Sotschi, Katar, München – wo bleibt der Sport?

Am 10. November haben die Einwohner von München, Garmisch-Partenkirchen und zwei Landkreisen die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 abgelehnt. Dieses Votum richtet sich vor allem gegen die Unterwerfung des Spitzensports unter das Diktat des internationalen Finanzkapitals. SPD, CSU, FDP und Freie Wähler, Audi, BMW sowie die Unternehmerverbände hatten einträchtig für die Olympia-Bewerbung getrommelt – vergebens …

Ein Hauptargument der Gegner der Olympia-Bewerbung in Oberbayern ist der Umweltschutz. Für 17 Tage Olympia soll die Alpenlandschaft dauerhaft geschädigt werden. Das von den bürgerlichen Politikern zur Rechtfertigung eingesetzte penetrante „Greenwashing“ wird zu Recht abgelehnt.

Was am Sport begeistert …

Das bedeutet nicht, dass die Menschen in Deutschland etwa gegen Sport wären – im Gegenteil: Die Sportvereine in Deutschland haben 27,5 Millionen Mitglieder. Etwa zwei Millionen Menschen gehen wöchentlich in die Fußballstadien von Kreisklasse bis Bundesliga. Immer mehr Menschen halten sich mit Sport fit, als Ausgleich für Belastungen bei der Arbeit und in der ganzen Lebensweise. Sport ist darüber hinaus Massenkultur und Gemeinschaftserlebnis für Millionen. Große Sportereignisse wie Weltmeisterschaften oder Olympiaden werden von den Massen oft auch im Sinne der Völkerfreundschaft und länderübergreifenden Verbrüderung gefeiert.

Es ist einseitig, wenn manche Gegner vertreten, die Olympischen Spiele hätten „mit Sport nichts mehr zu tun“. Wenn das so einfach wäre, würde kaum jemand zuschauen. Auch bei Großveranstaltungen gibt es großartige Leistungen und spannende Wettkämpfe.

Profitables Geschäft

Die Sportbegeisterung der Menschen wird jedoch schamlos missbraucht. Da geht es zum einen um die Sponsoren und Werbepartner, die mit 27 Prozent für den größten Teil der zwei Milliarden Einnahmen der ersten Bundesliga stehen. Sie wollen das Ansehen des Spitzensports für den Absatz ihrer Waren nutzen, die oft gar nicht gesundheitsförderlich oder umweltfreundlich sind, wie z. B. BMW und Audi, Coca-Cola und McDonalds.

Dann sind da zum zweiten die großen Medien, die ihrerseits die Sportbegeisterung in Werbeeinnahmen ummünzen, wobei wir wieder bei den oben genannten Firmen sind. Die Medieneinnahmen machen 26 Prozent des Umsatzes der Bundesliga aus. Das Fernsehen diktiert heute maßgeblich, welcher Sport den Massen zugänglich wird, und bestimmt den Ablauf bis in die Spielregeln und Anfangszeiten von Sportereignissen.

Da sind zum dritten die internationalen Monopole, die Anlagemöglichkeiten für ihr überschüssiges Kapital suchen. Für sie kann ein Sportereignis gar nicht gigantisch genug sein. Siemens hat z. B. in Brasilien bereits Aufträge für eine Milliarde Euro für die WM an Land gezogen. In Katar liegen die geplanten Investitionen für die aberwitzige Wüsten-Weltmeisterschaft 2022 inzwischen bei knapp 40 Milliarden Euro. Die Planung der Bauten liegt in den Händen des deutschen Architekten-Büros Albert Speer. Schon dessen Vater hatte Großprojekte für Hitler entwickelt. In Sotschi mussten sämtliche Sportstätten für die Winterspiele sowie die Infrastruktur komplett neu gebaut werden – ein gigantischer Raubzug gegen die Umwelt für 39 Milliarden Euro. Auch für die WM in Brasilien wurden zirka 40 Milliarden Euro investiert.

Mächtige Interessen

Da gibt es viertens auch direkte Machtinteressen. Ein Trugbild von einem unpolitischen Sport außerhalb der Klassen soll vom Klassenkampf ablenken. Aggressionen soll man möglichst gegen andere Mannschaften oder Nationen lenken statt gegen das internationale Finanzkapital. Nicht nur bürgerliche Politiker sonnen sich gern im Glanz sportlicher Siege. Gezielt wird Sport auch für militaristische Propaganda missbraucht. Die Bundeswehr hat Hunderte von Spitzensportlern in „Sportfördergruppen“ zusammengefasst. Sie gewannen bei den Winterspielen in Vancouver 17 von 30 deutschen Medaillen, und Minister Guttenberg warb vor Ort für das Militär. Die Bundeswehr betreibt auch wehrmedizinische Forschungen über „sportlich-militärische Leistungsfähigkeit“ oder den „Einfluss von Ermüdung“. Sportliche Großveranstaltungen, angefangen von Bundesliga-Spielen, werden für Bürgerkriegsübungen genutzt. Deutsche Panzer und Drohnen sollen die WM in Brasilien und Katar „absichern“ helfen.

Und da sind zum fünften die großen Dachverbände des Sports selbst, die heute wie internationale Übermonopole agieren. Gerade das IOC oder die FIFA sind lupenreine Monopole, die im Interesse ihrer Werbepartner, der Industrie und ihrer eigenen Spitzenfunktionäre bis in die Gesetzgebung von Gastgeberländern hinein regieren. So musste z. B. Südafrika die Gesetze gegen Produktpiraterie verschärfen, damit der Absatz der Werbeartikel für die Fußball-WM 2010 ausreichend Profit bringt. Es hat sich gelohnt: Blatter & Co. haben 3,6 Milliarden Euro kassiert.

Deformierung des Sports

All diese Faktoren haben zu einer Deformierung des Sports geführt. Systematisches Doping ist nur ein Ausdruck davon. Das hat – trotz weiterhin großer Sportbegeisterung – eine wachsende Entfremdung der Massen vom imperialistisch geprägten Spitzensport gefördert, was sich auch im Abstimmungsergebnis von München ausdrückt. Es muss schon sehr viel passiert sein, wenn selbst im fußballbegeisterten Brasilien Revolten ausbrechen gegen die Finanzierung der Fußball-Weltmeisterschaft auf dem Rücken der Massen.

Neben den Massen, die die Kosten tragen sollen, sind auch viele Sportler Leidtragende dieser imperialistischen Sportpolitik. Damit ist nicht die winzige Minderheit der Schumacher, Vettel, Messi und Neymar gemeint, sondern die Leistungssportler in der dritten und vierten Reihe, besonders aber die Millionen Breitensportler. Sie leiden unter der finanziellen Notlage der Kommunen.

Es ist notwendig, um die Förderung des Breitensports zu kämpfen. Es wäre aber auch schade, wenn vor lauter Kritik an der imperialistischen Sportpolitik die Freude an schönem Fußball und anderen sportlichen Leistungen verloren ginge wie z. B. solchen: Der Franzose Robert Marchand bereitet sich zurzeit darauf vor, seinen eigenen Stunden-Weltrekord im Bahnradfahren von 24,251 Stundenkilometern auf über 25 Stundenkilometer in der Klasse Ü100 zu verbessern. Er ist 102 Jahre alt und hat mit 78 Jahren das Radsport-Training begonnen.

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