Eine „neue Form der Marktwirtschaft“, die sich „marxistische Motive“ zu eigen macht?

Eine „neue Form der Marktwirtschaft“, die sich „marxistische Motive“ zu eigen macht?

Das Buch „Katastrophenalarm!“ stößt auf wachsendes Interesse – hier am Rande der Demonstration gegen das PKK-Verbot am 6. Dezember in Köln, rf-foto

Kritischer Briefwechsel zum Buch „Katastrophenalarm!“

Auf den folgenden Seiten dokumentieren wir einen Briefwechsel zu einer Rezension des Buchs „Katastrophenalarm!“, auf die der Vorsitzende der MLPD, Stefan Engel, antwortet. Der Rezensent ist Wolfgang Rieger, ein Aktivist der Initiative „Leise ohne Wall“. Diese setzt sich gegen einen Lärmschutzwall in Koengen zur Wehr. Sie entlarvt, dass damit der Investor Remex einen kostenlosen Abladeplatz für seinen Deponiemüll mit maximal vorgesehener Schadstoffklasse Z2 entdeckt zu haben glaubt. Gleichzeitig wird damit Ackerfläche zu einer Deponie gemacht. Wolfgang Rieger schreibt:

Das Buch von Stefan Engel trifft den Nerv unserer Gesellschaft, die allmählich beginnt, ihre ausweglos erscheinende Situation zwischen Umweltzerstörung und progressivem Wachstum zu begreifen. Wohl nicht aus Zufall baut sich in der Öffentlichkeit derzeit eine breite Ablehnung auf gegen die höchst undemokratisch vorangetriebenen und weltweiten Freihandelsabkommen, mit denen die letzten Schranken vor einer gigantischen Wachstums- und Ausbeutungsoffensive beseitigt werden sollen. Hierbei wird auf die Endlichkeit unserer natürlichen Ressourcen keinerlei Rücksicht genommen, sodass der ökologische Crash unausweichlich ist, wenn ihm nicht der finanzielle Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystems zuvorkommt.

In Engels Buch ist auf einmalige Weise die gesamte Palette an Umweltgefahren kompetent zusammengestellt und erläutert. In der umfassenden Zusammenschau im Kapitel 3 wird dem Leser das Potential der drohenden Katastrophe vor Augen geführt. Von den einzelnen Faktoren hat jeder schon einmal gehört oder gelesen, aber alle in einem Werk versammelt, das verfehlt seine Wirkung beim Leser nicht. Wer auch die anderen Kapitel aufmerksam liest, bemerkt schnell die politische Provenienz der Autoren. Es wimmelt dort nur so von Begriffen aus dem Marxismus, sodass man spätestens daran merkt, dass die MLPD bei dem Werk Pate gestanden hat. Zu dem Buch hat ein über 100-köpfiges Autorenteam beigetragen. Einerseits ist das angesichts der Vielfalt der Themen auch nicht verwunderlich. Andererseits merkt man am wechselnden Stil, dass da nicht nur ein Schreiber am Werk war. Das ist nicht unbedingt von Nachteil, denn immerhin wird man im Kernkapitel 3 weitgehend von Begriffen aus dem marxistischen Wörterbuch verschont. Engel hat daher eher die Funktion eines Herausgebers. Im Grunde nimmt Engel mit seinem Buch den GRÜNEN die Wurst vom Brot, denn das Thema ist eigentlich deren Thema – ursprünglich jedenfalls. Dass die Ökologie bei den GRÜNEN nicht mehr die erste Geige spielt, ist bedenklich, und auch zu den Gründen dafür spricht Engel in seinem Buch Klartext.

Für einen Leser, der mit marxistischer Literatur nichts am Hut hat, ist das Buch stellenweise sehr mühsam zu lesen. Neben den bekannten typisch marxistischen Termini Klassenkampf, Arbeiterklasse, staatsmonopolistischer Kapitalismus, Monopolkapitalis­mus, Diktatur des Proletariats, Proletariat als einzig revolutionäre Klasse, Industrieproletariat usw. nerven vor allem folgende Begriffe in ihrer geradezu inflationären Häufigkeit: Bourgeoisie, bürgerlich, kleinbürgerlich, letzteres sogar in einem Satz mit kleingeistig genannt, und damit in der heutigen Sprache nahe am Schimpfwort. Auch wenn diese Begriffe in der Tat von Marx verwendet worden sind, passen sie nicht mehr in unsere heutige Sprachwelt. Wenn dem Autor daran gelegen ist, Leserzielgruppen quer durch die Gesellschaft zu erschließen, dann müsste er zumindest diese Begriffe erläutern, definieren, noch besser aber übersetzen in die heutige Umgangssprache. Aber dann ist natürlich der klassische marxistische Klang dahin.

Hat der Leser die ideologische Fracht der ersten beiden Kapitel überstanden, hat er immerhin beim langatmig dargestellten Streit ums Gothaer Parteiprogramm der SPD gelernt, dass es ein großes Anliegen von Marx und Engels war, die Rolle der Natur bei der Arbeit und als Quelle des Wohlstandes angemessen zu würdigen. Alles Ungemach der aufkommenden Industrialisierung sieht Marx vor allem in der zunehmenden Entfremdung des Menschen von der Natur, die heute in einem gigantischen Raubbau an den Schätzen der Erde kulminiert. Trotz der breiten Darstellung dieses Richtungsstreites weiß der Leser nicht so recht, was Marx damit gemeint hat. Man wünscht sich eine klare Aussage dazu, wie z. B. die von Niko Paech, der die enormen Steigerungen des materiellen Wohlstandes auf ökologische Plünderung zurückführt. Die Kontroverse um das Ignorieren der Natur als Quelle menschlichen Reichtums hat beim Gothaer Parteitag der SPD zum Zerwürfnis zwischen Marx bzw. Engels und Liebknecht geführt.

Angesichts der ausführlich dargestellten Vielfalt ökologischer Gefahren im Kapitel 3 verwundert es, dass sich die Menge an vorgeschlagenen Lösungswegen zur Abwendung der drohenden Umweltkatastrophe in einer einzigen erschöpft. Allein in einer sozialistischen/kommunistischen Gesellschaftsordnung sei es möglich, die ökologische Herausforderung zu meistern, weil in der vollkommenen klassenlosen Gesellschaft der Wachstumszwang aufgehoben, die Produktion von Waren auf den realen Bedarf der Gesellschaft beschränkt und die Macht des Finanzkapitals gebrochen seien. Es werden keine konkreten Vorschläge gemacht, wie dieser Zustand zu erreichen ist, wie die menschliche Gier, der Motor unseres Wachstumswahns, beseitigt werden soll und wie in einer klassenlosen Gesellschaft die weiterhin als segensreich betrachtete Planwirtschaft umgesetzt werden soll. Immerhin ist es bisher keinem einzigen sozialistischen System auch nur ansatzweise gelungen, den Menschen in solch idealistischer Weise zu formen und damit auf eine klassenlose Gesellschaft vorzubereiten.

Dabei wird übersehen, dass inzwischen zahlreiche Modelle alternativer Wirtschaftsformen bekannt sind, die auf heute bestehende demokratische Strukturen anwendbar sind und die entscheidenden Schwächen der aktuellen Wirtschaftsweise vermeiden. Dabei geht es nicht um Planwirtschaft, sondern um eine neue Form der Marktwirtschaft. Diese Modelle machen sich durchaus auch marxistische Motive zu eigen, indem Eigentumsverhältnisse beschränkt und reorganisiert, Wachstum an der notwendigen Stabilität des Wirtschaftssystems ausgerichtet und das Gemeinwohl in den Mittelpunkt menschlichen Wirkens gestellt werden. Nachhaltigkeit und öko­logisch verträgliches Wirtschaften stellen sich dabei nicht etwa durch die Heranreifung eines neuen Menschentyps ohne Egoismus von selbst ein, sondern sind schlicht das Ergebnis eines zielführenden Regelwerks der neuen Wirtschaftsordnung. Diese Regeln müssen bewirken, dass Unternehmen nicht mehr Reichtum anhäufen durch Ausbeutung, sondern gemessen werden an ihrem Beitrag zum Gemeinwohl. Das setzt sowohl eine verantwortliche Mitbeteiligung aller Unternehmensangehörigen voraus, als auch eine Abschaffung des Zinssystems im herkömmlichen Sinne und der Wiederherstellung der festen Koppelung zwischen Geld und Waren bzw. Leistungen. Damit wird allen Finanzspekulationen der Boden entzogen und dem verantwortlichen Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Weg bereitet. Suffizienz und Subsistenz müssen die beherrschenden Leitmotive einer neuen Wirtschaftsordnung werden.

Man kann sich trefflich streiten über manche Thesen in diesem Buch. So versteht auch Engel selber sein Buch als Streitschrift. Sein Festhalten am Kommunismus als dem Allheilmittel aller Ausbeutung wird nicht jeden überzeugen. Aber seinem Anliegen, sich unmissverständlich zu positionieren, ist er zumindest mit der kompetenten Zusammenstellung aller Komponenten der drohenden Umweltkatastrophe gerecht geworden, und dafür gebührt im Dank.

Wolfgang Rieger
31. 10. 2014

 

Antwort von Stefan Engel:

Sehr geehrter Herr Rieger,

vielen Dank für Ihre ausführliche Rezension des Buchs „Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?“.

Sie sind der Meinung, dass das Buch „den Nerv unserer Gesellschaft“ trifft und ein „ökologischer Crash unausweichlich ist“. Sie würdigen auch, dass „auf einmalige Weise die gesamte Palette an Umweltgefahren kompetent zusammengestellt und erläutert“ ist. Vielen Dank für diese positive Würdigung!

Ihr Widerspruch bezieht sich vor allem auf die Einbettung der Streitschrift in die marxistisch-leninistische Denkweise.

Das Buch richtet sich sowohl an die internationale Arbeiterbewegung als an die Umweltbewegung und auch an den interessierten Leser. Insofern war ein wichtiger Ausgangspunkt nachzuweisen, dass der Sozialismus und Kommunismus nicht im Widerspruch zum Umweltschutz steht, wie es heute gängige bürgerliche Auffassung ist. Zugleich musste man auch kritisch und selbstkritisch analysieren, worin die tatsächliche Geringschätzung der Umweltfrage in der Arbeiterbewegung besteht und woher sie kommt.

Sie würdigen insbesondere die Kompetenz der Zusammenstellung der Umweltgefahren, lösen das aber etwas von der vorher entwickelten dialektisch-materialistischen Methode, die gerade dafür steht, den Gesamtzusammenhang der Umweltproblematik zu betonen. Das betrifft den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Umweltgefahren, aber auch den Zusammenhang zwischen der Gesellschaft und der Umweltfrage. Es ist die dialektische Methode, die vielen Betrachtern von Umweltliteratur abgeht, wenn sie nicht über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung hinausgehen. Deshalb ist dringend erforderlich, dafür zu plädieren, an die Umweltfrage dialektisch-materialistisch heranzugehen.

Sie kritisieren an dem Buch, dass der Marxismus und seine Begriffe „nicht mehr in unsere heutige Sprachwelt passen“. Das möchte ich nicht bestreiten. Seit den 1950er Jahren ist der Antikommunismus in der Bundesrepublik Deutschland zur Staatsräson geworden, was sich selbstredend auch in der Sprache niederschlägt. Wie lange waren selbst Wörter wie „Arbeiterklasse“, „Kapitalis­mus“ oder „Wirtschaftskrise“ aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwunden. Die gesellschaftliche Realität hat vieles wieder zurecht gerückt und auch die Bedeutung der Marxschen Kritik an der kapitalistischen Ökonomie wieder belebt. Das steht uns in der Ökologie noch bevor, ist aber ebenso nötig.

Der Marxismus-Leninismus ist eine höchst lebendige Wissenschaft, mit der die Menschheit die objektive Wirklichkeit in Natur und Gesellschaft immer besser erkennen und auf sie einwirken kann. Deshalb wird er von den Herrschenden ideologisch bekämpft. Gehört dazu nicht die Methode, die marxistisch-leninistischen Begriffe als „unpassend“, „altbacken“, „unverständlich“ usw. zu diskreditieren, um ja nicht nur einen Gedanken an den Sinn und Gehalt dieser Begriffe zu verschwenden?

Der allgegenwärtige Positivismus spielt heute in der Wissenschaft einen wichtigen Ge­genpart zum Marxismus-Leninismus. Er reduziert die Wirklichkeit auf beobachtbare Dinge. Gesetzmäßigkeiten, wei­tergehende Fragen nach tieferen Ursachen und allseitigen Zusammenhängen sind tabu. So sollen in einer Situation der zunehmenden Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, wo die Suche nach einer gesellschaftlichen Alternative zunimmt, die Leute abgehalten werden, sich mit dem Gehalt und der Methode des Marxismus-Leninismus zu befassen. Wir haben uns in dem Buch mit dem Positivis­mus befasst, weil er gerade in der Umweltbewegung schädliche Auswirkungen hat.

In Kapitel II fanden wir ausgehend von den bisherigen marxistisch-leninistischen Erkenntnissen eine neue Gesetzmäßigkeit in der heutigen Entwicklung des Kapitalismus auf seiner Stufe der Neuorganisation der internationalen Produktion heraus: Die Ausbeutung von Mensch und Natur durch das internationale Finanzkapital ist zu einem ökonomischen Zwang geworden, um Maximalprofite zu erwirtschaften. Das beschleunigt den Umschlag in die drohende globale Umweltkatastrophe ungemein, was in Kapitel III allseitig analysiert wird.

Die einzelnen Kapitel sind also nicht voneinander zu trennen und gehen logisch und folgerichtig auseinander hervor.

In Kapitel IV wird dargestellt, dass die Umweltbewegung eine neue Qualität bekommen muss, wenn sie die globale Umweltkatastrophe verhindern will. Das kann sie nur, wenn sie einen gesellschaftsverändernden Charakter bekommt. Dafür ist die systemimmanente kleinbürgerliche Denkweise in der Umweltbewegung das Haupthindernis. Sie ist einerseits kritisch, andererseits aber vollständig in das gegenwärtige Gesellschaftssystem eingebunden und daher auch inkonsequent. Sie folgt heute der verhängnisvollen Illusion der „Vereinbarkeit von kapitalistischer Ökonomie und Ökologie“, mit der die Herrschenden so tun, als würden sie sich der Rettung der natürlichen Umwelt annehmen.

Am meisten gehen unsere Auffassungen über die Schlussfolgerungen auseinander, die aus alledem zu ziehen sind. Sie sehen die Lösung in einer „neuen Form der Marktwirtschaft“, die sich „marxistische Motive“ zu eigen macht, indem sie „Eigentumsverhältnisse beschränkt und reorganisiert, Wachstum an der notwendigen Stabilität des Wirtschaftssystems ausrichtet und das Gemeinwohl in den Mittelpunkt menschlichen Wirkens“ stellt. Sie wollen das durch ein „zielführendes Regelwerk der neuen Wirtschaftsordnung“ erreichen.

Dabei stellt sich die Frage: Wer soll dieses „Regelwerk“ aufstellen und mit welcher Macht soll das gegen die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse verwirklicht werden? Es ist doch eine Illusion zu glauben, dass das allein herrschende internationale Finanzkapital mit seinen 500 mächtigsten Monopolen der Welt sich von irgendjemand ein „Regelwerk“ für Politik und Wirtschaft diktieren lässt. Diese kleine Gruppe von Übermonopolen ist heute eine stärkere Macht als die mächtigsten imperialistischen Staaten wie die USA oder China. Deshalb steht und fällt letztlich die Frage nach einer neuen Gesellschaftsalternative mit der Machtfrage.

Das ist auch der Grund, warum für mich der Marxismus-Leninismus den einzig richtigen Weg weist, nämlich die Machtfrage konsequent zu stellen. Deshalb durchdringen sich auch alle Vorschläge zur Lösung der Umweltfrage eben mit dieser Machtfrage. Die Lösung der sozialen Frage und der Umweltfrage bilden eine dialektische Einheit und können nur in einer grundlegenden Umwälzung der gesellschaftlichen Wirtschafts- und Machtverhältnisse in sozialistischen Verhältnissen erreicht werden.

Etwas anderes hat es bisher noch nicht gegeben. Dabei gab es in den ersten Erfahrungen der sozialistischen Gesellschaften durchaus positive Errungenschaften. Sicherlich wurden auch noch viele Fehler gemacht, und wir müssen aus den Fehlern und Errungenschaften dieser Gesellschaften lernen. Auch der Sozialismus ist kein Dogma und nichts anderes als eine Gesellschaftsordnung, die den gesamten gesellschaftlichen, kulturellen oder wissenschaftlich-technischen Fortschritt zum Wohle und zum Nutzen der gesamten Menschheit einsetzt. Was spricht wirklich dagegen, außer der schnöden Profit- und Machtsucht einer kleinen Handvoll Monopolkapitalisten?

Vielen Dank auf jeden Fall für die Rezension und wir werden sie bei Gelegenheit auch mit meiner Antwort veröffentlichen.

Herzliche Grüße
Stefan Engel

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