Sahra Wagenknechts Traum vom „Reichtum ohne Gier“

Auf der Leipziger Buchmesse hat Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der Links­fraktion im Deutschen Bundestag, ihr neues Buch vorgestellt: „Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten“

Aufgebaut als Ikone für Menschen, die in der Linkspartei auch eine Heimat für marxistischen Anspruch sahen, nimmt Wagenknecht in „Reichtum ohne Gier“ von diesem Anspruch konsequent Abschied.

Es lohnt sich, beim Ende anzufangen. Hier formuliert Sahra Wagenknecht ihr strategisches Ziel, eine Gesellschaft mit vier Formen der kapitalistischen Ausbeutung: „Nach diesen Kriterien wollen wir vier Rechtsformen für Unternehmen vorschlagen, die als Grundtypen die Kapitalgesellschaft ablösen und ersetzen sollten: die Personengesellschaft, die Mitarbeitergesellschaft, die öffentliche Gesellschaft und die Gemeinwohlgeselschaft.“ (Seite 273 f.)

Wagenknecht nimmt den Klassenstandpunkt der klein- und nichtmonopolistischen Bourgeoisie ein, die nach ihrer Ansicht von ehrlicher Arbeit lebt, und vom Finanzkapital bedroht ist. Damit entfernt sie sich von jeglicher Grundlage revolutionärer Positionen.

Sahra Wagenknecht will den „Wirtschaftsfeudalismus“ abschaffen und somit die „Märkte vor dem Kapitalismus“ retten. Das geht nicht. Wer die Märkte retten will, will den Kapitalismus retten. Mit „Reichtum ohne Gier“ startet die Autorin ihren speziellen Versuch, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Mit keinem Wort greift sie darin das kapitalistische Ausbeutungsverhältnis, das Lohnsystem und die bürgerliche Familienordnung an. Arbeiter und „Unternehmer“ sollen von „ihrer Arbeit“ leben, nur die Spekulation, die Aktiengesellschaften sollen gebändigt werden.

Deshalb muss sie Marx angreifen. Sie meint, die Marx’sche Mehrwerttheorie – wohlweislich zitiert sie Marx nicht – mit der Bemerkung zu erledigen: „Diese Theorie beschreibt korrekt, was dem Gewinn zugrunde liegt, nämlich, dass der abhängig Beschäftigte mehr erarbeitet, als er bezahlt bekommt, dass also ein Teil des Ertrags seiner Arbeit an den Eigentümer des Unternehmens geht. Aber damit ist die Frage noch nicht beantwortet, warum das so ist.“ (Seite 131) Während sie damit suggeriert, die kapitalistische Ausbeutung sei nicht systemimmanent, lässt sie zugleich das Wesentliche der Analyse von Marx weg: „Die heutige kapitalistische Produktionsweise hat zur Voraussetzung das Dasein zweier Gesellschaftsklassen; einerseits der Kapitalisten, die sich im Besitz der Produktions- und Lebensmittel befinden, und andrerseits der Proletarier, die, von diesem Besitz ausgeschlossen, nur eine einzige Ware zu verkaufen haben: ihre Arbeitskraft; und die diese ihre Arbeitskraft daher verkaufen müssen, um in den Besitz von Lebensmitteln zu gelangen.“ (Marx/Engels, Werke, Band 19, Seite 105).

Sie unterschlägt die Frage der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel und die der Machtverhältnisse, denn diese will sie beibehalten. Stattdessen ergeht sie sich seitenlang in „Möglichkeiten zur Ausschaltung oder wenigstens Begrenzung von Konkurrenz“ (S. 132). Dann wird‘s richtig heimelig im Kapitalismus: „Natürlich gibt es in unserer Wirtschaftsordnung nicht nur Renditejäger, die in Unternehmen lukrative Anlageobjekte sehen, sondern auch viele echte Unternehmer. Sie sind diejenigen, die gemeinsam mit ihren Beschäftigten für wirtschaftliche Dynamik, Innovation und gute Produkte sorgen. Aber die Annahme, die Unternehmer bräuchten den Kapitalismus, ist ein großer Irrtum. Eben wegen des schwierigen Zugangs zu Kapital behindert er sie eher und macht ihnen das Leben schwer.“ (S. 136) Frau Wagenknechts Traum ist, das böse Finanzkapital zu bändigen und einen geläuterten Kapitalismus zu erhalten. Tatsächlich hat die Neuorganisation der internationalen Produktion eine neue historische Umbruchphase eingeleitet. Der Imperialismus stößt an eine relative historische Grenze, die er nicht überwinden kann. 2003 schrieb Stefan Engel in „Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘“: „Das Rad der Geschichte kann weder aufgehalten noch zurückgedreht werden, wie die kleinbürgerlichen Globalisierungskritiker hoffen. In ihren reaktionären Träumen von einem ,zivilisierten‘ oder ,gezähmten‘ Kapitalismus und in ihrer Sehnsucht nach einer für sie akzeptablen Nische innerhalb dieser Gesellschaft kommt ihre Angst vor revolutionären Veränderungen zum Ausdruck.“ (S. 577)

Frau Wagenknecht ist konsequent auch politisch nach rechts gerückt. Indem sie die Frage nach der „Belastbarkeit Deutschlands“ in der Flüchtlingsfrage aufwirft, verrät sie den Grundsatz des proletarischen Internationalismus. Das stößt auch in der Linkspartei auf Kritik. Katja Kipping ging auf der Buchmesse auf vorsichtige Distanz.

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