„Es ist an der Zeit, den Agrosprit-Wahnsinn zu stoppen“

„Es ist an der Zeit, den Agrosprit-Wahnsinn zu stoppen“

Professor Jean Ziegler 2010 bei einer Buchlesung in der „Horster Mitte“ in Gelsenkirchen, rf-foto

Am 12. Dezember wollen die Mitgliedstaaten der EU entscheiden, ob die europäische Gemeinschaft die Förderung des so­genannten „Biosprits“ fortsetzen wird. Die „Rote Fahne“ sprach dazu mit Professor Jean Ziegler. Er ist Autor des Buches „Wir lassen sie verhungern – Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“ und war langjähriger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.

Sie sind ein ausgewiesener Gegner des sogenannten „Biosprit“, warum?

Für die Nutzung von Agro­sprit werden Hunderte Millionen Tonnen an Grundnahrungsmitteln verbrannt. Ich nenne das ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Regierungen der EU und der USA haben die Agrarindustrie seit 2007 großzügig darin unterstützt, Autotanks mit Essen zu füllen – mit verbindlichen Zielen, Steuervergünstigungen und Subventionen, die sich auf Milliarden Dollar und Euro pro Jahr belaufen. Die Folge: Hunger, Landraub und Umweltschäden haben zugenommen, Hunderttausende Menschen­leben sind zerstört.

 

Wie reagiert die EU?

Die Signale, die die Regierung momentan aussendet, sind jedoch alarmierend. Deutschland setzt sich auf EU-Ebene dafür ein, die Menge an Agrosprit in der EU auszuweiten und die Förderung um zehn Jahre bis 2030 auszudehnen. Die Bundesregierung macht sich zum Söldner der Agroindustrie, die seit Monaten Sturm läuft gegen eine Begrenzung von Agrosprit. Die Regierung handelt auch gegen den Willen der eigenen Bevölkerung, die die Förderung der zerstörerischen Kraftstoffe mit großer Mehrheit ablehnt.

 

Sie verwenden bewusst nicht das Wort „Biosprit“?

Es ist paradox, dass Agrokraftstoffe noch immer von einigen transnationalen Konzernen als umweltfreundliche, nachhaltige Alternative zu fossilen Treibstoffen beworben werden. Außer denen, die unmittelbar von einer Agrosprit-Politik profitieren, glauben nur noch wenige an ökologische oder gar soziale Vorzüge dieser Kraftstoffe. Die Profitmaximierung durch Agrosprit ist eine der vielen Formen der rücksichtslosen Ausbeutung von Ressourcen. Um ein Beispiel zu geben: Für die Herstellung von einem einzigen Liter Agrosprit werden 2.500 Liter Wasser benötigt.

Was ist Ihr Fazit?

Die Verwendung von Agro­sprit hatte drei desaströse Folgen. Die erste ist die Zunahme des Hungers in der Welt. Fast alle Agrarkraftstoffe in Europa werden aus Nahrungspflanzen gemacht, die für die rasch ansteigende Weltbevölkerung essenzielle Nahrungsquellen sind – aus Weizen, Soja, Ölpalmen, Raps und Mais. Europa verbrennt in seinen Kraftstofftanks momentan so viele Kalorien, wie 100 Millionen Menschen für ihre Ernährung bräuchten.

Die zweite Folge ist die Zerstörung kleinbäuerlicher Betriebe. Flächenspekulanten, Hedge-Fonds und Agrar-Energiekonzerne bilden die Spitze eines neuen weltweiten Ansturms auf Land, der Hunderttausende Kleinbauern von ihren Feldern verdrängt, ihnen die Existenzgrundlage und die Wasserversorgung nimmt.

Die dritte Folge ist die Umweltzerstörung. Um die EU-Agrosprit-Vorgaben zu erfüllen, wird zusätzliche Ackerfläche in der Größe von Irland benötigt – abgeholzte Wälder, geplünderte Torfmoore und umgebrochenes Grünland sind die Folge. Durch den Einsatz von Düngemitteln, Landrodung und die Verdrängung anderer Feldfrüchte werden die Kohlenstoffdioxid-Emissionen nicht verringert. Millionen Tonnen zusätzliches Treibhausgas gelangen so in unsere Atmosphäre. Der Verbrauch fossiler Energieträger muss ohne Zweifel schleunigst reduziert werden. Die Lösung sind allerdings nicht die Agrarkraftstoffe. Die Lösung wäre ein geringerer Energieverbrauch sowie die Förderung öffentlicher Verkehrsmittel und alternativer, sauberer Energiequellen. Genug ist genug. Die Förderung von Agrokraftstoffen, die in Nahrungskonkurrenz stehen und die Umwelt zerstören, muss schnellstmöglich komplett abgeschafft werden.

Vielen Dank!

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