Die natürliche Geburt – ein Auslaufmodell?

Zur Diskussion gestellt

München (Korrespondenz): Die Geburt ist ein komplexer Vorgang, bei dem das Baby einem enormen Stress ausgesetzt wird, zugleich werden wichtige Funktionen aktiviert. Die Lungenflüssigkeit wird wie ein Schwamm ausgedrückt, es kommt zur Ausschüttung von Hormonen und Nervenbotenstoffen bei Mutter und Kind, um die Reifung der Organe zu beschleunigen. Im Geburtskanal kommt das Baby mit Keimen in Berührung, die sein Immunsystem reifen lassen, was einen bedeutenden Schutz vor Infektionen aufbaut. Aktivierte Nervenzell-Netzwerke im Gehirn der Mutter unterstützen den Prozess einer frühen Bindung.1 Das Ganze ist eine von der Natur vorgesehene Vorbereitung für den Wechsel von der Innen- zur Außenwelt.

Es ist ein unbestreitbarer Fortschritt der Medizin, dass durch Kaiserschnitt und andere Hilfsmaßnahmen Geburtsrisiken und Sterblichkeit von Mutter und Kind in den imperialistischen Ländern enorm gesenkt wurden. Durch die heute vorherrschende profitorientierte Geburtshilfe wird dieser segensreiche Fortschritt aber gehemmt und deformiert. Immer mehr beherrscht der Zwang zur Wirtschaftlich- keit den Krankenhausbetrieb. Schon im Verlauf der Geburtsvorbereitung werden Schwangere häufig gedrängt, in eine Periduralanästhesie (Rückenmarkspunktion) einzuwilligen. Bei dieser Methode kommen meist Zange und Geburtsglocke zusätzlich zum Einsatz. Ein immer größerer Teil der Schwangerschaften wird zur Risikoschwangerschaft erklärt mit der Folge, den Frauen einen Kaiserschnitt anzutragen, der für die Kliniken zeitlich planbar ist und den dreifachen Umsatz einer natürlichen Geburt verspricht. Selbstbewusstsein und die Selbstbestimmung der Frauen werden dabei erheblich torpediert. Geburten ohne jeglichen medizinischen Eingriff liegen heute in Deutschland unter 10 Prozent.2 Etwa 30 Prozent der Geburten erfolgen per Kaiserschnitt, mindestens 30 Prozent mit Periduralanästhesie.

Den Reifungsprozess während der natürlichen Geburt gering zu schätzen, ist aber keine Kleinigkeit. Eingriffe in den natürlichen Geburtsverlauf sind häufig Auslöser von Störungen beim Neugeborenen. Sie können bedrohliche Ängste und dadurch einen erhöhten Erregungszustand im Gehirn auslösen. Die Zunahme von Hyperaktivität, Schreikindern, allgemeiner Störung der frühen Mutter-Kind-Bindung sehen PädagogInnen auch im Zusammenhang mit dem Anstieg gesteuerter Eingriffe in den Geburtsvorgang. Kaiserschnittgeborene belasten höhere Allergieanfälligkeit und Asthmarisiko. Das legen diverse wissenschaftliche Studien nahe.3

Seit Jahren kämpfen die Hebammen in Deutschland gegen die Vernichtung ihrer Existenzgrundlagen. Ein ganzer Berufsstand ist hier bedroht, indem die Versicherungskonzerne über gesteigerte Haftpflichtprämien die Hebammen in den finanziellen Würgegriff nehmen. Hebammen sind aber Trägerinnen der Frauenheilkunde und der Geburtshilfe. Noch lange nicht jede Frau genießt eine umfassende Hebammen-betreute Geburtsvorbereitung, das Training zur Wehenatmung inbegriffen. Es sind eher informierte Frauen, die einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen. Am meisten unterversorgt sind Frauen mit Migrationshintergrund. Richtig wäre aber eine systematische flächendeckende Versorgung, damit viele geburtliche Schwierigkeiten erst gar nicht auftreten. Kann eine Gesellschaft darauf verzichten, dass Fähigkeit und Kenntnisse des natürlichen Gebärens verkümmern, verdrängt werden mit all ihren Konsequenzen für Mütter und Kinder, beim Start ins neue Leben? Drückt sich darin schon eine Tendenz der Entfremdung des Menschen von sich selber aus?

Pionierarbeit in der sozialistischen Sowjetunion

Schon in den 1950er Jahren entwickelten dort die Geburtshelfer J. Velvovsky und Kollegen Methoden der schmerzfreien Geburt. Sie stützten sich dabei auf Erkenntnisse des großen sowjetischen Mediziners und Physiologen Iwan Pawlow. Es wurden verschiedene Methoden der Psychoprophylaxe und der Hypnotherapie entwickelt und flächendeckend in der Sowjetunion angewendet.4 Es kam zu einer erfolgreichen Reduktion der Schmerzen bei 83 Prozent der Geburten, je nach angewandter Methodik. Dies war auch ein wichtiger Beitrag zur Befreiung der Frau. Aus der entmündigenden Rolle, passives Instrument des körperlichen Ablaufs zu sein, verwandelte sie sich zu einer aktiven Gestalterin der Geburt. Den sozialistischen Arzt Fernand Lamaze aus Frankreich beeindruckten beim Besuch der Sowjetunion diese modernen Methoden und der dialektische Umgang mit der Geburtsarbeit. Er brachte sie in sein Heimatland und forschte eigenständig weiter.

In Deutschland blieb man hinter all diesen materialistischen Erkenntnissen weit zurück. Die Nachwirkungen des Faschismus und der reaktionäre Einfluss der Kirchen nach der Devise „in Schmerzen sollst du dein Kind gebären“ war Teil des Unterdrückungssystems gegen die Frauen. Erst der Einfluss der Frauenbewegung der 1970er Jahre durchbrach dies, es kam zu einer radikalen Veränderung der Geburtsstationen. So kam mit dem Trend die sanfte Geburt5 aus England aufs Festland zurück, was eigentlich in der sozialistischen Sowjetunion seinen Ausgang nahm. Die vermehrte Förderung der bewussten natürlichen Geburt in den 1980er und 1990er Jahren ist jedoch unter dem Diktat der Profitorientierung der Krankenhausmonopole wieder rückläufig. Der Angriff auf die Existenz der Hebammen treibt dies noch auf die Spitze. Der Widerspruch könnte gravierender nicht sein. Einerseits kann die Kenntnis der natürlichen Bewegungsgesetze die Geburt der Mystik entreißen, sie zu einem bewussten Vorgang machen. Andererseits haben wir alle medizinisch-technischen Möglichkeiten, um helfend und lebensrettend einzugreifen, wenn der Geburtsvorgang dies erfordert.

Das Buch „Katastrophenalarm!“6 führt aus, dass der Imperialismus sich auch auf die Lebensweise von Mensch und Natur deformierend auswirkt. „Dies gilt auch dafür, wie die Menschen leben, sich ernähren, sich fortpflanzen, sich gesund erhalten, Kinder erziehen, für die Alten sorgen … Zur Entfremdung von der Natur zählte Marx auch die ,Entfremdung des Menschen von dem Menschen‘“.

Heute schon ist es nicht gleichgültig, wie unsere Kinder zur Welt kommen. Auch darin spiegelt sich der Kampf um die Zukunft wider. Eine bedeutende Rolle kommt hier der Volksbildung zu. Dazu gehört auch die Aneignung von Erkenntnissen der früher sozialistischen Länder.

 

Quellen:

1 Gerald Hüther, „Neues vom Zappelphilipp“, Walter Verlag

2 Clarissa Schwarz, Professorin für Hebammenkunde in „Wenn aus der Geburt eine High-Tech-Operation wird“, „Die Zeit“, online, 7. 4. 2011

3 Stiftung Kindergesundheit: Schnittentbindungen steigern das Risiko von Allergien, Asthma, Diabetes und Übergewicht bei Kindern, 12. 10. 12 online

4 J. Velvovsky, K. Platonov, V. Poticher und E. Shugom, Painless Childbirth through Psychoprophylaxis, Foreign Languages Publishing House, Mocow, 1960

5 Sheila Kitzinger, Natürliche Geburt, Kösel 1980

6 Stefan Engel, „Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?“, Verlag Neuer Weg

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