„Die bessere Brigade gibt beste Kollegen in eine zurückgebliebene …

Bergarbeiter setzten sich in den Aufbaujahren der DDR für die Steigerung der Arbeitsproduktivität ein

Die hoffungsvollen Anfänge eines sozialistischen Aufbaus in der ehemaligen DDR bis 1965 waren eng verknüpft mit der damaligen Aktivistenbewegung im Bergbau. Kommunistische Bergleute erreichten durch bessere Arbeitsorganisation eine erhebliche Übererfüllung der Produktionsnormen. Ihre Triebkraft war nicht der persönliche Vorteil oder Ruhm, sondern der Beitrag zur Höherentwicklung des antifaschistisch-demokratischen Aufbaus. Dabei wurde allerdings die Auseinandersetzung um die Höherentwicklung des sozialistischen Bewusstseins unter der Masse der Arbeiter vernachlässigt. Mit der revisionistischen Entartung der DDR in Folge des XX. Parteitags der Kommunistischen Partei der Sowjetunion 1956 wurde das sozialistische Bewusstsein Schritt für Schritt durch das Prinzip des Gewinnstrebens und des materiellen Anreizes zersetzt.

Die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Wiederaufbau in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR waren sehr unterschiedlich zu denen im Westen. Nur etwa 30 Prozent des gesamtdeutschen Industriepotenzials hatte in der sowjetischen Zone seinen Standort. Durch den Krieg waren davon 45 Prozent zerstört worden. Nur ein Drittel einer gewachsenen nationalen Wirtschaft stand zur Verfügung.

Henneckes Hochleistungsschicht
Eine Aktivistenbewegung – so wurde die freiwillige Aufbaubewegung der ersten Jahre genannt – gab es von Anfang der sowjetischen Besatzung an. Wirkliche Bedeutung erreichte die Aktivistenbewegung aber erst mit der Leistung des Bergmanns Adolf Hennecke am 13. Oktober 1948. Im Zwickauer Steinkohlenschacht „Gottes Segen“ in der Grube „Karl Liebknecht“ fuhr der damalige Instrukteur der Aktivistenbewegung nach sorgfältiger arbeitsorganisatorischer Vorbereitung eine Hochleistungsschicht. Er übererfüllte die Norm um 387 Prozent, was einen Rekord für die SBZ darstellte.1

Henneckes Leistung war gut geplant und vorbereitet worden. Das beste Material des Maschinenparks war an einem besonders abbaugünstigen Flöz konzentriert und zusätzlich Material zur Überwachung aufgeboten worden, um einen reibungslosen Ablauf der Schicht zu garantieren.2 Dies waren natürlich keine normalen Arbeitsbedingungen. Dies wusste Hennecke auch selbst: „Ich bin mir darüber im klaren und habe das immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass es nicht möglich ist, solche Spitzenleistung jeden Tag zu vollbringen. Ich wollte mit meiner Leistung nur zeigen, dass es bei einer gesunden Einstellung zur Arbeit, durch verbesserte Arbeitsmethoden und kluge Anordnung möglich ist, eine allgemeine Leistungssteigerung zu erreichen.“3

Die Reaktionen seiner Kollegen waren weniger euphorisch. „Der größte Teil der Arbeiter hat mich damals nicht in die BGL gewählt. Aus Unverständnis für die Zusammenhänge. Ich habe weiter gekämpft, denn es ging mir ja nicht um eine Funktion, das habe ich den Arbeitern immer gesagt, sondern um höhere Leistungen. Nicht auf Knochen der Arbeiter, sondern durch rationellere Arbeit.“4

Massenauseinandersetzung vernachlässigt
Ein Hintergrund für solche Reaktionen war, dass von den verantwortlichen Leitungen der damals noch sozialistischen SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) keine ausreichende Massenauseinandersetzung über die Bedeutung eines solchen Wettbewerbs zur Förderung des sozialistischen Bewusstseins organisiert wurde. Es ist jedoch eine Scheidelinie, ob die Triebkraft der Arbeitsleistung in erster Linie der persönliche Nutzen oder der uneigennützige Beitrag zum Aufbau der gesamten sozialistischen Gesellschaft ist. Zudem wirkten unter Teilen der Arbeiterklasse auch antikommunistische Stimmungen aus der Zeit der Faschismus und die antisowjetische Hetze der SPD-Führung aus der Weimarer Republik.
Dennoch nahmen viele fortschrittliche Arbeiter sich ein Beispiel an Hennecke. Zum Jahresende 1948 gehörten rund 4.200 Arbeiter der Aktivistenbewegung an, 1950 gab es bereits 114.440 „Henneckes“. Unter der Jugend liefen Wettbewerbe mit proletarischem Charakter. Die Preise hatten einen ideellen Wert und wurden kollektiv verliehen. So erhielt das Jugendaktiv, die Jugendbrigade des Elektrizitätswerks im Süden Leipzigs, einen Radioapparat für die Reparatur eines Kessels, bei dem sie vier Tage ununterbrochen bei Temperaturen von 60 bis 80 Grad gearbeitet hatten.5 Einzelne Hennecke-Aktivisten betonten: „Ich habe nicht mit einer Belohnung gerechnet … Diese Ergebnisse haben nicht das Ziel, die Norm zu erhöhen oder die Arbeiter auszubeuten … Sie sollen bloß ein Anreiz sein.“6

Mit ihrem hohen Einsatz in den ersten Jahren nach der Befreiung hatten große Teile der Arbeiterklasse bewiesen, dass sie der Kopf und der Motor für die Steigerung der Produktivität waren. Das Herausstellen einzelner Personen genauso wie die Jagd nach Rekorden und Bluffleistung wurde abgelehnt.

In einem Artikel des Arbeitsgesetzes der DDR vom 19. April 1950 und in seinen Ausführungsbestimmungen vom 27. Juli 1950 wurde dagegen festgelegt, dass besonders verdiente Aktivisten besonders ausgezeichnet werden sollten. Der Träger des Titels „Held der Arbeit“ erhielt eine Silbermedaille und eine steuerfreie Prämie von 10.000 Mark. Zudem waren dem Prämierten Karten für Spezialversorgung und eine geräumige Wohnung sicher. Andere Aktivisten erhielten die Bronzemedaille und steuerfrei 1.000 Mark. Es gab auch Prämierungen besonders verdienter Brigaden7 – hier erhielt allerdings bei Übererfüllung des Plans der Leiter der Brigade eine Sonderprämie, die zehn Prozent der allgemeinen Prämie der Brigade ausmachte.8

Die Franik-Bewegung
Noch 1952 wurde die FranikBewegung begonnen. Der Brigadier Franz Franik, ein Hauer im Steinkohlenbergbau, war als Aktivist bereits in einem Massenwettbewerb im Jahr 1951 in Erscheinung getreten.9 Die Bewegung nahm ihren Ausgangspunkt so, wie es der Baumann auf der II. Parteikonferenz der SED ausdrückte: „Im Schacht erschienen laufend Funktionäre der Verwaltung, die mit Bezug auf die Nichterfüllung des Planes in der Steinkohle die Kumpel zu höheren Leistungen aufforderten. Sie sagten: ,Ihr müßt eure Schuld gegenüber dem Staat begleichen‘.“ Auf die Frage an die Funktionäre, wie sie sich das konkret vorstellten, zeigten sie sich allerdings ratlos. „Auf diese Frage gab ihnen niemand eine Antwort. Die Funktionäre kehrten zu ihren Papieren zurück und verkehrten weiter untereinander. Da sagten sich die Kumpel: Wenn die Apparate uns nicht helfen, müssen wir uns selber helfen; denn unseren Staat, den lassen wir nicht im Stich. Das war der Ausgangspunkt der Franik-Bewegung.“10

Doch Franik ging es nicht um eine hervorragende Einzelleistung: „Deshalb begann er, seine Arbeitserfahrungen allen Mitgliedern seiner Brigade zu vermitteln. Von dem hohen sozialistischen Bewußtsein Franz Franiks zeugen seine Worte, mit denen er diesen Schritt begründete: ,Als Hauer erreichte ich eine Normerfüllung von 270 Prozent, andere Kollegen meiner Brigade erreichten aber nur 110 oder 80 Prozent. Deshalb verpflichtete ich mich, meinen anderen Kameraden meine Arbeitserfahrungen mitzuteilen, um den Gesamtplan zu erfüllen. Es war klar für mich: Ich verdiene zwar weniger, aber der Staat erhält mehr Kohle, der Sozialismus wird so eher verwirklicht. Das ist die Hauptsache.‘“11

Das machte in kürzester Zeit die Runde. 231 Brigaden im Steinkohlenbergbau 101 schlossen sich der Bewegung an.12 Der Hauer Otto Tricks entwickelte die Bewegung noch weiter, indem er die Konkurrenz zwischen den Brigaden aufhob. „Die bessere Brigade gibt beste Kollegen in eine zurückgebliebene Brigade und hilft ihr so, die Pläne zu erfüllen und überzuerfüllen.“13

Eine Auswertung der Aktivistenbewegung stellt fest, dass die Franik-Bewegung nur von kurzer Dauer war und führt als Begründung an: „Das kollektive Ziel der Brigade Franik bestand darin, dass alle Mitglieder nahezu gleichmäßig die Norm erfüllten. Das brachte mit sich, dass sich die Leistungen der Besten nicht spürbar weiterentwickelten, weil sie einen Teil der Arbeitszeit dafür aufwenden mußten, um ihre Erfahrungen auf die anderen zu übertragen.“14
Dies hat die Bewegung in der späteren Geschichtsschreibung nach der Restauration des Kapitalismus in der DDR schlecht wegkommen lassen.


Literaturhinweise:
1   Wagner, Udo: Vom Kollektiv zur Konkurrenz, Berlin 1974, S. 33
2   Protokoll der ersten allgemeinen Delegierten-Konferenz des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes für das sowjetisch besetzte Gebiet, 9.–11. Februar 1946, Berlin (DDR) 1946, S. 76.
3   Staritz, Dietrich: Sozialismus in einem halben Land, Berlin 1976, S. 114.
4   Aufbruch in unsere Zeit, Berlin (DDR)  1976, S. 198.
5   Bericht vom 1. Kongreß der Jungen Aktivisten, April 1948, Neues Deutschland, 13. April 1948.
6   Aktivisten zeigen den Weg, Berlin 1948, Verlag "Die Wirtschaft", S. 23.
7   Sarel, Benno: Arbeiter gegen den „Kommunismus“, München 1975, S. 66.
8   Ebenda, S. 108.
9   Horn, Werner: Die Errichtung der Grundlagen des Sozialismus in der Industrie der DDR (1951–1955), Berlin (DDR) 1963, 188 f.
10   Protokoll der Verhandlungen der II. Parteikonferenz der SED, 9. bis 12. Juni 1952 in der Werner-Seelenbinder-Halle zu Berlin, Berlin (DDR) 1952, S. 225.
11   Franik in der „Tribüne“ vom 7. 8.1952, zitiert nach Horn, Werner: Die Errichtung der Grundlagen des Sozialismus in der Industrie der DDR (1951–1955), Berlin (DDR) 1963, S. 189.
12   Protokoll der Verhandlungen der II. Parteikonferenz der SED, 9. bis 12. Juni 1952 in der Werner-Seelenbinder-Halle zu Berlin, Berlin (DDR) 1952, S. 224.
13   Henneberg, Horst-Otmar: Zur Entwicklung und Organisation der Arbeitsbrigaden in der volkseigenen Industrie, Berlin (DDR) 1955, S. 89.
14   Falk, Waltraud u. Barthel, Horst: Kleine Geschichte einer großen Bewegung – Zur Geschichte der Aktivisten und Wettbewerbsbewegung in der Industrie der DDR, Berlin (DDR) 1966, S. 133.

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