Volkskrankheit Laktose-Intoleranz

Die Unverträglichkeit gegenüber Milchzucker ist die weltweit am meisten verbreitete Nahrungsmittel-Unverträglichkeit bei erwachsenen Menschen. In Deutschland sind zwölf Millionen Menschen oder 15 Prozent der Bevölkerung betroffen. In Afrika und in weiten Teilen Asiens sind zwischen 60 und fast 100 Prozent der erwachsenen Bevölkerung betroffen.
Der Milchzucker (Laktose), ein Zweifachzucker, muss im menschlichen Darm in die beiden Einfach-Zucker Glukose (Traubenzucker) und Galaktose (Schleimzucker) gespalten werden, diese erst können im Darm aufgenommen werden. Für diesen Spaltungsprozess zuständig ist das Enzym Laktase, welches in der Darmschleimhaut gebildet wird. Wird dieses Enzym nicht oder unzureichend gebildet, führt der unverdaute Milchzucker zur Darmreizung und zu bakteriellen Gärungsprozessen. Die dann auftretenden Symptome können vielfältig sein: Durchfall oder breiiger Stuhl, aber auch Verstopfung und Übelkeit nach dem Essen. Es kommt zu Bauchgeräuschen, vermehrter Darmgasbildung. Aber auch infolge der Stoffwechselgifte, die sich dann im Darm bilden, kann es zu chronischer Müdigkeit, depressiver Verstimmung, Gliederschmerzen, innerer Unruhe, Schwindelgefühl, Kopfschmerzen, Erschöpfungsgefühl, Nervosität, Schlafstörungen, unreiner Haut und Konzentrationsstörungen führen. Der Schweregrad der Symptome kann von kaum merklich bis sehr heftig reichen.
Milchzucker kommt außer in der Milch auch in Molke, Sahne und vielen Käsesorten vor, findet sich somit auch in Butter, Quark und Joghurt wieder. Es gibt eine genetisch bedingte Laktose-Intoleranz, die schon bei Säuglingen zu schweren gesundheitlichen Problemen führen kann. Bei leichteren Formen können die Beschwerden aber auch erst im Erwachsenenalter auftreten. Dann gibt es eine erworbene Laktose-Intoleranz, die z. B. infolge von entzündlichen Darmerkrankungen entsteht und sich prinzipiell auch wieder bessern kann.
Aus der Geschichte der Menschheit heraus betrachtet spielte die Milch früher eigentlich nur in Form der Muttermilch eine Rolle und tauchte in der Ernährung ab Ende des Säuglingsalters nicht mehr auf, bis dann die Menschen sesshaft wurden und Ackerbau und Viehzucht entwickelten. Damit entstand die Milchwirtschaft, was wiederum zu einer genetischen Anpassung führte: Während die Einstellung der Produktion des Enzyms Laktase im menschlichen Darm bis dahin die Normvariante war, gab es jetzt für Menschen, die Milchzucker auch noch im Erwachsenenalter verarbeiten konnten, in den Hirtenvölkern einen wichtigen Vorteil, der schließlich zum Überwiegen derer führte, die Milchzucker bis ins Erwachsenenalter vertragen.

Zusatzstoff Laktose – massenhaft verarbeitet
Mit der industriellen Entwicklung der Kühltechnologie in Landwirtschaft, Lebensmittelherstellung und privaten Haushalten erfolgte die sprunghafte Entwicklung neuer Nahrungsmittelangebote der sich jetzt entwickelnden Milchindustrie. Ein weiterer wichtiger Sprung setzte mit der Herausbildung einer industrialisierten kapitalistischen Agrar- und Lebensmittelindustrie ein. Seither ernähren sich viele Menschen nicht nur aus Grundnahrungsmitteln, sondern auch aus Fertigprodukten, Fertigsoßen, Wurstwaren, Backmischungen aller Art, Brot und Brötchen, Fastfood usw. In den meisten Produkten sind zur Haltbarkeit, schöneren Färbung und auch zum Strecken (und damit aus Profitgründen) Hilfsmittel enthalten. Darunter auch Laktose als Zusatzstoff. Auch in vielen Tabletten ist Laktose enthalten. Milchpulver nimmt zwischenzeitlich einen zentralen Platz in der Produktion der Molkereikonzerne ein, damit wird auch ihre Exportoffensive betrieben und auch noch staatlich bezuschusst. Von den 2 bis 2,5 Millionen Tonnen jährlich aus der EU exportierten Milcherzeugnissen landen fast 70 Prozent in neokolonial abhängigen Ländern und ruinieren dort die einheimischen Bauern (siehe Romuald Schaber, „Blutmilch“, S. 200–203, Pattloch-Verlag). Der Weltmarktüberschuss an Milchpulver wird zum Strecken in andere Lebensmittel eingesetzt von der Wurst bis zum Ketchup.

Vermeiden – eine schwierige Angelegenheit
So ist die eigentlich einfache „Therapie“ der Laktose-Intoleranz, nämlich das Vermeiden des Milchzuckers, heute eine schwierige Angelegenheit. Als Einnahmequelle entdeckt wurde die Laktose-Intoleranz von der gleichen Molkereiindustrie, die heute ein wachsendes Angebot an sogenannten „L-minus“-Produkten herstellt, denen die Laktose technisch entzogen wurde. Oft werden auch von Natur aus bereits laktosefreie Produkte mit Aufpreis als „L-“ verkauft. Es gibt Tabletten mit dem Enzym Laktase, die Betroffene zu „unklaren“ Mahlzeiten einnehmen können, z. B. in Restaurants oder Kantinen. Diese müssen selbst bezahlt werden und versagen auch oft. Abgegrenzt werden muss das Krankheitsbild gegenüber den verschiedenen Milcheiweiß-Allergien.
Die Diagnose der Laktose-Intoleranz ist eigentlich einfach und verlangt einen standardisierten Test, bei dem nüchtern Laktose eingenommen und dann in festen zeitlichen Abständen der Blutzucker und/oder der Wasserstoffgehalt der Ausatmungsluft gemessen wird sowie auftretende Beschwerden protokolliert werden. Tests für die genetische Laktose-Intoleranz sind Selbstzahler-Leistungen. Hier muss kritisiert werden, dass Ernährungsmedizin in einer Vielzahl der Arztpraxen und Klinikabteilungen keine Rolle spielen. So werden viele Patienten mit eigentlich verdächtigen Symptomen gar nicht auf Laktose-Intoleranz untersucht, sondern mit Diagnosen wie Reizdarmsyndrom oder psychosomatische Beschwerden abgespeist und mit untauglichen Ernährungshinweisen oder sogar mit Psychopharmaka „behandelt“.
Auf diesem Gebiet liegt eine wichtige Aufgabe in der Kritik der bürgerlichen Medizin und im Kampf für eine ausreichende und kostenlose Gesundheitsversorgung, aber auch für das Bündnis mit den Klein- und Mittelbauern und im Kampf für eine gesunde Ernährung und Umwelt!
Dr. Günther Bittel

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