Die Befreiung Solingens im April 1945

Die Befreiung Solingens im April 1945

Demonstration zum 20. Gedenken an den feigen Brandanschlag in Solingen im Jahr 1993, rf-foto

In seinem Buch „So war's damals" schildert Willi Dickhut die letzten Tage der faschistischen Hitler-Diktatur in seiner Heimatstadt Solingen (S. 360–367). Der kommunistische Widerstand war führend bei der Befreiung der Stadt und ihrer kampflosen Übergabe an die US-Truppen durch eine antifaschistische Einheitsfront:

Ich wurde in meinem Versteck immer unruhiger. Soll ich noch länger warten? Unsere illegale Organisation mußte unbedingt eingreifen. Die Stadt Solingen war zur Verteidigung eingerichtet. Panzersperren an den Ausgangsstraßen sollten die anrückenden Amerikaner aufhalten, sie mußten vorher beseitigt werden, um die Stadt vor Zerstörung zu bewahren. Die deutsche Besatzung mußte zum Abzug bewegt, und wenn das nicht gelang, den Soldaten zum Desertieren verholfen werden. Die Verteidigung mußte zusammenbrechen, bevor die amerikanischen Truppen da waren, damit Solingen gerettet werden konnte. Ich mußte dringend unsere Parteiorganisation mobilisieren, um diese Aufgabe durchführen zu können. (...) Am selben Tag machte ich mich auf den Weg nach Solingen. (...) Meine Fäuste in den Taschen umklammerten die entsicherten Pistolen, aber keiner von den Soldaten war draußen. ...

Noch am gleichen Abend besprachen wir die nächsten Aufgaben. Kuno mußte tags darauf Ignaz aufsuchen und ihm auftragen, sofort alle Genossen und Sympathisanten zu mobilisieren, die dann die Bevölkerung auffordern sollten, weiße Fahnen zu hissen, die Panzersperren (...) zu beseitigen und Soldaten in ihren Quartieren zur Flucht zu verhelfen, ihnen Zivilkleider zur Verfügung zu stellen, die Fluchtwege zu zeigen oder in den Häusern zu verstecken. Am übernächsten Tag sollten die Genossen Flugblätter im ganzen Stadtgebiet nach Plan – wer, wieviel, wo und wann – verteilen.

Kuno besorgte Wachsmatrizen, Saugpost und Farbe, ich schrieb in der Zeit den Text, und am Abend hatten wir einige tausend Flugblätter fertig. Sie wurden am Tage darauf ausgeliefert und abends verteilt. Das war unser Flugblatt, es hatte seine Wirkung nicht verfehlt, wie dies die nächsten Tage zeigten. ...

Die Lage in diesen Tagen wurde in einem damals von mir zusammengestellten „Bericht über die Tätigkeit der Anti-Nazi-Bewegung in Solingen" wie folgt geschildert:

Die Lage am 14. April war gekennzeichnet durch den Durchbruch der Amerikaner aus dem Sauerland auf Wuppertal und von Köln auf Solingen. Die Hauptarbeit der ANTI-NAZI-Bewegung bestand an diesem Tage in der agitatorischen Ausnützung der äußerst geschwächten Stellung der Kreis- und Ortsleitungen der Nazi-Partei und der Volkssturmführung. An diesem Tage wurde die Auflösung des Volkssturms von den Antinazis erzwungen und in allen Stadtteilen die Beseitigung der Panzersperren organisiert. Eine weitere Aufgabe stand in der Organisierung der Häuserbeflaggung mit weißen Fahnen, Herausgabe von Flugblättern und Anbringung von Häuser- und Straßenbeschriftung, die zum Einstellen des Kampfes aufforderten.

Am 15. April war die Lage noch unübersichtlich. Die Wehrmacht hatte Befehle erlassen, Solingen zu verteidigen bis zum letzten Mann. Ein verstärkter Einsatz zur Bearbeitung der Wehrmacht, d.h. Zersetzung wurde notwendig. Es wurden Massendiskussionen mit Soldaten organisiert. Da die einzelnen Truppenteile keinen klaren Zusammenhalt mehr besaßen, wurde durch Verbreitung von falschen Parolen, irreführenden Befehlen über Abschlüsse von Kapitulationen und Waffenruhe und die Erklärung Solingens zur offenen Stadt, die Zersetzung und Auflösung der Truppen mächtig gefördert. Die Folge war, daß sich ein Truppenteil nach dem anderen auflöste. Soldaten aus solchen Truppenteilen, die die Verteidigung Solingens noch aufrechterhalten wollten, wurden durch Lieferung von Zivilanzügen zur Aufgabe des Widerstandes bewogen.

Die Massen der Antinazi-Bevölkerung wurden mobilisiert und zum Rathaus in Solingen-Wald, dem Sitz der Nazi-Parteiführung, dirigiert. Die Massen waren in aufgeregter Stimmung und immer deutlicher drang die Entschlossenheit durch, die Verteidigung Solingens mit allen Mitteln zu verhindern. Während in den Stadtteilen die Beseitigung der Panzersperren weiterging, forderten die Massen vor dem Rathaus immer stürmischer die Einstellung des Kampfes.

Aus dieser Stimmung heraus faßten einige Mitglieder der Antinazi-Bewegung den kühnen Entschluß, einen Vorstoß zur Kreisleitung der Partei und der Polizei zu machen, um, wenn nötig, mit Gewalt die Zustimmung des Kreisleiters Bülow und seiner Clique zur Waffenniederlegung zu erzwingen. In den sich nun abspielenden Verhandlungen wurden die Kreisleitung und die Polizei vollständig kaltgestellt. (...).

Bei einem höheren Polizeioffizier, der anschließend bearbeitet wurde, gab es einige Schwierigkeiten. Zunächst lehnte er jede Verhandlung mit den Antinazis ab. Er war überhaupt erstaunt, daß es Leute wagen könnten, mit dem Ansinnen der Kampfeinstellung zu ihm zu kommen. Nach einem deutlichen Hinweis auf kommende Dinge ließ er sich doch eines Besseren belehren, betonte jedoch, daß er an Befehle der Nazi-Partei gebunden sei. Es war aus allem zu erkennen, daß Partei und Polizei infolge der Aktivität der Antinazis in voller Auflösung begriffen waren.

Um den Zusammenbruch zu vervollständigen, kam in der Nacht vom 15. zum 16. April durch die Initiative der Antinazis eine Sitzung unter Beteiligung der bekannten Vertreter der Arbeiterschaft, des antifaschistischen Bürgertums, der Stadtverwaltung und einiger Intellektueller zustande. Der Zweck dieser Besprechung sollte die Herstellung der Verbindung mit dem Kommandeur des Kampfabschnittes sein, um auch diese Stelle zur kampflosen Übergabe Solingens an die Alliierten zu bewegen.

Am 16. April waren die Amerikaner weiter im Anrücken auf Solingen. In der Stadt wurden überall weiße Fahnen gehißt. An diesem Tage kam es zu einem Terrorüberfall der Waffen-SS auf die Bevölkerung von Solingen-Wald. In einer Anzahl kleiner Kraftwagen die Hauptstraße herunterkommend, schossen sie aus MPs auf die mit weißen Fahnen behangenen Fenster. In der Nähe des früheren Gewerkschaftshauses wurde eine Frau getötet und eine schwer verletzt. Ein Antinazi leistete der Waffen-SS bewaffneten Widerstand, wodurch ein Major der Waffen-SS verwundet wurde. Daraufhin rückte die Waffen-SS ab. Nach dieser Abwehr wurde die Beflaggung mit weißen Fahnen weiter betrieben.

(...) Trotz der großen Gefahr, wegen Defaitismus erschossen zu werden, ist den Leuten klar gemacht worden, daß die Solinger Bevölkerung die Kommandeure im Falle von Kampfhandlungen voll verantwortlich machen würde. Infolge des sich fortgesetzt steigernden Einwirkens der Antinazis stellten in vielen Stadtteilen die Batterien ihr Feuer ein. In einigen Fällen haben die Antinazis den Soldaten geholfen, die Geschütze und Munition in die Luft zu sprengen.“

Man muß in dieser Situation berücksichtigen, daß allen Beteiligten die oben zitierte Bekanntmachung des OKW vom 12. 4. bekannt war, ebenso die Erklärung Himmlers, in der unmißverständlich gedroht wird:

Keine deutsche Stadt wird zur offenen Stadt erklärt, jedes Dorf und jede Stadt werden mit allen Mitteln verteidigt und gehalten. Jeder für die Verteidigung des Ortes verantwortliche deutsche Mann, der gegen diese selbstverständliche nationale Pflicht verstößt, verliert Ehre und Leben.“

Aber Himmler ist weit, und die Amerikaner sind nahe! Unsere Zersetzungsarbeit unter den Soldaten, Polizisten und NSDAP-Mitgliedern wurde mit äußerster Anstrengung betrieben und – hatte Erfolg!

Die Nacht der faschistischen Diktatur versank – es dämmerte der Morgen.

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