Wie extremistisch ist der Räuber Hotzenplotz?

Am 18. Februar diesen Jahres verstarb der große Kinderbuchautor Otfried Preußler. Er hinterlässt eine Vielfalt von Geschichten, zu den bekanntesten zählen „Krabat“, „Räuber Hotzenplotz“, „Die kleine Hexe“, „Das kleine Gespenst“. Mehrfach wurden seine Bücher mit Kinder- und Jugendbuchpreisen ausgezeichnet. In letzter Zeit begann eine ätzende Durchforstung seiner Bücher nach Wörtern unter scheinbar fortschrittlicher Motivation. Ein Ausgangspunkt der modernen Hexenjagd ist Familienministerin Kristina Schröder. Schröder ist wie auch Friede Springer und Erika Steinbach Mitglied der Selbstständigen Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK) – reiner Zufall? Alle drei eint ihr aggressiver Antikommunismus. Schröders Ministerium gibt Unsummen für den Kampf gegen eine angeblichen Linksextremismus aus. Aber sie vergreifen sich auch an der Kinderliteratur. Zum Abschied von Otfried Preußler erreichte uns dieser Brief an ihn:

Lieber Otfried Preußler,
ich möchte dir danken, für die vielen herrlichen Geschichten. Wie ein Zauber drangen sie in die Welt der Kinder vor und verhalfen ihnen, ihre eigene Kleinheit und Ohnmacht gegenüber der Erwachsenenwelt zu überwinden.

Wie schön das Leuchten in ihren Augen und ihr Lachen, wenn deine Gestalten mit Witz und List sich gegen scheinbar unbezwingbare Mächte durchsetzen konnten.
Und jetzt das. Ausgerechnet dir, der du so ein Menschenfreund warst, so ein Versteher ihrer Schwäche und sie mit deiner Fantasie bereichert hast, Schwäche in Stärke zu verwandeln, ausgerechnet dir unterstellt man Rassismus und Sexismus, der von nun an auszumerzen sei.

Dabei hat man dich schon früher nicht in Ruhe gelassen. Hexen und Zauberer seien Vertreter des Okkultismus und deshalb deine Bücher in bayrischen Schulen nicht zuzulassen. Kläglich zerbröselte damals dieser Versuch der Zensur und deiner Diskreditierung.

Wie herrlich hast du den Vorwurf des Okkultismus pariert: Schon deine Vorfahren seien Zauberer gewesen. Es gäbe eine schwarze, dem Menschen schadende Magie und eine weiße, mit der man Gutes bewirkt. Und verschmitzt nanntest du dich einen Weißmagier! Otfried, das war zuviel. Die Literatur wird durchforstet werden und nach Astrid Lindgren warst du an der Reihe. Unter dem Mantel der Emanzipation werden nun die „Neger“ aus deinen Büchern gestrichen. „Wichsen“ (Schuhe polieren) hattest du natürlich obszön gemeint! Man zielt nicht auf Worte, man zielt auf deine Botschaften.

Seit Karl Marx vom Gespenst des Kommunismus gesprochen hat, durchzuckt die Herrschenden der Schrecken, wenn es um Gespenster geht. Und sei es nur dein kleines Gespenst. Dieses Gespenst mit seinen ausgerechnet dreizehn Schlüsseln am Bund, die es nur zu schütteln braucht, um seine Welt zu verwandeln. Es ist diese Idee der Veränderung, die ihnen so unerträglich ist. Diese Idee, an die man sich auch als Erwachsener erinnert und sich fragt: Was sind denn die Schlüssel zur Veränderung?

Nein, du stehst nicht im Verdacht des Kommunismus, aber der zauberhaften Grenzüberschreitung der gesellschaftlichen Zwänge. Es mag den dumpfreaktionären Kreisen auch weh tun, wenn ihr Wachtmeister Dimpflmoser sich stets zu dumm anstellt, den Räuber Hotzenplotz zu stellen. Gibt es da vielleicht ein Modell in der Realität?
Und die kleine Hexe, die so gerne mit den „Großen“ auf dem Blocksberg tanzen möchte in der Wallpurgisnacht. Sie macht es immer verkehrt, weil man dazu Böses tun muss, was ihr einfach nicht gelingt. Diese Botschaft an die Kinder, sich nicht korrumpieren zu lassen von der Ideologie der Herrschenden, dem Fressen und Gefressen werden. Diese Botschaft, sich den kindlichen Gerechtigkeitssinn zu bewahren.
Otfried, hat dich die Zensur deines Verlages so erschreckt, dass du dich verabschiedet hast? „Kauft die alten Auflagen Leute“, möchte man sagen. Bewahrt sie in euren Regalen und lest sie euren Kindern vor, mitsamt dem Neger und dem Wichsen. Schon bisher ist davon kein Kind Rassist oder Sexist geworden. Jetzt werden die Krokodilstränen fließen und die Sonntagsreden gehalten auf dich, Otfried. Rabe Abraxas, zwick sie in ihre verlogenen Mäuler, lass Holzscheite regnen, kleine Hexe und kleines Gespenst, schüttle kräftig deinen Schlüsselbund, wenn sie sich deinem Erfinder nähern wollen. Lass die Falltüre aufgehen, dass sie alle hineinfallen und vom Cyprinus und dem kleinen Wassermann in den Abgrund gezogen werden. Da wo sie hingehören! Sei getröstet Otfried, deine Bücher jedenfalls werden diese verlogene Bagage, diese Kristina Schröders und Friede Springers überdauern. Deine Märchenwelt wird noch vieler Kinder Fantasie beflügeln, weltweit.


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