Der Kampf der Unsichtbaren

Die „Rote Fahne“ sprach mit Sebastian Zöppel. Der Gewerkschaftssekretär der IG BAU im Bezirk Bochum-Dortmund ist 28 Jahre alt. Er steht mitten in der Tarifauseinandersetzung für Gebäudereiniger.

Bitte erkläre doch unseren Lesern kurz, worum es euch geht?

Die IG BAU fordert in der laufenden Tarifbewegung für die unterste Entgeltgruppe, die gleichzeitig den Branchenmindestlohn definiert, ein Plus von 70 Cent im Westen. Und in einem zweiten Schritt weitere
65 Cent bei einer Laufzeit von insgesamt 24 Monaten. Die Löhne im Osten sollen zunächst auf 88 Prozent des Westlohns steigen und in einer weiteren Stufe auf 92 Prozent angehoben werden. Eine Angleichung Ost-West wurde in der letzten Tarifrunde vereinbart. Die Tarife der übrigen Lohngruppen (z.B. für Objektleiter und andere Tätigkeiten) sollen entsprechend der Cent-Erhöhung angepasst werden. Bereits 2011 hatte die IG BAU mit den Arbeitgebern vereinbart, dass spätestens 2019 kein Unterschied in der Bezahlung Ost-West mehr existiert. Es mag zuerst nicht viel klingen, was wir hier fordern. Aber es zeigt sich, dass immer mehr Frauen und auch Männer aus der Gebäudereinigung hinter unserer Forderung stehen. Die Gebäudereinigung ist der Sektor, der seit Jahren einen wachsenden Organisationsgrad verzeichnet. Darüber hinaus strebt unsere Gewerkschaft den Ausbau der tariflichen Altersvorsorge an.

Bekanntlich arbeitet ein großer Anteil Frauen in diesem Bereich. Gibt es dadurch Besonderheiten?

In der Gebäudereinigung sind ca. drei Viertel der Beschäftigten Frauen. Es sind vor allem die einfachen Arbeiterinnen sowie Vorarbeiterinnen und Objektleiterinnen. In der Führung finden sich hingegen mehr Männer. Das ist aber von Objekt zu Objekt ganz verschieden. Besonderheiten finden sich vor allem in der Branchenstruktur, die sehr fragmentiert ist. Im Gegensatz zur Industrie findet man im Gebäudereinigungshandwerk genau wie in vielen anderen Handwerksbereichen selten viele Kolleginnen und Kollegen an einem Ort vor (wie z.B. bei Opel in Bochum). Die betriebliche Realität sieht leider so aus, dass sich viele Menschen auf ganz viele Objekte verteilen und das über eine wirklich große Fläche. Wir haben in der Gebäudereinigung zwar viele große Unternehmen, aber sie haben eine dezentrale (meistens nach „Divisionen“ gegliederte) Struktur und die Belegschaft ist aufgesplittet in sehr kleine Kolonnen. Das macht eine Organisierung und Vernetzung extrem zeit- und materialaufwendig. Hinzu kommen zum Teil Sprachbarrieren und kulturelle Besonderheiten. Als Beispiel sei gesagt, dass ich als deutscher Mann zum Teil Schwierigkeiten habe, mit türkischen Frauen ins Gespräch zu kommen, die eine patriarchale Lebensstruktur gewohnt sind. Wenn dann noch sprachliche Probleme vorkommen, wird es sehr schwer, das Bewusstsein der Kolleginnen und Kollegen für ihre Situation zu sensibilisieren. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass es zwar schwierig ist, aber nicht unmöglich, in solch einem prekären Sektor etwas zu ändern! Der Gebäudereiniger-Streik im Jahr 2009 hat dies bewiesen. Er war der erste bundesweit geführte Arbeitskampf dieser Branche!

Wie könnt ihr unterstützt werden?

Unterstützung kann vor allem von den Beschäftigten der Objekte, die gereinigt werden, kommen. So werden in Schulen, Krankenhäusern, öffentlichen Gebäuden oder Großbetrieben meist externe Reinigungsunternehmen aus dem Gebäudereinigungshandwerk eingesetzt. Hier können die jeweiligen betrieblichen Strukturen wie Vertrauensleute, Betriebsräte und/oder Betriebsgruppen der Objekte die Organisierung und Aufbau von Widerstand erheblich erleichtern. Als Beispiel sei hier Volkswagen in Kassel zu nennen, wo in 2009 der Betriebsrat von VW Druck auf ein externes Gebäudereinigungsunternehmen ausgeübt hat und damit den dort kämpfenden Frauen den Rücken gedeckt hat. Hilfe kann es aber auch bei Übersetzungen oder als Dolmetscher geben. Die Migrantenorganisation DIDF hat uns in diesem Fall stark unterstützt. Darüber hinaus ist moralische Unterstützung immer wichtig. Denn viele Gebäudereiniger sehen sich als die „Unsichtbaren“. Auf ihre Lage und ihren Kampf öffentlich aufmerksam zu machen, sich mit ihnen zu solidarisieren und in den Objekten, in denen man arbeitet, den Frauen Mut zu machen, ist ganz wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die dritte Verhandlungsrunde findet am 29. Mai 2013 in Frankfurt am Main statt.

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