Proben und Zensuren, Dauerstress für den Familienfrieden – muss das sein?

München (Korrespondenz): Nachdem die ersten Wochen Schule ins Land gezogen sind, fängt die Zeit der Klassenarbeiten, der Proben an. Damit ist häufig die anfängliche Vorfreude auf die Schule bei vielen Kindern dahin geschmolzen. Konkurrenzdruck macht sich breit, die Aufteilung in gute und schlechte Schüler, ein Vorgang, der auch von den Kindern selbst verinnerlicht wird.
Doch hat die Notengebung mit dem tatsächlichen Leistungsstand der Kinder wenig zu tun. Sie ist ein System der Selektion. Eine ausgeklügelte Punktevergabe mit „Einserbremse“ stellt gar keine wirkliche Leistungsmessung dar. „Erbsensortieranlage“ nennt der Neurobiologe Gerald Hüther dieses System, bei dem zu viele Kinder nach unten durchfallen. Den Lehrerinnen und Lehrern ist vorgegeben, der „natürlichen“ Leistungsverteilung zu folgen, bei der immer ein entsprechender Dreier- bis Vierer-Schnitt herauskommen muss. Dabei liegen nur wenige Punkte zwischen den Noten eins und vier.

Für die betroffenen Kinder aber hat das fatale Folgen. Schlechte Noten wirken oft destruktiv. Der Spaß am Lernen weicht dann dem Frust und dem zersetzten Selbstvertrauen. Hausaufgaben zu machen, auf Schulaufgaben zu pauken, Lernrückstände auszugleichen – all das transportiert einen nervenaufreibenden Kleinkrieg in das Familienleben: „Warum hast du deine Hausaufgaben nicht gemacht, warum wieder diese Note, warum bist du so schlecht?“ Die ganze Situation kann eine richtige Vertrauenskrise zwischen Eltern und Kindern auslösen: „Meine Eltern lieben mich nicht, wenn ich keine guten Noten schreibe.“

Die Schuld für ungerechte Benotung wird häufig auch bei den Lehrern gesucht. Dabei können wir zweierlei feststellen. Viele Lehrer sind bemüht, den Unterricht lebendig zu gestalten, auch auf Lernschwierigkeiten einzugehen, können aber selber aus dem Korsett dieses Notensystems nicht ausbrechen.

Das ganze Schulsystem ist auf Selektion ausgerichtet und produziert mit einem ganzen Katalog von Lernzielkontrollen den ständigen Stress. Mehr noch, es beruht auf der grundlegenden Trennung von Theorie und Praxis. Gefragt ist schnelles Auswendiglernen, die Fähigkeit, zum Zeitpunkt der Probe das Gelernte wiederzugeben. Schon nach der Leistungsmessung wird das mühsam Gelernte häufig wertlos. Anpassungsfähigkeit wird mehr gefordert als Grundfertigkeiten zu fördern.

Die eigene Erkundung, das Experimentieren, Erforschen oder gar Produzieren ist selten Teil des Unterrichts. Es bleibt ja gar nicht die Zeit dazu. Natürlich darf man das engagierte Bemühen vieler Lehrer nicht außer Acht lassen, die selbst mit dem Schulbetrieb nicht zufrieden sind und zugleich mit ihren Initiativen dafür sorgen, dass Lernfreude und Erleben in die Schule kommt. Trotzdem machen die Kinder die praktischen Erfahrungen häufig gestützt auf Eltern oder Nachmittagsbetreuung, im Sportverein, beim VHS-Kurs oder im privaten Musikunterricht.

Warum, fragt man sich, kann Schule nicht ein komplexer Lernort sein, an dem die Entwicklung der Fähigkeiten aller Kinder im Mittelpunkt steht, anstatt den Kindern die größten Chancen zu geben, die am besten mit dem Lerndruck fertig werden? Vor allem, eine Schule, in der Theorie und Praxis verbunden werden. Gemeinsames Kochen, Musik, Tanz, Theater, wissenschaftliches Experiment, Erkundungen müssten zur alltäglichen Unterrichtsgestaltung gehören.

Beispielsweise könnte die ganze Bewirtschaftung einer Schule bis hin zu Sauberkeit und Ordnung in die Mitverantwortung der Schüler gelegt werden. Die Versorgung einer Schule mit Essen hat sehr viel mit Mathematik zu tun, die hier den Schülern veranschaulicht, einen ganz anderen praktischen Bezug bekäme.

Gesundes Essen wäre nicht nur eine moralische Größe, die mit dem erhobenen Zeigefinger angemahnt wird. Sowohl in der Theorie unterrichtet, könnte dies in Labors chemisch und biologisch untersucht, neue Rezepturen könnten entwickelt und in der Schulküche praktisch umgesetzt werden. Im angrenzenden Schulgarten könnten Gemüse und Obst gezogen werden. Warum sollte eine Schule nicht auch Produktionsstätte sein? Nicht, um die Arbeitskraft der Kinder auszubeuten, sondern ihrem Wunsch nach Nützlichkeit zu entsprechen, sie umfassend auszubilden und ihr Potenzial für die Gesellschaft zu entfalten.

So eine Schule kann nur der Sozialismus verwirklichen, wo die Entwicklung der Kinder als zukünftige Gestalter der Gesellschaft im Mittelpunkt steht und nicht Selektion, Elitenbildung und ansonsten Magerkost für die breite Masse. Vor allem setzt so eine Herausforderung an die Kinder ganz andere Kräfte und Initiativen frei. Für die Höherentwicklung einer befreiten Gesellschaft ist das grundsätzliche Bedingung.

Nichtsdestotrotz muss schon heute eine kostenlose, gründliche Schulbildung aller Kinder eingefordert werden.

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