Vom Illusionär zum Kronzeugen des Antikommunismus. Zum Tod von Professor Wolfgang Leonhard

Aus Rote Fahne 34/2014: Im hohen Alter von 93 Jahren starb in einem Krankenhaus in Daun (Eifel) Professor Wolfgang Leonhard. Oftmals neu aufgelegt, in zahlreiche Sprachen übersetzt, wurde sein erstmals 1955 erschienenes Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ zum „klassischen“ Werk eines von der kommunistischen Bewegung enttäuschten Revolutionärs.

Im Alter von 14 Jahren war Leonhard 1935 von Wien aus mit seiner Mutter Susanne, die im illegalen antifaschistischen Kampf für die KPD tätig war, in die Sowjetunion übergesiedelt. Ab 1940 studierte er an der Moskauer Hochschule für Fremdsprachen, 1942 wurde er an der Schule der Kommunistischen Internationalen ausgebildet. Seit 1943 wirkte er als Rundfunksprecher am antifaschistischen Sender des Nationalkomitees „Freies Deutschland“, in dem sich deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion gegen Hitler organisiert hatten. Als jüngstes Mitglied der „Gruppe Ulbricht“ kehrte er 1945 wenige Tage vor der Kapitulation Hitler-Deutschlands mit anderen KPD-Emigranten ins umkämpfte Berlin zurück.

Das Vorgehen des von der KPdSU beauftragten Walter Ulbricht beim Wiederaufbau der KPD und bei der Errichtung einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung in der sowjetischen Besatzungszone erregte bei ihm erste politische Widersprüche: „Es muss demokratisch aussehen, doch wir müssen alles in der Hand haben“ – so zitierte er die Devise Ulbrichts aus jener Zeit. Es irritierte ihn, wie der aus dem Exil gekommene Funktionär die Initiative von unten und die Aktivitäten der KPD-Genossen, die in Deutschland gegen Hitler gekämpft hatten, beiseite schob. Leonhard wurde trotzdem Mitarbeiter der Abteilung Agitation und Propaganda beim ZK der KPD bzw., nach deren Vereinigung mit der SPD, der SED.

Bis zum März 1949 war er Lehrer an der Parteihochschule „Karl Marx“, dann setzte er sich nach Jugoslawien ab. In der Kritik des dortigen Parteiführers Tito am „Stalinismus“ sah Leonhard den richtigen Weg zum Sozialismus – dass Titos Revisionismus direkt zur Restauration des Kapitalismus führte, erkannte er nicht. Finanziell von Jugoslawien unterstützt, begann er Gesinnungsgenossen aus der westdeutschen KPD abzuspalten – dieses von ihm gesteuerte hinterhältige Vorgehen der Titoisten schilderte Willi Dickhut in seinem 1990 erschienenen Buch „Was geschah danach? Zweiter Tatsachenbericht eines Solinger Arbeiters ab 1949“ (siehe dazu auch: „Ehrenerklärung für die Anhänger Titos?“ in Roten Fahne 52/1 1990, S. 12).

Seit 1950 in der Bundesrepublik, versuchte Leonhard zunächst, mit abtrünnigen KPDlern und trotzkistischen Elementen wie Georg Jungclas die UAP („Unabhängige Arbeiterpartei“) zu etablieren, was jedoch zu keinem Erfolg führte. Als prominentem Renegat der kommunistischen Bewegung stand ihm stattdessen eine bürgerliche Karriere offen: Seit 1956 betrieb er eine Studien- und Forschungsarbeit in Großbritannien und den USA, 21 Jahre lang, von 1966 bis 1987 war er als Professor an der Universität von Yale tätig. Leonhard veröffentlichte zahlreiche Bücher und wurde zum gefragten „Kreml-Astrologen“, der auch regelmäßige Fernsehauftritte absolvierte. So trug er in großem Maß zum antikommunistischen Meinungsbild in der BRD bei.

2009 erschien sein letztes Buch: „Anmerkungen zu Stalin“. Er warnte darin vor der Entwicklung in Russland: „Stalin kehrt zurück. Er kehrt zurück in die Köpfe der Menschen und in den Alltag.“ (S. 9) In Widerspruch zu den eigenen Erfahrungen seiner Jugendzeit sah er in Stalin „einen der schlimmsten Verbrecher des zwanzigsten Jahrhunderts“. (1) Trotz seiner umfangreichen Kenntnisse blieb er unfähig zu erkennen, wie und warum die ungebrochene Beliebtheit Stalins in den historischen Erfahrungen des russischen Volkes wurzelt. Und weil Leonhard nicht in der Lage war, Fehler und Verdienste Stalins richtig zu analysieren, sank er zum Opportunisten und Antikommunisten herab – trotz aller, lange Zeit seines Lebens gehegten und oft mit viel Pathos vorgetragenen Empathie für den Gedanken des Sozialismus wurde er so zu einem der am meisten ausgeschlachteten und gut bezahlten Kronzeugen des modernen Antikommunismus!

(dk)

(1) Diese Behauptung steht auch im Widerspruch zu seinem eigenen Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“. Trotz eindeutig antikommunistischer Intention –insbesondere gegen Stalin – liefert es eben keine Belege für den angeblich „schlimmsten Verbrecher des 20. Jahrhunderts“.



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