Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion

Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion seit 1956 war eine schwerere Niederlage für die internationale marxistisch-leninistische und Arbeiterbewegung. Sie führte zu einer großen Verunsicherung und zu einer Spaltung der weltweiten kommunistischen Bewegung, was den Kampf für den Sozialismus weltweit erheblich zurückgeworfen hatte.

Das Buch entlarvte den modernen Revisionismus als weltanschauliche Grundlage für den Systemwechsel. Nicht alle Parteien erkannten die Restauration des Kapitalismus, weil sie selbst von revisionistischen Ideen der KPdSU bzw. der DKP beeinflusst waren und folgten dem Weg der KPdSU. Andere, wie die KP Chinas, kritisierten den Weg prinzipiell. Für den Parteiaufbau in Deutschland, aber auch für die internationale marxistisch-leninistische Bewegung war es entscheidend, diesen Verrat und seine Ursachen zu analysieren und schöpferisch zu verarbeiten.

Der RW 7 weist nach, dass die Sowjetunion von innen, durch einen neue Bourgeoisie mit dem Parteibuch in der Tasche zerstört, die Diktatur des Proletariats revidiert wurde. Die Machtübernahme durch die neue Bourgeoisie machte den Weg frei, auch die ökonomische Basis grundsätzlich zu ändern. Diese Analyse wird im RW 8 geleistet. Sind die kapitalistischen Gesetze erst einmal eingeführt, wirken sie automatisch, sowohl im Inneren des Landes wie auch nach außen.

Der RW 9 behandelt die Weiterentwicklung des Kapitalismus neuen Typs zum Sozialimperialismus und die Weiterentwicklung des modernen Revisionismus durch Breschnew und Deng Xiao Ping. Dieses Buch ist heute in vier Sprachen übersetzt, darunter auch ins Russische, und weltweit verbreitet. Es ist ein grundlegendes Werk, das vielen Menschen half, diese Entwicklung zu verstehen und den Weg eines neuen Parteiaufbaus zu gehen.

Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion

Erschienen: 1971/72

Am 29. April 1904, wurde Willi Dickhut in Schalksmühle geboren. Er starb am 8. Mai 1992 in Solingen - auf den Tag genau 47 Jahre nach der Befreiung vom Hitler-Faschismus. Willi Dickhut war Arbeiter, Marxist-Leninist, Widerstandskämpfer gegen den Hitler-Faschismus, Mitbegründer und Vordenker der MLPD.

Er hat lange Jahre das theoretische Organ REVOLUTIONÄRER WEG der MLPD geleitet. Sein Lebenswerk umfasst nahezu ein ganzes Jahrhundert Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung in Deutschland. Er hat den Stil der MLPD entscheidend mit geprägt. Ein besonderes Anliegen war ihm, kritisch-selbstkritisch und selbständig denkende und handelnde Kader zu entwickeln, als Damm gegen Dogmatismus, Revisionismus oder gar eine Entartung der Partei.

Leseprobe

Vorwort 11
I. Die Verwandlung der Bürokratie in eine Bourgeoisie neuen Typs
1. Die Entwicklung der Bürokratie von einer kleinbürgerlichen Schicht zur herrschenden neuen bürgerlichen Klasse 13
2. Der revisionistische Staatsstreich Chruschtschows und der Ausbau der revisionistischen Ideologie zu einem System 45
3. Der revisionistische Schwindel vom »Staat des ganzen Volkes« und die Aufhebung der Diktatur des Proletariats 65
II. Die Wirtschaft des bürokratischen Kapitalismus
1. Die Grundlagen der kapitalistischen und die der sozialistischen Wirtschaft 87
2. Die Revisionisten erheben den kapitalistischen Profit zum Hauptprinzip der sowjetischen Wirtschaft 113
3. Die Revisionisten heben das sozialistische Verteilungsprinzip auf 140
4. Die Revisionisten ersetzen das sozialistische Prinzip der Arbeitsproduktivität durch das kapitalistische 155
III. Vom bürokratischen Kapitalismus zum Sozialimperialismus
1. Die Entwicklung des Kapitalismus neuen Typs zum Sozialimperialismus 199
2. Die wirtschaftliche, politische und militärische Expansion des Sozialimperialismus 228
3. Die wirtschaftliche Integration des Sozialimperialismus in das imperialistische Weltsystem und die Widersprüche im Weltmaßstab 264
4. Die ideologische Integration des Sozialimperialismus in das imperialistische Weltsystem 302
5. Probleme der Marxisten-Leninisten in der Sowjetunion 338
IV. Der Sozialimperialismus – ein staatsmonopolistischer Kapitalismus neuen Typs
1. Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion als negatives Beispiel 349
2. Der Sozialimperialismus als staatsmonopolistischer Kapitalismus neuen Typs 373
3. Der Klassenkampf in der sozialistischen Gesellschaft und die Tradition der bürgerlichen Ideologie 422
4. Die Bedeutung der Großen Proletarischen Kulturrevolution in China 447
V. Die Sowjetunion – die sozialimperialistische Supermacht
1. Die Kubakrise 1962 und die europäische Parallele 477
2. Der bewaffnete Überfall auf die Tschechoslowakei 1968 489
3. Die blutigen Grenzprovokationen der Sozialimperialisten gegen das damals noch sozialistische China 1969 503
4. Die Expansion des Sozialimperialismus in Afrika und Asien 515
VI. Neue Erscheinungen in den internationalen Beziehungen
IV. Klassenkampf und Kampf zur Rettung der natürlichen Umwelt
1. Veränderung des Prinzips der friedlichen Koexistenz 545
2. Die Wende Gorbatschows zum »Neuen politischen Denken« 551
Ergänzende Quellenliste 566

Die Schrift »Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion« ist in den Jahren 1971 und 1972 als REVOLUTIONÄRER WEG 7–9 (Theoretisches Organ der MLPD) erschienen. Obwohl seit Erscheinen des Buches mehr als 15 Jahre vergangen sind, hat es nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil, der Kurs Gorbatschows hat die Diskussion um die Frage der Restauration des Kapitalismus neu aufflammen lassen – bis in die Reihen der DKP hinein. Dabei widerlegt die Ausarbeitung die irrige Auffassung, daß erst jetzt, nachdem verschiedene Auswirkungen des kapitalistischen Systems in der Sowjetunion offenkundig geworden sind, mit Gorbatschow der Kapitalismus wiederhergestellt worden sei. Die vorliegende Schrift zeigt auf, daß diese Entwicklung mit der Machtübernahme der Bürokratie unter Führung Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU begann. Sind die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten erst einmal eingeführt, so wirken sie automatisch, mit all den Folgen und Auswüchsen, wie sie auch im Kapitalismus des Westens bekannt sind. Die erste Auflage des Buches wurde durch drei neuere Ausarbeitungen erweitert, um die weitere Entwicklung der Sowjetunion zu verdeutlichen. Das Kapitel »Der Sozialimperialismus – ein staatsmonopolistischer Kapitalismus neuen Typs« (zuerst erschienen im REVOLUTIONÄREN WEG 19/1979, »Der staatsmonopolistische Kapitalismus in der BRD, IV. Teil«) kennzeichnet die vertiefte Entwicklung der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion und die Methoden des sowjetischen Sozialimperialismus. Es zieht die grundlegenden Lehren, wie der Klassenkampf im Sozialismus geführt werden muß, um eine Restauration des Kapitalismus zu verhindern und zur kommunistischen Gesellschaft fortzuschreiten. Die Ausarbeitung »Die Sowjetunion – die sozialimperialistische Supermacht« erschien zuerst im REVOLUTIONÄREN WEG 22/1983, »Krieg und Frieden und die sozialistische Revolution«. Hier wird die Entwicklung des sowjetischen Sozialimperialismus von der Kubakrise über den Überfall auf die Tschechoslowakei
1968 sowie die Grenzprovokationen gegen das damals sozialistische China bis hin zur Expansion in den Entwicklungsländern nachvollzogen. Die Machenschaften der Sozialimperialisten zur wirtschaftlichen, politischen und militärischen Unterdrückung anderer Völker werden anhand von Tatsachenmaterial entlarvt. Die dritte Ergänzung ist der Abschnitt »Neue Erscheinungen in den internationalen Beziehungen«, der dem REVOLUTIONÄREN WEG 24/1988, »Die dialektische Einheit von Theorie und Praxis«, entnommen ist. Hierbei geht es um eine Analyse des Kurses von Gorbatschow sowie die Hintergründe. Die Sowjetunion entwickelte sich seit den sechziger Jahren zwar zu einer militärischen, aber nicht zu einer wirtschaftlichen Supermacht. Nachdem ihr Anteil an der Weltproduktion seit 1970 dramatisch zurückging, ist sie jetzt gezwungen, ökonomische, politische und auch militärische Zugeständnisse zu machen, um nicht voll ins Hintertreffen zu geraten. Dieser Sachverhalt erklärt Gorbatschows offene Einführung der »Marktwirtschaft« ebenso wie den Abzug sowjetischer Truppen aus Afghanistan. Insgesamt ändert dieser erzwungene Rückzug nichts am sozialimperialistischen Charakter der Sowjetunion. Welche Konsequenzen aus den negativen Erfahrungen in der Entwicklung der Sowjetunion und der Volksrepublik China zu ziehen sind – diese Fragen rücken angesichts der zugespitzten Klassenwidersprüche immer mehr in den Blickpunkt vieler Arbeiter. Das vorliegende Buch soll einen Beitrag leisten, diese Fragen zu beantworten und den modernen Revisionismus wissenschaftlich zu entlarven. Gleichzeitig wird die Perspektive in eine sozialistische Zukunft gewiesen.

Zentralkomitee der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands,

Stefan Engel

September 1988

Rezensionen und Studientipps

Wie ein REVOLUTIONÄRER WEG nach Sibirien kam

Über Weihnachten/Neujahr kam ihre Schwester zu Besuch- sie lebt in Sibirien und ist Mitglied der KPRF (Kommunistische Partei der russischen Föderation) und wollte mich unbedingt kennenlernen. Nach der herzlichen Begrüßung packte ich meine mitgebrachten Bücher in russischer Sprache aus: Jeweils zwei Exemplare des REVOLUTIONÄREN WEG¹ 7- 9 ("Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion"), der Broschüre "Neuimperialistische Länder" und unser Parteiprogramm.

Beide freuten sich riesig, vor allem die Schwester aus Sibirien meinte, sie hätte schon von dem Buch gehört, aber nie eines bekommen. Wir diskutierten lange über die Lage in Russland und die Rolle von Präsident Putin, über die Arbeit in der KPFR. Aber auch darüber, wie unheimlich schwierig eine Auseinandersetzung darüber über solche enormen Entfernungen z.B. bis nach Moskau sind.

Beide Schwestern halten viele Errungenschaften aus der damaligen sozialistischen Sowjetunion sehr hoch und wollen den Sozialismus erkämpfen. Die Vorstellung der revolutionären Weltorganisation ICOR² traf auf großes Interesse. Schweren Herzens trennten wir uns, machten ein gemeinsames Foto und bekamen eine Einladung nach Sibirien. Mit meiner Arbeitskollegin will ich klären, ob sie nicht bei derMLPD mitmachen will. Vielleicht gibt es mal ein Wiedersehen in Sibirien am Baikalsee!

Quellen & Links

¹ Der REVOLUTIONÄRE WEG ist das theoretische Organ der MLPD. Redaktionsleiter ist Stefan Engel

² ICOR = Internationale Koordinierung revolutionärer Parteien und Organisationen

Die  zwei  Phasen  des Kommunismus

27.3.74

Lieber Fr.!

Du nimmst in Deinem Brief Bezug auf den Revolutionären Weg 7 und schreibst:

»Auf Seite 79/80 heißt es, daß die Hauptaufgabe der Diktatur des Proletariats in der ersten Phase des Kommunismus die Unterdrückung der feindlichen Klassen ist. In der zweiten Phase (dem Übergang zum Kommunismus) liege aber die Hauptaufgabe in der ›allmählichen Aufhebung der Klassen überhaupt‹. Heißt das, daß es dort keine feindlichen Klassen mehr gibt, nur noch Arbeiter und Bauern? Der Leninismus lehrt, daß jeder Staat ›ein Instrument zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere‹ ist, wie es auf Seite 77 heißt. Wenn es keine feindlichen Klassen mehr gibt, ist auch kein Staat mehr nötig oder möglich. Gerade deswegen ist der ›Staat des ganzen Volkes‹ unsinnig. Mao Tsetung sagt: ›Die sozialistische Gesellschaft umfaßt eine ziemlich lange geschichtliche Periode. Diese ganze Geschichtsperiode hindurch existieren Klassen, Klassenwidersprüche und Klassenkämpfe, existiert der Kampf zwischen den beiden Wegen, dem des Sozialismus und dem des Kapitalismus, existiert die Gefahr einer Restauration des Kapitalismus.‹ Mit ›Klassenkämpfen‹ sind offensichtlich Kämpfe zwischen der Arbeiterklasse und den gestürzten Ausbeutern, den eine Restauration anstrebenden Kräften, gemeint.

Wenn man in der Diktatur des Proletariats ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch ein Mittel zur Umerziehung der Bauernschaft und nicht mehr zur Unterdrückung der Ausbeuter sieht, so vergißt man, daß Lenin betont hat, daß die Diktatur des Proletariats immer gegen die Bourgeoisie gerichtet ist und keineswegs eine Diktatur des Proletariats gegen die Bauernschaft ist. Sie ist vielmehr eine Form des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern. Ich finde, daß unten auf Seite 80 die Diktatur des Proletariats mit der Führung des Proletariats im Bündnis verwechselt wird.

Natürlich will ich nicht leugnen, daß die Umformung der Bauernschaft auch eine Aufgabe des Staats der proletarischen Diktatur ist. Sie kann aber nicht die Hauptaufgabe sein.« Diese Zeilen zeigen, daß Du in der Frage der zwei Phasen des

Kommunismus nicht klar siehst. Die nebenstehende graphische Darstellung soll dieses Problem verdeutlichen. Dabei will ich gleich zu Anfang betonen, daß die Entwicklung keineswegs schematisch, sondern in zahlreichen dialektischen Prozessen, die in engem Zusammenhang und in Wechselwirkung untereinander stehen, verläuft.

Nach der siegreichen proletarischen Revolution in einem Land, der Niederschlagung einer Intervention ausländischer Kapitalisten und der erfolgreichen Durchführung des Bürgerkriegs sind die Klassenkämpfe nicht beendet. Sie flammen vielmehr immer wieder gegen die inneren und äußeren Feinde, gegen die Überreste der gestürzten und entmachteten Bourgeoisie auf, die mit allen Mitteln des ideologischen und bewaffneten Kampfs versuchen, eine Restauration des Kapitalismus herbeizuführen. Die erste Phase des Kommunismus, die Sozialismus genannt wird, ist voller Klassenkämpfe, und diese werden durch die kapitalistische Umkreisung ermuntert und ideologisch und gegebenenfalls auch militärisch unterstützt immer wieder erneut aufflammen. So lange es in der Welt noch kapitalistische Länder gibt, ist die Bedrohung des sozialistischen Aufbaus von außen nicht aufgehoben und die Gefahr der Restauration des Kapitalismus durch die Entartung der Bürokratie im Innern des sozialistischen Landes nicht beseitigt. Erst wenn durch die schrittweise durchgeführte proletarische Weltrevolution die Herrschaft des Kapitalismus in der ganzen Welt beseitigt ist, sind die äußeren Bedingungen für den Übergang von der ersten zur zweiten Phase des Kommunismus gegeben. Die inneren Bedingungen liegen in der allmählichen Überwindung des Unterschieds zwischen Stadt und Land (und damit auch zwischen Arbeitern und Bauern) und zwischen der körperlichen und geistigen Arbeit (und damit auch zwischen Arbeitern und Intellektuellen), der Verschmelzung der beiden Eigentumsformen (gesellschaftliches und genossenschaftliches Eigentum verbinden sich zu nur gesellschaftlichem Eigentum), der Schaffung eines Überflusses an Produkten als Grundlage des Übergangs zum Verteilungsprinzip »Jedem nach seinen Bedürfnissen!«.

Mit dem Übergang zur zweiten Phase, der des eigentlichen Kommunismus, sind die Kapitalisten in der Welt wohl entmachtet und als Klasse liquidiert, ist aber noch nicht die bürgerliche Ideologie beseitigt. Die Tradition der bürgerlichen Ideologie wird noch lange in den Köpfen der Menschen nachwirken trotz Entmachtung der Träger dieser Ideologie, nicht nur deshalb, weil die Kapitalisten als die Träger dieser Ideologie noch eine Zeitlang leben (sie wurden ja nur als Klasse liquidiert) und stets versuchen, ideologisch auf die Massen zu wirken, um über diesen Weg eine Restauration des Kapitalismus zu erreichen. Die Tradition der bürgerlichen Ideologie, die jahrhundertelang das geistige Leben der Menschen beherrscht hat, ist so stark, daß immer wieder bürgerliche Ideen und Lebensgewohnheiten sich spontan erneuern. Der Klassenkampf wird darum immer wieder aufflammen, obwohl die bürgerliche Klasse als ehemaliger Träger der bürgerlichen Ideologie liquidiert ist, das heißt, politisch und militärisch ausgeschaltet wurde.

Es ist ein Klassenkampf besonderer Art, der in der Hauptsache nur ideologisch ausgetragen werden kann. Den kann nur die Arbeiterklasse als Träger der sozialistischen Ideologie erfolgreich führen, und dazu braucht sie noch die Diktatur des Proletariats. Die Diktatur des Proletariats wird also noch lange in der zweiten Phase wirken, einerseits zur Bekämpfung der bürgerlichen Ideologie, die, solange sie noch wirken kann, die Gefahr der Restauration des Kapitalismus im Keime enthält und deshalb ständig unterdrückt werden muß, und anderseits zur Verbreitung und Festigung der sozialistischen Ideologie durch ständige Hebung des sozialistischen Bewußtseins der Massen bis zum endgültigen Sieg über die bürgerliche Ideologie. Erst wenn die Massen völlig immun gegen das Gift der bürgerlichen Ideologie geworden sind, erübrigt sich die Arbeiterklasse als Träger der sozialistischen Ideologie ebenso wie die Diktatur des Proletariats als Staat der Arbeiterklasse; beide sterben ab, die klassenlose Gesellschaft beginnt.

Du zitierst Mao Tsetung, aber was dieser sagte, bezieht sich doch offensichtlich auf die erste Phase des Kommunismus, auf den Sozialismus. Diese Phase ist voller Klassenkämpfe zwischen der Arbeiterklasse und ihren Verbündeten gegen die Bourgeoisie. Es steht nirgends im Revolutionären Weg, daß sich die Diktatur des Proletariats gegen die Bauernschaft richtet (übrigens ist der Ausdruck »Bauernschaft« ebenso unwissenschaftlich wie »Arbeitnehmer«). Die Diktatur des Proletariats richtet sich mit den armen Bauern und im Bündnis mit den Mittelbauern gegen die Großbauern und Großgrundbesitzer.

Du formulierst in Deinem Brief: »Sie (die Diktatur des Proletariats) ist vielmehr eine Form des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern.« So, wie das hier steht, ist das einseitig, und Du begibst Dich in gefährliche Nähe zu den Revisionisten (siehe den Artikel in der Roten Fahne 8/72 gegen Gerns und Steigerwald). Vergleiche bitte Lenin (Bd. 29, S. 370), demnach ist das »ein Bündnis besonderer Art, das sich in einer besonderen Situation herausbildet, nämlich in der Situation eines erbitterten Bürgerkriegs«. Das bedeutet, daß nur in der Situation eines erbitterten Bürgerkriegs, also des bewaffneten Kampfs, dieses Bündnis mit der Diktatur des Proletariats identisch wird. Das hatten ja Gerns und Steigerwald in ihrem Artikel ausgelassen und Lenin dadurch revisionistisch verfälscht.

Die Diktatur des Proletariats formt die Bauern durch die Veränderung ihrer ökonomischen Basis um, indem sie den Unterschied zwischen Stadt und Land aufhebt und das genossenschaftliche Eigentum in gesellschaftliches Eigentum verwandelt. Das geschieht nicht mit Gewalt, sondern durch Umerziehung der Bauern und allmähliche Anpassung an die neuen ökonomischen Verhältnisse. Ohne diese inneren Bedingungen erfüllt zu haben, kann der Übergang von der ersten zur zweiten Phase des Kommunismus nicht erfolgen.

Rot Front! Willi

Kapitalismus in der Sowjetunion

Lieber Willi 23. 3. 82

im vergangenen August fragte eine Genossin des Archivs bei uns an, wie wir zu Mao Tsetungs Aussage von 1940 stehen, die Sowjetunion sei in der Periode des Übergangs vom Sozialismus zum Kommunismus (Ausgewählte Werke Bd. II., S. 404). Wir haben die Anfrage der Genossin am 7. 9. der gesamten Zentralen Leitung und Zentralen Kontrollkommission und auch Dir zur Kenntnis gegeben.

Meiner Meinung nach spricht die Genossin hier eine Sache an, die in der kommunistischen Weltbewegung 1940 unbestritten war. Ausgehend von der Sowjetunion und Stalin wurde die falsche Ansicht vertreten, in der Sowjetunion seien alle dem Proletariat feindlichen Klassen liquidiert. In seinem Referat zur Verabschiedung der neuen Verfassung der UdSSR im November 1936 sagte Stalin, daß die »Klasse der Gutsbesitzer und die alte imperialistische Großbourgeoisie schon in der Periode des Bürgerkriegs liquidiert« worden seien. »In den Jahren des sozialistischen Aufbaus wurden alle ausbeutenden Elemente – Kapitalisten, Kaufleute, Kulaken, Spekulanten – liquidiert. Übriggeblieben waren nur unbedeutende Reste der liquidierten Ausbeuterklassen, deren völlige Liquidierung eine Frage der allernächsten Zeit ist.« (nach: »Geschichte der KPdSU(B), Kurzer Lehrgang«, S. 427) Von dieser Einschätzung ausgehend, stellt Stalin fest: »Damit verankerte die Verfassung die weltgeschichtliche Tatsache, daß die Sowjetunion in eine neue Entwicklungsphase, in die Phase der Vollendung des Aufbaus der sozialistischen Gesellschaft und des allmählichen Übergangs zur kommunistischen Gesellschaft eingetreten ist, in welcher der leitende Grundsatz des gesellschaftlichen Lebens das kommunistische Prinzip sein muß: ›Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen‹« (ebenda, S. 431) Dem steht allerdings entgegen, was Stalin auf dem XVIII. Parteitag zu den ökonomischen Bedingungen des Übergangs einräumte:

»Nur dann, wenn wir die wichtigsten kapitalistischen Länder ökonomisch überholt haben, können wir darauf rechnen, daß unser Land mit Bedarfsgegenständen vollauf gesättigt sein wird, daß wir einen Überfluß an Produkten haben und die Möglichkeit erhalten werden, den Übergang von der ersten Phase des Kommunismus zu seiner zweiten zu vollziehen.« (Zitiert nach: Revolutionärer Weg 7, S. 74f.)

Im Revolutionären Weg 19 werden dagegen aufgrund der Erfahrungen der kommunistischen Weltbewegung die Schlußfolgerungen für den Übergang von der ersten zur zweiten Phase des Kommunismus, vom Sozialismus zum eigentlichen Kommunismus gezogen:

»Solange es in der Welt noch kapitalistische Länder gibt, ist die Bedrohung des sozialistischen Aufbaus von außen nicht aufgehoben und die Gefahr der Restauration des Kapitalismus durch die Entartung der Bürokratie im Innern des sozialistischen Landes nicht beseitigt. Erst wenn durch die schrittweise durchgeführte proletarische Weltrevolution die Herrschaft des Kapitalismus in der ganzen Welt beseitigt ist, sind die äußeren Bedingungen für den Übergang von der ersten zur zweiten Phase des Kommunismus gegeben. Die inneren Bedingungen liegen in der allmählichen Überwindung des Unterschieds zwischen Stadt und Land (und damit auch zwischen Arbeitern und Bauern) und zwischen der körperlichen und geistigen Arbeit (und damit auch zwischen Arbeitern und Intellektuellen), der Verschmelzung der beiden Eigentumsformen (gesellschaftliches und genossenschaftliches Eigentum verbinden sich zu nur gesellschaftlichem Eigentum), der Schaffung eines Überflusses an Produkten als Grundlage des Übergangs zum Verteilungsprinzip ›Jedem nach seinen Bedürfnissen!‹«. (Revolutionärer Weg 19, S. 504/506)

Meiner Meinung nach handelt es sich hier um einen historisch bedingten Fehler Stalins, der von der gesamten kommunistischen Weltbewegung übernommen wurde. Erst durch die Erfahrungen mit der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion und die theoretischen Arbeiten Mao Tsetungs zur Frage der Fortdauer des Klassenkampfs im Sozialismus konnte dieser Fehler korrigiert werden.

Es wäre aber falsch, deswegen Stalin oder Mao Tsetung etwas am Zeug zu flicken. Mao Tsetung hat selbst in Theorie und Praxis diesen Fehler korrigiert. Ich glaube nicht, daß dazu extra Stellung genommen werden muß, da die inhaltliche Klarstellung ja eigentlich im Revolutionären Weg 7 und im Revolutionären Weg 19 erfolgt ist.

Was meinst Du?

Rot Front!
i. A. Kl.





Lieber Kl.! 6. 4. 82

Ich hatte die Kopie des Briefes des Archivs wohl bekommen, aber keine Aufforderung, dazu Stellung zu nehmen. Meine Meinung dazu ist die, daß Stalin auf dem XVIII. Parteitag 1939 die Auffassung des unmittelbaren Übergangs von der ersten zur zweiten Phase des Kommunismus in etwa korrigiert hat. Anknüpfend an das von Dir gebrachte Zitat wendet sich Stalin gegen die »Phantastereien, wenn nicht Schlimmeres« der Planzentrale wegen der zu hoch angesetzten Planziffern und erklärt, daß man zur wirtschaftlichen Überholung der kapitalistischen Welt viel Zeit brauche, wörtlich: »Es ist also Zeit erforderlich, und nicht wenig Zeit, um die wichtigsten kapitalistischen Länder ökonomisch zu überholen.«

Stalin versichert, daß die kapitalistischen Elemente in der Sowjetunion liquidiert seien. Das traf im großen ganzen wohl zu, darin liegt nicht der Fehler Stalins, sondern darin, daß er nicht erkannt hatte, daß sich in den Reihen der Partei eine neue Bourgeoisie verbreitete, eines Typs, den es noch nie gegeben hatte. Diese Bourgeoisie neuen Typs entstand durch die kleinbürgerlich entartete Bürokratie, durch Privilegien, Aufhebung des Parteimaximums, damit Freigabe hoher Gehälter, Förderung des Karrieretums, Unterdrückung ehrlicher Kritik von unten, falsche Machtausübung verbunden mit Übergriffen usw.

Nicht die äußeren Wesenszüge der früheren kapitalistischen Elemente waren die Hauptursache, daß der Übergang von der ersten zur zweiten Phase des Kommunismus nicht erfolgen konnte, sondern die inneren Entwicklungstendenzen zur Bildung einer Bourgeoisie neuen Typs. Dazu kommt natürlich die äußere kapitalistische Umwelt, die diesen Prozeß förderte (siehe Revolutionärer Weg 9, XI. Kapitel).

Stalin hat eine solche Entwicklung entweder nicht gesehen oder sie verkannt, und zu dieser Zeit sah sie auch Mao Tsetung nicht. Erst die Tatsache der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion veranlaßte Mao Tsetung, als Schlußfolgerung die Große Proletarische Kulturrevolution als höchste Form des Klassenkampfs im Sozialismus zu erkennen und im eigenen Land durchzuführen. Der Fehler Stalins und Mao Tsetungs im Jahre 1940 ist ein historisch bedingter Fehler, der aus dem vollkommenen Fehlen jeglicher Erfahrung zwangsläufig entstehen mußte. Erst die Erfahrung macht klug! So ein altes Sprichwort. Erst das Beispiel der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion erzeugte bei Mao Tsetung die Idee der Großen Proletarischen Kulturrevolution.

Damit hoffe ich, Deinen Brief ausreichend beantwortet zu haben.

Herzlichen Gruß
Willi

Denkweise und Parteiaufbau

Aufzeichnungen nach einem Gespräch mit dem Genossen W. D. am 19. 1.80

Im Revolutionären Weg 15, Seite 11 wird die Bedeutung der Denkweise für die Arbeiterbewegung unmißverständlich klar herausgestellt. Deshalb heißt es:

»Die Frage der Denkweise ist für die Arbeiterbewegung so wichtig, daß sie ständig überprüft werden muß; mehr noch, stets muß kontrolliert werden, wer wen beeinflußt.«

Wie aber kann sie überprüft werden? Wie soll die Kontrolle ausgeübt werden? Sind wir in der Lage, hierauf grundsätzlich, konkret und allseitig zu antworten, so wird es besser gelingen, der proletarischen Denkweise zum Durchbruch zu verhelfen. Denn: »Man muß die kleinbürgerliche Denkweise kennen, um sie besser bekämpfen zu können.« (Revolutionärer Weg 15, S. 13)

Wir dürfen nicht annehmen, es sei leicht, die kleinbürgerliche Denkweise zu erkennen. Die Erfahrung lehrt, welche unterschiedlichen Wege und Umwege, ausgeklügelten Methoden und Tricks die kleinbürgerliche Denkweise nötig hat, um sich zu tarnen und ihre Existenz und Wirkung zu vertuschen.

Deshalb kommt den im Revolutionären Weg 15 erstmals analysierten sieben Merkmalspaaren der kleinbürgerlichen Denkweise eine große Bedeutung zu. Ihnen stehen die Merkmale der proletarischen Denkweise unversöhnlich gegenüber. Diese Unversöhnlichkeit bedeutet aber nicht, daß sie in der Wirklichkeit auch leicht erkennbar sind.

Mit dem Revolutionären Weg 15 wurde begonnen, die kleinbürgerliche Denkweise systematisch zu untersuchen: ihre Grundlage, ihr Entstehen, ihre Existenz und Wirkungsweise.

Ihre Ursache liegt in der kapitalistischen Gesellschaft, dem ständigen Entstehen und Untergehen von kleinbürgerlichen Zwischenschichten zwischen den beiden Hauptklassen Bourgeoisie und Proletariat. Kleinbürger werden ihrer Erwerbsweise beraubt, ihnen droht »sozialer Abstieg«, sie müssen in die Fabrik arbeiten gehen. Oder das Monopolkapital zieht aus den oberen Schichten der Arbeiterklasse Kräfte heran und heraus, läßt sie aus ihrer Klasse aufsteigen in das Kleinbürgertum. Mit zahlreichen Fäden ist die Arbeiterklasse mit den kleinbürgerlichen Schichten verbunden.

Mit der Entstehung des staatsmonopolistischen Kapitalismus ist dieser Prozeß der Beeinflussung der proletarischen Klassenkräfte komplizierter geworden. Obwohl nach wie vor objektiv klare Klassenwidersprüche bestehen, auf denen die Monopole ihre Herrschaft aufbauen, sollen und werden diese scheinbar verwischt. Das geschieht vermittels der kleinbürgerlichen Schichten. Sie sind der Träger der kleinbürgerlichen Denkweise, und es ist ihre Aufgabe, diese in die Arbeiterklasse zu tragen. Sie werden dafür mit einer kleinbürgerlichen Lebensweise »belohnt«, solange sie diese Funktion in der Gesellschaft ausüben.

Fernsehen, Werbung, Rundfunk, Reklame usw. usf. sind Mittel, um die Arbeiterklasse ideologisch zu beeinflussen. Vor allem das Fernsehen – von den Monopolen konsequent genutzt – ist eine äußerst gefährliche Waffe, mit der sie systematisch kleinbürgerliche Wünsche, Ziele, Vorstellungen und Hoffnungen in die Arbeiterbewegung träufeln mit Wort und Bild. Noch vor 50 oder 60 Jahren stand die Arbeiterklasse nicht in einem solchen ideologischen Trommelfeuer. Die Widersprüche in der Lebenslage, der Lebensweise, der Moral, der Kultur usw. waren offener und klarer sichtbar: die in der Oberstadt, die in der Unterstadt; zahlreiche klassenbezogene Arbeitervereine, in denen Sozialdemokraten und Kommunisten organisiert waren – die heute nur noch vereinzelt fortbestehen, statt dessen zahlreiche kulturelle Angebote, für Arbeiterjugendliche und kleinbürgerliche Jugendliche gemeinsam organisiert usw. usf.

Deshalb ist es komplizierter geworden, den Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise zu führen. Bildlich gesehen, kann man sich den Kampf der proletarischen Denkweise gegen die kleinbürgerliche so vorstellen wie das Ineinandergreifen der Finger, zunächst nur der Fingerspitzen zweier Hände, die sich berühren. Die eine Hand soll die kleinbürgerliche Denkweise, die andere die proletarische versinnbildlichen. Zunächst treten die Erscheinungsweisen der kleinbürgerlichen Denkweise keineswegs vollständig auf, nur vereinzelt, die Finger berühren sich, aber nicht alle. Es handelt sich um einen Prozeß, in dem schließlich entweder die proletarische Denkweise sich voll über die kleinbürgerliche beherrschend darüber gelegt hat – oder umgekehrt.

Es kommt also darauf an, diesen Prozeß, seine Phasen, seinen Verlauf, seine verschiedenen Seiten, zu untersuchen. Mit dem mehrfachen Kampf der Organisation gegen das Liquidatorentum liegen positive wie negative Erfahrungen vor. Aber nicht nur insoweit. Immer wieder kommt es zu Erscheinungen in unserer Organisation, daß richtige Erkenntnisse und Einsichten trotz guter Absicht nicht in die Praxis des Klassenkampfs umgesetzt werden. Das lahmt den Parteiaufbau in erheblichem Maß und auch unsere Verankerung in der Arbeiterklasse bis hin zur Aufgabe, uns zu proletarischen Führern der Arbeiterklasse zu entwickeln.

Die Untersuchung der kleinbürgerlichen Denkweise hat aber nicht nur diese aktuelle, für den Parteiaufbau ausschlaggebende Bedeutung, sie ist vielmehr für den Aufbau des Sozialismus immer deutlicher erkennbar zu einer Lebensfrage geworden.

Kalinin berichtet, wie die Aneignung des Marxismus-Leninismus in den Arbeiterzirkeln unter dem Zarismus, die Erkenntnis seines Wesens, zu einer Frage von Leben oder Tod geworden war. Im Sozialismus ist das keineswegs anders, geschweige denn leichter geworden. In den immer wieder notwendig werdenden Kulturrevolutionen entbrennt der Kampf um die proletarische Denkweise auf höchster Stufe.

Wir müssen auf die Frage Antwort geben, warum im Sozialismus die Gefahr einer Restauration des Kapitalismus nach wie vor besteht. Das haben wir grundsätzlich bereits im Revolutionären Weg 7–9 untersucht. Insbesondere im Revolutionären Weg 7 und 8 wurde dabei die Frage der Entwicklung des sozialistischen Klassenbewußtseins behandelt. Der Bürokratismus – das Erbe der alten Gesellschaft – ist der Verbündete Nummer l der Restauration der alten Zustände. Die Bürokratie gehört zu den kleinbürgerlichen Schichten im Sozialismus wie im Kapitalismus. Unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats ist es das Bestreben der kleinbürgerlichen Bürokraten, die zentralistische Machtfülle des Proletariats ihres Klasseninhalts zu berauben, sie auszuhöhlen und das eigene Machtstreben an ihre Stelle zu setzen, in der Wirtschaftsverwaltung, dem Staats- und Militärapparat und selbst dem Parteiapparat. Wie die Entwicklung in China zeigt, ist dieser Kampf im Parteiapparat besonders zu beachten.

Denn der Revolutionäre Weg 7, Seite 13, weist auf die Politik Lenins hin, die gegen die »Gefahr der Machtübernahme durch die Bürokratie in Partei, Staatsapparat und Wirtschaft« gerichtet war.

Ich verweise in diesem Zusammenhang auf etliche Anträge an den 4. Zentralen Delegiertentag, die Entwicklung in der Volksrepublik China bis zur Restauration des Kapitalismus durch die Deng/Hua-Clique näher zu untersuchen. Einerseits haben die Genossen nur teilweise beachtet, daß wir eine grundsätzliche Untersuchung über die Restauration des Kapitalismus im Revolutionären Weg 7–9 und den China-aktuell-Broschüren geleistet haben. Andererseits müssen wir uns fragen, inwieweit diese Anträge Ausdruck gewisser Unsicherheiten im Kampf um die proletarische Denkweise sind und unseren Blick auf offene Fragen lenken, die wir grundsätzlich und allseitig beantworten müssen:

Die Analyse der Entstehung und Wirkungsweise der kleinbürgerlichen Denkweise im staatsmonopolistischen Kapitalismus und beim Aufbau des Sozialismus.

»Nur mit einer proletarischen Denkweise kann man das Wesen des Marxismus-Leninismus begreifen« – es genügt nicht, den Marxismus-Leninismus lediglich zu studieren, sagte Genosse W. D. auf dem 4. Zentralen Delegiertentag. Der Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise ist aber komplizierter geworden. Der Erfolg hängt unmittelbar damit zusammen, wie es uns gelingt, die dialektische Methode anzuwenden.

Wir haben es gelernt, fünf Seiten des Parteiaufbaus zu beachten. Die Analyse der Wirkungsweise und des Entstehens der kleinbürgerlichen Denkweise muß diese fünf Seiten zum Gegenstand haben, was unsere eigenen Erfahrungen beim Parteiaufbau angeht: unsere ideologische Arbeit, die Entwicklung und Umsetzung der proletarischen Politik in der Organisationsarbeit, bei der Verwirklichung des demokratischen Zentralismus, bei der richtigen Anwendung des Entwicklungsgesetzes der Organisation: Kritik und Selbstkritik.

Da der Parteiaufbau, da das Begreifen des Wesens des Marxismus-Leninismus, da der Aufbau des Sozialismus mit dem erfolgreichen Kampf um die proletarische Denkweise steht und fällt, müssen wir beraten, wie wir diese Untersuchung anpacken.

M. K.
31. 1. 80

Lieber Genosse W. D.! 20. 4. 79

Wie Du sicher aus dem der Redaktion Revolutionärer Weg bereits zugeschickten Beitrag »Kritik zu Stalins Position zum innerparteilichen Kampf« und aus den Mitteilungen von Zentraler Leitung und Zentraler Kontrollkommission ersehen konntest, gibt es in meiner Ortsgruppe erhebliche Widersprüche zu der Einschätzung Stalins als Klassiker durch unsere Organisation. In dem oben erwähnten Beitrag haben wir geschrieben, daß wir uns auch weiterhin mit diesem Problem befassen wollen und dabei auch die Mithilfe der Organisation brauchen; mit anderen Worten, wir forderten die Genossen auf, eine vertiefte Diskussion über die Bedeutung Stalins zu führen.

Zur Zeit setzen wir uns vor allem mit Deinem Buch »Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion« (Revolutionärer Weg 7–9) auseinander und hier vor allem mit dem ersten Teil (Revolutionärer Weg 7). Dabei bin ich auf eine Stelle gestoßen, die mir erhebliches Kopfzerbrechen bereitet und mir sehr bedenklich erscheint. Es dreht sich um die für die Beurteilung Stalins überaus wichtige Phase der Klassenauseinandersetzungen in den Jahren 1937/38. Über den Umfang der damaligen Säuberungen schreibst Du unter anderem (S. 40):

»Gewiß waren auch Unschuldige durch die Handlungen der Staatsmacht betroffen, nicht zuletzt auch durch die Erbärmlichkeit der kleinbürgerlichen Intelligenzler bedingt, die sich selbst durch gegenseitige Denunziationen, Verleumdungen und falsche ›Geständnisse‹ schadeten und oft ehrliche, dem Sozialismus treu ergebene Menschen der Teilnahme an konterrevolutionären Umtrieben beschuldigten. General Gorbatow, der damals auch verhaftet und dann von Stalin rehabilitiert wurde, schildert in seinem Buch ›Die geköpfte Armee‹ (das in der Sowjetunion verfilmt wurde), wie seine Mitgefangenen ihn überreden wollten, irgend etwas zu ›gestehen‹, was er mit Verachtung zurückgewiesen hatte. Aber diese elenden Kreaturen waren nach Chruschtschow ›unschuldige Opfer‹ Stalins.«

Ich habe vor kurzem das von Dir erwähnte Buch Gorbatows in die Hand bekommen, und es ist mir ehrlich gestanden völlig unverständlich, wie Du Gorbatow als Zeugen für Deine Auffassung heranziehen kannst, ein großer Teil der unschuldigen Opfer sei nicht zuletzt dem unverantwortlichen Handeln kleinbürgerlicher Intelligenzler zuzuschreiben.

Schildert Gorbatow in seinem Buch nicht geradezu ein erschreckendes Bild von fast vollkommener Gesetzlosigkeit, Willkür und brutaler Foltermentalität? Ist Gorbatow nicht vielmehr ein Zeuge der Auffassung, daß die in Deinem Buch beschriebenen Maßnahmen durch nichts zu rechtfertigen waren …?

Mußte man unter diesen Umständen kleinbürgerlicher Intelligenzler sein, um den furchtbaren Foltern, die Gorbatow beschreibt, zu erliegen? Unter solchen Umständen kein Geständnis abzulegen bedeutet doch, Heldenhaftes zu leisten. Darf man denn von der Folter gepeinigte Menschen als »elende Kreaturen« bezeichnen, wie Du es tust? Müssen wir Kommunisten nicht vielmehr diese dem Sozialismus hohnsprechenden Gesetzlosigkeiten verurteilen und uns auf die Seite der Gefolterten stellen und rücksichtslos danach forschen, wie es in einem sozialistischen Staat dazu kommen konnte?

Diese Fragen stellen sich mir, weil ich annehme, daß Du Gorbatow für einen glaubwürdigen Zeugen hältst, da Du ihn im Revolutionären Weg 7 positiv hervorhebst. (Auch ich halte seine Darstellung für glaubwürdig.)

Es kann allerdings sein, daß Du Gorbatows Darstellung in wesentlichen Punkten für falsch hältst. Dann stellt sich aber die Frage, warum Du einen unglaubwürdigen Zeugen zur Bestätigung Deiner These von der Denunziantenmentalität der kleinbürgerlichen Intelligenzler heranziehst und auf welches Material Du Dich stützt, das Gorbatows Aussagen glaubhaft widerlegen würde.

Ich schreibe diesen Brief, weil ich glaube, daß es besser ist, bevor man eine »hochoffizielle« Kritik vom Stapel läßt, sich um eine mögliche Klärung von aufgetauchten Fragen zu bemühen, auch um Voreiligkeiten in der Kritik zu vermeiden.

In diesem Sinne hoffe ich, sobald es Dir möglich ist, auf eine Beantwortung der obigen Fragen. Für Deine Bemühungen im voraus vielen Dank.

Mit kommunistischem Gruß
Sch.



Lieber Genosse Sch.! 15. 5. 79

Deinen Brief vom 20. 4. 79 habe ich am 15. 5. erhalten. Ich habe den Eindruck, daß Ihr Euch in Theoretisieren verstrickt und am Ende vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr seht. Geht nur nicht abstrakt an die Probleme heran!

Ist Stalin ein Klassiker des Marxismus-Leninismus? Bis zum XX. Parteitag der KPdSU hat kein Kommunist daran gezweifelt. Chruschtschows üble Geheimrede, die uns Kommunisten damals von der KPdSU vorenthalten wurde, war das Startsignal zur Verurteilung Stalins, ideologisch und persönlich. Ulbricht und Reimann, die vorher mit Stalin einen übertriebenen Kult getrieben hatten, erklärten nach ihrer Rückkehr vom XX. Parteitag: »Stalin ist kein Klassiker!« Es besteht doch wohl in Eurer Ortsgruppe kein Zweifel darüber, daß Ulbricht und Reimann zu den modernen Revisionisten gerechnet werden müssen. Ihr Urteil ist also nicht vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus geprägt, sondern vom Revisionismus. Ob ihr Urteil auf eigenem revisionistischen Mist gewachsen ist oder ob sie es von den Oberrevisionisten aus Moskau bedenkenlos übernommen haben, ist dabei nebensächlich. Die Ursache der Verurteilung Stalins ist die revisionistische Entartung der Bürokratie.

Man muß die gesamten Werke Stalins heranziehen, um festzustellen, ob Stalin ein Klassiker des Marxismus-Leninismus ist. Leider wurden die letzten vier Bände nicht mehr ins Deutsche übersetzt (auf russisch gibt es 20 Bände), trotzdem lassen die bisher ins Deutsche übersetzten Werke vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus den Schluß zu, daß Stalin ein Klassiker ist. Heißt das nun, daß Stalin keine Fehler gemacht hat? Keineswegs!

Stalin hat Fehler gemacht, und wir haben in verschiedenen Nummern des Revolutionären Wegs bestimmte Fehler kritisiert und das auch nachgewiesen. Aber deshalb bleibt Stalin doch ein Klassiker des Marxismus-Leninismus. In der dialektischen Einheit von Weiterentwicklung des Marxismus und einzelnen ideologischen Fehlern ist bei Stalin die Weiterentwicklung des Marxismus die Hauptseite, und nur Revisionisten werden das nicht akzeptieren.

Dasselbe gilt für die Beurteilung Mao Tsetungs als Klassiker des Marxismus-Leninismus. Hier liegt der entscheidende Fehler der Führung der Partei der Arbeit Albaniens; sie gerät dabei in das Fahrwasser der modernen Revisionisten, sowohl der sowjetischen wie auch der chinesischen revisionistischen Führung. Die chinesische Führung hält sich aus taktischen Gründen bei der Verurteilung Mao Tsetungs noch zurück, obwohl sie in ihren Handlungen bereits Revisionisten sind. Die spanischen Revisionisten gehen schon so weit, auch Lenin aus den Reihen der Klassiker zu streichen, und das ist nur folgerichtig von ihrem revisionistischen Standpunkt aus. Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tsetung müssen konsequenterweise von allen Revisionisten als Klassiker abgelehnt werden, auch wenn sie den einen oder anderen aus Opportunitätsgründen oder aus Tarnung noch als Firmenschild benutzen. Das ist die Kernfrage: Wer sich ideologisch auf den revisionistischen Weg begibt, muß auf kurz oder lang in Widerspruch zu der Anerkennung der Klassiker des Marxismus-Leninismus geraten, zuerst mit dem einen, dann mit dem anderen, zuletzt mit allen.

Obwohl Stalin ein Klassiker des Marxismus-Leninismus ist, hat er einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hat entgegen der Auffassung Lenins und auch im Gegensatz zu dem, was er selber zum Ausdruck gebracht hatte, nämlich die Massen zum Kampf gegen die Bürokratie zu mobilisieren, darauf verzichtet und statt dessen den Staatssicherheitsdienst gegen die Bürokratie eingesetzt (was zum Teil notwendig war). Dieser Apparat war selber verbürokratisiert. Hier liegt der Punkt, den Du in dem Buch »Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion« nicht verstanden hast. Auf Seite 40 habe ich auf Gorbatow hingewiesen, der durch die Mühle des Staatssicherheitsdienstes gedreht worden war. Ich halte die Schilderung Gorbatows im großen ganzen für wahrheitsgetreu, und ich habe deshalb darauf hingewiesen, weil er den Bürokratismus des Staatssicherheitsdienstes, ohne die Bedeutung zu verstehen, klar aufgezeigt hat:

– Administrative Maßnahmen und schematische Anwendung — statt ideologisch-politische Erziehungsarbeit,

– Gleichmacherei, alle über einen Kamm scheren – statt Differenzierung zwischen aufrichtigen Menschen und Heuchlern, zwischen ehrlichen Revolutionären und verbrecherischen Konterrevolutionären,

– keine Unterscheidung zwischen Widersprüchen im Volk und Widersprüchen zwischen uns und dem Feind,

– Geständnisse durch Einschüchterung am laufenden Band – statt offene, ehrliche Selbstkritik durch Überzeugung.

Das alles kommt in Gorbatows Schilderung zum Ausdruck; das ist das Wesentliche, hier kommt der Bürokratismus des Staatssicherheitsdienstes zum Ausdruck, der nicht weniger gefährlich ist als der Bürokratismus in Partei, Staat und Wirtschaft. Damit ist keine Beurteilung Gorbatows gegeben, denn sein Buch und Film konnten nur mit Zustimmung der führenden Revisionisten veröffentlicht werden. Diese wollten damit Stalin treffen.

Damit ist auch noch nichts über die Anwendung der Mittel gesagt, wozu ich nur sagen will, daß gegenüber unbelehrbaren Konterrevolutionären jedes Mittel angebracht ist. Die Konterrevolutionäre sind gegen Revolutionäre nie zimperlich vorgegangen, vielfach sind die grausamsten Mittel noch mit persönlichem Sadismus verbunden gewesen, was ich im Konzentrationslager selber erlebt habe. Und ich kann Dir sagen, daß ich bei Vernehmungen durch die Gestapo nicht nur mißhandelt worden bin, sondern vor der Frage gestanden habe: entweder Aussagen zu machen oder totgeschlagen zu werden, und ich habe trotzdem über Personen die Aussage verweigert. Stellt Euch auch mal die Frage, was Ihr tun würdet. Sollen Revolutionäre, wenn sie die Macht haben, die Konterrevolutionäre mit Samthandschuhen anfassen?

Wenn aber dieselben Mittel, die gegen Konterrevolutionäre angebracht und notwendig sind, auch auf werktätige Menschen angewandt werden, die gewisse Widersprüche haben, die aber Widersprüche im Volk sind, dann ist das ein Verbrechen, dann müssen die zur Verantwortung gezogen werden, die solche Mittel gegen die werktätigen Menschen anwenden. Wurde das etwa nach dem XX. Parteitag getan? Die neue Bürokratie in Partei, Staat und Wirtschaft verwendet denselben Staatssicherheitsdienst für ihre eigenen Zwecke, so wie sie die verbürokratisierte Armeeführung für die Verteidigung des Kapitalismus neuen Typs verwendet.

Stalins Kampf gegen die Bürokratie durch eine andere Bürokratie war sein größter Fehler. Diese Art wurde noch gefördert durch das Verhalten der beschuldigten Bürokraten, besonders der kleinbürgerlichen bürokratischen Intelligenzler, die sich oft drehen und wenden, kriechen und radfahren, um Karriere zu machen, die nach außen den Biedermann spielen, innerlich aber Konterrevolutionäre sind. Es sind verachtungswürdige Burschen, die, um ihre Haut zu retten und ihre Position zu halten, durch sogenannte Geständnisse andere beschuldigen und Unschuldige schädigen. Sie haben durch ihr Verhalten mit dazu beigetragen, daß der Staatssicherheitsdienst nicht ideologisch-politisch, sondern bürokratisch an die Untersuchungen heranging und dabei selber mehr und mehr schematisch-bürokratisch handelte. Das Ergebnis ist, daß trotz Bekämpfung der Bürokratie durch den Staatssicherheitsdienst die Bürokratie den Sozialismus aufgeben und die Restauration des Kapitalismus vornehmen konnte. Auch die Armeeführung hat das nicht verhindert.

Es gibt nur ein Mittel zur Lösung des Problems der Bürokratie: daß die Massen zum Kampf gegen die Bürokratie mobilisiert werden. Das hat Lenin immer wieder gefordert, Stalin wiederholt, aber nicht verwirklicht und Mao Tsetung durch die Große Proletarische Kulturrevolution praktiziert, wobei mehrere Kulturrevolutionen notwendig werden, um endgültig durch proletarische Erziehung über die Bürokratie zu siegen. Es bleibt die Alternative:

Sieg der Bürokratie bedeutet Sieg der Konterrevolution!

Sieg der Kulturrevolution bedeutet Sieg des Sozialismus!

Ich hoffe, Dir und den Genossen mit diesem Beitrag gedient zu haben.

Rot Front!
Willi

Liebe Genossen! 14. 5. 75

Vor kurzer Zeit diskutierten wir – zwei Mitglieder und eine Sympathisantin der KSG – gemeinsam über die »Stalin-Frage«. Dabei stützten wir uns auf den »Zweiten Kommentar zum Offenen Brief des ZK der KPdSU« der KP Chinas und auf den Revolutionären Weg 7.

Folgende Erkenntnisse schienen uns besonders wichtig:

  • Die KP Chinas betont: »Vermutlich wird in diesem Jahrhundert eine endgültige Bestimmung dieser Frage unmöglich sein …« (Kommentar S. l, Ausgabe des KAB(ML), Tübingen 1970). Deshalb konnte es uns nicht darum gehen, alle möglichen Einzelfragen und Vorwürfe gegen Stalin zu diskutieren, bei denen wir zwischen Lüge und Wahrheit sowieso nicht unterscheiden können. Es ging uns darum, die grundsätzliche Herangehensweise an das Problem zu klären. Die chinesischen Genossen und der Revolutionäre Weg behandeln den Widerspruch zu Stalin als einen Widerspruch im Volk – das ist ein grundlegender Unterschied zu den Revisionisten, der deren wahre Absichten deutlich macht.
  • Eine materialistische Herangehensweise – wie Ihr sie auch aus dem »Kommentar« (S. 48f.) zitiert und im Revolutionären Weg praktiziert – erfordert eine genaue Betrachtung der historischen Situation in der UdSSR. Dabei ist es notwendig, den besonderen Problemen und Bedingungen Rechnung zu tragen. Der Revolutionäre Weg 7, 8, 9 hat dazu einen großen Beitrag geleistet: Er zeigt die materialistischen Ursachen für Bürokratisierung und schließlich Abschaffung des Sozialismus in der UdSSR auf.
  • Nur auf dieser Grundlage ist es möglich, die für die Person Stalins wichtigen Fragen prinzipiell zu erkennen.

Allerdings haben wir bei dieser grundsätzlichen Übereinstimmung mit dem Revolutionären Weg 7 dennoch einen wichtigen Widerspruch: Wir meinen, daß zur Person Stalins nicht immer hart und konsequent argumentiert wird. Auf Seite 30/31 wird ausgeführt, daß die neue Bürokratie im Partei-, Wirtschafts- und Staatsapparat sowie in den Gewerkschaften und Jugendorganisationen zum Haupthindernis eines einheitlichen Handelns wurde.

Ihr führt aus, daß Stalin auf dem VIII. Kongreß des KJV zur Bekämpfung der Bürokratie den prinzipiell einzig richtigen Weg angibt: die Mobilisierung und Organisierung der Massen. Gleichzeitig schreibt Ihr aber: »Stalin führte wohl schonungslos den Kampf gegen die Bürokratie von oben, aber mit Hilfe desselben Apparats, gegen dessen Auswüchse er zu Felde zog.« (Hervorhebung von uns)

Bedeutet das nicht in der Konsequenz,

  • daß durch den Kampf gegen die Bürokratie »von oben« die Bürokratie noch verstärkt wurde, daß stellvertretend für die Massen gehandelt wurde und damit auch eine wirkliche Mobilisierung nicht stattfand?
  • daß bei Stalin ein starkes Mißverhältnis zwischen Theorie und Praxis vorhanden war, also auch eine gewisse Abgelöstheit von der Realität?

Auch wenn die Entwicklung in der Sowjetunion historisch bedingt war, weil die wichtige Erfahrung der Kulturrevolution erst auf Grundlage der Entwicklung in der Sowjetunion gemacht werden konnte, so meinen wir doch, daß die Fehler Stalins nicht mit dem Hinweis »war darum historisch bedingt« (S. 31) abgeschwächt werden dürfen. In ihrem Kommentar heben die chinesischen Genossen diese Fehler sehr deutlich hervor (S. 6) – aber sie schwächen sie nicht ab, sondern sie ordnen sie ein und kommen zu dem Ergebnis, daß es sich um Widersprüche im Volk handelt – deshalb sind die Fehler Stalins sekundär. »Sekundär« heißt nach unserem Verständnis nicht, daß sie unwichtig sind, sondern gibt Aufschluß darüber, wie sie behandelt werden müssen. Gerade wir Kommunisten müssen Fehler schonungslos aufdecken und kritisieren, um daraus zu lernen, auch und gerade wenn es sich um Widersprüche im Volk handelt.

Auf Seite 34/35 führt Ihr aus, daß Malenkow die Gefahr des Bürokratismus grundsätzlich zwar erkannte, aber einer vollkommenen Unterschätzung der tatsächlichen Situation aufsaß. Ihr führt dazu aus: »Anstatt Alarm zu schlagen ..., trat eine verhängnisvolle Vernachlässigung dieses notwendigen Kampfes ein« (S. 34). »Es ist nicht zu verstehen, daß neben einer durchaus richtigen Einschätzung der Gefahr … immer wieder eine gefährliche Unterschätzung der wahren Situation zu Tage tritt. Das ist um so erstaunlicher …« (S. 35, Hervorhebungen von uns)

Wir sind der Meinung, daß die Ursachen dafür in besagtem Mißverhältnis von Theorie und Praxis sowie gewissen Tendenzen zum stellvertretenden Handeln zu suchen sind. Deshalb halten wir die unwissenschaftlichen Termini »nicht zu verstehen« und »erstaunlich« hier nicht für angebracht: Sie sind geeignet, eine konsequente Weiterführung der Argumentation zu verhindern.

Im Revolutionären Weg 7 wird der Ausdruck »titanenhafte Persönlichkeit Stalins« gebraucht. Wenn damit das Ansehen Stalins unter dem russischen Volk, seine Rolle als Führer der sozialistischen Sowjetunion gegenüber der jetzigen revisionistischen Clique hervorgehoben werden soll, so halten wir diesen Ausdruck für ungeeignet. Der gemeinte Sachverhalt wird durch das Wort »titanenhaft« nicht aufgehellt, im Gegenteil: Er wird mißverstanden als psychologische Abgrenzung gegenüber der »Jämmerlichkeit« Chruschtschows und in diesem Zusammenhang als Ergebnis des Personenkults gewertet. Wir meinen, daß solche Formulierungen durch entsprechend sachliche Beschreibung der gemeinten Sachverhalte ersetzt werden müßten.

Wir hoffen sehr, daß sich unsere Widersprüche klären lassen.

Mit solidarischen Grüßen! Sigrid, Wolfgang, Wolfgang



An die Genossen

Sigrid, Wolfgang und Wolfgang
über die Ortsleitung der KSG 19. 6. 75

Liebe Genossen!

Eure Diskussion über die Stalinfrage mit dem Ziel, eine grundsätzliche Klärung herbeizuführen, kann zu keinem Ergebnis führen, weil einfach das dazu notwendige Material fehlt; selbst die Kommunistische Partei Chinas ist nicht in der Lage, gegenwärtig die Stalinfrage restlos zu klären. Erst wenn die Archive der Sowjetunion geöffnet würden, könnte das aufklärende Material verarbeitet werden. Auch der programmatische Aufruf der revolutionären Kommunisten der Sowjetunion, der die Stalinfrage ziemlich ausführlich behandelt, ist nur auf die Verteidigung Stalins gegen die modernen Revisionisten ausgerichtet – und das war notwendig.

Ihr schreibt: »Wir meinen, daß zur Person Stalins nicht immer hart und konsequent argumentiert wird.« Dazu sind wir weder in der Lage (denn eine solche Kritik muß fundiert sein), noch als kleine Gruppe autorisiert. Das kann nur von einer internationalen Kommission gemacht werden, die über alles notwendige Material verfügt. Wir können nur von dem ausgehen, was uns zur Verfügung steht, und das ist geschehen. Wenn wir sagen, die Fehler Stalins waren »historisch bedingt«, so bedeutet das keine Abschwächung der Kritik an Stalin, sondern eine Erklärung, soweit sie uns möglich erscheint.

Die Rückständigkeit des Landes, das Übergewicht kleinbürgerlicher Schichten, der verschärfte Klassenkampf gegen die innere und äußere Bourgeoisie mußten notwendigerweise durch die stärkste Zentralisierung der Staatsmacht als Hauptseite der proletarischen Demokratie ausgedrückt werden. So entwickelte sich »historisch bedingt« ein mächtiger Staatssicherheitsdienst. Stalins Fehler war, daß er sich immer mehr auf den Staatssicherheitsdienst verließ. Auch das kam nicht von ungefähr, denn Stalin verfolgte die Hauptträger der kleinbürgerlichen Ideologie im Land, die sich maskierten, ihr Gesicht veränderten, sich der Situation anpaßten, sie bildeten eine Art »fünfte Kolonne«. Durch den Staatssicherheitsdienst wurden sie verfolgt, entlarvt und durch die »Moskauer Prozesse« verurteilt. So notwendig das war, damit trat der Staatssicherheitsdienst immer mehr in den Vordergrund, auch im Kampf gegen eine neue Bürokratie, eine mit dem Parteibuch in der Tasche, die durch eine kleinbürgerliche Lebensweise verbunden mit Privilegien entartete. Diese Entwicklung wurde durch die zentralistische Planwirtschaft, durch die eine breite Mitwirkung der Massen verhindert wurde, und durch den Rückgang der Verbreitung der sozialistischen Ideologie in den Massen beschleunigt und vertieft.

Soweit läßt sich die Entwicklung in der Sowjetunion unter Stalin von unserer Warte aus erklären – alles weitere ist Spekulation. Manche Vorgänge können wir als Außenstehende nicht verstehen, ohne daß dadurch eine »konsequente Weiterführung der Argumentation« verhindert wird. Manche Ursachen werden nie aus den Akten ergründet werden.

Ich will versuchen, das an einem Beispiel aus der jetzigen Situation in den KSG verständlich zu machen. Bei der Untersuchung hat die Zentrale Kontrollkommission zu ergründen versucht, wieso eine derartige Verletzung der Prinzipien des Marxismus-Leninismus durch Mitglieder der Zentralen Leitung möglich sei. Noch zwei Tage vor dem 2. Zentralen Delegiertentag habe ich Th. eingehend befragt, er solle doch ganz offen darlegen, wie das geschehen konnte, er habe doch den Revolutionären Weg 10 gründlich studiert, die Prinzipien »Demokratischer Zentralismus« und »Kritik und Selbstkritik« anerkannt und selber propagiert, warum dann die Verstöße, die doch nicht aus voller Absicht wie bei einem Parteifeind erfolgt seien? Er faßt sich an den Kopf und erklärt verzweifelt: »Ich habe darüber nachgegrübelt, ich kann es nicht erklären!« Kein einziges Mitglied der Zentralen Leitung kann sich die Vorgänge erklären, und wenn einer meint, das sei auf eine kleinbürgerliche Einstellung und Denkweise zurückzuführen, dann ist das nur teilweise richtig. Die Zentrale Kontrollkommission erklärt sich das im wesentlichen so: Die betreffenden Genossen haben die Prinzipien des Marxismus-Leninismus studiert und verstandesmäßig als richtig anerkannt, so wie viele sich ein Buchwissen über die marxistisch-leninistische Theorie aneignen, aber das Wesen des Marxismus-Leninismus nicht begreifen. Die Begriffe der Prinzipien werden verstandesmäßig erfaßt, doch dringt man nicht bis in das Wesen der Prinzipien ein. Das ist ein Widerspruch, dem viele unterliegen; dafür kann ich viele Beispiele anführen.

Ich versuche immer wieder zu ergründen, wieso ganze kommunistische Parteien (bei Einzelpersonen ist das klar) wie zum Beispiel die KPD, der ich vor 50 Jahren beitrat, revisionistisch entarten konnten. Als ich in der Kaderabteilung tätig war, habe ich Tausende Genossen für die verschiedenen Lehrgänge der Parteischulen geprüft, ihre ideologische Entwicklung verfolgt und ihren Einsatz entsprechend ihrem ideologischen Niveau vorgeschlagen. Sie haben doch alle eine bestimmte, wenn auch unterschiedliche Grundlage des Marxismus-Leninismus erhalten und Erfahrungen im Kampf gesammelt. Warum machen sie den revisionistischen Kurs mit? Sie können doch unmöglich in das Wesen des Marxismus-Leninismus eingedrungen sein, sonst müßten sie diese revisionistische Linie verurteilen. Mit der subjektiven Erklärung: »Es sind alles Verräter!« ist das Problem nicht gelöst. Wir bemühen uns heute, aus der negativen Entwicklung der KPD/DKP zu lernen und in grundsätzlicher Hinsicht eine Reihe Dämme gegen eine revisionistische Entartung zu errichten.

Was die Stalinfrage anbelangt, kann sie heute nicht restlos geklärt werden. Wir haben im Revolutionären Weg 7–9 als einzige Organisation den Versuch einer Analyse der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion gemacht und, soweit wie es uns möglich war, die Rolle Stalins zu erklären versucht. Euer Verlangen, Stalins Fehler stärker herauszuarbeiten, »hart und konsequent zu argumentieren«, ist für uns unmöglich, ohne in Spekulationen zu verfallen. Das ist auch gegenwärtig falsch, weil uns das im Kampf gegen den Revisionismus, die gegenwärtige Hauptgefahr innerhalb der Arbeiterbewegung, nur ablenken würde.

Stellen wir die Verdienste und Fehler Stalins nebeneinander, dann sind die Verdienste primär, seine Fehler sekundär. Wir haben keine Ursache, das umzudrehen, denn das würde Wasser auf die Mühlen der Revisionisten leiten. Es ist sinnlos, sich an der Stalinfrage festzubeißen, statt den offensiven Kampf gegen die Revisionisten zu führen. Das bitte ich Euch zu überlegen.

Mit kommunistischem Gruß
Redaktion des Revolutionären Wegs
i. A. Willi