Jean Ziegler: „Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen“

Jean Ziegler: „Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen“

Jean Ziegler – liebe-das-ganze.blogspot.com

Buchbesprechung

Gelsenkirchen (Korrespondenz): Schon der Titel macht unmissverständlich klar, auf welcher Seite Jean Ziegler steht – sein scharfer Verstand, sein weites Herz und seine vorbehaltlose Solidarität gelten den Unterdrückten und Ausgebeuteten dieser Welt. „Die Bemühungen der Intellektuellen nützen heute nichts, wenn sie den Feind nur bekannt machen und nicht auch dazu beitragen, die Menschen in die Lage zu versetzen, ihn zu bekämpfen und zu besiegen.“ (S. 278) Sein Buch soll dafür Rüstzeug sein.

Es beinhaltet eine Kritik an verschiedenen Formen der bürgerlichen Ideologie und der herrschenden imperialistischen Weltordnung. Ziegler verarbeitet wichtiges Material zur bürgerlichen Ideologie, ihrer Geschichte und ihrer gegenwärtigen Krise, zum Verhältnis von Wissenschaft und Ideologie, zur Frage von Staat und Nation, zur Besonderheit von Kunst und Kultur, zu neueren soziologischen und anthropologischen1 Strömungen und zu den Aufgaben von kritischen Intellektuellen.

Ziegler stützt sich unter anderem auf die Thesen der „Neomarxisten der Frankfurter Schule“2, auch wenn er deren Kulturpessimismus kritisiert. Es handelt sich dabei um eine bürgerlich-intellektuelle Strömung von Soziologen um Adorno und Habermas, die trotz ihrer „kritischen Theorie“ in keiner Weise mit dem Klassenkampf verbunden sind. Ziegler selbst ist engagiert in der Solidarität mit vielen internationalen Kämpfen, insbesondere in den abhängigen Ländern.

Sehr kenntnisreich sind z. B. die komprimierten Abschnitte zum Kolonialismus, Befreiungskampf und der Konterrevolution in Afrika. Er verteidigt Marx, die Pariser Kommune und die Diktatur des Proletariats, auch die russische Revolution und Revolutionäre wie Lenin, Zhou Enlai und Che Guevara. Er negiert aber die Erfolge des sozialistischen Aufbaus und zieht keinen klaren Trennungsstrich zu dem revisionistischen Verrat in der Sowjetunion und China, der diese Erfolge später wieder zunichte machte.

Ziegler zeichnet die Entwicklung der bürgerlichen Ideologie auf – vom Calvinismus, der die Sklaverei und mörderische Kolonialpolitik rechtfertigte; von den großen Ideen der Aufklärung und ihrem Durchbruch in der französischen Revolution samt ihren widersprüchlichen Strömungen; von der idealistischen Dialektik Hegels, die zum Bumerang für die preußische Monarchie wurde; von der bürgerlichen Idee der Nation und des Staates bis zur Diktatur des Proletariats in der Pariser Kommune; von den Wegbereitern der modernen bürgerlichen Ideologie wie Max Weber; vom Keynesianismus, der die Grundlage für die heutige reformistische Ideologie war – bis zur Politik und Ideologie des Neoliberalismus heute.

Die neuen kapitalistischen Feudalherrschaften wachsen und gedeihen“, schreibt er und prangert die weltweite Herrschaft der Finanzoligarchien an. (S. 49) „Das durch Unterernährung und Hunger verursachte Massaker an Millionen Menschen ist heute … skandalöser Ausdruck des Kampfes der Reichen gegen die Armen, eine Ungeheuerlichkeit …“ (S. 51). Für ihn ist es eine „kannibalische Weltordnung“.

Ziegler setzt seine Hoffnung auf die sich herausbildende weltweite, vielfältige und tausendfache Widerstandsbewegung mit dem Potenzial, die „Diktatur der Konzerne zu stürzen“, wenn die Bürger ihre „verfassungsmäßigen Waffen ergreifen und sie gegen die weltbeherrschende Finanzoligarchie richten … und schon morgen bricht die kannibalische Weltordnung zusammen.“ (S. 278). Angesichts eines hoch organisierten Gegners, der auch die Medien beherrscht, unterschätzt er dabei die Bedeutung der internationalen Arbeiterklasse, der Organisiertheit, der revolutionäre Strategie und Taktik, der revolutionären Führung und des bewussten Kampfs um die Denkweise.

Trotz verschiedener Widersprüchlichkeiten ist das Buch von einem frischen revolutionären Geist durchdrungen. Ziegler spricht eine ansprechende, ermutigende und aufrüttelnde Sprache.

Für ihn ist das Buch gleichzeitig eine „intellektuelle Autobiografie“ (S. 18) seiner Tätigkeit als Professor für Soziologie. Es gibt dem Leser, der sich weltanschaulich in einer sehr komplexen Weltsituation orientieren will, vielfältige Anregungen.

 

1 Anthropologie: Wissenschaft vom Menschen

2 die „Frankfurter Schule“ hat vor allem die Anfänge der Studentenbewegung in Deutschland und Frankreich der 1960er und 1970er Jahre beeinflusst.

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