„Niemals habe ich eine so siegesgewisse Bevölkerung gesehen“

Kassel (Korrespondenz): Am 3. 7. 1941 hielt Stalin im Moskauer Rundfunk seine bekannte Rede an das sowjetische Volk. Sie begann mit den Worten: „Genossen, Bürger, Brüder und Schwestern! Kämpfer unserer Armee und Flotte! Ich wende mich an Euch, meine Freunde“.1 Über diese Rede und Stalins Verhalten zu Kriegsbeginn sind die absurdesten Geschichten im Umlauf.

Diese Rede sei Stalins schlechteste Rede gewesen, so Wolfgang Leonhard, bekannter antikommunistischer Stichwortgeber.2 Stalin hätte den Eindruck gemacht, als ob er den Glauben an den Sieg verloren hätte. Andere behaupten, Stalin hätte sich erst nach ständigem Drängen von Mitgliedern des Politbüros endlich elf Tage nach dem Überfall der Wehrmacht selbst an das Volk gewandt. Bis dahin hätte er sich in seiner Datsche in Kunzewo bei Moskau versteckt.

Die Rede Stalins hatte eine große mobilisierende Wirkung auf die sowjetische Bevölkerung. Selbst der ZDF-Geschichtenerzähler Guido Knopp muss in seinem Film „Stalin, der Kriegsherr“ zugeben, dass Stalin mit ihr „die Gemüter erreicht“3 hat. Der Dichter Konstantin Simonow schreibt:

Beim Lesen der Stalinrede vom 3. Juli hatte ich das Gefühl, dass sie nichts verhehlte, nichts bemäntelte, dass sie dem Volk die volle Wahrheit sagte (…) Die Anrede ‚… meine Freunde!‘ sprach an und ging sehr zu Herzen. (…) Wir hockten im Wald, hin und wieder brummten Flugzeuge über unsere Köpfe hinweg. (…), nach dieser Rede hatte ich das Gefühl, ich müsse vom Fleck losziehen, um zu kämpfen und, wenn nötig, zu sterben, dass ich mich, … nicht ergeben würde, solange Leben in mir war. So fühlte ich damals….“4

Eine Arbeiterin der „Kalibr-Werke“ in Moskau erzählte 1949:

Uns allen war damals das Herz schwer. Jeder Tag brachte neue Hiobsbotschaften. (…) Da – am 3. Juli 1941, ich werde den Tag nicht vergessen – sprach Stalin über den Rundfunk. Er machte uns nichts vor; er sagte uns, dass die Lage sehr, sehr ernst sei, dass noch lange und schwere Kämpfe bevorständen. Aber Stalin – er sprach langsam und ruhig – bewies uns auch, dass am Ende des Krieges (…) nur das vollständige Fiasko der Hitlerfaschisten und der Sieg unserer gerechten Sache stehen konnte. Am Abend dieses Tages legte ich mich zum ersten Mal seit dem Überfall (…) ohne die quälenden Sorgen schlafen.“5

Dass Stalin erst am 3. Juli diese Rede gehalten hat, muss man sich so erklären, dass er sich in der schwierigen Anfangsphase des Krieges selbst erst einmal im Klaren werden musste über die Entwicklung und die sich daraus ergebenden Aufgaben. Es zeichnete sich ab, dass ein langwieriger Krieg bevorstand und die Sowjetunion alle Kräfte mobilisieren musste, um die Wehrmacht besiegen zu können. Außerdem mussten in den ersten Tagen eine Vielzahl riesiger Aufgaben gelöst werden. Das Hauptquartier wurde gebildet, in dem Stalin anfangs Mitglied und später als Oberster Befehlshaber tätig war. Am 30. 6. 1941 wurde das staatliche Verteidigungskomitee unter Vorsitz von Stalin eingerichtet. Wenige Tage nach Kriegsbeginn entstand der Evakuierungsrat, der die Verlagerung der Industrie aus den Westgebieten organisierte.

Stalins Rede war ein Aufruf an die sowjetische Bevölkerung, die gesamte Tätigkeit auf den Krieg umzustellen. Sie stellte die Bevölkerung ein auf den Widerstand gegen die faschistische Wehrmacht. Stalin spricht vom „großen Vaterländischen Krieg“, um seinen Charakter als Volkskrieg zu kennzeichnen. Es gehe „um Leben und Tod des Sowjetstaates, um Leben oder Tod der Völker der Sowjetunion. Es geht darum, ob die Völker der Sowjetunion frei sein oder in die Versklavung geraten sollen.“ Jeder Sowjetbürger müsse „die ganze Größe der Gefahr erkennen, die unserem Land droht“. Die Rede endete mit dem Aufruf: „Alle Kräfte des Volkes – für die Zerschmetterung des Feindes! Vorwärts zu unserem Sieg!6

Die Übereinstimmung in den Zielen zwischen der Kommunistischen Partei und den Völkern der Sowjetunion drückte sich in einem beispiellosen Massenheroismus und größter Opferbereitschaft aus.

Der Herausgeber der amerikanischen Zeitung „P. M.“, Ralph Ingersoll, schickte am 22. 9. 41 einen Bericht an die „Baseler Nationalzeitung“:

Es ist meine feste Überzeugung, dass Russland nicht geschlagen werden kann. Zu dieser Auffassung bin ich gekommen, nachdem es mir möglich war, völlig frei und ungehindert mehrwöchige Studien in vielen Teilen der Sowjetunion abzuschließen. Die Moral des russischen Volkes ist unvergleichlich hoch und die Vaterlandsliebe und Opferwilligkeit kennt weder politische noch rassische, noch irgendwelche religiösen Grenzen. Hierin liegt meiner Meinung nach das Geheimnis des unvorstellbaren Mutes der russischen Armeen.“7

Auch heute noch wird behauptet, die Rote Armee wäre kopflos gewesen und hätte zu Beginn des Krieges nur Niederlagen einstecken müssen. Tatsächlich waren die Nazi-Generale von Beginn an vom hartnäckigen Widerstand der Soldaten und Offiziere der Roten Armee völlig überrascht.

Das sowjetische Volk hat viele Beispiele von selbstlosem Einsatz hervorgebracht. Die Arbeiter der Moskauer Fabriken und in allen anderen Fabriken verließen in den Wochen, in denen die Wehrmacht auf Moskau marschierte und Leningrad eingeschlossen wurde, tagelang ihren Arbeitsplatz nicht. Sie produzierten ein Vielfaches der sonst üblichen Menge an Kriegsgerät.

Sir Stafford Cripps, britischer Botschafter, sagte auf einer Versammlung im Januar 1942 in London: „Die Moral, sowohl der kämpfenden Verbände als auch der Zivilbevölkerung, ist höher denn je zuvor. Niemals in meinem Leben habe ich eine so siegesgewisse Bevölkerung gesehen.“8

 

Quellen:

1/6 Rundfunkrede. Stalin: Über den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion. Dietz 1951, S. 5 oder Stalin, Werke, Bd. 14, S. 236 ff

2/3 Stalin als Feldherr. ZDF-Dokumentation von Guido Knopp

4 K. Simonow: Kriegstagebücher, Bd. 1 Verlag Volk und Wissen, S. 79

5 H. Gessner: Stalins Schriften. Ein Maximum an Popularität und Schlichtheit, Dietz 1952, S. 8

7 Max Seydewitz: Die große Kraft, Kongress-Verlag Berlin 1961, S. 71

8 Max Seydewitz a.a.O, S. 83

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