„Ein Teil der bewaffneten Gruppen in der Ost-Ukraine besteht aus Arbeitern …“

Interview mit einem Genossen der ukrainischen ICOR-Organisation KSRD (Koordinazionnyj Sowjet Rabotschewo Dvizhenija Ukraina) – Koordinierungs­rat der Arbeiterbewegung der Ukraine

Bei der Schlacht um Slovjansk sollen 1.000 Menschen gefallen sein, vor allem Zivilisten. Aber ich kann diese Nachricht nicht überprüfen. Denn die Quellen sind bisher nur russische Medien.

Die ukrainische Regierung führt jetzt schon länger einen offenen Krieg in der Ostukraine durch. Die ukrainische Armee versucht, die Städte einzunehmen. Sie bombardiert aus Flugzeugen die Bevölkerung. Das ist kein Gerücht. Sondern das kann ich bestätigen.

Die ukrainische Propaganda sagt, dass nur Terroristen fallen. Es wird aber auch zugegeben, dass einfache Menschen umkommen. Dazu heißt es dann, das sei gut, weil sie gegen die Ukraine sind, weil sie die Terroristen unterstützen würden.

Das ist heute normal in der Ukraine. Ein großer Teil der Bevölkerung der übrigen Ukraine ist einverstanden mit dem Krieg. Sie glauben der ukrainischen Propaganda, der offiziellen, wonach einfache Leute nicht umkommen würden.

Wie die Lage in Kiew ist? Jetzt, nachts, im Zentrum der Stadt, gibt es Schießereien. Auf dem Maidan wurden vier Menschen verwundet. Im Zentrum der Stadt gibt es weiter viele Bewaffnete und bewaffnete faschistische Banden. Sie schießen aufeinander. Kaum jemand versteht, was da vor sich geht. Sie fordern Geld für Wohnungen, um Kiew vor dem russischen Präsidenten Vladimir Putin zu schützen. Das wird bei uns nicht als lächerlich angesehen, manche glauben das wirklich. Das ist das Problem.

Schon ein halbes Jahr gibt es diese bewaffneten Banden, die plündern, schießen … Eine bewaffnete faschistische Bande, die plündert, wird von einem ehemaligen Trotzkisten geführt. Fast alle Trotzkisten – das sind kleine Gruppen – unterstützten den „Maidan“ und die Faschisten. Jetzt unterstützen sie die faschistischen Bataillone, die in die Ostukraine gehen.

Doch auch in der Ostukraine gibt es unter den russischen Kämpfern faschistische Kräfte. Russland deformiert bewusst den Protest im Osten, schickt dort auch faschistische Kämpfer hin. Sie drängen den Menschen, die unter roten Fahnen protestieren, ihre faschistische Symbolik auf oder versuchen das. Das ist eine bewusste Politik Putins. Denn Putin will keine Territorien mit Menschen, vor allem Bergarbeitern, die Gewehre in den Händen haben. Putin fürchtet bewaffnete Arbeiter. Ein Teil der bewaffneten Gruppen im Osten besteht aus bewaffneten Arbeitern. Aber das gefällt Putin nicht. Seine Leute versuchen, diese Arbeiter-Gruppen den reaktionären Kräften unterzuordnen.

In Donezk und Lugansk bekommen nur die, die bereit sind, sich Russland unterzuordnen, Unterstützung aus Russland. Die Gruppen, die bestimmte soziale Programme durchführen, Nationalisierung fordern, erhalten keine Unterstützung, im Gegenteil. Die bewaffneten Gruppen, die auf Putin orientiert sind, verteidigen sogar den Kapitalist und Mil­liar­där Rinat Achmetov gegen die Anhänger der Nationalisierung.

Das ist noch kein Krieg zwischen den Gruppen innerhalb von Donezk und Lugansk, aber es gibt Zusammenstöße, eine Auseinandersetzung, einen Ansturm der Gruppen um ihre verschiedenen sozialen und politischen Programme. Es ist eine insgesamt sehr komplexe
Situation mit verschiedenen Widersprüchen.

Es gibt eine Politisierung. Da, wo die mehr links gerichteten Gruppen Einfluss haben, zwangen sie die Direktoren der Kohlegruben, den Bergarbeitern, die sich als Freiwillige gegen die Truppen der Ukraine verteidigen, Lohn auszuzahlen. Sie traten hier als eine soziale Kraft auf.

Nicht alle Gruppen im Osten wollen sich gegen Kiew verteidigen. Manche verteidigen z. B. auch Achmetov bzw. andere Oligarchen. Der Kampf kann noch lange dauern.

Die ukrainische Armee ist mit schwerem Gerät ausgerüstet, sie kämpfen auch mit Bombern. Sie sind dort mit Panzern. Sie setzen ihre Flugzeugbomber ein. Inoffiziell haben sie auch Waffen aus der Nato. Von Polen wurden Panzer gestellt, alte Panzer, die dort auf Lager sind. Außerdem erhält der ukrainische Präsident Petro Poroschenko Söldner aus Georgien und Polen. Außerdem kämpfen auf Seiten Poroschenkos einzelne Faschisten aus der Schweiz, Ungarn, Deutschland als Freiwillige. Auf Seiten Poroschenkos führen auch von den Oligarchen bzw. Kapitalisten organisierte faschistische Bataillone den Krieg. Vor Lugansk sind sehr viele Teilnehmer einer dieser Banden gefallen, nachdem sie die Stadt überfallen hatten. Das ist Europa. Jeden Tag sterben Menschen.

Auf dem Land gibt es nicht viele Faschisten. Vor allem, weil diese sich mit dem Krieg im Osten befassen. So viele Kräfte haben sie nicht, dass sie das ganze Land kontrollieren können.

Wir haben viele dringende Probleme, z. B. keine Medikamente. Es fehlt in Lugansk sogar Wasser, weil keine Autos mehr das Wasser bringen können. Sie werden beschossen. Es mangelt an allen Nahrungsmitteln, weil die Kaufhäuser schlecht arbeiten können, schlecht beliefert werden. Auch in weiteren Bergarbeitergebieten, wohin früher Trinkwasser mit Autos gefahren wurde, fehlt Wasser. Und wenn es dort Wasser gibt, sollen die Leute einen Dollar pro Liter zahlen. Aber das funktioniert jetzt nicht.

Humanitäre Hilfe wird sowohl von Putin als auch von Poroschenko versprochen. Aber das alles ist nur Gerede, die Bevölkerung erhält keine Unterstützung. Die Leute können aufs Land fahren, da gibt es in den Gärten etwas zu essen. Aber oft ist dies nicht möglich. Auch Arbeit gibt es nicht. Das betrifft Millionen Menschen. Das heißt es fehlen nicht nur Medikamente, sondern die banalsten Sachen, die man täglich braucht.

 

Die „Rote Fahne“ freut sich, mit diesem Interview authentische Informationen über die komplizierte Lage im Osten der Ukraine geben zu können. Das Interview führte Dorothea Jauernig.

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