Neues aus der Weltwirtschafts- und Finanzkrise

Schöne heile Arbeitsmarktwelt in Deutschland?

Während in anderen europäischen Ländern die Zahl der offiziell gemeldeten Arbeitslosen – ganz besonders unter der Jugend – in die Höhe schnellt, schien in Deutschland die Arbeitsmarktwelt in Ordnung. Zumindest, wenn man den Verlautbarungen der bürgerlichen Politiker Glauben schenkt. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, dann werden die Widersprüche hinter den Zahlen deutlicher.

Das offizielle „Arbeitsvolumen“, also die in Stunden erfasste bezahlte Erwerbsarbeit (1), sackte im ersten Krisenjahr 2009 von zuvor 48.030 Millionen Stunden im Jahr 2008 auf 46.515 im Jahr 2009, kletterte 2010 auf 47.791 und 2011 auf 48.530 Millionen Stunden (die Zahlen für 2012 liegen noch nicht vor). Darin spiegelt sich ebenso wie in der offiziellen Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 29 Millionen die zeitweilige Belebung der deutschen Wirtschaft im Rahmen der anhaltenden Weltwirtschafts- und Finanzkrise wider.
Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten stieg zeitweise wieder leicht an. Vor allem aber erreichte der Markt der Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten mit gezählten 12,637 Millionen einen nie gekannten Höchststand. Fast sieben Millionen Menschen müssen sich mit sogenannten Mini- oder Midijobs begnügen. Auch die Vollzeitbeschäftigten werden immer häufiger mit Niedriglöhnen abgespeist. Dass diese in Deutschland seit der Schröder/Fischer-Regierung flächendeckend durchgesetzt wurden, war eine Bedingung für den Konkurrenzvorteil der deutschen Monopole.
Im Moment heißt das: selbst wenn teilweise stundenmäßig mehr gearbeitet wird, geschieht das häufig zu schlechteren Löhnen. Auf diese Weise mussten im Jahr 2012 mehr als 1,21 Millionen Vollzeitbeschäftigte als „Aufstocker“ zusätzliche Hartz-IV-Leistungen beanspruchen. Das sind in Wahrheit Lohnsubventionen an Konzerne und Unternehmen aus den Beiträgen der Arbeitslosenversicherung – allein für das Jahr 2012 immerhin 10,73 Milliarden Euro.

Eine weitere Besonderheit in Deutschland ist, dass hier aufgrund der chronischen Krise der bürgerlichen Familienordnung und der seit Jahrzehnten geringen Geburtenrate jährlich die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter (also zwischen 15 und 65 Jahren) schrumpft. Im Jahr 2012 kamen allein deshalb 200.000 mehr Menschen ins Rentenalter als Jugendliche auf den Arbeitsmarkt drängten. Das wurde durch eine höhere Erwerbstätigkeit von Frauen und den Zuzug von Migranten nur teilweise ausgeglichen.

Aber auch hier gibt es große Veränderungen. 2008 und 2009 wanderten mit 55.743 bzw. 12.782 mehr Menschen aus, als Einwanderer nach Deutschland kamen. Es waren vor allem gut ausgebildete junge Fachkräfte, die in anderen Ländern ihr Auskommen suchten. Im letzten Jahr kamen vor allem aus Osteuropa und zuletzt auch aus Südeuropa wieder mehr arbeitsuchende Migranten nach Deutschland als die 20.000 Deutschen, die 2011 auswanderten.

Inzwischen wird Deutschland seit dem Ende der zeitweiligen Belebung der Wirtschaft verstärkt vom Sog der negativen weltwirtschaftlichen Entwicklung erfasst. Das zeigt sich auch in einer Trendwende mit offiziell wieder steigenden Arbeitslosenzahlen seit mehreren Monaten. Im November 2011 waren offiziell 1.900 Arbeitslose mehr gemeldet als im Vormonat, das waren 38.000 mehr als im November des Vorjahres. Die angedrohten und in manchen Bereichen bereits eingeleiteten Massenentlassungen werden die Massenarbeitslosigkeit weiter ansteigen lassen.

Da helfen auch die Tricks und Kniffe nicht, mit denen die Statistik geschönt wird. Allein 118.000 arbeitslose Hartz-IV-Betroffene über 58 Jahre flogen im letzten Jahr ganz aus der Statistik raus, wenn das Jobcenter ihnen über ein Jahr lang keinen Job angeboten hat. Ein-Euro-Jobber oder Leute in Umschulungen usw. werden ohnehin nicht als arbeitslos gezählt. Die Zahl der über 55 Jahre alten Arbeitslosen stieg in 2012 um 3,8 Prozent auf 584.000. Fast die Hälfte von ihnen – 291.000 – waren auf Hartz IV angewiesen. Ihre Aussichten, einen neuen Job zu kriegen, sind miserabel. Von „schöner heiler Arbeitsmarktwelt“ kann nicht nur bei ihnen keine Rede sein.

Anna Bartholomé


(1) Die unbezahlte, vor allem von Frauen geleistete Arbeit in den Familien wird dabei – wie selbstverständlich – nicht mitgezählt, ebenso die ehrenamtlich geleistete Arbeit.

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