"Antideutsch" contra internationalistisch

Manchmal denkt man, man traut seinen Ohren nicht. Ist die Aussprache so komisch? Hör’ ich wieder so schlecht? Oder hat da wirklich ein Block überwiegend schwarz gekleideter junger  Leute auf der antifaschistischen Demonstration nicht „Hoch die internationale Solidarität“ gerufen? „Antinationale Solidarität“ – was soll das denn sein? Gegen Nationalismus sein ist klar. Aber gegen Nationen? Wie soll das gehen? Wo diese Fragen auftauchen, ist der Einfluss der „Antideutschen“ nicht weit. Ein in den 1990er Jahren in der „Radikalen Linken“ entstandenes  Phänomen, das in verschiedenen Regionen vor allem in der antifaschistischen Jugendbewegung anzutreffen ist. Grund genug, Entstehungsgeschichte, Positionen und Verhalten der „Antideutschen“ nachzugehen. Und die Frage aufzuwerfen, ob sie sich zu Recht als Bestandteil der antifaschistischen Bewegung ausgeben.

Zwischen 1989 und 1991 herrschte in der deutschen kleinbürgerlichen Linken einige Verwirrung. In der Befürchtung eines neuen vierten deutschen Reiches durch die Wiedervereinigung von BRD und DDR mündete die scheinbar radikale Ablehnung „Großdeutschlands“ in Parolen wie „Nie wieder Deutschland“, die auch mit einer berühmten Aufnahme und dem eigentlich auf ihren Wohnort bezogenen Zitat Marlene Dietrichs („Deutschland, nie wieder“) auf Plakaten verbreitet wurde. In den neuen Bundesländern verlor die SED ihre Macht und große Teile der materiellen Basis, was in Westdeutschland einen erdrutschartigen Mitgliederverlust der DKP nach sich zog.

Die MLPD setzte sich auf ihrem IV. Parteitag 1991 selbstkritisch mit Einflüssen einer sektiererischen Ignoranz des berechtigten Wunsches der Masse der Bevölkerung nach Wiedervereinigung auseinander und zog daraus Schlüsse für den gesamtdeutschen Aufbau der revolutionären Arbeiterpartei. Dagegen herrschte in der kleinbürgerlichen Linken angesichts der vermeintlichen Niederlage gegen den deutschen Imperialismus Katzenjammer. Reihenweise schmolzen Organisationen dahin, zogen sich frühere Aktivisten ins Privatleben zurück.

Die „ganz harten“ Kritiker „Deutschlands“, eine ehemalige Minderheit des aufgelösten Kommunistischen Bunds (KB oder KB Nord), bekämpften nicht mehr Kapitalismus und Nationalismus; sondern sie gründeten im Jahr 1992 in Hamburg die Redaktion der „bahamas“. Wenn man so will, die Geburtsstunde der „antideutschen Bewegung“, damals auch unter Beteiligung des späteren „junge welt“-Redakteurs Jürgen Elsässer. In ihrem Selbstverständnis bezeichnete sich die „bahamas“ bis Mitte der 2000er- Jahre als „antideutsch, kommunistisch und israelsolidarisch“. Heute ruft sie zu Kundgebungen auf wie „Gegen das Bündnis der Kriegstreiber von Linkspartei und Hamas“ (12. Juni 2010, Berlin) und praktiziert „bedingungslose Solidarität“ mit dem zionistischen Israel und der imperialistischen Supermacht USA.

Ohne eine Klassenanalyse, ohne eine Analyse der Entwicklung des Imperialismus ordnet ihre Denkweise die Klassenscheidung der Gesellschaft vollständig der nationalen Frage unter. Im Zeitalter der Internationalisierung ein bemerkenswerter Anachronismus. Die Überbetonung der Nationenfrage ist aber mehr als das. Sie stellte von Anfang an selbst einen „umgekehrten Nationalismus“ dar, der Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung und Mutation der „Antideutschen“ zu einer Agentur von Zionismus und US-Imperialismus besonders in der antifaschistischen Bewegung werden konnte. Vom vermeintlichen „Antinationalismus“ zu aktivem Rassismus ist es dann auch nicht mehr weit. Araber, Palästinenser oder Türken sind „Todfeinde“ der „Antideutschen“, die nicht unwesentlich zur Verbreitung der Islamophobie in der BRD-Gesellschaft beitragen.

Extreme Menschenverachtung

War schon 1990 für viele antifaschistische Linke „der Deutsche“ Grund allen Übels in der Republik und nicht etwa die Regierung und Monopole, treiben „antideutsche“ Aktivisten dies heute auf den Höhepunkt. In einem Aufruf „Wider den Chemnitzer Totenkult“, womit die alljährlichen bürgerlichantifaschistischen Gedenkveranstaltungen anlässlich der Bombardierungen der westlichen Alliierten 1944/45 gemeint sind, heißt es: „Fragt sich nur: Welche deutschen Opfer? Chemnitzer Bürgerinnen nahmen aktiv am Nationalsozialismus teil oder hatten nur ein sehr geringes Bedürfnis, den  selbigen wieder loszuwerden.“
Obwohl „antideutsche“ Jugendliche teilweise auch die sowjetische Fahne als Symbol der alliierten Sieger des II. Weltkrieges tragen, geht ihre Ignoranz und geschichtliche Unkenntnis so weit, jeglichen antifaschistischen Widerstand der deutschen Bevölkerung, inklusive der Kämpfer der KPD und der Arbeiterklasse, zu leugnen. Ergebnis ist die Gleichsetzung der Köpfe des Hitlerfaschismus und deutschen Monopolkapitals mit den breiten Massen der Bevölkerung, die pauschal der „Schuld“ am II. Weltkrieg und der Shoah bezichtigt werden. Folgerichtig provozieren „Antideutsche“ in Dresden mit der Parole „no tears for krauts“ („keine Tränen für Krauts“ – englisches Schmähwort für Deutsche). Schon im Gedenkjahr 2005 bezeichneten sie die Bombardierung
Dresdens in der Nacht vom 13./14. 2. 1945 als „ein Grund zur Freude. (Sie) steht für uns für die sich abzeichnende Niederlage Deutschlands, für die demoralisierende und somit kriegsverkürzende Wirkung innerhalb der deutschen Bevölkerung und damit auch für die Rettung der wenigen verbliebenen Jüdinnen und Juden.“ Welcher Zynismus: deutsche Zivilbevölkerung – Hauptsache tot …
Die „Rote Fahne“ 6/2010 schrieb anlässlich des 65. Gedenktags:
„Die Bombenflüge von britischen und US-amerikanischen Luftstreitkräften … stellen den Höhepunkt einer menschenfeindlichen Kriegführung gegen die Zivilbevölkerung dar.“ (S. 16)

Spaltung und Provokation

„Antideutsch“ beeinflusste Gruppen beteiligen sich vereinzelt auch an Bündnissen. Überwiegend jedoch in provokatorischer Absicht. Immer wieder werden aus mit Seitentransparenten abgeschirmten Blöcken Israel-Flaggen gezeigt, was insbesondere für Antifaschisten aus dem arabischen Raum und der Türkei eine besondere Provokation darstellt. Auf einer Demonstration gegen
den Thor-Steinar-Laden in Essen im Frühsommer 2009 beteiligten sich Mitglieder der „antideutsch“ beeinflussten Gruppe „aez“ aus dem vermummten Block an Provokationen gegen den martialisch aufmarschierten staatlichen Gewaltapparat. Dass die Demonstrationsleitung dies vermeiden und die Demonstration durchsetzen wollte und durchsetzte, ging für die aez dann „als schwarzer Tag in die Geschichte“ der antifaschistischen Bewegung Essens ein.

In der aktuellen Vorbereitung der antifaschistischen Aktivitäten in Dortmund am 4. September gegen den sogenannten „nationalen Antikriegstag“ der Neofaschisten geht’s noch einen Schritt weiter. „In der Nacht von Mittwoch, dem 28. Juli, auf Donnerstag, den 29. Juli 2010, kam es zu Provokationen und physischen Angriffen auf Mitglieder der Dortmunder SDAJ-Gruppe seitens einer Gruppe von Leuten, die teilweise der antideutschen Szene, teils der Gruppierung ,Gegenstandpunkt‘ bzw. ,illoyal‘ zuzuordnen sind … kam es zu Provokationen gegenüber einzelnen Personen, die als Mitglieder der SDAJ erkannt wurden … Es folgten Beschimpfungen z. B. als Antisemiten … (es kam) zu einer ersten physischen Aggression gegenüber einem SDAJler … Nach weiteren  Beleidigungen (,NSDAJ‘) und verbalen Provokationen sowie dem Überschütten mit Bier folgte erneut eine handgreifliche Auseinandersetzung …“ (Erklärung der SDAJ Dortmund)
Völlig zu Recht bewertet die SDAJ „diesen Angriff als einen Angriff auf alle antifaschistischen, linken und fortschrittlichen Kräfte“ und stellt fest, dass „auch theoretisch die Provokation einen traurigen Höhepunkt (erreicht) in der unmittelbaren Gleichsetzung der SDAJ mit faschistischen Organisationen und dem historischen Faschismus in Deutschland.“
Die antiimperialistische Duisburger Band „Die Bandbreite“ wird seit Jahren von Kräften aus der „antideutschen“ Szene wegen ihrer Kritik am US-Imperialismus und zionistischem Staatsterror beschimpft, bedroht, wirtschaftlich geschädigt und denunziert. Es kam schon zu Konzertabsagen aufgrund der Diffamierungen. Wer den palästinensischen Widerstand verteidigt, wer die Politik der israelischen Regierung kritisiert, wer Zweifel an George W. Bushs Fassung des 11. September 2001 hat – der ist für „Antideutsche“ ein Faschist.

Nicht mehr normal

Manche der Erklärungen, manche der Provokationen sind sicher mit einer kruden Kombination von jugendlichem Übereifer, intellektueller Besserwisserei von Oberstufenschülern und Studenten oder einer extremen Form kleinbürgerlicher Radikalisierung zu erklären.

Woher aber kommt das Geld, mit dem „antideutsche“ Positionen seit Ende der 1990er Jahre bundesweit verbreitet werden? Woher kommen Historiker, die im universitären Umfeld über „linken Antisemitismus“ referieren und jedes Palästinensertuch als Ausdruck einer verkappten faschistischen Gesinnung interpretieren? Wie kommt es, dass selbst in der Linkspartei „antideutsche“ Gruppen organisiert sind? Wie ist die „antideutsche“ Kernthese vom „linken Antisemitismus“ entstanden, warum ist ausgerechnet wieder Stalin an allem Schuld und welche Rolle spielt diese These in der Ausrichtung des modernen Antikommunismus in der BRD? Wie antikommunistisch können selbst ernannte „Neokommunisten“ sein? Welche Rolle spielt die „jungle world“, wer ist Thomas von der Osten-Sacken?

Dem wird die „Rote Fahne“ in einer der nächsten Ausgaben nachgehen. Wer Hinweise oder eigene Erfahrungen dazu hat, kann sich gerne an die Redaktion wenden. Wer noch nicht Abonnent ist und den Artikel nicht verpassen will, sollte jetzt ein Probeabo der „Roten Fahne“ bestellen.

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