Die dialektische Methode in der Arbeiterbewegung

Mit dem REVOLUTIONÄREN WEG 6 sollte die Partei auf das selbstständige Denken und Handeln der Mitglieder orientiert werden. Das Thema dieses Buchs war jedoch nicht unumstritten! Führende Genossen des KAB/ML vertraten gegenüber Willi Dickhut, dem Leiter der Redaktion des REVOLUTIONÄRER WEG, zunächst die Meinung, das für die praktische Arbeit der Organisation andere Themen im Vordergrund stehen würden.

Der Revolutionäre Weg 6 legt das Wesen der dialektischen Methode dar, wie sie von Marx und Engels begründet und von Lenin, Stalin und Mao Tsetung weiterentwickelt wurde. Das Buch wendet die dialektische Methode dann auf die Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der BRD, insbesondere auf den Parteiaufbau an. Anschaulich werden in diesem REVOLUTIONÄRER WEG Lenins „Bestimmungen der Dialektik“ behandelt. Besonderen Wert legt der REVOLUTIONÄRER WEG Nr. 6 auf die dialektische Einheit von Theorie und Praxis, sowie die Bestimmung der drei Etappen des proletarischen Klassenkampfs in Deutschland.

Die dialektische Methode in der Arbeiterbewegung

Erschienen: 1971

Am 29. April 1904, wurde Willi Dickhut in Schalksmühle geboren. Er starb am 8. Mai 1992 in Solingen - auf den Tag genau 47 Jahre nach der Befreiung vom Hitler-Faschismus. Willi Dickhut war Arbeiter, Marxist-Leninist, Widerstandskämpfer gegen den Hitler-Faschismus, Mitbegründer und Vordenker der MLPD.

Er hat lange Jahre das theoretische Organ REVOLUTIONÄRER WEG der MLPD geleitet. Sein Lebenswerk umfasst nahezu ein ganzes Jahrhundert Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung in Deutschland. Er hat den Stil der MLPD entscheidend mit geprägt. Ein besonderes Anliegen war ihm, kritisch-selbstkritisch und selbständig denkende und handelnde Kader zu entwickeln, als Damm gegen Dogmatismus, Revisionismus oder gar eine Entartung der Partei.

Leseprobe

Vorwort zur 4. Auflage

7

I. Die idealistische und materialistische Dialektik

1. Die dialektische Methode von Hegel

12

2. Die Dialektik von Marx und Engels

17

3. Lenins »Bestimmung der Dialektik«

28

II. Einige Grundfragen der dialektischen Methode

1. Objektivismus und Subjektivismus

31

2. Die Beziehungen und Entwicklung der Dinge und die Begriffsbestimmung

50

3. Kausalität – Notwendigkeit und Zufälligkeit

57

III. Die konkrete Anwendung der dialektischen Methode

1. Einheit und Kampf der Gegensätze

71

2. Analyse und Synthese

96

Vorwort zur 4. überarbeiteten Auflage

Der REVOLUTIONÄRE WEG 6 »Die dialektische Methode in der Arbeiterbewegung« stellt die Grundlagen der Dialektik in kurzer und konkreter Form dar. Damit eignet er sich gut als Einführung in die im Januar 1988 erschienene Schrift »Die dialektische Einheit von Theorie und Praxis« (REVOLUTIONÄRER WEG 24).

Wir haben uns aus diesen Gründen zur Herausgabe einer vierten, überarbeiteten Auflage des REVOLUTIONÄREN WEGS 6 entschlossen. Im großen und ganzen wurden bei der Überarbeitung keine inhaltlichen Änderungen vorgenommen, wohl aber bei der Gliederung.           

Der Inhalt wurde statt in zwei nunmehr in drei Kapitel aufgeteilt, wobei das III. Kapitel aus den beiden Abschnitten 3. und 4. des früheren Kapitels II zusammengestellt wurde.

Da in der ersten Auflage die Quellenangaben nur ungenügend angegeben waren, ist das in der jetzigen Auflage nachgeholt worden. Dabei wurden Zitate von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tsetung entsprechend den neuesten Ausgaben der jeweiligen Werke redigiert (zwischen älteren und neueren Ausgaben gibt es Übersetzungsunterschiede).

Zur Auflockerung des Textes wurden zahlreiche Stellen hervorgehoben und Zwischenüberschriften eingefügt. Zur besseren Übersicht wurde der jeweilige Abschnitt mit Kolumnentiteln versehen.

Zentralkomitee der MLPD
März 1988

Die Weltanschauung der Kommunisten ist der dialektische und historische Materialismus. Dieser ermöglicht der marxistisch-leninistischen Partei, auf der Grundlage einer allseitigen Analyse entsprechend der historischen Bedingungen, eine richtige Strategie und Taktik zu entwickeln, konkrete Aufgaben der jeweiligen Situation zu stellen, die Kräfte zu sammeln und entsprechend der Entwicklung des Kampfes richtig einzusetzen.

Der dialektische und historische Materialismus wurde von Marx und Engels begründet und von Lenin, Stalin und Mao Tsetung weiterentwickelt. Engels stellte die grundlegende These von der materiellen Einheit der Welt auf, wies aber gleichzeitig auf die relativen Grenzen unserer Erkenntnis hin, denn was wissen wir zum Beispiel von dem Sein oder Nichtsein eines Lebewesens auf anderen Planeten. Aber die menschliche Erkenntnis wird mit jedem Tag erweitert; durch immer neuere, umwälzendere Forschungen der Wissenschaft wird der Gesichtskreis ständig vergrößert, werden neue Seiten und Zusammenhänge der materiellen Welt aufgedeckt. Die Geschichte der Kulturvölker ist deshalb eine Geschichte des Strebens und Forschens nach der Erkenntnis der Welt. Und trotz aller reaktionären Gegenströmungen der bürgerlichen Philosophie bricht sichtbar die grundlegende Erkenntnis durch: Die Welt ist sich bewegende Materie!

Der Materialismus vor Marx und Engels war nicht konsequent, vielmehr machte er mehr oder weniger »reaktionäre« Konzessionen an den Idealismus. Dieser »alte« Materialismus, vornehmlich der des 18. Jahrhunderts, wies nach Marx und Engels folgende Hauptmängel auf:

1. war er »vorwiegend mechanisch«, die Mechanik war zu einem gewissen Abschluß gekommen. Chemie und Biologie befanden sich im Anfangsstadium und wurden daher unberücksichtigt gelassen (die Theorie der elektrischen Materie war zu der Zeit noch unbekannt), Funktionen pflanzlichen und tierischen Lebens wurden mechanisch und der Mensch zur Maschine erklärt.

2. war dieser Materialismus unhistorisch, unfähig, die »Welt als einen Prozeß« aufzufassen; er war darum undialektisch. Man sah die ewige Bewegung in der Natur als einen Kreislauf an mit gleichbleibenden Ergebnissen. Den Gedanken an eine Entwicklungsgeschichte der anorganischen und organischen Natur anzunehmen, war entsprechend dem damaligen Stand der Naturwissenschaft unmöglich.

3. betrachteten die alten Materialisten auch die Geschichte unhistorisch, indem sie

»... ›das menschliche Wesen‹ als Abstraktum und nicht als ›das Ensemble der‹ (konkret-historisch bestimmten) ›gesellschaftlichen Verhältnisse‹ auffaßte und deshalb die Welt nur ›interpretierte‹, während es darauf ankommt, sie ›zu verändern‹, d. h., daß man die Bedeutung der ›revolutionären, der praktischen Tätigkeit‹ nicht begriff.« (Lenin, Werke, Bd. 21, S. 41)

Somit ist der alte Materialismus (eingerechnet den der heutigen bürgerlichen Wissenschaftler, die ihn in dieser Form vertreten) ein metaphysischer Materialismus. Das bedeutet, daß der dialektische Materialismus die am weitesten entwickelte Form des Materialismus ist. Der dialektische Materialismus ist eine Weltanschauung. Dialektisch ist die Methode der Erforschung der Naturerscheinungen und die Erkenntnis dieser Erscheinungen; materialistisch ist die Deutung, die Auffassung, die Theorie der Erscheinungen. Beide bilden eine untrennbare Einheit. Jeder Versuch, diese Einheit zu trennen, ist Metaphysik. Was bedeuten Dialektik und Metaphysik?

Briefwechsel und Dokumente

Kritik der Ortsgruppe Saarbrücken am Revolutionären Weg 6

Lieber Genosse Willi! 30. 10. 72

In ihrem letzten Gruppenbericht schreiben die Genossen aus Saarbrücken folgendes:

»Im Revolutionären Weg 6 halten wir die Darstellung der Losungen in den verschiedenen Etappen des Klassenkampfs für falsch. Die Aussage: In der Etappe ohne revolutionäre Situation ›müssen Teillosungen und Teilforderungen aufgestellt werden‹ (S. 57), ist allein nicht richtig. Nach Stalin müssen wir Aktions-, Agitations- und Propagandalosungen unterscheiden. Es ist falsch, von Aktionslosungen nur beim unmittelbaren Machtkampf zu reden, wie es im Revolutionären Weg auf Seite 58 getan wird. Richtig wäre etwa folgende Darstellung: Die Losungen ›Für den Sozialismus‹ und ›Für die Diktatur des Proletariats‹ sind in der gegenwärtigen Etappe Propagandalosungen. In einer revolutionären Situation werden sie (in eventuell abgewandelter Form) zu Aktionslosungen. Aktionslosungen in der heutigen Etappe sind Losungen, die Teilforderungen beinhalten. Aber auch schon heute müssen wir weitergehende Agitations- und Propagandalosungen aufstellen. Die Darstellung im Revolutionären Weg 6 klingt so, als könnten wir heute nur Teilforderungen aufstellen und nicht auch gleichzeitig die Notwendigkeit der Revolution und der Diktatur des Proletariats propagieren.«

Soweit die Kritik aus dem Gruppenbericht. Schick doch bitte Deine Antwort an die Organisationsabteilung. Wir werden dann sofort die Beantwortung weiterleiten. Kurze Charakterisierung der Ortsgruppe: Stützpunkt, zwei Genossen, beide studieren noch; der eine Genosse ist seit der Gründung unserer Organisation dabei, er ist ruhig und besonnen, aktiv; die Ortsgruppe konnte sich bisher trotz großer Aktivitäten, vor allem unter den Saar-Kumpeln, nicht erweitern; es fehlt das proletarische Element.

Rot Front!
F.

Liebe Genossen! 9. 11. 72

Es wurde mir von der Organisationsabteilung der Zentralen Leitung die Kritik aus Eurem Bericht zur Stellungnahme zugeleitet. Ich nehme an, daß Ihr den Bericht bereits vor dem Erscheinen der Roten Fahne 10 mit der Beilage gegen die ultralinke Linie des »Roten Morgen« geschrieben hattet.

Die Schriftenreihe Revolutionärer Weg soll einen gewissen Umfang nicht überschreiten, das heißt keinen Buchumfang haben. Das bedingt eine oft allzu knappe Fassung in einzelnen Punkten. Da aber alle Themen im Zusammenhang stehen, wird in den einzelnen Nummern des Revolutionären Wegs jeweils zu einem bestimmten Problem konkreter Stellung genommen. Der Revolutionäre Weg 6 soll die dialektische Methode kennzeichnen, wobei die Objekte der Anwendung dieser Methode jeweils nur kurz gestreift wurden, um vom Kern nicht abzuschweifen. Unter diesem Gesichtspunkt wurden die Etappen des Klassenkampfs nur grob skizziert, ohne die Fragen der Strategie und Taktik jeder Etappe ausführlich zu behandeln, weil das Thema Strategie und Taktik später zusammenfassend in einer Nummer behandelt werden soll. Trotzdem hätte zu den Etappen etwas mehr gesagt werden sollen, weil das im ideologischen Kampf gegen die Ultralinken, die eine Etappe ohne revolutionäre Situation ablehnen beziehungsweise ignorieren (»Haupttendenz in Westdeutschland ist Revolution«), wichtig war. Das war aber während der Bearbeitung des Themas vor fast zwei Jahren nicht vorauszusehen. Darum sollte die Beilage in der Rote Fahne 10 eine Ergänzung darstellen.

Unser Endziel beziehungsweise Fernziel ist die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse und der Aufbau des Sozialismus. Dieses Ziel muß ständig und zu jeder Zeit beziehungsweise in jeder Etappe propagiert werden. Die Erreichung dieses Ziels ist ein Prozeß, der nur in Etappen vor sich gehen kann – man kann keine Etappe überspringen. Eine Revolution kommt nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Dieser Prozeß wird auch durch die jeder Etappe entsprechenden Hauptlosungen gekennzeichnet: Teillosung – Übergangslosung – Aktionslosung. Unter Aktionslosung ist natürlich die revolutionäre Aktion, der Kampf um die Macht, zu verstehen und nicht taktische Aktionen zur Durchsetzung bestimmter Teilforderungen, wie sie in unserem Aktionsprogramm aufgestellt wurden. Agitationslosungen stehen immer in Verbindung mit den Hauptlosungen, nur jeweils mit einem anderen Inhalt, das heißt entsprechend der Strategie und Taktik jeder Etappe. Die Agitation des »Roten Morgen« zum Beispiel stützt sich auf die Annahme einer revolutionären Situation in Westdeutschland, die jetzt nicht vorhanden ist; darum ist sie nicht nur falsch, sondern auch schädlich, weil sie von den breiten Massen nicht verstanden und darum nicht befolgt wird. Ich verweise auf das Leninzitat unten links auf der zweiten Seite der Beilage. Wir dürfen darum nicht, wie Ihr meint, »weitergehende Agitationslosungen aufstellen«; dafür sind heute die Propagandalosungen da, die aber nicht abstrakt herausgestellt werden sollen, vielmehr sollen wir sie geschickt mit dem täglichen Kampf verbinden.

In der ersten Etappe des Klassenkampfs befaßt sich die Agitation hauptsächlich mit der Mobilisierung der Massen und der Vorbereitung von ökonomischen und politischen Kämpfen. Die Agitationslosungen fallen noch nicht unmittelbar mit den Propagandalosungen zusammen. Erst beim Übergang zur zweiten und besonders zur dritten Etappe werden die Propagandalosungen mehr und mehr zu unmittelbaren Agitationslosungen mit der Ausrichtung auf den Übergang zur und die Durchführung der revolutionären Aktion. Agitations- und Propagandalosungen verbinden sich in Aktionslosungen. Man darf Agitationslosungen zum Beispiel der dritten Etappe nicht auf die erste Etappe übertragen – das wäre Linksopportunismus. Man darf sich in einer revolutionären Situation auch nicht auf Agitationslosungen beschränken, die für die erste Etappe angebracht sind – das wäre Rechtsopportunismus.

Agitationslosungen müssen der jeweiligen Etappe angepaßt werden, dagegen sind Propagandalosungen gleichbleibend, denn sie sind auf das Ziel beschränkt. Agitationslosungen finden ihren Niederschlag in der ersten Etappe in Teilforderungen, in der zweiten Etappe in Übergangsforderungen und in der dritten Etappe in Forderungen, die mit dem bewaffneten Kampf verbunden sind. All das sind Fragen, die später einmal zusammengefaßt unter dem Titel »Strategie und Taktik im Klassenkampf« ausführlicher behandelt werden sollen.

Eure Kritik ist berechtigt, was die allzu kurze Behandlung der drei Etappen des Klassenkampfs im Revolutionären Weg 6 anbelangt. Die Beilage in der Roten Fahne 10 hat diesen Mangel zum Teil behoben. Ausführlicher muß das Problem später behandelt werden. Einige Punkte Eurer Kritik treffen nicht konkret zu, deshalb habe ich oben versucht, sie kurz richtigzustellen. Ich hoffe, daß es genügt.

Rot Front!
Willi

Über die dialektische Methode

Genosse Dickhut! 30. 5. 71

In Deinem durchaus guten Revolutionären Weg 6 ist uns eine Stelle unklar:

Auf Seite 13 schreibst Du, daß das Ergebnis zweier Negationen eine Synthese sei. Im Philosophischen Wörterbuch wird Synthese als »Verfahren zur Erkenntnis oder Konstruktion materieller oder ideeller Systeme, dessen Wesen in der gedanklichen oder praktischen Verbindung einzelner Elemente zu einem Ganzen besteht«, bezeichnet.

Nehmen wir Dein Beispiel aus der Philosophie. Der dialektische Materialismus kann niemals eine Synthese aus Materialismus und Idealismus (These und Antithese) sein, da er das ursprüngliche, also Materialismus, auf höherer Stufe ist und nicht Verbindung zwischen Materialismus und Idealismus. Der dialektische Materialismus ist zwar durch These und Antithese entstanden, aber niemals aus den beiden.

Wir bitten Dich um eine Stellungnahme zu dieser Frage.

Rot Front!
i. A. Kurt

Liebe Genossen!

12. 6. 71

Besten Dank für Euren Brief vom 30. 5. 71, den ich gestern erhielt. Ich begrüße ihn wegen der regen Teilnahme an der Diskussion über das Thema des Revolutionären Wegs 6. Ich kann verstehen, wenn bei dem Fragenkomplex der dialektischen Methode nicht auf Anhieb volle Klarheit entsteht. Es ist ein schwieriges Thema, dem wir aber nicht deshalb aus dem Wege gehen sollten, weil es nicht einfach ist. Die dialektische Methode ist für unsere Praxis von ausschlaggebender Bedeutung. Wir können nur dann eine gute Praxis durchführen, wenn wir die dialektische Methode begreifen und zielbewußt anwenden.

In den ersten Jahren meiner Praxis als Arbeiterfunktionär habe ich das auch nicht verstanden und darum mehr oder weniger in Handwerkelei gemacht, ganz abgesehen davon, daß es jedem Arbeiter, wenn er sich ernsthaft mit der Theorie des Marxismus-Leninismus befaßt, schwerfällt, die theoretischen Schriften systematisch zu studieren. Umgekehrt fällt es den meisten Intellektuellen leicht, sich Buchwissen anzueignen und über den dialektischen Materialismus zu reden und zu schreiben, ohne die dialektische Methode begriffen zu haben. Darin liegt meines Erachtens auch die Hauptursache der entscheidenden Fehler, die diese Leute in der marxistisch-leninistischen Bewegung gemacht haben (siehe Revolutionärer Weg 3, 4, 5, Sondernummer). Deshalb sollte der Revolutionäre Weg 6 als Anleitung dienen, wie die dialektische Methode in der Arbeiterbewegung angewandt werden kann, als Anregung, um die Eigeninitiative der Genossen zu fördern, denn das ist von entscheidender Bedeutung, besonders dann, wenn unter den Bedingungen der Illegalität gearbeitet werden muß.

Um aber konkret auf die Anwendung der dialektischen Methode zu kommen, mußten erst die wichtigsten Begriffe des dialektischen Materialismus geklärt werden; das geschah im ersten Teil des Revolutionären Wegs 6. Um ihn so kurz wie möglich zu halten, kann es sein, daß hier und da etwas noch nicht klar genug ausgedrückt wurde. Nur bin ich der Meinung, daß wir nicht so herangehen sollten, wie in Eurem Brief. Im ersten und letzten Satz schreibt Ihr, daß Euch eine Stelle unklar sei und bittet um meine Stellungnahme, aber im vorletzten Satz bringt Ihr eine absolute Meinung zum Ausdruck. Das ist nicht nur widerspruchsvoll, sondern auch metaphysisch. Ihr werdet das vielleicht besser verstehen, wenn ich auf Euren Brief konkret eingehe.

1. Zur Klärung des Begriffs Synthese beruft Ihr Euch auf das Philosophische Wörterbuch. Dieser Satz ist wohl richtig, aber etwas abstrakt, weil er zwei Seiten zusammenfaßt: materielle und ideelle Systeme. So bedeutet Synthese in der Chemie: Aufbau eines Stoffes aus Elementen beziehungsweise einfachen Verbindungen (materielle Verbindung) und in der Philosophie: als wichtiges Moment im idealistisch-dialektischen Prozeß: Verbindung zweier gegensätzlicher Begriffe in einem (höheren) dritten. Die einfachste Definition ist: Vereinigung, Zusammenfügung von Teilen zu einem (höheren) Ganzen. Negation der Negation beinhaltet sowohl Aufhebung wie Erhaltung in höherer Form: als Synthese. Hier ist auch der dialektische Materialismus keine Ausnahme, wie Ihr in dem vorletzten Satz zum Ausdruck bringt.

2. Das Beispiel der Negation der Negation in der Philosophie im Revolutionären Weg 6 stützt sich auf Engels »Anti-Dühring«, XIII. Kapitel, »Dialektik«. Hier heißt es:

»Die antike Philosophie war ursprünglicher, naturwüchsiger Materialismus. Als solcher war sie unfähig, mit dem Verhältnis des Denkens zur Materie ins reine zu kommen. Die Notwendigkeit aber, hierüber klarzuwerden, führte zur Lehre von einer vom Körper trennbaren Seele, dann zu der Behauptung der Unsterblichkeit der Seele, endlich zum Monotheismus. Der alte Materialismus wurde also negiert durch den Idealismus. Aber in der weitern Entwicklung der Philosophie wurde auch der Idealismus unhaltbar und negiert durch den modernen Materialismus. Dieser, die Negation der Negation, ist nicht die bloße Wiedereinsetzung des alten, sondern fügt zu den bleibenden Grundlagen desselben noch den ganzen Gedankeninhalt einer zweitausendjährigen Entwicklung der Philosophie und Naturwissenschaft, sowie dieser zweitausendjährigen Geschichte selbst. Es ist überhaupt keine Philosophie mehr, sondern eine einfache Weltanschauung, die sich nicht in einer aparten Wissenschaftswissenschaft, sondern in den wirklichen Wissenschaften zu bewähren und zu betätigen hat. Die Philosophie ist hier also ›aufgehoben‹, das heißt ›sowohl überwunden als aufbewahrt‹; überwunden, ihrer Form, aufbewahrt, ihrem wirklichen Inhalt nach.«

Jetzt vergleicht bitte dieses Zitat Engels mit dem, was ich im Revolutionären Weg 6, Seite 15 geschrieben habe, und stellt Euren Satz »Der dialektische Materialismus ist zwar durch These und Antithese entstanden, aber niemals aus den beiden« daneben. Könnt Ihr jetzt Euren Fehler erkennen? Warum ist der Satz metaphysisch? Weil Ihr den urwüchsigen Materialismus, den Idealismus und den dialektischen Materialismus als fertige Dinge nebeneinanderstellt, indem Ihr den Prozeß des Aufhebens und gleichzeitig Aufbewahrens nicht verstanden habt. Aber darin liegt gerade die Dialektik des Denkens.

Liebe Genossen, es würde mich sehr interessieren, wie Eure Diskussion weiter verläuft, und ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr mir darüber berichten würdet.

Rot Front!
Willi

Lieber Genosse! 31. 10. 71

Wir danken Dir für Deinen Brief, aber um eine endgültige Entscheidung treffen zu können, müssen wir noch einige Fragen geklärt wissen. Das liegt hauptsächlich an uns, denn als wir den ersten Brief an Dich richteten, waren einige Fragen noch nicht soweit ausdiskutiert, daß wir sie ausreichend klar stellen konnten; aber Du hast Dich auch zu einigen Punkten etwas unklar ausgedrückt.

Wir möchten daher zunächst unsere Kritik am Revolutionären Weg 6 wiederholen und danach zu unseren Fragen betreffs Deines letzten Briefes übergehen.

Auf Seite 58 schreibst Du zur zweiten Etappe, daß in ihr die Tageskämpfe der Arbeiterklasse und die konkreten Teilforderungen »immer stärker mit politischen Forderungen verknüpft werden«. Damit erweckst Du den Eindruck, als würde in keiner Etappe ein selbständiger politischer Kampf geführt werden und als wäre die gesamte Arbeit auf den rein ökonomischen Kampf beschränkt. Tatsächlich kommt es aber nach Genosse Thälmann darauf an, beide Kämpfe, sowohl politische als auch ökonomische, während jeder Periode zu führen. Wir verweisen in dieser Frage auch auf die Schriften »Was tun?«, »Staat und Revolution« sowie »Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten« von Lenin.

Doch nun zu Deinem Brief:

1. Du schreibst: »Durch den ideologischen Kampf werden die Grundsätze des Marxismus-Leninismus, das heißt die Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, propagiert.«

Hinter diesem Satz stehen wir hundertprozentig, aber wir sind der Auffassung, daß gerade dies von der Roten Fahne (abgesehen von den großartigen Beilagen zur September- und Oktobernummer) und vom Rebell nur sehr mangelhaft geleistet wird, obwohl es nach Lenin ihre Aufgabe wäre. Vor allen Dingen läßt die Kritik an den Linkssektierern sehr zu wünschen übrig.

2. Du schreibst: »Daß man mit abstrakten politischen Losungen, losgelöst von den wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterklasse und dem politischen Niveau der Massen, nichts ausrichten kann, weil es nicht verstanden wird.«

a) Lenin spricht in Deinem Zitat von zwei Arten der Agitation, der politischen und der ökonomischen. In »Was tun?« sagt er, daß politische Agitation nicht nur auf ökonomischem Boden geführt werden darf, sondern daß dies eine Einschränkung der Arbeit der Kommunisten bedeutet und letztlich ökonomistisch ist.

b) Der KAB(ML) betreibt politische Agitation, wie wir sie im Augenblick für berechtigt, wenn auch für quantitativ etwas zu gering halten. So zum Beispiel: antifaschistischer Kampf, antiimperialistisch-antimilitaristischer Kampf, Aktion §218. Ein solcher Kampf wäre zum Beispiel auch ein Kampf gegen die Notstandsgesetze gewesen oder, im Rahmen des antiimperialistischen Kampfs, ein Kampf gegen die EWG-Mitgliedschaft der BRD.

c) Was wir eigentlich gemeint haben, war folgendes. Im Revolutionären Weg 6 hättest Du klar aussagen müssen, daß in der ersten Periode (dazu später Punkt 9) auch ein selbständiger politischer Kampf geführt werden muß.

3. Die Avantgarde: Wir meinten die fortgeschrittensten Teile der Arbeiterklasse. Die Aust-Gruppe spricht übrigens von Schmiedung der Avantgarde, nicht Gewinnung.

4. »Wer also nur einen Kampf um Reformen …« Du meinst doch damit zweifelsohne, daß man einen ökonomischen und unbegrenzt politischen Kampf, also nicht begrenzt durch den Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, führen soll? (Wir stimmen dem völlig zu, wollen nur sichergehen, Dich richtig verstanden zu haben, zumal Du im Revolutionären Weg 6 den Eindruck erweckt hast, als wenn in der ersten »Etappe« überhaupt kein selbständiger politischer Kampf geführt wird.

5. »Bei passender Gelegenheit jedoch muß das strategische Ziel in Verbindung mit den ökonomischen und politischen Fragen klar aufgezeigt werden.«

a) Stimmst Du uns zu, daß auch Tarifkämpfe – oder allgemein: größere Kämpfe der Arbeiterklasse von allgemeinem Interesse – eine solche Gelegenheit zur konkreten Vermittlung der Diktatur des Proletariats darstellen?

b) Wenn ja, so mußt Du zugeben, daß dies vom Zentralorgan nicht geleistet wird.

6. »Solange keine revolutionäre Situation da ist …«

a) Tritt der Kampf um Reformen quantitativ oder qualitativ in den Vordergrund?

b) Gerade die Verbreitung der Propagandalosungen mit sozialistischem Gedankengut wird vom KAB(ML) nur sehr mangelhaft betrieben.

7. Deine Definition des Rechtsopportunismus muß erweitert werden, und zwar dahingehend, daß er, nach Lenins Schrift »Staat und Revolution«, nicht propagiert:

a) die Zerschlagung des Staatsapparats,

b) die Diktatur des Proletariats.

8. Deine Stellungnahme zur Roten Garde muß spätestens seit dem »Roten Morgen« 8/71 als überholt angesehen werden.

9. Im Revolutionären Weg 6 sprichst Du von drei Etappen der deutschen Revolution. Dies ist eine falsche Bezeichnung. Stalin spricht in »Über die Grundlagen des Leninismus« von drei Etappen der russischen Revolution:

(1) Feudalismus – Kapitalismus (Selbstherrschaft – bürgerliche Demokratie)

(2) bürgerliche Demokratie – Sozialismus

(3) sozialistischer Aufbau

Wir befinden uns im Augenblick in der Etappe bürgerliche Demokratie – Sozialismus. Die von Dir beschriebenen »Etappen« sind Phasen oder Perioden. Korrigiere dies doch bitte. Vor allen Dingen erhält man den Eindruck, daß die in der ersten Etappe beschriebenen Teillosungen und Teilforderungen rein ökonomischer Natur sind. Das wäre reinster Ökonomismus.

»Zum Tätigkeitsbereich der Sozialdemokratie gehört … Agitation nicht allein auf dem Boden des täglichen Kampfes der Lohnarbeit gegen das Kapital« (5,b). »… ein Stadium des rein ökonomischen Kampfes und des Kampfes um politische Teilforderungen … lehnen wir ab.« (Lenin: »Was tun?«, Ausgewählte Werke Bd. I, S. 308)

Viele unserer Fragen mögen Dir etwas kleinlich vorkommen, aber wir fühlen eine große Verantwortung den Tausenden und Millionen von Genossen gegenüber, die ihr Leben in den Dienst unserer gemeinsamen Sache gestellt haben und hatten. Wir würden es für eine schändliche Gemeinheit halten, wenn wir dieser Verantwortung nicht gerecht würden und nicht jede, aber auch die kleinste Unklarheit völlig klären würden, um auch unser Leben dieser gerechten Sache unterordnen zu können.

Es lebe der Sieg der Diktatur des Proletariats!

Hoch lebe Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tsetung!

Ein Hoch auf den großen Vertreter der Sache des deutschen Proletariats, Genossen Ernst Thälmann!

USAG/ML ([noch] Unabhängige Sozialistische Arbeitsgemeinschaft/Marxisten-Leninisten)

Rot Front!
i. A. Otto

Liebe Genossen! 6. 11. 71

Besten Dank für Euren Brief vom 31. 10. Bedauerlicherweise ist die Entfernung zwischen uns so groß, daß wir uns nicht mündlich austauschen können. So bleiben Unklarheiten und Mißverständnisse bestehen, die durch eine Aussprache leichter behoben werden könnten. Nur eins ist mir unverständlich: Ihr macht die Vereinigung Eurer Gruppe mit der RJ(ML) gewissermaßen abhängig von der Beantwortung einer Frage, anstatt den Gesamtkomplex der ideologisch-politischen Linie des KAB(ML) und der RJ(ML) sowie der KPD/ML(RW) in seiner Gesamtrichtung zu untersuchen. Trotzdem will ich versuchen, Eure speziellen Fragen schriftlich zu beantworten.

Fangen wir mit den Etappen des Klassenkampfs (nicht der deutschen Revolution speziell, sondern allgemein – Revolutionärer Weg 6, S. 56) an. Die von Euch in Verbindung damit gebrachten drei Etappen der russischen Revolution beziehen sich speziell auf die Entwicklung der Revolution in Rußland und sind nicht übertragbar auf andere Länder (außer die Auswertung der Erfahrungen). Dabei ist Euch in der Bezeichnung der drei Etappen der russischen Revolution ein Fehler unterlaufen. Stalins Bezeichnung lautet:

1. Etappe: 1903 bis Februar 1917 ... usw.

2. Etappe: März 1917 bis Oktober 1917 … usw.

3. Etappe: Nach der Oktoberrevolution … usw.

Seht bitte nach: »Fragen des Leninismus«, Seite 72–74.

Was Ihr angebt, sind Perioden der gesellschaftlichen Entwicklung in Rußland, nicht aber speziell die Etappen der russischen Revolution.

Etappe bedeutet Teilstrecke. Eine Revolution läßt sich nicht zu jeder x-beliebigen Zeit (hier und jetzt, wie die Anarchisten sagen) durchführen, sondern hängt von der objektiven Lage und dem Reifegrad der Arbeiterklasse (objektiver und subjektiver Faktor) ab. Deshalb muß in der Entwicklung des Klassenkampfs des Proletariats jederzeit berücksichtigt werden: a) wie ist die Situation und b) inwieweit ist der subjektive Faktor ausgereift, das heißt, wie stark ist der Kampfwille und die Opferfreudigkeit der Massen, und ist eine revolutionäre Arbeiterpartei vorhanden und genügend entwickelt, um die Führung zu übernehmen. Da nun der Klassenkampf nicht gleichmäßig ansteigt, sondern im Zickzackkurs, im Auf und Ab oder, wie Stalin sagt, wie Ebbe und Flut verläuft, muß sich die Taktik des proletarischen Klassenkampfs entsprechend ändern und der jeweiligen Situation anpassen. Das wird durch die drei Etappen des Klassenkampfs gekennzeichnet, wobei natürlich Übergänge von einer Etappe zur anderen berücksichtigt werden müssen. Das gilt sowohl für das Vorwärtsschreiten zu einer höheren Etappe wie für den Rückzug zu einer niederen. So kennzeichnet Stalin zum Beispiel die Zeit von 1907–1912 als Ebbe, als Niedergang der proletarischen Bewegung und fährt fort: »Dementsprechend änderten sich sowohl die Kampfformen als auch die Organisationsformen. Anstatt des Boykotts der Duma – Teilnahme an der Duma, anstatt offener revolutionärer Aktionen außerhalb der Duma – Aktionen und Arbeit in der Duma, anstatt politischer Generalstreiks – wirtschaftliche Teilstreiks oder einfach Windstille …«

Daraus geht hervor, daß in der Zeit der Ebbe des Klassenkampfs, und das ist die erste Etappe, die Etappe ohne revolutionäre Situation, die Kräfte gesammelt werden müssen für kommende Klassenschlachten. In dieser Zeit steht die Organisation, das heißt die Auslösung und Führung von Kämpfen um ökonomische und politische Reformen, im Vordergrund (Teilforderungen). Das ist im wesentlichen ein gewerkschaftlicher Kampf und gegenwärtig die Hauptform. Dieser Kampf ist inhaltlich nicht gesellschaftsverändernd (wie die Revisionisten behaupten), sondern spielt sich im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ab. Wer sich nur auf einen solchen Kampf beschränkt, ist Reformist. Die Aufgabe der Kommunisten in dieser Etappe ist, die Notwendigkeit des politischen Kampfs des Proletariats um die Macht zu propagieren (Propagandalosungen). Sie müssen jede Gelegenheit benutzen, die Kämpfe inhaltlich auf eine höhere Ebene, das heißt, den ökonomischen Kampf zum politischen zu heben, die Formen des Kampfs (Streiks, Demonstrationen, Kundgebungen usw.) immer höherzuentwickeln.

Lenin schreibt in »Was tun?«: »Die Aufgabe der Sozialdemokraten aber erschöpft sich nicht in der politischen Agitation auf ökonomischem Boden, ihre Aufgabe ist es, diese trade-unionistische Politik in einen sozialdemokratischen politischen Kampf umzuwandeln – die Lichtblicke politischen Bewußtseins, die der ökonomische Kampf in den Arbeitern entstehen läßt, auszunutzen, um die Arbeiter bis auf das Niveau des sozialdemokratischen politischen Bewußtseins zu heben.«

Die Hervorhebungen im Zitat »umzuwandeln«, »auszunutzen« und »heben« sind von Lenin und unterstreichen das, worauf es ankommt. In dieser ersten Etappe des proletarischen Klassenkampfs ist das Klassenbewußtsein der Arbeiter noch nicht soweit entwickelt, daß die Arbeiterklasse in der Lage wäre, den gewerkschaftlichen Rahmen des Kampfs zu durchbrechen und selbständige politische Kämpfe mit dem Ziel der Eroberung der Macht zu führen. Dazu bedarf es einer langen, zähen, systematischen Kleinarbeit der Kommunisten, die dabei jede Gelegenheit im Leben der Arbeiter ausnutzen müssen, diese von der Notwendigkeit eines solchen Kampfs zu überzeugen. Der Weg vom spontanen ökonomischen zum bewußt politischen Kampf der Arbeiterklasse ist ungeheuer steinig und schwierig. Da können wir nichts mit revolutionärer Ungeduld erreichen, die Massen müssen uns folgen können, sonst werden wir uns isolieren (wie die Linkssektierer). Das heißt auch, daß wir in unserer politischen Agitation an das Niveau der Massen anknüpfen müssen, um es dann ständig zu heben und auf das Niveau des politischen Kampfs um die Macht zu bringen. Darin liegt die Bedeutung der ersten Etappe. Ohne Lösung dieser Aufgabe ist der Übergang zur zweiten Etappe nicht möglich.

Im »Kursbuch« 25 ist ein Artikel von M. Schneider (mit dem ich nicht einverstanden bin), wo eingangs (S. 73–75) ein Bericht eines Studenten über seine Agitation in einem Betrieb steht, der interessant ist wegen den Erfahrungen, die er durch die Diskussionen mit Arbeitern hat machen müssen. Diese Erfahrungen würde jeder machen, der abstrakt an die politische Agitation herangeht. Lenin schreibt sehr treffend in »Der ›linke‹ Radikalismus« über diese erste Etappe des Klassenkampfs:

»Viel schwerer – und viel wertvoller – ist es, zu verstehen, ein Revolutionär zu sein, wenn die Bedingungen für einen direkten, offenen, wirklich revolutionären Kampf der Massen noch nicht vorhanden sind; zu verstehen, die Interessen der Revolution (propagandistisch, agitatorisch, organisatorisch) in nichtrevolutionären, oft sogar in direkt reaktionären Institutionen, in einer nichtrevolutionären Situation, unter einer Masse zu verfechten, die unfähig ist, unverzüglich die Notwendigkeit der revolutionären Aktionsmethode zu begreifen ...«

Völlig unverständlich ist mir, wie Ihr aus der Darstellung der zweiten Etappe im Revolutionären Weg schließen könnt, es »würde in keiner Etappe ein selbständiger politischer Kampf geführt werden …« Diese Etappe kennzeichnet ja gerade den selbständigen politischen Kampf der Arbeiterklasse, der um so wirkungsvoller geführt wird, wenn er mit Teilforderungen verbunden wird (»die nach wie vor eine wichtige Rolle spielen«). Die vorher dargestellten sich ausdehnenden und verschärfenden Kämpfe sind doch politische Kämpfe auf der Grundlage der vorherrschend politischen Forderungen in Verbindung mit ökonomischen. Die politischen Forderungen werden dabei immer schärfer als Übergangslosungen zum Kampf um die Macht. Der unmittelbare Kampf um die Macht, der bewaffnete Kampf, bedeutet bereits die dritte Etappe.

Wir wollen noch einmal die ersten beiden Etappen gegenüberstellen. In der ersten Etappe herrscht der Kampf um ökonomische und politische Reformen, das heißt der gewerkschaftliche Kampf, vor. Die aufgestellten Teilforderungen sind Kampfforderungen zur Durchsetzung von Tagesfragen der Arbeiterklasse. Die Agitation hat hauptsächlich den Charakter der ökonomischen und politischen Enthüllungen. Die Propaganda verbreitet Losungen über das Ziel des politischen Kampfs: Sturz der kapitalistischen Herrschaft und Errichtung der Diktatur des Proletariats. Gleichzeitig muß der Weg aufgezeigt werden, um dieses Ziel zu erreichen. In dieser Zeit der Ebbe des Klassenkampfs kann es noch nicht zu selbständigen politischen Kämpfen der Arbeiterklasse kommen, das heißt zum politischen Massenkampf um die Macht – und nicht um irgendwelche politischen Reformen oder um begrenzte politische Tagesforderungen. Es ist darum die Etappe ohne revolutionäre Situation.

Erst wenn die Kämpfe sich zu immer größeren Massenkämpfen entwickeln (Streiks, Demonstrationen, Zusammenstöße usw.), wenn die politischen Losungen und Forderungen stärker hervortreten, die Zusammenstöße mit der Staatsmacht häufiger werden und diese Kämpfe den gewerkschaftlichen Rahmen immer öfter durchbrechen und selbständig von der Arbeiterklasse geführt werden, vollzieht sich der Übergang von der ersten zur zweiten Etappe. Dann erhalten die politischen Forderungen immer mehr die Bedeutung von Übergangslosungen zum Kampf um die Macht. Darum ist diese zweite Etappe die der akut revolutionären Situation.

Wir würden Fehler begehen, wenn wir die beiden Etappen nicht auseinanderhalten, zum Beispiel politische Übergangslosungen der zweiten Etappe auf die erste anwenden. Das würde eine Isolierung der revolutionären Partei von den Massen bedeuten, darum der Hinweis der »abstrakten politischen Losungen«. Das hat nichts zu tun mit den akuten politischen Enthüllungen und Forderungen, wie Ihr sie in 2. b) aufzeigt. Das bezieht sich alles auf die konkrete politische Agitation der ersten Etappe, aber es sind keine politischen Übergangslosungen, wie sie in der zweiten Etappe aufgestellt werden müssen und die Grundlage des selbständigen politischen Kampfs der Arbeiterklasse um die Macht bilden. Umgekehrt würde es ein schwerwiegender Fehler sein, wenn man sich in der zweiten Etappe auf den Kampf um Reformen beschränken würde.

In diesem Zusammenhang bitte ich auch folgendes zu beachten. Beim Studium historischer Ereignisse (zum Beispiel die konkrete Situation, wie sie in »Was tun?« behandelt wird oder in Thäl-manns Schriften über die Lage der zwanziger Jahre in Deutschland) müssen wir klar unterscheiden zwischen den prinzipiellen Fragen, das heißt den Grundsätzen des Marxismus-Leninismus, und den historisch bedingten Fragen, das heißt Ereignissen, die an die damalige Situation gebunden sind. Die ersten sind immer von Bedeutung und haben allgemeine Gültigkeit, dagegen sind die zweiten nur für die damalige Situation gültig und nur bedingt zu verwenden. Darum warnt Lenin vor einem schematischen Übertragen einer bestimmten Situation auf eine andere (»Der ›linke‹ Radikalismus«).

Einige Fragen Eures Briefes:

Punkt 4: Es gibt zweierlei Kampf um Reformen, die sich grundsätzlich voneinander unterscheiden (siehe Stalin: »Grundlagen des Leninismus«). Der Kampf um Reformen darf nicht Selbstzweck, sondern muß Mittel zum Zweck sein, nämlich als Schule des Klassenkampfs. Dabei muß die Bedeutung auf Kampf und nicht auf Reformen gelegt werden, denn nur im Kampf sammelt die Arbeiterklasse Erfahrungen und werden Führer entwickelt. Dabei ist nicht einmal entscheidend, ob ein solcher Kampf erfolgreich ist oder nicht (das erstere wäre natürlich besser), denn auch aus jeder Niederlage lernt die Arbeiterklasse und sammelt Erfahrungen.

Die Formulierung in Eurem Brief »unbegrenzten politischen Kampf« verstehe ich nicht. Jeder ökonomische und politische Kampf ist begrenzt, auch der Kampf um die Macht. Jeder Kampf hat ein Ziel, ob örtlich oder national, ob um Reformen oder um die Macht, ob es sich um Etappenziele oder um das »Endziel« handelt. Oder meint Ihr vielleicht folgendes: Einerseits wird der Kampf um Reformen als Selbstzweck, nur zur Durchsetzung von ökonomischen und eng begrenzten politischen Forderungen im Rahmen der kapitalistischen Herrschaft, das heißt ohne das Ziel des Sturzes der kapitalistischen Herrschaft, geführt. Andererseits wird der Kampf um Reformen als Mittel zum Zweck, als Schule des Klassenkampfs geführt, das heißt, um durch Sammlung von Kampferfahrungen die Voraussetzung zur Durchsetzung von weitergehenden politischen Forderungen bis zum politischen Kampf um die Macht zu schaffen.

Punkt 5: »Passende Gelegenheit« heißt, die verschiedenen Gelegenheiten wie Streiks, Demonstrationen, Kriegsdrohung, faschistische Gefahr, Beurteilung der Thesen der DKP usw. ausnutzen, das heißt jede Gelegenheit, wo die Propagandalosungen in verständlicher Weise mit der Agitation und dem Kampf der Arbeiterklasse verbunden werden können. Wenn Ihr in dieser Hinsicht eine Kritik am Zentralorgan habt, dann legt sie bitte in konkreter Form der Redaktion vor.

Punkt 6: Warum unterscheidet Ihr zwischen »quantitativer und qualitativer« Seite des Kampfs um Reformen? Je umfangreicher der Kampf als Massenkampf (Quantität) und je höher das Klassenbewußtsein der Massen (Qualität) ist, um so eher kann der Übergang von der ersten zur zweiten Etappe möglich sein. Beides muß also zusammenfallen. Es ist Aufgabe der revolutionären Partei, das gewerkschaftliche Bewußtsein zum sozialistischen Bewußtsein zu entwickeln. Die Propaganda des sozialistischen Gedankenguts wird hauptsächlich vom theoretischen Organ (als Anleitung zur mündlichen und schriftlichen Propaganda), aber auch vom Zentralorgan neben der Hauptseite Agitation betrieben. Die Propaganda muß um so intensiver geführt werden, je näher der Übergang zur zweiten Etappe rückt.

Punkt 7: In Worten reden auch Rechtsopportunisten oft von Zerschlagung der Macht des Monopolkapitals und der Errichtung der Diktatur des Proletariats, nur wenn es um die Verwirklichung geht, bekommen sie Angst vor ihrer eigenen Courage. Aber meist, da habt Ihr Recht, reden sie nicht einmal davon.

Punkt 8: Ihr meint wohl »Rote Betriebsgruppen« (nicht Rote Garde). Das Aust-Zentralkomitee hat den Gedanken der Schaffung eigener Gewerkschaften nicht aufgegeben, sondern nur aufgeschoben.

Nun zu Eurer Schlußbemerkung. Mir kommen Eure Fragen nicht »kleinlich« vor, denn es handelt sich um wichtige Fragen. Nur habe ich den Eindruck, daß Ihr etwas haarspalterisch an die Fragen herangeht. Nehmt es mir nicht übel, aber ich halte es mit Lenins Prinzip »Das Kriterium der Wahrheit ist die Praxis«. Ich kenne nicht die Praxis Eurer Gruppe, aber ich habe aufgrund der Behandlung der Fragen in Eurem Brief den Eindruck, daß es hier hapert. Eine systematische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit hätte meines Erachtens manche Fragen von selbst beantwortet. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir hierüber berichten würdet. In der Frage Eures Anschlusses an die RJ(ML) berücksichtigt, daß der Aufbau einer revolutionären Organisation nicht glatt vonstatten geht, sondern mit Schwierigkeiten und Fehlern verbunden ist. Was den Revolutionären Weg anbetrifft, so sollen die einzelnen Nummern nicht zu umfangreich sein, sondern in kurzer konkreter Form erscheinen. Die einzelnen Themen bilden im Zusammenhang ein ganzes System. Dadurch mag eine bestimmte Frage in einer Nummer zu kurz kommen, weil sie in späteren Ausgaben ausführlich behandelt wird. Darum ist auch die Darstellung der drei Etappen des Klassenkampfs nur kurz zur Kennzeichnung gestreift.

Rot Front!
Willi

Beurteilung des Revolutionären Wegs 6

Lieber Genosse Willi,

26. 7. 71

ich habe heute die Schrift über »Die dialektische Methode in der Arbeiterbewegung« studiert, und ich muß sagen, daß diese Schrift wohl das gründlichste und beste ist, was ich je über die Dialektik gelesen habe (wenn ich mal die Klassiker ausklammern darf). Ich bin Student und schon ein ziemlich hohes Semester, und wenn man sich so anhört, wie einem die bürgerliche Wissenschaft den Kopf vernebelt, erst dann kann man den Stellenwert des Revolutionären Wegs 6/71 für die Bewegung an der Hochschule so richtig einschätzen. Ich für meinen Teil werde mein möglichstes tun, die Verbreitung dieser Schrift bei uns zu fördern.

Diese Schrift ist ja nicht nur ein Referat der Klassiker, sondern versucht ja gerade, die dialektische Methode in schöpferischer Anwendung auf unsere Zeit, unsere Gegenwart zu übertragen …

Rot Front, und das heißt zum gegenwärtigen Zeitpunkt:
Vorwärts zur Einheit aller wahren Marxisten-Leninisten
Klaus

Lieber Genosse Klaus!

3. 8. 71

Besten Dank für Deinen Brief vom 26. 7., doch muß ich Dir sagen, daß Dein Lob weit übertrieben ist. Ich habe allerdings in meiner langen Tätigkeit als Arbeiterfunktionär

1. mich immer bemüht, mir die Theorie des Marxismus-Leninismus anzueignen, wenn es mir auch im Anfang, wie jedem Arbeiter, der tagsüber schuften mußte, oft recht schwerfiel,

2. mir ständig überlegt, wie man am besten die Theorie mit der Praxis verbinden kann.

So und nur so kann man Erfahrungen sammeln. Buchwissen reicht allein nicht allzu weit, obwohl ein Revolutionär immer studieren muß. Aber die beste Theorie ist wertlos, wenn sie nicht in der Praxis ihren Niederschlag findet. Und das ist nicht ohne Anwendung der dialektischen Methode möglich. Das wollte ich in der Schrift, besonders im zweiten Teil, klarlegen. Der erste Teil ist ja nur eine Erläuterung der Begriffe, eine kurze Interpretation der Hauptgedanken unserer Klassiker in den Hauptpunkten des dialektischen Materialismus. Den zweiten Abschnitt halte ich für die Durchführung einer richtigen Praxis für entscheidend. Hier wollte ich an Hand einiger konkreter Beispiele Anregungen geben, wie wir die dialektische Methode in der praktischen Arbeit anwenden können. Wenn das gelungen ist, würde es mich freuen, denn es ist tatsächlich keine leichte Aufgabe.

So sehr mich Deine Anerkennung auch gefreut hat, ich wäre Dir und Deinen Genossen dankbar, wenn Ihr mir einige kritische Hinweise geben würdet. Außerdem hoffe ich, daß Du, wenn Du Dein Studium in Tübingen beendet hast und nach Moers zurückkommst, uns in der revolutionären Arbeit unterstützen wirst. In diesem Sinne

Rot Front!
Willi