Die „Weltfrauen“* sind ein bedeutender Faktor der internationalen Frauenbewegung geworden

Die „Weltfrauen“* sind ein bedeutender Faktor der internationalen Frauenbewegung geworden

Monika Gärtner-Engel, rf-foto

Interview mit Monika Gärtner-Engel, Europakoordinatorin im Weltfrauenkonferenz-Prozess

Du bist Europakoordinatorin im Weltfrauenkonferenz-Prozess und warst als solche Miteinladerin der 3. Europakonferenz der Weltfrauen, die am 8. Februar in Paris stattfand. Uns interessiert natürlich brennend, wie diese Konferenz zu bewerten ist und mit welchen Eindrücken, Erfahrungen und Ergebnissen du wieder zurückgekommen bist.

Die 3. Europakonferenz konnte eine sehr erfolgreiche Bilanz über den bisherigen Aufbau und die Stärkung der kämpferischen Frauenbewegung in Europa ausgehend von der 1. Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen 2011 in Caracas ziehen. So nahmen in Paris 29 Delegierte aus 14 Ländern und insgesamt 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 25 Herkunftsländern teil. Damit konnten wir, im Vergleich zu 2013, vier neue Ländervertretungen begrüßen. Wir hatten ausgezeichnete Konferenzbedingungen: die Frauengruppe Femmes de l’Ile Saint-Denis/Paris hatte alles wunderbar organisiert, viele ehrenamtliche Übersetzerinnen und einige Übersetzer ermöglichten einen reibungslosen Ablauf und Austausch. Und nicht zuletzt sorgten mehr als 40 Familien für preiswerte Übernachtungsgelegenheiten. Vielen Dank an alle!

Wie reiht sich diese Konferenz in den gesamten überparteilichen Weltfrauenprozess ein? Was war die vordringlichste Aufgabe?

Diese Europakonferenzen sind Bestandteil des Prozesses zur Vorbereitung der 2. Weltfrauenkonferenz der Basis­frauen, die im März 2016 in Kathmandu/Nepal stattfinden wird.

Ausgehend von der Abschlussresolution von Caracas hat jeder am Weltfrauenprozess beteiligte Kontinent zwei Koordinatorinnen und Stellver­treterinnen. Sie wurden auf Kon­tinentalkonferenzen nach der 1. Weltfrauenkonferenz gewählt und koordinieren die Vorbereitung. Das Ziel ist die nachhaltige Stärkung der kämpferischen Frauenbewegung der einzelnen Länder und Regionen in einer internationalen Zusammenarbeit. Dem dienen auch regionale und kontinentale Treffen. Sehr bedeutsam war das 3. Welttreffen der Koordinatorinnen, das im Oktober 2013 in Johannesburg stattgefunden hat. Auf der Grundlage der Entscheidungen und Prinzipien der 1. Weltfrauenkonferenz in Caracas fasste es 34 Beschlüsse für die 2. Weltfrauenkonferenz. Dazu gehören: Nepal als Austragungsort, Termin und ­Dauer von 13. bis 18. März 2016, Grundzüge des Programms (Ge­neralversammlung und Work­shops, die sich nicht mehr überschneiden, Kulturprogramm, Abschlussdemonstration, Exkursionen zu den Frauen in Nepal …), die Bekräftigung der finanziellen Unabhängigkeit, … Der jetzige Planungsstand ist zweieinhalb Jahre vor der Konferenz schon weiter als drei Monate vor Caracas!

Zu den demokratischen Prinzipien des Weltfrauenkonferenzprozesses gehört die Rechenschaftslegung der Koordinatorinnen. Es war begeis­ternd wie engagiert, kritisch und lebendig die Frauen diskutierten und dann einhellig Beschlüsse fassten.

Du sagtest, die kämpferische Frauenbewegung in Europa stärkt sich. Worin drückt sich diese Stärkung aus? Welche Themen bewegen die Frauen Europas?

Diese Konferenz zeichnete sich einmal durch eine neue Breite in der Zusammensetzung der Delegierten aus: die Vertreterin für Bosnien, Jasmina Prpic, ist „Frau Europas 2012“ und Gründerin der Organisation Anwältinnen ohne Grenzen; Maria Hagberg aus Schweden Entwicklungsmanagerin, kommt unter anderem aus dem Weltsozialforums-Prozess und wurde neu gewählte Stellvertretende Europakoordinatorin. Helga Neumayer und Claudia Dal Bianco aus Österreich aus dem NGO-Spektrum. Aus den Niederlanden war die Präsidentin der Gewerkschaft der Reinigungsfrauen Delegierte. Kämpferische Frauen, Revolutionärinnen und viele Migrantinnen aus „aller Herren Länder“ sind bereits erprobte Aktivistinnen der „Weltfrauen“ und feste Basis des Welt­frauen­konferenz-Prozesses und der Konferenz. Das Spektrum wird immer breiter – damit brechen aber auch neue Fragen auf und es wächst der Bedarf nach grundsätzlicher Auseinandersetzung. Wenn dem nicht Rechnung getragen wird, kann die neue Breite auch zu einem Sprengsatz werden.

Alle Delegationen hatten Länderberichte vorbereitet. Hervorstechend war die zunehmende Armut vieler Frauen und ihrer Familien, aber auch der Gewalt gegen Frauen. Die Situation der Pflegekräfte und der zu pflegenden und alten Menschen wird immer dramatischer. Eine verschärfte Unterdrückung der Frauen wie in Spanien mit dem geplanten neuen Abtreibungsgesetz. Überall sind Migrantinnen besonders betroffen. Man kann sagen, so konkret unterschiedlich die Lebensverhältnisse der Frauen in ihren Ländern sind, so nah sind sie sich doch im Kern des Kampfs gegen ihre doppelte Ausbeutung und Un­terdrückung, für ihre Rechte und Befreiung!

Wie beurteilst du die Entwicklung der weltweiten Frauenbewegung?

Die Berichte zeigten, dass die internationale Frauenbewegung große Fortschritte macht. Unübersehbar hat die Bewegung der „Weltfrauen“ Einfluss auf die Stärkung, das Profil und die Ausstrahlungskraft der kämpferischen Frauen­bewegung weltweit genommen. Es ist unglaublich, was in der weltweiten Frauenbewegung alles geleistet wird: gegenseitige Hilfe im Alltag, bei der Wohnungssuche, gegen gewalttätige Partner, im Kampf um medizinische Versorgung, Sprachkurse, in gewerkschaftlichen und betrieblichen Auseinandersetzungen, gegen Mobbing – kurz: gegen die Un­terdrückung durch die bürgerliche Staats- und Familienordnung.

Gleichzeitig offenbart sich ein Widerspruch: Aktivitäten, Kämpfe, Streiks, lose Bewegungen beleben sich – aber in den meisten Ländern fehlen nachhaltig organisierende starke, kämpferische und wirklich überparteiliche Frauen­orga­nisationen. Seit 1992 hat in Deutschland der überparteiliche Frauenverband Courage hier Zeichen gesetzt. Die Prinzipien des Frauenverbandes Courage wurden zu einer wesentlichen Quelle des Prozesses der Weltfrauenkonferenz. Die Anziehungskraft des überparteilich, demokratisch und selbst finanzierten Weltfrauenprozesses basiert auf einer Verarbeitung dieser Erfahrungen von Courage.

Die Weltfrauen sind spürbar in den Ländern, sie werben, organisieren immer neue Frauen und sind verbunden mit den Bewegungen.

Zurück zur Kleinarbeit, denn nur dort gibt es wirkliche Solidarität“, sagt Maria Hagberg, Schweden. Hintergrund dieser neuen Weichenstellung war ihre persönliche Erfahrung aus undemokratischen und patriar­chalen Methoden im Prozess der Weltsozialforen: „2008 tagte das Europäische Sozialform in Malmö. Wir konnten kein feministisches Forum dort durchführen. Es war ein Kampf gegen das Patriarchat. Erst später erfuhren wir die genauen Hintergründe: die (männlichen!) Vertreter der deutschen ATTAC arbeiteten dagegen. Vielleicht war ein Hintergrund für die Torpedierung feministischer Aktivitäten, dass die Konferenz von Bischöfen mit finanziert wurde.“

Das ist eine ermutigende Entwicklung – aber das geht sicher nicht kampflos ab?

Im Gegenteil, verschiedene Länderberichte machten deutlich, dass diese Fortschritte der kämpferischen Frauenbewegung in der Weltwirtschafts- und Finanzkrise auf eine politische Polarisierung in der Frauenfrage treffen. Mit einer Mischung aus ideologischer Beeinflussung, einzelnen Zugeständnissen bei zunehmendem finanziellem und politischem Druck bis zu offener Unterdrückung versuchen die Herrschenden vergeblich, ihre chronisch krisenhafte bürgerliche Staats- und Familienordnung zu stabilisieren. Wenn angesichts einer Zunahme von Gewalt gegen Frauen, europaweit staatliche Mittel für Frauenhäuser und ähnliche Einrichtungen gekürzt und die Rechte der Frauen beschnitten werden – wie auf straffreien Schwangerschaftsabbruch – ruft das entschiedenen Widerstand hervor. In Spanien und in Frankreich mischen reaktionärste bis faschistische Organisationen in Demonstrationen für die Verschärfungen des Abtreibungsrechts und gegen Frauenrechte mit. In diese Reihe gehört natürlich auch die Verfassungsschutz-diktierte Aberkennung der Gemeinnützigkeit des Frauenverbandes Courage in Deutschland.

Die Frauenbewegung muss diese polarisierende Entwicklung sehr gründlich analysieren und sich selbstbewusst und aktiv damit auseinandersetzen. Das Bedürfnis danach ist groß und führte zu der Forderung, die nächste Europakonferenz – die Anfang 2015 in Athen stattfinden wird – über mehrere Tage gehen zu lassen. Das übersteigt aber die Möglichkeiten auch der Gastgeberinnen. In den Begegnungen der Frauenbewegung der Länder/der internationalen Frauen­bewegung muss aber viel mehr Wert auf die vertiefte Diskussion „heißer Eisen“ und brisanter Themen gelegt werden. Hier wäre auch die Frage an die Veranstalterinnen des Frauenpolitischen Ratschlag, inwieweit das beim 11. Frauenpolitischen Ratschlag im Oktober in Chemnitz noch mehr Raum bekommen könnte.

Das war ja eine sehr spannende Auseinandersetzung. Wie wurde in diesem Zusammenhang die finanzielle Unabhängigkeit diskutiert?

Diese Debatte nahm tatsächlich beträchtlichen Raum auf der Konferenz ein. Für viele Frauen, besonders den neu dazugekommenen erscheint es erst einmal undurchführbar, eine Weltkonferenz und die dazu notwendigen Vorbereitungstreffen selbständig zu finanzieren! „Wie sollen wir Spenden sammeln? Das ist schwer.“„Der europäische Sozialfond hat ein riesiges Budget, da können wir Gelder bekommen.“ „Junge ­Frauen haben kein Geld.“ Hier war es wichtig, die Prinzipien des Weltfrauenkonferenz in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung zu rücken: Wir sind überparteilich! Geldspenden sind willkommen, wenn sie ohne Auflagen, ohne Bedingungen sind. Wir lassen uns von Niemandem unsere Programmatik verändern. Das Allerwichtigste ist, sich zur Finanzierung auf die vielfältigen Ressourcen der Frauen der Welt zu stützen und sich an die breite Masse der Bevölkerung zu wenden.

Vielen Dank!

 

*„Weltfrauen“ nennen sich stolz die Frauen, die sich für den Prozess der Weltfrauenkonferenz (WFK) der Basisfrauen engagieren. Gemeinsam organisierten sie die erste WFK 2011 in Caracas/Venezuela und planen derzeit die zweite WFK 2016 in Nepal.

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