Die neue „ganzheitliche Ökologie“ von Papst Franziskus

Weltweit verlieren die Kirche und religiöse Denkmuster Einfluss auf das Bewusstsein der Massen. In Deutschland traten im Vorjahr 217.716 katholische Kirchenmitglieder aus – eine Rekordzahl. Das ist in der Hauptseite Ausdruck eines weltweiten Linkstrends, aber auch Folge von wachsender Kritik und Skandalen in den Institutionen der Kirche selbst.

Für die Kirche, aber vor allem auch für die Herrschenden der Welt ist das ein großes Problem. Setzen sie doch – wie der ehemalige US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski – ihre Hoffnung bezüglich politischer Stabilität auf „etablierte Religionen“, die „für viele Gesellschaften das moralische Gerüst geliefert haben“.

Das war ein maßgeblicher Grund, warum Papst Franziskus vor zwei Jahren an die Spitze der katholischen Kirche gewählt wurde und seitdem in vielen Fragen neue, ungewohnte Töne anschlägt. Es entspricht auch den Bedürfnissen vieler Gläubiger: weg vom abgehobenen reaktionären, lebensfeindlichen und antikommunistischen Religionsverständnis hin zu einem Kirchen- und Religionsverständnis, das sich mehr den Sorgen und Nöten des realen Lebens zuwendet – um darauf dann freilich illusionäre Antworten zu geben. So wie es Karl Marx schon vor 160 Jahren ausgedrückt hat:

Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“1

Dieses „Gemüt einer herzlosen Welt“ verkörpert Papst Franziskus – so auch Anfang Juli bei seiner Reise nach Südamerika. Er prangerte dort die Auswüchse des Finanzkapitalismus an, den „neuen Kolonialismus“ samt dem „ideologischen Kolonialismus“. Er forderte ebenso „ein Ende von Ausbeutung und Unterdrückung“ wie die „Verteidigung der Mutter Erde“ und geißelte daher die ergebnislosen internationalen Gipfeltreffen. Bei den indigenen Völkern Lateinamerikas entschuldigte er sich für die Verbrechen auch der Kirche „während der sogenannten Eroberung Amerikas“. Als „Anwalt der Armen“ sucht er die Verbindung mit den unterdrückten Massen – so wie am 9. Juli 2015 in Bolivien beim „Welttreffen der Volksbewegungen“. Dort würdigte er die gesellschaftsverändernde Kraft gerade der „Unbedeutendsten, der Ausgebeuteten, der Armen und Ausgeschlossenen“: „Ich wage, Ihnen zu sagen, dass die Zukunft der Menschheit großenteils in Ihren Händen liegt, in ihren Fähigkeiten, sich zusammenzuschließen und kreative Alternativen zu fördern.“2

Dazu greift er die Sehnsucht der unterdrückten Massen auf: „Wir wollen eine Veränderung, eine wirkliche Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen.“ Die „kreative Alternative“ sieht er darin, „das Gemeinwohl in einer vollkommenen und partizipativen Demokratie aufzubauen“. Und zwar mit einer „ganzheitlichen Ökologie …, die klar alle menschlichen Dimensionen einschließt, um die ernsten Umwelt- und Sozialprobleme unserer Tage zu lösen“.

Diese Lösungsvorschläge mögen gut gemeint sein, sie sind aber illusionär, weil sie den Klassencharakter der gesellschaftlichen Grundprobleme leugnen. Ohne Beseitigung der Diktatur des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals wird es weder eine Lösung der globalen Umwelt- und Sozialprobleme noch eine „ganzheitliche Ökologie“ im Sinne einer auf der dialektischen Einheit von Mensch und Natur fußenden Gesellschaft geben.

Papst Franziskus will stattdessen „gemeinsame, vernünftige, gerechte und dauerhafte Lösungen“ im Rahmen eines reformierten Kapitalismus. Sie dürften „nie Grund zur Aggressivität, Argwohn oder Feindschaft sein, welche die Situation weiter verschlimmert und die Lösung schwieriger machen“. Daraus spricht seine Furcht vor dem revolutionären Konflikt. Wie sollen aber Ausbeutung und Unterdrückung auf der Welt beendet werden, ohne sich mit dem internationalen Finanzkapital anzulegen, ihm die Macht zu entreißen und sozialistische Staaten in allen Ländern der Welt aufzubauen?

Landarbeiter in Paraguay warnte Papst Franziskus davor, bei ihrer Suche nach Gemeinwohl „ideologischen Sichtweisen“ zu folgen: „Die Ideologien enden schlecht, sie nützen nicht, sie haben einen kranken oder unvollständigen Bezug zum Volk.“3 Als ob die Kirche und er selbst „ideologiefrei“ wären. Der Papst vertritt jedoch eine ausgeprägt positivistisch-negativistische Ideologie, wenn er sagt: Er und die Kirche hätten „auch keine Lösungsvorschläge für die gegenwärtigen Probleme. Ich wage zu behaupten, dass es gar keine Rezepte gibt.“4

Die Menschen von der Zuwendung zur revolutionären Ideologie des Marxismus-Leninismus abzuhalten, ist heute zentrale Aufgabe der bürgerlichen Ideologie und der Religionen als Bestandteil der Ideologie der Herrschenden. Im Unterschied zu seinen beiden Vorgängern tritt Papst Franziskus dabei nicht offen antikommunistisch auf. Seine Kapitalismuskritik und teilweise fortschrittlichen Positionen machen eine politische Zusammenarbeit mit der von ihm verkörperten Art Christentum möglich und nötig.

 

1 Einleitung zur „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, Marx/Engels, Werke, Bd. 1, S. 378/379

2 Alle Zitate aus der Ansprache von Papst Franziskus beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz, Bolivien, am 9. Juli 2015

3 „Bayerischer Rundfunk“, 12.7.2015

4 siehe Anmerkung 2

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