Gesundheitsgefahren von CFK – fragt uns Arbeiter, die wir damit arbeiten müssen …

In der „Rote Fahne“ 42/2014 erschien ein Beitrag von Professor Christian Jooß mit der Überschrift „Kohlefaserverbundwerkstoffe – ein Beitrag zur Kreislaufwirtschaft?“ Darüber entspann sich folgender Briefwechsel zwischen einem Arbeiter beim Flugzeugkonzern Airbus und Professor Jooß.

Liebe „Rote Fahne“,

mit großem Interesse habe ich den Artikel in der „Roten Fahne“ 42/2014 gelesen. Immerhin geht es darin um ein hochgelobtes Produkt des Flugzeugbaus.

Ich arbeite bei Airbus in Hamburg und kenne Kollegen, die mit Kohlefaserverstärkte-Kunststoffe (CFK)-Bauteilen zu tun haben. In meinem Bereich muss ich „nur“ mit Aluminium- und Chromlack-Stäuben arbeiten. CFK-Bauteile werden auch mit Aluminiumteilen verbohrt und ebenfalls mit Chromlack geschützt – daher das „nur“. Ich selbst hatte glücklicherweise nur einmal in der Ausbildungszeit mit CFK-Staub zu tun. Glücklicherweise? Ja, ich sehe es nämlich nicht als Glück an, damit arbeiten zu müssen!

In der Ausbildungszeit durfte ich einmal das CFK-Seitenleitwerk der A320 an den Rumpf montieren. Es sind nur sechs Bolzen, die gesteckt werden müssen. Man muss nichts bohren. Ich stützte mich mit nackten Unterarmen auf dem Rumpf ab, um die Bolzen anzusetzen. Anschließend hatte ich rote Pusteln auf der Haut. Das heißt, aus dem Leitwerk mussten Fasern heruntergerieselt sein.

Jahre später bekam ich nun Infos von Kollegen aus den Bereichen A380 und A350, wo CFK in großem Stil eingesetzt wird. Bei der A380 mussten zunächst Beschäftigte der japanischen Hersteller die CFK-Fußbodenträger selbst anbohren (mit dem Rumpf verbinden), weil unsere Kollegen die Staubentwicklung nicht akzeptierten. Heute ist offenbar die Absaugung beim Bohren „besser“ geworden und der Widerstand aufgegeben, jedenfalls brauchen die Japaner nicht mehr zu kommen … .

Bei der A350 ist es noch besser: Kollegen berichteten von der Vorführung der Absaugung. Es wurde in CFK gebohrt, mit Sauger an der Maschine, unten drunter ein weißes Blatt Papier!! Es waren keine schwarzen Fasern darauf zu „sehen“, so wurden die Kollegen beruhigt … . Von Feinstaub und Feinststaub möchte man bei Airbus nichts wissen. Es gibt immer wieder Unfälle, aber auch alltäglich Probleme bei Kollegen, die Hautirritationen haben, seitdem sie dort arbeiten. Meine Meinung dazu: Natürlich bedingt die Ausbeutung einen großen Anteil der Kontaminierung. Aber es gibt de facto keine hundertprozentige Absaugung, das ist allein praktisch nicht möglich, wegen der ganzen verwinkelten Einbauorte. Und die Aerodynamik macht gerne aus einem Sauger auch einen Beschleuniger, sodass einzelne Partikel zwar angesaugt, dann aber am Sauger vorbei beschleunigt werden. Das wird begünstigt von der Stellung des Saugers zu anderen Flächen (Bauteile, Hosenbein, Bohrmaschine, etc …).

Ich will gar nicht wissen, wie es bei Reparaturen abläuft … . Da müsste man Kollegen der Lufthansa-Technik befragen. Das ist selbst in einer Reparatur-Halle schwierig, auf dem Parkfeld draußen erst recht. Zudem haben mir Kollegen der Qualitätssicherung und Schulungsleiter inzwischen erzählt, dass CFK gar nicht richtig repariert werden kann. Stattdessen werden einfach teure und schwere Titan-Bleche großflächig über die Beschädigung aufgenietet oder eben gleich ganze Hautfelder gewechselt. Das freut natürlich Airbus, weil teure Ersatzteile gekauft werden müssen. Auf Flughäfen fahren ständig irgendwo Koffer- und Leiter-Fahrzeuge in die Seiten von Flugzeugen, also ein nie endendes Geschäft. Das fehlt definitiv in deiner Kosten-Nutzen-Rechnung aus der „Roten Fahne“. Genauso wie die Gesundheitskosten.

Wir haben im Zusammenhang mit dem Buch „Katastrophenalarm!“ bei uns diskutiert, dass die Unmengen Flugzeuge gar nicht produziert werden müssten. …

Ich finde, Wissenschaftler sollten haarscharf aufpassen, nicht angesteckt zu werden von dem ganzen Hype, der um neue Technologien gemacht wird! Diese Technologien nutzen immer häufiger nur der Ausweitung von Märkten, anstatt einem realen Sinn. …

Der Paradigmenwechsel beinhaltet doch auch die Seite, welche „Bedürfnisse“ der Mensch überhaupt braucht!

Die Holländer haben damals für die A380 Fußbodenträger aus Spritzguss-Kunststoff angeboten. Es war technisch besser geeignet, aber genommen wurden die japanischen CFK-Dinger, weil japanische Airlines deutlich mehr Flugzeuge bei Airbus bestellen als niederländische. … Bei CFK geht es in erster Linie um die Verwendung eines Profit bringenden Materials und sein Hochloben dient der Vergrößerung seines Absatzmarktes. …

Als Aluminium-bohrender Arbeiter würde mich auch mal interessieren, ob man Aluminium (bzw. Bauxit) herstellen kann ohne den giftigen Rotschlamm. Das wird auch in größerem Umfang verwendet als CFK und ist damit eine recht drängende Frage. Täglich entstehen irgendwo immer mehr Mengen Rotschlamm, der getrocknet und deponiert wird … .

Fliegergrüße aus Hamburg

 

Antwort von Prof. Christian Jooß, Universität Göttingen

Vielen Dank für Deine Zuschrift zu dem Artikel in der „Roten Fahne“ 42/2014.

Dein Brief enthält wertvolle Erfahrungen und Hinweise bezüglich den Triebkräften und den Gefahren des durch maximale Profite getriebenen Einsatzes von CFK in der kapitalistischen Profitwirtschaft. Wenn ich Deinen Brief richtig verstehe, lehnst Du jedoch den Einsatz von CFK ganz ab, auch unter sozialistischen Verhältnissen. Das ist nicht richtig, weil das Vorbild von faserverstärkten Nanokompositen direkt aus der Natur kommt und dort sehr erfolgreich eingesetzt wurde: Es ist das im „Rote-Fahne“-Artikel dargestellte Leichtbau-Prinzip, welches bei Holz und vielen anderen pflanzlichen Fasern verwirklicht ist. Naturinspirierte Technologien systematisch zu erforschen und ihren Einsatz entsprechend den Bedürfnissen der Menschen zu entwickeln, ist ein Teil des Paradigmenwechsels im Sozialismus. CFK wäre auch bei Wasserstoff-getriebenen Flugzeugen sinnvoll einzusetzen, wegen der Gewichtsreduktion und wegen positiver Eigenschaften für Wasserstoff-Tanks.

In diesem Zusammenhang finde ich Deine Kritik an einem Technik-Hype als Bestandteil des imperialistischen Ökologismus, der den Ausweg aus den kapitalistischen Destruktivkräften in neuen Technologien sieht, absolut richtig. Nicht neue Technologien an sich, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse und damit der Zweck ihres Einsatzes bestimmen die Entwicklung der Einheit von Mensch und Natur. Diese weltanschauliche Auseinandersetzung und der profitgetriebene Einsatz von CFK in solchen Bereichen, wo es nicht notwendig oder sinnvoll ist, fehlen in meinem Artikel. … Im Sozialismus würde man aber auch die Methoden der Reparatur von CFK-Materialien entwickeln, die heute in der kapitalistischen Wegwerfproduktion kaum erwünscht sind – ebenso würde selbstverständlich um den größtmöglichen Schutz der Gesundheit in der Produktion gerungen werden.

Es ging bei dem Artikel jedoch nicht um das von Dir angesprochene Thema der Kritik am übermäßigen Verkehrsaufkommen der kapitalistischen Profitwirtschaft. Thema des Artikels war eine differenzierte Bewertung der Möglichkeiten und Risiken dieses Materials, in Reaktion auf die Kritik einer Kollegin, die mit CFK zu tun hat und die zu Recht die früheren vereinfachenden und unkritischen Artikel in der „Roten Fahne“ kritisierte: Diese propagierten CFK unkritisch als eine Richtung der Kohleverwertung. Die Bergarbeiterlosung „Kohle ist viel zu schade zum Verbrennen“ ist richtig. Der Artikel wies daher auch gestützt auf einen Kollegen, der früher bei Buna arbeitete, die einseitige Position zurück, dass CFK gänzlich abgelehnt werden müsse. Ich meine, dass mein Artikel keinen Technik-Hype vertritt, sondern deutlich macht, dass der Einsatz von CFK kritisch, aber dialektisch betrachtet werden muss.

Deine Erfahrungen mit der Methode, wie der Kapitalismus heute mit einem neuen Werkstoff umgeht, sind eine wichtige, bisher fehlende Seite des Themas und es sollte unbedingt in der „Roten Fahne“ aufgegriffen werden. …

Herzliche Grüße!

Christian Jooß

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