen, daß in jedem Absatz eine wichtige Lehre steckt. Von diesen Lehren fühlen sich wohl einige kleinbürgerliche Intellektuelle getroffen, sie sträuben sich dagegen, weil sie die Lehren nicht annehmen wollen. Wenn aber jemand behauptet, der Artikel sei phrasenhaft, dann soll er es mir mal beweisen. Phrasenhaft heißt: hochtönende Worte ohne Inhalt. Ich möchte den mal sehen, der behauptet, der Artikel sei inhaltsleer. Gerade kleinbürgerliche Intellektuelle aus den ultralinken Gruppen haben bewiesen, was phrasenhaft ist.

Auch wenn einige chinesische Genossen um Lisa N. anderer Meinung sind: Stalin war ein »bedeutender« Führer, Lenin war ein »genialer« Führer. Die Oktoberrevolution war ein großes Risiko, die Situation wurde durch den Verrat von Sinowjew und Ka-menew, die den Aufstandsplan an die Menschewiken verrieten, bedrohlich. Nur ein Abenteurer oder ein Genie konnte unter diesen Umständen den Befehl zum Aufstand geben, ein Abenteurer, weil er das Kräfteverhältnis nicht richtig einschätzen konnte und trotzdem zum Aufstand aufruft, der dann scheitern muß. Aber Lenins Genie lag darin, daß er mit Sicherheit die verwickelte Lage durchschaute, die Kräfte des Feindes und die eigenen genau einschätzte, den Aufstandsplan in allen Einzelheiten erarbeitete und den unerschütterlichen Glauben an die revolutionäre Kraft der Massen hatte, den gerade Sinowjew und Kamenew nicht hatten. Diese kleinbürgerlichen Intellektuellen waren zaghaft, sie glaubten weder an die Massen noch an den Sieg, darum liefen sie in ihrem Kleinmut zu den Menschewisten über.

Wir können die Bedeutung Lenins nicht hoch genug einschätzen. Das müssen wir gerade jetzt im Kampf gegen die Revisionisten beachten. Übrigens: Was ist ein Genie? Höchster Grad schöpferischer Begabung – das kann man doch wohl von Lenin sagen. Wer das Gegenteil behauptet, kennt Lenin nicht und unterschätzt die gewaltige Bedeutung des Leninismus für den Kampf der Arbeiterklasse …

Herzlichen Gruß
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1974

Theorie und Praxis

Sehr geehrter Herr Dickhut! 16. 7. 74

Ich habe gerade den Revolutionären Weg 6/71 gelesen über »Die dialektische Methode in der Arbeiterbewegung«. Ich wende mich an Sie, da Sie als Verantwortlicher gezeichnet haben und ich annehme, daß Sie der Verfasser der, meiner Meinung nach, sehr guten Broschüre sind.

Zwar bin ich Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschland, doch das kann mich nicht hindern, Ihnen einige Fragen zu stellen, die mir unklar sind. Im Gegenteil, ich möchte behaupten, das spricht für die Erziehung durch meine Organisation. Doch Schluß jetzt mit dem »Organisationsstreit«!

Bei meiner Tätigkeit als Briefträgerin arbeite ich mit einem Kollegen zusammen (auch politisch), der sehr begeistert ist von der obengenannten Broschüre und sie mir gleich geschenkt hat, wahrscheinlich, um mich für den KABD zu gewinnen, mit dem er schon lange sympathisiert. Diese Broschüre hat ihn sehr beeindruckt, und sie wirkt sich auch schon auf seine Praxis aus. Doch leider, was bestimmt nicht die Absicht der Broschüre war, meint er nun, man könne nichts machen, weitheoretisches-organ-revolutionaerer-wegl die Arbeiterklasse noch keinen Kampfwillen hat.

Er führt dann immer einige Beispiele aus dem Buch an. Ich muß für mich sagen, und ich kenne diesen jungen Genossen schon länger, daß sie im Grunde, so gut die Broschüre auch sein mag, für ihn schädlich war, da er jetzt des öfteren unbewußt als »Hemmschuh« bei »Planungen« auftritt. Ich finde, und das möchte ich ausdrücklich betonen, nicht Ihre Broschüre schädlich für die kommunistische Bewegung, im Gegenteil, doch ich meine, die Auswirkungen auf junge unerfahrene Genossen sind nicht in Ihrem Interesse, denn sie führen zu Resignation.

Mich interessiert nun folgendes, und ich bitte Sie, mir bald auf meine Anfrage zu antworten, was war der Zweck Ihrer Broschüre?

Bitte antworten Sie mir bald, da es wichtig für den Einfluß der Kommunisten im Postamt ist. Und mir in diesem Falle die Praxis so wichtig ist, daß ich nicht auf eine theoretische Abhandlung im Revolutionären Weg warten kann, so wichtig sie auch sein mag.

Mit kommunistischem Gruß
St.

Liebe Genossin St.! 19. 7. 74

Erhielt heute mit bestem Dank Ihren Brief und will ihn gleich beantworten, obwohl ich sehr wenig Zeit habe.

»Was ist der Zweck der Broschüre?«

Da die Weltanschauung der Kommunisten der dialektische und historische Materialismus ist, kann niemand ein wirklicher Kommunist sein, der nicht von dieser Weltanschauung durchdrungen ist, sie beherrscht und verbreitet. Wer von dieser Weltanschauung abweicht, sie verwischt, entstellt oder sogar ins Gegenteil verdreht, der ist ein Revisionist. Wer sie als starres Dogma betrachtet, sie nicht den neuen Bedingungen in der Entwicklung der Gesellschaft entsprechend schöpferisch anwendet und weiterentwickelt, ist ein Dogmatiker. Das ist kurz gesagt die Bedeutung der Theorie des Marxismus-Leninismus.

Die dialektische Methode betrachtet die Bewegungen in Natur und Gesellschaft als Prozesse und nicht als fertige Dinge und Erscheinungen, die ein für allemal gegeben wären, starr, ohne Bewegung und Entwicklung. Die dialektische Analyse untersucht möglichst alle Seiten und Zusammenhänge einer Erscheinung, besonders die in der menschlichen Gesellschaft, die voller Widersprüche steckt und sich in ständiger Bewegung befindet. Wer Kommunist werden will, muß sich die dialektische Methode gründlich aneignen und sie ständig anwenden, denn nur so kann eine richtige kommunistische Praxis durchgeführt werden. Eine Praxis ohne Anwendung der dialektischen Methode ist blind, denn sie ist von der Theorie losgelöst.

Nur die dialektische Methode ermöglicht die Herstellung einer dialektischen Einheit von Theorie und Praxis. Gewiß kann ein Arbeiter auch ohne sie klassenmäßig richtig handeln (auch ein blindes Huhn findet ein Korn), das heißt, er handelt instinktiv klassenmäßig richtig, aber dieses spontane Handeln ist weder strategisch noch taktisch richtig ausgerichtet. Nur die dialektische Methode ermöglicht eine klare Ausrichtung auf die Notwendigkeiten der Praxis, vermeidet Fehler und befähigt zur Führung in der Arbeiterbewegung. Wenn dennoch Fehler gemacht werden, dann deshalb, weil die dialektische Methode nicht allseitig und bis in die Tiefe angewandt wurde. Darum ist die dialektische Methode die Grundlage einer richtigen kommunistischen Praxis.

Quintessenz:
Marxist-Leninist ist, wer die Weltanschauung des dialektischen und historischen Materialismus anerkennt!

Marxist-Leninist ist, wer in der Praxis die dialektische Methode zu meistern versteht!
Kommunist ist, wer sich bemüht, beides anzueignen und anzuwenden!

Ich schicke Ihnen die letzten Nummern des Revolutionären Wegs 11 und 12. Da ich Rentner bin und selbst mein eigenes Exemplar bezahle, bitte ich Sie, mir den Betrag von 5,00 DM in Briefmarken zu übermitteln. Sie werden beim Studium der Betriebs- und Gewerkschaftsfragen die dialektische Methode in der Behandlung der Probleme besser verstehen. Es ist hier auch eine Kritik an den »Leitsätzen der Arbeit in den Gewerkschaften« des Kommunistischen Bunds Westdeutschland und an W. Maiers Thesen enthalten. Kurz nach Erscheinen des Revolutionären Wegs 11 und 12 hat J. Schmierer in der »Kommunistischen Volkszeitung« und in »Kommunismus und Klassenkampf« W. Maier politisch angegriffen und ihn als Rechtsopportunisten bezeichnet.

Die im Revolutionären Weg 11 und 12 enthaltenen Lehren sind nicht nur durch theoretische Erkenntnisse zustande gekommen, sondern fußen auf jahrzehntelanger Betriebs- und Gewerkschaftspraxis. Wenn Ihr Kollege aus dem Revolutionären Weg 6 die Schlußfolgerung gezogen hat, man könne heute nichts machen, dann hat er leider die dialektische Methode noch nicht verstanden, denn sie sollte gerade das Umgekehrte erreichen und die Praxis besser gestalten. Ich empfehle ihm, er soll den Dingen noch mehr auf den Grund gehen, dazu können die anderen Nummern des Revolutionären Wegs beitragen. Jede einzelne Nummer enthält ein bestimmtes Thema, aber alle zusammen bedeuten ein ganzesSystem, das heißt, sie sind nicht voneinander zu trennen. Die einzelnen Nummern haben folgende Bedeutung:

RW l und 2 setzen sich mit dem Revisionismus auseinander, um die Notwendigkeit der Schaffung einer revolutionären Partei zu begründen.

RW 3 setzt sich mit dem kleinbürgerlichen Revolutionarismus der Studenten auseinander, die im Begriff waren, die junge marxistisch-leninistische Bewegung zu überwuchern.

RW 4 und 5 behandeln die ersten zwei Spaltungen und die ultralinke Linie der KPD/ML (»Roter Morgen«) und KPD/ML (»Rote Fahne«), die ich persönlich erlebt habe.

RW 6 Den ganzen Verwirrungen mußte die dialektische Methode entgegengesetzt werden.

RW 7–9 setzen sich mit dem Sozialimperialismus der Sowjetrevisionisten auseinander und weisen anhand amtlichen sowjetischen Materials die Entartung der Bürokratie, die Restauration des Kapitalismus und die Methoden des Sozialimperialismus nach.

RW 10 behandelt einige Grundfragen des Parteiaufbaus.

RW 11 und 12 enthalten entscheidende Richtlinien der Betriebsund Gewerkschaftsarbeit und nehmen kritisch Stellung zu den falschen Auffassungen anderer Gruppen und Parteien.

Weitere grundsätzliche Themen sind in Vorbereitung. Es wäre ganz vernünftig, wenn Sie sich mit diesen theoretischen Problemen unserer Zeit befassen würden. Ich studiere auch das Material des Kommunistischen Bunds Westdeutschland und nehme dazu Stellung.

Ich hoffe, Ihnen hiermit gedient zu haben, und bitte Sie, mir das Ergebnis Ihrer Diskussion mit Ihrem Kollegen mitzuteilen. Sollten Sie noch weitere Fragen haben, bin ich gern bereit, sie zu beantworten, aber berücksichtigen Sie bitte, daß das nicht immer umgehend erfolgen kann. Grüßen Sie Ihren Kollegen, und bestellen Sie, er solle nur nicht den Mut verlieren, ich habe schon 50 Jahre Kampf hinter mir und habe selbst in den schwersten Stunden des faschistischen Terrors nie den Mut verloren. Wir dürfen nur keine revolutionäre Ungeduld an den Tag legen, sondern müssen zäh und systematisch unentwegt Kleinarbeit leisten, denn aus dem Kleinen kommt das Große.

Mit freundlichen Grüßen
W. Dickhut

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1974

Ein gemeinsames Band – stärker als bürgerliche Vorurteile

Lieber Klaus, liebe Dagmar! 26. 2. 74

Herzlichen Glückwunsch zu Eurer Ehe! Wenn auch verspätet, so kommen meine Wünsche nicht weniger von Herzen. Es ist ja nicht einfach nur eine bürgerliche Ehe, wie sie nach außen hin in Erscheinung tritt, sondern sie beruht auf der gemeinsamen Weltanschauung und politischen Tätigkeit. Dieses gemeinsame Band ist stärker als bürgerliche Vorurteile. Haltet fest zusammen zur Erreichung unseres großen Ziels.

Ich bitte um Entschuldigung, daß ich erst jetzt Eurer gedenke. Um den Tag nur ja nicht zu vergessen, hatte ich mir Eure Anzeige sorgfältig verwahrt, aber dann stürzte vorige Woche soviel auf mich ein, daß mir Hören und Sehen verging. Ma. hatte mir ein Päckchen mit Verbesserungsvorschlägen für Revolutionärer Weg 7–9, die wir als Buch herausgeben wollen, zur Überarbeitung beziehungsweise Überprüfung übermittelt. Kaum war ich intensiv daran, schickte mir Wa. den abgeänderten und erweiterten Entwurf der Lektion über den Arbeitsstil, den ich in drei Tagen überarbeiten sollte. Also machte ich mich gleich daran. Luise ist recht sauer, da ich nur noch zum Essen aus meinem Arbeitszimmer komme. Dann kam auch noch der erste Teil für Revolutionärer Weg 13, den ich so nicht gebrauchen kann, weil auf 35 Seiten alles mögliche eingepackt war, obwohl der Teil höchstens 12 Seiten lang werden durfte. Das mußte ich Fr. sofort klarmachen, außerdem auch Th. verständigen. Nebenbei habe ich auch schon mit unserem Bericht (Rechenschaftsbericht der Zentralen Kontrollkommission – die Herausgeber) für den II. Zentralen Delegiertentag begonnen, den üblichen Kleinkram erledigt und einige Besprechungen gemacht. Als ich jetzt eine kleine Verschnaufpause machen wollte, fielen mir Eure Hochzeit und meine Sünden ein. Was sind wir Kommunisten doch für ein sonderbares Volk!

Also nehmt es mir nicht übel, es ist ja nicht so, als ob ich mit meinen 70 Jahren schon an Gedächtnisschwund leide, das hätte auch einem jüngeren Genossen passieren können. Außerdem habe ich nichts vom Karneval gesehen und nur gehört, es soll auch einen Rosenmontag gegeben haben – na meinetwegen, mir reicht‘s auch so.

Zum Schluß möchte ich Dich, lieber Klaus, an das erinnern, was wir in der Angelegenheit Kirchheim festgelegt hatten – der Ernst des Lebens beginnt wieder.

Laßt Euch umarmen und seid herzlich gegrüßt
Euer Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1973

Verhältnis zwischen den Redaktionen Revolutionärer Weg und Rote Fahne

Lieber Willi! 9. 11. 73

Dein Artikel für die Beilage »Chile und der Weg zum Sozialismus« hat wieder einmal bei allen Genossen Begeisterung hervorgerufen. Was wir besonders von ihm lernen können, ist die nüchterne Art, alle Feinde zu entlarven.

Du hast uns Deine Unterstützung bei der Rote-Fahne-Arbeit angeboten. Wir brauchen sie, weil wir noch relativ wenig Erfahrung haben. Auf der anderen Seite ist natürlich Deine Zeit sehr eng bemessen, die Du für die Unterstützung für uns aufbringen kannst.

Ich würde deshalb, neben wichtigen ideologischen Artikeln, folgende Unterstützung vorschlagen:

1. Hinweise für die weitere Entwicklung der Pressearbeit (vor allem im Hinblick auf die Ausrichtung der Roten Fahne als Waffe zur Lösung der Organisationsfrage und das 14tägige Erscheinen),

2. Kritik an Fehlern von grundlegenderem Charakter und

3. Hinweise und Anregungen für Artikel …

Mit herzlichem Gruß
K. und I.

theoretisches-organ-revolutionaerer-weg

Lieber K., liebe L! 17. 11. 73

Besten Dank für den Brief vom 9. 11. Du weist auf die sachliche Auseinandersetzung gegen die Revisionisten in der Beilage hin. Seit über einem Jahr habe ich in der Zentralen Leitung immer wieder darauf hingewiesen, daß wir uns ideologisch mit den Auffassungen anderer Gruppen auseinandersetzen müssen, und zwar aus zwei Gründen:

1. weil unsere eigenen Genossen daraus lernen und Argumente für die Diskussion an der Basis bekommen und

2. weil unsere richtigen Argumente und Beweisführung eine Diskussion in den von uns kritisierten Gruppen hervorrufen, was offensichtlich im KBW der Fall ist (siehe »Kommunistische Volkszeitung« vom 24. Oktober, S. 12–14). Hier wird im Referat von Rechtsopportunismus in der Gewerkschaftsfrage gesprochen und W. Maier als Rechtsopportunist bezeichnet.

In diesem Zusammenhang will ich Euch auf etwas aufmerksam machen. Ich habe Kritiken von Leuten außerhalb unserer Organisation an der Roten Fahne. Alle kritisieren den subjektivistischen Ton in Artikeln, die sich gegen andere Gruppen beziehungsweise deren Führung richten (zum Beispiel gegen Aust). Das trifft vielfach auf Artikel von E. zu. Diese Leute sehen sogar einen gewissen Widerspruch zwischen der Roten Fahne und dem Revolutionären Weg. Wir werden uns darüber noch unterhalten, aber was den subjektivistischen Ton anbelangt, das stimmt tatsächlich. Ich werde mal nähere Hinweise ausarbeiten. Nehmt aber heute schon an, daß man ideologische Auseinandersetzungen nicht subjektivistisch führen darf, sondern sachliche Argumente bringen muß.

Liebe Genossen, Ihr habt als Verantwortliche einen guten Start gemacht, und es ist wichtig, daß Ihr Euren ganzen Ehrgeiz darein setzt, unser Zentralorgan immer besser zu gestalten. Ich mache Euch aber auf eins aufmerksam: Es gibt zweierlei Ehrgeiz.

1. der bürgerliche Ehrgeiz: Dieser sieht die eigene Person im Mittelpunkt, die anderen Mitarbeiter betätigen sich in ihrem Schatten. Es herrscht der individuelle Arbeitsstil vor. Empfindlichkeit gegen Kritik, Abneigung gegen Kritiker führt dazu, sich nur mit genehmen Mitarbeitern, die kritiklos und vorbehaltlos alles billigen, zu umgeben. Dieser bürgerliche Ehrgeiz ist für eine proletarische Organisation gefährlich.

2. der proletarische Ehrgeiz: Dieser sieht die Schaffung eines festen Kollektivs als Grundlage aller Arbeiten an. Die Fähigkeit jedes Mitarbeiters wird zu einer gemeinsamen Tätigkeit koordiniert. Je höher die Fähigkeit eines Genossen ist, um so bescheidener muß er auftreten und um so mehr muß er schwächeren Genossen helfen, sich rascher zu entwickeln. Das ist nur durch Kritik und Selbstkritik möglich, die ehrlich, offen, sachlich und helfend sein muß. Der kollektive Arbeitsstil verfolgt das Ziel, immer neue Mitarbeiter heranzuziehen und zu entwickeln. Um das zu erreichen, geht es nicht ohne den proletarischen Ehrgeiz, der jeden Genossen zu größter Leistung anspornt.

Ihr beiden seid aus dem Schatten von E. ins helle Rampenlicht gerückt. Laßt Euch nicht davon blenden. Setzt Euren proletarischen Ehrgeiz darein, durch kollektive Arbeit die Rote Fahne besser zu gestalten. Das ist durchaus möglich:

1. durch eine unmittelbare Anleitung seitens des Sekretariats,

2. durch Schaffung einer arbeitsfähigen Redaktion, die in kollektiver Arbeit die Zeitung erstellt,

3. durch Schaffung eines breiten Mitarbeiterstabs: Arbeiterkorrespondenten, Berichterstatter aus Abteilungen (zum Beispiel Betrieb und Gewerkschaft, Wirtschaftsabteilung und Massenorganisationen, Mitarbeiter für grundsätzliche Beilagen, Leitungsmitglieder für Organisationsfragen usw.,

4. durch ständige kritische Überprüfung der einzelnen Nummern der Zeitung durch die Redaktion und den Mitarbeiterstab, Ausmerzung jeglicher Selbstgefälligkeit, wobei doch jeder stolz auf die erfolgreiche Arbeit sein kann,

5. dadurch, daß man nicht nur bestrebt sein muß, den politischen Inhalt des Zentralorgans zu verbessern, sondern auch die Form (aufgelockert durch Fotos, Karikaturen, Schlagzeilen usw.) und die Sprache so zu gestalten, daß sie lebendig und nicht ledern und für die einfachen Menschen verständlich ist. Dabei ist bei Arbeiterkorrespondenzen zu beachten, daß bei notwendiger Korrektur der Berichte nicht nur der Inhalt, sondern auch nach Möglichkeit die einfache Sprache erhalten bleibt (auch wenn sie etwas holperig ist),

6. durch regelmäßige Besprechungen und Konferenzen, um kollektiv Fehler und Mängel, aber auch Verbesserungsvorschläge zu diskutieren und die Mitarbeiter anzuleiten. Das muß vor allem kameradschaftlich, wenn auch kritisch und selbstkritisch und wenn nötig mit Härte, erfolgen,

7. durch Rundbriefe des Sekretariats, um zur Mitarbeit aufzufordern. Das hat gegenwärtig Erfolg gehabt und den Eingang von Berichten beziehungsweise Zuschriften erhöht, doch darf man sich nicht darauf verlassen, und das kann erfolgreich nur von Zeit zu Zeit angewandt werden. Vielmehr muß die Mitarbeit an der Roten Fahne organisiert werden, dazu brauchen wir Konferenzen mit Erfahrungsaustausch und die organisierende Mitarbeit der Leitungen und Abteilungen.

Ihr lieben Genossen, jetzt habe ich Euch überschüttet mit einer Flut von Hinweisen und Vorschlägen, obwohl Ihr sicher nicht wißt, wo Euch vor lauter Arbeit der Kopf steht. Es soll Euch auch nur als Richtschnur dienen, an der Ihr Euch ausrichtet für die zukünftige Arbeit. Ihr müßt das alles in Verbindung bringen mit der Lektion über den Arbeitsstil, die von der Zentralen Leitung ausgearbeitet wird zum Abschluß der Jahresschulung. Anhand dieser Lektion müßt Ihr Euren Arbeitsstil, was bisher richtig oder falsch war, überprüfen und den marxistischen Arbeitsstil für die zukünftige Arbeit entwickeln.

Damit will ich schließen und wünsche Euch viel Erfolg, und wenn Ihr gelegentlich etwas Zeit habt, gebt mir eine Antwort. Braucht Ihr meine Hilfe, teilt es mir mit.

Herzlichen Gruß
Willi



Lieber Willi! 22. 12. 73

Dein Brief vom 17. 11. hat uns die Augen um ein weiteres Stück geöffnet.

Als wir beide im August ohne E. weiterarbeiten mußten, waren wir zwar erfüllt von dem Willen, auf jeden Fall das weitere pünktliche Erscheinen der Roten Fahne zu gewährleisten und sie zu verbessern. Aber das Wesentliche, die prinzipiellen Fehler, die unter E. von der Redaktion gemacht wurden, erkannten wir noch nicht. Trotz einiger Kritikpunkte an E. waren wir noch der Meinung, die Redaktionsarbeit sei bisher im wesentlichen gut gewesen und es genügten einige kleine Korrekturen. Durch die enge Freundschaft mit E., das Schätzen einiger guter Seiten an ihm und auch durch die auftrumpfende Art und Weise, wie We. gegen E. auftrat, wurden wir daran gehindert, E.s prinzipielle Fehler zu erkennen. Wir verstanden es zunächst nicht, die Sache mit E. und We. auseinanderzuhalten und zu E.s prinzipiellem Fehler vorzudringen, seiner kleinbürgerlichen, zirkelmäßigen Grundhaltung.

Auf der Grundlage des Schulungsprogramms, Deines Briefs sowie der Stellungnahme der Zentralen Leitung haben wir unseren eigenen Arbeitsstil überprüft und dabei folgende Mängel festgestellt:

1. Wir übten nie prinzipiell und beharrlich Kritik an E.s Fehlern, soweit sie uns auffielen. Meistens blieb es bei taktischen Vorstößen, wobei wir uns schnell zurückzogen, wenn die Autorität E. sich nicht überzeugen ließ. So geschah das zum Beispiel bei der Diskussion über den »Roten Kommentator« über die Horlemann-Gruppe. E.s Fehler, zum Beispiel seine Gleichgültigkeit gegenüber organisatorischen Fragen, wurden von uns als »Schwächen« anerkannt. Auch unter uns beiden waren wir teilweise unkritisch, was uns erst in den letzten Tagen so richtig klargeworden ist. Das ist Liberalismus. Kritik von außen wurde zu E.s Zeiten oft als lästig abgetan. Statt ernsthafter und kämpferischer Kritik und Selbstkritik herrschte Selbstzufriedenheit vor. Das war ein gewaltiger Hemmschuh für die Weiterentwicklung der Roten Fahne. Auch wir beide hatten die Bedeutung von Kritik und Selbstkritik nur zum Teil erkannt und sie vor allem nicht selbst angewandt.

2. Statt kollektivem Arbeitsstil entwickelte sich eine Hierarchie mit E. an der Spitze – dann kam K. und schließlich I. So war zum Beispiel das Leitartikel-Schreiben immer Sache von E. und K., wobei E. diktierte und K. fast nur schrieb. Die Gesamtgestaltung und der Inhalt der wichtigsten Artikel wurden nur selten gemeinsam erarbeitet und diskutiert.

3. Handwerkelei: Es herrschte ein liberaler, »familiärer« Arbeitsstil vor. Klare Perspektiven wurden nie diskutiert, und es wurde eben Nummer für Nummer geschustert. Verbesserungen ergaben sich immer mehr oder weniger spontan. So war auch die gesamte redaktionelle Endverarbeitung bis zum Layout auf K. konzentriert. Hier bestand die falsche Devise: »Alles selber machen«. Besonders jetzt, da wir die Herstellung der Roten Fahne auf ein neues Niveau heben, spüren wir immer wieder unsere Schwäche in Organisationsfragen, mit denen wir uns früher praktisch nie befaßt haben.

4. Die Heranbildung von Kadern für die Pressearbeit wurde von uns nicht energisch angepackt. K. machte zwar ein paarmal, als er E. nach Hause fuhr, entsprechende Vorschläge, die aber offensichtlich von E. nicht weitergegeben wurden. Unser Fehler war es, daß wir den Ernst dieser Frage nicht erkannten und sie deshalb nicht auf einer offiziellen Sitzung mit E. anmahnten. Insgesamt bestätigen unsere Erfahrungen und eigenen Fehler genau die Feststellung im Rundbrief der Zentralen Leitung: kleinbürgerlicher, zirkelmäßiger Arbeitsstil. Wir beide haben über die ganzen Vorgänge viel diskutiert und wollen die Überreste des Zirkelwesens an uns überwinden. Immer wieder wird uns klar, wieviel wir noch lernen müssen und wie bescheiden wir sein müssen. Wir wollen uns ernsthaft um die Beseitigung aller Überreste des bürgerlichen Ehrgeizes und die Erkämpfung des proletarischen Ehrgeizes bemühen. Deine Hinweise haben uns die Frage klargemacht. Wir meinen, daß wir dabei auch auf folgendes achten müssen:

– auf eine revolutionär-kritische Haltung uns selbst und anderen gegenüber,

– auf einen kollektiven Arbeitsstil, wodurch wir selbst und andere sich nur vorwärtsentwickeln können,

– auf die wirkliche Verbindung mit der Arbeiterklasse durch aktive Teilnahme an der Kleinarbeit am Ort,

– auf ein gründliches und wissenschaftliches Herangehen an alle Fragen, auf verstärkte Beachtung grundsätzlicher Fragen unter anderem durch gründliche kollektive Schulung und Selbststudium, damit wir Fehler besser erkennen können und unsere Praxis nicht ziellos wird.

Das Wichtigste ist, daß wir in der Redaktionsarbeit aus den Fehlern lernen und die Redaktionsarbeit auf einen parteimäßigen Stand heben. Wenn jetzt dann das verstärkte Redaktionskollektiv seine Arbeit aufnimmt, dann werden wir Deine Hinweise kollektiv besprechen und umsetzen. Wir beide halten sie für sehr gut und haben zum Teil schon Entsprechendes vorgeschlagen …

Lieber Willi, in den letzten Wochen ist uns durch die eigene Erfahrung so richtig klargeworden, daß Kritik nicht etwas Schlechtes, sondern das lebensnotwendige Entwicklungsgesetz unserer Organisation ist. Die Kritik an E. sowie die Kritiken auf den Organisationskonferenzen usw. haben der Roten Fahne gewaltig geholfen. Auch weiterhin brauchen wir Kritik wie unser täglich Brot. Genausowenig ist der Kampf zweier Linien in der Organisation etwas Schlechtes. Nur so gibt es Fortschritt, nicht aber durch Kritiklosigkeit, Kameraderie und Liberalismus. Wenn wir jetzt wieder sehen, wie sich der Kampf zwischen Arbeiterklasse und Kapital in der sogenannten Energiekrise verschärft, wird uns klar, wie gewissenhaft wir unseren Beitrag für ein gutes Zentralorgan leisten müssen. Wir sind Dir gegenüber zu Dank verpflichtet, weil Du, wie die ganze Organisation, uns geholfen hast, Fehler zu erkennen und wachsamer zu werden. Was wir jetzt geschrieben haben, halten wir nicht für der Weisheit letzter Schluß. Wir sind immer noch dabei, uns einen Überblick über die vergangenen Fehler und die anstehenden Aufgaben zu verschaffen. Die künftige kollektive Redaktion wird auch weiterhin Deine kritische Unterstützung brauchen.

Herzliche Grüße und die besten Wünsche
für das kommende Jahr 1974!
I. und K.

Liebe L, lieber K.! 14. 1. 74

Besten Dank für Euren Brief vom 22. 12. Es freut mich, daß Ihr die entscheidenden Probleme verstanden und die richtigen Schlußfolgerungen gezogen habt. Der marxistische Arbeitsstil muß in der ganzen Organisation erst noch begriffen und zur vollen Entfaltung gebracht werden. Darauf müssen wir alle hinwirken. Das wird nicht leicht sein, weil der individuelle Zirkelarbeitsstil tief verankert ist. Ihn zu überwinden, bedarf es ständiger Überzeugungsarbeit, wobei Rückschläge zu erwarten sind.

Ihr schreibt: »Kritik von außen wurde zu E.s Zeiten oft als lästig abgetan.« Ist das heute nicht mehr der Fall? Die Verbindung, die ich mit früheren Zentralbüro-Leuten habe, veranlaßte sie, sich mit unserem Material zu befassen. Dabei äußerten sie Kritik an verschiedenen Artikeln der Roten Fahne. Ich forderte sie auf, die Kritik an die Redaktion zu schicken. D. K. aus Gelsenkirchen hat eine ausführliche Kritik geschickt, wobei er den Fehler machte, zu übertreiben, und die Fehler in einigen Artikeln der Roten Fahne auf die gesamte Organisation übertrug. Das letztere wird Euch veranlaßt haben, diese Kritik an das Sekretariat weiterzuleiten, die mir H. am 22. 12. zeigte. Das Schlimme ist nun allerdings, daß D. K. keine Antwort bekam, nicht einmal eine Empfangsbestätigung. Er beschwerte sich sehr verärgert bei mir, worauf ich ihm eine 41/2 Seiten lange Antwort schrieb, die natürlich anders ausgefallen ist, als er erwartet hatte und wie sie ihm vom Standpunkt der Redaktion hätte gegeben werden müssen. Ich habe an das Sekretariat eine Durchschrift meines Briefs an D. K. geschickt. Fordert diese an, und überlegt Euch eine Antwort an D. K. Der Kern seiner Kritik berührt den subjektiven Ton in einigen Artikeln, die sich mit anderen Gruppen befassen. Dieser Ton muß unbedingt ausgemerzt werden, um einer sachlichen Auseinandersetzung Platz zu machen.

Die Kritik, die ich im Revolutionären Weg 11 und 12 am KBW geübt habe, hat eine Auseinandersetzung in der Organisation zur Folge gehabt, indem genau diese Punkte von Schmierer aufgegriffen wurden, um Maier des Rechtsopportunismus zu bezichtigen. M. ist aus Bremen, wo sich jetzt eine Fraktion innerhalb des KBW gebildet hat, die sich auf eine eigene Plattform stützt. Wir müssen uns mit der Politik der anderen Gruppen ideologisch auseinandersetzen (das habe ich seit längerem gefordert), auch in der Roten Fahne und sie nicht durch einen subjektivistischen Ton abtun. Das ist sehr wichtig und muß von Euch beachtet werden.

Daß Ihr D. K. keine Antwort gegeben habt, war schlecht. Er steht mit einer Arbeitsgruppe in Westberlin in Verbindung und hat dieser eine Durchschrift seiner Kritik an der Roten Fahne geschickt und es als Schwäche ausgelegt, daß er keine Antwort bekommen hat. Der Leiter dieser Gruppe schrieb mir: »Ich weiß von D., daß auf das Papier von ihm noch keine Antwort erfolgt ist, und das halte ich für einen schweren Fehler, denn das widerspricht doch total Eurem Anspruch und Eurer Forderung nach Kritik und Selbstkritik als Entwicklungs­gesetz, Eurem Anspruch, die Vereinigung der westdeutschen Marxisten-Leninisten voranzutreiben.«

So hat diese Unterlassungssünde weitere Folgen und wird eine Annäherung sehr erschweren.

Euren Brief an die Wirtschaftsabteilung werde ich jetzt erst besprechen, weil ein Umzug stattgefunden hat. Aus bestimmten Gründen halte ich die Teilnahme an Redaktionsbesprechungen nicht für zweckmäßig, und außerdem bedenkt folgendes: Die Hauptaufgabe der Wirtschaftsabteilung ist Zusammenstellen von Materialien für eine tiefgreifende Wirtschaftsanalyse, dann Erstellung von Materialien und Statistiken für den Revolutionären Weg 13 und daneben Schreiben von Artikeln für die Rote Fahne.

Warum ist der Artikel über die Bauwirtschaft in der Nummer 1/74 nicht erschienen? Ihr hattet ihn angefordert, und er wurde rechtzeitig geliefert. Der Artikel zeigte die Entwicklung in der Bauwirtschaft gut auf und auch die Abhängigkeit von der Auftragserteilung durch die öffentliche Hand, die durch die Wirtschaftspolitik der Regierung gedrosselt wurde. Ich sehe keinen Grund, warum er nicht gebracht wurde .. .

In dem Leninartikel können wir Lenins Genie unbedenklich herausstellen. Er war wirklich eine Genie, sowohl in der Erstellung der Theorie wie in der praktischen Durchführung der Revolution. Anders bei Stalin, der in Theorie und Praxis Fehler gemacht hat. Die Herausstellung Stalins als Person war während des Großen Vaterländischen Kriegs notwendig, um unter seiner Führung alle Kräfte des Volks (einschließlich des religiösen Teils) zu einer einheitlichen Widerstandskraft zusammenzufassen. Die weitere Herausstellung auch nach dem Kriege war nicht erforderlich, ja sogar schädlich, weil sie die Kritik einengte und zum Teil untergrub. Die Hervorhebung Maos als großer Vorsitzender und Steuermann während der Großen Proletarischen Kulturrevolution und zur besseren Entlarvung und Bekämpfung der inneren Feinde war zweckmäßig, ist aber heute nicht mehr notwendig, und Mao wünscht es selber nicht. Für unseren revolutionären Kampf und Parteiaufbau ist die geniale Bedeutung Lenins in der ganzen Epoche der proletarischen Revolution nicht hoch genug einzuschätzen. Der Leninismus ist die tödlichste Waffe gegen den Revisionismus, in Theorie und Praxis unangreifbar, bei richtiger Anwendung unfehlbar. Das verdanken wir Lenins Genie. Die Rolle derPersönlichkeit hat in engster Verbindung mit den Massen und der revolutionären Massenbewegung eine große Bedeutung, denn »die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift«. Ohne die marxistisch-leninistische Theorie (Idee) kann es keine revolutionäre Arbeiterbewegung geben.

Euch für das neue Jahr vollen Erfolg wünschend,
grüßt Euch herzlich
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1974

Revisionisten fälschen Lenin

Lieber Genosse Klaus! 28. 1. 74

Am 24. 1. habe ich Dir (Mitglied der DKP – die Herausgeber) einiges Material geschickt. Inzwischen habe ich mir noch die Beilage aus der Roten Fahne 8/72 besorgt, um meine Behauptung, Gerns und Steigerwald hätten Lenin gefälscht, beweisen zu können. Es ist eine verabscheuungswürdige Methode, aus einem Leninzitat etwas herauszugreifen, das heißt, es zu zerstückeln, um Lenins Auffassung über die Diktatur des Proletariats zu verfälschen. Ich könnte Hunderte Stellen aus den Lenin-Werken herausgreifen, die alles andere bedeuten als: die Diktatur des Proletariats sei nur ein Bündnis mit kleinbürgerlichen Schichten. Lenin würde gegen diese Entstellung entschieden protestieren. Ich nenne Dir zum Beweis nur eine Stelle:

»Die revolutionäre Diktatur des Proletariats ist eine Macht, die erobert wurde und aufrechterhalten wird durch die Gewalt des Proletariats gegenüber der Bourgeoisie, eine Macht, die an keine Gesetze gebunden ist.«

Auch nicht an das Grundgesetz der westdeutschen Bourgeoisie, auf dessen Boden die DKP steht (siehe Thesen). Lenin schreibt darüber in »Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky«, ein Buch, das ich Dir sehr empfehlen möchte, weil Lenin hier entschieden und mit grundsätzlicher Schärfe den Kampf gegen den Revisionismus führt.

Wenn ich Dir gegenüber erklärte: »Ich bin nicht über 40 Jahre in der KPD organisiert gewesen, um am Ende in dem Sumpf des Revisionismus und Opportunismus zu landen«, dann stütze ich mich auf den Marxismus-Leninismus, auch wenn es meinen ehemaligen Genossen nicht paßt. Wenn früher ein Genosse eine solche revisionistische Linie vertreten hätte, wie sie heute offiziell von der DKP verkündet wird, der wäre im hohen Bogen aus der Partei herausgeflogen. Heute werden diejenigen, die die marxistisch-leninistische Linie der alten KPD verteidigen, ausgeschlossen, weil die DKP die Rolle der SPD der zwanziger Jahre übernommen hat, während die SPD zu einer großbürgerlichen, zu einer Partei des Monopolkapitals geworden ist.

Nichts für ungut, wenn ich Dir das schreibe, wir brauchen uns deshalb nicht die Köpfe einzuschlagen. Die geschichtliche Entwicklung wird darüber entscheiden, so wie die Oktoberrevolution über den Menschewismus entschieden hat.

Mit kommunistischem Gruß
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1974

Nach dem Zusammenbruch der KPD/ML (ZB): Was tun?

Lieber Dietmar! 5. 1. 74

Deine beiden Briefe habe ich dankend erhalten; ich will Dir eine Antwort geben, die Dir vielleicht nicht gefallen wird. Sie soll Dich anregen, über Deine Einstellung und Weiterentwicklung gründlich nachzudenken.

Deine Beschwerde an den Verlag Neuer Weg vom 24. 12., daß Du auf Deine Kritik an der Roten Fahne bisher keine Antwort bekommen hast, ist berechtigt, jedoch hast Du zum Teil selbst schuld, weil Du Dich nicht an meinen allzu berechtigten Hinweis gehalten hast, Dich auf die Kritik der von Dir beanstandeten Artikel in der Roten Fahne zu beschränken und nicht die Organisation einzubeziehen. Das hast Du nicht beachtet, darum hat die Redaktion Deine Kritik an die Zentrale Leitung weiter geleitet, ohne dabei festzulegen, wer die Beantwortung übernehmen soll. Das ist der sachliche Hintergrund, warum Du noch keine Antwort bekommen hast. Das entschuldigt natürlich nicht, daß der Empfang Deiner Kritik bis heute nicht bestätigt wurde. Ich weiß aber, daß die Zentrale Leitung Deinen Brief bekommen hat.

Doch nun zu dem, was mich bewegt, Dir ausführlich zu schreiben. Es geht um Deine Einstellung und Haltung, die aus verschiedenen Papieren, die Du verfaßt hast, und auch aus Gesprächen, die wir geführt haben, zum Ausdruck kommen. Offen gesagt: Mir macht Deine weitere Entwicklung Sorgen. Als vor jetzt einem Jahr die Zentralbüro-Organisation zerbrach, hast Du wohl erkannt (Du wirst Dich an unsere ersten Diskussionen erinnern), daß die Hauptursache des Zusammenbruchs der Zentralbüro-Organisation der maßlose Führungsanspruch der kleinbürgerlichen Intellektuellen war, die die marxistisch-leninistischen Grundsätze des Parteiaufbaus durch ihr kleinbürgerliches Machtstreben mißachteten. Es muß hier aber festgehalten werden, daß Du keinen Anteil an der Entlarvung und Bekämpfung des kleinbürgerlichen Einflusses in der marxistisch-leninistischen Bewegung im allgemeinen und der Zentralbüro-Organisation im besonderen hattest.

Im Gegenteil, Du hast viel dazu beigetragen, um diese Entwicklung zu fördern, allerdings unbewußt.

Plötzlich fällst Du aus allen kleinbürgerlichen Himmeln – enttäuscht, empört und verbittert. So wichtig es ist, den kleinbürgerlichen Einfluß in der Arbeiterbewegung zu erkennen und systematisch zu bekämpfen, so muß man doch berücksichtigen, daß man das Eindringen kleinbürgerlicher Elemente in eine proletarische Partei nicht verhindern kann. Man muß nur darauf achten, daß diese nicht die Oberhand gewinnen und daß sie gewillt sind, sich von den Arbeitern umerziehen zu lassen. Lenin schreibt darum sehr treffend:

»Wenn die Arbeiterpartei besonders schnell wächst (wie dies bei uns in den Jahren 1905/1906 der Fall war), ist es unvermeidlich, daß zahlreiche, von kleinbürgerlichem Geist durchdrungene Elemente in die Partei eindringen. Und daran ist nichts Schlimmes. Die historische Aufgabe des Proletariats besteht darin, alle Elemente der alten Gesellschaft, die diese in Gestalt der aus dem Kleinbürgertum stammenden Menschen dem Proletariat hinterläßt, zu verdauen, umzumodeln und umzuerziehen. Dazu ist jedoch erforderlich, daß das Proletariat diese Menschen umerzieht, daß das Proletariat auf sie Einfluß bekommt, nicht aber sie auf das Proletariat.« (Lenin Werke Bd. 16, S. 48/49)

Das ist wie für heute geschrieben. Dabei müssen wir berücksichtigen, daß sich das Kleinbürgertum in der Arbeiterpartei nicht nur auf die kleinbürgerlichen Intellektuellen beschränkt, sondern auch in die Massen des Proletariats eindringt, gefördert durch die Massenmedien der Bourgeoisie und durch Beeinflussung eines höheren Lebensstandards, den nicht wenige Arbeiter und Angestellte durch Mitarbeit der Frau sich erworben haben. Es wäre falsch, vor diesen Erscheinungen seine Augen zu verschließen. Kleinbürgerliche Herkunft ist allein nicht für eine kleinbürgerliche Einstellung verantwortlich zu machen, auch die proletarische Herkunft verbürgt noch keine proletarische Einstellung. So verständlich die Reaktion einzelner Arbeitergruppen ist, sich von der Führung der kleinbürgerlichen Intellektuellen zu befreien (was zu begrüßen ist), so halte ich es doch für falsch, das Kind mit dem Bade auszuschütten, das heißt, sich auch von den gutwilligen und ehrlichen Intellektuellen, die uneigennützig mit ihrem Wissen der Arbeiterklasse helfen wollen, abzustoßen. Damit wird das Problem des kleinbürgerlichen Einflusses in der Arbeiterbewegung nicht gelöst. Wenn das so einfach wäre, hätte Lenin das obige Zitat anders geschrieben.

Nun zu Deinen Fehlern. Du bist als kleinbürgerlicher Intellektueller mit der marxistisch-leninistischen Bewegung in Berührung gekommen und hast Dich wie auch andere Kleinbürger in die politische Arbeit gestürzt. Mit besonderem Eifer unterstütztest Du die kleinbürgerliche Führung, die sich anmaßte, »Zentralbüro« zu spielen. Deine Enttäuschung beruhte im Grunde doch auf der Erfolglosigkeit der Zentralbüro-Führung, nicht aber auf der Erkenntnis und richtigen Einschätzung der Schädlichkeit des Einflusses der kleinbürgerlichen Intellektuellen-Führung. Erst der zwangsläufig einsetzende und nicht mehr aufzuhaltende Zusammenbruch der Zentralbüro-Organisation und die nachfolgenden Diskussionen, die wir über die Ursache führten, öffneten Dir die Augen.

Aus dem Gefühl, Dich irgendwie zu rechtfertigen, machtest Du den Fehler, die Frage des kleinbürgerlichen Einflusses in der Arbeiterbewegung zum Hauptproblem, gewissermaßen zum Nabel der Welt zu machen, und stürztest Dich wie der Erzengel Michael auf den kleinbürgerlichen Drachen, um ihn mit Deinen Papieren zu erschlagen. Dabei hast Du gar nicht begriffen, daß Du an das Problem selbst kleinbürgerlich herangegangen bist. Gerade durch die Erstellung mehrerer Papiere, auf die ich inhaltlich im einzelnen nicht eingehen will, hast Du gehandelt wie ein kleinbürgerlicher Intellektueller, aber nicht wie ein Proletarier. Meinen gutgemeinten Hinweis: Weniger Papiere, mehr praktische Arbeit! hast Du nicht verstanden oder wolltest Du nicht verstehen, weil Dein innerer Drang nach Rechtfertigung Dich dazu trieb. Es kommt nicht auf »Rechtfertigung« an, sondern auf die Überwindung des kleinbürgerlichen Teufels in sich selbst.

Sicher ist es mal nötig, und ich hatte mit Dir und Heinz darüber gesprochen, die Frage des kleinbürgerlichen Einflusses in der Arbeiterbewegung theoretisch zu beleuchten, doch zur Überwindung des kleinbürgerlichen Einflusses muß man von der Praxis aus herangehen. Das geschieht

1. durch Gewinnung der fortgeschrittensten Arbeiter für die revolutionäre Partei und

2. durch Entwicklung der fähigsten Arbeiter zu führenden Kadern.

Das ist nur durch die tägliche Praxis im Betrieb und in der Gewerkschaft in Verbindung mit der Schulung über die marxistischleninistische Theorie möglich. Persönliche Erfahrung und Schulung sind das Bindeglied zwischen Theorie und Praxis. Persönliche Erfahrung sammelt man in der politischen Arbeit und im Klassenkampf.

Hier will ich gleich etwas einschalten. Dein Schulungsplan ist dogmatisch und viel zu abstrakt. So kann man dem Revisionismus nicht zu Leibe rücken. Eine Schulung, die nicht mit der lebendigen Praxis verbunden ist, hat ihren Sinn verloren, so wie der Cheftheoretiker des Zentralbüros heute in einer kleinen Gruppe über Marx‘ Kapital »schult«. Du hättest besser daran getan, in Deiner Gruppe die Betriebs- und Gewerkschaftsprobleme, wie sie im Revolutionären Weg 11 und 12 behandelt wurden, zum Thema zu wählen. Die hier behandelten Fragen fußen nicht nur auf theoretischen Erkenntnissen, sondern auf langjähriger Betriebs- und Gewerkschaftspraxis. Eine Frage: Schreckst Du vielleicht davor zurück, um nicht Deine jetzige Arbeitsstelle zu gefährden? Ist Deine Aktivität in der Erstellung von Papieren etwa eine Ablenkung von einer unzureichenden Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit? Du mußt doch erkennen, wo der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt; denn nur durch die obengenannten zwei Punkte überwinden wir das Kleinbürgertum. Der Schlüssel dazu ist eine aktive Betriebsund Gewerkschaftsarbeit. Meine Kritik bedeutet nicht, daß ich Dein Bemühen um Schulung nicht anerkenne. Aber allein die angeführte Literatur für das Schulungsthema ist doch typisch kleinbürgerlich-intellektuell. Damit erschlägst Du auch den willigsten Arbeiter. Lieber Dietmar, lerne doch erst mal von den Arbeitern, damit Du verstehen kannst, was Du ihnen zumuten kannst.

Mit der gleichen kleinbürgerlichen Art und Weise, wie Du an die Schulung herangehst, bist Du auch an die Kritik der Roten Fahne herangegangen. Bei Deinem ersten Kritikentwurf bist Du schon dadurch falsch herangegangen, daß Du den Inhalt des Revolutionären Wegs 11 und 12 dem der Roten Fahne gegenüberstelltest. Sachlich gesehen befaßt sich das theoretische Organ ausführlich mit einem bestimmten Problem und wirkt in der Hauptsache propagandistisch. Das Zentralorgan spiegelt das tägliche Leben und den Kampf der Arbeiterklasse wider und wirkt in der Hauptsache agitatorisch durch die regelmäßige Beeinflussung der Öffentlichkeit. Natürlich muß das Zentralorgan, trotz Vorhandensein eines theoretischen Organs, auch Grundsatzartikel enthalten, und Agitationsartikel müssen grundsätzlich ausgerichtet sein. Du kannst nicht bestreiten, daß das der Fall ist. Warum dann das Neben- beziehungsweise Gegeneinanderstellen der beiden Organe. Ist diese Art und Weise nicht auch kleinbürgerlich?

Du hast einige Artikel in der Roten Fahne mit Recht kritisiert, weil sie bei der Behandlung anderer Gruppen, statt sich sachlich mit deren Politik auseinanderzusetzen, einen subjektiven Ton enthielten. Das wird zukünftig bereinigt, weil eine Veränderung der Redaktion vorgenommen wird, zum Teil schon ist. Wenn Dein Hinweis in Deinem Brief an mich (24. 12. 73) auf die Rote Fahne 12/73 sich auf den Artikel »Wem nützt die ›RGO‹-Politik?« bezieht, dann bin ich der Meinung, daß man nicht päpstlicher sein soll als der Papst, das heißt, man braucht nichts zu übertreiben, auch die Kritik nicht. Sieh mal, eine Kritik, wenn sie kameradschaftlich und nicht feindlich sein soll, bezieht auch das Positive mit ein, sonst wirkt eine Kritik herunterreißend und negativ – und das ist auch kleinbürgerlich. Du glaubst in Deiner Kritik, eine durch und durch kleinbürgerliche Redaktion zu erkennen und zu verurteilen. Ein solches Herangehen ist doch selber kleinbürgerlich. Wie viele Arbeiter schreiben für die Rote Fahne, betrachten die Gestaltung der Zeitung auch als ihre Sache, gehören zum Mitarbeiterstab der Redaktion. Sie üben auch Kritik, um die Rote Fahne zu verbessern, aber sie negieren nicht, sie machen positive Vorschläge, helfen den Intellektuellen im Kollektiv, ihre noch vorhandenen kleinbürgerlichen Eierschalen abzustreifen. Alle befinden sich im Lernprozeß, ob Redaktion oder Mitarbeiterstab, ob Intellektueller oder Arbeiter, ob Genosse oder Sympathisant, die die Rote Fahne als ihr Kampforgan im täglichen Kampf benutzen.

Auch die Kritik gehört zum Lernprozeß, sowohl für die Kritisierten wie auch für die Kritiker. Du kritisierst zu Recht den subjektivistischen Ton in einigen Artikeln, aber ohne eine Gesamtbeurteilung der Roten Fahne zu geben, das heißt auch das Positive herauszugreifen und zu analysieren, um festzustellen, was überwiegt. Ein Beispiel: Als Genger seine Broschüre »Die proletarische Linie« herausgab, habe ich sie im großen ganzen als positiv bezeichnet, ohne geringfügige Fehler zu berücksichtigen. Daß die Herausgabe dieser Broschüre von G. ein gerissenes Manöver war, um der Betriebsgruppe l den Weg in die KPD/ML zu ebnen, ist eine andere Sache, ebenso daß er nachher im Zentralbüro genau entgegengesetzt zu den in der Broschüre enthaltenen Prinzipien gehandelt hat. Marxistische Kritik muß man auch lernen. Es sieht nicht so aus, als ob Du das gelernt hast. Deine Kritik ist eine mit erhobenem Zeigefinger, überheblich, verächtlich auf das vermeintliche Kleinbürgertum der Roten Fahne und des KABD schauend, besserwissend, nicht kameradschaftlich und helfend. Sie ist im Grunde genommen kleinbürgerlich. Grundlegend falsch war es, Deine Kritik an einigen Artikeln der Roten Fahne ohne weiteres auf die Organisation und deren Leitung zu übertragen; und Du wunderst Dich auch noch, bis jetzt keine Antwort bekommen zu haben. Obwohl ich Dich bereits auf diesen Fehler im ersten Entwurf Deiner Kritik hingewiesen habe, wiederholst Du ihn in der überarbeiteten Kritik und obendrein noch in dem Brief vom 24.12. an den Verlag, wo es heißt:

»Wenn Ihr natürlich gegenüber außenstehenden Genossen, die nicht in Eurer Organisation tätig sind, diese Haltung einnehmt, muß ich daraus schließen, daß ihr keinerlei Interesse daran habt, die Fehler Eurer Organisation (jetzt sind es schon keine Fehler der Roten Fahne mehr – W. D.) zu erkennen, muß ich weiter daraus schließen, daß Ihr in der Frage der Kritik und Selbstkritik die gleiche falsche Haltung einnehmt wie -zig kleinbürgerliche Organisationen in der BRD.«

Ich hatte Dir bereits gesagt, daß es unsinnig sei, über eine Organisation zu urteilen, die man nicht kennt und von der man nicht weiß, was dort vorgeht. In Deinem Brief geht es schon nicht mehr um Fehler der Roten Fahne. Du machst daraus, mir nichts Dir nichts, einfach »Fehler Eurer Organisation« und »damit seid ihr gleichzusetzen mit den -zig kleinbürgerlichen Organisationen«. Was sollen die Genossen, die diesen Brief bekommen und Dich nicht kennen, von dem Schreiber halten, der, ohne die Organisation zu kennen, ohne eine Analyse der Politik dieser Organisation zu machen, in einer solchen Art und Weise urteilt? Sie müssen doch an Deiner Urteilsfähigkeit zweifeln. Ist diese Deine Handlungsweise nicht durch und durch kleinbürgerlich? Man kann nicht gegen das Kleinbürgertum in der Arbeiterbewegung anrennen wie gegen Windmühlenflügel. Man kann nicht den kleinbürgerlichen Einfluß in der Arbeiterbewegung erfolgreich bekämpfen, ohne vor allem den Kleinbürger in sich selbst überwunden zu haben.

Hier will ich aus einem Brief eines zuverlässigen Genossen zitieren, der an seinen Freund, der ebenfalls Genosse ist, über den kleinbürgerlichen Einfluß schreibt:

»Wir Intellektuellen werden durch Denken allein nicht umgeformt, sondern in erster Linie durch die praktische Parteiarbeit. Fehlt diese für längere Zeit und sind die Arbeitsbedingungen auch sonst nicht günstig, so können leicht kleinbürgerliche Einstellungen wieder zum Vorschein kommen, spontan und unbemerkt. Daraus müssen wir die Lehre ziehen und genau darauf achten: Die Kritik an anderen muß zuerst bei einem selbst anfangen, und zwar nicht nur den Bereich theoretischer Überlegungen betreffend, sondern genauso bezüglich der inneren Einstellung. Vielleicht habe ich die ›innere Einstellung‹ noch nicht deutlich genug gemacht. Sie ist das Bindeglied zwischen Denken und Handeln. Erst wenn das eigene Fühlen und Wollen vom marxistischen parteimäßigen Standpunkt wirklich durchdrungen sind, wird sich eine Einheit zwischen Theorie und Praxis herstellen lassen. Auf dieses Bindeglied haben wir Intellektuelle, die kleinbürgerlicher Herkunft sind, besonders zu achten, da es Quelle spontaner, immer wiederkehrender, zumeist unbemerkter kleinbürgerlicher Regungen ist.« So weit die Briefstelle, über die nachzudenken sich wirklich lohnt. Lieber Dietmar, ich schreibe Dir das alles in kameradschaftlicher Offenheit, denn es ist zu befürchten, daß Du zurückfällst, statt Dich vorwärts zu bewegen. Das Falscheste ist, sich aufs hohe Roß zu setzen, statt Dich bescheiden in das Fußvolk einzureihen. Die nächste Ausgabe der Roten Fahne wird einen Artikel von mir über Lenin enthalten, der wichtige Lehren für unseren heutigen Kampf beinhaltet. Studiere ihn gründlich, denn er bringt auch Aufschluß über die hier behandelten Probleme.

Wegen Deinem Besuch bitte ich zu berücksichtigen, daß ich im Januar schon alle Wochenenden besetzt habe. Schreibe bitte umgehend, wann Ihr kommt.

Du wolltest Dir von der »Selbstkritik des Verlages KT«, die Du letztens mitgenommen hattest, eine Fotokopie machen und sie mir dann zurückschicken. Da ich die Schrift schon mehrfach gebrauchen konnte, bitte ich Dich, sie mir umgehend zurückzuschicken. So war kürzlich W. Heuzeroth bei mir, der berichtete, daß G. Ackermann ihn, H., als Agenten bezeichnet hätte. Das ist die Methode »Haltet den Dieb!«

Die besten Neujahrsgrüße

mit Rot Front!

Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1973

Helfende Kritik

Lieber Willi 4. 6. 73

ich möchte mich besonders für Deine Literaturhinweise herzlich bedanken. Ich hatte mit der Angabe der einen oder anderen Schrift von Lenin und Stalin gerechnet; und dann kam sehr rasch eine sehr detaillierte Aufstellung mit genauen Seitenangaben! Das war ein fix und fertiges Konzept! Das war mehr, als ich zu hoffen gewagt habe. Hoffentlich hat Dich das nicht zu viel Zeit gekostet.

Ich habe auf der Grundlage Deiner Hinweise die ganze Broschüre neu geschrieben. Ich habe Deinen Vorschlag für den Aufbau der Broschüre voll und ganz übernommen, und damit war eine Überarbeitung meines alten Entwurfs kaum noch möglich. Nachdem ich die in Deiner Literaturliste angegebenen Stellen studiert hatte, habe ich die beiden Konzepte miteinander verglichen. Der Hauptmangel meines alten Entwurfs besteht meines Erach-tens darin, daß er unserer gegenwärtigen Schwerpunktaufgabe, Lösung des Kaderproblems, in seiner ganzen Bedeutung nicht gerecht wird. Ich habe im alten Entwurf auf drei Punkte das Schwergewicht gelegt:

1. Organisierung des Kampfs für die Durchführung der politischen Linie,

2. Kaderpolitik und

3. Kontrolle von oben und Kontrolle von unten.

Wenn ich Dich richtig verstanden habe, muß aber alles dem einen und zentralen Thema untergeordnet sein, den Genossen in der Broschüre die Prinzipien einer richtigen Kaderpolitik darzustellen.

Willi, ich hoffe, Du bist damit einverstanden, daß ich in der Broschüre eine längere Passage aus einem Brief, den Du an die Hamburger Genossen geschrieben hast, fast wörtlich zitiert beziehungsweise übernommen habe ...

Herzliche Grüße
Werner

Lieber Werner! 8. 6. 73

Die Lektion ist wesentlich besser als die erste. Ich habe zur Ergänzung noch einige Hinweise gegeben.

Nimm es mir nicht übel, wenn ich Dich auf etwas aufmerksam mache. Aus beiden Lektionen klingt eine gewisse Unsicherheit in der theoretischen Arbeit heraus, bei der ersten noch mehr als jetzt. Bei der letzten bist Du etwas zu schematisch herangegangen, indem Du Dich zu krampfhaft an das Konzept der Literaturhinweise gehalten hast. Man muß sich bei einer theoretischen Arbeit vollständig in das Problem hineindenken und dann erst formulieren. Dabei sollen wir neben fremden auch eigene Gedanken hineinarbeiten. Beim Formulieren muß man davon ausgehen, daß nicht nur man selbst, sondern auch die anderen verstehen sollen, was man geschrieben hat. Das ist manchmal nicht leicht, wie zum Beispiel die Wirtschaftsbroschüre oder der Revolutionäre Weg über dialektischen Materialismus zeigen. Das lernt man mit der Zeit. Wenn ich zurückdenke an die Zeit meiner ersten Parteitätigkeit und wie ich als Arbeiterkorrespondent meine ersten Artikelchen geschrieben hatte, dann hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich mal Bücher schreiben werde. Leider habe ich früher keine helfenden Hinweise oder Kritiken erhalten, so daß ich viele Fehler gemacht habe. Darum verstehe richtig, daß ich Dir mit dem Hinweis helfen will.

Herzlichen Gruß
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1972

Artikel über den »Links«opportunismus

Lieber Willi, 10. 9. 72

bezüglich Deines Artikels muß ich Rücksprache mit Dir nehmen. Leider traf er zu spät ein, um noch in der jetzigen Nummer erscheinen zu können. Das gibt mir Gelegenheit, einen wichtigen Punkt in dem Artikel zu berühren: nämlich die Kritik an den albanischen Genossen.

Ich bin der Überzeugung, daß es nicht von Vorteil wäre, diese Kritik in aller Öffentlichkeit auszusprechen. Du weißt, daß ich vom Inhaltlichen her diese Kritik, die ja eigentlich sehr milde ist, voll unterstütze. Aber nicht einverstanden bin ich damit, Differenzen mit den albanischen Genossen im gegenwärtigen Stadium im Zentralorgan auszutragen oder anzuschneiden. Innerhalb der Organisation habe ich jede Gelegenheit benutzt, um die Schädlichkeit der Unterstützung von Aust durch bestimmte Elemente in der Partei der Arbeit Albaniens anzuprangern. Unsere Genossen sind über den Fehler der albanischen Genossen im Bilde und lassen sich nicht mehr davon beirren.

Eine Kritik in der Öffentlichkeit würde unter Umständen den Aust-Leuten Gelegenheit geben, sich noch frecher an die albanischen Genossen heranzumachen und weitere Verleumdungen in die Welt zu setzen. Es ist besser, wenn wir weiterhin unsere Methode der indirekten Kritik in der Öffentlichkeit anwenden; und Dein Artikel ist doch gerade dazu angetan, die albanischen Genossen zu einer Überprüfung ihrer Unterstützungspolitik zu bewegen. Natürlich müßten wir da aktiv werden. Ich schlage vor, den besagten Abschnitt wegzulassen und den Artikel, der als Beilage erscheint und den Titel trägt »Konkrete Analyse oder ultralinkes Wunschdenken?«, mit einem Begleitbrief an die albanischen Genossen zu schicken. Also eine interne Diskussion wäre mir genehmer. Und es ist ja jetzt auch Zeit dazu. Wir schicken mit dem Artikel unsere Programme mit und fordern die Genossen auf, sich von Aust und Co. zu distanzieren. Wenn hierauf nicht geantwortet wird, würden wir immer noch Möglichkeiten haben, die öffentliche Polemik zu suchen.

Ich habe den Abschnitt dem Sekretariat vorgelegt, weil das doch eine sehr wichtige Sache ist. Auch dort ist man mehrheitlich gegen die Veröffentlichung dieser Kritik.

An zwei Stellen habe ich den Artikel mit Zitaten aus dem Grundsatzprogramm versehen (Kennzeichnung der nicht revolutionären Etappe und Aussage über die Ultralinken). Die Stelle über den antifaschistischen Kampf habe ich weggelassen, da sie im Zusammenhang mißverständlich sein könnte (als gehe es gerade im besonderen um den Faschismus) und von der Hauptlinie des Artikels ablenkt.

Ich glaube, daß der Artikel für die Aust-Clique eine sehr ernste Warnung darstellt. Jetzt wird es sich zeigen, ob in diesem Haufen überhaupt noch einer bei Verstand ist. Der müßte dann handeln.

Herzliche Grüße, hoffentlich erholst Du Dich gut!
Emil



Liebe Genossen der Redaktion Rote Fahne! 14. 9. 72

G. teilte mir mit, daß aus meinem Artikel »Die ›ultra‹linke Politik der KPD/ML(RM)« der kritische Hinweis über die albanischen Genossen gestrichen werden sollte. Damit bin ich aus zwei Gründen nicht einverstanden:

1. Weil der »Rote Morgen« sich auf Radio Tirana beruft und unsere Kritik nur dann zutrifft, wenn das stimmen sollte, was da geschrieben wurde (was noch bezweifelt wird), und darum eine Aufforderung bedeutet, dazu Stellung zu nehmen. Dazu sind wir verpflichtet, damit uns später nicht der Vorwurf gemacht werden kann, wir hätten dazu geschwiegen. Außerdem überschlägt sich Aust in seiner Linie derart, daß die albanischen Genossen diese nicht allzu lange billigen können. Die Hamburger Gruppe »Parteiaufbau« hat in der Nr. 8 eine massive Kritik an der Hamburger Gruppe »Roter Morgen« geübt und von einem zweiten Fall Grippa geschrieben. Wir müssen durch unseren kritischen Hinweis die albanischen Genossen warnen, weiterhin diese »ultra«linke Linie zu stützen.

2. Wir sind genauso Marxisten-Leninisten wie auch die albanischen Genossen. Es gibt keine Marxisten-Leninisten erster und zweiter Klasse. Es gibt nur einen einzigen Marxismus-Leninismus, und für jeden Marxisten-Leninisten gilt das Entwicklungsgesetz einer marxistisch-leninistischen Partei: Kritik und Selbstkritik. Wir wären schlechte Marxisten-Leninisten, wenn wir auf eine notwendige und sachliche Kritik verzichten würden, nur weil es albanische Genossen sind. Entweder sind diese Genossen Marxisten-Leninisten, dann müssen sie eine Kritik anerkennen, die zur Aufdeckung von Fehlern führt, um sie rasch zu korrigieren; oder es sind keine, und sie beharren darum auf ihrer Fehleinschätzung. Entweder sind wir Marxisten-Leninisten, dann sind wir verpflichtet, offen und ehrlich Kritik zu üben, wenn andetheoretisches-organ-revolutionaerer-wegre Genossen offensichtlich Fehler machen; oder wir sind keine und schweigen, nur weil es sich um den größeren Bruder handelt.

Warum kritisieren wir dann die KPD/ML(RM)? Wenn die »ultra«linke Politik von uns verurteilt wird und diese Linie von den albanischen Genossen unterstützt würde, dann trifft unsere Kritik folgerichtig auch die albanischen Genossen und nicht nur die Aust-Clique. Wollen wir die albanischen Genossen schonen, dann können wir auch gleich die Aust-Clique schonen. Wir können im Interesse der albanischen Genossen nur annehmen, daß sie die Aust-Clique nicht durchschauen und auf deren Phrasen hereingefallen sind. Dann ist ein kritischer Hinweis unserseits zwingend geboten, um diesen Genossen zu helfen, die Nebelwand der »Ultra«linken zu durchschauen. Schweigen wir, sind wir schlechte Kommunisten.

Dazu kann ich meine Zustimmung nicht geben. Verurteilen wir nicht die Kritiklosigkeit in den revisionistischen Parteien? Hätte die Kulturrevolution in China durchgeführt werden können, wenn gewisse Genossen geschont worden wären? Überlegt, Genossen, was ich hier anschneide, ist eine grundsätzliche Frage von großer Bedeutung. Das Entwicklungsgesetz der Partei gilt für alle ohne Unterschied, oder es wird aufgehoben. Das will doch wohl niemand.

Rot Front!
Willi

Quellen & Links

theoretisches-organ-revolutionaerer-weg

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1972

Kritik der Ortsgruppe Saarbrücken am Revolutionären Weg 6

Lieber Genosse Willi! 30. 10. 72

In ihrem letzten Gruppenbericht schreiben die Genossen aus Saarbrücken folgendes:

»Im Revolutionären Weg 6 halten wir die Darstellung der Losungen in den verschiedenen Etappen des Klassenkampfs für falsch. Die Aussage: In der Etappe ohne revolutionäre Situation ›müssen Teillosungen und Teilforderungen aufgestellt werden‹ (S. 57), ist allein nicht richtig. Nach Stalin müssen wir Aktions-, Agitations- und Propagandalosungen unterscheiden. Es ist falsch, von Aktionslosungen nur beim unmittelbaren Machtkampf zu reden, wie es im Revolutionären Weg auf Seite 58 getan wird. Richtig wäre etwa folgende Darstellung: Die Losungen ›Für den Sozialismus‹ und ›Für die Diktatur des Proletariats‹ sind in der gegenwärtigen Etappe Propagandalosungen. In einer revolutionären Situation werden sie (in eventuell abgewandelter Form) zu Aktionslosungen. Aktionslosungen in der heutigen Etappe sind Losungen, die Teilforderungen beinhalten. Aber auch schon heute müssen wir weitergehende Agitations- und Propagandalosungen aufstellen. Die Darstellung im Revolutionären Weg 6 klingt so, als könnten wir heute nur Teilforderungen aufstellen und nicht auch gleichzeitig die Notwendigkeit der Revolution und der Diktatur des Proletariats propagieren.«

Soweit die Kritik aus dem Gruppenbericht. Schick doch bitte Deine Antwort an die Organisationsabteilung. Wir werden dann sofort die Beantwortung weiterleiten. Kurze Charakterisierung der Ortsgruppe: Stützpunkt, zwei Genossen, beide studieren noch; der eine Genosse ist seit der Gründung unserer Organisation dabei, er ist ruhig und besonnen, aktiv; die Ortsgruppe konnte sich bisher trotz großer Aktivitäten, vor allem unter den Saar-Kumpeln, nicht erweitern; es fehlt das proletarische Element.

Rot Front!
F.

Liebe Genossen! 9. 11. 72

Es wurde mir von der Organisationsabteilung der Zentralen Leitung die Kritik aus Eurem Bericht zur Stellungnahme zugeleitet. Ich nehme an, daß Ihr den Bericht bereits vor dem Erscheinen der Roten Fahne 10 mit der Beilage gegen die ultralinke Linie des »Roten Morgen« geschrieben hattet.

Die Schriftenreihe Revolutionärer Weg soll einen gewissen Umfang nicht überschreiten, das heißt keinen Buchumfang haben. Das bedingt eine oft allzu knappe Fassung in einzelnen Punkten. Da aber alle Themen im Zusammenhang stehen, wird in den einzelnen Nummern des Revolutionären Wegs jeweils zu einem bestimmten Problem konkreter Stellung genommen. Der Revolutionäre Weg 6 soll die dialektische Methode kennzeichnen, wobei die Objekte der Anwendung dieser Methode jeweils nur kurz gestreift wurden, um vom Kern nicht abzuschweifen. Unter diesem Gesichtspunkt wurden die Etappen des Klassenkampfs nur grob skizziert, ohne die Fragen der Strategie und Taktik jeder Etappe ausführlich zu behandeln, weil das Thema Strategie und Taktik später zusammenfassend in einer Nummer behandelt werden soll. Trotzdem hätte zu den Etappen etwas mehr gesagt werden sollen, weil das im ideologischen Kampf gegen die Ultralinken, die eine Etappe ohne revolutionäre Situation ablehnen beziehungsweise ignorieren (»Haupttendenz in Westdeutschland ist Revolution«), wichtig war. Das war aber während der Bearbeitung des Themas vor fast zwei Jahren nicht vorauszusehen. Darum sollte die Beilage in der Rote Fahne 10 eine Ergänzung darstellen.

Unser Endziel beziehungsweise Fernziel ist die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse und der Aufbau des Sozialismus. Dieses Ziel muß ständig und zu jeder Zeit beziehungsweise in jeder Etappe propagiert werden. Die Erreichung dieses Ziels ist ein Prozeß, der nur in Etappen vor sich gehen kann – man kann keine Etappe überspringen. Eine Revolution kommt nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Dieser Prozeß wird auch durch die jeder Etappe entsprechenden Hauptlosungen gekennzeichnet: Teillosung – Übergangslosung – Aktionslosung. Unter Aktionslosung ist natürlich die revolutionäre Aktion, der Kampf um die Macht, zu verstehen und nicht taktische Aktionen zur Durchsetzung bestimmter Teilforderungen, wie sie in unserem Aktionsprogramm aufgestellt wurden. Agitationslosungen stehen immer in Verbindung mit den Hauptlosungen, nur jeweils mit einem anderen Inhalt, das heißt entsprechend der Strategie und Taktik jeder Etappe. Die Agitation des »Roten Morgen« zum Beispiel stützt sich auf die Annahme einer revolutionären Situation in Westdeutschland, die jetzt nicht vorhanden ist; darum ist sie nicht nur falsch, sondern auch schädlich, weil sie von den breiten Massen nicht verstanden und darum nicht befolgt wird. Ich verweise auf das Leninzitat unten links auf der zweiten Seite der Beilage. Wir dürfen darum nicht, wie Ihr meint, »weitergehende Agitationslosungen aufstellen«; dafür sind heute die Propagandalosungen da, die aber nicht abstrakt herausgestellt werden sollen, vielmehr sollen wir sie geschickt mit dem täglichen Kampf verbinden.

In der ersten Etappe des Klassenkampfs befaßt sich die Agitation hauptsächlich mit der Mobilisierung der Massen und der Vorbereitung von ökonomischen und politischen Kämpfen. Die Agitationslosungen fallen noch nicht unmittelbar mit den Propagandalosungen zusammen. Erst beim Übergang zur zweiten und besonders zur dritten Etappe werden die Propagandalosungen mehr und mehr zu unmittelbaren Agitationslosungen mit der Ausrichtung auf den Übergang zur und die Durchführung der revolutionären Aktion. Agitations- und Propagandalosungen verbinden sich in Aktionslosungen. Man darf Agitationslosungen zum Beispiel der dritten Etappe nicht auf die erste Etappe übertragen – das wäre Linksopportunismus. Man darf sich in einer revolutionären Situation auch nicht auf Agitationslosungen beschränken, die für die erste Etappe angebracht sind – das wäre Rechtsopportunismus.

Agitationslosungen müssen der jeweiligen Etappe angepaßt werden, dagegen sind Propagandalosungen gleichbleibend, denn sie sind auf das Ziel beschränkt. Agitationslosungen finden ihren Niederschlag in der ersten Etappe in Teilforderungen, in der zweiten Etappe in Übergangsforderungen und in der dritten Etappe in Forderungen, die mit dem bewaffneten Kampf verbunden sind. All das sind Fragen, die später einmal zusammengefaßt unter dem Titel »Strategie und Taktik im Klassenkampf« ausführlicher behandelt werden sollen.

Eure Kritik ist berechtigt, was die allzu kurze Behandlung der drei Etappen des Klassenkampfs im Revolutionären Weg 6 anbelangt. Die Beilage in der Roten Fahne 10 hat diesen Mangel zum Teil behoben. Ausführlicher muß das Problem später behandelt werden. Einige Punkte Eurer Kritik treffen nicht konkret zu, deshalb habe ich oben versucht, sie kurz richtigzustellen. Ich hoffe, daß es genügt.

Rot Front!
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1972

Korrekte Zusammenarbeit von KAB/ML und KPD/ML(RW)

Liebe Genossen! 16. 4. 72

Anbei unsere Vorschläge zur Änderung des Statuts, die wir gestern beraten haben.

Kurz bevor ich zur Sitzung fahren mußte, kamen drei Genossen der Tübinger Ortsgruppe: Peter J., Johann T. und Jürgen T. Sie erklärten, daß sie von mir einen Rat wollten, weil J. ausgeschlossen sei. Ich sagte ihnen natürlich, daß ich nicht zuständig sei, selbst wenn wir bereits vereinigt wären, wäre das eine Angelegenheit der zuständigen Leitung und Kontrollkommission, aber nicht der Kontrollkommission von Nordrhein-Westfalen. Das war ihnen auch klar, und sie hatten Verständnis, daß ich nicht auf die Ursache des Ausschlusses einging. Sie wollten einen Rat, was sie tun sollten, weil bis Mittwoch jedes Ortsgruppenmitglied durch Unterschrift erklären sollte, daß es den Ausgeschlossenen als Opportunisten verurteilte; falls das nicht geschähe, würde es ebenfalls ausgeschlossen. Ich habe ihnen erklärt, daß der Ausgeschlossene laut Statut das Recht habe, Einspruch beziehungsweise Berufung gegen den Ausschluß zu erheben. Die anderen Mitglieder der Ortsgruppe Tübingen sollten in der Angelegenheit nichts überspitzen, sondern mit der übergeordneten Leitung sachlich über die Angelegenheit diskutieren. Sie ließen mir einige Betriebszeitungen und Flugblätter hier, in denen angeblich opportunistische Fehler sein sollten, die zum Ausschluß geführt haben sollen. Damit war die Unterredung beendet. Ich habe heute noch keine Gelegenheit gehabt, die Betriebszeitungen durchzusehen.

Soweit der Vorfall bei mir. Ich habe nicht den Eindruck, daß sie gekommen waren, mich gegen Euch auszuspielen. Wir wollen als positiv werten, daß sie zu mir und nicht zu den Gegnerorganisationen gegangen waren. Wenn ich auch keine Kenntnisse von den Vorgängen in der Ortsgruppe Tübingen habe, so bitte ich Euch doch, mit dem Mittel der Überzeugung in der Mitgliederversammlung aufzutreten, denn es handelt sich ja nicht nur um den Ausgeschlossenen. Wenn das mit dem Reversunterschreiben stimmen sollte, halte ich das nicht für ein geeignetes Mittel, die Mitglieder von der Richtigkeit des Ausschlusses von J. zu überzeugen. Wir müssen manchmal in solchen Dingen geschickt operieren, ohne bei grundsätzlichen Verfehlungen als Versöhnler aufzutreten. Falsch wäre es, von Seiten der Leitung etwas zu überspitzen; ich meine das allgemein und nicht für diesen speziellen Fall, den ich ja im einzelnen nicht kenne. Bedenkt auch bitte, daß Ausschluß wirklich das äußerste Mittel gegen Parteivergehen ist. Und wenn bei einem solchen Verfahren nicht peinlich genau das Statut und die Richtlinien der Kontrollkommissionen berücksichtigt werden, kann das eine Unruhe in der gesamten Organisation hervorrufen, darum seid bitte sehr vorsichtig. Faßt das bitte nicht so auf, als würde ich Euch Vorschriften machen wollen, ich habe früher x Verfahren durchgeführt und bin auch jetzt Vorsitzender der Landeskontrollkommission. Ich schreibe Euch das aus Sorge, weil es sich doch in den meisten Fällen um junge, unerfahrene Genossen handelt, die in ihren Vorstellungen falsche Ideen entwickeln und darum Fehler machen. Rechtzeitige sachliche Kritik kann manchen Ausschluß aus der Partei verhindern. Lieber zehnmal das Mittel der Überzeugung als einmal administrative Mittel! Es würde mich nun doch interessieren, wie es zu den Vorfällen in der Ortsgruppe Tübingen gekommen ist und was dem zugrunde gelegen hat.

Rot Front!
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1971

Über die dialektische Methode

Genosse Dickhut! 30. 5. 71

In Deinem durchaus guten Revolutionären Weg 6 ist uns eine Stelle unklar:

Auf Seite 13 schreibst Du, daß das Ergebnis zweier Negationen eine Synthese sei. Im Philosophischen Wörterbuch wird Synthese als »Verfahren zur Erkenntnis oder Konstruktion materieller oder ideeller Systeme, dessen Wesen in der gedanklichen oder praktischen Verbindung einzelner Elemente zu einem Ganzen besteht«, bezeichnet.

Nehmen wir Dein Beispiel aus der Philosophie. Der dialektische Materialismus kann niemals eine Synthese aus Materialismus und Idealismus (These und Antithese) sein, da er das ursprüngliche, also Materialismus, auf höherer Stufe ist und nicht Verbindung zwischen Materialismus und Idealismus. Der dialektische Materialismus ist zwar durch These und Antithese entstanden, aber niemals aus den beiden.

Wir bitten Dich um eine Stellungnahme zu dieser Frage.

Rot Front!
i. A. Kurt

Liebe Genossen!

12. 6. 71

Besten Dank für Euren Brief vom 30. 5. 71, den ich gestern erhielt. Ich begrüße ihn wegen der regen Teilnahme an der Diskussion über das Thema des Revolutionären Wegs 6. Ich kann verstehen, wenn bei dem Fragenkomplex der dialektischen Methode nicht auf Anhieb volle Klarheit entsteht. Es ist ein schwieriges Thema, dem wir aber nicht deshalb aus dem Wege gehen sollten, weil es nicht einfach ist. Die dialektische Methode ist für unsere Praxis von ausschlaggebender Bedeutung. Wir können nur dann eine gute Praxis durchführen, wenn wir die dialektische Methode begreifen und zielbewußt anwenden.

In den ersten Jahren meiner Praxis als Arbeiterfunktionär habe ich das auch nicht verstanden und darum mehr oder weniger in Handwerkelei gemacht, ganz abgesehen davon, daß es jedem Arbeiter, wenn er sich ernsthaft mit der Theorie des Marxismus-Leninismus befaßt, schwerfällt, die theoretischen Schriften systematisch zu studieren. Umgekehrt fällt es den meisten Intellektuellen leicht, sich Buchwissen anzueignen und über den dialektischen Materialismus zu reden und zu schreiben, ohne die dialektische Methode begriffen zu haben. Darin liegt meines Erachtens auch die Hauptursache der entscheidenden Fehler, die diese Leute in der marxistisch-leninistischen Bewegung gemacht haben (siehe Revolutionärer Weg 3, 4, 5, Sondernummer). Deshalb sollte der Revolutionäre Weg 6 als Anleitung dienen, wie die dialektische Methode in der Arbeiterbewegung angewandt werden kann, als Anregung, um die Eigeninitiative der Genossen zu fördern, denn das ist von entscheidender Bedeutung, besonders dann, wenn unter den Bedingungen der Illegalität gearbeitet werden muß.

Um aber konkret auf die Anwendung der dialektischen Methode zu kommen, mußten erst die wichtigsten Begriffe des dialektischen Materialismus geklärt werden; das geschah im ersten Teil des Revolutionären Wegs 6. Um ihn so kurz wie möglich zu halten, kann es sein, daß hier und da etwas noch nicht klar genug ausgedrückt wurde. Nur bin ich der Meinung, daß wir nicht so herangehen sollten, wie in Eurem Brief. Im ersten und letzten Satz schreibt Ihr, daß Euch eine Stelle unklar sei und bittet um meine Stellungnahme, aber im vorletzten Satz bringt Ihr eine absolute Meinung zum Ausdruck. Das ist nicht nur widerspruchsvoll, sondern auch metaphysisch. Ihr werdet das vielleicht besser verstehen, wenn ich auf Euren Brief konkret eingehe.

1. Zur Klärung des Begriffs Synthese beruft Ihr Euch auf das Philosophische Wörterbuch. Dieser Satz ist wohl richtig, aber etwas abstrakt, weil er zwei Seiten zusammenfaßt: materielle und ideelle Systeme. So bedeutet Synthese in der Chemie: Aufbau eines Stoffes aus Elementen beziehungsweise einfachen Verbindungen (materielle Verbindung) und in der Philosophie: als wichtiges Moment im idealistisch-dialektischen Prozeß: Verbindung zweier gegensätzlicher Begriffe in einem (höheren) dritten. Die einfachste Definition ist: Vereinigung, Zusammenfügung von Teilen zu einem (höheren) Ganzen. Negation der Negation beinhaltet sowohl Aufhebung wie Erhaltung in höherer Form: als Synthese. Hier ist auch der dialektische Materialismus keine Ausnahme, wie Ihr in dem vorletzten Satz zum Ausdruck bringt.

2. Das Beispiel der Negation der Negation in der Philosophie im Revolutionären Weg 6 stützt sich auf Engels »Anti-Dühring«, XIII. Kapitel, »Dialektik«. Hier heißt es:

»Die antike Philosophie war ursprünglicher, naturwüchsiger Materialismus. Als solcher war sie unfähig, mit dem Verhältnis des Denkens zur Materie ins reine zu kommen. Die Notwendigkeit aber, hierüber klarzuwerden, führte zur Lehre von einer vom Körper trennbaren Seele, dann zu der Behauptung der Unsterblichkeit der Seele, endlich zum Monotheismus. Der alte Materialismus wurde also negiert durch den Idealismus. Aber in der weitern Entwicklung der Philosophie wurde auch der Idealismus unhaltbar und negiert durch den modernen Materialismus. Dieser, die Negation der Negation, ist nicht die bloße Wiedereinsetzung des alten, sondern fügt zu den bleibenden Grundlagen desselben noch den ganzen Gedankeninhalt einer zweitausendjährigen Entwicklung der Philosophie und Naturwissenschaft, sowie dieser zweitausendjährigen Geschichte selbst. Es ist überhaupt keine Philosophie mehr, sondern eine einfache Weltanschauung, die sich nicht in einer aparten Wissenschaftswissenschaft, sondern in den wirklichen Wissenschaften zu bewähren und zu betätigen hat. Die Philosophie ist hier also ›aufgehoben‹, das heißt ›sowohl überwunden als aufbewahrt‹; überwunden, ihrer Form, aufbewahrt, ihrem wirklichen Inhalt nach.«

Jetzt vergleicht bitte dieses Zitat Engels mit dem, was ich im Revolutionären Weg 6, Seite 15 geschrieben habe, und stellt Euren Satz »Der dialektische Materialismus ist zwar durch These und Antithese entstanden, aber niemals aus den beiden« daneben. Könnt Ihr jetzt Euren Fehler erkennen? Warum ist der Satz metaphysisch? Weil Ihr den urwüchsigen Materialismus, den Idealismus und den dialektischen Materialismus als fertige Dinge nebeneinanderstellt, indem Ihr den Prozeß des Aufhebens und gleichzeitig Aufbewahrens nicht verstanden habt. Aber darin liegt gerade die Dialektik des Denkens.

Liebe Genossen, es würde mich sehr interessieren, wie Eure Diskussion weiter verläuft, und ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr mir darüber berichten würdet.

Rot Front!
Willi

Lieber Genosse! 31. 10. 71

Wir danken Dir für Deinen Brief, aber um eine endgültige Entscheidung treffen zu können, müssen wir noch einige Fragen geklärt wissen. Das liegt hauptsächlich an uns, denn als wir den ersten Brief an Dich richteten, waren einige Fragen noch nicht soweit ausdiskutiert, daß wir sie ausreichend klar stellen konnten; aber Du hast Dich auch zu einigen Punkten etwas unklar ausgedrückt.

Wir möchten daher zunächst unsere Kritik am Revolutionären Weg 6 wiederholen und danach zu unseren Fragen betreffs Deines letzten Briefes übergehen.

Auf Seite 58 schreibst Du zur zweiten Etappe, daß in ihr die Tageskämpfe der Arbeiterklasse und die konkreten Teilforderungen »immer stärker mit politischen Forderungen verknüpft werden«. Damit erweckst Du den Eindruck, als würde in keiner Etappe ein selbständiger politischer Kampf geführt werden und als wäre die gesamte Arbeit auf den rein ökonomischen Kampf beschränkt. Tatsächlich kommt es aber nach Genosse Thälmann darauf an, beide Kämpfe, sowohl politische als auch ökonomische, während jeder Periode zu führen. Wir verweisen in dieser Frage auch auf die Schriften »Was tun?«, »Staat und Revolution« sowie »Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten« von Lenin.

Doch nun zu Deinem Brief:

1. Du schreibst: »Durch den ideologischen Kampf werden die Grundsätze des Marxismus-Leninismus, das heißt die Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, propagiert.«

Hinter diesem Satz stehen wir hundertprozentig, aber wir sind der Auffassung, daß gerade dies von der Roten Fahne (abgesehen von den großartigen Beilagen zur September- und Oktobernummer) und vom Rebell nur sehr mangelhaft geleistet wird, obwohl es nach Lenin ihre Aufgabe wäre. Vor allen Dingen läßt die Kritik an den Linkssektierern sehr zu wünschen übrig.

2. Du schreibst: »Daß man mit abstrakten politischen Losungen, losgelöst von den wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterklasse und dem politischen Niveau der Massen, nichts ausrichten kann, weil es nicht verstanden wird.«

a) Lenin spricht in Deinem Zitat von zwei Arten der Agitation, der politischen und der ökonomischen. In »Was tun?« sagt er, daß politische Agitation nicht nur auf ökonomischem Boden geführt werden darf, sondern daß dies eine Einschränkung der Arbeit der Kommunisten bedeutet und letztlich ökonomistisch ist.

b) Der KAB(ML) betreibt politische Agitation, wie wir sie im Augenblick für berechtigt, wenn auch für quantitativ etwas zu gering halten. So zum Beispiel: antifaschistischer Kampf, antiimperialistisch-antimilitaristischer Kampf, Aktion §218. Ein solcher Kampf wäre zum Beispiel auch ein Kampf gegen die Notstandsgesetze gewesen oder, im Rahmen des antiimperialistischen Kampfs, ein Kampf gegen die EWG-Mitgliedschaft der BRD.

c) Was wir eigentlich gemeint haben, war folgendes. Im Revolutionären Weg 6 hättest Du klar aussagen müssen, daß in der ersten Periode (dazu später Punkt 9) auch ein selbständiger politischer Kampf geführt werden muß.

3. Die Avantgarde: Wir meinten die fortgeschrittensten Teile der Arbeiterklasse. Die Aust-Gruppe spricht übrigens von Schmiedung der Avantgarde, nicht Gewinnung.

4. »Wer also nur einen Kampf um Reformen …« Du meinst doch damit zweifelsohne, daß man einen ökonomischen und unbegrenzt politischen Kampf, also nicht begrenzt durch den Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, führen soll? (Wir stimmen dem völlig zu, wollen nur sichergehen, Dich richtig verstanden zu haben, zumal Du im Revolutionären Weg 6 den Eindruck erweckt hast, als wenn in der ersten »Etappe« überhaupt kein selbständiger politischer Kampf geführt wird.

5. »Bei passender Gelegenheit jedoch muß das strategische Ziel in Verbindung mit den ökonomischen und politischen Fragen klar aufgezeigt werden.«

a) Stimmst Du uns zu, daß auch Tarifkämpfe – oder allgemein: größere Kämpfe der Arbeiterklasse von allgemeinem Interesse – eine solche Gelegenheit zur konkreten Vermittlung der Diktatur des Proletariats darstellen?

b) Wenn ja, so mußt Du zugeben, daß dies vom Zentralorgan nicht geleistet wird.

6. »Solange keine revolutionäre Situation da ist …«

a) Tritt der Kampf um Reformen quantitativ oder qualitativ in den Vordergrund?

b) Gerade die Verbreitung der Propagandalosungen mit sozialistischem Gedankengut wird vom KAB(ML) nur sehr mangelhaft betrieben.

7. Deine Definition des Rechtsopportunismus muß erweitert werden, und zwar dahingehend, daß er, nach Lenins Schrift »Staat und Revolution«, nicht propagiert:

a) die Zerschlagung des Staatsapparats,

b) die Diktatur des Proletariats.

8. Deine Stellungnahme zur Roten Garde muß spätestens seit dem »Roten Morgen« 8/71 als überholt angesehen werden.

9. Im Revolutionären Weg 6 sprichst Du von drei Etappen der deutschen Revolution. Dies ist eine falsche Bezeichnung. Stalin spricht in »Über die Grundlagen des Leninismus« von drei Etappen der russischen Revolution:

(1) Feudalismus – Kapitalismus (Selbstherrschaft – bürgerliche Demokratie)

(2) bürgerliche Demokratie – Sozialismus

(3) sozialistischer Aufbau

Wir befinden uns im Augenblick in der Etappe bürgerliche Demokratie – Sozialismus. Die von Dir beschriebenen »Etappen« sind Phasen oder Perioden. Korrigiere dies doch bitte. Vor allen Dingen erhält man den Eindruck, daß die in der ersten Etappe beschriebenen Teillosungen und Teilforderungen rein ökonomischer Natur sind. Das wäre reinster Ökonomismus.

»Zum Tätigkeitsbereich der Sozialdemokratie gehört … Agitation nicht allein auf dem Boden des täglichen Kampfes der Lohnarbeit gegen das Kapital« (5,b). »… ein Stadium des rein ökonomischen Kampfes und des Kampfes um politische Teilforderungen … lehnen wir ab.« (Lenin: »Was tun?«, Ausgewählte Werke Bd. I, S. 308)

Viele unserer Fragen mögen Dir etwas kleinlich vorkommen, aber wir fühlen eine große Verantwortung den Tausenden und Millionen von Genossen gegenüber, die ihr Leben in den Dienst unserer gemeinsamen Sache gestellt haben und hatten. Wir würden es für eine schändliche Gemeinheit halten, wenn wir dieser Verantwortung nicht gerecht würden und nicht jede, aber auch die kleinste Unklarheit völlig klären würden, um auch unser Leben dieser gerechten Sache unterordnen zu können.

Es lebe der Sieg der Diktatur des Proletariats!

Hoch lebe Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tsetung!

Ein Hoch auf den großen Vertreter der Sache des deutschen Proletariats, Genossen Ernst Thälmann!

USAG/ML ([noch] Unabhängige Sozialistische Arbeitsgemeinschaft/Marxisten-Leninisten)

Rot Front!
i. A. Otto

Liebe Genossen! 6. 11. 71

Besten Dank für Euren Brief vom 31. 10. Bedauerlicherweise ist die Entfernung zwischen uns so groß, daß wir uns nicht mündlich austauschen können. So bleiben Unklarheiten und Mißverständnisse bestehen, die durch eine Aussprache leichter behoben werden könnten. Nur eins ist mir unverständlich: Ihr macht die Vereinigung Eurer Gruppe mit der RJ(ML) gewissermaßen abhängig von der Beantwortung einer Frage, anstatt den Gesamtkomplex der ideologisch-politischen Linie des KAB(ML) und der RJ(ML) sowie der KPD/ML(RW) in seiner Gesamtrichtung zu untersuchen. Trotzdem will ich versuchen, Eure speziellen Fragen schriftlich zu beantworten.

Fangen wir mit den Etappen des Klassenkampfs (nicht der deutschen Revolution speziell, sondern allgemein – Revolutionärer Weg 6, S. 56) an. Die von Euch in Verbindung damit gebrachten drei Etappen der russischen Revolution beziehen sich speziell auf die Entwicklung der Revolution in Rußland und sind nicht übertragbar auf andere Länder (außer die Auswertung der Erfahrungen). Dabei ist Euch in der Bezeichnung der drei Etappen der russischen Revolution ein Fehler unterlaufen. Stalins Bezeichnung lautet:

1. Etappe: 1903 bis Februar 1917 ... usw.

2. Etappe: März 1917 bis Oktober 1917 … usw.

3. Etappe: Nach der Oktoberrevolution … usw.

Seht bitte nach: »Fragen des Leninismus«, Seite 72–74.

Was Ihr angebt, sind Perioden der gesellschaftlichen Entwicklung in Rußland, nicht aber speziell die Etappen der russischen Revolution.

Etappe bedeutet Teilstrecke. Eine Revolution läßt sich nicht zu jeder x-beliebigen Zeit (hier und jetzt, wie die Anarchisten sagen) durchführen, sondern hängt von der objektiven Lage und dem Reifegrad der Arbeiterklasse (objektiver und subjektiver Faktor) ab. Deshalb muß in der Entwicklung des Klassenkampfs des Proletariats jederzeit berücksichtigt werden: a) wie ist die Situation und b) inwieweit ist der subjektive Faktor ausgereift, das heißt, wie stark ist der Kampfwille und die Opferfreudigkeit der Massen, und ist eine revolutionäre Arbeiterpartei vorhanden und genügend entwickelt, um die Führung zu übernehmen. Da nun der Klassenkampf nicht gleichmäßig ansteigt, sondern im Zickzackkurs, im Auf und Ab oder, wie Stalin sagt, wie Ebbe und Flut verläuft, muß sich die Taktik des proletarischen Klassenkampfs entsprechend ändern und der jeweiligen Situation anpassen. Das wird durch die drei Etappen des Klassenkampfs gekennzeichnet, wobei natürlich Übergänge von einer Etappe zur anderen berücksichtigt werden müssen. Das gilt sowohl für das Vorwärtsschreiten zu einer höheren Etappe wie für den Rückzug zu einer niederen. So kennzeichnet Stalin zum Beispiel die Zeit von 1907–1912 als Ebbe, als Niedergang der proletarischen Bewegung und fährt fort: »Dementsprechend änderten sich sowohl die Kampfformen als auch die Organisationsformen. Anstatt des Boykotts der Duma – Teilnahme an der Duma, anstatt offener revolutionärer Aktionen außerhalb der Duma – Aktionen und Arbeit in der Duma, anstatt politischer Generalstreiks – wirtschaftliche Teilstreiks oder einfach Windstille …«

Daraus geht hervor, daß in der Zeit der Ebbe des Klassenkampfs, und das ist die erste Etappe, die Etappe ohne revolutionäre Situation, die Kräfte gesammelt werden müssen für kommende Klassenschlachten. In dieser Zeit steht die Organisation, das heißt die Auslösung und Führung von Kämpfen um ökonomische und politische Reformen, im Vordergrund (Teilforderungen). Das ist im wesentlichen ein gewerkschaftlicher Kampf und gegenwärtig die Hauptform. Dieser Kampf ist inhaltlich nicht gesellschaftsverändernd (wie die Revisionisten behaupten), sondern spielt sich im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ab. Wer sich nur auf einen solchen Kampf beschränkt, ist Reformist. Die Aufgabe der Kommunisten in dieser Etappe ist, die Notwendigkeit des politischen Kampfs des Proletariats um die Macht zu propagieren (Propagandalosungen). Sie müssen jede Gelegenheit benutzen, die Kämpfe inhaltlich auf eine höhere Ebene, das heißt, den ökonomischen Kampf zum politischen zu heben, die Formen des Kampfs (Streiks, Demonstrationen, Kundgebungen usw.) immer höherzuentwickeln.

Lenin schreibt in »Was tun?«: »Die Aufgabe der Sozialdemokraten aber erschöpft sich nicht in der politischen Agitation auf ökonomischem Boden, ihre Aufgabe ist es, diese trade-unionistische Politik in einen sozialdemokratischen politischen Kampf umzuwandeln – die Lichtblicke politischen Bewußtseins, die der ökonomische Kampf in den Arbeitern entstehen läßt, auszunutzen, um die Arbeiter bis auf das Niveau des sozialdemokratischen politischen Bewußtseins zu heben.«

Die Hervorhebungen im Zitat »umzuwandeln«, »auszunutzen« und »heben« sind von Lenin und unterstreichen das, worauf es ankommt. In dieser ersten Etappe des proletarischen Klassenkampfs ist das Klassenbewußtsein der Arbeiter noch nicht soweit entwickelt, daß die Arbeiterklasse in der Lage wäre, den gewerkschaftlichen Rahmen des Kampfs zu durchbrechen und selbständige politische Kämpfe mit dem Ziel der Eroberung der Macht zu führen. Dazu bedarf es einer langen, zähen, systematischen Kleinarbeit der Kommunisten, die dabei jede Gelegenheit im Leben der Arbeiter ausnutzen müssen, diese von der Notwendigkeit eines solchen Kampfs zu überzeugen. Der Weg vom spontanen ökonomischen zum bewußt politischen Kampf der Arbeiterklasse ist ungeheuer steinig und schwierig. Da können wir nichts mit revolutionärer Ungeduld erreichen, die Massen müssen uns folgen können, sonst werden wir uns isolieren (wie die Linkssektierer). Das heißt auch, daß wir in unserer politischen Agitation an das Niveau der Massen anknüpfen müssen, um es dann ständig zu heben und auf das Niveau des politischen Kampfs um die Macht zu bringen. Darin liegt die Bedeutung der ersten Etappe. Ohne Lösung dieser Aufgabe ist der Übergang zur zweiten Etappe nicht möglich.

Im »Kursbuch« 25 ist ein Artikel von M. Schneider (mit dem ich nicht einverstanden bin), wo eingangs (S. 73–75) ein Bericht eines Studenten über seine Agitation in einem Betrieb steht, der interessant ist wegen den Erfahrungen, die er durch die Diskussionen mit Arbeitern hat machen müssen. Diese Erfahrungen würde jeder machen, der abstrakt an die politische Agitation herangeht. Lenin schreibt sehr treffend in »Der ›linke‹ Radikalismus« über diese erste Etappe des Klassenkampfs:

»Viel schwerer – und viel wertvoller – ist es, zu verstehen, ein Revolutionär zu sein, wenn die Bedingungen für einen direkten, offenen, wirklich revolutionären Kampf der Massen noch nicht vorhanden sind; zu verstehen, die Interessen der Revolution (propagandistisch, agitatorisch, organisatorisch) in nichtrevolutionären, oft sogar in direkt reaktionären Institutionen, in einer nichtrevolutionären Situation, unter einer Masse zu verfechten, die unfähig ist, unverzüglich die Notwendigkeit der revolutionären Aktionsmethode zu begreifen ...«

Völlig unverständlich ist mir, wie Ihr aus der Darstellung der zweiten Etappe im Revolutionären Weg schließen könnt, es »würde in keiner Etappe ein selbständiger politischer Kampf geführt werden …« Diese Etappe kennzeichnet ja gerade den selbständigen politischen Kampf der Arbeiterklasse, der um so wirkungsvoller geführt wird, wenn er mit Teilforderungen verbunden wird (»die nach wie vor eine wichtige Rolle spielen«). Die vorher dargestellten sich ausdehnenden und verschärfenden Kämpfe sind doch politische Kämpfe auf der Grundlage der vorherrschend politischen Forderungen in Verbindung mit ökonomischen. Die politischen Forderungen werden dabei immer schärfer als Übergangslosungen zum Kampf um die Macht. Der unmittelbare Kampf um die Macht, der bewaffnete Kampf, bedeutet bereits die dritte Etappe.

Wir wollen noch einmal die ersten beiden Etappen gegenüberstellen. In der ersten Etappe herrscht der Kampf um ökonomische und politische Reformen, das heißt der gewerkschaftliche Kampf, vor. Die aufgestellten Teilforderungen sind Kampfforderungen zur Durchsetzung von Tagesfragen der Arbeiterklasse. Die Agitation hat hauptsächlich den Charakter der ökonomischen und politischen Enthüllungen. Die Propaganda verbreitet Losungen über das Ziel des politischen Kampfs: Sturz der kapitalistischen Herrschaft und Errichtung der Diktatur des Proletariats. Gleichzeitig muß der Weg aufgezeigt werden, um dieses Ziel zu erreichen. In dieser Zeit der Ebbe des Klassenkampfs kann es noch nicht zu selbständigen politischen Kämpfen der Arbeiterklasse kommen, das heißt zum politischen Massenkampf um die Macht – und nicht um irgendwelche politischen Reformen oder um begrenzte politische Tagesforderungen. Es ist darum die Etappe ohne revolutionäre Situation.

Erst wenn die Kämpfe sich zu immer größeren Massenkämpfen entwickeln (Streiks, Demonstrationen, Zusammenstöße usw.), wenn die politischen Losungen und Forderungen stärker hervortreten, die Zusammenstöße mit der Staatsmacht häufiger werden und diese Kämpfe den gewerkschaftlichen Rahmen immer öfter durchbrechen und selbständig von der Arbeiterklasse geführt werden, vollzieht sich der Übergang von der ersten zur zweiten Etappe. Dann erhalten die politischen Forderungen immer mehr die Bedeutung von Übergangslosungen zum Kampf um die Macht. Darum ist diese zweite Etappe die der akut revolutionären Situation.

Wir würden Fehler begehen, wenn wir die beiden Etappen nicht auseinanderhalten, zum Beispiel politische Übergangslosungen der zweiten Etappe auf die erste anwenden. Das würde eine Isolierung der revolutionären Partei von den Massen bedeuten, darum der Hinweis der »abstrakten politischen Losungen«. Das hat nichts zu tun mit den akuten politischen Enthüllungen und Forderungen, wie Ihr sie in 2. b) aufzeigt. Das bezieht sich alles auf die konkrete politische Agitation der ersten Etappe, aber es sind keine politischen Übergangslosungen, wie sie in der zweiten Etappe aufgestellt werden müssen und die Grundlage des selbständigen politischen Kampfs der Arbeiterklasse um die Macht bilden. Umgekehrt würde es ein schwerwiegender Fehler sein, wenn man sich in der zweiten Etappe auf den Kampf um Reformen beschränken würde.

In diesem Zusammenhang bitte ich auch folgendes zu beachten. Beim Studium historischer Ereignisse (zum Beispiel die konkrete Situation, wie sie in »Was tun?« behandelt wird oder in Thäl-manns Schriften über die Lage der zwanziger Jahre in Deutschland) müssen wir klar unterscheiden zwischen den prinzipiellen Fragen, das heißt den Grundsätzen des Marxismus-Leninismus, und den historisch bedingten Fragen, das heißt Ereignissen, die an die damalige Situation gebunden sind. Die ersten sind immer von Bedeutung und haben allgemeine Gültigkeit, dagegen sind die zweiten nur für die damalige Situation gültig und nur bedingt zu verwenden. Darum warnt Lenin vor einem schematischen Übertragen einer bestimmten Situation auf eine andere (»Der ›linke‹ Radikalismus«).

Einige Fragen Eures Briefes:

Punkt 4: Es gibt zweierlei Kampf um Reformen, die sich grundsätzlich voneinander unterscheiden (siehe Stalin: »Grundlagen des Leninismus«). Der Kampf um Reformen darf nicht Selbstzweck, sondern muß Mittel zum Zweck sein, nämlich als Schule des Klassenkampfs. Dabei muß die Bedeutung auf Kampf und nicht auf Reformen gelegt werden, denn nur im Kampf sammelt die Arbeiterklasse Erfahrungen und werden Führer entwickelt. Dabei ist nicht einmal entscheidend, ob ein solcher Kampf erfolgreich ist oder nicht (das erstere wäre natürlich besser), denn auch aus jeder Niederlage lernt die Arbeiterklasse und sammelt Erfahrungen.

Die Formulierung in Eurem Brief »unbegrenzten politischen Kampf« verstehe ich nicht. Jeder ökonomische und politische Kampf ist begrenzt, auch der Kampf um die Macht. Jeder Kampf hat ein Ziel, ob örtlich oder national, ob um Reformen oder um die Macht, ob es sich um Etappenziele oder um das »Endziel« handelt. Oder meint Ihr vielleicht folgendes: Einerseits wird der Kampf um Reformen als Selbstzweck, nur zur Durchsetzung von ökonomischen und eng begrenzten politischen Forderungen im Rahmen der kapitalistischen Herrschaft, das heißt ohne das Ziel des Sturzes der kapitalistischen Herrschaft, geführt. Andererseits wird der Kampf um Reformen als Mittel zum Zweck, als Schule des Klassenkampfs geführt, das heißt, um durch Sammlung von Kampferfahrungen die Voraussetzung zur Durchsetzung von weitergehenden politischen Forderungen bis zum politischen Kampf um die Macht zu schaffen.

Punkt 5: »Passende Gelegenheit« heißt, die verschiedenen Gelegenheiten wie Streiks, Demonstrationen, Kriegsdrohung, faschistische Gefahr, Beurteilung der Thesen der DKP usw. ausnutzen, das heißt jede Gelegenheit, wo die Propagandalosungen in verständlicher Weise mit der Agitation und dem Kampf der Arbeiterklasse verbunden werden können. Wenn Ihr in dieser Hinsicht eine Kritik am Zentralorgan habt, dann legt sie bitte in konkreter Form der Redaktion vor.

Punkt 6: Warum unterscheidet Ihr zwischen »quantitativer und qualitativer« Seite des Kampfs um Reformen? Je umfangreicher der Kampf als Massenkampf (Quantität) und je höher das Klassenbewußtsein der Massen (Qualität) ist, um so eher kann der Übergang von der ersten zur zweiten Etappe möglich sein. Beides muß also zusammenfallen. Es ist Aufgabe der revolutionären Partei, das gewerkschaftliche Bewußtsein zum sozialistischen Bewußtsein zu entwickeln. Die Propaganda des sozialistischen Gedankenguts wird hauptsächlich vom theoretischen Organ (als Anleitung zur mündlichen und schriftlichen Propaganda), aber auch vom Zentralorgan neben der Hauptseite Agitation betrieben. Die Propaganda muß um so intensiver geführt werden, je näher der Übergang zur zweiten Etappe rückt.

Punkt 7: In Worten reden auch Rechtsopportunisten oft von Zerschlagung der Macht des Monopolkapitals und der Errichtung der Diktatur des Proletariats, nur wenn es um die Verwirklichung geht, bekommen sie Angst vor ihrer eigenen Courage. Aber meist, da habt Ihr Recht, reden sie nicht einmal davon.

Punkt 8: Ihr meint wohl »Rote Betriebsgruppen« (nicht Rote Garde). Das Aust-Zentralkomitee hat den Gedanken der Schaffung eigener Gewerkschaften nicht aufgegeben, sondern nur aufgeschoben.

Nun zu Eurer Schlußbemerkung. Mir kommen Eure Fragen nicht »kleinlich« vor, denn es handelt sich um wichtige Fragen. Nur habe ich den Eindruck, daß Ihr etwas haarspalterisch an die Fragen herangeht. Nehmt es mir nicht übel, aber ich halte es mit Lenins Prinzip »Das Kriterium der Wahrheit ist die Praxis«. Ich kenne nicht die Praxis Eurer Gruppe, aber ich habe aufgrund der Behandlung der Fragen in Eurem Brief den Eindruck, daß es hier hapert. Eine systematische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit hätte meines Erachtens manche Fragen von selbst beantwortet. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir hierüber berichten würdet. In der Frage Eures Anschlusses an die RJ(ML) berücksichtigt, daß der Aufbau einer revolutionären Organisation nicht glatt vonstatten geht, sondern mit Schwierigkeiten und Fehlern verbunden ist. Was den Revolutionären Weg anbetrifft, so sollen die einzelnen Nummern nicht zu umfangreich sein, sondern in kurzer konkreter Form erscheinen. Die einzelnen Themen bilden im Zusammenhang ein ganzes System. Dadurch mag eine bestimmte Frage in einer Nummer zu kurz kommen, weil sie in späteren Ausgaben ausführlich behandelt wird. Darum ist auch die Darstellung der drei Etappen des Klassenkampfs nur kurz zur Kennzeichnung gestreift.

Rot Front!
Willi

Grundsätzliche Briefwechsel und Dokumente Willi Dickhuts 1971

Beurteilung des Revolutionären Wegs 6

Lieber Genosse Willi,

26. 7. 71

ich habe heute die Schrift über »Die dialektische Methode in der Arbeiterbewegung« studiert, und ich muß sagen, daß diese Schrift wohl das gründlichste und beste ist, was ich je über die Dialektik gelesen habe (wenn ich mal die Klassiker ausklammern darf). Ich bin Student und schon ein ziemlich hohes Semester, und wenn man sich so anhört, wie einem die bürgerliche Wissenschaft den Kopf vernebelt, erst dann kann man den Stellenwert des Revolutionären Wegs 6/71 für die Bewegung an der Hochschule so richtig einschätzen. Ich für meinen Teil werde mein möglichstes tun, die Verbreitung dieser Schrift bei uns zu fördern.

Diese Schrift ist ja nicht nur ein Referat der Klassiker, sondern versucht ja gerade, die dialektische Methode in schöpferischer Anwendung auf unsere Zeit, unsere Gegenwart zu übertragen …

Rot Front, und das heißt zum gegenwärtigen Zeitpunkt:
Vorwärts zur Einheit aller wahren Marxisten-Leninisten
Klaus

Lieber Genosse Klaus!

3. 8. 71

Besten Dank für Deinen Brief vom 26. 7., doch muß ich Dir sagen, daß Dein Lob weit übertrieben ist. Ich habe allerdings in meiner langen Tätigkeit als Arbeiterfunktionär

1. mich immer bemüht, mir die Theorie des Marxismus-Leninismus anzueignen, wenn es mir auch im Anfang, wie jedem Arbeiter, der tagsüber schuften mußte, oft recht schwerfiel,

2. mir ständig überlegt, wie man am besten die Theorie mit der Praxis verbinden kann.

So und nur so kann man Erfahrungen sammeln. Buchwissen reicht allein nicht allzu weit, obwohl ein Revolutionär immer studieren muß. Aber die beste Theorie ist wertlos, wenn sie nicht in der Praxis ihren Niederschlag findet. Und das ist nicht ohne Anwendung der dialektischen Methode möglich. Das wollte ich in der Schrift, besonders im zweiten Teil, klarlegen. Der erste Teil ist ja nur eine Erläuterung der Begriffe, eine kurze Interpretation der Hauptgedanken unserer Klassiker in den Hauptpunkten des dialektischen Materialismus. Den zweiten Abschnitt halte ich für die Durchführung einer richtigen Praxis für entscheidend. Hier wollte ich an Hand einiger konkreter Beispiele Anregungen geben, wie wir die dialektische Methode in der praktischen Arbeit anwenden können. Wenn das gelungen ist, würde es mich freuen, denn es ist tatsächlich keine leichte Aufgabe.

So sehr mich Deine Anerkennung auch gefreut hat, ich wäre Dir und Deinen Genossen dankbar, wenn Ihr mir einige kritische Hinweise geben würdet. Außerdem hoffe ich, daß Du, wenn Du Dein Studium in Tübingen beendet hast und nach Moers zurückkommst, uns in der revolutionären Arbeit unterstützen wirst. In diesem Sinne

Rot Front!
Willi