Für ein „sonniges“ kleinbürgerliches Denken im Namen des Kolonialismus

Zum 100. Geburtstag des Philosophen Albert Camus

Albert Camus, in Algerien geboren, wäre heuer am 7. November 100 Jahre alt geworden. 1957 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er avancierte zum Star-Intellektuellen in Frankreich, seine Bücher „Die Pest“, „Der Fremde“ und „Der Mythos des Sisyphos“ wurden Bestseller, bereits zu Lebzeiten wurde er zur Legende hochgepuscht. 1960 starb er bei einem Autounfall.

Zugegeben: Schreiben konnte er. In den 1960er Jahren war der sogenannte Existenzialismus als weltanschauliche Richtung groß in Mode. Man saß im schwarzen Rollkragenpullover im Café, im Mund eine Gauloise, in der Hand „Die Pest“, bezweifelte jeglichen Sinn des Lebens – und war „in“ bzw. „voll cool“, wie man heute sagen würde.

Anlässlich seines hundertsten Geburtstags wird Camus von den Feuilletons als Kronzeuge des modernen Antikommunismus gefeiert. Im Unterschied zu Sartre sei Camus nicht bereit gewesen, so die „ZEIT“ in ihrer Ausgabe vom 17. Oktober 2013, den „stalinistischen Terror“ hinzunehmen, „in der Hoffnung, dass ihre geschichtsphilosophischen Fantasien in ferner Zukunft in Erfüllung gingen“. Und weiter: … Wer ihn heute liebt, liebt in noch immer nicht für seine Antworten, sondern für seine Klarheit und seine kompromisslose Haltung, mit der es aushält, dass es keine Antworten gibt.“

Jean Paul Sartre kritisierte diese Haltung, die Camus mit seinem Buch „Der Mensch in der Revolte“ vollends ausformuliert hatte. Camus lehnte darin jeden Einsatz für, ja jeden Gedanken an den gesellschaftlichen Fortschritt ab. Das führte zum Bruch zwischen den beiden bis dahin befreundeten Existenzialisten.

Sartre ließ sich den Gedanken an eine von imperialistischer Ausbeutung und Unterdrückung befreite Gesellschaft nicht nehmen, obwohl auch er von der antikommunistischen Hetze gegen die damals noch sozialistische Sowjetunion beeinflusst war.

Der moderne Antikommunismus strickt sich jedoch seine Staatsreligion ungestört von den Tatsachen zusammen und die „ZEIT“ spielt sich zum Richter über die Weltgeschichte auf: „Die Geschichte hat dann aber Camus recht gegeben …“.

Der einzig erkennbare Beweis dieses angeblichen „Sieges“ von Camus ist sein Verdienst um die Propagierung der Hoffnungslosigkeit, des Defaitismus, und der Ablehnung des proletarischen Befreiungskampfs und des dialektischen Materialismus.

Wer gibt da wem recht und warum?

Sartre war Antiimperialist. So trat er für den Befreiungskampf des algerischen und des vietnamesischen Volkes gegen die kolonialistische Unterdrückung ein.

Camus wandte sich scheinheilig gegen Gewalt in der sozialistischen Sowjetunion. Bei allen Fehlern, die beim Aufbau des ersten sozialistischen Landes der Welt passierten und die die MLPD in ihrer Linie aufgearbeitet hat, um Schlussfolgerungen für den Aufbau des Sozialismus zu ziehen, war das in der Hauptseite eine Gewalt, die die Diktatur des Proletariats ausüben musste, um sich gegen die Konterrevolution zu verteidigen.

Weniger Probleme hatte unser feinfühliger Schriftsteller Camus dagegen offensichtlich mit der Gewaltherrschaft des französischen Imperialismus. Er sprach Algerien das Recht auf nationale Unabhängigkeit ab.

Ein Algerien ohne Franzosen konnte er sich ein Leben lang nicht vorstellen. Als der Algerienkrieg ausbrach, war das die schlimmste politische Katastrophe seines Lebens. Camus kämpfte für eine arabisch-französische Konföderation … . Er warb für ein sonniges mittelmeerisches Denken – eine Art Gegengift für die Wachstumsideologien und die Maßlosigkeiten Europas“. (ebd.)

Für das eigene sonnige kleinbürgerliche Lebensgefühl den Kolonialismus rechtfertigen – tiefer kann man politisch und weltanschaulich kaum sinken.

Camus lehnte den Sozialismus ab, Sartre sympathisierte mit ihm, insbesondere wenn sich seine Ausstrahlungskraft entfaltete wie mit den Erfolgen im China Mao Zedongs. Marxist-Leninist wurde er nicht, auch wenn er mit der Kulturrevolution sympathisierte. Man muss ihm zugute halten, dass gerade in Frankreich die Situation kompliziert war. Auf der einen Seite der massive Antikommunismus mit dem Kampfbegriff des ‚Stalinismus‘. Auf der anderen Seite entwickelte die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) sofort nach dem II. Weltkrieg eine revisionistische Politik und trug zum Teil als Regierungspartei die Verbrechen des französischen Imperialismus am Kampf um nationale und soziale Befreiung mit.

Bis heute ist die mangelnde Aufarbeitung dieser Entwicklung ein Hindernis im Aufbau einer marxistisch-leninistischen Partei in Frankreich und Nährboden eines recht starken trotzkistischen Einflusses. Auch als sich in Frankreich 1968 eine revolutionäre Situation herausbildete, war die Sympathie für die Kulturrevolution von einer kleinbürgerlichen Strömung überlagert. Sie war nicht in der Lage, aus der Entartung ehemals kommunistischer Parteien Schlussfolgerungen für den Neuaufbau einer Partei auf Grundlage der proletarischen Denkweise zu ziehen, sondern betete die spontane Massenbewegung an.

Der Existenzialismus entstand als Ausdruck der Krise der bürgerlichen Ideologie. Seine Anhänger gehörten jedoch verschiedenen politischen Strömungen an. Wenn die „ZEIT“ Camus zum Sieger in diesem Richtungsstreit erklärt und aufs Podest stellt, hat das einen einfachen Grund.

Angesichts der Tatsache, dass es den Herrschenden nicht mehr gelingt, eine positive Bindung der Menschen an ihr kapitalistisches Gesellschaftssystem herzustellen, gefällt ihnen die Botschaft der politisch offen reaktionären Strömung des Existenzialismus. Sie besagt, dass dem Menschen nichts anderes bleibt, als in seinem Elend zu verharren, das ihm die Schriftsteller literarisch gestalten.

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