Vor 90 Jahren – Der Rapallo-Vertrag von 1922: Eine vertane Chance in der deutschen Geschichte

Der Antikommunismus, der sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts gegen die Theorie und Praxis von Marx und Engels richtete, nahm nach der erfolgreichen Oktoberrevolution durch Lenin und die Bolschewiki im Jahr 1917 und der Gründung der Sowjetunion international die Form des Anti­sowjetismus und Antibolschewismus an.

Die Sowjetunion verfolgte unter Lenins Führung eine äußerst geschickte Außenpolitik, die dem jungen Arbeiterstaat das Überleben trotz der kapitalistischen Umkreisung ermöglichte. Während Trotzki und andere Pseudolinke über die Unmöglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Land lamentierten, betrieb Lenin sowohl innen- wie außenpolitisch eine konkrete Praxis, die aus der Sowjetunion das Bollwerk zur Weiterführung der sozialistischen Weltrevolution machte. Dazu gehörte auch der Vertrag von Rapallo, der am 16. April 1922 abgeschlossen wurde. „Die Leninsche Politik der friedlichen Koexistenz mit Ländern anderer Gesellschaftsordnung zielt darauf ab, die Widersprüche unter ihnen zu nützen, um dadurch die imperialistischen Mächte zu schwächen und gleichzeitig zu verhindern, daß sie einen gemeinsamen Block gegen den sozialistischen Staat bilden“, erläuterte das theoretische Organ der MLPD 1983 (REVOLUTIONÄRER WEG 22/1983, S. 159)

Die Leninsche Politik der friedlichen Koexistenz

Deutschland wurde als Verursacher und Verlierer des I. Weltkriegs nach 1918 von seinen imperialistischen Gegnern in den Status eines halbkolo­nia­len Landes gedrückt – das war eine wesentliche Ursache dafür, dass Hitler mit seiner kriegstreiberischen Revanchepolitik Einfluss erlangen konnte. Dagegen schlug die Sowjetunion eine andere Richtung vor.

Die Entwicklung der internationalen Beziehungen, das Erstarken Sowjetrußlands und dessen wachsende internationale Autorität verstärkten auch die Differenzierung im deutschen Monopolkapital. Bestimmte Kreise der deutschen Großbourgeoisie, vor allem in der Fertigwaren- und Exportindustrie, die auf die Regierung Wirth Einfluss ausübten, aber auch Gruppen der Schwerindustrie verstanden, daß die einseitige Orientierung auf die imperialistischen Westmächte, die seit der Novemberrevolution von allen deutschen Regierungen eingehalten worden war, ihren Interessen widersprach.“ („Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“, Kap. VII., Berlin 1967, S. 161) Der damalige Reichskanzler Joseph Wirth – ein späterer Gegner der Nazis (siehe „Rote Fahne“ 11/2012, S. 28/29) – befürwortete eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und es kam auf Lenins Initiative zur Unterzeichnung eines geschichtlich bedeutsamen Vertrags: „Der Rapallo-Vertrag war der erste Vertrag mit Deutschland, den eine Großmacht nach dem Ende des Krieges auf der Basis der Gleichberechtigung abschloß. Im Ge­gensatz zu den imperialistischen Westmächten, die Deutschland mit dem Versailler Vertrag unterdrückten und in Abhängigkeit hielten, erkannte Sowjetrußland Deutschland als selbständigen, unabhängigen Vertragspartner an.“ (ebd., S. 162)

Von deutscher Seite unterzeichnete der Außenminister Walter Rathenau, der wenige Wochen später, am 24. Juni 1922, von faschistischen Kräften ermordet wurde, die sich gegen eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion wandten. Sie traten damit die Interessen des deutschen Volkes mit Füßen, wie Professor Jürgen Kuczynski nach dem II. Weltkrieg aufzeigte, der den Inhalt des Rapallo-Vertrags kennzeichnete: „Die Sowjetunion und Deutschland verzichten auf Ersatz ihrer Kriegskosten und Kriegsschäden, d. h. beide Staaten annullieren restlos ihre jeweiligen Ansprüche und vermeiden damit das Entstehen von Konflikten aus Problemen der Vergangenheit. Die diplomatischen und konsularischen Beziehungen werden aufgenommen. In den Artikeln 4 und 5 wird das Fundament für die künftigen wirtschaftlichen Beziehungen gelegt.“ (Jürgen Kuczynski/Grete Wittkowski – „Die deutsch-russischen Handelsbeziehungen in den letzten 150 Jahren“, Berlin 1947, S. 41)

Bekanntlich wandten die maßgeblichen Kreise des deutschen Monopolkapitals sich schlussendlich gegen die Rapallo-Politik und setzten anstelle des Weges der Zusam­menarbeit den Weg des Faschismus und des Krieges gegen die sozialistische Sowjet­union.

Fehler der deutschen Arbeiterbewegung

Stalin, der prinzipienfest Lenins Politik fortsetzte, war ebenso wie dieser ein Förderer der friedlichen Zusammenarbeit mit Deutschland: „Wiederholt hat sich Genosse Stalin mit der Lage Deutschlands unter dem Versailler Vertrag beschäftigt. Nach der Londoner Konferenz der Entente im Juli/August 1924 wies er in einem Aufsatz zur internationalen Lage darauf hin, daß die Entente die Absicht verfolgt, Deutschland gründlich und systematisch auszurauben, daß ihre Reparations- und Kontrollpläne darauf hinauslaufen, Deutschland in eine Kolonie der Entente zu verwandeln, daß sie diese Rechnung aber ohne den Wirt, das deutsche Volk, aufstellte.“ (Wilhelm Pieck – „Stalin und die deutsche Arbeiterbewegung“, in: „Reden und Aufsätze“, Berlin 1951, S. 315)

Wilhelm Pieck, von 1949 bis 1960 Präsident der DDR, die mit Unterstützung der Sowjet­union einen antifaschistisch-demokratischen Neuaufbau betrieb, übte rückblickend auf die Zeit des Rapallo-Vertrags und die Ausführungen Stalins auch Selbstkritik: „Leider hat es die Kommunistische Partei Deutschlands damals nicht verstanden, aus diesen wertvollen Hinweisen die notwendigen taktischen Schlußfolgerungen zu ziehen. Sie hat es verabsäumt, den Kampf um die Klasseninteressen des Proletariats mit dem Kampf um die nationalen Interessen des deutschen Volkes zu verbinden. Sie hat es verabsäumt, rechtzeitig ein Programm der sozialen und nationalen Befreiung zu formulieren. Damit hatte die KPD es den Faschisten erleichtert, ihre nationale und soziale Demagogie zu betreiben. Erst viel später wurde unter der Führung Ernst Thälmanns ein solches Programm formuliert …“ (ebd., S. 316) Nach dem II. Weltkrieg war es daher von größter Bedeutung aufzuzeigen, dass die nationalen Interessen des deutschen Volkes durch Hitler verraten worden waren und dass allein die Kommunisten eine Alternative boten. Jürgen Kuczynski schrieb deshalb 1947: „Wir wünschen, daß in ganz Deutschland diejenigen entfernt werden, die auch während der Weimarer Republik die Beziehungen zur Sowjetunion hemmten und störten, die Junker und Monopolisten! Im Osten Deutschlands können sie das heute nicht mehr tun. Im Westen aber treten sie mehr und mehr in dieser Richtung auf.“ („Die deutsch-russischen Handelsbeziehungen …“, S. 124)

Tatsache ist und bleibt, dass die sozialistische Sowjetunion in der Lenin- und Stalin-Ära für Deutschland einen alternativen Entwicklungsweg bot. Der Vertrag von Rapallo war davon ein deutlicher Ausdruck.

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