Interview

Interview

„Covid-19 – neuartig – gefährlich – besiegbar“ - eine Hilfe für klare Orientierung in einer brisanten Situation

Die "Rote Fahne Redaktion" sprach mit Dr. Günther Bittel und Dr. Willi Mast von der Medizinerplattform des Internationalistischen Bündnisses:

„Covid-19 – neuartig – gefährlich – besiegbar“ - eine Hilfe für klare Orientierung in einer brisanten Situation

RF: Aufgrund er aktuellen Situation sind viele Leute verunsichert und haben konkrete Fragen: Was muss denn geschehen? Schulferien enden, die Patientenzahlen und Intensivmedizinbehandlungen nehmen wieder zu, ...

G.Bittel: Für den Schulbetrieb bedarf es durchdachter Hygienemaßnahmen und dass hier tatsächlich konsequente Maßnahmen dafür ergriffen werden. Mit Halbierung von Schulklassen, Neueinstellung von Lehrern, Einsetzung von Lehramtsstudenten, sowie ausreichender digitaler Ausrüstung für das online-gestützte Lernen. Überhaupt bedarf es bundesweit flächendeckende und kostenlose Testungen und auch die kostenlose Ausgabe von Mund-Nase-Schutzmasken für alle. In der Pflege und auf Intensivstationen müssten mindestens 150.000 Arbeitsplätze in geschaffen und sofortige Lohnerhöhungen für das Pflegepersonal durchgekämpft werden.

Insgesamt fordert das chaotische Krisenmanagement der Regierungen organisierten Widerstand um die Arbeitsplätze, Umwelt- und Gesundheitsschutz heraus. Unser Buch – was wir zu gegebener Zeit auch weiter aktualisieren und in verschiedene Sprachen übersetzen lassen wollen - und unser Einsatz unter anderem in der Medizinerplattform im Internationalistischen Bündnis leistet dafür eine gute und wichtige Hilfe, Orientierung. Wir fordern breit dazu auf, dies tatkräftig zu unterstützen und zu stärken.

RF: Wie schätzt Ihr die aktuelle Situation mit dem Beginn einer zweiten Welle ein?

W. Mast: Die rasch ansteigenden Infektionszahlen weltweit und auch in Deutschland sind bedrohlich. Dass wir bislang in Deutschland aktuell relativ wenige schwere Verläufe haben, liegt daran, dass mehr jüngere Leute infiziert waren. Mit der diffusen und noch unkontrollierten Ausbreitung steigen aber, wie schon erkennbar, unvermeidlich die Zahlen der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen und der Todesopfer wieder an. Verschiedene Maßnahmen sind berechtigt, wie die Maskenpflicht und Einhaltung von Hygiene-Maßnahmen und -vorkehrungen. Doch in der Gesamtheit wälzt die Regierung mit ihren Beschlüssen zum Wohl der Monopolprofite die Krisenlasten auf die Arbeiter, Angestellten, kleinen Selbständigen, ihren Familien und die Umwelt ab und betreiben einen weitgehenden Abbau demokratischer Rechte - gerade in einer Zeit dringend notwendiger Arbeiterkämpfe. Abriegelung, Ausgangssperren, Kontaktverbote betreffen die breiten Massen, sind medizinisch jedoch weitgehend nicht begründbare Maßnahmen. Diese Rechtsentwicklung muss man entschieden bekämpfen.

RF: Euer Buch ist vor sechs Wochen erschienen. Welche Reaktionen gab es darauf?

W. Mast: Die erste Auflage ist bald vergriffen, so dass ein Nachdruck notwendig wurde. Wir haben viele positive Reaktionen von den verschiedensten Lesern bekommen. Wie bereits oben gesagt: Viele Menschen sind verunsichert. Sowohl durch widersprüchlichste Behauptungen, Aussagen und Maßnahmen des fragwürdigen Krisenmanagements der Regierung, als auch durch die gegenwärtige hoch dynamische unkontrollierte Entwicklung in mehreren Ländern Europas und eine beginnende zweite Welle auch in Deutschland. Das Buch hilft, Covid-19 und auch die gesellschaftspolitischen Hintergründe der Pandemie besser zu verstehen und einzuordnen und deckt auch auf, wie die Pandemie zur Vertuschung der allgemeinen Krisenhaftigkeit des Kapitalismus und für den Abbau demokratischer Rechte missbraucht wird. Es liefert daher auch wichtige Argumente gegen die „Corona-Leugner“, die sich als Gralshüter von Bürgerrechten aufspielen, in Wahrheit Monopolpolitik vertreten oder unterstützen.

RF: Was ist eigentlich neu und anders an dem Buch?

G. Bittel: Eine Fülle wissenschaftlicher Arbeiten und Statements von Fachleuten zu Covid-19 sind ziemlich widersprüchlich. Auf Grund des in der bürgerlichen Wissenschaft vorherrschenden Positivismus beleuchten sie meist nur Teilaspekte, verzichten auf die Einordnung in gesellschaftliche Zusammenhänge, die bei dieser Pandemie aber eine ganz wesentliche Rolle spielen. Eindeutig sind Umweltvergiftung, Überausbeutung und bedrängte Wohnverhältnisse ohne ausreichende hygienische Standards wesentliche Faktoren, die Infektionshäufigkeit, schwere Verläufe und Todesopfer in die Höhe treiben. Die Privatisierung des Gesundheitswesens mit Bettenabbau, Pflegenotstand und Senkung der Hygienestandards spielt eine fatale Rolle. Das haben wir belegt.

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Es ist frappierend, dass nach wie vor wirklich konsequente Schutz- und Gesundheitsmaßnahmen nach der Aufhebung des teilweisen Lock-Downs im Mai von der Bundesregierung und ihren Institutionen überhaupt nicht ergriffen wurden. In der trügerischen Hoffnung, Covid-19 irgendwie in den Griff zu kriegen und mit dem Maßstab, der Wirtschaft – sprich den Profiten der Monopole – nicht zu schaden.

Auch die meisten Virologen und Epidemiologen verzichten auf eine Synthese der unzähligen Einzelerkenntnisse, dann müssten sie nämlich die kapitalistische Ausbeutung und den Imperialismus angreifen!

Das wird auch noch durch die Behauptung gerechtfertigt, Wissenschaft sei eben nur „Wissen auf Zeit“, so unter anderem Professor Hendrick Streeck in einem Interview. Das bestreitet, dass es eine objektive Wahrheit gibt, an die sich Wissenschaft immer besser herankämpfen muss.

W.Mast: In unserem offenen Brief an das staatliche Robert-Koch-Institut (RKI) kritisieren wir, dass systematische Reihenuntersuchungen und die Erhebung wesentlicher Verlaufsdaten von Covid-19-Patienten unterlassen werden. Deswegen gibt es noch zahlreiche offene Fragen, die dringend beantwortet werden müssen, z. B. die Zahl der Langzeitschäden und chronischen Verläufe oder die Frage nach Anhalten der Immunität und Zweiterkrankungen mit dem Virus.

RF: Vielen Dank für das Interview