Der Zappelphilipp leidet an der Deformation der Umwelt, in der er lebt!

Diplom-Psychologe Traugott Nassauer zu ADHS

In RF 28/14 erschien ein Artikel über die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung – kurz ADHS, im Volksmund manchmal auch „Zappelphilipp“ genannt. Unter der Überschrift: „Kinder und Jugendliche im Fadenkreuz von Pharmakonzernen“ hat der Artikel zu einer lebhaften Diskussion geführt, zu der ich als praktisch tätiger Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut auch Stellung nehmen will.

20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zeigen heute Auffälligkeiten in ihrem Verhalten und psychischen Erleben, ein Teil davon entwickelt psychische Störungen in mehr oder weniger extremer Form, die ihnen eine erfolgreiche und ihre Entwicklung fördernde Teilnahme am Alltagsleben nicht mehr ermöglicht. Dies hat eindeutig zugenommen; jeder Lehrer und Erzieher, unzählige Eltern können ein Lied davon singen. Dies kann nicht erklärt werden durch genetische Dispositionen, die früher durch unzureichende Diagnostik und mangelnde Aufmerksamkeit noch nicht in dem Maße wahrgenommen wurden.

Es sind Veränderungen in den Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen (auch der Erwachsenen) vor sich gegangen, auf die diese durch Auffälligkeiten im Verhalten reagieren.

Es handelt sich dabei um ein Geflecht von Ursachen, die eine komplexe Wechselwirkung entfalten:

Kinder wachsen heute mit Umweltgiften unterschiedlichster Art auf, die in ihren Einzelwirkungen teilweise erforscht sind, z. B. Feinstäube, Elektrosmog, Gifte in Nahrungsmitteln. So liegen z. B. sichere Forschungsergebnisse über die Wirkungen von Schwermetallen auch auf das Verhalten vor. Es gibt auch Forschungsergebnisse, die im Interesse großer Konzerne unterdrückt werden und als „Außenseitermeinungen“ abgetan werden, wie das bei den Wirkungen elektromagnetischer Strahlungen der Fall ist. Zum allergrößten Teil fehlen Untersuchungen über die vielfältigen Wechselwirkungen, die all diese Faktoren untereinander eingehen. Gemeinsam ist all diesen Faktoren, dass sie nicht regional und nur auf einzelne Personen begrenzt wirken, sondern allseitig unser Leben bestimmen und durch individuell gesundheitsbewusstes Leben nur beschränkt verändert werden können.

Kinder haben heute zunehmend wenig Gelegenheit, sich durch Bewegung, körperliche Tätigkeit (kindgemäße Arbeit) angemessen zu entwickeln. Es besteht bei vielen eine Tendenz, die reale Welt durch eine virtuelle Welt zu ersetzen mit all den Folgen, die das für den Körper und das psychische Erleben hat.

Viele Kinder wachsen unter instabilen sozialen Beziehungen auf, weil die bürgerliche Familienordnung insgesamt in eine Krise geraten ist und mannigfaltige Formen der Instabilität von Familien mit sich bringt. Dazu zählen familienfeindliche Arbeitsbedingungen der Eltern mit Schichtarbeit und extrem langen Arbeitszeiten, mit körperlicher und psychischer Erschöpfung der Eltern bis hin zu psychischen Erkrankungen. Dazu zählt auch das Auseinanderbrechen von Beziehungen, ohne dass neue Sicherheiten entstehen etc.

All diese Erscheinungen zeigen, dass die für eine gesunde Entwicklung der Kinder notwendige Einheit von Mensch und Natur in der kapitalistischen Gesellschaft insgesamt in eine Krise geraten ist und nachhaltig die Gesundheit, das psychische Erleben und das soziale Miteinander der Menschen gefährdet.1

Ein durch Umweltgifte und Mangel an gezielter Bewegung geschwächter Körper trifft also auf nicht ausreichend stabile Beziehungen zu den wichtigsten Bezugspersonen. Das führt so zu einer Infrage-Stellung der für die gesamte Entwicklung notwendigen Bindungsfähigkeit. So ist m. E. die Zunahme von Bindungsstörungen, die ich beobachte, zu erklären.

Bindungsstörungen beeinflussen die Hirnentwicklung

Bindungsstörungen haben Folgen für die Hirnentwicklung insgesamt: Unsichere Bindungen führen dazu, dass beim Säugling früher Stress „nicht durch affektregulierende Bezugspersonen aufgelöst werden kann“ mit der Folge: Das Kleinkind „bleibt auf einem permanent hohen Erregungsniveau fixiert“. Dies führt zu neurochemischen Veränderungen. „Massive, lang anhaltende Fehlabstimmungen führen nicht nur zu unkontrollierbaren Stressreaktionen und damit auch zu massiven Beeinträchtigungen der Selbstregulation, sondern auch zu Beeinträchtigungen des gesamten Aufmerksamkeitssystems. Unkontrollierbarer Stress führt im Extremfall zum Zelltod.“2

Diese Mechanismen sind ein hoher Risikofaktor für die Entwicklung von ADHS mit den Leitsymptomen mangelnde Aufmerksamkeit, motorische Unruhe bzw. gegenteiliges In-Sich-Gekehrt-Sein und Impulsivität. Sind die „Leitsymptome“ der ADHS einmal als vorherrschende Verhaltenstendenz installiert, verstärken sie sich im Laufe der Entwicklung immer mehr. Andere Verhaltensoptionen verkümmern und es entsteht tatsächlich ein Syndrom, das einen krankhaften Zustand annehmen kann.

Für eine genetische Bedingtheit des Dopaminmangels, der als Ursache von ADHS behauptet wird, gibt es derzeit weder einen bekannten biologischen Marker noch einen Nachweis mittels bildgebender Verfahren. Anzunehmen ist allerdings, dass all diese Prozesse Veränderungen beim epigenetischen Code bewirken und es auf diesem Weg zu Auswirkungen auf die Genstruktur kommen kann.

Neben pädagogischen und therapeutischen Hilfen sind vor allem politische Antworten gefragt!

Die Schlussfolgerungen, die aus dieser Diskussion zu ziehen sind, dürfen nun keineswegs auf die Frage medikamentöse Behandlung und/oder pädagogische bzw. therapeutische Interventionen eingeengt werden. Auch für die im medizinischen, psychotherapeutischen oder pädagogischen Bereich tätigen Menschen gilt: Hier sind an erster Stelle politische Antworten gefragt. Dass das so deutlich formuliert wird, dafür tragen wir mit all unseren Erfahrungen auf diesem Gebiet auch eine Verantwortung. In dem Buch „Katastrophenalarm!“ wird (ab S. 277) ein Programm vorgestellt, das allseitig alle Faktoren behandelt, die die Einheit von Mensch und Natur gefährden. Es sollte eine große Verbreitung finden, damit sich die Umwelt- und die Arbeiterbewegung diese Forderungen zu eigen machen. In dem Buch wird auch der Beweis geführt, dass diese Prozesse heute gesetzmäßige Erscheinungen des Kapitalismus sind. Um die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und des menschlichen Lebens aufzuhalten, bedarf es einer gesamtgesellschaftlichen Planung von Produktion und Verteilung weltweit in Einklang mit der Natur – ein wahrhaft historischer Paradigmenwechsel!

Die Strategie von Pharmakonzernen gefährdet die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.

Heute ist es scheinbar unumstößliche „wissenschaftliche Erkenntnis“, dass ein erheblicher Teil dieser Verhaltensauffälligkeiten als Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) qualifiziert werden muss. Der Begriff fasst jedoch lediglich verschiedene Erscheinungsformen dieser Verhaltensauffälligkeit (Hyperaktivität, Impulsivität, Konzentrationsschwäche) als „Leitsymptome“ einer „Störung“ von Hirnaktivitäten zusammen, ohne sich damit zu beschäftigen, welche Ursachen und welche Dynamik ein solches Verhaltenssyndrom zustande gebracht haben könnte.

Betrachtet man die Geschichte dieser Diagnose einmal näher, wird schnell deutlich, dass diese weniger mit Wissenschaft, dafür aber umso mehr mit der Profitstrategie der Pharmakonzerne zu tun hat.

 

Damit wird sich der zweite Teil des befassen.

 

 

1 Allseitig wird dieser Prozess des begonnenen Umschlags in eine globale Umweltkatastrophe analysiert in dem Buch „Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?“. Der Autor Stefan Engel geht dabei auch auf die ADHS-Problematik ein.

2 Zitate aus: Prof. Dr. Birgit Herz: „Stellungnahme: ADHS aus der Perspektive der Pädagogik bei Verhaltensstörungen“.

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