Die Täuschung der „Bücher-Republik“ Deutschland

Wie ein Roman von Siegfried Lenz 1951 zensiert wurde – und 2016 ein zweites Mal

Im März 2016 kam der Roman von Siegfried Lenz „Der Überläufer“ auf den Buchmarkt, wo er aus dem Stand die Spitzen der Bestsellerlisten eroberte.

Über dieses frühe Meisterwerk eines der renommiertesten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsgeschichte – erschienen erst 65 Jahre nach seiner Entstehung und 1,5 Jahre nach dem Tod des Autors – ist seitdem viel Lobendes geschrieben worden. Offene Fragen zu der Anfang der 1950er-Jahre erfolgten Unterdrückung des Buches stehen allerdings ebenso im Raum. Die Antworten, die der Verlag Hoffmann und Campe in einem dem Roman beigefügten Anhang selbst darauf gibt, lassen zu wünschen übrig – so dachte ich zunächst. Bis ich feststellen musste: Sie sind beschönigend, irreführend und verfälschend!

Das mag manchem als weitreichender Vorwurf erscheinen, doch er ist zu belegen. Bereits Anfang April schrieb ich in diesem Sinne einen ausführlichen Brief an den verantwortlichen Verlagschef, Herrn Kampa, um ihn mit meinen Recherche-Ergebnissen zu konfrontieren – kombiniert mit Quellenmaterial aus dem Deutschen Literatur- und Handschriften-Archiv in Marbach. Dort nämlich befindet sich, im bislang noch völlig ungeordneten Nachlass von Siegfried Lenz, die erste Fassung des „Überläufer“. Freund­licherweise suchten die Archivare das zum Teil handschriftliche Manuskript für mich heraus.

Was erste und zweite Fassung unterscheidet, ist eine spannende Geschichte: Walter Proska, die Hauptfigur des Romans, befindet sich im letzten Kriegsjahr als Soldat der deutschen Wehrmacht an der Ostfront. Als ihm die Zustände, die dort herrschen, immer unerträglicher erscheinen, läuft er zur Roten Armee der Sowjetunion über, um fortan in ihren Reihen gegen die Hitler-Führung – im Buch die „Klicke“ genannt – zu kämpfen. Während nun in der ersten Fassung der Übertritt Proskas zur Roten Armee völlig freiwillig und aus eigener Überzeugung und Initiative erfolgt, geschieht dies in der zweiten Fassung einzig und allein aufgrund von Zwang durch eine Exekutionsdrohung der Sowjets. Überhaupt ist die erste Fassung im Ganzen gesehen von einer gegenüber dem Kommunismus offenen, wenn auch kritischen Haltung geprägt. Man hat den Eindruck, der Autor wollte den Leser selbst entscheiden lassen, wie er den Entschluss seines Protagonisten und die gesellschaftlichen Verhältnisse bewertet. Die zweite Fassung, die der jetzt veröffentlichten entspricht, folgt dagegen strikt antikommunistischen Vorgaben. Wie konnte es dazu kommen?

Ein gewisser Dr. Görner, der Ende Oktober 1951 als Lektor von Hoffmann und Campe mit der Prüfung des Romans beauftragt war, wies Siegfried Lenz nach Darstellung des Verlagsanhangs auf angeblich darin enthaltene „handwerkliche und technische“ Schwächen hin. Nur sechs Wochen später lieferte Siegfried Lenz dann eine zweite Fassung ab. Dabei waren die Schlüsselkapitel von ihm umgeschrieben bzw. größtenteils völlig neu verfasst worden, und er fügte am Ende außerdem vier zusätzliche Kapitel an. In einem der heutigen Romanausgabe beigefügten Brief, den Siegfried Lenz damals an Dr. Görner schrieb, finden sich erstaunliche Sätze zu dieser hektischen Überarbeitungsaktion. Bei genauem Lesen geht daraus hervor, wie sehr sich der damals 25-Jährige mit dieser zweiten Fassung quälte und dass er befürchtete, an seiner Hauptfigur Proska schon viel zu viel geändert zu haben. Da besagtem Dr. Görner inzwischen jedoch der Roman selbst mit den von ihm angewiesenen Änderungen politisch zu brisant erschien, lehnte er ihn nun gänzlich ab. Siegfried Lenz muss dies tief getroffen haben, er zog das Geschriebene von sich aus zurück, ließ es in Vergessenheit geraten, sprach nicht einmal mehr in seiner Familie über die erlittene Schmach.

Was war 1951/52 wirklich geschehen? Was war so „schlimm“ am „Überläufer“ in jenen Jahren des beginnenden „Kalten Krieges“, der offenen Blockkonfrontation zwischen Kapitalismus und Sozialismus und der Wiederaufrüstung der Bundesrepublik? Antwort darauf gibt weniger die jetzt erschienene zweite Fassung als vielmehr das Original.

Dieses nämlich nimmt sich der Titelthematik weit offener und mutiger an, was indessen der Verlag in seinem Anhang auf dreiste Weise exakt umgekehrt erscheinen lassen will. Demnach hätte erst in der zweiten Fassung die „Überläufer-Geschichte mehr und mehr an Gewicht gewonnen“ (S.358), was einer reinen Zweckbehauptung gleichkommt. Sie soll wohl die erfolgte Zensur zumindest plausibel machen, denn ein Überläufer-Roman hätte angeblich nicht in die damalige Zeit gepasst. Und wie er gepasst hätte! Eben deshalb wurde
er ja unterdrückt! Das ist auch der eigentliche Grund, warum das Original rigoros zensiert wurde, später dann sogar die zweite, schon wesentlich der herrschenden Politik angepasstere Version.

Letztere steckt voll eingebauter antikommunistischer Vorbehalte und konstruierter, oftmals sinnentstellender Zusammenhänge, die im ursprünglichen Text so nicht zu finden sind – von wegen angeblich „technische“ Änderungen im Detail. Görner, der all das angewiesen hatte, war übrigens SS-Mitglied gewesen, was der Verlag bis heute verschweigt – und ganz in diesem Sinne ließ ihm Hoffmann und Campe scheinbar auch nach dem Krieg in seinem zensorischen Treiben ungehinderten Lauf.

Was heute im Buchhandel vertrieben wird, ist die durch den SS-Mann Görner „bearbeitete“ Fassung, das heißt, keine freie Kunstausübung, sondern ein Diktat. Leider kann man Siegfried Lenz nicht mehr selbst zu dieser Geschichte hinter der Geschichte befragen. Aber was er wirklich und ursprünglich zu schreiben beabsichtigte, was seine wahre Intention war, steht in der ersten Fassung. Und deshalb müssen die Leser der heutigen Zeit auch das Recht bekommen, sie als Buch zu erwerben, ihren Text kennenzulernen, beide Bücher zu vergleichen – und sich dann eine eigene Meinung zu bilden.

Gesetzt den Fall, der Verlag Hoffmann und Campe wird der Forderung nach „Nachlieferung“ der ersten Fassung endlich gerecht, kann ich versprechen: Bei dem, was dann auf den Tisch unserer „Bücher-Republik“ kommen wird, handelt es sich um ein – zumindest kleines – Stück neu geschriebener deutscher Literaturgeschichte, nicht nur der von 1951, sondern auch von 2016!

Peter Borgwardt

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