Es wabern die Grauschleier

Der Film „50 Shades of Grey“ – basierend auf der gleichnamigen Trilogie von E.L. James – ist ein Beispiel wie die bürgerliche Dekadenz die Massenverdummung auf die Spitze treibt.

Die Geschichte ist schlicht gehalten und schnell erzählt:

Eine junge unabhängige Frau mit guter Ausbildung begibt sich in die Abhängigkeit eines schwerreichen Mannes und findet darin die Erfüllung. Der Milliardär zeigt der naiven jungen Frau die große Welt. Nicht nur beim SM (Sado-Maso)-Sex, er macht ihr teure Geschenke, sie ruft „oh“ und „ah“, sie schmückt sein Leben und erfüllt seine Bedürfnisse. Er gibt den Takt an, sie ordnet sich unter, das befriedigt sie und sie bekommt dafür den starken Mann, denn nichts wünscht sie sich mehr. Doch sie lockt ihn auch, sie provoziert seine Strafen durch Verhalten, das ihn erotisiert. Also hat sie sie verdient und gewollt, wie beide meinen.

Geadelt wird die Beziehung durch die Heirat. Damit hat man sogar die Kirche auf seiner Seite. Denn schon in der Bibel heißt es: „Ich lasse Euch aber wissen, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist; der Mann aber ist das Haupt der Frau ...“ (1. Korinther 11, Vers 3)

Warum rennen Frauen in solch einen Film, der sich außer durch die voyeuristische Darstellung der Sexualität nicht wesentlich von einem Lore-Roman (1) der bundesdeutschen Nachkriegszeit unterscheidet?

Sind wir Frauen durch den allgegenwärtigen Sexismus so verunsichert in unserer Sexualität, dass wir unseren Selbstschutz und unserer Würde verlieren?

Erkennen wir in der Ausbeutung und Unterdrückung der Frau einen Unterhaltungswert, wenn er nur sexuell aufgemotzt daher kommt?

Die Sexualität wird hier zur ertragreichen Ware und mit Film und Buch werden riesige Gewinne erzielt. So kostete die Produktion des Films 40 Millionen Dollar, während allein mit Auftakt-Einnahmen von 250 Millionen Dollar gerechnet wird. 70 Millionen Exemplare der Trilogie wurden bisher weltweit verkauft.

50 Shades of Grey“ kommt in einer Zeit in die Kinos, in der die Ausbeutung und Unterdrückung der Frau immer perversere Züge weltweit annimmt.

Man erinnere sich an den faschistischen IS. Das Verhältnis dieser Männer zu den Frauen ist das der Inbesitznahme und Versklavung. Es gestattet, Frauen bei „schlechtem Verhalten“ sexuell zu missbrauchen, zu demütigen, zu schlagen und zu töten.

Man erinnere sich auch an den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Ausgerechnet zum Tag gegen Gewalt an Frauen betonte er, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau „gegen die Natur“ sei. Traurige Ergebnisse dieser frauenfeindlichen Politik sind Tragödien wie die von Özgecan Aslan, die am 11. Februar von einem Busfahrer vergewaltigt und als sie sich wehrte, von ihm erschlagen wurde.

Man bedenke, dass jährlich 40.000 Frauen allein in Deutschland in Frauenhäuser flüchten müssen.

Aber man muss gar nicht bis in den Nahen und Mittleren Osten reisen, um solche geschlechtsdefinierten Formen der Gewalt zu finden: Einige erinnern sich noch an Christian Lochte, den ehemaligen Chef des Hamburger „Verfassungsschutz“, der seinen Anti-Terroreinheiten in den 1970er und 1980er Jahren die Dienstanweisung gab: „Erschießt zuerst die Frauen!“

Doch Fakt ist auch, dass Frauen weltweit ein nicht mehr weg zu denkender Aktivposten im Kampf um eine bessere Welt sind. Und man kann sich berechtigt fragen, ob „50 Shades of Grey“ nicht ein geschickt lanciertes Störmanöver dagegen darstellt. Es sind ganz andere Ketten, in denen die Sexualität der Frauen liegt. Es sind die Ketten einer abstoßenden bürgerlichen Doppelmoral, die den Frauen in der Sexualität das unterstellt, was sie den Männern zugesteht, als Widerspiegelung der kapitalistischen Gesellschaft, in der den Reichen erlaubt ist, was ihnen gefällt, während das selbe den Armen verboten ist.

Für diese Doppelmoral steht die bürgerliche Ehe, die zur Monogamie verpflichtet und gleichzeitig die Prostitution fördert, die bekanntermaßen überwiegend ein „Frauenjob“ ist. Für diese Doppelmoral steht auch, dass sich Frauen durch ihre finanzielle Abhängigkeit in der Ehe häufig gezwungen sehen, ungewollte Beziehungen weiter aufrecht zu erhalten, was meistens die Bereitschaft zur Sexualität mit einschließt. Und weithin werden Frauen, die ihre Familie verlassen, immer noch als „Rabenmutter“ gebrandmarkt. Der Untertitel des Buches „Geheimes Verlangen“ und der Film selbst machen sich diese herrschende Doppelmoral subtil zu Nutze und erwecken den Eindruck: Hier geschieht etwas Geheimes, Lasterhaftes, Verruchtes, während nach außen „Wohlanständigkeit“ vermittelt wird.

Zur Doppelmoral gehört auch, dass die Frau als die Verführerin gilt und ihre Sexualität wesentlich auf den Mann bezogen wird. So kam es wegen der Sirene Eva zur Vertreibung aus dem Paradies, die islamische Frau hat sich zu bedecken, um ihre Reize dem Ehemann vorzubehalten. Die Frau, die vergewaltigt wurde, muss mit der Frage rechnen, ob sie ihre Vergewaltigung mit aufreizendem Verhalten provoziert hat. Und in wenigen Wochen werden wir wieder auf Werbeplakaten eine Frau sehen, die mit laszivem Gesichtsausdruck ein Nusseis lutscht.

Frauen haben den Wunsch nach sexuell befriedigenden freien Beziehungen und erheben diesen auch immer selbstbewusster. Was im Übrigen ihre Privatsache ist. Im System der kleinbürgerlichen Denkweise wird dieser Fortschritt ins dekadente Gegenteil verkehrt wie mit „50 Shades“. Es richtet sich besonders gegen das Selbstbewusstsein von Mädchen und jungen Frauen. So beantwortet die „Bravo“ Fragen wie „Sperma – spucken oder schlucken?“ Die so geförderte kleinbürgerlich-sexistische Denkweise gibt der Sexualität übersteigerte Bedeutung, löst sie aus den zwischenmenschlichen Beziehungen.

Ein spannendes Thema für die kämpferische Frauenbewegung.

 

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