Was sind die Ursachen für die Krise in der europäischen Stahlindustrie?

Auch wenn das vor der Bundestagswahl nicht an die große Glocke gehängt werden soll: die europäische Stahlindustrie ist in eine tiefe Krise geraten – zigtausende von Arbeitsplätzen stehen auf der Abschussliste. Die Stahlindustrie ist als Grundstoffindustrie schon oft ein Frühindikator für die weitere wirtschaftliche Entwicklung gewesen.
Während insbesondere in China die Stahlindustrie boomte, ging sie in Europa in die Knie. Die Stahlproduktion der Europäischen Union lag im Jahr 2000 noch bei 22,8 Prozent der Weltproduktion. Bis 2012 hat sie sich auf 11,2 Prozent glatt halbiert. Von ihrem Höchststand von 209,7 Millionen Tonnen im Vorkrisenjahr 2007 stürzte sie im Jahr 2009 auf 138,8 Millionen Tonnen ab. Das ist ein Einbruch von 33,8 Prozent. Nach einer leichten Erholung im Jahr 2010 geht die europäische Stahlproduktion seitdem schon wieder zurück (siehe Schaubild), ohne Aussicht, ihren früheren Höchststand wieder zu erreichen.
Diese Entwicklung setzt den europäischen Stahlkonzernen heftig zu. Sie hatten nicht mit einer so tiefen und lang anhaltenden Krise gerechnet. Das Flaggschiff der deutschen Stahlindustrie, ThyssenKrupp, wollte mit der Investition von 12 Milliarden Euro für den Bau von zwei großen Stahlwerken in Brasilien und Alabama/USA den Anschluss an die führenden Stahlkonzerne auf der Welt wieder herstellen. Die Spekulation auf einen wachsenden Marktanteil in diesen Ländern und die Erzielung von Monopolpreisen ging jedoch nicht auf.
Die reformistische IG-Metall-Führung versucht nun krampfhaft, ein „Missmanagement“ des Vorstands für diese Pleite verantwortlich zu machen. Zweifellos hat der Vorstand in der Gier nach Profit haarsträubende Fehlentscheidungen getroffen, z. B. die Kokerei durch einen möglichst billigen chinesischen Anbieter erstellen zu lassen, statt durch die eigene Anlagentochter Uhde. Die Folge: die Kokerei musste komplett abgerissen und neu gebaut werden. Der Vorstand von ThyssenKrupp folgte bei seinen Entscheidungen jedoch dem Zwang, den Weltmarktanteil des Konzerns auszubauen, um Maximalprofite zu erzielen. Damit ist er gescheitert. Die tiefe Weltwirtschafts- und Finanzkrise machte ihm einen Strich durch die Rechnung.
Die Stahlindustrie selber hat wiederum einen anderen Grund für die Stahlkrise ausfindig gemacht. Es sind die angeblich zu hohen Belastungen durch Umweltschutzvorschriften, die die europäische Stahlindustrie belasten. In einer Pressemitteilung der Wirtschaftsvereinigung Stahl vom 6. September zu einem verbesserten Emissionshandel für die Stahlindustrie heißt es: „Auch die Bundesregierung muss sich hierfür einsetzen, um Schaden von unserem Standort abzuwenden“. Von der umweltpolitischen Skrupellosigkeit abgesehen, wird hier mehr oder weniger offen gedroht, Werke in Europa zu schließen.
ThyssenKrupp verfolgt in Wahrheit in der Krise den Kurs, sich schrittweise aus dem Stahlbereich herauszulösen, um sich auf die gegenwärtig profitableren Bereiche Aufzugsbau, Kriegsschiffe usw. zu konzentrieren. Schon ist davon die Rede, nach dem Verkauf des Edelstahlgeschäfts an Outokumpu auch den gesamten Massenstahlbereich abzustoßen. Das bedeutet eine unsichere Zukunft für die 27.609 Beschäftigten zum 30. Juni 2013 im Massenstahlbereich und ein Anwachsen der Arbeitslosigkeit vor allem an Rhein und Ruhr. Zumal der Konzern schon angekündigt hat, 2.000 Stahlarbeitsplätze zu vernichten. 1.800 Arbeiter wollen sie mit dem Verkauf verschiedener Werke abschieben. Geplant ist, das Blechwalzwerk in Neuwied, das für Opel in Bochum produziert, zu schließen usw.
Stilllegungs- und Entlassungspläne verfolgen auch die Konkurrenten wie ArcelorMittal, Salzgitter usw. Angesichts von 360.000 gut organisierten Stahlarbeitern in der EU, flächendeckend verteilt auf 500 Produktionsanlagen in 23 Ländern, versuchen die Regierungen und Konzerne einen Flächenbrand zu vermeiden. Dazu hat die EU-Kommission am 11.6.2013 einen „Aktionsplan für eine wettbewerbsfähige und nachhaltige Stahlindustrie in Europa“ vorgelegt.
Die EU will die Stahlindustrie erheblich verkleinern und spricht von „Überkapazitäten“ in Höhe von 80 Millionen Tonnen. Sie will darauf jedoch aus strategischen Gründen nicht verzichten: „Ein starker und wettbewerbsfähiger Stahlsektor ist für die industrielle Basis Europas von zentraler Bedeutung.“ Die einkalkulierte drastische Arbeitsplatzvernichtung soll durch Absprachen mit der rechten Gewerkschaftsführung und den Regierungen „abgemildert“ werden, um Streiks zu vermeiden, die sich zu konzern- oder länderübergreifenden Kämpfen entwickeln könnten. Diese Rechnung wurde aber ohne den Wirt gemacht.

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