Wirtschaftsentwicklung und Klassenkampf

Die wirtschaftliche Entwicklung in der BRD machte 1972/73 deutlich, dass die Aufschwungsperiode nach dem II. Weltkrieg beendet war und neue Erscheinungen hervortraten. Diese mussten analysiert und die notwendigen Konsequenzen für die Strategie und Taktik gezogen werden.

Der RW 13 wies nach, dass 1973/74 in der BRD nicht – wie die bürgerliche und kleinbürgerliche Propaganda behauptete – von einer Überproduktionskrise die Rede sein konnte, sondern die Monopolbourgeoisie durch den gleichzeitigen Einsatz der Maßnahmen: „Konzentration des Kapitals“, „Rationalisierungsoffensive“ und „Kapitalexport“ in die Offensive ging. Die aufkommende Massenarbeitslosigkeit hatte darin ihre konkreten Ursachen. Mit dem RW 14 wurde nachgewiesen, dass diese Maßnahmen jedoch unweigerlich zu einer Wirtschaftskrise führen müssen. 

Das Buch leistet eine verständliche Einführung in die politische Ökonomie des Marxismus-Leninismus und gibt durch seine anschauliche Anwendung des Marxismus-Leninismus auf die damalige Situation auch eine hervorragende Einführung in die politische Ökonomie im Zeitalter des Imperialismus.

Wirtschaftsentwicklung und Klassenkampf

Erschienen: 1974

Am 29. April 1904, wurde Willi Dickhut in Schalksmühle geboren. Er starb am 8. Mai 1992 in Solingen - auf den Tag genau 47 Jahre nach der Befreiung vom Hitler-Faschismus. Willi Dickhut war Arbeiter, Marxist-Leninist, Widerstandskämpfer gegen den Hitler-Faschismus, Mitbegründer und Vordenker der MLPD.

Er hat lange Jahre das theoretische Organ REVOLUTIONÄRER WEG der MLPD geleitet. Sein Lebenswerk umfasst nahezu ein ganzes Jahrhundert Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung in Deutschland. Er hat den Stil der MLPD entscheidend mit geprägt. Ein besonderes Anliegen war ihm, kritisch-selbstkritisch und selbständig denkende und handelnde Kader zu entwickeln, als Damm gegen Dogmatismus, Revisionismus oder gar eine Entartung der Partei.

Leseprobe

I. Teil Monopoloffensive und die Folgen
Einleitung
I. Konzentration und Zentralisation des Kapitals
1. Zur allgemeinen Konzentrationsbewegung in der Industrie 9
2. Konzentration durch Fusion 14
3. Monopolisierung innerhalb der Branchen 22
4. Die Konzentration des Thyssen-Konzerns 30
II. Zweck und Auswirkung des kapitalistischen Rationalisierung
1. Allgemeine Tendenz: Rationalisierung im Inland 39
2. Die Devise des Staats: „Modernisierung der Wirtschaft“ 43
3. Rationalisierung bedeutet: Maximalprofite für die Monopole 47
4. Rationalisierung bedeutet: Verstärkte Ausbeutung der Werktätigen 59
III. Kapitalexport - Profitoffensive der Monopole
1. Warenexport und Produktionsverlagerung 63
2. Kapitalexport durch Auslandsinvestitionen 73
3. Absicherung und Erweiterung der Auslandsmärkte und Einflußsphären 80
4. Produktionsverlagerung in Niedriglohnländer 88
5. Sicherung von Rohstoffbasen 91
6. Kooperation mit revisionistischen Ländern 94
IV. Die Landwirtschaft unter dem Druck der Monopole
1. Die Agrar- und Klassenstruktur auf dem Lande 102
2. Die kapitalistische Produktionsweise in der Landwirtschaft und die Folgen 114
3. Die Landwirtschaft im Zangengriff der Monopole 128
II.Teil
V. Die Entwicklung von Wirtschaftskrisen und die Folgen
1. Die Akkumulation des Kapitals und die Entstehung von Krisen 5
2. Monopole verhindern nicht die Wirtschaftskrisen 12
3. Wirtschaftskrisen als Folge von Konzentration, Rationalisierung und Kapitalexport 20
4. Das Ende der relativen Stabilisierung des Kapitalismus 26
5. Massenarbeitslosigkeit als industrielle Reservearmee 31
VI. Die Auswirkung der Wirtschaftslage auf den Klassenkampf
1. Wirtschaftsentwicklung und die Lage der Arbeiterjugend 38
2. Die Wirkungen der Wirtschaftskrisen 45
3. Die Entwicklung des Klassenkampfes 52
4. Schaffung einer festen Aktionseinheit 60
5. Die Entwicklung der allgemeinen Krise des Kapitalismus und die Verschärfung des Klassenkampfes 69

Einleitung

„Das kapitalistische System verschwindet nicht von selbst. Seine Stunde schlägt erst dann, wenn tiefgehende Wirtschaftskrisen das Gefüge der kapitalistischen Produktion, des Handels und der Finanzen erschüttern, das politische Gefüge des monopolkapitalistischen Systems in eine Sackgasse gerät, die Machtstellung der Monopolbourgeoisie geschwächt wird und die grundlegenden Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaftsordnung sich derart zuspitzen, daß die Massen nicht mehr in der alten Weise leben wollen und die herrschende Klasse nicht mehr in der alten Weise regieren kann.“ (Grundsatzerklärung des KABD, S. 12)

Befindet sich das kapitalistische System der BRD zur Zeit in einer Wirtschaftskrise oder in einer Phase der relativen Stabilisierung? Diese Frage zu klären, scheint angesichts des Gejammers der deutschen Industrie und der Fehleinschätzungen verschiedener Gruppen notwendig.

Bereits in seiner Broschüre vom Januar 1973 „Die gegenwärtige Wirtschaftslage und die proletarische Taktik“ hat der KABD gründlich nachgewiesen, daß der deutsche Imperialismus sich gegenwärtig in einer Phase der relativen Stabilisierung befindet. Hat sich seitdem die Lage für die Monopolkapitalisten derart verschlechtert, daß man jetzt von einer Wirtschaftskrise sprechen kann?

Der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW) ist offensichtlich dieser Meinung. Gleich auf der ersten Seite seiner „Kommunistischen Volkszeitung“ (KVZ) vom 10. Juli 1974 steht der Artikel „Krise in der Automobilindustrie“. Anhand der Entlassungen und Kurzarbeit verschiedener Automobilbetriebe in der letzten Zeit wird eine Überproduktionskrise in dieser Branche „nachgewiesen“. Diese Einschätzung deckt sich mit dem Krisengejammer der Automobilindustrie in den Schlagzeilen der bürgerlichen Presse. Die ROTE FAHNE des KABD weist in ihrer Juliausgabe nach, was es mit diesem Krisengerede auf sich hat.

Dividenden von 9 % bei VW und 18 % bei Daimler und BMW, Steigerung der Inlandsverkäufe bei VW im April um 9 %, bei Opel Steigerung der Automobilproduktion in der ganzen Welt um 27 % und Steigerung der Investitionen machen das Krisengerede un-glaubwürdig. Sicherlich wird die Steigerung des Absatzes nicht mehr so explosionsartig vor sich gehen wie bisher, aber die Konzerne haben sich schon auf die Erschließung neuer Absatzmärkte ein-gerichtet. Mit der Verlagerung der Produktion ins Ausland ist eine brutale Rationalisierungsoffensive im Inland verbunden. Und genau diese Offensive ist der Grund für die Entlassungen und die Kurzarbeit so vieler Kollegen in den Automobilwerken. Das heißt aber, daß es notwendig ist, nicht auf den Zweckpessimismus der Konzerne hereinzufallen, der Krisenpropaganda entschieden entgegenzutreten und die Pläne der Automobilkonzerne zu entlarven!

Der KBW bringt aber noch weitere „Beweise“ für die gegenwärtige Krise. Der Artikel „Die Herstatt-Pleite – Zeichen der Krise“ versucht, einen Zusammenhang zwischen der angeblichen Krise der westdeutschen Wirtschaft und der Bankpleite herzustellen. Dabei pfeifen es die Spatzen von den Dächern, daß die Ursache der Herstattpleite die Spekulation des Chefs des GERLING-VERSICHE-RUNGS-KONZERNS, Gerling, ist, der 85 % Anteil der Herstattbank und damit Weisungsrecht besaß. Durch Mißbrauch des Vertrauens der kleinen Einleger von Ersparnissen und mit deren Geld hatte Gerling spekuliert und zunächst riesige Profite gemacht. Dann hat er sich verspekuliert und die Millionen-Verluste den Ein-legern und die Herstattbank ihrem Schicksal überlassen, indem er kurz vor der Pleite seinen Bankanteil abstieß und ausschied.

Das ist der Tatbestand und nicht die „Krise“ der „KVZ“. Die wird auch nicht glaubwürdiger, indem sie eine Meldung der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert:

„1973 war für nahezu alle Banken ein mieses Jahr, denn die meisten Institute mußten beim Kreditgeschäft, und das ist und bleibt der Kern aller Bankgeschäfte, heilfroh sein, wenn sie, ehrlich gerechnet, mit Plus/Minus Null herauskamen“,

und die „KVZ“ folgert daraus:

Wenn also das Geschäft für die Bankiers nicht so gut lief, dann, weil die Kapitalisten nicht mehr so flott investierten, wozu sie das Geld hätten brauchen können … Das miese Jahr für die Banken ist also nur Ausdruck einer krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklung in Westdeutschland.“

War das Jahr 1973 für die Banken wirklich so mies? Die folgende Tabelle läßt an dieser Tatsache die stärksten Zweifel aufkommen:

Tabelle 1 (s.o.)

So ist denn auch die Commerzbank optimistisch für das laufende Jahr: „Das Jahr 1974 begannen wir organisatorisch und finanziell gut gerüstet für weiteres Wachstum.“ Dieser Optimismus und die oben angeführten Zahlen zeigen wohl deutlich, daß von „Plus/ Minus Null" nicht die Rede sein kann und daß die „KVZ“ auch hier wieder auf das Krisengejammer der Konzerne und der bürgerlichen Presse hereingefallen ist. Genau wie beim KBW dient bei dem Münchner „Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD“ das Festhalten an ihrem Krisengerede der Verschleierung ihrer opportunistischen und kleinbürgerlichen Politik.

Die Führer des Arbeiterbundes sehen bereits seit 1971 die Krise am westdeutschen Wirtschaftshimmel heraufziehen. Da sie diese These nicht mit durch Erfahrung begründetem Material belegen können, verwirren sie ihre Anhänger durch laufend sich widersprechende Behauptungen. Die wirkliche Lage wird nicht konkret analysiert, sondern über den Daumen gepeilt, und so ist es nur erklärlich, daß auch sie auf den Zweckpessimismus der Konzerne hereinfallen, zumal diese Einschätzung noch ihr Zurückweichen vor dem offensiven und selbständigen Kampf der Arbeiterklasse bemäntelt.

Genau dieses Zurückweichen aber ist ein Ziel des Zweckpessimismus der Unternehmer. Die Angst vor der drohenden Wirtschaftskrise soll die Arbeiter vom selbständigen Kampf abhalten und sie zurück in die Arme der rechten Gewerkschaftsführung und des Reformismus treiben. Mit ihrer falschen Einschätzung der augenblicklichen wirtschaftlichen Lage unterstützen KBW und Arbeiterbund dieses Ziel. Solange der Kapitalismus besteht, wird es auch Wirtschaftskrisen geben: Das ist ein ökonomisches Gesetz des Kapitalismus. Aber im Augenblick können die Monopole noch ein wichtiges Instrument als „Krisenbremse“ einsetzen – den Staat.

Die Monopole haben sich den Staatsapparat vollkommen untergeordnet. Dieser Staatsapparat übt zahlreiche wirtschaftliche Funktionen aus, die mit denjenigen der privaten Monopole verschmolzen sind. Unter Ausnutzung staatlicher Hebel will die Monopolbourgeoisie den Monopolprofit absichern und anheben. Mit Hilfe der Staatsgewalt wird den Monopolen ein zeitweilig relativ gesicherter Markt geschaffen, die Überproduktion zu drosseln und die Krise auf das arbeitende Volk abzuwälzen versucht.“ (Grundsatzerklärung des KABD, S. 7)

Im jetzigen staatsmonopolistischen Kapitalismus sind dem Staat viele Möglichkeiten gegeben, die Monopolprofite abzusichern und anzuheben: konjunktur- und haushaltspolitische Maßnahmen zur Unterstützung der Monopole, direkte Unterstützungsmaßnahmen wie Subventionen, Kredite und vor allen Dingen auch die politische Absicherung des Ausbeutersystems.

Um die Monopole vor einer Krise zu schützen, wurden und werden alle Maßnahmen getroffen, die Last auf die arbeitende Bevölkerung abzuwälzen, und bis jetzt ist das den deutschen Monopolherren mit Hilfe des Staates auch noch gelungen. Um der Offensive der Monopole die richtige Taktik entgegensetzen zu können, ist eine gründliche Analyse der westdeutschen Wirtschaft unumgänglich.

Briefwechsel und Dokumente

Kritik am Revolutionären Weg 14

Liebe Genossen!

Ich habe eine Kritik an einer Stelle des Revolutionären Wegs 14, zweiter Absatz von oben; es heißt da: »Der Monopolpreis ist darum ein Raubpreis, der nicht durch ökonomische Gesetze, sondern durch die Raubgier der Monopolkapitalisten bestimmt ist.«

An einer anderen Stelle des Revolutionären Wegs 14 wird Stalin zitiert, der als Grundgesetz des modernen Kapitalismus die Notwendigkeit des Strebens nach Maximalprofiten hervorhebt. Das sehe ich in Zusammenhang mit dem obigen Zitat. Denn der Monopolpreis ist doch wohl nur eine bestimmte Form, die dieses Streben nach Maximalprofiten zutage bringt. Deshalb ist es mir unverständlich, wenn in Verbindung mit dem Monopolpreis von »Raubgier« gesprochen und ein Zusammenhang mit ökonomischen Gesetzmäßigkeiten ausdrücklich verneint wird. Wenn von Raubgier gesprochen wird, dann erweckt das den Eindruck, daß der subjektive Wille der Kapitalisten und nicht ökonomische Gesetze ausschlaggebend für den Maximalprofit sind.

Hierzu ein Zitat von Marx aus »Lohn, Preis und Profit«, zweites Kapitel: »Wenn andererseits die gegebene Grenze der Lohnsumme von dem bloßen Willen der Kapitalisten abhängt oder den Grenzen seiner Habsucht, dann ist dies eine willkürliche Grenze. Sie kann durch den Willen der Kapitalisten und kann daher auch gegen ihren Willen verändert werden.«

Marx weist solche Argumentationen, hier am Beispiel der feststehenden Lohnsumme, entschieden zurück.

Auch wenn dann im Revolutionären Weg 14, Seite 15, darauf hingewiesen wird, daß der Monopolpreis nichts am Wertgesetz ändert, so ist die zitierte Stelle dennoch aus sich heraus falsch. Denn die Kapitalisten sind genauso den Gesetzen des Systems ausgeliefert wie die Arbeiter, nur daß die Arbeiterklasse letztlich die Kraft sein wird, die dieses System aus den Angeln hebt. Und erst dann sind wir soweit, daß die Menschheit nicht mehr der blinden, unkontrollierbaren Wirkung nicht erkannter ökonomischer Gesetze ausgeliefert ist, sondern diese Gesetze bewußt anwendet und im Einklang mit den Bedürfnissen der Werktätigen zur Geltung bringt.

Das ist ja wohl teilweise damit gemeint, wenn in der Grundsatzerklärung am Schluß gesagt wird: »Dann wird die Menschheit vom Reich der Notwendigkeit zum Reich der Freiheit voranschreiten.« Und wenn wir dieses Ziel, den Sozialismus/Kommunismus, erreichen wollen, dann dürfen wir uns heute nicht durch Unklarheiten und verschwommene Formulierungen daran hindern, einen klaren Blick für dieses Ziel zu gewinnen. Aus diesem Grund glaube ich, daß diese Kritik nicht nur an nebensächlichen Formulierungsfragen ansetzt, sondern an Fragen, die bei uns wohl noch häufiger diskutiert werden müssen.

In diesem Sinne: Rot Front!
A.




18.7.75

Lieber Genosse A.!

Deine Kritik am Revolutionären Weg 14, Seite 15, betreffend den Satz: »Der Monopolpreis ist darum ein Raubpreis, der nicht durch ökonomische Gesetze, sondern durch die Raubgier der Monopolkapitalisten bestimmt ist«, beruht auf einem Mißverständnis.

Weil die Preise einzelner Waren durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden, liegen sie teils über, teils unter dem Wert der Waren. Der Wert der Ware wird bestimmt durch die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitsmenge. Die Warenpreise pendeln um den Durchschnittswert der Waren herum. Nimmt man die Summe aller Warenpreise, so entspricht diese dem Gesamtwert aller Waren. Das liegt im Wertgesetz begründet, das das ökonomische Gesetz der Warenproduktion ist.

Wenn die Monopolkapitalisten aufgrund ihrer Monopolstellung höhere Preise erzwingen, als der Wert dieser Waren ausmacht, so sind diese Preise eben nicht durch das Wertgesetz bestimmt; es sind Raubpreise, die nur auf Kosten anderer Schichten der kapitalistischen Gesellschaft erzwungen werden können. Wenn in diesem Zusammenhang von Raubgier gesprochen wird, dann mußt Du berücksichtigen, daß dieser Raubzug nicht von der Person und dessen Bewußtsein zu trennen ist. Der Mensch ist das Produkt seiner Verhältnisse und seiner Umgebung. Es ist das Sein, welches das Bewußtsein bestimmt. Dabei spielt der Überbau der Gesellschaft eine große Rolle, besonders bei der Handlungsweise der Monopolkapitalisten.

Lenin sagt in »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus«: »Der außerökonomische Überbau, der sich auf der Grundlage des Finanzkapitals erhebt, seine Politik, seine Ideologie steigern den Drang nach kolonialen Eroberungen.« Du kannst an Stelle von »Drang« auch »Gier« setzen, es kommt auf dasselbe heraus.

Du mußt den oben zitierten Satz aus dem Revolutionären Weg 14 im Zusammenhang mit den nachfolgenden zwei Absätzen sehen, nur so ist der Raubpreis erklärlich. Denn wie weit die Monopolkapitalisten einen Raubpreis auf Kosten anderer erzwingen können, hängt letzten Endes von ihrer Macht beziehungsweise der Grenze ihrer Macht ab.

Du bringst ein Zitat von Marx aus »Lohn, Preis und Profit«. Das bezieht sich aber nicht auf die allgemeinen Warenpreise, sondern auf den Lohn, der ein besonderer Preis für die Ware Arbeitskraft ist. Auf die Höhe des Lohnes haben die Arbeiter durch ihren Kampf Einfluß – sie bestimmen bei Festsetzung der Höhe des Preises für ihre Arbeitskraft mit. Auf die allgemeinen Warenpreise haben die Arbeiter keinen Einfluß, darum ist das Zitat nicht vergleichbar. Außerdem mußt Du das Zitat im Zusammenhang mit dem letzten Absatz des ersten Kapitels sehen. Hier heißt es: »Sicher ist es der Wille der Kapitalisten, zu nehmen, was zu nehmen ist. Uns kommt es darauf an, nicht über seinen Willen zu fabeln, sondern seine Macht zu untersuchen, die Schranken dieser Macht und den Charakter dieser Schranken.«

Die Arbeiterklasse kann sich gegen die Raubpreise der Monopolkapitalisten nur durch den Kampf um höhere Löhne wehren. Sie muß sich aber klar sein, »daß sie gegen Wirkungen kämpft, nicht aber gegen die Ursachen dieser Wirkungen«.

»Sie sollte begreifen, daß das gegenwärtige System bei all dem Elend, das es über sie verhängt, zugleich schwanger geht mit den materiellen Bedingungen und den gesellschaftlichen Formen, die für eine ökonomische Umgestaltung der Gesellschaft notwendig sind. Statt des konservativen Mottos: ›Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!‹, sollte sie auf ihr Banner die revolutionäre Losung schreiben: ›Nieder mit dem Lohnsystem!'‹« (Marx: »Lohn, Preis und Profit«) Ich danke Dir für Deinen Hinweis und grüße im Auftrag der Redaktion

Willi

Unterschied zwischen »Rezession« und Wirtschaftskrise

7.6.75

Liebe Genossen!

Bei der 2. Lektion der Schwerpunktschulung über den Revolutionären Weg 13/14 ist in unserer Schulungsgruppe kritisiert worden, daß im Revolutionären Weg 14 nicht genau beschrieben wird, welches die Unterscheidungsmerkmale einer wirklichen Wirtschaftskrise im Unterschied zu einer normalen Depression (Konjunkturflaute, »Rezession«) sind. Wir haben deshalb zur Klärung dieser Frage die Broschüre: »Die gegenwärtige Wirtschaftslage und die proletarische Taktik« herangezogen, wo die Tendenzen der zwei Wirtschaftsphasen »Hochkonjunktur« und »Krise« gegenübergestellt werden. Allerdings haben wir hier auch keine exakte Abgrenzung einer Wirtschaftskrise von einer normalen Depression oder »Rezession« gefunden, zumal Ihr dazu ausführt: »Diese Tendenzen muß man dialektisch sehen, weil nicht in allen Wirtschaftszweigen und Betrieben diese Tendenzen gleichermaßen auftraten und Übergänge zwischen ihnen vorhanden sind. Aber sie geben die allgemeine Richtung an.« Wo spricht man aber bei dieser »allgemeinen Richtung« noch von Konjunkturflaute, wo schon von einer Wirtschaftskrise?

Zunächst halten wir die im Revolutionären Weg 13/14 getroffene Unterscheidung zwischen einer wirklichen Wirtschaftskrise und periodischen Konjunkturzyklen für richtig. Der KBW lehnt diese Unterscheidung in seiner Kritik am Revolutionären Weg 13/14 ja ab und wirft dem KABD einen »sehr exklusiven Krisenbegriff« vor. Allerdings ist hier der KBW selbst »exklusiv«, indem er sich vor den marxistisch-leninistischen Klassikern verschließt, die unseres Erachtens diese Unterscheidung zwischen normaler Depression und wirklicher Krise der Wirtschaft auch getroffen haben, so zum Beispiel Karl Marx im »18. Brumaire«, wo er für das Jahr 1851 in Frankreich von »einer Art von kleiner Handelskrisis« spricht und dann eindeutig ausführt: »Von diesen besonderen Umständen abgesehn, war die scheinbare Krise des Jahres 1851 nichts anders als der Halt, den Überproduktion und Überspekulation jedesmal in der Beschreibung des industriellen Kreislaufs macht, bevor sie alle ihre Kraftmittel zusammenrafft, um fieberhaft den letzten Kreisabschnitt zu durchjagen und bei ihrem Ausgangspunkt, der allgemeinen Handelskrise, wieder anzulangen.« (Hervorhebung im Text; zitiert nach Marx/Engels Ausgewählte Werke Bd. l, S. 296) Auch Stalin macht unseres Erachtens eine Unterscheidung, wenn er im Rechenschaftsbericht an den XVII. Parteitag 1934 im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise zu diesem Zeitpunkt das Argument von einem »Übergang … von dem Tiefpunkt der industriellen Krise zu einer Depression« erwägt und von einer »gewöhnlichen Depression« spricht. Daraus geht hervor, daß die kapitalistische Wirtschaftsentwicklung nie geradlinig verläuft, sondern sich in Konjunkturzyklen, die auch in der Phase der relativen ökonomischen Stabilisierung vorhanden sind, mit Hochkonjunktur, Flaute, schwankender Stagnation bewegt, die allerdings durch die Maßnahmen des Monopolkapitals zwangsläufig zu einer wirklichen Wirtschaftskrise führen werden.

Die Beschreibung der Wirtschaftskrise von 1929 kann das Bild einer wirklichen Wirtschaftskrise im Unterschied zu einer normalen Depression auch nicht befriedigend aufzeigen, da – wie Ihr selbst schreibt – »nicht mit einer Wirtschaftskrise im Ausmaß von 1929–32 gerechnet werden kann« und auch Stalin auf dem XVII. Parteitag sagte, daß sich diese Krise »von allen analogen Krisen unter anderem dadurch unterscheidet, daß sie die andauernde und langwierigste Krise« ist. Eine kommende Wirtschaftskrise, auf die sich die Arbeiterklasse vorbereiten muß, ist also wohl denkbar, ohne in Vorboten und Verlauf die Krise von 1929 zu imitieren. Wir können also nicht einfach sagen, eine wirkliche Wirtschaftskrise ist dann da, wenn die Situation wie 1929 aussieht. Aber was macht die wirkliche Krise aus?

Hier haben wir in unserer Schulungssitzung herausarbeiten können, daß eine Wirtschaftskrise eine Überproduktionskrise ist, die von der massenhaften Zerstörung der Produktivkräfte begleitet wird (Engels in: »Von der Utopie zur Wissenschaft«, das Zitat, das auch auf S. 26 im Revolutionären Weg 14 steht; »Kommunistisches Manifest«) und zyklisch auftritt. Das unterscheidet sie von der allgemeinen Krise des Kapitalismus, wie Ihr im Revolutionären Weg 14 ausführt und die Rote Fahne 12/75 noch einmal darlegt. Außerdem grenzt sich eine tatsächliche Wirtschaftskrise durch ihren die ganze kapitalistische Wirtschaft umfassenden Charakter von Strukturkrisen in einzelnen Branchen deutlich ab. Im Imperialismus heißt dabei »die ganze Volkswirtschaft umfassender Charakter« in erster Linie, den Blick auf die quantitativ und qualitativ die Ökonomie und Politik beherrschenden Monopole zu lenken – ihre Entwicklung ist unseres Erachtens auch entscheidend dafür, ob wir von einer Krise tatsächlich sprechen können oder nicht, wie gegenwärtig, wo die Monopole keineswegs mit ihrer »Profitmacherei ins Stocken« geraten sind. Lenin hat ausdrücklich darauf hingewiesen: »Die Grundfragen können nur vom Standpunkt des Imperialismus betrachtet werden. Es gibt keine bedeutende Frage der Innen- und Außenpolitik, die anders als vom Standpunkt dieser Tendenz entschieden werden könnte.« (VIII. Parteitag der KPR(B), Lenin Werke Bd. 29, S. 154) Das ist auch dem KBW ins Stammbuch zu schreiben, der ja immer vom Kapitalismus im allgemeinen spricht und seine Krisentheorie gerade mit dem Zusammenbruch von Kleinbetrieben zu beweisen sucht.

Wir wissen also, daß ein Unterschied zwischen normaler Depression und einer Wirtschaftskrise existiert, wir wissen über die allgemeine Richtung der Wirtschaftskrise, wissen, daß sie zyklisch, die ganze kapitalistische Wirtschaft betreffend und eine Überproduktionskrise ist, wir kennen eine besonders tiefe Krise 1929 und danach, und wir wissen, daß die drei Maßnahmen des Monopolkapitals mit Gesetzmäßigkeit zu einer Krise führen werden. Aber wir wissen noch nicht genau, wann und mit welcher genauen Ausformung eine wirtschaftliche Situation wirklich als Krise zu bezeichnen ist. Sicher wird die Sache in verschiedenen historischen Situationen anders liegen, aber bezüglich bestimmter Schwellen volkswirtschaftlicher Indizes, bezüglich der Tiefe der Zerrüttung der kapitalistischen Wirtschaft und der Zerstörung der Produktivkräfte (Arbeitslosigkeit, Konkurse, Produktionsrückgang in starkem Maße, Rückgang der Investitionen, Zerrüttung des Kreditwesens, Krieg) und der Waren und bezüglich der Konsequenzen für Kapital und seine Politik und die Arbeiterklasse und ihre Politik müssen unserer Meinung nach noch weitergehende Ausführungen gemacht werden, um eine Krise genau zu kennen. Denn diese Frage ist nicht eine akademische, sondern ihre genaue Behandlung ist notwendig zur Vorbereitung der Arbeiterklasse und ihrer Vorhut auf die Kämpfe in dieser Krise, was in der Roten Fahne 12 in dem Vorabdruck der KBW-Broschüre ja auch hervorgehoben wird.

Zwei kleinere Kritiken zum Revolutionären Weg 14 sind in unserer Schulungsgruppe zusätzlich geäußert worden: Zum einen kritisieren die Genossen die Aussage über das »Konsumdenken« auf Seite 20, da hier nicht klar herausgehoben wird, daß die Wirkung der Werbung bezüglich der Herstellung eines »Konsum-denkens« bei der Arbeiterklasse nur relativ ist und an die Grenzen ihrer Klassenlage trifft. Zum anderen wird auf Seite 47/48 die Darstellung des Entgegentretens der Gewerkschaft gegen die Krisenpropaganda kritisiert, da wir meinen, daß die Gewerkschaftsführung ganz andere Gedanken hat, wenn sie den Krisenteufel entlarvt. Wir meinen, daß die Gewerkschaftsführung die Absicht hat, die SPD/FDP-Politik gegenüber der Arbeiterklasse so positiv als möglich herauszuputzen und dabei auch gegen Kritik der Opposition der CDU/CSU am »wirtschaftspolitischen Versagen der Regierung« auftritt. Deshalb ist bei der Gewerkschaftsführung die Ablehnung der Krisenpropaganda unserer Meinung nach unmittelbar verbunden mit der Werbung unter der Arbeiterklasse für die Sozialdemokratie und die SPD/FDP-Regierung im besonderen. Wir meinen, daß dies gesagt werden sollte.

Wir hoffen, daß wir Euch vielleicht ein bißchen weiterhelfen konnten, den einen oder anderen Punkt klarer herauszustellen und vor allem in den weiteren Publikationen des KABD zur gegenwärtigen Wirtschaftslage aufzugreifen.

Rot Front!
M.





19.6.75

Lieber Genosse M

Dein Brief vom 7. 6. befaßt sich mit Fragen, die sich aus der Schulung des Revolutionären Wegs 13 und 14 ergaben. Durch die Broschüre »Die ›fortschreitende Krise‹ des KBW« werden Euch einige Argumente mehr gegeben. Ich will versuchen, den Unterschied zwischen »Rezession« und Wirtschaftskrise möglichst kurz und präzise zu formulieren:

Eine Rezession entsteht dann, wenn das Wirtschaftswachstum zurückgeht und sich unmittelbar dem Nullpunkt nähert beziehungsweise ihn erreicht. Das Bruttosozialprodukt erlebt keine Steigerung (oder nur eine unbedeutende). Die im Revolutionären Weg 14, Seite 20 zur Kennzeichnung der Rezession von 1966/67 angegebenen Zahlen, die noch einen Zuwachs des Bruttosozialprodukts nachweisen, ergeben bei Umrechnung auf Preise von 1962 ein Nullwachstum.

Kapitalistische Wirtschaftskrisen sind Überproduktionskrisen, die einen Produktionsrückgang auf einen bereits vor Jahren erreichten Stand zur Folge haben. Zum Beispiel sank die industrielle Gesamtproduktion in Deutschland während der Krisen:

1873 um 6,1 %

1890 um 3,4 %

1907 um 6,5 %

1929–1932 um 40,6 %

Wir haben oben aufgezeigt, daß die drei Maßnahmen des Monopolkapitals – Konzentration des Kapitals, Rationalisierung und Kapitalexport – unweigerlich zur Überproduktionskrise führen müssen und, da die Maßnahmen des Monopolkapitals in allen monopolkapitalistischen Ländern durchgeführt werden, die Wirtschaftskrise weltweiten Charakter haben wird.

Ihr stellt die Frage, wann und in welcher Ausformung eine wirtschaftliche Situation als Krise bezeichnet werden könne. Daß der Ausbruch der Krise nicht mit Tag und Stunde angegeben werden kann, ist klar. Wir hätten in der BRD bereits die Krise, wenn nicht der gesteigerte Export den Rückgang auf dem Binnenmarkt aufgefangen hätte. Der gegenwärtige Zustand der schwankenden Stagnation wird durch zwei entgegenwirkende Erscheinungen gekennzeichnet: Die am Jahresende eingesetzten krisenbremsenden Maßnahmen der Regierung mit aufsteigender Schwankung und Exportrückgang mit absinkender Schwankung. Die Regierungsmaßnahmen wurden zu spät eingesetzt, was auf eine falsche Einschätzung der wirtschaftlichen Situation zurückzuführen war. Man hatte die Ursache der rasch wachsenden Arbeitslosenzahl auf eine Konjunkturschwankung (Krisenpropaganda) zurückgeführt und nicht wie wir als Folge der drei Maßnahmen des Monopolkapitals erkannt. So hatte die Regierung, wie es in früheren Jahren auch üblich war, mit einer unmittelbaren Auswirkung der Konjunkturspritzen gerechnet. Da aber die Ursache diesmal eine andere war, mußte auch die Auswirkung eine andere sein, das heißt, die konjunkturfördernden Maßnahmen wirken mit Verzögerung und kommen zum Teil zu spät.

Inzwischen wirken die von uns aufgezeigten Maßnahmen des Monopolkapitals auf dem Weltmarkt, engen ihn ein und erzeugen einen Exportrückgang, der wiederum einen verschärften Konkurrenzkampf nach sich zieht. Die Wirtschaftskrise wird dann ausbrechen, wenn

a) die Regierungsmaßnahmen nicht die erhoffte Wirkung haben, um den Binnenmarkt wesentlich aufnahmefähiger zu machen,

b) der Rückgang des Exports nicht aufgehalten werden kann,

c) verstärkte Konjunkturspritzen die Mittel rascher erschöpfen lassen bei gleichzeitigem Rückgang der Staatseinnahmen und erhöhten Staatsausgaben,

d) große Teile der Spareinlagen (sie waren als Folge der Krisenpropaganda sprunghaft angewachsen) nicht in die Wirtschaft zurückfließen,

e) wachsende Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit die Konsumkraft der Massen weiter einengt.

Wir können also damit rechnen: Die schwankende Stagnation geht zu Ende und mündet in eine Krise. Das bedeutet das Ende der relativen Stabilisierung des Kapitalismus. Gleichzeitig verschärfen sich die Widersprüche des Kapitalismus: die Widersprüche der beiden Supermächte untereinander, die Widersprüche der Supermächte zu anderen imperialistischen Staaten, die Widersprüche zwischen dem Imperialismus und Sozialismus, die Widersprüche zwischen imperialistischen Staaten und Ländern der Dritten Welt.

Durch diese Verschärfung wächst die Kriegsgefahr, weil die Imperialisten im Krieg einen Ausweg aus der Krise suchen.

Neben diesen Widersprüchen wachsen auch die Klassengegensätze, weil die Monopolkapitalisten die Lasten der Krise auf die breiten Massen abwälzen wollen, indem sie die vor Jahren errungene Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen rigoros abbauen. Darauf müssen wir die Arbeiterklasse vorbereiten, damit sie um die Erhaltung der Arbeitsplätze kollektiv den Kampf aufnimmt, jede Verschlechterung der Lohn- und Arbeitsbedingungen abwehrt und die 35-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich erzwingt. Das wird ein schwerer Kampf werden. Dabei ist es notwendig, den werktätigen Massen klarzumachen, daß es nur einen Ausweg gibt: den Sturz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und den Aufbau des Sozialismus.

Rot Front!
Redaktion des Revolutionären Wegs
Willi

Weltwirtschaftskrise 1929–1932

12.2.75

Redaktion des Revolutionären

Im Revolutionären Weg 14 steht auf Seite 46 Mitte: »Wenn auch nicht mit einer Weltwirtschaftskrise im Ausmaß von 1929–32 gerechnet werden kann – dafür sind die Bedingungen heute anders –, so greift die zukünftige Krise doch tief in die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und der kleinbürgerlichen Mittelschichten ein und beeinflußt ihr Bewußtsein.«

Es ist mir dabei folgendes nicht klar: warum eine künftige Weltwirtschaftskrise nicht das gleiche Ausmaß wie 1929–32 erreichen soll und warum damals andere Bedingungen als heute zur Krise geführt haben sollen?

Ich gehe davon aus, daß die Krise damals durch die Rationalisierung, Kapitalkonzentration und Eroberung und Sicherung von ausländischen Märkten entstanden ist. Diese gleichen Maßnahmen werden doch heute genauso von den Monopolen zum Einsatz gebracht.

Außerdem finde ich, daß dieser Abschnitt hätte genauer geschrieben werden müssen. Da wir in unserer Arbeit den Kollegen versuchen aufzuzeigen, daß die ganze Monopoloffensive wieder in einer Krise enden wird. Da ich schon Bücher von damals, zum Beispiel »Unsere Straße«, gelesen habe, nehme ich in Diskussionen manchmal Beispiele von damals, um die heutige Situation noch klarer zu machen. Auch von daher ist die Frage für mich wichtig.

Hans




2.4.75

Lieber Genosse Hans!

Entschuldige bitte, daß ich wegen Überlastung erst jetzt dazu komme, Deinen Brief vom 12.2. zu beantworten. Ich will ihn kurz beantworten, weil ich einen ganzen Stapel Post erledigen muß.

Die unmittelbare Ursache des Ausbruchs einer Weltwirtschaftskrise ist nicht immer die gleiche, ebenso was Umfang und Dauer anbelangt. Wir können darum nicht einfach schematisch die Situation, die zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise führt, auf eine andere Zeit und Situation übertragen.

Die Weltwirtschaftskrise 1929–32 entstand, weil durch den I. Weltkrieg fast alle Länder finanziell von den USA abhängig waren: die sogenannten Siegermächte durch eine gewaltige Verschuldung aus Lieferungen von Kriegsmaterial und die Länder, die den Krieg verloren hatten, durch Reparationen, besonders Deutschland. Als an dem sogenannten »Schwarzen Freitag« im Oktober 1929 die New Yorker Börse finanziell durch riesige Kursstürze zusammenbrach, lief das wie ein Steppenbrand über alle kapitalistischen Länder, weil die finanzielle Abhängigkeit sich überall unmittelbar auswirkte und auf die Wirtschaften aller kapitalistischen Länder verheerende Folgen hatte. Die einmal in Gang gesetzte Wirtschaftskrise riß die Produktion, Handel, Banken und auch die Agrarwirtschaft in den Strudel und zog alles nach unten. Die Produktion in Deutschland sank auf den Stand von 1890 zurück, Massenarbeitslosigkeit war die Folge.

Aus diesen Vorgängen haben die Kapitalisten ihre Lehren gezogen und geeignete Maßnahmen (internationale Bank- und Währungsinstitute unter anderem) ergriffen, daß sich der Vorgang von damals nicht wiederholt. Die kommende Weltwirtschaftskrise wird andere Ursachen haben, die wir im Revolutionären Weg 14 aufgezeigt haben.

Sicher kann man manche Stelle im Revolutionären Weg breiter behandeln, aber erstens wollen wir den Umfang nicht zu einem Buch ausdehnen und zweitens werden bestimmte Probleme, die in einer Nummer des Revolutionären Wegs nur kurz behandelt werden, in einer anderen Nummer, wo der Zusammenhang besser dargestellt werden kann, beziehungsweise näher erläutert werden soll, ausführlicher behandelt. Beispiel: Kritik und Selbstkritik im Revolutionären Weg 6 und im Revolutionären Weg 10. Ich hoffe, daß ich Deine Fragen damit beantwortet habe.

Mit freundlichen Grüßen
i. A. Willi




24.4.75

Lieber Genosse Willi

Über Deinen Brief vom 2. 4. 75 war ich ein bißchen enttäuscht. Ich habe natürlich nicht erwartet, daß ich zehn Seiten Antwort bekomme, aber Deine Antwort war ziemlich unzureichend. Mir ist nur eines ungefähr klargeworden: daß durch die Verschuldung der verschiedenen Länder bei den USA der Grundstock für die Krise gelegt wurde. Aber bezogen auf meinen ersten Brief, wo ich schrieb, daß eine kommende Krise durch »Monopolisierung usw.« entstehen würde, frage ich mich, ob die USA damals kein »Monopol« waren? Es würden also Ähnlichkeiten zur heutigen Situation bestehen.

Unklar ist mir, warum die Kurse an der Börse so plötzlich zusammenbrachen und warum sich das sofort zur Krise weiterentwickelte. Weiterhin verstehe ich nicht richtig, was Du mit »die Kapitalisten haben ihre Lehren gezogen und geeignete Maßnahmen ergriffen« meinst. Außerdem steht dazu im Revolutionären Weg 14, Seite 46, daß gerade durch die Verbundenheit der Länder eine Krise die gesamte Weltwirtschaft erfassen würde.

Zum Schluß möchte ich noch sagen, daß ich es nicht richtig finde, eine Frage aufgrund von Zeitmangel so kurz zu beantworten. Ich weiß zwar nicht, wie sehr Du zeitlich beansprucht bist, aber als Redaktionsmitglied müßtest Du die Zeit dafür haben.

Mit freundlichen Grüßen
Hans





11.6.75

Lieber Hans

Dein Brief vom 24.4. wundert mich eigentlich, denn meine Antwort auf Deine Anfrage über die Ursache der Weltwirtschaftskrise 1929–32 müßte doch für die gegenwärtige Agitation ausreichen, denn es kommt doch im wesentlichen auf die Erklärung der heutigen Situation an. Wir greifen dabei wohl auf wichtige Ereignisse der Vergangenheit zurück, um das Verständnis für die jetzige Entwicklung klarer aufzuzeigen, nicht aber, um eine ausführliche Analyse der damaligen Zeit zu erstellen. Trotzdem will ich Dir einige Ergänzungen bekanntgeben:

Die USA waren durch den I. Weltkrieg zur führenden Industrie- und Gläubigermacht geworden. Zum Beispiel war vorgesehen, daß Deutschland durch den Youngplan, der den Dawesplan ablöste, Reparationszahlungen von jährlich zwei Milliarden RM bis 1988 zu zahlen habe. Die Wirtschaftskrise machte die Durchführung unmöglich. Zur Abdeckung der 1931 aufgenommenen Younganleihe (Young war ein führender amerikanischer Politiker und Finanzmann) hat noch die BRD den Rest bezahlen müssen.

Ganz anders ist die Finanzlage beider Länder (USA und BRD) heute. Durch die seit 1950 von den USA geführten Kriege (Korea, Vietnam, Laos, Kambodscha) wurde die amerikanische Währung erschüttert. Um die Dollar-Währung zu stützen, kaufte die BRD für Milliarden DM Dollars mit Verlust ein, das heißt auf Kosten der westdeutschen Steuerzahler, wodurch eine Aufwertung der DM hervorgerufen wurde. Dadurch wurde im wesentlichen der Zusammenbruch der Dollarwährung verhindert. Das verstehe ich zum Beispiel als eine unter den »geeigneten Maßnahmen« der Monopolkapitalisten.

Der amerikanische Monopolkapitalismus geriet 1907 in seine erste schwere Krise, 1921 in eine leichtere, um 1929–32 eine Krise von nie dagewesenem Ausmaß zu erreichen. Die Industrieproduktion sank in den USA um mehr als die Hälfte, 85 000 Betriebe mit Verpflichtungen über zwei Milliarden Dollar machten Bankrott. Die Eisenbahngesellschaften (sie sind dort privat) machten praktisch Pleite. Die Monopole verschärften die Krise durch Hochhalten der Monopolpreise, sie sanken nur um 0 bis höchstens 9 Prozent, während die nichtmonopolistische Bourgeoisie Preissenkungen von 36 bis 42 Prozent für Industriewaren und 50 bis 66 Prozent für Agrarprodukte hinnehmen mußte.

Die Bedeutung der USA als Weltindustriemacht kommt in dem Anteil an der Weltproduktion zum Ausdruck. Er betrug 1926–29 in den USA 42,2 Prozent, in Deutschland 11,6 Prozent, in England 9,4 Prozent, in der Sowjetunion 4,3 Prozent. Heute ist der Anteil der USA und damit die Bedeutung als Weltindustriemacht ganz beträchtlich gesunken. Auch dadurch unterscheidet sich die heutige Zeit von der damaligen. Es ist deshalb falsch, schematisch die damalige Situation auf heute zu übertragen, besonders in wirtschaftlichen Fragen und Fakten.

Deinen Hinweis am Schluß des Briefes nehme ich Dir nicht übel, weil Du wirklich nicht wissen kannst, wie umfangreich meine gegenwärtige Arbeit ist. Ich hatte Dir die wichtigste Ursache der Weltwirtschaftskrise mitgeteilt, soweit sie für unsere Agitation wichtig ist. Ob Du mit den oben erläuterten Zahlen mehr anfangen kannst, mußt Du versuchen. Mehr kann ich Dir auch nicht liefern.

Also viel Erfolg und die besten Grüße
Willi

Automation und Mechanisierung

21.2.75

Lieber Genosse Willi

Heute wende ich mich mit einer Anfrage an Dich beziehungsweise an die Redaktion des Revolutionären Wegs. Ich bin Mitglied der KSG und wurde zu dieser Anfrage angeregt durch die Lektüre des Artikels »Arbeitskräftebedarf und technische Entwicklung« in der Roten Fahne 4/75, Seite 7. Darin wird auf den Unterschied zwischen Mechanisierung und Automation hingewiesen und darauf, welche Auswirkungen die Rationalisierungsmaßnahmen des Monopolkapitals auf den Arbeitskräftebedarf haben. Die Frage für mich besteht nun darin, wie eigentlich die Leute qualifiziert sein müssen, die solche Anlagen konstruieren, entwerfen und planen. Das ist, allgemeiner gesprochen, die Frage nach der Auswirkung der genannten Maßnahmen des Monopolkapitals auf die Hochschulbildung. In dem Rote-Fahne-Artikel wird ja darauf hingewiesen, daß »die Bedienung« der Maschinen »bei Hochmechanisierung und Automation durch Facharbeiter« erfolgt – also nicht durch Hochschulabsolventen. Gleichzeitig müßte man meinen, daß die Konstruktion solch hochkomplizierter Anlagen eigentlich höherqualifizierte Intellektuelle (Techniker und Ingenieure) erfordert, als sie bislang ausgebildet wurden. In Wirklichkeit ist die Politik des Monopolkapitals aber genau darauf ausgerichtet, durch Regelstudienzeiten und Kurzstudiengänge die Qualifikationen der Hochschulabsolventen zu drosseln. Das verstehe ich nicht.

In diesem Zusammenhang halte ich auch die Erklärung für unzureichend, die der KABD-Genosse in seinem Referat auf dem I. Zentralen Delegiertentag der KSG gegeben hat, wo er sagte: »Die Bedeutung der Wissenschaft und die enge Verbindung von Forschung und Entwicklung auf der einen und Produktionsprozeß auf der anderen Seite haben für die Intelligenz einen Prozeß zur Folge, wie er ähnlich in der Arbeiterklasse bereits seit dem Beginn der Industrialisierung vor sich geht: dem Bedarf an einigen hochqualifizierten Fachkräften steht das Heer von an Universitäten und Fachhochschulen notdürftig ausgebildetem technischem Personal entgegen, das in Versuchs-, Entwicklungs-, Fertigungs-, Instandhaltungs- und Kontrollabteilungen tätig ist.« Wie diese Entwicklung nämlich zusammenhängt mit Konzentration und Rationalisierung (wie sie im Revolutionären Weg 13 beschrieben sind), ist mir unklar.

Soweit meine Anfrage. Gleichzeitig mit ihr möchte ich Dich auf einen Artikel aufmerksam machen: »Auf dem Weg des sozialistischen Wettbewerbs zu höherer Arbeitsproduktivität«, den die »Presse der Sowjetunion« abgedruckt hat und in dem meiner Meinung nach die Analyse des Revolutionären Wegs 7–9, soweit sie die Ausbeutung sowjetischer Arbeiter betrifft, auf neuestem Stand bestätigt wird. Falls es einmal notwendig werden sollte, diese Analyse auf einen neueren Stand zu bringen, wird dieser Artikel sicherlich einen Beitrag dazu leisten können.

In diesem Zusammenhang möchte ich es nicht versäumen, Dir und den anderen Genossen der Redaktion Revolutionärer Weg für Eure geleistete Arbeit, die für uns alle unschätzbaren Wert hat, aufrichtig zu danken.

Mit revolutionären Grüßen
Wolfgang




1.3.75

Lieber Genosse Wolfgang!

Besten Dank für Deinen Brief vom 21. 2. Du schneidest ein Problem an, das für die weitere Politik der KSG wichtig ist.

Zunächst eine Richtigstellung: Bedienung und Instandhaltung automatischer Anlagen erfolgen durch Facharbeiter und zum Teil auch Techniker. Die Konstruktion solcher Anlagen erfolgt durch akademisch ausgebildete Kräfte mit hoher Qualifikation.

Für die Monopolkapitalisten kommt es hauptsächlich darauf an: Für ihren Führungsstab (dazu gehören auch leitende Konstrukteure) brauchen sie akademisch ausgebildete Leute. Diese müssen zunächst eine Hochschul-Grundausbildung haben, alles andere lernen sie in den Abteilungen der Konzernbetriebe. Bis sich einer mal zum Chefkonstrukteur für automatische Anlagen emporgearbeitet hat, muß er zahlreiche Stufen spezieller Entwicklung durchlaufen, um sich immer höher zu qualifizieren und zu spezialisieren. Das kann er nicht auf der Hochschule erlernen. Allein die Planung großer automatischer Anlagen wie Transferstraßen und ähnliches dauert bis zu zwei Jahren. Viele akademisch ausgebildete Kräfte arbeiten an Teilberechnungen beziehungsweise Teilkonstruktionen, ohne den Gesamtkomplex zu kennen.

Von diesem Gesichtspunkt muß die Frage der »gründlichen« Ausbildung auf der Hochschule gesehen werden. Die Monopole sind an einer gründlichen Hochschul-Grundausbildung der Studenten in möglichst kürzester Zeit interessiert. Darum sehe ich das Problem der Regelstudienzeiten und Kurzstudiengänge (vier Jahre Studienbegrenzung) anders. Nicht Drosselung der Qualifikation der Studenten, sondern Drosselung der Zahl der Studienteilnehmer und Absolventen. Mit der raschen Entwicklung der Industrie, besonders durch die wissenschaftlich-technische Revolution, entstand ein gewaltiger Bedarf an akademisch ausgebildeten Kräften. Der Numerus clausus wurde gelockert, ein Strom von Studenten ergoß sich in die Universitäten, die schnell erweitert oder neu gebaut wurden. Die Examen wurden nicht so streng durchgeführt, die Durchfallquote war relativ gering. Das hat sich in den letzten Jahren geändert, der Bedarf an akademisch ausgebildeten Kräften ist geringer geworden, die Zahl der arbeitslosen Akademiker steigt. Folge: Der Numerus clausus wurde eingeengt, und die Durchfallquote bei Examen steigt (zum Beispiel bei den Volkswirten an der Universität Tübingen etwa 60 Prozent).

Durch die Einführung der Kurzstudiengänge soll eine »natürliche« Auslese erfolgen. Wer die Qualifikation hat, in dieser kurzen Zeit das Studienpensum durchzustehen und die Voraussetzung für das Examen zu schaffen, ist der geeignete Mann für die Monopole. Die anderen, deren Qualifikation ausgereicht hätte, den Anschluß in sechs bis acht Jahren zu schaffen, scheiden bei vier Jahren Studienzeit aus, sie fallen der Durchfallmaschine, genannt Examen, zum Opfer. Durch diese »natürlich« erscheinende, aber künstlich erzeugte Auslese holen sich die Monopole ihren geeigneten Nachwuchs.

Dazu kommt noch eins: Die Monopole fürchten, daß politisch linksgerichtete Akademiker als Nachwuchskräfte in die Positionen der Konzernbetriebe einsteigen. Dem sollen die Kurzstudiengänge ebenfalls abhelfen. Studenten, die wohl die Qualifikation für das Durchstehen einer kurzfristigen Studienzeit haben, aber sich aktiv politisch betätigen, vernachlässigen zwangsläufig ihr Studium. Unter den bisherigen langjährigen Studienbedingungen schafften noch viele das Examen, aber unter den Bedingungen der Kurzstudiengänge werden sie es nicht schaffen, ohne politisch inaktiv zu werden. So schlägt das Monopolkapital zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Minderqualifizierten und die politisch Aktiven fallen durch oder brechen vorher ihr Studium ab.

In diesem Zusammenhang ist die Losung: »Für eine gründliche Berufsausbildung!« zweideutig, weil sie nichts gegen die Kurzstudiengänge sagt und darum den Plänen der Monopolkapitalisten nichts entgegensetzt, sondern eher förderlich ist. Darum muß der Kampf gegen die Pläne zur Studienverkürzung mit Nachdruck geführt werden. Meines Erachtens sind drei Dinge wichtig:

– Kampf gegen die verschärfte Handhabung des Numerus clausus,

– Kampf gegen alle Pläne zur Verkürzung der Studienzeit,

– Kampf gegen die hohe und willkürliche Durchfallquote. Dieser Kampf um Reformen an der Universität kann aber keine

grundsätzliche Lösung für die Masse der Studenten bringen. Die Existenzunsicherheit nach Examensabschluß wird sich in den nächsten Jahren durch die verschärfte wirtschaftliche und politische Entwicklung in der BRD noch vergrößern. Darum muß allen Studenten, die sich in Abhängigkeit befinden, der einzig mögliche Ausweg aufgezeigt werden. Durch intensive politische Aufklärung müssen sie für den Kampf um den Sozialismus gewonnen werden. Dieser Kampf darf nicht losgelöst von dem Kampf der Arbeiterklasse geführt werden. Es ist darum erforderlich, daß die Schicht der kleinbürgerlichen Studenten stärker auf die Arbeiterklasse orientiert wird, das war bisher ein großer Mangel der politischen Arbeit der KSG.

Ich hoffe, die in Deinem Brief aufgeworfenen Probleme hiermit beantwortet zu haben. Im übrigen danke ich Dir für die Zusendung der sowjetischen Zeitschrift.

Mit revolutionärem Gruß
Willi

Erklärung der Redaktion Revolutionärer Weg

August 1974

1. In der Roten Fahne 12/74 wird auf der Titelseite das Erscheinen des Revolutionären Wegs 13/14 bekanntgegeben durch einen Artikel mit der Überschrift »KABD gibt umfassende Wirtschaftsanalyse heraus«. Die Redaktion des Revolutionären Wegs erhebt nicht den Anspruch, daß die Darlegung der wirtschaftlichen Entwicklung eine »umfassende Wirtschaftsanalyse« sei. Diese wird vielmehr noch erarbeitet und beansprucht längere Zeit. Wir haben deshalb als Titel des Revolutionären Wegs 13/14 »Wirtschaftsentwicklung und Klassenkampf« gewählt, weil nur einige wesentliche Merkmale der ökonomischen Entwicklung herausgestellt wurden.

2. In der Roten Fahne 13/74 heißt es in der Berichterstattung über den 2. Zentralen Delegiertentag des KABD: »Im neuerschienenen Revolutionären Weg hat der KABD eine umfassende Wirtschaftsanalyse und -prognose vorgelegt. Demnach herrscht auch in den nächsten Jahren in der BRD Hochkonjunktur vor.«

Eine solche Schlußfolgerung kann aus dem Text nicht gezogen werden. Wir wenden uns im gegenwärtigen Zeitpunkt deshalb gegen das allgemeine Krisengerede, das teils aus Berechnung, teils aus Besorgnis und teils aus einem Wunschdenken heraus geführt wird, weil es die wahre wirtschaftliche Lage verschleiert und die kommende Entwicklung zur wirklichen Krise außer acht läßt. Daraus zu schließen, daß in den nächsten Jahren Hochkonjunktur vorherrscht, ist falsch und trägt nicht dazu bei, die Arbeiterklasse über die zukünftige wirtschaftliche und politische Entwicklung aufzuklären und auf den Klassenkampf vorzubereiten.

Bringen wir einige Zitate aus dem Revolutionären Weg 14, der die Schlußfolgerungen aus der Untersuchung der Wirtschaftsentwicklung im Revolutionären Weg 13 zieht:

»Schon durch die bisher durchgeführten Maßnahmen der Konzentration, Rationalisierung und des Kapitalexports wurde der westdeutsche Binnenmarkt eingeengt. Die Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes hat eine absinkende Tendenz trotz der relativen Hochkonjunktur. Daß dieser Entwicklungsprozeß nicht in eine Krise ausmündete, lag an dem gesteigerten Warenexport, der die Lücken des inneren Marktes mehr als genügend ausfüllte.« (S. 24)

Das heißt doch, wir hätten bereits eine echte Überproduktionskrise, wenn diese nicht durch den gesteigerten Warenexport verhindert worden wäre.

»Auch die verstärkte Anwendung der drei genannten Maßnahmen wird in nächster Zukunft nicht so schnell eine Wirtschaftskrise auslösen, weil auf der einen Seite die Regierung krisenbremsende Gegenmaßnahmen ergreifen wird, die die Krise wohl aufhalten, aber nicht verhindern können, und zum anderen der gesteigerte Kapitalexport zunächst noch einen erhöhten Warenexport zur Folge hat, indem Stahlkonstruktionen für Fabriken, Maschinen und Hilfsmittel für die im Ausland zu errichtenden Werksanlagen von den hiesigen Konzernen geliefert werden.« (S. 25)

Auch daraus kann man nicht schließen, daß in der BRD noch jahrelang Hochkonjunktur vorherrschen wird, besonders nicht, weil in allen imperialistischen Ländern die gleichen Maßnahmen von den Monopolkapitalisten eingeleitet werden.

»Wir haben aufgezeigt, daß die Maßnahmen des Monopolkapitals zur Schrumpfung der Binnenmärkte in den hochkapitalistischen Ländern und zur Auslösung von Überproduktionskrisen führen, die internationale Auswirkungen haben werden.« (S. 60)

So geht es wie ein roter Faden durch den ganzen Revolutionären Weg 14, und das bedeutet: Es gibt gegenwärtig in der BRD keine Überproduktionskrise, wohl Konjunkturschwankungen in einigen Branchen, die zunehmende Arbeitslosigkeit ist eine Folge der oben genannten drei Maßnahmen des Monopolkapitals, diese Maßnahmen führen aber unweigerlich zu Wirtschaftskrisen, die durch die Verflochtenheit des Weltmarktes internationalen Charakter haben werden. Schon sind in einigen Ländern echte Wirtschaftskrisen zu verzeichnen. Auch diese werden Auswirkungen auf die Wirtschaftslage in der BRD haben, anderseits hat die Bundesregierung Möglichkeiten, krisenbremsend zu wirken, die aber begrenzt sind. Die Hochkonjunktur geht zu Ende und wird zunächst durch eine schwankende Stagnation und dann durch eine Wirtschaftskrise abgelöst.

Der Revolutionäre Weg 13/14 hat die Aufgabe, davor zu warnen, daß bei aller notwendigen Ablehnung des gegenwärtigen Krisengeredes nicht die falsche Schlußfolgerung gezogen werden sollte, daß es auch in Zukunft keine Krisen geben, sondern ununterbrochen Hochkonjunktur vorherrschen würde. Darum ist gründliches Studium des Revolutionären Wegs 13/14 unbedingt erforderlich. Redaktion des Revolutionären Wegs

Wirtschaftsfragen und Klassenkampf

14.6.74

Lieber Willi

Hoffentlich hast Du Dich in Solingen wieder gut eingelebt. Ein Mitarbeiter der Redaktion hat den Rohstoffartikel der Wirtschaftsabteilung etwas aktualisiert und den Aufbau leicht umgestellt. Mir hat der Artikel insbesondere klargemacht, wie die Imperialisten notwendigerweise wieder Kriege vorbereiten müssen, um ihr Paradies zu erhalten.

Bei der letzten Redaktionssitzung hatten wir Schwierigkeiten mit dem Inflationsartikel, dessen Entwurf beigelegt ist. Wie die Monopole ihre Machtposition ausnutzen, um die Preise hochzutreiben, wird zwar ausführlich dargelegt, aber die Politik des Staats kommt zu kurz …

Vom Sekretariat wurde uns vorgeschlagen, einmal einen Artikel über die längerfristige Entwicklung der Wirtschaft zu bringen, wie sich aus dem gegenwärtigen Aufschwung schließlich eine Krise entwickeln wird. Dies halte ich insbesondere deshalb für wichtig, um Mißverständnisse unserer korrekten Einschätzung der gegenwärtigen Wirtschaftslage zu vermeiden. Manche Genossen schlossen aus dem Schlußsatz des letzten Wirtschaftsartikels »Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen«, wir seien der Meinung oder würden zumindest den Lesern den Eindruck vermitteln, der Kapitalismus sei langfristig stabil und krisenfest.

Ich schicke Dir noch ein Protokoll einer Schulungssitzung im Archiv, bei der einige Fragen aufgetaucht sind, über die ich mir nicht klar bin und die ich deshalb angestrichen habe. Vielleicht kannst Du mir dazu gelegentlich ein paar Hinweise geben …

Beiliegend außerdem ein Archivbericht.

Rot Front! K.





26.6.74

Lieber K.!

Deinen Brief vom 14. 6. habe ich erst am 25. 6. erhalten. Obwohl ich nach meiner Rückkehr durch Behandlung einiger Probleme überlastet bin, will ich Dir doch gleich eine Antwort geben.

Wenn ich nicht irre, hattest Du mir den Inflationsartikel bereits zur Übermittlung an die Wirtschaftsabteilung zugeschickt (mit Statistiken). Sie sollte ihn bearbeiten und Dir zurückschicken, weil ich ja in Urlaub fuhr. Ich halte den Artikel für sehr schwach, er müßte meines Erachtens ganz umgeschrieben werden. Wir können uns gegenwärtig nicht damit abgeben, weil ich die Wirtschaftsabteilung für die Erstellung des Revolutionären Wegs 13 eingespannt habe und wir möglichst bald damit fertig werden wollen. Darum schicke ich ihn Dir zurück.

Der Vorschlag des Sekretariats sollte meines Erachtens zurückgestellt werden, bis wir mit dem Revolutionären Weg 13 fertig sind. Sein Thema lautet »Wirtschaftsentwicklung und Klassenkampf«. Du könntest kurz vor Erscheinen einen Auszug daraus bringen, so wie beim Revolutionären Weg 12. Da die behandelten Probleme sehr kompliziert sind, wäre es ratsam, erst das Manuskript abzuwarten, um eine widersprüchliche Darlegung zu vermeiden …

Einige Fragen zum Protokoll der Schulung. Die Mitbestimmung über Lohn- und Arbeitsbedingungen ist kein Gewohnheitsrecht, sondern ein Ergebnis des Kampfs um den Lohn, dessen Höhe vom Kräfteverhältnis zwischen Arbeitern und Unternehmern abhängt. Diese zwar echte Mitbestimmung über Verkauf und Auswertung der Arbeitskraft beruht nicht auf Teilung der Macht, sondern vollzieht sich unter Alleinherrschaft der Bourgeoisie. Ein Lohnkampf an sich berührt nicht die Macht der Bourgeoisie und ist deshalb auch noch kein Klassenkampf. Nur durch die Zusammenfassung der Vielheit von Lohnkämpfen entwickeln sie sich zum Klassenkampf.

Der Kampf um Erhaltung und Ausweitung der bürgerlich-demokratischen Rechte und Freiheiten dient nicht der Durchführung der Revolution, sondern auf lange Sicht deren Vorbereitung. Es ist ein Kampf um politische Reformen, der wie der Kampf um ökonomische Reformen als Schule des Klassenkampfs dient, aber nicht den Sturz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zum Ziel hat. Dazu ist ein Kampf um Reformen auch nicht in der Lage. Je mehr demokratische Rechte und Freiheiten, um so leichter wird die vorbereitende Arbeit für die zukünftigen Klassenschlachten. Die Bourgeoisie macht Teilzugeständnisse, um eine revolutionäre Entwicklung der Arbeiterklasse zu verhindern (darin liegt der Doppelcharakter des Kampfs um Reformen). Gelingt ihr das nicht, weil die Klassenkämpfe sich verschärfen, versucht sie es mit Gewalt, dann hebt sie die Zugeständnisse wieder auf.

Wir müssen bei der Frage der sozialen Hauptstütze der Bourgeoisie unterscheiden:

1. Die bürgerlichen Parteien von der SPD bis zur faschistischen Partei sind ausführende Organe der Politik des Monopolkapitals, die jeweilige Regierung ist der Geschäftsführer des Monopolkapitals zur Realisierung dieser Politik, die von der stärksten Gruppe des Monopolkapitals bestimmt wird (das Monopolkapital ist wegen der Interessen der verschiedenen Schichten und der Gegensätze im eigenen Lager nicht einheitlich – die Gruppierungen verschieben sich, und die sich herauskristallisierende Hauptgruppe bestimmt die jeweilige Politik). Bei der Realisierung dieser Politik muß sich die Hauptgruppe auf die Partei stützen, die für die Durchführung der jeweiligen Politik (vor Jahren die CDU/CSU unter Adenauer, jetzt die SPD/FDP unter Brandt und Schmidt) am geeignetsten ist und über eine entsprechend große Massenbasis verfügt, um die jeweilige Politik möglichst reibungslos zum Tragen zu bringen. Eine Partei kann nur dann die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie sein, wenn sie diese Bedingung erfüllt. Verliert sie die Massenbasis, wird diese Partei als soziale Hauptstütze der Bourgeoisie ausgewechselt, was nicht nur durch Neuwahlen erreicht werden kann (zum Beispiel kann die FDP aus der Koalition mit der SPD heraustreten und mit der CDU/CSU eine neue soziale Hauptstütze bilden). Schwindet ihre Massenbasis allgemein und wird diese von einer faschistischen Partei aufgesogen wie vor 1933, dann wird diese Partei zur sozialen Hauptstütze. Reicht die Massenbasis keiner dieser Parteien aus, wird durch Errichtung der Militärdiktatur das Militär zur Hauptstütze der Aufrechterhaltung der Macht.

2. Der Sozialdemokratismus ist die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie im Lager der Arbeiterklasse, eine Agentur der Bourgeoisie, die die Aufgabe hat, die Arbeiterklasse zu zersetzen, sie vom Klassenkampf abzuhalten, sie zu verwirren, zu täuschen, zu verraten. Die SPD ist gerade wegen dieser Doppelrolle eine besonders wertvolle Hauptstütze der Bourgeoisie. Reformismus und Revisionismus als Erscheinungsformen des Sozialdemokratismus, gestützt auf die Gewerkschaften, sorgen für eine relativ starke und stabile Massenbasis, auf die sich die SPD als Regierungspartei stützen kann. Also: Sozialdemokratismus als Agentur der Bourgeoisie im Lager der Arbeiterklasse und Sozialdemokratismus als bürgerliche Regierungspartei bilden wie zwei Seiten einer Medaille die gegenwärtige soziale Hauptstütze der Bourgeoisie. Kommt der Sozialdemokratismus als Agentur und als Regierungspartei durch seine arbeiterfeindliche Politik bei den Massen in Mißkredit, dann schmilzt die Massenbasis, verliert dadurch den Wert als soziale Hauptstütze der Bourgeoisie und wird ausgewechselt (siehe 1932/33 die Machtübernahme durch den Faschismus beziehungsweise durch die NSDAP, weil keine andere bürgerliche Partei über die notwendige Massenbasis mehr verfügte). Der Satz »Der Sozialdemokratismus leugnet den Klassenkampf« ist richtig. Er leugnet nicht das Bestehen der Klassen, das tut auch die Bourgeoisie nicht, wenn beide auch bestrebt sind, den Klassencharakter der Gesellschaft zu vertuschen. Wer die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats nicht anerkennt, das seht Ihr richtig, der kann auch nicht den Klassenkampf anerkennen, denn die Diktatur des Proletariats ist das Ziel des proletarischen Klassenkampfs. Da der Sozialdemokratismus nur den Kampf um Reformen im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung anerkennt, leugnet er dadurch den Klassenkampf, denn der Kampf um Reformen an sich ist noch kein Klassenkampf, sondern nur eine Schule des Klassenkampfs, wie das im Revolutionären Weg 12 dargelegt wurde. Er enthält wohl Keime des Klassenkampfs, gewissermaßen die unterste Stufe, an die fortgeschrittene Proletarier anknüpfen müssen, um diese Keime zu entwickeln, das Klassenbewußtsein zu heben und die Kämpfe zum revolutionären Klassenkampf auszudehnen. Lenin schreibt in »Das Militärprogramm der proletarischen Revolution«:

»Wer den Klassenkampf anerkennt, der kann nicht umhin, auch Bürgerkriege anzuerkennen, die in jeder Klassengesellschaft eine natürliche, unter gewissen Umständen unvermeidliche Weiterführung, Entwicklung und Verschärfung des Klassenkampfs darstellen. Alle großen Revolutionen bestätigen das. Bürgerkriege zu verneinen oder zu vergessen hieße in den äußersten Opportunismus verfallen und auf die sozialistische Revolution verzichten.«

Anerkennt der Sozialdemokratismus den Bürgerkrieg? Weder die SPD noch die DKP, die sich mit dem Firmenschild des Marxismus-Leninismus tarnt, anerkennen den bewaffneten Aufstand und Bürgerkrieg, sie verkünden den »friedlichen Weg«. Selbst wer den Klassenkampf anerkennt, wie die DKP es in Worten tut, ist kein Marxist, trotz seines Aushängeschilds. Das wird von Lenin in »Staat und Revolution« betont:

»Wer nur den Klassenkampf anerkennt, ist noch kein Marxist, er kann noch in den Grenzen bürgerlichen Denkens und bürgerlicher Politik geblieben sein. Den Marxismus auf die Lehre vom Klassenkampf beschränken heißt den Marxismus stutzen, ihn entstellen, ihn auf das reduzieren, was für die Bourgeoisie annehmbar ist. Ein Marxist ist nur, wer die Anerkennung des Klassenkampfes auf die Anerkennung der Diktatur des Proletariats erstreckt.« »… Der Opportunismus macht in der Anerkennung des Klassenkampfes gerade vor der Hauptsache halt, vor der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus, vor der Periode des Sturzes der Bourgeoisie und ihrer völligen Vernichtung.«

Die DKP leugnet die Diktatur des Proletariats, fälscht diese Grundlehre des Marxismus-Leninismus in ein »Bündnis des Proletariats mit kleinbürgerlichen Schichten« um. Sie ist darum zu einem Teil des Sozialdemokratismus geworden. Da der proletarische Klassenkampf gerade dadurch gekennzeichnet ist, daß er den Sturz der kapitalistischen Herrschaft, die Errichtung der Diktatur des Proletariats, die Anwendung aller Formen des Klassenkampfs einschließlich des bewaffneten Kampfs auf seine Fahne schreibt, also das, was der Sozialdemokratismus nicht anerkennt, leugnet der Sozialdemokratismus überhaupt den Klassenkampf und beschränkt sich auf den Kampf um Reformen im Rahmen der kapitalistischen Ordnung, der an sich noch kein Klassenkampf ist.

In der Frage der Unvermeidlichkeit von Kriegen im Imperialismus verweise ich auf Stalins »Ökonomische Probleme des Sozialismus«, Abschnitt 6. Die Revisionisten haben die These von der Unvermeidlichkeit von Kriegen im Imperialismus aufgegeben, weil sie mit ihrem Pazifismus nicht in Einklang gebracht werden kann.

Die Arbeiteraristokratie beschränkt sich natürlich nicht nur auf sozialdemokratische und Gewerkschaftsbonzen, sie sind wohl die Hauptvertreter, aber auch in den Betrieben gibt es unter den Vorarbeitern, Meistern, Betriebsleitern, Betriebsräten usw. genügend Leute, die sich haben bestechen lassen und zu Arbeiteraristokraten geworden sind. Aber hier heißt es vorsichtig sein. Man muß genau differenzieren. Die höhere Bezahlung allein ist kein Merkmal der Arbeiteraristokratie, entscheidend ist das Verhalten der Arbeiterklasse und dem Klassenkampf gegenüber. Anderseits gibt es das Lumpenproletariat, das sich als Verräter und Streikbrecher für einen Judaslohn dingen läßt. Man muß in jedem Einzelfall entscheiden und in jedem Fall Schematismus vermeiden. Außerdem müssen wir erkennen, daß die Rationalisierung selbst vor der Arbeiteraristokratie nicht halt macht. Wer heute noch glaubt, eine sichere Stelle zu haben, kann sich in absehbarer Zeit bei den Arbeitslosen einreihen. Die Gewerkschaftsbürokratie wird davon allerdings nicht betroffen.

Ihr könnt vielleicht fragen, warum wurden die Probleme im Revolutionären Weg nicht ausführlicher behandelt? Dann würde es ein Buch werden, und wir wollen den Umfang des theoretischen Organs über eine gewisse Grenze nicht überschreiten. Außerdem würden trotzdem Fragen offenstehen, die bei der Schulung aufkommen und die durch die Diskussionen geklärt werden müssen. Vor allem aber soll der Revolutionäre Weg nicht das Selbststudium der Klassiker des Marxismus-Leninismus ersetzen, sondern vielmehr anregen, das Studium systematisch zu betreiben. Dann ist noch etwas zu berücksichtigen: Die Einzelnummern des Revolutionären Wegs bilden zusammen ein ganzes System, bestimmte Probleme oder Fragen, die in der einen Nummer nur gestreift werden, werden in einer anderen Nummer ausführlicher behandelt oder näher untersucht.

Lieber K., sollten trotzdem noch Unklarheiten bestehen, die ihr unter Euch nicht ausbügeln könnt, dann schreibe mir. Ansonsten

herzlichen Gruß
Willi

Wirtschaftsentwicklung in der BRD

26.2.74

Lieber K

Eben erhielt ich den beiliegenden Artikel von der Wirtschaftsabteilung, er geht mit der nächsten Post sofort ab. Da noch etwas Zeit ist, will ich Deinen Brief vom 21.2. betreffs Kritik an den Artikeln über die Wirtschaftskrise von mir aus beantworten, obwohl ich ihn mit der Wirtschaftsabteilung noch nicht besprochen habe. Der Artikel hatte den Sinn, das Krisengerede der letzten Monate zu widerlegen, ohne eine Prognose aufzustellen. Das Krisengerede beschränkte sich nicht auf die bürgerliche Propaganda, sondern der »Rote Morgen« wie auch der KBW tuteten in das gleiche Horn, wobei nach deren Verlautbarung die Wirtschaft vom Fieber der Krise geschüttelt wird. Sie merkten gar nicht, daß sie dem Zweckpessimismus der Unternehmer und der Massenmedien das Wort redeten und mit dazu beitrugen, daß die Arbeiter eingeschüchtert wurden. Daß in dem Artikel der Wirtschaftsabteilung nüchtern und sachlich dem widersprochen wurde, ist sehr positiv. Daß das mit einer Sicherheit geschah, die sich auf konkrete Zahlen stützt, sollte vor allem unsere Genossen bestärken, um ihnen eventuelle Zweifel zu nehmen. Auch aus Deinem Brief (siehe Punkt 2 und 3) klingen gewisse Zweifel über die Ursache der Schwierigkeiten in der Auto- und Bauindustrie. Wir sollen uns nicht von bürgerlichen Argumenten verblüffen lassen.

Die nächsten Jahre werden der Arbeiterklasse schwere Zeiten bescheren, das heißt, die relative Verelendung wird wachsen, die Zahl der Arbeitslosen und Kurzarbeiter beträchtlich steigen. Durch Entstehung einer industriellen Reservearmee werden die Reallöhne gedrückt. Daneben werden die Maximalprofite noch höher geschraubt. Die Ursache dieser Erscheinung braucht nicht unbedingt und zunächst in einer tiefgreifenden Wirtschaftskrise zu suchen sein, vielmehr in bewußt gesteuerten Maßnahmen:

1. Verstärkte Konzentration des Kapitals, wodurch im Sinne des Monopolkapitals unrentable Betriebe stillgelegt werden und die Produktion auf die rentablen Betriebe verlagert wird. Folge: Arbeiter werden entlassen.

2. Umfangreiche Rationalisierungsmaßnahmen und Automation in Großbetrieben, das heißt Steigerung der Arbeitsproduktivität und in Verbindung damit erhöhte Arbeitsintensität. Folge: Arbeiter werden entlassen.

3. Staatlich geförderter Kapitalexport durch Verlagerung von Betrieben in Niedriglohnländer und Einfuhr der dort produzierten Halbfertigwaren, die hier fertig produziert werden, zum Beispiel Rohstahl und Walzknüppel in Edelstähle und Feinwalzprodukte oder gewebte Stoffe in Bekleidungsartikel. Auch Fertigproduktionsbetriebe werden verlagert, zum Beispiel Produktion von Kameras und Schuhen, weil die Löhne bis auf ein Sechstel niedriger sind als hier bei uns. Hiesige Betriebe werden stillgelegt oder gehen bankrott. Folge: Arbeiter werden entlassen.

4. Diese Maßnahmen schränken die Aufnahmefähigkeit des Binnenmarktes ein und, da solche Maßnahmen von allen monopolkapitalistischen Ländern eingeleitet werden, auch den Weltmarkt. Es entsteht eine Überproduktionskrise und ein verschärfter Konkurrenzkampf der Monopolgruppen untereinander, der auf Kosten der noch beschäftigten Arbeiter ausgetragen wird, das heißt durch rapiden Lohnabbau und durch Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, also durch verstärkte Ausbeutung, wobei die Arbeitslosenarmee als Druckmittel benutzt werden wird.

Die Entwicklung muß zu einer Verschärfung des Klassenkampfs führen, und darauf müssen wir uns einstellen. Allerdings geht der Prozeß nicht so schnell vor sich, wie manche annehmen. Die relative Stabilisierung des Kapitalismus wird noch eine Zeitlang dauern.

Alles Gute und herzliche Grüße
Willi