„Da wirkt die Propaganda Erdoğans“

Komplizierte Diskussionen mit türkisch- und kurdischstämmigen Migranten

Wie wirkt sich die nationalistische Propa­ganda der Erdoğan-Regierung auf das Verhältnis zwischen türkischen und kurdischen Migranten sowie deutschen Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben aus? Dazu habe ich beim Zilan-Frauenfestival1 in Dortmund viele Gespräche geführt

Eine Kollegin erzählt: „So lange die Verhand­lungen zwischen der türkischen Regierung und der PKK liefen, hatte ich keine Probleme mit meinen türkischen Kollegen. Wir konnten über alle politischen Fragen reden. Seit einiger Zeit ist es wie eine Wand, an der ich abpralle.“

Türkische Kollegen mit schwach entwickeltem Klassenbewusstsein sähen Erdoğan teilweise „wie einen Gott“. „An die kommst du kaum dran, weil sie alles glauben, was im türkischen Fernsehen kommt.“

Erdoğans wütende Reaktion auf die Armenien-Resolution des Bundestags stärkt unter einem Teil der türkisch­stämmigen Arbeiter die kleinbürgerlich-nationalistische Denkweise. Die Erdoğan-gesteuerten TV-Sender fragen zum Beispiel, warum der Bundestag nicht über den Holocaust spricht? Sie verschweigen aber das breite antifaschistische Bewusstsein in Deutschland und dass es in Deutschland sogar unter Strafe steht, den Holocaust zu leugnen.

Vor allem in Großbetrieben stärkt die gemeinsame Erfahrung im täglichen Kleinkrieg die Klassensolidarität. Das bestätigt ein anderer Arbeiter: „Unter meinen türkischen Kollegen sind viele demokratisch eingestellt. Denen passt nicht, dass Erdoğan aus der Türkei einen islamischen Staat machen will. Sie lehnen seine Politik ab, ­kritisieren aber auch die PKK, weil sie ­angeblich Unschuldige umbringt.“ Der Staatsterror in den kurdischen Gebieten wird in den türkischen Medien ausgeblendet – zivile Opfer werden automatisch der PKK zugerechnet.

In allen Gesprächen erfahre ich, dass die große Mehrheit der deutschen Kolleginnen und Kollegen die Politik Erdoğans ablehnt. Gefreut hat mich, dass viele ­meiner kurdischstämmigen Gesprächspartner weiter die Auseinandersetzung mit den türkischstämmigen Kolleginnen und Kollegen suchen: „Ich frage sie immer, was sie denn an Erdoğan gut finden. Dann höre ich meist, ‚er hat doch was für die Türkei getan, zum Beispiel Autobahnen gebaut‘.“ Tatsächlich hat die Entwicklung der Türkei zu einem neoimperialistischen Land seit Anfang des Jahrtausends Kapital ins Land gespült und zur Herausbildung internationaler Monopole geführt. Die Infrastruktur wuchs und teils waren auch gewisse Zugeständnisse möglich. Aber: der neoimperialistische Machtkurs nach innen und außen ist ein Angriff auf die Arbeiterklasse weltweit und in der Türkei. Die Umwelt wird zerstört, demokratische Rechte werden abgebaut, die Ausbeutung verschärft, Frauenrechte beschnitten. Kein Arbeiter darf sich vor den Karren des Konkurrenzkampfs von EU- und Türkei-Monopolen spannen lassen – sonst verlieren alle.

Es ist aber falsch, wenn einige Kollegen die Wut gegen Erdoğan auf seine Anhänger übertragen. Das kritisiere ich. „Du vergisst, dass sie in erster Linie Arbeiter sind, während Erdoğan Vertreter einer anderen Klasse, des Monopolkapitals, ist.“ Ich kritisiere auch, wenn deutsche Kolleginnen und Kollegen sich heraushalten, um des lieben Friedens willen. In dieser Auseinandersetzung muss jeder Position beziehen. Darüber muss man offen sprechen.

Anmerkung der Redaktion:

Wir freuen uns über weitere Erfahrungsberichte, Argumente usw. zu dem Thema

1 Internationales Frauenfestival der kurdischen Bewegung (fand dieses Jahr am 19. Juni statt)

 

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