Eine schräge Leitlinie „Einheit von Mensch und Natur“?

Aus Rote Fahne 25/2015: Frank Braun und Jürgen Suttner vom Internet-Magazin „Trend-Online“ zum Buch „Katastrophenalarm!“ und der Brief des Autors Stefan Engels dazu.

Unter der Überschrift: „MLPD – jetzt auch ökologisch engagiert“ besprechen Frank Braun und Jürgen Suttner im Internet-Magazin „Trend-Online“ Stefan Engels Buch „Katastrophenalarm!“. Daraus entspann sich eine längerer schriftliche Auseinandersetzung, aus der wir Auszüge bringen. Die vollständigen Briefe können auf der Seite www.katastrophenalarm.info nachgelesen werden. Braun/Suttner schreiben …

Eine schräge Leitlinie „Einheit von Mensch und Natur“

Im MLPD-Redaktionskollektiv glaubt man wohl, bei der Beurteilung der ökologischen Fragen ohne die Analyse vor allem der kapitalistischen Produktionsprozesse auskommen zu können – dem zentralen Element von Marxens „Kritik der Politischen Ökonomie“. Man verweist die LeserInnen von „Katastrophenalarm!“ schon ziemlich früh im Text auf eigenes Nachschlagen und auf, wie es es heißt, „diese marxistische Grundposition in ,Das Kapital‘, insbesondere im III. Band.“1

Um es gleich vorweg zu nehmen, diese Leserinnen werden weder im III. Band von ,Das Kapital‘ noch woanders bei Marx und Engels „diese marxistische Grundposition (der) dialektischen Einheit von Mensch und Natur (als) … einer der programmatischen Grundlagen des Marxismus“ finden.

Es finden sich dort keine weltanschaulich oder auch theoretisch positiven Bezüge auf solch einen schrägen Leitbegriff. Das umfangreiche Schriftgut der beiden passt auch einfach nicht zu diesem esoterischen Bild. Deren Interesse galt ganz den historischen und zeitgenössischen gesellschaftlichen Formen, ihren Klassen- und ihren Produktionsverhältnissen, ihren historischen Entwicklungen und den Bedingungen ihrer Aufhebung.

In den Fragmenten zur Vorbereitung von „Das Kapital“ beschreibt Marx sein Erkenntnisinteresse diesbezüglich ganz anders und sehr prägnant: „Nicht die Einheit der lebenden und tätigen Menschen mit den natürlichen, unorganischen Bedingungen ihres Stoffwechsels mit der Natur, und daher ihre Aneignung der Natur - bedarf der Erklärung oder ist Resultat eines historischen Prozesses, sondern die Trennung zwischen diesen unorganischen Bedingungen des menschlichen Daseins und diesem tätigen Dasein, eine Trennung, wie sie vollständig erst gesetzt ist im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital.“2

Wir finden dieses so zum Ausdruck gebrachte Erkenntnisinteresse absolut zielführend.

Die Trennung des Menschen von seinen natürlichen Lebensgrundlagen und wie letztere durch die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse gefährdet werden, kann demzufolge offensichtlich nicht per moralischem Imperativ im Sinne von „Wir wollen die Einheit von Mensch und Natur“ aufgehoben werden, sondern nur dadurch, dass gesellschaftliche Organisationsformen, eben Produktionsverhältnisse erkämpft werden, die sowohl unsere Reproduktion nachhaltig sichern, als auch dazu passende neue Kulturformen schaffen. Dieser Umstand thematisiert aber etwas ganz anderes als „Einheit von Mensch und Natur“!

Bereits mäßig ambitionierte KleingärtnerInnen werden bestätigen, dass bloßes Abschöpfen von Natur auf Dauer auch in der eigenen Parzelle keine zufriedenstellende Ertragslage mit sich bringen kann. Da muss schon ein bisschen mehr geschehen: Alle möglichen Formen von Kultivieren gehören dazu. Gerade so, wie es die Geschichte der Menschheit bewiesen hat, die nicht einfach nur Natur konsumieren, sondern ein Umgestalten derselben bewerkstelligen musste, um überleben zu können. Dieser Grundsatz gilt seit es Menschen gibt. Er galt auch schon, als Menschen begonnen hatten, sich in Waren – also Tauschwert – produzierenden Gesellschaften zu organisieren. Bereits die Drei-Felder-Wirtschaft bewirkte ein erhebliches Maß von Vernutzung natürlicher Ressourcen und natürlich auch die Abholzung ganzer Landstriche zum Zweck der Seefahrt. Das eine wie das andere war aber für die Spezies Mensch eine geradezu revolutionäre Errungenschaft.

Indes existierte ein, wie das AutorInnenteam schreibt, „ökologisches Gleichgewicht“3 in unseren Augen historisch nie. Was soll damit gemeint sein? Zwischen welchen Faktoren soll es ein Gleichgewicht gegeben haben? Zwischen Mensch und Natur? Was ist Natur, wo beginnt und wo endet sie, wer oder was gehört dazu? Bis in die 1980er Jahre hätte, nach Ansicht des AutorInnenteams, ein entschlossener Widerstand der Volksmassen ein ökologisches Gleichgewicht wiederherstellen können. Danach sei die Umweltkrise von einer bloßen Begleiterscheinung zu einem gesetzmäßigen Phänomen der kapitalistischen Produktionsweise geworden.4 Wieso bis in die 1980er Jahre?

Zu den genannten Fragen gibt es vom Autorenkollektiv der MLPD keine Antworten – eine historisch-materialistische Analyse sieht anders aus. Die Frage bleibt zu beantworten: Wie konnte also, von den Autorinnen des „Katastrophenalarm!“ formell richtig dargelegt, die Quantität von Naturzerstörung heute qualitativ in einen Zustand irreversibler Zerstörung übergehen?

Kommunistische Ökologie jenseits des Marxismus ?

… bloß formell richtig dargestellt? Ja, denn die im MLPD-Text zuvor genannte Begründung, dies sei deshalb so, weil es eine dem zugrunde liegende chronische Überakkumulation von Kapital gibt, ist offenkundig falsch. Der „Überakkumulation“, also lediglich knappen Investitionsgelegenheiten für eine mindestens ausreichende Profitrate, konnte und kann das imperialistische Monopolkapital bisher immer noch begegnen: Mal brechen sie einen Krieg vom Zaun und schaffen vermittels Vernichtung von Produktionsmitteln neue Investitionsmöglichkeiten, mal verbrennen sie nominelles Kapital aus uneinlösbaren Zinsversprechen in Form z. B. von „Schuldenschnitten“, mal brechen ganze Kapitalfraktionen zusammen oder werden vernichtet und scheiden als Konkurrenten aus und mal gibt es ein Cocktail von alledem.

1 „Katastrophenalarm“, S. 54/55

2 Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Dietz Verlag 1974, Seite 389

3 „Katastrophenalarm“, S. 78

4 „Katastrophenalarm“, S. 79



Stefan Engel antwortet

Liebe Genossen,

es ist Zeit, die Auseinandersetzung mit euch über den Beitrag der MLPD zur Strategiedebatte in dem Buch „Katastrophenalarm!“ wieder aufzunehmen. (…)

Wir brauchen … eine wirklich streitbare Strategiedebatte, mit immer neuen überzeugenden Argumenten. Dazu gibt eure Rezension einige Anregungen und macht zudem deutlich, dass in wichtigen Grundfragen durchaus Einigendes besteht: so in der Einschätzung, dass die Geringschätzung der Umweltfrage in der marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung selbstkritisch aufgearbeitet und überwunden werden muss; dass sich die Umweltkrise dermaßen zugespitzt hat, dass inzwischen irreversible Zerstörungen an natürlichen Lebensgrundlagen eingetreten sind; dass zur Lösung der Umweltfrage eine gesamtgesellschaftliche Strategiedebatte erforderlich ist; dass die MLPD mit ihrem Buch dazu einen Beitrag leistet, und dass es wünschenswert ist, dass sich mehr potenziell interessierte Leser mit den Thesen des Buchs befassen. Auf dieser Grundlage entwickelt ihr eine Reihe prinzipieller Widersprüche, um schließlich auch einige Vorschläge für die Entfaltung der Strategiedebatte und zur Lösung der Umweltfrage zu unterbreiten. (…)

Beginnen möchte ich mit eurer Kritik an dem Anspruch des Buchs, von den weltanschaulichen Grundlagen des Marxismus auszugehen. Ihr stellt die kühne Behauptung auf, dass weder „im III. Band von ,Das Kapital‘ noch woanders bei Marx und Engels“ eine marxistische Grundposition der dialektischen Einheit von Mensch und Natur zu finden sei: „Es finden sich dort keine weltanschaulich oder auch theoretisch positiven Bezüge auf solch einen schrägen Leitbegriff. Das umfangreiche Schriftgut der beiden passt auch einfach nicht zu diesem esoterischen Bild.“ (Hervorhebung durch den Autor) Es ist das schräg verzerrte Bild, welches durch den modernen Antikommunismus vom Marxismus in der öffentlichen Meinung erzeugt wurde, in welches die marxistische Grundposition der dialektischen Einheit von Mensch und Natur nicht hineinpasst. Warum macht ihr euch diese Sichtweise zu eigen? Als Beweis für die Richtigkeit eurer Behauptung und dafür, dass Karl Marx’s Erkenntnisinteresse für Erklärungen angeblich in eine ganz andere Richtung gegangen sei, führt ihr sage und schreibe ein einziges Marx-Zitat an. Widerspricht dieser Eklektizismus nicht dem gebotenen allseitigen Herangehen einer ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Kritik? Ganz gleich, ob es nun eurer Oberflächlichkeit oder dem Zufall geschuldet ist, das ausgewählte Zitat widerlegt nur eure eigene Position, … .

Marx hebt hervor, dass sich im Verlaufe der Menschheitsgeschichte ein Prozess der Trennung von Mensch und Natur vollzieht, der im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital seinem Höhepunkt zustrebt. Erklärt werden muss demnach nicht, dass die lebenden und tätigen Menschen für ihre Existenz des Stoffwechsels mit der Natur bedürfen, was nichts anderes bedeutet, als dass die Einheit von Mensch und Natur grundlegend ist. Erklärt, analysiert werden muss, wie und auf welche Weise es dazu kommt, dass dieser Stoffwechsel so gestört wird, dass dies bis zu einer regelrechten Trennung des Menschen von der Natur führt, dass und warum diese Trennung oder Entfremdung erst auf Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise, also unter dem Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital, auf die Spitze getrieben wird. Damit sind wir genau bei der Aufgabenstellung des Kapitel II unseres Buches, „Kapitalismus und Umweltzerstörung“. Es beginnt mit der Untersuchung der Frage, wie und warum mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise eine Untergrabung der natürlichen Lebensgrundlagen und Ruinierung der Arbeitskraft einhergeht, wie aus dieser Tendenz zur Störung der Einheit von Mensch und Natur eine regelrechte Umweltkrise als Begleiterscheinung des Imperialismus entsteht. Es deckt auf, wodurch diese schließlich zu einer gesetzmäßigen im Kapitalismus nicht mehr beherrschbaren tödlichen Entwicklung wird.

Wenn noch Einigkeit besteht, dass „die Quantität von Naturzerstörung heute qualitativ in einen Zustand irreversibler Zerstörung“ übergegangen ist, so behauptet ihr, die Herleitung der Ursachen dafür, insbesondere des auf Grundlage der chronischen Überakkumulation des Kapitals entstandenen ökonomischen Zwangs zu einer die natürlichen Lebensgrundlagen mehr und mehr zerstörenden kapitalistischen Produktion, sei „offenkundig falsch“. Statt sich mit unserer Analyse grundsätzlich und konkret auseinanderzusetzen, besteht eure „Widerlegung“ in relativ abstrakten Ausführungen über den tendenziellen Fall der Profitrate, um dann die ganze Umweltkrise auf das Gesetz der Akkumulation des Kapitals zurückzuführen. Den Zwang des Kapitals, „… sich stetig auf erweiterter Stufenleiter zu reproduzieren … Dies ist der Grund für die ständig umfangreichere Einverleibung von Natur und damit der ständig fortschreitenden Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlage!“ Damit landet ihr bei der These, die kapitalistische Produktionsweise sei von Anfang an mit einer gesetzmäßigen Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen behaftet. Diese These ist falsch, denn das Gesetz der Akkumulation des Kapitals ist wohl eine notwendige, aber keineswegs ausreichende Bedingung für den beschleunigten Übergang der Umweltkrise in eine globale Umweltkatastrophe. Es erklärt nämlich nicht, warum nicht ein immer größerer Anteil der erforderlichen Rohstoffe durch Recycling zurückgewonnen wird, warum die Klima schädigenden fossilen Energierohstoffe nicht längst durch regenerative Energien ersetzt worden sind, obwohl weder das Recycling, noch die regenerativen Energien grundsätzlich dem Erwirtschaften von Profiten widersprechen usw.

Nicht allein die periodisch auftretende Überakkumulation des Kapitals ist das Problem –unbeherrschbar geworden ist seine Dimension einer chronischen Überakkumulation. Diese äußert sich unter anderem darin, dass sie auch nach einer Überproduktionskrise weiterbesteht, weil nicht das gesamte überakkumulierte Kapital vernichtet werden konnte (auch aus politischen Gründen wegen der begründeten Furcht vor den destabilisierenden sozialen Folgen), um einer neuen Expansion in erforderlicher Weise Platz zu machen. Das führt unausweichlich zur Aufblähung der Spekulation, auch mit Lebensmitteln und Rohstoffen, wodurch die Entfremdung des Menschen von der Natur auf die Spitze getrieben wird. Es verschärft sich der Konkurrenzkampf unter den internationalen Übermonopolen um die Senkung der Produktionskosten unter anderem durch Raubbau und Plünderung der Rohstoffe, um die Erschließung neuer profitabler Anlagemöglichkeiten wie zum Beispiel in das Gas-Fracking und die Beherrschung bzw. intensivere Ausschöpfung neuer Absatzmärkte (TTIP usw.). Es erfolgt in einer historisch bisher nicht da gewesenen Weise. Diese, erst mit der Neuorganisation der internationalen Produktion in den 1990er Jahren entstandene Dimension rücksichtsloser Profitproduktion hat dazu geführt, dass sich die Menschheit „… bereits mitten in dem selbstzerstörerischen Prozess der allseitigen Auflösung der Einheit von Mensch und Natur befindet, und dass ein neuer hauptsächlicher Widerspruch im imperialistischen Weltsystem entstanden ist, … der Widerspruch zwischen der kapitalistischen Produktionsweise und den natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit.“5

Ich frage mich, was an dieser Formulierung so kompliziert oder unverständlich sein soll, dass ihr „auch nach wiederholter Lektüre“ nicht dahinter gekommen seid, was wir „wohl damit sagen wollen“ und sogar vermutet, wir wollten „hinter derartig verquastem Politdeutsch noch eine Menge an ungeklärten Fragen über die Bedeutung fortschreitender Naturzerstörung in Hinblick auf eine kommunistische Strategie und Taktik“ verstecken. Sollte euch wirklich entgangen sein, dass wir davon ausgehend eine Änderung der marxistisch-leninistischen Strategie vorgenommen haben? Entweder der Kapitalismus führt in die globale Umweltkatastrophe und damit zur Vernichtung der Menschheit oder aber die Menschheit wird mit dem Kapitalismus fertig und erkämpft eine sozialistische Gesellschaftsordnung, für die die Höherentwicklung der Einheit von Mensch und Natur ein grundlegendes Prinzip ist. Die Lösung der sozialen Frage und der Umweltfrage sind untrennbar miteinander verbunden. Diese Qualifizierung ist von allergrößter Bedeutung für die marxistisch-leninistische Strategie und Taktik, den Kampf um ein höheres Umweltbewusstsein der Massen und gegen das Herunterspielen der Problematik durch die Herrschenden. Sie wollen die Massen mit der angeblichen Vereinbarkeit von kapitalistischer Ökonomie und Ökologie einschläfern und davon abhalten, den aktiven Widerstand zu entwickeln und den Umweltkampf zu einem Gesellschaft verändernden Kampf höher zu entwickeln.

Mit solidarischen und revolutionären Grüßen, Stefan Engel

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