Stefan Engel

Stefan Engel

An einen Kollegen zu Ausarbeitung Mikrokosmos

Lieber Kollege,

vielen Dank für die Zusendung deines Manuskripts »Aufbau und Entwicklung der Materie im Mikrokosmos«.

Was ich bisher in den ersten vier Kapiteln gelesen habe, ist sehr faktenreich und interessant. Ich möchte vorweg sagen, dass ich mich natürlich nicht berufen fühle, detaillierter zu den Einzelaussagen Stellung zu nehmen, da mir vieles unbekannt ist und ich manches auch nicht vollständig verstehe. Verstehe deshalb meinen Brief als einen Hinweis für die Verbesserung der Schlussbearbeitung.

Du schreibst als Untertitel »Eine Streitschrift gegen das Dogma des leeren Raums«. Über diesen Streit habe ich in deinem Manuskript allerdings wenig wahrgenommen, da der Text durchgehend bemüht ist, die verschiedenen gegensätzlichen Standpunkte objektiv darzustellen und jede Art von Polemik und kritische Auseinandersetzung zu vermeiden.

Eine Frage dabei ist, inwieweit es überhaupt richtig ist, Weltanschauung und Naturwissenschaften so stark gegenüberzustellen, wie es im Manuskript der Fall ist. Zumindest in der theoretischen Deutung gibt es doch eine große Identität zwischen beiden.

Im Vorwort ist mir aufgefallen, dass der gesellschaftliche Bezug in der historischen und philosophischen Diskussion der Naturwissenschaft tendenziell gering geschätzt wird und auch die ausschlaggebende Rolle des Klassenkampfs als eine wesentliche Quelle für historische Entwicklungen in der Weltanschauung. Dieses Problem spiegelt sich auch im Text wieder, indem eine Tendenz existiert, die Entwicklung der Naturwissenschaften nur aus sich heraus darzustellen, statt sie als Widerspiegelung der gesellschaftlichen Entwicklung zu betrachten.

Am deutlichsten wurde das bei der Stelle, als im 19. Jahrhundert die modernen Naturwissenschaften entstanden, die ein universelles und ganzheitliches dialektisches Weltbild zeichneten. Diese nicht zufällig im 19. Jahrhundert entstandenen Auffassungen, die auch einen qualitativen Sprung in der Entwicklung der Naturwissenschaften brachten, sind aber weit gehend auf den Einfluss der neuen deutschen Philosophie und seines wichtigsten Repräsentanten Hegel zurückzuführen. Es war zu Beginn des 19. Jahrhunderts regelrecht Mode geworden, Hegelianer zu sein und erfasste die gesamte Wissenschaftswelt. Deshalb ist die Dialektik in die Kultur, Wissenschaft, Literatur, Kunst, Sprache allseitig eingedrungen und hat auch die Naturwissenschaften wesentlich zu modernen Naturwissenschaften gemacht, wie es Engels ausdrückte. Der eigentliche qualitative Sprung zu den modernen Naturwissenschaften, schreibt Friedrich Engels, ist, dass die Dialektik bei ihnen Eingang gefunden hat. Dieser qualitative Sprung geht in deinem Text bezogen auf alle anderen Feinheiten und Einzelpersonen, die du behandelst, völlig unter, obwohl die modernen Naturwissenschaften in Wechselwirkung mit der industriellen Produktion die höchste Form der Einheit von Mensch und Natur hervorbrachten. Das kann man nicht einfach umgehen.

Es erscheint mir zu pauschal, den Idealismus einseitig der Bourgeoisie und den Materialismus den unterdrückten Massen zuzuordnen. Auch die idealistische Dialektik »alles ist im Fluss« bis zu Hegels »universeller Dialektik« war Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts.

Ich habe auch den Eindruck, dass Du dich insgesamt zu wenig mit der Dialektik befasst und möchte dir einen Artikel von Willi Dickhut über Hegel beilegen, indem er nach dem II. Weltkrieg seine KPD-Führung kritisierte, die Hegel einseitig als Idealisten abtat und seine große Rolle in der Herausbildung der modernen Dialektik geringschätzte. Mir scheint, dass das auch in deinem Text der Fall ist.

Bei der Auseinandersetzung mit den Positivisten, vor allem den Existenzialisten, habe ich den Eindruck, dass du den Standpunkt der Kausalität mit der Dialektik gleichsetzt. Die Kausalität selbst ist aber noch nicht Dialektik, sondern berührt einzelne Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung. In der metaphysischen Epoche des Feudalismus wurden eine Vielzahl Einzelgesetze ermittelt, was einen ungeheuren Fortschritt darstellte. Genau da liegt das große Verdienst von Hegel, dass er aus der Kausalität zur universellen dialektischen Wechselwirkung weitergegangen ist und damit erst möglich machte, die Entwicklung in ihrem allseitigen Zusammenhang und in Wechselwirkung mit inneren und äußeren Widersprüchen zu behandeln. Ich habe den Eindruck, dass Du etwas der Auffassung von Forman aufgesessen bist.

Der Abschnitt 4, der sich scheinbar mit Hegel befasst, wird der Bedeutung Hegels überhaupt nicht gerecht. Schon am Anfang stellst du Kant mit Hegel gleich, ordnest beide aber unter »hoch entwickelten philosophischen Idealismus« ein und reduzierst sie als Kritiker des »naiven Materialismus«. Was dann kommt, ist eine völlige Unterschätzung Hegels und seiner großen Bedeutung für die neue deutsche Philosophie und die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften.

Ich habe insgesamt den Eindruck, dass Du dich noch etwas mehr mit der Dialektik befassen solltest, bevor du das Buch schlussbearbeitest. Hast du schon einmal die »Wissenschaft der Logik« von Hegel durchgearbeitet? Auch in unseren Dialektik-Kursen haben wir die Geschichte des Materialismus und der Dialektik behandelt – siehe den beiliegenden Lehrbogen aus dem 1. Semester, 3. Lektion. Die dort behandelte Ordnung in den Entwicklungssprüngen macht den Prozess der Negation der Negation des Materialismus und der Dialektik meines Erachtens deutlicher, als die von dir verwendete Methode des geschichtlichen Nachvollziehens der vielen Einzelerkenntnisse. Dabei habe ich auch die Frage, ob die Naturwissenschaftler tendenziell zu hoch bewertet werden, gegenüber den inhaltlichen Erkenntnissen, die sie entwickelt, vielleicht auch nur aufgeschrieben haben?

Insgesamt erscheint es mir aber eine sehr interessante Arbeit, die durchaus die dialektisch-materialistische Weltanschauung und Methode in Zusammenhang mit der Darlegung der Entwicklung des Mikrokosmos weiter bringen kann.

Herzlichen Gruß

Stefan

Anlagen:

  1. Brief Willi Dickhut zu Hegel

  2. Lehrbogen Dialektik-Kurs 1, 3. Lektion

Anlage 1:

Willi Dickhut:

Hegels "Logik" als Höhepunkt und Ende der klassischen Philosophie

Auf der Funktionärskonferenz [der KPD] am 31.3.[19]46 in Solingen-Wald sprach der Genosse U. Wohlbold in der Diskussion über Kultur und erklärte die Entwicklung von Schopenhauer über Hegel zu Nietzsche als eine einzige Linie reaktionärer Philosophie. Das ist eine vollständig falsche Beurteilung Hegels.

Die klassische Philosophie war eine revolutionäre Philosophie. Es war die Philosophie des aufstrebenden Bürgertums. Hegel brachte die klassische Philosophie auf den Höhepunkt und zum Abschluss. H. Heine sagt darum durchaus richtig: „Unsere philosophische Revolution ist beendet. Hegel hat ihren großen Kreis geschlossen.“ Hegel ist sehr oft missverstanden worden, sowohl von den fortschrittlichen wie reaktionären- ­Kräften der Gesellschaft. Hegels Satz: "Alles, was wirklich ist, ist vernünftig, und alles was vernünftig ist, ist wirklich.", wurde von den beschränkten Regierungen und Reaktionären als Ausdruck der Erhaltung des Bestehenden aufgefasst und begrüßt und deshalb von den ebenso beschränkten Liberalen verurteilt, obwohl Hegel sagte: "Die Wirklichkeit erweist sich in ihrer Entfaltung als die Notwendigkeit". Daraus ist zu schließen: Alles was besteht, ist wert, dass es zu Grunde geht! Darin liegt eben der revolutionäre Kern der Hegelschen Philosophie, dass nichts Endgültiges, Feststehendes im menschlichen Denken und Han­deln geben kann, sondern alles in Bewegung, in Fluss, in Entwicklung sich befindet.

Das wird von Fr. Engels unterstrichen:

"Marx war und ist der einzige, der sich der Arbeit unterziehen konnte, aus der Hegelschen Logik den Kern herauszuschälen, der Hegels wirkliche Entdeckung auf diesem Gebiet umfasst , und die dialektische Methode, entkleidet von ihren identischen (idealistischen) Umhüllungen, in der einfachen Gestalt herzustellen, in der sie die allein richtige Form der Gedankenentwicklung wird."

Bedeutet das, dass Marx damit den Idealismus Hegels anerkennt? Im Gegenteil! Obwohl der philosophische Idealismus eine notwendige Voraussetzung des modernen Materialismus ist (darin liegt seine Bedeutung) - der Idealismus negierte den ursprünglichen, naive Materialismus, die Negation des Idealismus brachte als Synthese den dialektischen Materialismus - kritisierte Marx den Idealismus Hegels, schätzte aber seine Dialektik sehr hoch. So schreibt Marx im „Kapital“:

"Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, dass er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewusster Weise dargestellt hat."

Diese Dialektik, die, große theoretische Leistung Hegels, vor dem Idealismus zu retten, loszulösen und materialistischen anzuwenden, war das Verdienst Marx und Engels, was Engels im Vorwort zum "Anti-Dühring“ selbst zum Ausdruck bringt:

"Marx und ich waren wohl ziemlich die einzigen, die aus der deutschen idealistischen Philosophie die bewusste Dialektik in die ma­terialistische Auffassung der Natur und Geschichte hinübergerettet haben."

Lenin teilte die Auffassung Marx und Engels über Hegel. Trotz aller Hochschätzung Hegels betonte Lenin zugleich, dass die Logik Hegels, "nicht in ihrer gegebenen Gestalt angewandt, nicht als gegeben betrachtet werden kann; die logischen (erkenntnistheoretisch) Nuancen müssen herausgesucht, die Ideenmystik ausgemerzt werden; diese große Aufgabe steht noch bevor." Daraus geht hervor, dass man aus der mystischen Gedankenfülle der idealistischen Philosophie Hegels das Richtige, die wahren Gedanken, d.h. die das Sein, die Wirklichkeit objektiv widerspiegeln, heraussuchen und verwerten muss.

Und darin liegt der Fehler des Genossen U. Wohlbold, der die idealistischen Schrullen und Mystifikationen, d.h. die reaktionäre Hülle, aber nicht den revolutionären, den dialektischen Kern der Hegelschen Philosophie sieht. Lenin verweist darauf, dass er sich bemühe "Hegel materialistisch zu lesen: Hegel ist der auf den Kopf gestellte Materialismus (Engels), d.h. ich werfe meist den lieben Gott, das Absolute, die reine Idee usw. hinaus." Der Genosse Wohlbold aber schüttet das Kind mit dem Bade aus; er verwirft mit der reaktionären faulen idealistischen Hülle gleichzeitig den revolutionären dialektischen Kern. Lenin sagt darum über einzelne Gedankengänge Hegels: „... man muss daraus zuerst die materialistische Dialektik herausschälen, neun Zehntel aber sind Schale, Abfall", das ist die einzig richtige Stellungnahme ­zu Hegels Philosophie. Der Kern ist wichtiger als die Hülle, denn er ­birgt in sich die Entwicklung. Der materialistische Dialektiker muss es ­verstehen, den genialen Gedanken zu finden und herauszuschälen, während er den reaktionären Idealismus und Mystizismus hinauswirft. Das hat Lenin mit Hegels Philosophie gemacht. Der Genosse Wohlbold macht es umgekehrt, er hebt den reaktionären Idealismus und die mystische Hülle der Regelsehen Philosophie hervor und verwirft mit ihnen gleichzeitig den wahren Kern, den genialen Gedanken der Philosophie des großen Denkers. Das ist sein Fehler.

Bevor wir Hegels Werke studieren, sollen wir uns Lenins Stellungnahme zu eigen machen, der einzelne Abschnitte und auch ganze Abschnitte zitiert und daraus das Hervorragende, mit dem er einverstanden ist, unterstreicht, die Fehler kritisiert und berichtigt, die mystischen Formulierung in gemeinverständlicher Sprache übersetzt., sie materiali­stisch verarbeitet und entsprechend deutet und die Ergebnisse zusammenfasst. Durch dialektisch-materialistische Analyse der Hegelschen Philosophie und Zusammenfassen des Konkreten bekommen wir erst das richtige Bild (Analyse und Synthese).

Hegels Dialektik enthielt einen entscheidenden Fehler, von dem Lenin schreibt: "Nicht nur der Übergang von der Materie zum Bewusstsein, von der Sinneswahrnehmung zum Gedanken usw. ist dialektisch: Hegel, dieser Anhänger der Dialektik, konnte den dialektischen Übergang von der. Materie zur Bewegung, von der Materie zum Bewusstsein nicht begreifen. Marx berichtigte den Fehler (oder die Schwäche?) des Mystikers. Wodurch entscheidet sich der dialektische Übergang vom undialektischen? Durch den Sprung, durch den Gegensatz, durch die Unterbrechung der Allmählichkeit, durch die Einheit von Sein und Nichtsein.“

Bei Hegel ist die Dialektik des Gedankens keine Widerspiegelung der Dialektik des Seins, sondern bei ihm, ist die Dialektik die Selbstentwicklung des Begriffe. Die Natur stellt im „Hegelschen System nur die Entäußerung der absoluten Idee vor". Abgesehen von dem idealistischen Inhalt bedeutet die Hegelsche Dialektik eine wahrhaft revolutionäre Form, was Lenin veranlasst, zu erklären:

"In der Hegelschen Dialektik als der umfassendsten, inhaltsreichsten und tiefsten Entwicklungslehre sahen Marx und Engels die größte Errungenschaft in der klassischen deutschen Philosophie. Jede andere Formulierung des Prinzips, Entwicklung, der Evolution, hielten die für einseitig und inhaltsarm, für' eine Entstellung und Verzerrung des wirklichen Verlaufs der (nicht selten in Sprüngen, Katastrophen, Revolutionen sich vollziehenden) Entwicklung in Natur und Gesellschaft.“ (Lenin: Karl Marx)

Das Wertvolle der Hegelschen Philosophie ist hauptsächlich das, was sich auf die Dialektik bezieht. Das ist der Kern. Darum betont Lenin:

"Man kann das Kapital von Marx und besonders dessen erstes Kapitel nicht ganz verstehen, wenn man nicht die ganze Logik Hegels durchstudiert und begriffen hat."

Ein wesentliches Moment der Dialektik ist die Negation als Moment des Zusammenhangs, als Moment der Entwicklung mit der Erhaltung des Positiven.

Dieser Gedanke kommt bei Hegel klar zum Ausdruck, wenn er sagt:

"Das Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen – und um dessen ganz einfache Einsicht sich wesentlich zu bemühen ist - ist die Erkenntnis des logischen- Satzes, dass das Negative ebenso sehr positiv ist, oder dass sich das Widersprechende nicht in Null, in das abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation seines besonderen Inhalts, oder dass eine solche Negation nicht alle Ne­gation, sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somit bestimmte Negation ist, dass also im Resultat wesentlich das enthalten ist, woraus es resultiert.“

Diese Auffassung steht in voller Übereinstimmung mit der materialistischen. Noch viel klarer kommt das in der Anerkennung der Widersprüche als ­Triebfeder der Entwicklung zum Ausdruck. Im Gegensatz zum gemeinen Verstand, der die Identität (Übereinstimmung) für wesentlicher als den Widerspruch hält, erklärt Hegel den Widerspruch als das Primäre, denn

„die Identität ihm gegenüber ist nur die Bestimmung des einfachen Unmittelbaren, des toten Seins; er aber ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit."

Hegel meint damit die geistige Selbstbewegung, die in Wirklichkeit nur die Widerspiegelung der Selbstbewegung der materiellen Welt ist. Lenin bezeichnet diese Selbstentwicklung, hervorgerufen durch die inneren Widersprüche, als "Salz der Dialektik“.

Lenins Stellungnahme, d. h. die dialektisch-materialistische Beurteilung der "Logik" Hegels, äußert sich zu folgenden Gedanken Hegels:

„… das Gesetz ist daher nicht jenseits der Erscheinung, sondern in ihr unmittelbar gegenwärtig; das Reich der Gesetze ist das ruhige Abbild der existierenden oder erscheinenden Welt."

Lenins Beurteilung lautet:

„Es ist dies eine bemerkenswerte materialistische und bemerkenswert präzise (mit einem Wort ruhige) Definition. Das Gesetz nimmt das ­Ruhige, und darum ist das Gesetz, jedes Gesetz eng, unvollständig, annähend."

Ähnlich äußert sich auch die Beurteilung Lenins, Hegel gegenüber, in der Frage der Kausalität, des objektiven Zusammenhangs der Welt. Die Kausalität kennzeichnet nur die allgemein wechselseitige Abhängigkeit eines universellen Zusammenhangs, die wechselseitige Verkettung der Ereignisse, nur Kettenglieder des allumfassenden Weltzusammenhangs, der bruchstückweise, einseitig, unvollständig zum Ausdruck kommt. In Verbindung mit Hegels Logik erklärt Lenin hierzu:

"Bildung und Gebrauch abstrakter Begriffe schließt schon die Vorstellung, die Überzeugung, das Bewusstsein von der Gesetzmäßigkeit des objektiven Zusammenhangs der Welt in sich. Es wäre absurd, die Kausalität von diesem Zusammenhang loszulösen. Es ist unmöglich, die Objekti­vität der Begriffe, die Objektivität des Allgemeinen im Besonderen und Einzelnen zu negieren. Folglich hat Hegel viel tiefer als Kant und andere in der Bewegung der Begriffe die Spiegelung der Bewegung der objektiven Welt verfolgte... Die einfachste Verallgemeinerung, die erste und einfachste Bildung von Begriffen (Reflexionen, Schlüsse usw.) bedeutet die Erkenntnis des immer tieferen objektiven Zusammenhangs der Welt durch den Menschen. Hier ist der wahre Sinn, die wahre Bedeutung und die wahre Rolle der Hegelschen Logik zu suchen.“

Die Lehre von der Konkretheit der Wahrheit, die Untersuchung der spezifischen Besonderheiten der Erscheinungen, der Analysierung, der Zergliederung, ohne den Zusammenhang außer Acht zu lassen, ist vom Marxismus vollständig aufgenommen. Der dialektische Materialismus lehnt das Dogma, den starren Schematismus ab, er verlangt die Untersuchung und Konkretisierung der gegebenen Situation, der gegeben Erscheinung, des gegebenen Dings.

Lenin entwickelt uns in seiner lebendigen Sprache ein anschauliches Bild der Hegelschen Dialektik:

„Ein Fluss und die Wassertropfen in diesem Fluss. Die Lage eines Tropfens, sein Verhältnis zu den anderen; seine Verbindung mit den anderen; die Richtung seiner Bewegung; Geschwindigkeit; Linie der Bewegung - gerade„ krumme, kreisförmige usw. - nach oben, nach unten. Summe der Bewegungen. Die Begriffe als Berücksichtigung der einzelnen Seiten der Bewegung, einzelner Tropfen (Dinge), einzelner ‚Strahlen’ usw. Ungefähr so wäre das Weltbild nach Hegels Logik, freilich minus den lieben Gott und das Absolute.“

Hiermit hebt Lenin in ein paar Sätzen das Revolutionäre der Hegelschen Philosophie hervor, um mit einem halben Satz das Reaktionäre darin abzutun. Das steht doch im wesentlichen Gegensatz zu der Auffassung des Genossen Wohlbold, für den die gesamte Philosophie Hegels reaktionär ist.

Marx entnahm der Hegelschen Philosophie alles Wertvolle und entwickelte das Entnommene in der Theorie des dialektischen Materialismus weiter. Das geschah vor allem durch die dialektische Untersuchung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. ihrer Entstehung, ihrer Entwicklungstendenzen, ihrer, Widersprüche, und der Unvermeidlichkeit ihres Übergangs in eine höhere, die sozialistische Gesellschaftsordnung. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn der Hegelschen Philosophie das revolutionäre Element fehlte.

Es würde zu weit führen, noch näher darauf, einzugehen. Den großen Denker der klassischen Philosophie, der durch sein System, die philosophische Revolution der bürgerlichen Gesellschaft zum Höhepunkt und Abschluss gebracht hat, auf eine Stufe, zu stellen mit dem wirklichen Reaktionär Nietzsche, ist gleichdeutend mit der Auffassung Lassalles, `der alle Klassen außerhalb der Arbeiterklasse als „reaktionäre Masse" ansah, Reaktionär sind alle bürgerlichen Philosophen nach Abschluss der Periode der klassischen Philosophie. Seitdem ist nur die marxistisch-leninistische Philosophie, der dialektische Materialismus, revolutionär. Die Beurteilung des Genossen Wohlbold ist keine dialektisch-materalistische, sondern eine mechanisch-materialistische. Die bürgerlichen Philosophen darf man nicht als eine einzige „reaktionäre philosophische Masse“ abtun, sondern nur vom Gesichtspunkt der historischen Entwick­lung beurteilen.

W.D.

Anlage 2:

Lehrbogen

zum Kurs Nr. PB 006 des Arbeiterbildungszentrums im Wintersemester 1999 / 2000

Thema:

Die dialektische Methode allseitig erlernen

1. Semester:

Die objektive Dialektik in Natur und Gesellschaft

Lektion 3:

Verschiedene Entwicklungsstufen der materialistischen Welt­anschauung

Leiter:

Wolf-Dieter Rochlitz

Dieter Ilius

Datum:

24. -28. Januar 2000

Ort:

Alt Schwerin



Stichwort

Anmerkung

1. Was ist eine Weltanschauung?

Eine Weltanschauung ist ein vom jeweiligen Klasseninteresse bestimmtes System von theoretischen Ansichten, Urteilen und Verhaltensweisen gegenüber der Natur und der Gesellschaft.

2. Die Grundauffassung des Materialismus?

Der Materialismus geht davon aus, daß die Welt objektiv existiert, unabhängig vom Denken, Fühlen und Handeln der Menschen.

3. Die Entwicklungsstufen der materialistischen Weltanschauung





a) Der urwüchsige Materialismus



















Konkrete Bedeutung heute:







Ausgangspunkt jeder materialistischen Weltanschauung und Grundlage des Materialismus in allen Stufen seiner Entwicklung ist die unmittelbare praktische Erfahrung. Solche unmittelbaren Erfahrungen haben die Menschen schon seit jeher gemacht. Aber erst ab einer gewissen Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft waren sie in der Lage, diese praktischen Erfahrungen auch zu deuten und in ein Denksystem zu fassen. (Anlage 1)

  1. Die ersten Weltanschauungen entstanden unabhängig voneinander in der Sklavenhaltergesellschaft in China, Indien und im Mittelmeerraum.

  2. Es entwickelten sich zwei Denkrichtungen heraus: der urwüchsige Materialismus und die urwüchsige Dialektik. (Anlage 2)

  3. Der urwüchsige Materialismus erkannte, daß die Welt unabhängig vom Menschen existiert. Er konnte aber nicht erklären, wie die Welt existiert und wie sie sich entwickelt. Er hielt die Welt im wesentlichen für unveränderlich.

  4. Die urwüchsige Dialektik erkannte dagegen, daß nichts bleibt wie es ist (Der griechische Philosoph Heraklit: »Alles fließt«), betrachtete aber die Bewegung der Welt idealistisch, vom »Geist« geschaffen. Des­halb konn­te sie auch einen wirklichen Bezug zur Wirklichkeit nicht herstellen.

  5. Jede der beiden Richtungen in den Weltanschauungen war extrem einseitig.

Wir finden den urwüchsigen Materialismus heute im Ausgehen von den unmittelbaren praktischen Erfahrungen, ohne die Veränderlichkeit der Wirklichkeit zu sehen (z.B. »es gibt Arme und Reiche, aber was willst Du daran ändern«). Auf dieser Stufe ist das Klassenbe­wußtsein noch sehr gering entwickelt und wesentlich durch einen Klas­seninstinkt gekennzeichnet.

b) Der mechanische Materialismus

























Konkrete Bedeutung heute

Die zweite Entwicklungsstufe des Materialismus war der mechanische Materialismus.

  1. Er anerkannte nicht nur, daß die Welt existiert, sondern beantwortete die Frage, welchen Bewegungsgesetzen die einzelnen Naturprozesse folgen.

  2. Das lebendige Detail wurde interessant und erforscht.

  3. Das war die Geburtsstunde der modernen Naturwissenschaft. Newton erkannte z.B. das Gesetz der Schwerkraft, überhaupt wurde das Gesetz der Kausalität entdeckt.

  4. Der mechanische Materialismus sah die Welt aber als ewig währender Kreislauf, ohne Veränderung und Höherentwicklung an. Das sollte zugleich den gesellschaftlich vorherrschenden Absolutismus verewigen.

  5. Die Zergliederung der Erscheinungen geschah auf Kosten des Zusammenhangs, die Analyse ohne Synthese. Er war nur in der Lage, einfache Zusammenhänge und langsame Bewegungen in Natur und Gesellschaft annähernd richtig zu erklären, konnte aber die objektive Wirklichkeit nicht vollständig widerspiegeln.

  6. Auch er konnte keinen Bestand haben und wurde schließlich vom bürgerlichem Idealismus überwunden, der die innere Selbstbewegung und Entwicklung der Dinge erforschte.

Wir finden den mechanischen Materialismus heute im Erklären von einfachen Zusammenhängen. Das spontane Klassenbewußtsein erkennt einzelne Seiten des Kapitalismus. Vor allem im Rah­men von Kämpfen kann es höherentwickelt werden und die Arbeiter von der einfachen Kausalität zur Erkenntnis des allseitigen Zusammenhangs gelangen.

c) Der dialektische Materialismus als höchste Stufe des Materialismus























Konkrete Bedeutung heute

Marx und Engels schufen im 19. Jahrhundert den dialektischen Materialismus.

  1. Er schließt die Entwicklung der materialistischen Weltanschauung ab und bildet zugleich den Abschluß der Geschichte der Weltanschauung.

  2. Ihn interessiert vor allem die Frage, wie die Welt existiert, und er erkannte, daß allen Entwicklungen Gesetzmäßigkeiten zu Grunde liegen.

  3. Er nahm beide Stufen des früheren Materialismus in sich auf.

  4. Durch die Vereinigung von Materialismus und Dialektik ist er in der Lage, auch komplizierte und schnelle Veränderungen und allseitige Zusammenhänge zu erklären.

  5. Mit seiner Hilfe kommt der Mensch in die Lage, sich seiner Stellung gegenüber und in der Natur bewußt zu werden und zu lernen, sich im Einklang mit der Natur bewußt zu entwickeln.

  6. Der Mensch kann sich der Quelle und der Gesetze seines Denkens bewußt werden und er beginnt, bewußt zu denken.

  7. Seine Grundauffassung ist, daß die Wirklichkeit nach dialektischen, universellen Bewegungsgesetzen existiert.

In der Entwicklung des Klassenbewußtseins durchläuft jeder notwendigerweise die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der materialistischen Weltanschauung:

  1. Unmittelbare praktische Erfahrungen werden verarbeitet

  2. Erklären von einfachen Zu­sammenhängen

  3. Bewußte Anwendung der dialektisch-materialistischen Methode der Erkenntnis. Nur mit ihrer Hilfe ist die Arbeiterklasse in der Lage, das Klassenbewußtseins zu entwickeln, das für die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution heute notwendig ist.

Anlage 1



»Die Natur hat Millionen Jahre gebraucht, um bewußte Lebewesen hervorzubringen, und nun brauchen diese bewußten Lebewesen Tausende von Jahren, um bewußt zusammen zu handeln; bewußt nicht nur ihrer Handlungen als Individuen, sondern auch ihrer Handlungen als Masse; zusammen handelnd und gemeinsam ein im voraus gewolltes gemeinsames Ziel verfolgend. Jetzt haben wir das beinahe erreicht.«

(Marx/Engels, Werke, Bd. 39, S. 63; zitiert nach »Der Kampf um die Denkweise in der Arbeiterbewegung, S. 12)


Anlage 2


»Tatsächlich entstanden die ersten in sich geschlossenen Weltanschauungen und Religionen mit dem Aufkommen der Klassengesellschaft der Sklavenhalter vor etwa 5 000 Jahren. Die herrschende Ideologie mußte die Herrschaft der Sklavenhalter begründen. In der antiken griechischen Gesellschaft (vor rund 2 700 bis 2 200 Jahren) entwickelten sich materialistische und idealistische, dialektische und metaphysische Anschauungen. Sie standen von Beginn an im Kampf gegeneinander oder gingen auseinander hervor. In der Regel war es in der Geschichte so, daß die Philosophen der aufsteigenden Klassen gegenüber dem Idealismus und der Metaphysik der Herrschenden den Materialismus und die Dialektik betonten.

So brachte die Spaltung der menschlichen Gesellschaft in Klassen den Konflikt zwischen der idealistischen und der materialistischen, zwischen der metaphysischen und der dialektischen Weltanschauung hervor. Dieser Konflikt dauert nicht nur bis zum heutigen Tag an, sondern wird bestehen bleiben, solange es Klassen und Klassenwidersprüche gibt.«

(»Der Kampf um die Denkweise in der Arbeiterbewegung«, S. 14)