Zu Besuch bei den kämpferischen Textilarbeiterinnen von Dhaka

Im Rahmen der ersten Delegationsreise der künftigen Vorsitzenden der MLPD, Gabi Gärtner, besuchten wir in Bangladesch ein Zentrum der Textilindustrie

Außerhalb der Hauptstadt Dhaka gibt es Riesenfabriken mit 45000 Arbeitern. Inmitten der Stadt sind oberhalb von kleinen Geschäften überall Fabriken zu finden, von kleinen Nähstuben bis zu Betrieben mit 15000 Arbeitern. Von den fünf Millionen Beschäftigten der Textilindustrie in Bangladesch sind vier Millionen Frauen. Man sieht sie ab 17 Uhr aus den Fabriken strömen. Der Großteil von ihnen arbeitet allerdings noch deutlich länger, zwischen zehn und 16 Stunden täglich.

Die Genossinnen und Genossen der Kommunistischen Partei Bangladeschs und der Textilarbeitergewerkschaft GWTUC führten uns in ein Stadtteilbüro, in dem uns bereits einige Arbeiterinnen und Arbeiter erwarteten. Allerdings fehlten viele der Führerinnen der Bewegung noch, weil sie erst spät von der Arbeit kommen. Wir konnten die Zeit bis zur Versammlung nutzen und hatten die Gelegenheit, eine kleinere Fabrik mit 400 Arbeiterinnen zu besuchen. Sie produzieren für H&M, die Arbeit ist teilweise ex­trem hart. Vor allem eine Strickmaschine braucht viel Kraft für die immer gleiche Bewegung, die – wenn sie den ganzen Tag gemacht wird – voll in den Rücken geht (Gabi Gärtner konnte es persönlich testen). Daher machen diese Arbeit hauptsächlich Männer. Man schafft etwa zwölf Pullover in einer Zehn-Stunden-Schicht, pro Stück bekommt der Arbeiter 22 Taka, das sind circa 25 Cent. Verglichen mit dem Verkaufspreis in Deutschland eine riesige Gewinnspanne. Deshalb baten uns die Arbeiter auch, dass wir in Deutschland Druck ausüben auf die Textilmonopole.

Boykott von Textilien aus Bangladesch – wie in Deutschland von verschiedenen Kräften aufgrund der Ausbeutung der Arbeiter gefordert – löst das Problem allerdings nicht, wie sie uns sagten – es verschiebe es höchstens in andere Länder. Die Ursache liegt im Kapitalismus, und ohne die Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter abzuschaffen in einer sozialistischen Gesellschaft, wird es keine grundsätzliche Lösung geben.

Nach dem großen Unglück von Rana Plaza von 2013, bei dem 1127 – vor allem weibliche – Beschäftigte starben, haben uns die Handelsketten in Deutschland versichert, sie hätten jetzt die Arbeitsbedingungen erheblich verbessert. Gar nichts ist passiert, wie uns die Arbeiterinnen versichern. Nicht einmal der Mindestlohn wurde angehoben. Sie kämpfen um einen Mindestlohn von 8000 Taka (103 US-Dollar), brutto 10000. Momentan bekommen sie nur 3000 Taka (38US-Dollar). Diese Arbeiterinnen sind sehr kampfeslustig, viele sehr jung, und sie lassen sich durch nichts unterkriegen! Bis vor einigen Wochen gab es große Streiks der Textilarbeiterinnen, mit erbitterten Zusammenstößen mit der Polizei. Sehr erfreut berichteten sie uns, dass sie unter anderem von der Gewerkschaft ver.di Solidaritätserklärungen erhalten haben.

Wir lernten Lucky kennen, eine 25-jährige Arbeiterin, die zwei Kleinkinder alleine erzieht – und eine echte Kämpferin ist. So hat sie einem Polizisten, der sie in einem Kampf mit der Waffe bedrohte, diese einfach aus der Hand genommen und auf ihn gerichtet. Sie wurde einen Tag lang verhaftet, und die anderen Arbeiterinnen haben zusammen mit der Gewerkschaft das Polizeipräsidium umzingelt, bis sie wieder freigelassen wurde. Ein anderer Führer der Gewerkschaft GWTUC, Zia, hat sieben Kugeln im Körper, weil bei verschiedenen Streiks auf ihn (wie auch auf andere) geschossen wurde. Vor ihm haben die Textilkapitalisten und sogar die Premierministerin große Angst. Die Parteigenossen sind sehr verankert und bewegen sich wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser unter den Massen. Sie erzählten annähernd jeder Arbeiterin vom Generationswechsel in der Führungsspitze der MLPD und dass mit Gabi Gärtner erstmals eine Frau Vorsitzende der revolutionären Partei in Deutschland wird. Das stieß auf großes Interesse, oft verbunden mit herzlichen Glückwünschen. Während des ganzen Besuchs entwickelte sich ein intensiver Meinungsaustausch und eine enge Beziehung auf Augenhöhe zwischen der Delegation aus Deutschland und den Menschen in Bangladesch. Sie waren sehr stolz über unseren Besuch.

Zur Versammlung der Textilabeitergewerkschaft an diesem Abend kamen über 100 Arbeiterinnen, Arbeiter, Kinder und Jugendliche. Die deutsche Delegation war zu einem Grußwort eingeladen. Gabi Gärtner ging dabei auf die internationale Revolution, die ICOR, den gemeinsamen Kampf gegen die internationalen Monopole sowie die notwendigen Forderungen der Textilarbeiter ein. Ihre Rede wurde mehrfach von Applaus unterbrochen. Danach sangen wir zweisprachig gemeinsam die „Internationale“ und mussten unendlich viele Fotos von uns machen lassen. Wir erhielten noch einige Schlaglichter der noch immer vorhandenen patriarchalen Strukturen und extrem rückständigen Frauenpolitik in dem islamisch geprägten Land.

Das Erbschaftsrecht gilt je nach Reli­gionszugehörigkeit: Töchter bekommen nach islamischem Recht nur die Hälfte dessen, was die Söhne kriegen, nach Hindu-Recht gar nichts. Die Regierung hatte einen Anlauf gemacht, das zu ändern, der nach Protesten der fundamentalistischen Kräfte aber sofort zurückgezogen wurde. Wir trafen eine Textilarbeiterin, deren Mann sie betrogen und aus dem Haus geworfen hatte. Sie klagte und hatte an dem Tag das Urteil erhalten: Sie bekommt gar nichts und steht mit den Kindern allein da. Sie war entsprechend verzweifelt.

Die fortschrittlichen Kräfte bemühen sich sehr um die Einbeziehung der Frauen in das gesellschaftliche Leben. Allerdings haben auch die reaktionären – oft islamisch verbrämten – Kräfte seit einigen Jahren ihre Anstrengungen verstärkt, die Frauen zu gewinnen. Die Genossinnen und Genossen der Kommunistischen Partei Bangladesch mobilisieren ihre Mitglieder, größten Wert auf die Frauenförderung zu legen. In jedem Fall verändern sich die Bedingungen im Land durch die massenhafte Einbeziehung junger Frauen in die gesellschaftliche Produktion – und damit wird auch ihr Frauenbewusstsein und ihre politische Aktivität gestärkt.

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