Sind die Menschen nur zu „gebrauchen“, wenn sie „abrechnungsrelevant“ sind?

Duisburg (Korrespondenz): Als aktive Gewerkschafterinnen und angeregt durch das Studium des Buchs „Katastrophenalarm!“ haben wir im Klinikum Duisburg eine Umfrage gemacht. Wir wollten von unseren Kolleginnen und Kollegen auf den großen Pflegestationen wissen, wie sich die Überausbeutung in den letzten Jahren auswirkt und wie wir gemeinsam dagegen kämpfen können. Wir wollten aber auch einen Zugang zu dem Umweltthema bekommen, um über unser bisheriges Umfeld hinaus den „Katastrophenalarm!“ zu verkaufen. Die Kollegen nahmen sich trotz Stress im Spätdienst die Zeit, die Fragen gründlich zu beantworten.

Das Ergebnis war im negativen Sinne beeindruckend. Auf den Stationen mit 40 bis 48 Betten wurden in den letzten Jahren bis zu drei Stellen schleichend abgebaut und das bei wachsendem Patientenaufkommen und ganz neuen Tätigkeitsfeldern, Überwachungsbetten, intensivpflichtigen Patienten etc. Belastend sind Überstunden (26.000 Stunden verteilt auf 900 Vollzeitkräfte im Haus); ständiges Einspringen, wenn jemand ausfällt; dauernd wird man angerufen und genötigt, sich in der Freizeit mit dem Arbeitsdruck zu befassen; kurze Wechsel (von Spät- auf Frühdienst); chronische Unterbesetzung der Schichten; Rund-um-die-Uhr-Aufnahmepolitik, die zu Reibungsverlusten und Mehraufwand führt. Besonders kritisiert wird die Pflegedienstleitung. Sie „argumentiert“, wenn mehr Leute eingestellt würden, wüchse immer der Krankenstand, deshalb bringe es gar nichts … . Komisch, wenn vorher so auf Kante gearbeitet wird, dass die Kollegen krank zur Arbeit gehen.

Interessant war, dass die leidende Versorgung und Gesundung der Patienten erst auf unsere Nachfrage als Problem bestätigt wurde. Es wirkt eine bestimmte „Entfremdung“ vom Patienten als Gewöhnung an den Zustand der Mangelversorgung. Belastet ist auch das Klima zwischen den examinierten Pflegekräften und den Azubis: Die Azubis bekommen oft ohne richtige Einarbeitung große Verantwortung und es gibt Ärger, wenn was falsch läuft. Die Examinierten stehen unter Druck, weil sie die Verantwortung tragen und darauf angewiesen sind, dass die Azubis „funktionieren“.

Aufgrund des Konkurrenzkampfs der Krankenhäuser und der Gier nach Maximalprofit ist SANA (drittgrößter Krankenhauskonzern in Deutschland und zu 49 Prozent am Klinikum beteiligt) ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, die „Fallzahlen“ zu steigern, vor allem in Bezug auf „abrechnungsrelevante“ Patientengruppen, die besonders viel Geld bringen. Für die Pflegekräfte und Ärzte bedeutet das weitere Belastung. So würde die Eröffnung von Überwachungsbetten auf den Normalstationen die erkämpfte zweite Nachtwache faktisch wieder in Frage stellen. Denn eine Kraft müsste sich allein um die überwachungspflichtigen Patienten kümmern und die zweite Kraft die restlichen 36 bis 44 Patienten alleine versorgen. Das kommt für viele Kollegen überhaupt nicht in Frage!

Bei den Kollegen sind Wirbelsäulenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zunehmend auch längerfristiger Ausfall an der Tagesordnung, unter anderem aufgrund von „Burnout“. Auch werden die Betroffenen jünger. Es war spürbar, dass das die Kollegen umtreibt, aber es muss noch intensiver diskutiert werden, dass es Sache der Kollektive und der Gewerkschaftsarbeit ist, sich gegen krankmachende Arbeitsbedingungen gemeinsam zu wehren. Dazu gehört auch die Leitlinie „Null Toleranz gegen jede Art von Mobbing gegenüber Kollegen“ – gegen Langzeitkranke, Alleinerziehende, ältere Kollegen usw.

Bei der Umfrage haben wir ein Buch „Katastrophenalarm!“ verkauft und verschiedene Kolleginnen und Kollegen gewonnen, sich (endlich) in ver.di zu organisieren oder die Gewerkschaft überhaupt mal kennen zu lernen. Die Ergebnisse der Umfrage wollen wir bei Versammlungen, aber auch auf einem kleinen Flyer – verbunden mit Werbung für das Buch – unter den Kollegen verankern.

Einige Kollegen haben im letzten Jahr das Buch schon gekauft oder es sich ausgeliehen. In einer Lesegruppe arbeiten wir uns gemeinsam durch. Spürbar stärkt das den Durchblick über die gesellschaftlichen Wurzeln der wachsenden Überausbeutung von Mensch und Natur und neue Perspektiven. Das stärkt das Selbstbewusstsein, weil die Kollegen die typische positivistische Denkweise in der Krankenpflege überwinden, „dass man durch persönlichen Einsatz alles lösen kann und wer das nicht schafft, lässt die anderen hängen …“.

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