Arbeiterfeind, Kriegstreiber, Rassist

Zum 200. Geburtstag des Reichsgründers Otto von Bismarck

Am 1. April 1815 kam in Schönhausen bei Stendal der Junkerssohn Otto Eduard Leopold von Bismarck zur Welt. Die Junker gehörten als Großgrundbesitzer zur herrschenden Klasse, bis sie durch den verlorenen II. Weltkrieg 1945 zwangsweise abtreten mussten, als es hieß: „Junkerland in Bauernhand!“. Bismarck wurde 1862 preußischer Ministerpräsident und Außenminister, 1867 Kanzler des Norddeutschen Bundes und 1871, nach der in Versailles zelebrierten Ausrufung Wilhelm I. zum deutschen Kaiser, erster deutscher Reichskanzler. Er war ein herausragender Repräsentant der besonders reaktionären Geschichte des deutschen Kapitalismus. Sie führte nach seinem Tod zur Hauptverantwortung für den I. Weltkrieg und schließlich zum Hitler-Faschismus.

Reichsgründung von oben

Die heutigen Nationalstaaten entstanden mit dem Kapitalismus, für den sie eine ökonomische Notwendigkeit waren. In Deutschland erfolgte dies jedoch erst spät – die Niederlage des deutschen Volks im Bauernkrieg und die damit verbundenen Verwüstungen hatten „zur Folge, dass Deutschland für zweihundert Jahre aus der Reihe der politisch tätigen Nationen Europas gestrichen wurde“, wie Friedrich Engels 1890 feststellte. Das deutsche Bürgertum verlor den Glauben an die eigenen Kräfte: „In Deutschland“, analysierte er, „ist das Spießbürgertum Frucht einer gescheiterten Revolution, einer unterbrochenen, zurückgedrängten Entwicklung, und hat seinen eigentümlichen, abnorm ausgebildeten Charakter der Feigheit, Borniertheit, Hilflosigkeit und Unfähigkeit zu jeder Initiative erhalten durch den dreißigjährigen Krieg und die ihm folgende Zeit – wo grade fast alle anderen großen Völker sich rasch emporschwangen.“

Zahllose Fürstentümer, ein buntscheckiges Gemenge unabhängiger Kleinstaaten prägten das Bild. „Und dabei“, schrieb Engels, „jeder dieser 1.000 Fürsten absolut, rohe ungebildete Lumpen, von denen Zusammenwirken nie zu erwarten. Launen stets in Massen … doch ihre größte Schandtat war ihre bloße Existenz.“ Diese Situation bildete die Ausgangslage für den Aufstieg des preußisch-brandenburgischen Königtums. Der preußische Entwicklungsweg des Kapitalismus festigte die ökonomische Lage der Junker: „Die Latifundien bleiben bestehen und werden allmählich zur Grundlage der kapitalistischen Landwirtschaft – dies ist der preußische agrar-kapitalistische Typus, wo der Junker Herr der Situation ist. Auf Jahrzehnte hinaus behauptet er seine politische Vorherrschaft, der Bauer bleibt unterdrückt, erniedrigt, elend und unwissend.“ (Lenin)

Marx und Engels führten den Kampf gegen die preußische Reaktion und Bismarck wurde ihr direkter Gegner. Als 1848 die bürgerlich-demokratische Revolution, die in Frankreich und Italien begann, auch auf Deutschland übergriff, hatten die beiden eine aktive Beteiligung der Arbeiterklasse unterstützt und die preußische Vorherrschaft attackiert: „Wir sollen um jeden Preis Preußen werden“, agitierten sie in der „Neuen Rheinischen Zeitung“, „Preußen nach dem Herzen des Allergnädigsten, mit Landrecht, Adelsübermut, Beamtentyrannei, Säbelherrschaft, Stockprügel …“. Die Feigheit der Bourgeoisie erwürgte damals die Revolution, trieb sie zum Klassenkompromiss mit dem Junkertum. Der politische Aufstieg Bismarcks nahm einen rasanten Verlauf. Kurz nach seinem Amtsantritt, der 1862 als Ausweg aus einer politischen Krise der Hohenzollern-Monarchie betrieben wurde, verkündete er, den Weg zur Einigung Deutschlands durch „Blut und Eisen“ zu suchen. Tatsächlich wurde die deutsche Einheit nicht auf revolutionärem Weg von unten erreicht, sondern von oben durch die von Bismarck betriebenen Kriege. 1864 wurde Dänemark besiegt und die Herzogtümer Schleswig und Holstein wurden gewonnen, 1866 errang der Kriegstreiber Bismarck einen Sieg des preußischen Militarismus über Österreich. 1871 schließlich musste Frankreich, das von sich aus Krieg gegen Deutschland begonnen hatte, das Elsass und Teile Lothringens abtreten – die deutsche Reichsgründung erfolgte provokativ im französischen Versailles.

August Bebel und Wilhelm Liebknecht – damals revolutionäre Sozialdemokraten – hatten die Arbeiter gegen den Krieg gegen Österreich mobilisiert – zur Spaltung der Arbeiterbewegung gewährte Bismarck den opportunistischen Führern des von Ferdinand Lassalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ein zinsloses Darlehen von 2.500 Talern für ihre Zeitung. Ebenso verschlagen ging er als Reichskanzler vor: Einerseits wurde unter dem billigen Vorwand, die damals revolutionäre SPD habe zwei Attentate auf Wilhelm I. verübt, die Partei verboten. Andrerseits führte er zur Dämpfung der Klassenwidersprüche eine Sozialgesetzgebung ein, die den Arbeitern erstmals eine Krankenversicherung gewährte.

Zwei Weltanschauungen

Bismarck wurde zur Lichtgestalt des Bürgertums, zahllose Denkmäler wurden für ihn errichtet, Straßen und Plätze nach ihm benannt. Folgerichtig war er – nachdem der Junker Hindenburg 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte – auch eine Ikone des deutschen Faschismus. 1933 gab Professor Wilhelm Schüßler ein „Bismarck-Brevier“ heraus, von dem er hoffte, dass die Auswahl „aus der ungeheuren Fülle des Bismarckschen Schrifttums … auch im neuen Reiche und in einer neuen Zeit ihren Nutzen haben wird, weil viele Erkenntnisse Bismarcks allgemeingültig sind und für unsere nationale Zukunft unentbehrlich bleiben werden.“ Zu diesen Allgemeingültigkeiten zählte der 1965 verstorbene Schüßler, der auch in der BRD bis 1959 eine Professur in Darmstadt hatte, vor allem den Bismarckschen Rassismus. Sein „Brevier“ wurde im Kriegsjahr 1942 als „Feldpostausgabe“ neu aufgelegt, das heißt für die in der Sowjetunion kämpfende Truppe. In dem Abschnitt „Germanen und Slawen“ wurde Bismarck mit den Worten zitiert: „Es wird Ihnen vielleicht phantastisch erscheinen, wenn ich behaupte, es ist unter den Völkern wie in der Natur. Die einen sind männlich, die andern sind weiblich; die Germanen sind Männer aus sich, so daß sie für sich allein unregierbar sind. Jeder hat seine Eigenart. Wenn sie aber zusammengefaßt sind, dann sind sie wie ein Strom, der alles vor sich niederwirft, unwiderstehlich. Weiblich sind die Slawen und die Kelten. Sie bringen es zu nichts aus sich. Die Russen können nichts machen ohne die Deutschen. Sie können nicht arbeiten, aber sie sind leicht zu führen. Sie haben keine Widerstandskraft, aber sie folgen ihrem Herrn. Auch die Kelten sind nichts als eine passive Masse. Erst wenn die Germanen hinzutreten, durch die Mischung, wird ein staatliches Volk.“ (Wilhelm Schüßler – „Bismarck-Brevier“, Feldpostausgabe, Leipzig 1942, S. 31)

Im selben Jahr wurde dagegen für die Soldaten der Roten Armee in der Sowjetunion die Broschüre „Marx und Engels über das reaktionäre Preußentum“ erstellt und verbreitet. Alle oben angeführten Zitate von Marx, Engels und Lenin sind dieser Schrift entnommen, die nach dem Krieg im Wiener Stern-Verlag in einer deutschen Ausgabe erschien. Sozialistische gegen kapitalistische Weltanschauung – so klar war die Auseinandersetzung im II. Weltkrieg!

Von daher ist es bedauerlich, dass der Historiker Ernst Engelberg, Mitglied von KPD und SED, 1985 eine Bismarck-Biographie herausbrachte, die zuerst im reaktionären Westberliner Siedler-Verlag und wenig später auch in der DDR erschien. Engelberg, der 2010 im Alter von 102 Jahren als Mitglied der Partei „Die Linke“ verstarb, wollte so die historisch gesehen fortschrittliche Tat Bismarcks, die Gründung des deutschen Nationalstaats, würdigen. Die heutige politische Entwicklung zeigt jedoch, dass es nach wie vor angebracht und notwendig ist, bekannt zu machen, auf welchem konterrevolutionären Weg diese Reichsgründung erfolgte und was für ein Reaktionär ihr Betreiber war. Den üblen Rassismus dieses Herren verschweigen die aktuellen Veröffentlichungen zum 200. Geburtstag zum Beispiel durch die Bank – er ist eine der zahlreichen stinkenden Leichen im Keller der herrschenden Klasse!

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