Evangelii Gaudium – Enzyklika des Franziskus: Scharfe Kapialismuskritik – aber ohne Ausweg!

Schwäbisch Gmünd (Korrespondenz): Am 24. November 2013 veröffentlichte Papst Franziskus die Enzyklika „Evangelii Gaudium“, zu deutsch „Freude am Evangelium“. Nach der im Juli erschienenen Enzyklika „Licht des Glaubens“, deren Erarbeitung noch seinem Vorgänger Papst Benedikt XVI. zugeschrieben wird, gilt „Evangelii Gaudium“ als erste eigene Enzyklika und somit als seine „Regierungserklärung“. Schon kurz nach ihrer Veröffentlichung ging ein Aufschrei durch die deutschen Medien. Die „Süddeutsche Zeitung“: „Der Papst irrt!“ Die „Südwestpresse“, ansonsten stramm katholisch, fiel vom Glauben ab: „Wo der Papst Unrecht hat“. Und Anne Will stellte am 4. Dezember in ihrer Sendung die ketzerische Frage „Irrt der Papst?“

Warum diese Aufregung?

Es waren Sätze wie „Diese Wirtschaft tötet“ – die die deutschen Medien aus dem Häuschen geraten ließen. Klar, schonungslos, eindeutig: „Diese Wirtschaft tötet.“

Das gefiel Helmut Schneider von der „Südwestpresse“ gar nicht: „Die Kapitalismus-Kritik bleibt dennoch schick … Eine grundsätzliche Ablehnung des Erfolgsmodells Kapitalismus müsste die praktikable Alternative aufzeigen. Das hat noch keiner geschafft …“. Man wünschte den deutschen Medien, sie hätten etwas mehr „Schick“. So zeigt die Reaktion auf das Rundschreiben des Papstes nur, wie angepasst die bürgerlichen Medien sind, wie gleichgeschaltet. Dabei blenden sie systematisch die Wirklichkeit aus: Marc Beise, Wirtschaftsredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte in der Sendung von Anne Will das Auf und Ab an der Börse zum Maßstab für das Wohl und Wehe der Massen, weil sich daraus „unser Wohlstand“ speise.

Kritik am Kapitalismus durch den „Heiligen Stuhl“ ist jedoch keine Erfindung von Franziskus. Papst Leo XIII., 1891 in „Über die Arbeiterfrage“: „… es ist allen völlig klar, daß man der unteren Volksschicht schnell und wirksam helfen muß, da die ihr Angehörenden zum größten Teil in tiefer Verelendung ein menschenunwürdiges Dasein führen … Verschlimmert wurde dies alles durch den raffgierigen Wucher, … Schließlich sind der Produktionsprozeß und fast der ganze Handel unter die Verfügungsmacht nur weniger Menschen geraten, so dass eine verschwindend kleine Schicht gutgestellter und sehr vermögender Leute eine breite Masse von Besitzlosen in beinah sklavischer Abhängigkeit hält.“ Vierzig Jahre später, Pius XI.: „… so ist doch die überwältigende Massenerscheinung des Proletariats gegenüber einem kleinen Kreise von Überreichen ein unwidersprechlicher Beweis dafür, daß die Erdengüter, die in unsrem Zeitalter der sogenannten Industrialisierung in so reicher Fülle erzeugt werden, nicht richtig verteilt und den verschiedenen gesellschaftlichen Klassen nicht entsprechend zugute gekommen sind.“

Warum diese Enzyklika?

Franziskus greift neue Erscheinungen des Kapitalismus auf und kritisiert sie: „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung … Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. … Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht ,Ausgebeutete‘, sondern Müll, ,Abfall‘.“

Dabei greift er auch „Mechanismen des herrschenden Systems“ an, wie die „Ideologie der absoluten Autonomie der Märkte“, Kriterien der Konkurrenzfähigkeit oder die Wegwerfkultur. Diese scharfe Kritik am Kapitalismus wird sicher auf viele ehrliche Christen wie eine Befreiung wirken. Sie haben die gleiche Kritik, aber die Kirche war mit sich selber beschäftigt. Franziskus behandelt auch Fragen der Migranten, Obdachlosen, Drogenabhängigen. „Tun wir nicht so, als sei alles in Ordnung!“ In der Frage des Schwangerschaftsabbruchs verharrt er dagegen im kirchlichen Dogma.

Die Kritik des Oberhaupts der katholischen Kirche wird mit einer Aufforderung verbunden: „Ein authentischer Glaube – der niemals bequem und individualistisch ist – schließt den tiefen Wunsch ein, die Welt zu verändern, Werte zu übermitteln, nach unserer Erdenwanderung etwas Besseres zu hinterlassen.“ Das kann zu einem breiteren Bündnis im Kampf gegen Ausbeutung, Unterdrückung, Zerstörung der natürlichen Umwelt und für eine bessere Welt führen.

Keine gesellschaftliche Alternative

Zugleich muss man sich der Begrenztheit der päpstlichen Weisungen klar sein. Ihr Hintergrund ist die seit 2008 bestehende Weltwirtschafts- und Finanzkrise, die zu einem internationalen Linkstrend geführt hat. Aus eigener Anschauung kennt der Papst aus Lateinamerika die verheerende Wirkung der Krise. Franziskus zitiert aus Bischofskonferenzen aus Lateinamerika, Asien und Afrika. Die Kirche bemerkt eine zunehmende Unglaubwürdigkeit, wenn sie sich dieser Probleme nicht annimmt, was Ausdruck des Linkstrends unter den Massen ist.

Die oben zitierten Vorgänger Leo XIII. und Pius XI. hatten sich – wie die meisten Päpste seit Aufkommen des Marxismus – offen gegen die Freiheitsideologie des Sozialismus gestellt. Leo griff die Kritik am Kapitalismus auf, um sich gegen die sozialistischen Ideen der Arbeiterklasse zu wenden. Pius XI. stellte Kapitalismus und Sozialismus auf eine Stufe, um den damals erfolgreichen sozialistischen Aufbau zu diskreditieren.

Franziskus dagegen versucht den Linkstrend aufzunehmen. Nachdem ihm vorgeworfen wurde, er vertrete „marxistische Ansichten“ erklärte er: „Die marxistische Ideologie ist gescheitert: Aber in meinem Leben habe ich viele menschlich gute Marxisten getroffen, und deshalb fühle ich mich nicht beleidigt.“ Das ist ein offensichtlicher Unterschied zu bisherigen Päpsten, die überwiegend glühende und aggressive Antikommunisten waren.

Sein Lösungsansatz bleibt aber beschränkt: „So lange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt … kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden.“ Kontrolle der Banken und Märkte? Unter dem Diktat von 500 internationalen Übermonopolen, die 42,3 Prozent des Weltsozialprodukts, etwa 50 Prozent des Welthandels und 90 Prozent der weltweiten Direktinvestitionen halten, bleiben solche „systemverändernden Reformen“ frommer Wunsch. Und die „Ungleichverteilung der Einkünfte“ ist ja gerade das Credo dieser kapitalistischen Verhältnisse und nicht ein Ausrutscher.

Viel Mystik

Papst Franziskus bezeichnet die Enzyklika „Evangelii Gaudium“ – obwohl sie gerade in der sozialen Frage für so viel Furore sorgt – nicht als soziale Enzyklika. Ihr Hauptzweck ist, eine „Kirche im Aufbruch“ zu schaffen, die in der Lage ist, weltweit zu missionieren, „um allen Völkern das Evangelium zu verkünden.“

Neben seiner zupackenden Art, die aus dem Leben schöpft, beinhaltet das Rundschreiben auch reinste Mystik: „Diese Gewissheit ist das, was ,Sinn für das Mysterium‘ genannt wird. Es bedeutet, mit Bestimmtheit zu wissen, dass sicher Frucht bringen wird, wer sich Gott aus Liebe darbringt und sich ihm hingibt. Diese Fruchtbarkeit ist oft nicht sichtbar, nicht greifbar und kann nicht gemessen werden. … ,Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes‘.“

Schon Heinrich Heine hat sich gegen solche Mystik gewandt:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,

O Freunde, will ich euch dichten!

Wir wollen hier auf Erden schon

Das Himmelreich errichten.

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