PCB-Verseuchung durch Envio – mehr als ein Umweltskandal

Ein ehemaliger Envio-Arbeiter berichtet der Roten Fahne

Zur PCB-Entsorgung gründete Dirk Neupert in Dortmund die Firma Envio. Er stellte eine neue PCB-Entsorgungstechnik vor, das „LTR2-Reinigungsverfahren“. Eine Technik, die nie funktionierte. Trotzdem erhielt er einen Umweltpreis.

Envio entsorgte vor allem Transformatoren, unter anderem aus der Untertagedeponie Herfa-Neurode. 2010 flog durch eine anonyme Anzeige auf, dass bei der Entsorgung riesige Mengen PCB freigesetzt wurden. Außerdem verkaufte Envio hoch verseuchtes Material als „gereinigt“. Die Beschäftigten – ein Großteil davon Leiharbeiter – sowie das umliegende Wohngebiet wurden erheblich vergiftet. Jahrelang hatte die Bezirksregierung Arnsberg Envio sorglos die Genehmigungen erteilt. 2010 schloss sie den Betrieb. Neupert meldete Konkurs an, um so die Entsorgungskosten auf die Steuerzahler abzuwälzen. Die Rote Fahne sprach mit einem ehemaligen Envio-Arbeiter.

Wie geht es dir und deinen Kollegen?

Dieter1: Den meisten Kollegen war nicht klar, womit sie arbeiten. Als die Sache aufflog, wurden wir untersucht. Ein Schock für alle! Einzelne Kollegen hatten 25.000-fach erhöhte PCB-Werte im Blut und Fettgewebe. Bei mir selber liegt der Wert bei 1.000. Wir erfuhren, worauf wir uns „einstellen“ müssen: Nervenleiden, chronische Übelkeit und Müdigkeit, Depressionen. Von den insgesamt 400 Kollegen leiden zwölf an Krebs. Mit ihrer Arbeitswäsche brachten Kollegen das PCB nach Hause und verseuchten ihre Wohnungen. Die Familienmitglieder wurden aber nicht untersucht. Es gibt drei Fälle von Neugeborenen mit Behinderungen durch PCB-Vergiftung.

Was ist seit Bekanntwerden des Skandals geschehen?

Es gab eine Welle des Protestes. Eine Bürgerinitiative gründete sich. Sie sorgt mit anderen Umweltaktivisten bis heute dafür, dass das Umweltverbrechen nicht aus der Öffentlichkeit verschwindet. Die IGBCE hat eine Sammelklage von 40 Kollegen finanziert. Das Justizministerium NRW hat unterbunden, dass die Sache von der Abteilung „Organisiertes Verbrechen“ der Staatsanwaltschaft Bochum übernommen wird. Seit Mai 2012 wird jetzt in Dortmund verhandelt. So, wie der Prozess läuft, sind wir Arbeiter am Ende noch selber schuld, und Neupert und andere Verantwortliche kommen ungeschoren davon. So behauptet Neuperts Verteidiger, dass die erhöhten PCB-Werte „mit ungesunden Lebensstilfaktoren“ von uns Arbeitern erklärt werden könnten.

Höchste staatliche Stellen, die Stadt, die Bezirksregierung usw. – sie alle wollen das ganze Ausmaß des Umweltverbrechens und die Verstrickung staatlicher Behörden darin vertuschen und keinen der Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Die poli­tische Brisanz der Sache liegt unter anderem darin, dass zu den „Entsorgern“ auch das Militär und Teile des militärisch-industriellen Komplexes gehören. Wir müssen dafür sorgen, dass das Ausmaß des Skandals nicht unter den Tisch gekehrt wird, die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen und die Profiteure die Kosten zahlen!

Danke für dieses Gespräch!

 

1 Der Name ist der Redaktion bekannt

 

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