Die rassistische Finanztheorie des Thilo Sarrazin

Mit seinem neuen Buch „Europa braucht den Euro nicht“ knüpft der ehemalige Bundesbanker an seinem in den Medien breit kritisierten Titel „Deutschland schafft sich ab“ an. Wie der Titel schon signalisiert, hat der Autor nichts gegen einen neuen imperialistischen Block Europa – so lange er unter der alleinigen Vorherrschaft des BRD-Imperialismus steht.
So war die europäische Welt für Sarrazin von 1979 bis 1999 noch in Ordnung, wie er auf Seite 59 ausführt: Die deutsche D-Mark war die immer stärker werdende Leitwährung, die deutsche Bundesbank bestimmte die europäische Geldpolitik. Das Problem war nur, dass dem französischen Imperialismus diese „Dominanz … kaum erträglich schien“ und er deshalb laut Sarrazin die Monopolpolitiker von Kohl über Schröder bis zu Merkel in die politische Einigung Europas und den Euro lockte.
Schon diese Ausgangsthese stellt die Realität auf den Kopf, denn „die Expansion des deutschen Imperialismus ist wesentlich abhängig vom Voranschreiten des europäischen Vereinigungsprozesses.“ (Stefan Engel, „Götterdämmerung über der ,neuen Weltordnung‘“, S. 351).
So verquer Sarrazins These ist, so pseudowissenschaftlich  jongliert er dazu mit Zahlen. Die Tatsache, dass die deutschen Übermonopole seit der Währungsunion 1998 die Exporte in den „Rest der Welt“ mit 154 Prozent am meisten steigern konnten, soll belegen, dass sie den Euro nicht brauchen. Peinlich nur, dass die gleiche Statistik belegt, dass der Export in die 27 europäischen Staaten auch 2011 mit 623 Milliarden Euro den Hauptteil der deutschen Exporte ausmachte und somit die Grundlage für den gewachsenen Export in den Rest der Welt schuf. Die gemeinsame Währung Euro förderte die Erschließung des mit nahezu 500 Millionen Einwohnern größten Binnenmarktes.
Mit solchen Exporten wurde gerade auch in den europäischen „Südländern“ wie Griechenland deren eigene industrielle Basis zerstört. Sarrazin räumt das durchaus ein. Er splittert die europäischen  Länder in „Nordländer“ mit Deutschland an der Spitze und „Südländer“ (vor allem die europäischen Mittelmeerstaaten)  auf. Das ist die Basis seiner tiefgehenden Synthese aus seinen wissenschaftlichen Bemühungen – zumindest was die grassierende Staatsverschuldung und die Tendenz zum Staatsbankrott betrifft. Sarrazin greift Erscheinungen der kapitalistischen Krisen wohl auf. Um ihre kapitalistischen Wurzeln zu verdecken, liefert er einen geradezu nobelpreisverdächtigen Beweis für die Eurokrise, Schuldenkrisen, Staatsverschuldung und -bankrotte. So verkündet er auf Seite 293, „dass die finanzielle Solidität (Festigkeit und Zuverlässigkeit – RF) in Europa traditionell umso ausgeprägter war und ist, je sonnenärmer das Klima ist und je länger und dunkler der Winter.“ Oder anders herum: Je länger die Sonne scheint, in der sich die Griechen und Spanier rekeln, umso größer die Staatsschulden. Was stört es einen Philosophen wie Sarrazin, dass ausgerechnet der BRD-Imperialismus, die Führungsmacht der soliden Nordländer, mit 2,1 Billionen Euro den größten Schuldenberg in Europa angehäuft hat? Sarrazins Theorie der „anthropologischen Konstante des Finanzwesens“ ist rassistisch und faschistoid.
Mit der Aufsplitterung der EU in die guten Nordländer um Deutschland und die bösen Südländer einschließlich Frankreich steht Sarrazin nicht allein. Sie ist vielmehr eine Grundlage für Konstrukte wie das sogenannte „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ mit einem Süd-Euro-Gebiet unter Führung Frankreichs und einem Nord-Euro-Gebiet unter Führung Deutschlands. Manche Monopolpolitiker und Monopolvertreter wie Hans-Olaf Henkel sehen darin eine Option, wenn die Währungsunion doch auseinanderbrechen sollte.
So weit will Sarrazin (noch) nicht gehen. Sein Ausweg aus  der Krise des Krisenmanagements der europäischen Regierungen sieht bescheiden so aus, „dass sich die Volkswirtschaften und Gesellschaften aller teilnehmenden Staaten … so verhalten, wie es deutschen Standards entspricht.“ (Seite 416). Das „empfinden nicht ganz zu Unrecht viele in den betroffenen Ländern als deutsche Arroganz“ – das weiß auch Thilo Sarrazin, aber das schreckt ihn nicht. Vielmehr will er die deutsche Dominanz noch weiter steigern. Wenn nicht die ganze Welt, so soll wenigstens Europa „am deutschen Wesen genesen.“ Auch Griechenland dürfe im Euroraum bleiben, „wenn die Realeinkommen ohne Streiks und Unruhen um 30 Prozent sinken würden.“ Angesichts der jüngsten Wahlergebnisse und Kämpfe in Griechenland eine durchaus wacklige Wunschvorstellung.
Aber die zunehmend international für ihre Zukunft kämpfende Arbeiterklasse hat ein rassistischer Finanzjongleur wie Sarrazin sowieso nicht auf seiner Agenda.

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