Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Migration

Von nationalistischen und faschistischen Kräften werden immer wieder Ängste vor „Überfremdung“ durch Migration und Flüchtlingsströme gefördert. Das wird unter anderem mit rassistischen Theorien unterfüttert, die die Entstehung unterschiedlicher regionaler bzw. nationaler Kulturen mit der Überlegenheit oder Minderwertigkeit von Völkern verknüpfen.

Tatsächlich war die Entstehung der menschlichen Kultur und ihrer regionalen Besonderheiten von Anfang an aufs Engste mit Wanderungsbewegungen verknüpft. Wie überhaupt die Geschichte der Menschheit ohne ständige Migration undenkbar ist.

Waren die ersten Menschen ohnehin Nomaden, veränderte sich die Migration mit der Sesshaftwerdung im Neolithikum (Jungsteinzeit). Der Übergang von der bis dahin vorherrschenden Produktionsweise als Jäger und Sammler zur Produktionsweise Ackerbau und Viehzucht war eng verbunden mit der Aufgabe der nomadischen Lebensweise. Ab dem frühen 10. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung begann der Bau fester Siedlungsplätze.

Der marxistisch geprägte Archäologe Vere Gordon Childe prägte dafür 1936 den Begriff „Neolithische Revolution“. Sie stand in Wechselwirkung zum Beginn der Warmzeit vor rund 11.500 Jahren. War bis dahin das Nahrungsangebot ganzjährig knapp, so gab es jetzt in der feuchten Winter- und Frühjahrszeit ein reicheres Nahrungsangebot (Wildgetreide, Pistazien etc.). Das Anlegen von Vorrat für die Trockenzeit im Sommer machte die Sesshaftwerdung der Menschen zu einer unmittelbaren Notwendigkeit. Dieser Übergang vollzog sich nicht nur in Europa und im vorderen Teil Asiens, sondern auch anderen Weltregionen wie Südindien, China, Süd- und Mittelamerika.

Fortschritt durch Offenheit gegenüber anderen Völkern

Bereits 1933 veröffentlichte Childe im populärwissenschaftlichen Journal „History“ seine erste Attacke gegen die rassistische Erklärung archäologischer Funde. Er zeigte, dass unterschiedliche frühzeitliche Kulturen nicht mit unterschiedlichen Rassen gleichzusetzen sind und auch nicht einfach mit unterschiedlichen Völkern. Die archäologischen Funde bewiesen das Gegenteil der faschistischen Theo­rien. Childe unternahm mehrere Reisen in die USA, wo bei Ausgrabungen die gefundenen Skelette mit denselben Methoden vermessen wurden, die die Hitler-Faschisten bei ihren „Rassebestimmungen“ verwendeten. Er konnte belegen, dass diese Untersuchungen überhaupt keine verwertbaren Aussagen lieferten, sondern nichts als Zufallszahlen.

Offensiv wandte sich Childe gegen die These von der „rassischen Reinheit“, die die Faschisten als erstrebenswert ausgaben. Er legte dar, dass kultureller Fortschritt auf Offenheit gegenüber anderen Völkern basiert, auf dem Niederbrechen der Isolation zwischen menschlichen Gruppen, dem Zusammenfassen fortgeschrittener Ideen und dem Weiterreichen von Errungenschaften einer Kultur an andere. Auf diese Weise wächst laut Childe das kollektive Können der Menschheit.

Städte als Zentren der Migration

Der kulturelle Aufschwung am Ausgang der Urgesellschaft, der ersten klassenlosen Epoche der Menschheit, war für Childe Ergebnis der Entfaltung der Produktivkräfte in Verbindung mit der Vermischung der Menschen und der Ausbreitung von Ideen. Nur so entstand die bäuerliche Zivilisation auf der Grundlage von Ackerbau und Viehzucht – die ersten europäischen Bauern waren vorwiegend Migranten. Das war auch eine wesentliche Grundlage der städtischen Zivilisation zu Beginn der Bronzezeit als Zentrum des Austauschs und des Handwerks. In Mesopotamien entstanden bedeutende Städte wie Ninive, Aleppo oder Assur im vierten und dritten Jahrtausend v. Chr. eng verbunden mit Schüben der Einwanderung. Die ersten Städte im Indus-Tal seit 2.600 v. Chr. ähnelten sich frappant, was nur durch intensiven Wissensaustausch und Zuwanderung zu erklären ist. Auch zwischen den spätneolithischen Kulturen Chinas (3.200 bis 1.600 v. Chr.) gab es intensiven Austausch.

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